Tektonikarena Sardona

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Tektonikarena Sardona
Offizielle Bezeichnung Schweizer Tektonikarena Sardona
Art Weltnaturerbe
Staat Schweiz
Kantone Glarus, St. Gallen und Graubünden
Gebirge Glarner Alpen
Fläche 32'850 ha
Pufferzone keine
Höhenbereich etwa 600 bis 3'247 m ü. M.
Höchster Punkt Ringelspitz, 3'247 m ü. M.
Namensgeber Piz Sardona
Zentrales Merkmal Glarner Hauptüberschiebung
Aufnahme in die Welterbeliste 7. Juli 2008
UNESCO-Kriterium (viii)
UNESCO-Referenz 1179
Koordinaten 46° 55′ N, 9° 15′ O
Trägerschaft Verein UNESCO-Weltnaturerbe TektonikArena Sardona
Website unesco-sardona.ch

Die Tektonikarena Sardona ist eine hochalpine Gebirgslandschaft im Grenzgebiet der Kantone Glarus, St. Gallen und Graubünden. Ihr zentrales geologisches Merkmal ist die Glarner Hauptüberschiebung, an der bis zu rund 300 Millionen Jahre alte Gesteine über wesentlich jüngeren, teilweise nur etwa 35 bis 50 Millionen Jahre alten Gesteinsschichten liegen.

Die ungewöhnliche Abfolge entstand während der Alpenbildung, als mächtige Gesteinspakete durch den Zusammenstoss der afrikanischen beziehungsweise adriatischen und europäischen Kontinentalplatten nach Norden geschoben wurden. Durch spätere Hebung und Erosion wurde die Überschiebungsfläche an zahlreichen Bergen freigelegt. Sie erscheint in der Landschaft häufig als weithin sichtbare, annähernd waagrechte Linie.

Die Tektonikarena umfasst 32'850 Hektaren und reicht von den Tälern der Linth, des Sernf, der Seez und des Alpenrheins bis zu den Gipfeln der Glarner Alpen. Sie enthält sieben Berge mit einer Höhe von mehr als 3'000 Metern. Der höchste Punkt ist der 3'247 Meter hohe Ringelspitz.

Am 7. Juli 2008 nahm das Welterbekomitee der UNESCO das Gebiet unter der Bezeichnung Swiss Tectonic Arena Sardona in die Liste des Weltnaturerbes auf. Ausschlaggebend waren die aussergewöhnlich klare dreidimensionale Sichtbarkeit tektonischer Prozesse, die Bedeutung des Gebiets für die Geschichte der Geologie und seine bis heute andauernde Rolle in der Gebirgsforschung.[1]

Die Tektonikarena ist kein Nationalpark. Land- und Alpwirtschaft, Jagd, Forstwirtschaft, Tourismus, Wasserkraftnutzung und bestehende Siedlungen bleiben im Rahmen der geltenden Schutz- und Nutzungsbestimmungen möglich. Die Welterbeauszeichnung verpflichtet die beteiligten Kantone und Gemeinden jedoch dazu, die geologischen Werte und die weitgehend natürliche Gebirgslandschaft langfristig zu erhalten.

Name

Die Bezeichnung Sardona leitet sich vom Piz Sardona ab. Der 3'056 Meter hohe Berg liegt im Grenzgebiet der Kantone Glarus, St. Gallen und Graubünden und bildet einen markanten Mittelpunkt der Welterbelandschaft.

Der Ausdruck Tektonikarena beschreibt die räumliche Gestalt des Gebiets. Von mehreren Tälern aus wirken die umliegenden Gipfel und Felswände wie die Ränge einer natürlichen Arena. In diesen Wänden lässt sich die Glarner Hauptüberschiebung über grosse Distanzen verfolgen.

Die offizielle deutschsprachige Organisation verwendet in ihrem Namen die Schreibweise TektonikArena Sardona mit einem Binnenmajuskel. Im allgemeinen Sprachgebrauch und in enzyklopädischen Texten ist auch die Schreibweise Tektonikarena Sardona verbreitet.

Vor der Aufnahme in die Welterbeliste wurde das Gebiet häufig als Glarner Hauptüberschiebung oder international als Glarus Overthrust bezeichnet. Für die überarbeitete UNESCO-Kandidatur wurde ein umfassenderer Name gewählt, weil nicht nur eine einzelne Überschiebungsfläche, sondern eine ganze dreidimensionale Gebirgslandschaft geschützt wird.

Lage und Ausdehnung

Die Tektonikarena liegt in der Nordostschweiz innerhalb der Glarner Alpen. Das Welterbegebiet erstreckt sich ungefähr 30 Kilometer in West-Ost-Richtung und rund 20 Kilometer in Nord-Süd-Richtung.

Es wird von vier grossen Talsystemen eingerahmt:

  • im Westen vom Sernftal und vom Tal der Linth;
  • im Norden vom Walensee und vom Seeztal;
  • im Osten vom St. Galler Rheintal;
  • im Süden vom Vorderrheintal und der Ruinaulta.

Das Gebiet umfasst Teile des Sernftals, des Weisstannentals, des Calfeisentals, des Murgtals und der Flimser Bergwelt. Die Kernlandschaft ist weitgehend unbesiedelt. Innerhalb des Perimeters befinden sich Alpweiden, Berghütten, Wanderwege, kleinere technische Anlagen und einzelne saisonal genutzte Gebäude.

Die Höhenlage reicht von den tiefen Talabschnitten bei der Lochsite und im Rheintal bis zum Gipfel des Ringelspitz. Die UNESCO hebt hervor, dass sich im Gebiet sieben Gipfel über 3'000 Meter erheben.[2]

Welterbegemeinden

Die politische Trägerschaft umfasst Gemeinden, die einen Flächenanteil am Welterbeperimeter besitzen. Aufgrund von Gemeindefusionen ist ihre heutige Zahl geringer als zur Zeit der ersten Kandidatur.

Gemeinden mit einem Anteil am Welterbeperimeter
Kanton Gemeinden
Glarus Glarus, Glarus Nord und Glarus Süd
St. Gallen Flums, Mels, Pfäfers, Quarten und Vilters-Wangs
Graubünden Flims, Laax, Tamins und Trin

Die Gemeinden haben sich zur gemeinsamen Erhaltung und Pflege der Welterbestätte verpflichtet. Gleichzeitig soll das Gebiet zugänglich bleiben und in einer Weise genutzt werden können, die mit dem Schutz seines aussergewöhnlichen universellen Werts vereinbar ist.[3]

Geologischer Aufbau

Grundprinzip einer Überschiebung

In einer ungestörten Abfolge liegen jüngere Sedimentschichten gewöhnlich über älteren. In der Tektonikarena Sardona ist diese Reihenfolge auf grossen Flächen umgekehrt.

Alte Verrucano-Gesteine befinden sich über jüngeren Kalk-, Mergel- und Flyschschichten. Die Gesteine wurden nicht an ihrem heutigen Ort abgelagert, sondern während der Alpenbildung als mächtige Decken über jüngere Einheiten geschoben.

Eine solche Bewegung wird als Überschiebung bezeichnet. Dabei bewegen sich Gesteinspakete entlang einer vergleichsweise flach liegenden Störungsfläche über andere Gesteine.

Die Glarner Hauptüberschiebung gehört zu einem grösseren System der Helvetischen Decken. Diese Gesteinsdecken entstanden aus Ablagerungen am ehemaligen europäischen Kontinentalrand.

Glarner Hauptüberschiebung

Die Glarner Hauptüberschiebung ist eine ausgedehnte tektonische Kontaktfläche. Sie trennt ältere Gesteine des Perms von jüngeren Gesteinen des Erdmittelalters und der Erdneuzeit.

Die Überschiebungsfläche ist nicht vollkommen eben. Sie wurde während und nach der Gebirgsbildung gefaltet, angehoben und durch Täler angeschnitten.

Im Süden liegt sie im Gebiet des Vorderrheins auf vergleichsweise geringer Höhe. Gegen den Piz Segnas steigt sie auf ungefähr 3'000 Meter an. Weiter nördlich senkt sie sich wieder ab und ist an der Lochsite oberhalb von Schwanden auf einer Höhe von weniger als 600 Metern zugänglich.

Die darüberliegenden Gesteinspakete waren möglicherweise bis zu drei Kilometer mächtig, ungefähr 50 Kilometer lang und bis zu 100 Kilometer breit. Sie wurden während der Alpenbildung mindestens 35 Kilometer nach Norden verschoben.[4]

Verrucano

Das auffälligste ältere Gestein oberhalb der Überschiebung ist der Glarner Verrucano.

Er entstand vor ungefähr 250 bis 300 Millionen Jahren im Perm. Die Gesteinsserie umfasst unter anderem Konglomerate, Sandsteine, Schluffsteine und vulkanisch beeinflusste Ablagerungen.

Typisch sind rote, violette, grünliche oder graue Farbtöne. Die Farbe entstand durch unterschiedliche Mineralzusammensetzungen und Oxidationsbedingungen.

Verrucano bildet zahlreiche Gipfel und obere Wandabschnitte der Tektonikarena. An den Tschingelhörnern ist er oberhalb der helleren Kalk- und dunkleren Flyschschichten deutlich sichtbar.

Kalk- und Mergelgesteine

Unterhalb des Verrucano liegen je nach Standort Kalk-, Mergel- und Schiefergesteine aus verschiedenen Perioden des Erdmittelalters.

Viele dieser Schichten entstanden in einem Meer, das während Jura und Kreidezeit den europäischen Kontinentalrand bedeckte. Kalkschalen und andere Ablagerungen sammelten sich auf dem Meeresboden und verfestigten sich später zu Gestein.

Die Kalkgesteine sind häufig heller als der Verrucano und der Flysch. An den Tschingelhörnern bilden sie ein mächtiges helles Band unterhalb der Überschiebungsfläche.

Kalk wird durch leicht saures Wasser gelöst. Dadurch entstanden im Welterbegebiet zahlreiche Karstformen wie Höhlen, Dolinen, Karren, unterirdische Wasserläufe und Quellen.

Flysch

Die jüngsten Gesteine unmittelbar unter der Hauptüberschiebung gehören vielerorts zum Flysch.

Flysch entstand vor ungefähr 35 bis 50 Millionen Jahren aus Sand, Ton und Schlamm, die in ein sich vertiefendes Meeresbecken abrutschten. Die einzelnen Ablagerungen wurden später zu Sandstein, Mergel und Schiefer verfestigt.

Flysch verwittert häufig braun oder dunkelgrau. Er ist im Vergleich zu massigem Kalk oder Verrucano weniger widerstandsfähig und bildet oft sanftere Geländeformen.

An der Lochsite liegen die alten Verrucano-Gesteine unmittelbar über den wesentlich jüngeren Flyschschichten.

Lochseitenkalk

Zwischen dem Verrucano und den darunterliegenden jüngeren Gesteinen befindet sich stellenweise eine dünne, auffällig helle Gesteinszone. Sie wird als Lochseitenkalk bezeichnet.

Der Name stammt von der Lochsite. Das Material besteht aus stark verformtem Kalkgestein und entstand beziehungsweise veränderte sich unter hohem Druck und bei erhöhten Temperaturen entlang der Überschiebungsfläche.

Im mikroskopischen Massstab zeigt der Lochseitenkalk Spuren der gewaltigen Scherbewegungen. Er ist deshalb für die Erforschung der mechanischen Vorgänge an grossen Überschiebungen besonders wichtig.

Entstehung der Alpen

Ablagerung am europäischen Kontinentalrand

Vor der Entstehung der Alpen lag zwischen Europa und Afrika ein Meeresraum, der zur Tethys gehörte.

Auf dem europäischen Kontinentalrand lagerten sich über Millionen Jahre Sand, Ton, Kalkschlamm und organische Reste ab. Aus diesen Sedimenten entstanden später Kalkstein, Mergel, Schiefer und Sandstein.

Die Ablagerungsräume veränderten sich fortlaufend. Flache Küstenmeere wechselten mit tieferen Meeresbecken, und untermeerische Rutschungen transportierten Material in tiefere Bereiche.

Kontinentalkollision

Die afrikanische beziehungsweise adriatische Platte bewegte sich nach Norden auf die europäische Platte zu. Der dazwischenliegende Meeresraum wurde zunehmend eingeengt.

Gesteinsschichten wurden verfaltet, zerbrochen und übereinandergeschoben. Mächtige Decken bewegten sich über grosse Entfernungen nach Norden.

Die Glarner Hauptüberschiebung war vor ungefähr 20 bis 30 Millionen Jahren besonders aktiv. Die Bewegungen dauerten mehrere Millionen Jahre und erfolgten wahrscheinlich mit durchschnittlichen Geschwindigkeiten von wenigen Millimetern bis Zentimetern pro Jahr.

Die Überschiebung ist heute nicht mehr aktiv. Die Alpen werden jedoch weiterhin langsam gehoben, während Verwitterung, Flüsse, Gletscher, Bergstürze und andere Prozesse das Gebirge gleichzeitig abtragen.

Hebung und Erosion

Die für die Überschiebung verantwortlichen Prozesse fanden ursprünglich in einer Tiefe von ungefähr 10 bis 20 Kilometern statt. Dort herrschten Temperaturen von mehreren hundert Grad Celsius.

Erst die spätere Hebung und Abtragung legten die heute sichtbaren Strukturen frei.

Gletscher schnitten während der Eiszeiten tiefe Täler in das Gebirge. Flüsse und Bäche vertieften diese Formen weiter. Dadurch ist die Glarner Hauptüberschiebung heute nicht nur in einem einzelnen Aufschluss, sondern an zahlreichen Bergflanken und Gipfeln aus unterschiedlichen Blickrichtungen erkennbar.

Diese dreidimensionale Sichtbarkeit ist ein wesentlicher Grund für die internationale Bedeutung der Tektonikarena.

Bedeutende Berge

Auswahl bedeutender Berge
Berg Höhe Bedeutung
Ringelspitz 3'247 m ü. M. höchster Punkt der Welterbestätte
Piz Segnas 3'099 m ü. M. markanter Gipfel oberhalb der Segnesböden
Piz Sardona 3'056 m ü. M. Namensgeber der Tektonikarena
Piz Dolf 3'028 m ü. M. gut sichtbare Gesteinsabfolgen und Überschiebungsstrukturen
Tschingelhörner bis über 2'800 m ü. M. markante Felszacken mit Martinsloch und sichtbarer Hauptüberschiebung
Mürtschenstock 2'441 m ü. M. auffälliges Kalkmassiv im nördlichen Welterbegebiet

Der Piz Sardona liegt am Zusammentreffen der drei Kantonsgebiete und gab der Welterbestätte ihren Namen. Der Ringelspitz erhebt sich südöstlich davon und bildet den höchsten Punkt.

Lochsite

Die Lochsite an der Linth oberhalb von Schwanden und Sool ist einer der bekanntesten geologischen Aufschlüsse der Schweiz.

Dort ist die Überschiebungsfläche unmittelbar zugänglich. Über den jüngeren, dunkelgrauen Flyschgesteinen liegen eine dünne helle Zone aus Lochseitenkalk und darüber die deutlich älteren Verrucano-Gesteine.

Die Lochsite spielte seit dem frühen 19. Jahrhundert eine zentrale Rolle bei der Erforschung der Alpen. Generationen von Geologen untersuchten dort die ungewöhnliche Umkehr der Altersabfolge.

Heute ist der Aufschluss ein wichtiges Exkursionsziel für Hochschulen, Schulen und geologisch interessierte Besucher. Das Abschlagen von Gestein ist nicht erlaubt, weil die sichtbare Oberfläche geschützt werden muss.[5]

Tschingelhörner und Martinsloch

Die Tschingelhörner liegen zwischen Elm im Kanton Glarus und Flims im Kanton Graubünden.

Ihre zackige Silhouette entstand durch die unterschiedliche Widerstandsfähigkeit der Gesteine. Dunklere und grünlichgraue Verrucano-Schichten bilden die oberen Felstürme, während darunter helle Kalkgesteine und jüngere Flyschschichten liegen.

Die Glarner Hauptüberschiebung verläuft in diesem Gebiet auf einer Höhe von ungefähr 2'600 Metern.

Im Grossen Tschingelhorn befindet sich das Martinsloch, ein natürliches Felsenfenster mit einem Durchmesser von mehr als 15 Metern. Es entstand dort, wo sich eine weichere Mergelschicht und eine steile Bruchzone kreuzen. Die Erosion konnte das Gestein entlang dieser Schwächezonen besonders schnell abtragen.

An wenigen Tagen im Frühjahr und Herbst scheint die Sonne durch das Martinsloch auf das Dorf Elm. Der Lichtstrahl erreicht je nach Jahr und Beobachtungsort den Bereich der Kirche. Das Ereignis ist zu einer bekannten Naturerscheinung und touristischen Attraktion geworden.[6]

Im Oktober 2024 ereignete sich am Grossen Tschingelhorn oberhalb des Martinslochs ein grösserer Felssturz. Das Ereignis beschädigte das Felsenfenster nicht, zeigte jedoch die fortdauernde natürliche Veränderung der Gebirgslandschaft. Der betroffene Felsbereich wird seither beobachtet.

Segnesböden

Oberhalb von Flims liegen der Untere und der Obere Segnesboden.

Die nahezu ebenen Hochflächen entstanden in ehemaligen Gletscherbecken. Bäche verzweigen sich dort in zahlreiche Arme und verändern nach Hochwasser oder Schneeschmelze immer wieder ihren Lauf.

Der Untere Segnesboden ist eine alpine Schwemmebene von nationaler Bedeutung. Er wird von Feuchtflächen, Kiesbänken, Mooren und alpiner Vegetation geprägt.

Von der Segneshütte und dem Besucherpavillon bietet sich ein besonders deutlicher Blick auf die Tschingelhörner, das Martinsloch und die Glarner Hauptüberschiebung.

Über den Segnespass besteht eine historische Verbindung zwischen Flims und Elm. Die Route wird heute als anspruchsvoller Bergwanderweg genutzt.

Calfeisental und Piz Sardona

Das Calfeisental liegt südwestlich von Vättis und wird vom Taminatal aus erschlossen.

Am hinteren Talende befindet sich die ehemalige Walsersiedlung Sankt Martin. Weiter taleinwärts liegt die Sardonahütte des Schweizer Alpen-Clubs.

Die Hütte dient als Ausgangspunkt für Touren zum Piz Sardona, zum Heidelpass, zum Foopass und zu weiteren Teilen des Welterbegebiets.

Das Calfeisental besitzt eine weitgehend ursprüngliche Gebirgslandschaft mit Alpweiden, Wasserfällen, Schluchten und ausgedehnten Jagdbanngebieten.

Vättis und das Drachenloch

Das Dorf Vättis liegt am Eingang zum Calfeisental und bildet einen wichtigen Zugang zum östlichen Teil der Tektonikarena.

Oberhalb des Dorfes befindet sich die Höhle Drachenloch. Dort wurden Knochen des Höhlenbären sowie Spuren früher menschlicher Anwesenheit entdeckt.

In der Umgebung von Vättis treten besonders alte kristalline Gesteine zutage. Gneise mit einem Alter von mehr als 300 Millionen Jahren gehören zu den ältesten sichtbaren Gesteinen der Welterberegion.

Das Besucherzentrum Vättis behandelt neben der Geologie auch Erdbeben, Bergstürze und andere Naturgefahren.

Karstlandschaften

Kalkgesteine nehmen in mehreren Teilen der Tektonikarena eine grosse Fläche ein.

Regen- und Schmelzwasser nimmt Kohlendioxid auf und löst den Kalk langsam. Dadurch entstehen:

  • Karrenfelder;
  • Dolinen;
  • Höhlen;
  • unterirdische Abflusswege;
  • Karstquellen;
  • Schlucklöcher;
  • natürliche Schächte.

Bedeutende Karstgebiete liegen unter anderem im Umfeld des Mürtschenstocks, der Schilsquelle, der Flumserberge und der Segnesböden.

Das Wasser kann an der Oberfläche verschwinden und mehrere Kilometer entfernt wieder als Quelle austreten. Die genauen unterirdischen Verbindungen werden mit Färbeversuchen und hydrologischen Messungen untersucht.

Eiszeitliche Landschaftsformen

Während der Kaltzeiten war das Gebiet von mächtigen Gletschern bedeckt. Sie schliffen Felsoberflächen ab, verbreiterten Täler und transportierten grosse Mengen Gestein.

Nach dem Rückzug der Gletscher blieben zurück:

  • Trogtäler;
  • Kare;
  • Moränen;
  • Rundhöcker;
  • Gletscherschliffe;
  • Schwemmebenen;
  • Bergseen;
  • instabile Felsflanken.

Die steilen Felswände und tief eingeschnittenen Täler ermöglichen heute den dreidimensionalen Blick auf die tektonischen Strukturen.

Gletscher existieren nur noch in kleineren Resten. Ihr Rückgang beschleunigte sich seit dem späten 20. Jahrhundert erheblich.

Flimser Bergsturz und Ruinaulta

Am südlichen Rand der Welterberegion prägt der Flimser Bergsturz die Landschaft.

Vor ungefähr 9'500 Jahren lösten sich mehrere Kubikkilometer Gestein und stürzten in das Vorderrheintal. Das Ereignis gehört zu den grössten bekannten Bergstürzen der Alpen.

Die Ablagerungen stauten den Rhein zeitweise auf. Später schnitt sich der Fluss tief in das Bergsturzmaterial ein und schuf die Rheinschlucht Ruinaulta.

Der Bergsturz steht nicht im Mittelpunkt der UNESCO-Begründung, verdeutlicht aber gemeinsam mit Felsstürzen, Rutschungen und Erosion, dass die Landschaft der Welterberegion auch heute fortlaufend verändert wird.

Geschichte der geologischen Forschung

Hans Conrad Escher von der Linth

Der Naturforscher und Ingenieur Hans Conrad Escher von der Linth untersuchte die Glarner Alpen zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Er zeichnete die ungewöhnliche Gesteinsabfolge und erkannte, dass an mehreren Orten alte Gesteine über jüngeren lagen. Eine allgemein anerkannte Erklärung für dieses Phänomen existierte damals noch nicht.

Seine Geländeaufnahmen und Landschaftszeichnungen gehören zu den frühesten systematischen Dokumentationen der Glarner Hauptüberschiebung.

Arnold Escher von der Linth

Sein Sohn Arnold Escher von der Linth setzte die Untersuchungen fort.

Bereits 1845 erwog er, dass die alten Gesteine über die jüngeren geschoben worden sein könnten. Eine so gewaltige horizontale Bewegung erschien vielen Fachleuten jedoch kaum vorstellbar.

Arnold Escher bevorzugte später gemeinsam mit seinem Schüler Albert Heim ein Modell, bei dem sich die Gesteinsschichten zu einer grossen Doppelfalte aufgewölbt hätten.

Dieses Modell versuchte zu erklären, weshalb der Verrucano sowohl von Norden als auch von Süden über jüngere Schichten gelangt sein sollte.

Marcel Bertrand und Deckentheorie

Der französische Geologe Marcel Alexandre Bertrand deutete die Struktur 1884 als eine einzige grosse Überschiebungsdecke.

Er nahm an, dass die alten Gesteine aus dem Süden über viele Kilometer nach Norden transportiert worden waren.

Ähnliche Beobachtungen in anderen Gebirgen und detailliertere Kartierungen stärkten diese Interpretation. Um die Wende zum 20. Jahrhundert setzte sich die Deckentheorie zunehmend durch.

Albert Heim gab das Doppelfaltenmodell später auf und erkannte die Überschiebungsdeutung an.

Internationale Bedeutung

Die Forschung an der Glarner Hauptüberschiebung beeinflusste das moderne Verständnis von Faltengebirgen.

Das Gebiet zeigte, dass Gebirge nicht nur durch senkrechte Hebung oder Schrumpfung der Erdkruste entstehen, sondern durch grossräumige horizontale Bewegungen und die Stapelung von Gesteinsdecken.

Die Tektonikarena wurde dadurch zu einem klassischen Studiengebiet der Strukturgeologie und Tektonik.

Bis heute untersuchen Forschende dort unter anderem:

  • die Mechanik grosser Überschiebungen;
  • die Bildung von Myloniten;
  • Druck- und Temperaturbedingungen;
  • Flüssigkeiten in Störungszonen;
  • Hebung und Erosion;
  • Naturgefahren;
  • den Einfluss des Klimawandels auf Fels und Permafrost.

UNESCO-Kandidatur

Erste Kandidatur

Die Schweiz reichte das Gebiet 2004 unter der Bezeichnung Glarus Overthrust zur Aufnahme in die Welterbeliste ein.

Die Internationale Union zur Bewahrung der Natur würdigte die wissenschaftliche Bedeutung, sah aber in der damaligen Begründung noch keinen ausreichend klaren Nachweis eines aussergewöhnlichen universellen Werts.

Die Schweiz zog die Kandidatur 2005 vor der endgültigen Entscheidung des Welterbekomitees zurück.

Überarbeitung

In den folgenden Jahren wurde das Dossier umfassend überarbeitet.

Die neue Kandidatur stellte nicht mehr nur die einzelne Überschiebungslinie in den Mittelpunkt. Sie betonte:

  • die dreidimensionale Sichtbarkeit der gesamten Gebirgsstruktur;
  • die aussergewöhnlich klaren Gesteinsaufschlüsse;
  • die Vielfalt tektonischer Formen;
  • die internationale Forschungsgeschichte;
  • den weltweiten Vergleich mit anderen Überschiebungsgebieten;
  • die langfristige Sicherung und gemeinsame Verwaltung.

Der Name wurde in Swiss Tectonic Arena Sardona geändert.

Aufnahme 2008

Das Welterbekomitee nahm die Tektonikarena am 7. Juli 2008 während seiner 32. Sitzung im kanadischen Québec in die Welterbeliste auf.

Die Einschreibung erfolgte nach Kriterium (viii). Dieses umfasst herausragende Beispiele der Erdgeschichte, geologischer Prozesse und bedeutender geomorphologischer Erscheinungen.

Eine zusätzliche Anerkennung aufgrund aussergewöhnlicher landschaftlicher Schönheit nach Kriterium (vii) wurde nicht ausgesprochen. Die UNESCO betrachtete die Landschaft als eindrücklich, aber nicht allein aufgrund ihrer Schönheit als weltweit einzigartig.

Die Entscheidung hob hervor, dass die Tektonikarena:

  • Gebirgsbildung durch Kontinentalkollision aussergewöhnlich deutlich zeigt;
  • tektonische Strukturen dreidimensional sichtbar macht;
  • eine zentrale Rolle in der Entwicklung geologischer Theorien spielte;
  • weiterhin bedeutende Beiträge zur geologischen Forschung ermöglicht.[7]

Aussergewöhnlicher universeller Wert

Die UNESCO verwendet den Begriff aussergewöhnlicher universeller Wert für Eigenschaften, die über nationale Grenzen hinausgehen und für die gesamte Menschheit von Bedeutung sind.

Bei der Tektonikarena beruht dieser Wert auf drei miteinander verbundenen Elementen.

Erstens sind die Gesteine oberhalb und unterhalb der Glarner Hauptüberschiebung besonders deutlich sichtbar. Die Täler schneiden die Struktur tief an und ermöglichen einen räumlichen Blick aus verschiedenen Richtungen.

Zweitens spielte das Gebiet eine formative Rolle in der Geschichte der Geowissenschaften. Die Auseinandersetzungen um die richtige Erklärung der Gesteinsabfolge trugen wesentlich zur Entwicklung der Deckentheorie bei.

Drittens bleibt die Region ein aktives Forschungsgebiet. Neue Messmethoden und Modelle liefern weiterhin Erkenntnisse über Gebirgsbildung, Gesteinsverformung und Landschaftsentwicklung.

Schutzstatus

Die Welterbeauszeichnung schafft in der Schweiz kein eigenständiges neues Schutzgesetz.

Der Schutz beruht auf bestehenden eidgenössischen, kantonalen und kommunalen Instrumenten. Dazu gehören:

  • das Bundesgesetz über den Natur- und Heimatschutz;
  • kantonale Natur- und Landschaftsschutzbestimmungen;
  • Richt- und Nutzungsplanungen;
  • eidgenössische und kantonale Schutzinventare;
  • Jagdbanngebiete;
  • Moor- und Auenschutz;
  • Waldrecht;
  • Gewässerschutz;
  • Regelungen für geologische Aufschlüsse.

Bedeutende Teile liegen in Landschafts- und Naturschutzgebieten. Mehrere alpine Schwemmebenen, Moore und Auen besitzen nationalen Schutzstatus.

Im Unterschied zu den meisten Welterbestätten besitzt die Tektonikarena keine formell ausgeschiedene Pufferzone. Die UNESCO akzeptierte diese Ausnahme aufgrund der topografischen Lage, der ausgedehnten Schutzgebiete und der planerischen Sicherung des Umfelds.[8]

Trägerschaft und Verwaltung

Die gemeinsame Verwaltung erfolgt durch den Verein UNESCO-Weltnaturerbe TektonikArena Sardona.

Mitglieder der Trägerschaft sind die Gemeinden mit Flächenanteilen am Welterbe. Die Kantone Glarus, St. Gallen und Graubünden sowie das Bundesamt für Umwelt arbeiten beratend und finanziell mit.

Die wichtigsten Aufgaben sind:

  • Erhaltung der geologischen und landschaftlichen Werte;
  • räumliche Sicherung;
  • Besucherlenkung;
  • Bildung und Vermittlung;
  • Forschung und Monitoring;
  • Kommunikation;
  • Zusammenarbeit mit Tourismusorganisationen;
  • Koordination zwischen Kantonen und Gemeinden.

Ein wissenschaftlicher Beirat unterstützt die Trägerschaft bei geologischen, ökologischen und landschaftlichen Fragen.

Die Geschäftsstelle befindet sich in Sargans.

Natur und Lebensräume

Obwohl die geologische Bedeutung im Mittelpunkt steht, umfasst die Tektonikarena auch wertvolle alpine Lebensräume.

Dazu gehören:

  • Fels- und Schuttfluren;
  • alpine Rasen;
  • Zwergstrauchheiden;
  • Bergwälder;
  • Moore;
  • Schwemmebenen;
  • Gletscherreste;
  • Bergseen;
  • Wildbäche;
  • Auen;
  • extensive Alpweiden.

Die grossen Höhenunterschiede und unterschiedlichen Gesteinsarten führen zu einer vielfältigen Vegetation.

Auf kalkreichen Böden wachsen andere Pflanzengesellschaften als auf saurem Verrucano oder Flysch. Feuchte Schwemmebenen stehen trockenen Felsstandorten gegenüber.

Tierwelt

Die weitgehend unzerschnittene Hochgebirgslandschaft bietet Lebensraum für zahlreiche alpine Tierarten.

Dazu gehören:

Im Gebiet der Grauen Hörner wurden 1911 die ersten Alpensteinböcke der Schweiz wieder angesiedelt. Die Tiere stammten aus dem italienischen Gran-Paradiso-Gebiet.

Die erfolgreiche Wiederansiedlung gilt als ein Meilenstein des schweizerischen Artenschutzes.

Zwischen 2010 und 2014 wurden in der weiteren Sardona-Region auch Bartgeier freigelassen.

Alpwirtschaft

Die Hochflächen werden seit Jahrhunderten als Sommerweiden genutzt.

Alpwirtschaft prägt die Kulturlandschaft und trägt zur Offenhaltung von Weideflächen bei. Auf zahlreichen Alpen werden Rinder, Schafe und Ziegen gehalten.

Traditionelle Gebäude, Trockenmauern, Wege und Weiderechte zeugen von der langen Nutzungsgeschichte.

Die Bewirtschaftung muss mit dem Schutz empfindlicher Moore, Schwemmebenen und Erosionsflächen abgestimmt werden.

Wasserkraft

In und um die Tektonikarena befinden sich Stauseen, Wasserfassungen, Druckleitungen und Kraftwerksanlagen.

Bedeutende Anlagen liegen unter anderem im Calfeisental, im Weisstannental, im Murgtal und im Glarnerland.

Die Wasserkraft besitzt für die regionale Energieversorgung und Wirtschaft eine hohe Bedeutung. Eingriffe in Gewässer, Landschaft und Grundwasser müssen jedoch den Welterbewerten und den geltenden Umweltvorschriften entsprechen.

Neue Grossprojekte werden besonders sorgfältig auf ihre Auswirkungen auf Sichtachsen, geologische Strukturen, natürliche Prozesse und Lebensräume geprüft.

Tourismus und Erholung

Die Tektonikarena ist ein bedeutendes Wander-, Bergsport- und Bildungsgebiet.

Anders als stark erschlossene Ferienregionen besitzt die Kernzone nur wenige touristische Anlagen. Viele geologische Sehenswürdigkeiten sind nur zu Fuss erreichbar.

Zu den Aktivitäten gehören:

  • Wandern;
  • Bergsteigen;
  • Skitouren;
  • Schneeschuhwandern;
  • Naturbeobachtung;
  • geologische Exkursionen;
  • Besuche von Museen und Besucherzentren;
  • geführte Touren mit GeoGuides.

Der Zugang erfordert in vielen Bereichen alpine Erfahrung. Wetterumschwünge, Altschnee, Steinschlag, Hochwasser und unmarkierte Geländepassagen können erhebliche Gefahren darstellen.

Sardona-Welterbe-Weg

Der Sardona-Welterbe-Weg ist eine 84 Kilometer lange Bergwanderroute.

Er ist als SchweizMobil-Route 73 ausgeschildert und führt in sechs Etappen von Filzbach über die Flumserberge, das Weisstannental, das Calfeisental, den Foopass und Elm nach Flims.

Die Route erschliesst unter anderem:

  • den Kerenzerberg;
  • den Mürtschenstock;
  • die Murgseen;
  • Karstlandschaften bei der Schilsquelle;
  • Fossilienfundstellen im Gebiet der Flumserberge;
  • das Weisstannental;
  • das Calfeisental;
  • den Foopass;
  • die Tschingelhörner;
  • das Martinsloch;
  • die Segnesböden.

Der Weg ist eine anspruchsvolle Mehrtagestour. Mehrere Etappen führen durch hochalpines Gelände und setzen Trittsicherheit, Kondition und geeignete Ausrüstung voraus.[9]

Besucherzentren

Mehrere Einrichtungen vermitteln die Geologie und Naturgeschichte der Region.

Besucherinfrastruktur
Standort Einrichtung Schwerpunkt
Glarus Naturzentrum Glarnerland regionale Natur, Landschaft und Überblick über das Welterbe
Elm Besucherzentrum Glarnerland im alten Schulhaus Glarner Hauptüberschiebung, Forschungsgeschichte und Tschingelhörner
Vättis Besuchszentrum «BergeBeben – BergeStürzen» Erdbeben, Bergstürze, Naturgefahren und Gebirgsentwicklung
Flims Besucherpavillon bei der Segneshütte Alpenbildung, Flimser Bergsturz, Segnesböden und Tschingelhörner
Braunwald Alpinmuseum Alpingeschichte, Natur und Geologie des Glarnerlands
Filzbach Ausstellung im Seminarhotel Lihn Geologie der Welterberegion und Kerenzerberg

Ausgebildete GeoGuides Sardona bieten Führungen, Exkursionen und Bildungsprogramme an.[10]

Bildung

Die Tektonikarena dient als ausserschulischer Lernort für alle Bildungsstufen.

Angebote behandeln unter anderem:

  • Aufbau der Erde;
  • Plattentektonik;
  • Entstehung der Alpen;
  • Gesteinskreislauf;
  • Naturgefahren;
  • Klimawandel;
  • Wasser und Karst;
  • Landschaftsentwicklung;
  • Geschichte der geologischen Forschung;
  • nachhaltige Nutzung des Alpenraums.

Schulen können die Lochsite, Elm, Glarus, Vättis, den Talalpsee und weitere Lernorte besuchen.

Lehrmittel, Modelle, digitale Karten und Gesteinssammlungen erleichtern die Vermittlung komplexer geologischer Vorgänge.

Forschung und Monitoring

Die Forschung wird von Hochschulen, kantonalen Fachstellen, dem Bundesamt für Umwelt und weiteren Institutionen getragen.

Untersucht werden unter anderem:

  • Verformungsstrukturen entlang der Hauptüberschiebung;
  • Alter und Herkunft der Gesteine;
  • Hebungs- und Abtragungsraten;
  • Gletscher- und Permafrostveränderungen;
  • Felsstürze und Bergstürze;
  • alpine Schwemmebenen;
  • Besucherströme;
  • Zustand geschützter Aufschlüsse;
  • Veränderungen der Landschaft.

Moderne Methoden umfassen Satellitenmessungen, Laserscanning, Drohnenaufnahmen, seismische Untersuchungen und dreidimensionale Geländemodelle.

Nach Felsstürzen werden Vergleichsmodelle erstellt, um Volumen, Abbruchflächen und weitere Gefahren beurteilen zu können.

Naturgefahren

Die Tektonikarena ist eine dynamische Gebirgslandschaft.

Typische Naturgefahren sind:

  • Steinschlag;
  • Felsstürze;
  • Bergstürze;
  • Lawinen;
  • Murgänge;
  • Hochwasser;
  • Rutschungen;
  • Erdbeben.

Der berühmte Bergsturz von Elm von 1881 ereignete sich am Rand der heutigen Welterberegion. Durch unsachgemässen Schieferabbau wurde eine instabile Felsmasse geschwächt. Der Bergsturz zerstörte Teile des Dorfes und forderte 114 Todesopfer.

Das Ereignis zeigt, wie natürliche geologische Bedingungen und menschliche Eingriffe zusammenwirken können.

Klimawandel

Steigende Temperaturen verändern die hochalpine Landschaft.

Gletscher und dauerhafte Schneefelder ziehen sich zurück. Permafrost taut auf, wodurch Felsflanken instabiler werden können.

Mögliche Folgen sind:

  • häufigerer Steinschlag;
  • grössere Felsabbrüche;
  • veränderte Wasserführung;
  • Trockenperioden;
  • Verschiebung alpiner Lebensräume;
  • längere Vegetationsperioden;
  • Belastung kälteangepasster Tier- und Pflanzenarten.

Diese Veränderungen werden durch Messreihen, Luftbilder, Geländemodelle und ökologische Beobachtungen dokumentiert.

Natürliche Erosion gehört grundsätzlich zum Welterbewert. Schutzmassnahmen sollen daher vor allem Menschen und Infrastruktur sichern, ohne die natürlichen Prozesse unnötig zu unterbinden.

Nutzungskonflikte

Die Erhaltung des Welterbes muss mit wirtschaftlichen und touristischen Interessen abgestimmt werden.

Mögliche Konflikte entstehen durch:

  • neue Bergbahnen;
  • Strassen- und Wegebau;
  • Wasserkraftprojekte;
  • Steinabbau;
  • touristische Grossveranstaltungen;
  • militärische Nutzungen;
  • intensive Alp- oder Forstwirtschaft;
  • zunehmenden Besucherverkehr.

Nicht jede Veränderung ist ausgeschlossen. Entscheidend ist, ob der aussergewöhnliche universelle Wert, die Sichtbarkeit der geologischen Strukturen oder die landschaftliche Integrität beeinträchtigt werden.

Grössere Projekte im oder nahe dem Welterbeperimeter müssen frühzeitig mit den zuständigen Behörden und der Welterbeorganisation abgestimmt werden.

Herausforderungen des Besuchermanagements

Ein wichtiges Ziel ist es, die Tektonikarena erlebbar zu machen, ohne empfindliche Orte zu überlasten.

An gut zugänglichen Stellen wie der Lochsite besteht die Gefahr, dass Besucher Gesteinsstücke abschlagen oder die Aufschlussfläche beschädigen.

In alpinen Gebieten können neue Trampelpfade Erosion und Störungen der Tierwelt verursachen.

Besucherlenkung erfolgt durch:

  • markierte Wege;
  • Informationstafeln;
  • Besucherzentren;
  • geführte Exkursionen;
  • digitale Karten;
  • zeitweise Wegsperrungen;
  • Hinweise zu Wildruhezonen;
  • Ranger- und Aufsichtsdienste.

Bedeutung für die Schweiz

Die Tektonikarena Sardona gehört zu den vier Weltnaturerbestätten der Schweiz.

Die weiteren schweizerischen Weltnaturerbestätten sind:

Sardona unterscheidet sich von diesen Stätten durch ihren Schwerpunkt auf der Tektonik und der Entstehung von Gebirgen.

Die Welterbestätte besitzt zugleich wissenschaftliche, landschaftliche, pädagogische und touristische Bedeutung für die Ostschweiz.

Chronologie

Wichtige Ereignisse
Zeitraum Ereignis
vor 300–250 Millionen Jahren Ablagerung und Bildung der späteren Verrucano-Gesteine.
Jura und Kreide Ablagerung mächtiger Kalk-, Mergel- und Tonschichten am europäischen Kontinentalrand.
vor ungefähr 50–35 Millionen Jahren Bildung der jüngeren Flyschablagerungen.
vor ungefähr 30–20 Millionen Jahren Hauptphase der Glarner Hauptüberschiebung und Transport der Gesteinsdecken nach Norden.
seit mehreren Millionen Jahren Hebung, Verwitterung und Erosion legen die Überschiebungsstrukturen frei.
Eiszeitalter Gletscher formen Täler, Kare, Moränen und die dreidimensional sichtbare Gebirgslandschaft.
frühes 19. Jahrhundert Hans Conrad Escher von der Linth dokumentiert die ungewöhnliche Gesteinsabfolge.
1845 Arnold Escher von der Linth erwägt eine grossräumige Überschiebung.
1884 Marcel Bertrand deutet die Struktur als grosse Gesteinsdecke.
um 1900 Die Überschiebungs- und Deckentheorie setzt sich in der geologischen Forschung durch.
1999 Gründung des Geoparks Sarganserland–Walensee–Glarnerland, eines Vorläufers der regionalen Vermittlungsarbeit.
2004 Einreichung der ersten UNESCO-Kandidatur unter dem Namen Glarus Overthrust.
2005 Rückzug der ersten Kandidatur zur Überarbeitung.
7. Juli 2008 Aufnahme der Schweizer Tektonikarena Sardona in die UNESCO-Welterbeliste.
2023 Umwandlung der bisherigen Interessengemeinschaft in den Verein UNESCO-Weltnaturerbe TektonikArena Sardona.
Oktober 2024 Felssturz am Grossen Tschingelhorn oberhalb des Martinslochs.

Siehe auch

Literatur

  • Adrian Pfiffner: Geologie der Alpen. Haupt Verlag, Bern.
  • Rudolf Trümpy: Geology of Switzerland. A Guide-Book. Wepf, Basel.
  • Hans P. Schmid: Die Glarner Hauptüberschiebung. Geologischer Führer durch die Glarner Alpen.
  • David Imper: Die Entstehung der Alpen – Das Welterbe Tektonikarena Sardona. Sargans.
  • Franz Allemann: Die Glarner Hauptüberschiebung und ihre Erforschungsgeschichte. Glarus.
  • UNESCO-Weltnaturerbe TektonikArena Sardona: Managementplan. Sargans.
  • Bundesamt für Landestopografie swisstopo: Sardona-Wanderrouten 1:50'000. Wabern.
  • International Union for Conservation of Nature: Technical Evaluation: Swiss Tectonic Arena Sardona. 2008.

Einzelnachweise

  1. Swiss Tectonic Arena Sardona. In: UNESCO World Heritage Centre. Abgerufen am 2026-07-23.
  2. Swiss Tectonic Arena Sardona – Maps. In: UNESCO World Heritage Centre. Abgerufen am 2026-07-23.
  3. Gemeinden als Trägerschaft. In: UNESCO-Weltnaturerbe TektonikArena Sardona. Abgerufen am 2026-07-23.
  4. IUCN Technical Evaluation: Swiss Tectonic Arena Sardona. In: International Union for Conservation of Nature. 2008. Abgerufen am 2026-07-23.
  5. Lochsite. In: UNESCO-Weltnaturerbe TektonikArena Sardona. Abgerufen am 2026-07-23.
  6. Martinsloch und Tschingelhörner. In: UNESCO-Weltnaturerbe TektonikArena Sardona. Abgerufen am 2026-07-23.
  7. Decision 32 COM 8B.14. In: UNESCO World Heritage Centre. 2008. Abgerufen am 2026-07-23.
  8. UNESCO-Welterbe. In: Bundesamt für Umwelt. Abgerufen am 2026-07-23.
  9. Sardona-Welterbe-Weg. In: UNESCO-Weltnaturerbe TektonikArena Sardona. Abgerufen am 2026-07-23.
  10. Die Welterbe-Besucherzentren. In: UNESCO-Weltnaturerbe TektonikArena Sardona. Abgerufen am 2026-07-23.