Ostschweiz

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Ostschweiz
Staat Schweiz
Statistische Grossregion Glarus, Schaffhausen, Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden, St. Gallen, Graubünden und Thurgau
Regionales Zentrum St. Gallen
Weitere wichtige Städte Chur, Schaffhausen, Frauenfeld, Rapperswil-Jona, Wil, Kreuzlingen, Buchs, Arbon
Landschaftsräume Bodensee, Alpstein, Appenzellerland, Toggenburg, St. Galler Rheintal, Linthgebiet, Glarnerland, Klettgau, Bündner Alpen
Wichtige Gewässer Rhein, Thur, Sitter, Linth, Bodensee, Walensee, Zürichsee
Sprachen vorwiegend Deutsch beziehungsweise Schweizerdeutsch, in Graubünden zusätzlich Rätoromanisch und Italienisch
Nachbarstaaten Deutschland, Österreich und Liechtenstein

Die Ostschweiz ist eine geografisch, wirtschaftlich und kulturell vielfältige Region im Osten und Nordosten der Schweiz. Der Begriff besitzt keine einzige, allgemein verbindliche Abgrenzung. Im engeren Alltagsverständnis umfasst die Ostschweiz vor allem die Kantone St. Gallen, Thurgau, Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden. Je nach Zusammenhang werden auch Schaffhausen, Glarus, Teile des östlichen Kantons Schwyz, das Fürstentum Liechtenstein und Graubünden dazugerechnet.

Das Bundesamt für Statistik (BFS) fasst Glarus, Schaffhausen, Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden, St. Gallen, Graubünden und Thurgau zur statistischen Grossregion Ostschweiz zusammen. Diese seit 1997 verbindliche Einteilung dient vor allem schweizerischen und internationalen Vergleichen und entspricht einer Region der europäischen Statistikstufe NUTS 2. Sie ist keine politische Körperschaft und besitzt weder eine eigene Regierung noch ein Parlament.[1]

Die Region reicht in ihrer weitesten Definition von den Reblandschaften des Klettgaus und dem Rheinfall über den Bodensee, das Appenzellerland und das St. Galler Rheintal bis in die Hochalpen Graubündens. Sie verbindet dicht besiedelte Agglomerationen mit ländlichen Räumen, international ausgerichtete Industrie mit Landwirtschaft und Tourismus sowie deutschsprachige Gebiete mit der rätoromanischen und italienischsprachigen Schweiz. Durch die Grenzen zu Deutschland, Österreich und Liechtenstein ist die Ostschweiz besonders stark in grenzüberschreitende Lebens- und Wirtschaftsräume eingebunden.

Begriff und Abgrenzung

Unterschiedliche Regionsbegriffe

Die Bezeichnung Ostschweiz entstand nicht aus einer historischen Gebietseinheit. Das Gebiet war über Jahrhunderte in Städte, Länderorte, geistliche Herrschaften, gemeine Herrschaften und zugewandte Orte gegliedert. Auch heute hängt die Abgrenzung vom jeweiligen Zweck ab.

Verwendung Einbezogene Gebiete Charakter
Statistische Grossregion des BFS Glarus, Schaffhausen, Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden, St. Gallen, Graubünden und Thurgau Verbindliche Analyseregion für die schweizerische und internationale Statistik; keine politische Einheit
Ostschweizer Regierungskonferenz Dieselben sieben Kantone; Zürich und Liechtenstein sind assoziierte Mitglieder Plattform für die politische Koordination und die Vertretung regionaler Interessen
Ostschweiz Tourismus Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden, Glarus, St. Gallen, Schaffhausen, Thurgau und Liechtenstein Touristische Vermarktungs- und Kooperationsregion; Graubünden wird eigenständig vermarktet
Engeres Alltagsverständnis Meist St. Gallen, Thurgau und beide Appenzell; häufig zusätzlich Schaffhausen und Glarus Nicht amtlich festgelegt; abhängig von Sprache, Medien, Verkehr und persönlicher Zugehörigkeit

Die statistische Grossregion umfasst damit auch Graubünden, obwohl der Kanton im Alltag und in den Medien häufig als Südostschweiz bezeichnet wird. Umgekehrt bestehen enge Beziehungen zum Zürcher Oberland, zu Winterthur, zur March, zum Fürstentum Liechtenstein und zum österreichischen Vorarlberg, obwohl diese Gebiete nicht zur BFS-Grossregion gehören. Die Grenzen der Ostschweiz sind daher eher Übergangszonen als scharfe Kulturgrenzen.

Die Ostschweizer Regierungskonferenz (ORK) vereinigt die sieben Kantone der statistischen Grossregion. Sie koordiniert gemeinsame Anliegen gegenüber dem Bund und anderen Regionen. Der Kanton Zürich und Liechtenstein wirken als assoziierte Mitglieder mit.[2] Daneben existieren zahlreiche Fachkonferenzen, Zweckverbände und grenzüberschreitende Organisationen mit jeweils eigenen Perimetern.

Geografie

Landschaftliche Gliederung

Die Ostschweiz weist auf engem Raum aussergewöhnlich unterschiedliche Landschaften auf. Im Norden liegen der Klettgau, der Randen, das untere Rheintal und der westliche Bodenseeraum. Der Kanton Thurgau wird von sanften Hügeln, Flusstälern, Obstkulturen und dem Ufer des Bodensees geprägt. Südlich davon folgen das Fürstenland, das Toggenburg, das Appenzeller Hügelland und das Gebirge des Alpsteins mit dem 2502 Meter hohen Säntis.

Der Kanton St. Gallen umschliesst beide Appenzell und verbindet mehrere sehr verschiedenartige Räume. Dazu gehören das Bodenseeufer um Rorschach, das Fürstenland um St. Gallen und Gossau, das Toggenburg, das St. Galler Rheintal, Werdenberg, Sarganserland, See-Gaster sowie die Stadtregion Rapperswil-Jona am oberen Zürichsee. Diese langgestreckte Form macht den Kanton zu einem Bindeglied zwischen Bodensee, Alpenrhein, Walensee und Zürichsee.

Im Süden und Südwesten erheben sich die Glarner und Bündner Alpen. Das Glarnerland ist durch das enge Tal der Linth und hohe Gebirgsketten gekennzeichnet. Graubünden umfasst den grössten Teil des schweizerischen Alpenostens mit dem Rheintal um Chur, dem Prättigau, der Landschaft Davos, dem Engadin, dem Münstertal und den italienischsprachigen Südtälern. Aufgrund seiner Grösse, Mehrsprachigkeit und eigenständigen Identität wird Graubünden meistens als eigene Region behandelt, obwohl es statistisch zur Ostschweiz gehört.

Gewässer und Pässe

Der Rhein prägt mehrere Teilräume. Bei Schaffhausen bildet er mit dem Rheinfall den bekanntesten Wasserfall der Schweiz. Der Alpenrhein fliesst zwischen Graubünden beziehungsweise St. Gallen und Liechtenstein oder Österreich zum Bodensee. Die Thur entspringt im Toggenburg, durchquert den Kanton Thurgau und mündet westlich von Schaffhausen in den Rhein. Weitere wichtige Flüsse sind Sitter, Linth, Seez, Landquart, Plessur, Vorder- und Hinterrhein sowie der Inn im Engadin.

Der Bodensee ist Verkehrsraum, Trinkwasserspeicher, Naturgebiet und touristischer Mittelpunkt zugleich. Walensee und oberer Zürichsee verbinden die östlichen Kantone mit dem Wirtschaftsraum Zürich. Historische Übergänge wie der Kunkelspass, der San-Bernardino-Pass, der Splügenpass, der Julierpass, der Albula und der Berninapass stellten Verbindungen nach Süden und innerhalb des Alpenraums her.

Klima und Naturgefahren

Das Klima reicht vom gemässigten Bodenseeraum bis zum hochalpinen Klima. Der Bodensee wirkt temperaturausgleichend und begünstigt Obst- und Weinbau. Im Alpstein, im Glarnerland und an den nördlichen Voralpen führen Staulagen zu hohen Niederschlagsmengen. Das Rheintal ist häufig vom Föhn beeinflusst. In den inneralpinen Tälern Graubündens sind die Verhältnisse teilweise deutlich trockener.

Zu den Naturgefahren gehören Hochwasser, Rutschungen, Murgänge, Lawinen und Felsstürze. Gewässerkorrektionen und Schutzbauten veränderten die Landschaft stark. Besonders die Regulierung von Alpenrhein, Linth und Thur ermöglichte neue Siedlungs- und Landwirtschaftsflächen, schuf jedoch zugleich den Bedarf nach Renaturierung und verbessertem Hochwasserschutz.

Bevölkerung und Siedlungsstruktur

Die Ostschweiz besitzt keine einzelne, den gesamten Raum beherrschende Metropole. Ihr Siedlungssystem ist polyzentrisch. St. Gallen ist das wichtigste urbane Zentrum des engeren ostschweizerischen Raums und Sitz bedeutender Bildungs-, Kultur-, Verwaltungs- und Gesundheitsinstitutionen. Weitere kantonale und regionale Zentren sind Schaffhausen, Frauenfeld, Chur, Herisau, Appenzell und Glarus sowie Rapperswil-Jona, Wil, Kreuzlingen, Arbon, Romanshorn, Buchs und Altstätten.

Zwischen diesen Zentren liegen stark verstädterte Korridore. Dazu gehören das Bodenseeufer, das untere Thurtal, die Achse Wil–St. Gallen–Rorschach, das St. Galler Rheintal und der Raum Rapperswil-Jona. Andere Gebiete sind von Streusiedlungen, Dörfern und kleinen Städten geprägt. In den Alpen konzentriert sich die Bevölkerung auf Talböden und touristische Zentren.

Die Nähe zur Agglomeration Zürich beeinflusst besonders Schaffhausen, den westlichen Thurgau, Wil, das Linthgebiet und Rapperswil-Jona. Zahlreiche Menschen pendeln über Kantons- und Staatsgrenzen. Im Rheintal bilden die schweizerischen Gemeinden zusammen mit Liechtenstein und Vorarlberg einen eng verflochtenen Arbeitsmarkt. Ähnliche Beziehungen bestehen rund um den Bodensee mit den deutschen Landkreisen Konstanz, Bodenseekreis und Lindau.

Sprachen und Konfessionen

Im grössten Teil der Ostschweiz ist Deutsch die Amts- und Bildungssprache. Im Alltag werden unterschiedliche ostschweizerische Mundarten des Schweizerdeutschen gesprochen. Die Dialekte des Bodensee- und Rheingebiets zeigen teilweise Übergänge zum Schwäbischen und Vorarlbergischen. Appenzeller, Toggenburger, St. Galler, Thurgauer, Schaffhauser und Glarner Mundarten besitzen jeweils eigene Lautungen und Wortschätze, wobei die Unterschiede durch Mobilität und Medien abgenommen haben.

Graubünden macht die statistische Grossregion dreisprachig. Neben Deutsch werden dort Rätoromanisch und Italienisch gesprochen. Die fünf rätoromanischen Idiome und die Standardsprache Rumantsch Grischun sind ein bedeutender Teil der schweizerischen Sprachenvielfalt. Italienisch ist vor allem im Misox, Calancatal, Bergell und Puschlav verbreitet.

Die konfessionelle Landschaft ist eine Folge der Reformation. Die Stadt St. Gallen nahm unter Joachim Vadian die neue Lehre an, während die Fürstabtei katholisch blieb. Schaffhausen wurde reformiert; Glarus, Graubünden und mehrere gemeine Herrschaften entwickelten konfessionell gemischte Verhältnisse. Die Trennung Appenzells in das katholische Appenzell Innerrhoden und das reformierte Appenzell Ausserrhoden im Jahr 1597 machte die konfessionelle Teilung auch territorial sichtbar. Der Kanton St. Gallen blieb nach seiner Gründung 1803 konfessionell gemischt. In der Gegenwart haben Konfessionslosigkeit, Zuwanderung und religiöse Vielfalt die traditionellen Grenzen deutlich relativiert.

Geschichte

Frühzeit und römische Epoche

Archäologische Funde belegen eine Besiedlung seit der Steinzeit. Pfahlbausiedlungen an Bodensee und Zürichsee, Siedlungsplätze in Flusstälern und alpine Verkehrswege zeugen von frühen Wirtschafts- und Austauschbeziehungen. In der Römerzeit verteilte sich das Gebiet auf die Provinzen Germania superior und Raetia; im Raum Pfyn verlief eine wichtige Provinzgrenze. Bedeutende römische Orte und Verkehrsplätze bestanden unter anderem bei Arbon (Arbor Felix), Pfyn (Ad Fines), Eschenz (Tasgetium) und Chur (Curia Raetorum).

Nach dem Rückzug der römischen Herrschaft siedelten sich im nördlichen und mittleren Teil verstärkt Alamannen an. In den Bündner Tälern blieb die romanisierte Bevölkerung prägend. Diese unterschiedliche Entwicklung bildet eine historische Grundlage der heutigen Sprachgrenze zwischen deutsch- und rätoromanischsprachigen Gebieten.

Klöster, Städte und Herrschaften im Mittelalter

Das Kloster St. Gallen wurde zu einem der wichtigsten geistigen und politischen Zentren des mittelalterlichen Europas. Seine Bibliothek und Schreibschule bewahrten und schufen bedeutende Handschriften. Der heutige Stiftsbezirk St. Gallen gehört seit 1983 zum UNESCO-Welterbe. Die UNESCO würdigt das Kloster als herausragendes Beispiel eines grossen karolingischen Klosters und als über Jahrhunderte bedeutendes Zentrum von Kunst und Wissen.[3]

Neben der Fürstabtei St. Gallen bestimmten das Bistum Chur, die Klöster Reichenau, Disentis und Pfäfers sowie weltliche Adelsgeschlechter die Region. Zu diesen gehörten die Grafen von Toggenburg, die Kyburger und die Habsburger. Städte wie St. Gallen, Schaffhausen, Chur, Rapperswil und Frauenfeld entwickelten sich zu Markt-, Verwaltungs- und Gewerbeorten.

Die politische Annäherung an die Eidgenossenschaft erfolgte schrittweise. Glarus wurde im 14. Jahrhundert eidgenössischer Ort. Die Appenzeller setzten sich in den Appenzellerkriegen des frühen 15. Jahrhunderts gegen die Herrschaftsansprüche der Fürstabtei und Habsburgs zur Wehr; Appenzell wurde 1513 vollberechtigter Ort. Schaffhausen trat 1501 der Eidgenossenschaft bei. Die Stadt St. Gallen, die Fürstabtei und die Drei Bünde waren zugewandte Orte, während der Thurgau ab 1460 als gemeine Herrschaft von mehreren eidgenössischen Orten verwaltet wurde.

Reformation und frühe Neuzeit

Die Reformation verstärkte die politische und kulturelle Zersplitterung. Stadt und Fürstabtei St. Gallen standen einander konfessionell gegenüber. Im Thurgau entstanden zahlreiche paritätische Kirchgemeinden, in denen reformierte und katholische Gläubige dieselbe Kirche nutzten. In Graubünden konnten Gemeinden weitgehend selbst über ihre Konfession entscheiden. Daraus entwickelte sich eine kleinräumige Vielfalt, die wiederholt Konflikte auslöste, aber auch Formen des konfessionellen Zusammenlebens hervorbrachte.

Wirtschaftlich gewann die Herstellung von Leinwand und später Baumwollstoffen an Bedeutung. Kaufleute aus St. Gallen, dem Appenzellerland und dem Thurgau waren in europäische Handelsnetze eingebunden. Heimarbeit verband bäuerliche Haushalte mit städtischen Handelshäusern. Im Alpenraum blieben Viehzucht, Alpwirtschaft, Passverkehr und saisonale Migration wichtig.

Kantonsbildung und Industrialisierung

Die Helvetische Republik von 1798 beseitigte vorübergehend die alten Herrschaftsverhältnisse. Mit der Mediationsakte von 1803 entstanden die Kantone St. Gallen, Thurgau und Graubünden in ihrer modernen Form; die ehemaligen Untertanengebiete wurden gleichberechtigte Kantone der Eidgenossenschaft. Glarus, Schaffhausen und die beiden Appenzell wurden wiederhergestellt.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Ostschweiz zu einem der bedeutendsten Textilräume Europas. Die St. Galler Stickerei, die Appenzeller Handstickerei sowie die Baumwoll- und Maschinenindustrie im Thurgau, Glarnerland und Rheintal beschäftigten zeitweise einen grossen Teil der Bevölkerung. Fabrikbauten, Fabrikantenvillen und dicht bebaute Stickereiquartiere erinnern bis heute an diese Epoche. Die Textilkrise während und nach dem Ersten Weltkrieg führte zu tiefgreifenden wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen.

Der Eisenbahnbau verband die Region ab der Mitte des 19. Jahrhunderts mit Zürich, Basel, Süddeutschland, Österreich und den Alpenpässen. Industrie und Gewerbe diversifizierten sich in Maschinenbau, Metallverarbeitung, Nahrungsmittelproduktion, Chemie und später Präzisionstechnik. Der Ausbau des Tourismus erschloss den Alpstein, das Toggenburg, das Glarnerland, Bad Ragaz und die Bündner Ferienorte.

Wirtschaft

Die Ostschweiz besitzt ein ausgeprägtes industrielles Profil. Kleine und mittlere Unternehmen bilden das Rückgrat der Wirtschaft, daneben bestehen international tätige Grossunternehmen. Wichtige Branchen sind Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie, Präzisionstechnik, Optik, Sensorik, Medizintechnik, Fahrzeug- und Schienenfahrzeugbau, Kunststoffe, Chemie, Textilien sowie Nahrungsmittelverarbeitung. Das BFS zählt die Ostschweiz zu den schweizerischen Grossregionen mit einem besonders starken Anteil industrieller Beschäftigung.[4]

Die historische Textilindustrie ist stark geschrumpft, wirkt aber in spezialisierten Betrieben, im Design und in der St. Galler Stickerei weiter. Hochwertige Ostschweizer Stoffe und Stickereien werden international für Mode und Inneneinrichtung verwendet. Aus dem traditionellen Maschinenbau gingen zahlreiche technologieorientierte Unternehmen hervor. Im Rheintal und im Raum Buchs besteht ein grenzüberschreitender Cluster für Präzisions- und Hochtechnologie.

Der Dienstleistungssektor konzentriert sich in den Städten und regionalen Zentren. St. Gallen ist ein wichtiger Standort für Versicherungen, Verwaltung, Gesundheit, Bildung, Handel und Unternehmensdienstleistungen. Touristische Dienstleistungen sind in den Voralpen, im Sarganserland und besonders in Graubünden von grosser Bedeutung.

Die Landwirtschaft bleibt landschaftsprägend. Im Thurgau dominieren Obstbau, Ackerbau, Gemüsebau und Milchwirtschaft. Schaffhausen, das St. Galler Rheintal und Teile des Bündner Rheintals sind bekannte Weinbaugebiete. Im Appenzellerland, Toggenburg, Glarnerland und in Graubünden stehen Viehzucht, Milchwirtschaft und Alpwirtschaft im Vordergrund. Regional bekannte Erzeugnisse sind Appenzeller Käse, St. Galler Bratwurst, Thurgauer Obstprodukte, Bündner Fleisch, Glarner Schabziger und zahlreiche Alpkäse.

Bildung, Forschung und Innovation

Die Universität St. Gallen (HSG) besitzt internationales Ansehen in Wirtschafts-, Rechts-, Sozial- und Staatswissenschaften. Sie entwickelte sich aus der 1898 gegründeten Handelsakademie und ist eng mit Wirtschaft und öffentlicher Verwaltung verbunden. Weitere Hochschul- und Forschungseinrichtungen befinden sich insbesondere in Chur und im Umfeld der kantonalen Spitäler und Forschungszentren.

Die OST – Ostschweizer Fachhochschule entstand 2020 aus dem Zusammenschluss der früheren Fachhochschulen in St. Gallen, Rapperswil und Buchs. Ihre Standorte verbinden angewandte Forschung mit Industrie, Gesundheit, Sozialer Arbeit, Informatik, Architektur und Technik. Träger sind mehrere Kantone und Liechtenstein.[5] Hinzu kommen die Fachhochschule Graubünden in Chur, die Pädagogischen Hochschulen der Region, Berufsfachschulen und spezialisierte Forschungsinstitute.

Die duale Berufsbildung besitzt einen hohen Stellenwert. Viele Industriebetriebe bilden Lernende in technischen und gewerblichen Berufen aus. Die Verbindung von Berufslehre, Fachhochschule und betrieblicher Forschung gilt als wichtiger Standortvorteil der Region.

Verkehr

Die wichtigsten Bahnachsen führen von Zürich über Winterthur nach Frauenfeld, Romanshorn, Kreuzlingen, Schaffhausen und St. Gallen sowie entlang von Zürichsee und Walensee nach Sargans und Chur. Von St. Gallen verlaufen Linien nach Rorschach, ins Rheintal, nach Appenzell und ins Toggenburg. Sargans ist ein zentraler Knoten zwischen Zürich, Chur, Buchs, Liechtenstein und Österreich. Internationale Verbindungen führen nach München, Bregenz, Innsbruck und weiter nach Wien.

Regionalverkehrsnetze wie die S-Bahn St. Gallen, die S-Bahn Schaffhausen und die S-Bahn Bodensee verbinden die Kantone mit den Nachbarregionen. Der Tarifverbund OSTWIND umfasst grosse Teile der engeren Ostschweiz sowie Liechtenstein und die March. Schifffahrtslinien auf Bodensee, Rhein, Walensee und Zürichsee ergänzen den öffentlichen Verkehr.

Für den Strassenverkehr sind die A1 zwischen Zürich, St. Gallen und St. Margrethen, die A3 zum Walensee und nach Sargans sowie die A13 durch das Rheintal und Graubünden entscheidend. Der Flughafen St. Gallen-Altenrhein bietet regionale Flugverbindungen. Für den internationalen Luftverkehr wird vor allem der Flughafen Zürich genutzt; im Bodenseeraum spielt auch der Flughafen Friedrichshafen eine Rolle.

Die Randlage gegenüber den grossen schweizerischen Zentren ist ein wiederkehrendes politisches Thema. Gleichzeitig liegt die Ostschweiz im Zentrum des internationalen Bodenseeraums. Das aktualisierte Raumkonzept Schweiz hebt diesen grenzüberschreitenden Lebens-, Wirtschafts- und Bildungsraum ausdrücklich hervor.[6]

Grenzüberschreitende Zusammenarbeit

Die Ostschweiz grenzt an Deutschland, Österreich und Liechtenstein. Handel, Arbeitsmarkt, Bildung, Verkehr, Kultur und Freizeit reichen vielfach über die Staatsgrenzen hinaus. Die Internationale Bodensee-Konferenz bringt Kantone und Länder rund um den Bodensee zusammen. Daneben bestehen Kooperationen im Alpenrheintal, im öffentlichen Verkehr, im Gewässer- und Hochwasserschutz sowie zwischen Hochschulen und Unternehmen.

Liechtenstein ist wirtschaftlich und verkehrlich besonders eng mit dem St. Galler Rheintal und Werdenberg verbunden. Das Fürstentum gehört zum schweizerischen Zollgebiet und verwendet den Schweizer Franken. Viele Beschäftigte pendeln täglich über den Rhein. Vorarlberg und die deutsche Bodenseeregion sind ebenfalls wichtige Absatz-, Arbeits- und Freizeiträume.

Die Grenzlage bringt neben Chancen auch Herausforderungen. Unterschiedliche Fahrpläne, Tarife, Rechtsordnungen und Raumplanungen müssen aufeinander abgestimmt werden. Wechselkurse, Verkehrswachstum und der Schutz von Landschaft und Gewässern beeinflussen die Beziehungen. Der Bodensee besitzt keine überall abschliessend festgelegte Staatsgrenze, wird in der Praxis aber gemeinschaftlich und pragmatisch genutzt.

Kultur und Brauchtum

Die Kultur der Ostschweiz verbindet städtische, ländliche und alpine Traditionen. Der Stiftsbezirk und die Stiftsbibliothek prägen St. Gallen als historische Kulturstadt. Das Textilmuseum, Theater und Konzert St. Gallen, das Kunstmuseum St. Gallen, das Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen, das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen und zahlreiche regionale Museen dokumentieren die kulturelle Vielfalt.

Zu den bekannten Bräuchen gehören das Silvesterchlausen in Appenzell Ausserrhoden, Appenzeller und Toggenburger Sennentraditionen, Alpaufzüge, Viehschauen, Jodel und Streichmusik. In Glarus wird die Näfelser Fahrt begangen; in Graubünden gehören unter anderem Chalandamarz, romanische Gesangskultur und lokale Fasnachtsbräuche zum kulturellen Erbe. Diese Traditionen sind nicht unverändert überliefert, sondern werden von Vereinen, Tourismus und Bevölkerung laufend neu gestaltet.

Die OLMA Schweizer Messe für Landwirtschaft und Ernährung in St. Gallen ist eine der bekanntesten Publikumsmessen der Schweiz. Sie bringt Landwirtschaft, Ernährung, Gewerbe und regionale Identität zusammen. Weitere bedeutende Veranstaltungen sind das OpenAir St. Gallen, die St. Galler Festspiele, das Seenachtfest in Rapperswil, die Schaffhauser Bachfeste und zahlreiche regionale Musik-, Film- und Theateranlässe.

Tourismus und Sehenswürdigkeiten

Der Tourismus profitiert von der Verbindung aus Seen, historischen Städten, Hügellandschaften und Alpen. Zu den bekanntesten Zielen gehören:

  • der Rheinfall und die Altstadt von Schaffhausen;
  • der Bodensee mit Stein am Rhein, Kreuzlingen, Romanshorn, Arbon und Rorschach;
  • der UNESCO-Stiftsbezirk und die Altstadt von St. Gallen;
  • das Appenzellerland mit Appenzell, Säntis, Ebenalp und Alpstein;
  • das Toggenburg mit den Churfirsten;
  • Rapperswil-Jona, Walensee, Flumserberg, Pizol und Bad Ragaz;
  • das Glarnerland und die Tektonikarena Sardona;
  • das Bündner Rheintal und die Ferienregionen Graubündens.

Die Tektonikarena Sardona gehört seit 2008 zum UNESCO-Weltnaturerbe. An der markanten Glarner Hauptüberschiebung sind Prozesse der Gebirgsbildung aussergewöhnlich gut sichtbar. Das Gebiet umfasst Teile der Kantone Glarus, St. Gallen und Graubünden.[7]

Im engeren touristischen Regionsverständnis wird Graubünden gewöhnlich separat vermarktet. Der Verein Ostschweiz Tourismus umfasst die Kantone Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden, Glarus, St. Gallen, Schaffhausen und Thurgau sowie Liechtenstein.[8] Diese Abgrenzung zeigt erneut, dass der Begriff Ostschweiz je nach Aufgabe unterschiedlich verwendet wird.

Regionale Identität

Eine einheitliche ostschweizerische Identität besteht nur begrenzt. Die Bewohnerinnen und Bewohner fühlen sich häufig zuerst ihrem Kanton, Tal, ihrer Stadt oder historischen Landschaft verbunden. Appenzellerland, Toggenburg, Thurgau, Glarnerland, Schaffhausen, Rheintal und Graubünden besitzen ausgeprägte Eigenbilder. Auch die konfessionelle und sprachliche Vielfalt wirkte lange stärker als ein gemeinsames Regionalbewusstsein.

Dennoch haben Medien, Verkehr, Bildung, Sport, Wirtschaft und politische Zusammenarbeit den Begriff gefestigt. St. Gallen übernimmt viele Zentrumsfunktionen, ohne die übrigen Teilräume vollständig zu dominieren. Gemeinsame Interessen bestehen insbesondere beim Ausbau der Verkehrsinfrastruktur, bei Hochschulen und Spitälern, in der Standortförderung und bei der Vertretung gegenüber dem Bund.

Die Ostschweiz wird innerhalb der Schweiz gelegentlich als peripher wahrgenommen, liegt aus europäischer Sicht jedoch in einem zentralen grenzüberschreitenden Raum zwischen Zürich, München, Stuttgart, Innsbruck und Mailand. Diese doppelte Lage – am östlichen Rand der Schweiz und zugleich mitten im Bodensee- und Alpenrheingebiet – gehört zu ihren wichtigsten Merkmalen.

Siehe auch

Literatur

  • Ernst Bruckmüller und Peter Blickle (Hrsg.): Regionen im alten Europa. Die Ostschweiz, Vorarlberg und Schwaben. UVK, Konstanz 2000.
  • Peter Röllin: Kulturbau Ostschweiz. 10 Einblicke in 50 Jahre Kulturgeschichte. VGS, St. Gallen 2005.
  • Walter Schläpfer: Wirtschaftsgeschichte des Kantons Appenzell Ausserrhoden bis 1939. Appenzell-Ausserrhodische Kantonalbank, Herisau 1984.
  • Bundesamt für Statistik: Die Raumgliederungen der Schweiz. Neuenburg 2005.

Einzelnachweise

  1. Bundesamt für Statistik: «Die 7 Grossregionen der Schweiz», Statistischer Atlas der Schweiz, abgerufen am 22. Juli 2026.
  2. Ostschweizer Regierungskonferenz: «Mitglieder» und «Assoziierte Mitglieder», abgerufen am 22. Juli 2026.
  3. UNESCO World Heritage Centre: «Abbey of St Gall», abgerufen am 22. Juli 2026.
  4. Bundesamt für Statistik: «Porträt der Unternehmensgruppen in der Schweiz 2014–2018», Abschnitt zur regionalen Branchenstruktur, abgerufen am 22. Juli 2026.
  5. OST – Ostschweizer Fachhochschule: «Die OST», abgerufen am 22. Juli 2026.
  6. Kanton St. Gallen: «Aktualisiertes Raumkonzept Schweiz stärkt die Rolle des internationalen Bodenseeraums», 30. März 2026, abgerufen am 22. Juli 2026.
  7. UNESCO World Heritage Centre: «Swiss Tectonic Arena Sardona», abgerufen am 22. Juli 2026.
  8. Ostschweiz Tourismus: «Netzwerk und Organisation», abgerufen am 22. Juli 2026.