Geschichte des Kantons Zürich: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Helvetia Wiki – Die Enzyklopädie der Schweiz
Die Seite wurde neu angelegt: «{| class="wikitable" style="float:right; clear:right; width:23em; margin:0 0 1em 1em; border-collapse:collapse; font-size:90%; line-height:1.4;" |- ! colspan="2" style="text-align:center; font-size:120%; background:#dce8f2; padding:0.5em;" | Geschichte des Kantons Zürich |- ! scope="row" style="width:42%; text-align:left;" | Gebiet | Heutiger Kanton Zürich |- ! scope="row" style="text-align:left;" | Früheste Siedlungsspuren | Altsteinzeit |- ! scope=…»
 
KKeine Bearbeitungszusammenfassung
 
Zeile 10: Zeile 10:
|-
|-
! scope="row" style="text-align:left;" | Bedeutende römische Orte
! scope="row" style="text-align:left;" | Bedeutende römische Orte
| [[Turicum]], [[Vitudurum]] und zahlreiche Gutshöfe
| Turicum, [[Vitudurum]] und zahlreiche Gutshöfe
|-
|-
! scope="row" style="text-align:left;" | Reichsfreiheit der Stadt Zürich
! scope="row" style="text-align:left;" | Reichsfreiheit der Stadt Zürich
Zeile 105: Zeile 105:
=== Turicum ===
=== Turicum ===


Am Ausfluss der Limmat aus dem Zürichsee entstand die römische Siedlung [[Turicum]].
Am Ausfluss der Limmat aus dem Zürichsee entstand die römische Siedlung Turicum.


Turicum war ein kleiner Verkehrsknoten und Zollort. Eine Inschrift auf dem Lindenhof nennt eine Zollstation für Waren, die zwischen den gallischen Provinzen transportiert wurden.
Turicum war ein kleiner Verkehrsknoten und Zollort. Eine Inschrift auf dem Lindenhof nennt eine Zollstation für Waren, die zwischen den gallischen Provinzen transportiert wurden.

Aktuelle Version vom 24. Juli 2026, 17:35 Uhr

Geschichte des Kantons Zürich
Gebiet Heutiger Kanton Zürich
Früheste Siedlungsspuren Altsteinzeit
Bedeutende römische Orte Turicum, Vitudurum und zahlreiche Gutshöfe
Reichsfreiheit der Stadt Zürich 1218
Beitritt zur Eidgenossenschaft 1. Mai 1351
Zürcher Reformation ab 1519
Ende des Stadtstaats 1798
Moderner Kanton ab 1803
Liberale Kantonsverfassung 10. März 1831
Demokratische Kantonsverfassung 18. April 1869
Einführung des kantonalen Frauenstimmrechts 15. November 1970
Heutige Kantonsverfassung angenommen am 27. Februar 2005, in Kraft seit 1. Januar 2006

Die Geschichte des Kantons Zürich umfasst die Entwicklung des Gebiets vom prähistorischen Siedlungsraum über den römischen Zürichgau und den mittelalterlichen Herrschaftsbereich der Stadt Zürich bis zum modernen demokratischen Kanton Zürich.

Der politische Kern des späteren Kantons war die Stadt Zürich. Nachdem sie 1218 reichsunmittelbar geworden war, baute sie zwischen dem 14. und dem frühen 16. Jahrhundert ein umfangreiches Untertanengebiet auf. Dieses entsprach in seinen Grundzügen bereits dem heutigen Kantonsgebiet. Am 1. Mai 1351 schloss Zürich ein dauerhaftes Bündnis mit den eidgenössischen Orten und wurde zum fünften Ort der Alten Eidgenossenschaft.[1]

Die von Huldrych Zwingli eingeleitete Reformation veränderte ab 1519 Kirche, Politik, Bildung und Gesellschaft. Bis 1798 bildeten Stadt und Landschaft Zürich einen von der städtischen Bürgerschaft beherrschten Stadtstaat. Mit der Helvetischen Revolution brach diese Ordnung zusammen. Die Landschaft erhielt grundsätzlich die politische Gleichstellung mit der Stadt.

Die Mediationsakte von 1803 schuf die Grundlagen des modernen Kantons. Die liberale Verfassung von 1831 beseitigte die Vorherrschaft der Stadt endgültig und führte die Rechtsgleichheit von Stadt und Land ein. Mit der Verfassung von 1869 entwickelte sich Zürich zu einem der am stärksten direktdemokratisch geprägten Kantone der Schweiz.

Die Industrialisierung machte Zürich im 19. und 20. Jahrhundert zu einem führenden Wirtschaftsraum. Textilindustrie, Maschinenbau, Eisenbahnen, Banken, Versicherungen, Handel, Hochschulen und später der internationale Dienstleistungssektor veränderten Bevölkerung und Landschaft grundlegend.

Ur- und Frühgeschichte

Altsteinzeit und Mittelsteinzeit

Die ältesten Spuren menschlicher Anwesenheit auf dem Gebiet des heutigen Kantons Zürich stammen aus der Altsteinzeit. Während der Eiszeiten war ein grosser Teil des Landes wiederholt von Gletschern bedeckt.

Nach dem Rückzug des Eises breiteten sich Wälder aus. Jäger- und Sammlergruppen nutzten Flussufer, Seegebiete, Geländeterrassen und geschützte Plätze.

Fundstellen belegen, dass Menschen bereits lange vor dem Beginn der Landwirtschaft im Raum Zürichsee, Limmattal, Glatttal, Weinland und Zürcher Oberland lebten.

Jungsteinzeitliche Seeufersiedlungen

Ab dem 5. Jahrtausend v. Chr. entstanden bäuerliche Siedlungen. Die Bevölkerung betrieb Ackerbau, Viehzucht, Fischfang und Handwerk.

Besonders bekannt sind die Feuchtbodensiedlungen an:

Die Häuser wurden meist auf dem feuchten Uferboden oder auf leicht erhöhten Holzkonstruktionen errichtet. Der umgangssprachliche Begriff «Pfahlbauten» kann deshalb den Eindruck erwecken, sämtliche Gebäude hätten frei über dem Wasser gestanden. Die archäologischen Befunde zeigen jedoch unterschiedliche Bauweisen und wechselnde Wasserstände.

Dank des feuchten Bodens blieben Holz, Pflanzenreste, Textilien, Werkzeuge und Nahrungsmittel aussergewöhnlich gut erhalten. Allein aus dem Kanton Zürich sind mehr als tausend prähistorische Textil- und Geflechtfunde bekannt.[2]

Mehrere Zürcher Fundstellen gehören seit 2011 zum UNESCO-Welterbe Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen. Dazu zählen Siedlungsplätze in Zürich, Meilen, Erlenbach, Wädenswil, Greifensee und Wetzikon.

Bronzezeit

In der Bronzezeit wurden Metallverarbeitung und Fernhandel wichtiger. Bronzegegenstände bestanden aus Kupfer und Zinn, deren Rohstoffe teilweise über weite Entfernungen transportiert wurden.

Die Siedlungen lagen weiterhin häufig an Seen und Flüssen, aber auch auf Anhöhen und in landwirtschaftlich günstigen Gebieten.

Waffen, Schmuck, Werkzeuge und Keramik zeigen soziale Unterschiede und Kontakte zu anderen Regionen Mitteleuropas.

Eisenzeit und keltische Bevölkerung

Während der Hallstatt- und Latènezeit gehörte das Gebiet zum keltisch geprägten Kulturraum.

Siedlungen, Grabhügel, Flachgräber und einzelne Befestigungen belegen eine dichte Besiedlung. Das Gebiet lag im Einflussraum der Helvetier und anderer keltischer Gruppen.

Die Verkehrswege verbanden das Alpenvorland mit dem Rhein, dem Bodensee, dem Aaretal und den Alpenpässen. Salz, Metalle, Keramik und landwirtschaftliche Erzeugnisse wurden über regionale und überregionale Märkte ausgetauscht.

Römische Zeit

Eingliederung in das Römische Reich

Nach der Niederlage der Helvetier bei Bibracte im Jahr 58 v. Chr. nahm der römische Einfluss zu. Im Verlauf des 1. Jahrhunderts v. Chr. wurde das Gebiet des heutigen Kantons Zürich in das Römische Reich eingegliedert.

Zunächst gehörte es zur Provinz Gallia Belgica, später überwiegend zu Germania superior.

Die römische Herrschaft brachte ein ausgebautes Strassennetz, neue Bauweisen, Geldwirtschaft und eine stärkere Einbindung in den Fernhandel.

Turicum

Am Ausfluss der Limmat aus dem Zürichsee entstand die römische Siedlung Turicum.

Turicum war ein kleiner Verkehrsknoten und Zollort. Eine Inschrift auf dem Lindenhof nennt eine Zollstation für Waren, die zwischen den gallischen Provinzen transportiert wurden.

Der Ort kontrollierte Verbindungen:

  • entlang des Zürichsees;
  • durch das Limmattal nach Vindonissa;
  • über das Glatttal und das Zürcher Oberland;
  • in Richtung Alpen und Ostschweiz.

Auf dem Lindenhof bestand in der Spätantike ein Kastell, das der Sicherung des Verkehrswegs und der Siedlung diente.

Vitudurum

Im heutigen Oberwinterthur lag der römische Ort Vitudurum.

Vitudurum war eine kleinstädtische Siedlung mit öffentlichen Gebäuden, Gewerbebetrieben, Wohnhäusern und Kultstätten. In der Spätantike wurde der Ort befestigt.

Archäologische Untersuchungen zeigen, dass Vitudurum ein regionales Zentrum mit weitreichenden wirtschaftlichen Beziehungen war.[3]

Gutshöfe und Landwirtschaft

Ausserhalb der städtischen Siedlungen bestanden zahlreiche römische Gutshöfe, sogenannte villae rusticae.

Sie produzierten Getreide, Fleisch, Milch, Wein und weitere Erzeugnisse. Viele Anlagen verfügten über gemauerte Wohngebäude, Badeeinrichtungen, Wirtschaftsgebäude und Werkstätten.

Römische Gutshöfe sind unter anderem aus Dietikon, Seeb, Wetzikon und dem Knonaueramt bekannt. Neuere Forschungen zeigen, dass selbst Gebiete, die früher als dünn besiedelt galten, teilweise von einem dichten Netz landwirtschaftlicher Betriebe erschlossen waren.[4]

Spätantike

Seit dem 3. Jahrhundert geriet die römische Grenzordnung unter Druck. Germanische Gruppen überquerten wiederholt den Rhein.

Befestigungen wurden verstärkt, und die Bevölkerung konzentrierte sich teilweise auf besser geschützte Orte.

Im frühen 5. Jahrhundert endete die römische Verwaltung nördlich der Alpen. Römische Lebensformen und die ansässige Bevölkerung verschwanden jedoch nicht schlagartig.

Frühmittelalter

Alemannische Besiedlung

Seit dem 5. und 6. Jahrhundert liessen sich alemannische Bevölkerungsgruppen im Gebiet nieder.

Ortsnamen mit Endungen wie -ingen, -ikon, -heim und -dorf erinnern teilweise an frühmittelalterliche Siedlungsgründungen.

Archäologische Gräberfelder zeigen, dass sich alemannische und romanisierte Bevölkerungsgruppen über längere Zeit begegneten und vermischten.

Fränkische Herrschaft

Im 6. Jahrhundert gelangte das Gebiet unter die Herrschaft der Franken.

Der Raum wurde in Grafschaften und Gaue gegliedert. Der Zürichgau umfasste zeitweise ein wesentlich grösseres Gebiet als der heutige Kanton.

Die fränkischen Könige und später die Karolinger stützten ihre Herrschaft auf Grafen, Kirchen und Klöster.

Christianisierung und Klöster

Die Christianisierung setzte bereits in spätrömischer Zeit ein, wurde aber im Frühmittelalter erneuert und ausgebaut.

Kirchen, Klöster und Stifte wurden zu religiösen, wirtschaftlichen und politischen Zentren.

Zu den bedeutenden Institutionen gehörten:

König Ludwig der Deutsche gründete 853 das Fraumünsterstift. Dessen Äbtissin erhielt umfangreichen Grundbesitz und wichtige Rechte in Zürich und der Umgebung.

Das Grossmünsterstift entwickelte sich ebenfalls zu einem bedeutenden Grundherrn, Bildungszentrum und Träger kirchlicher Rechte.

Hochmittelalter

Adelsherrschaften

Im Hochmittelalter war das Gebiet politisch stark zersplittert.

Grundbesitz und Herrschaftsrechte lagen bei:

  • den Herzögen von Schwaben;
  • den Zähringern;
  • den Grafen von Kyburg;
  • den Habsburgern;
  • den Grafen von Rapperswil;
  • geistlichen Stiften und Klöstern;
  • lokalen Adelsfamilien.

Herrschaft bestand nicht als einheitliches Territorium. Gerichtsbarkeit, Grundbesitz, Kirchenrechte, Zölle und militärische Rechte konnten verschiedenen Herren gehören.

Reichsfreiheit der Stadt Zürich

Nach dem Aussterben der Zähringer im Jahr 1218 wurde Zürich reichsunmittelbar.

Die Stadt unterstand damit unmittelbar dem König beziehungsweise Kaiser und nicht mehr einem regionalen Fürsten.

Die Reichsfreiheit förderte die Entwicklung einer selbstständigen Stadtgemeinde mit Rat, Gericht und eigener Aussenpolitik.

Die Macht lag zunächst vor allem bei adligen und kaufmännischen Familien.

Städte und Märkte

Neben Zürich entwickelten sich weitere Städte und befestigte Marktorte.

Besonders bedeutend waren:

Winterthur stand lange unter kyburgischer und habsburgischer Herrschaft und entwickelte sich zu einem wichtigen regionalen Markt- und Gewerbezentrum.

Zunftrevolution und Stadtstaat

Brunsche Zunftverfassung

Im Jahr 1336 führte Ritter Rudolf Brun mit Unterstützung der Handwerkerzünfte eine neue politische Ordnung in Zürich ein.

Die sogenannte Brunsche Zunftverfassung begrenzte die Macht der alten patrizischen Ratsfamilien. Handwerker und Gewerbetreibende erhielten über die Zünfte eine politische Vertretung.

Rudolf Brun wurde erster Bürgermeister auf Lebenszeit.

Die Zunftverfassung blieb mit zahlreichen Veränderungen bis zum Ende des alten Stadtstaats 1798 eine Grundlage der politischen Ordnung.

Bündnis von 1351

Am 1. Mai 1351 schloss Zürich ein Bündnis mit Luzern, Uri, Schwyz und Unterwalden.

Zürich wurde damit zum fünften Ort der Eidgenossenschaft. Das Bündnis richtete sich unter anderem gegen die Habsburger, mit denen die Stadt in Konflikt stand.

Die Verbindung erhöhte Zürichs militärisches und politisches Gewicht. Wegen seiner Bevölkerung, seiner Wirtschaftskraft und seiner Lage wurde Zürich bald zu einem führenden eidgenössischen Ort.

Aufbau des Territoriums

Zwischen dem 14. und frühen 16. Jahrhundert erwarb die Stadt Zürich Herrschaftsrechte über weite Teile der umliegenden Landschaft.

Die Erwerbungen erfolgten durch:

  • Kauf;
  • Verpfändung;
  • Übernahme von Vogteien;
  • Bündnisse;
  • militärische Eroberung;
  • Erwerb von Gerichts- und Steuerrechten.

Zu den bedeutenden Gebieten gehörten:

Auswahl bedeutender zürcherischer Herrschaftsgebiete
Gebiet Erwerb oder Übergang Bedeutung
Greifensee 1402 Herrschaft im Zürcher Oberland
Grüningen 1408 Bedeutende Landvogtei im Südosten
Regensberg 1409 Gebiet im Zürcher Unterland
Grafschaft Kyburg 1424, endgültig 1452 Grosses Herrschaftsgebiet zwischen Zürich und Winterthur
Andelfingen 1434 Gebiet im Zürcher Weinland
Knonaueramt im 15. Jahrhundert schrittweise Herrschaftsgebiet südwestlich der Stadt
Eglisau 1496 Kontrolle eines wichtigen Rheinübergangs
Winterthur 1467 Bedeutende Stadt und Wirtschaftsraum

Bis zur Reformation besass Zürich ein Territorium, das in seinen Grundzügen dem späteren Kanton entsprach.[1]

Die Landschaft wurde in Landvogteien, Obervogteien und Gerichtsherrschaften gegliedert. Die Landvögte stammten gewöhnlich aus der städtischen Bürgerschaft.

Alter Zürichkrieg

Nach dem Tod des letzten Grafen von Toggenburg im Jahr 1436 stritten Zürich und Schwyz um Erbansprüche und Einflussgebiete.

Zürich schloss 1442 ein Bündnis mit dem habsburgischen König Friedrich III. Dies wurde von den übrigen eidgenössischen Orten als Bruch der gemeinsamen Verpflichtungen betrachtet.

Der Alte Zürichkrieg dauerte mit Unterbrechungen von 1436 bis 1450.

Zu den wichtigsten Ereignissen gehörten:

  • die Niederlage Zürichs am Etzel;
  • die Schlacht bei St. Jakob an der Sihl 1443;
  • die Belagerung von Greifensee und die Hinrichtung seiner Besatzung 1444;
  • französische Beteiligung und die Schlacht bei St. Jakob an der Birs;
  • wiederholte Verwüstungen in der Landschaft.

Der Frieden von 1450 beendete den Krieg. Zürich gab das Bündnis mit Habsburg auf und blieb Mitglied der Eidgenossenschaft.

Der Konflikt zeigte, dass Zürich seine Interessen nicht dauerhaft gegen die übrigen eidgenössischen Orte durchsetzen konnte.

Waldmannhandel

Bürgermeister Hans Waldmann versuchte im späten 15. Jahrhundert, Verwaltung und Herrschaft zu straffen.

Seine Politik belastete das Verhältnis zwischen Stadt und Landschaft. Verbote, wirtschaftliche Eingriffe und die als willkürlich wahrgenommene Regierung führten zu Widerstand.

1489 zogen bewaffnete Untertanen vor die Stadt. Waldmann wurde verhaftet, verurteilt und hingerichtet.

Im sogenannten Waldmannhandel musste die Stadt der Landschaft Zugeständnisse machen. Die politische Vorherrschaft der städtischen Bürgerschaft blieb jedoch bestehen.

Reformation

Huldrych Zwingli

1519 trat Huldrych Zwingli sein Amt als Leutpriester am Grossmünster an.

Er forderte eine Erneuerung der Kirche auf Grundlage der Bibel und kritisierte unter anderem:

  • den Ablasshandel;
  • das Söldnerwesen;
  • die Verehrung von Heiligenbildern;
  • den Pflichtzölibat;
  • die kirchliche Fastenordnung;
  • die Autorität des Papstes.

Der Rat der Stadt unterstützte schrittweise die neue Lehre.

Zürcher Disputationen

1523 fanden zwei öffentliche Disputationen statt.

Nach der ersten Disputation gestattete der Rat die Predigt nach der Bibel. Die zweite Disputation behandelte Bilder und Messe.

In den folgenden Jahren wurden:

  • die Messe abgeschafft;
  • Bilder aus den Kirchen entfernt;
  • Klöster aufgehoben oder umgewandelt;
  • kirchliche Güter staatlich verwaltet;
  • das Schul- und Armenwesen neu organisiert;
  • eine reformierte Kirchenordnung geschaffen.

Die Reformation war nicht nur eine religiöse Bewegung. Sie führte zu einer engen Verbindung von Kirche und Staat. Der Rat bestimmte wesentlich über Lehre, Organisation und kirchliche Ämter.[5]

Täuferbewegung

Ein Teil von Zwinglis früheren Anhängern verlangte eine radikalere Reformation.

Die Täufer lehnten die Kindertaufe ab und forderten eine Gemeinde freiwillig getaufter Gläubiger. Manche lehnten zudem Eide, Militärdienst und die enge Verbindung von Kirche und Staat ab.

Der Zürcher Rat verfolgte die Bewegung. Täufer wurden ausgewiesen, inhaftiert oder hingerichtet. Felix Manz wurde 1527 in der Limmat ertränkt.

Kappelerkriege

Die konfessionellen Spannungen innerhalb der Eidgenossenschaft führten zu den Kappelerkriegen.

Der Erste Kappelerkrieg von 1529 endete ohne grössere Schlacht.

Im Zweiten Kappelerkrieg wurde das Zürcher Heer am 11. Oktober 1531 bei Kappel am Albis besiegt. Zwingli fiel in der Schlacht.

Der Zweite Kappeler Landfriede begrenzte die weitere Ausbreitung der Zürcher Reformation und stärkte die katholischen Orte.

Heinrich Bullinger

Nach Zwinglis Tod wurde Heinrich Bullinger dessen Nachfolger.

Bullinger stabilisierte die reformierte Kirche, pflegte ein weitreichendes europäisches Korrespondenznetz und wirkte an der theologischen Annäherung zwischen Zürich und Genf mit.

Zürich wurde zu einem bedeutenden Zentrum des europäischen Protestantismus.

Stadt und Landschaft im Ancien Régime

Bis 1798 blieb der Kanton ein von der Stadt beherrschter Stadtstaat.

Nur ein kleiner Teil der Bewohner der Stadt besass das volle Bürgerrecht. Die Bevölkerung der Landschaft war von wichtigen politischen Entscheidungen ausgeschlossen.

Die städtischen Räte entschieden über:

  • Gesetzgebung;
  • Steuern;
  • Aussenpolitik;
  • Militär;
  • Kirche;
  • höhere Gerichte;
  • Ernennung der Landvögte.

Dörfer und Gemeinden verfügten jedoch über begrenzte Selbstverwaltungsrechte. Sie verwalteten unter anderem Allmenden, Wälder, Gemeindegüter und lokale Einrichtungen.

Die unterschiedliche Rechtsstellung von Stadt und Land bildete über Jahrhunderte eine Quelle politischer Spannungen.

Wirtschaft des alten Zürich

Landwirtschaft

Die Mehrheit der Bevölkerung lebte von der Landwirtschaft.

Im Weinland, am Zürichsee und im Limmattal war der Weinbau verbreitet. Im Unterland, im Knonaueramt und in Teilen des Oberlands wurden Getreide, Obst und Vieh produziert.

Gemeinsame Weiden, Wälder und Allmenden spielten für die dörfliche Wirtschaft eine grosse Rolle.

Textiles Verlagssystem

Seit dem 17. Jahrhundert verbreitete sich die textile Heimindustrie.

Städtische Kaufleute lieferten Baumwolle oder Seide an Familien auf der Landschaft. Diese versponnen und verwoben das Material in ihren Häusern.

Die Heimindustrie war besonders verbreitet:

  • im Zürcher Oberland;
  • im Tösstal;
  • im Glatttal;
  • am Zürichsee;
  • im Knonaueramt.

Sie verband die ländliche Bevölkerung mit internationalen Absatzmärkten und bereitete den späteren Übergang zur Fabrikindustrie vor.

Die wirtschaftliche Entwicklung führte zugleich zu einer stärkeren Abhängigkeit von Kaufleuten, Weltmarktpreisen und ausländischen Rohstoffen.

Aufklärung und Stäfnerhandel

Im 18. Jahrhundert entwickelten sich in Zürich aufklärerische und patriotische Bewegungen.

Gelehrte, Geistliche und Kaufleute diskutierten Erziehung, Naturwissenschaft, Wirtschaft und politische Reformen.

Auf der Landschaft wuchs die Kritik an der politischen Bevorzugung der Stadt.

1794 verlangten Bürger aus Stäfa unter Berufung auf ältere Urkunden mehr wirtschaftliche und politische Rechte.

Die Regierung reagierte mit Verhaftungen und militärischer Besetzung. Der Stäfnerhandel wurde zu einem wichtigen Vorzeichen des Zusammenbruchs der alten Herrschaftsordnung.

Helvetische Revolution

Zusammenbruch des Stadtstaats

Der Einmarsch französischer Truppen und revolutionäre Bewegungen führten 1798 zum Ende der Alten Eidgenossenschaft.

Die Zürcher Landschaft verlangte politische Gleichberechtigung. Die städtische Regierung musste auf ihre Herrschaftsrechte verzichten.

Die Helvetische Republik schaffte die rechtlichen Unterschiede zwischen Stadtbürgern und Landbewohnern grundsätzlich ab.

Zürich wurde zu einem Verwaltungsbezirk des zentralistischen Einheitsstaats. Das Gebiet wurde in Distrikte gegliedert.

Kriegsjahr 1799

Während des Zweiten Koalitionskriegs wurde der Kanton Zürich zum Kriegsschauplatz.

In der Ersten Schlacht bei Zürich im Juni 1799 wurden die französischen Truppen von österreichischen und russischen Verbänden zurückgedrängt.

In der Zweiten Schlacht bei Zürich im September 1799 besiegte der französische General André Masséna die russisch-österreichischen Truppen.

Einquartierungen, Truppendurchzüge, Plünderungen und Abgaben belasteten die Bevölkerung schwer.

Bedeutung der Helvetik

Die Helvetische Republik war politisch instabil und von der französischen Macht abhängig.

Dennoch führte sie moderne Grundsätze ein:

  • Rechtsgleichheit;
  • einheitliches Bürgerrecht;
  • Gewaltentrennung;
  • Abschaffung der Untertanengebiete;
  • staatlich geordnete Verwaltung;
  • öffentliche Gesetzgebung.

Viele dieser Grundsätze konnten erst im 19. Jahrhundert dauerhaft verwirklicht werden.

Mediationszeit

Napoleon Bonaparte beendete 1803 die Helvetische Republik und gab der Schweiz mit der Mediationsakte erneut eine föderalistische Ordnung.

Auch für Zürich bedeutete 1803 einen staatspolitischen Neubeginn.

Der Kanton erhielt:

  • eine eigene Verfassung;
  • einen Grossen Rat;
  • einen Kleinen Rat als Regierung;
  • kantonale Gerichte;
  • eine einheitliche Verwaltung;
  • eine Gliederung in Bezirke;
  • öffentlich zugängliche Gesetze.

Die Rechtsgleichheit von Stadt und Landschaft blieb grundsätzlich bestehen, obwohl wohlhabende Bevölkerungsschichten politisch bevorzugt wurden.[6]

1804 wurde ein kantonales Landjägerkorps gegründet, aus dem die heutige Kantonspolizei hervorging.

Restauration

Nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft erhielt Zürich 1814 eine konservativere Verfassung.

Die Stadt Zürich erhielt wieder ein überproportionales politisches Gewicht. Wohlhabende und städtische Gruppen dominierten die Behörden.

Die Errungenschaften von 1798 und 1803 wurden jedoch nicht vollständig beseitigt. Der einheitliche Kanton, die Bezirke, die zentrale Verwaltung und die grundsätzliche Rechtsordnung blieben bestehen.

Auf der Landschaft wuchs die Unzufriedenheit mit der politischen Ungleichheit.

Ustertag und Regeneration

Ustertag

Am 22. November 1830 versammelten sich rund 10'000 Männer auf dem Zimikerhügel bei Uster.

Sie forderten:

  • eine gerechte Vertretung der Landschaft;
  • Volkssouveränität;
  • Rechtsgleichheit;
  • Pressefreiheit;
  • öffentliche Beratung der Behörden;
  • Reformen in Bildung, Verwaltung und Wirtschaft.

Die Versammlung verlief friedlich. Der politische Druck zwang die Regierung zur Einleitung einer Verfassungsreform.

Verfassung von 1831

Am 20. März 1831 nahm das Zürcher Volk die neue Verfassung an. Sie trug das Datum des 10. März 1831.

Die Verfassung beseitigte die politische Vorherrschaft der Stadt und erklärte die Gesamtheit der Kantonsbürger zum Souverän.

Zu den Neuerungen gehörten:

  • Gleichstellung von Stadt und Land;
  • repräsentative Demokratie;
  • Gewaltentrennung;
  • öffentliche Sitzungen des Grossen Rats;
  • allgemeineres männliches Wahlrecht;
  • moderne Kantonsverwaltung;
  • Ausbau der Gemeinden und Bezirke;
  • umfassende Reformen des Bildungswesens.

Die Verfassung gilt als Grundlage des liberalen Kantons Zürich.[7]

Bildungsreformen

Das Unterrichtsgesetz von 1832 schuf eine staatlich organisierte Volksschule.

Es führte eine allgemeine sechsjährige Schulpflicht ein und stärkte weltliche Unterrichtsfächer wie:

  • Geschichte;
  • Geografie;
  • Naturkunde;
  • Rechnen;
  • deutsche Sprache.

Zur Ausbildung der Lehrkräfte wurde 1832 das Lehrerseminar in Küsnacht gegründet.

1833 gründete der Kanton die Universität Zürich. Sie vereinigte bestehende höhere Lehranstalten und neue Fakultäten.

Die Bildungsreformen sollten Wissen verbreiten, wirtschaftlichen Fortschritt fördern und politisch urteilsfähige Bürger heranbilden.[8]

Züriputsch

Die liberale Regierung berief 1839 den deutschen Theologen David Friedrich Strauss an die Universität Zürich.

Sein religionskritisches Werk Das Leben Jesu löste starken Widerstand konservativer und kirchlicher Kreise aus.

Obwohl die Regierung Strauss noch vor seinem Amtsantritt pensionierte, marschierten am 6. September 1839 mehrere tausend bewaffnete Landbewohner nach Zürich.

Bei Zusammenstössen kamen Menschen ums Leben. Die liberale Regierung trat zurück.

Der Züriputsch brachte vorübergehend eine konservative Regierung an die Macht. Die liberalen Institutionen und die Verfassung von 1831 blieben jedoch grundsätzlich bestehen.[9]

Zürich und der Bundesstaat von 1848

Zürich gehörte zu den wirtschaftlich und politisch einflussreichsten liberalen Kantonen.

Der Kanton unterstützte die Schaffung des schweizerischen Bundesstaats von 1848.

Zürcher Politiker wie Jonas Furrer und Alfred Escher spielten auf Bundesebene eine bedeutende Rolle. Furrer wurde erster Bundespräsident der Schweiz.

Die Bundesverfassung schuf einen einheitlicheren Wirtschaftsraum, gemeinsame Währungen und bessere Voraussetzungen für Verkehr, Handel und Industrialisierung.

Industrialisierung

Mechanisierung der Textilproduktion

Die Industrialisierung knüpfte an die bestehende Heimindustrie an.

Seit dem frühen 19. Jahrhundert entstanden mechanische Spinnereien. Wasserräder und später Turbinen trieben die Maschinen an.

Fabrikstandorte entwickelten sich besonders entlang:

  • der Töss;
  • der Jona;
  • der Glatt;
  • der Kempt;
  • des Aabachs;
  • zahlreicher Bäche im Zürcher Oberland.

Zentren der Textilindustrie waren unter anderem Uster, Wetzikon, Rüti, Wald, Bauma und Winterthur.

Die Fabrikarbeit verdrängte schrittweise das häusliche Spinnen und Weben. Sie führte zu neuen sozialen Abhängigkeiten, langen Arbeitszeiten und einer stärkeren Trennung von Wohn- und Arbeitsort.

Maschinenindustrie

Aus dem Bau und Unterhalt von Textilmaschinen entwickelte sich eine bedeutende Maschinenindustrie.

Wichtige Unternehmen entstanden in:

  • Winterthur;
  • Zürich;
  • Oerlikon;
  • Rüti;
  • Uster.

Winterthur entwickelte sich mit Unternehmen wie Sulzer und der Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik zu einem international bedeutenden Industriezentrum.

In Oerlikon entstand seit dem späten 19. Jahrhundert ein Schwerpunkt der Maschinen- und Elektroindustrie.

Seidenindustrie

Die Region Zürich war zudem ein bedeutendes Zentrum der Seidenindustrie.

Kaufleute, Fabrikanten und Heimarbeiter produzierten Seidenstoffe für internationale Märkte.

Der Niedergang der Zürcher Seidenindustrie setzte nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 ein und beschleunigte sich nach der Ölkrise der 1970er-Jahre.[10]

Eisenbahnbau

Am 7. August 1847 wurde die sogenannte Spanisch-Brötli-Bahn zwischen Zürich und Baden eröffnet. Sie war die erste vollständig auf Schweizer Gebiet gelegene Eisenbahnlinie.

In den 1850er- und 1860er-Jahren entstand ein dichtes Netz von Bahnverbindungen.

Wichtige Linien verbanden Zürich mit:

  • Winterthur;
  • Uster;
  • Rapperswil;
  • Schaffhausen;
  • Bülach;
  • Zug;
  • Luzern;
  • dem Aargau und Basel.

Die Eisenbahn verbilligte den Transport von Kohle, Rohstoffen, Lebensmitteln und Industrieprodukten.

Bahnhöfe wurden zu neuen Siedlungs- und Industriezentren. Gemeinden wie Oerlikon, Uster, Wallisellen, Dietikon und Winterthur wuchsen stark.

System Alfred Escher

Alfred Escher prägte die Zürcher und schweizerische Politik während der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Er förderte:

  • Eisenbahnbau;
  • wirtschaftliche Liberalisierung;
  • Gründung moderner Banken;
  • technische Bildung;
  • den Bau der Gotthardbahn.

Seine politischen Gegner kritisierten die enge Verbindung von Regierung, Parlament, Wirtschaft und Eisenbahngesellschaften.

Das als «System Escher» bezeichnete Netzwerk wurde zum Hauptziel der demokratischen Bewegung der 1860er-Jahre.

Demokratische Bewegung

Die Demokratische Bewegung verlangte eine stärkere unmittelbare Beteiligung des Volkes.

Unterstützung fand sie besonders bei:

  • Handwerkern;
  • Bauern;
  • Arbeitern;
  • Lehrern;
  • kleineren Unternehmern;
  • Gegnern der liberalen Führungsschicht.

In Winterthur erschien die Zeitung Der Landbote als wichtiges Organ der Bewegung.

1867 und 1868 fanden grosse Volksversammlungen statt. Im Januar 1868 stimmte das Volk mit deutlicher Mehrheit für eine Totalrevision der Kantonsverfassung.

Verfassung von 1869

Am 18. April 1869 nahmen die Stimmberechtigten die neue Kantonsverfassung an.

Sie führte eine weitreichende direkte Demokratie ein.

Zu den zentralen Neuerungen gehörten:

  • obligatorisches Referendum über Gesetze;
  • Volksinitiative;
  • direkte Wahl des Regierungsrats;
  • Ausbau der Volksrechte;
  • soziale und wirtschaftliche Staatsaufgaben;
  • stärkere demokratische Kontrolle der Behörden;
  • Förderung von Bildung und öffentlicher Infrastruktur.

Die Verfassung von 1869 galt als eine der fortschrittlichsten Kantonsverfassungen ihrer Zeit. Sie blieb, mehrfach geändert, bis Ende 2005 in Kraft.[11]

Arbeiterbewegung und soziale Frage

Die Industrialisierung schuf eine wachsende Arbeiterschaft.

Wohnungsnot, tiefe Löhne, lange Arbeitszeiten, Kinderarbeit und fehlende soziale Absicherung führten zu politischen Konflikten.

Arbeiter gründeten:

  • Bildungsvereine;
  • Gewerkschaften;
  • Konsumvereine;
  • Krankenkassen;
  • Genossenschaften;
  • sozialdemokratische Organisationen.

Die Fabrikgesetzgebung beschränkte schrittweise Arbeitszeiten und Kinderarbeit.

Die Stadt Zürich und Industrieorte wie Winterthur, Oerlikon, Rüti und Uster entwickelten sich zu Zentren der Arbeiterbewegung.

Urbanisierung

Die Stadt Zürich wuchs im späten 19. Jahrhundert weit über ihre historischen Grenzen hinaus.

1893 wurden elf Vorortsgemeinden mit der Stadt vereinigt. Dazu gehörten Aussersihl, Enge, Fluntern, Hirslanden, Hottingen, Oberstrass, Riesbach, Unterstrass, Wiedikon, Wipkingen und Wollishofen.

1934 folgte eine zweite Eingemeindung mit Albisrieden, Altstetten, Höngg, Affoltern, Oerlikon, Schwamendingen, Seebach und Witikon.

Auch Winterthur und die Gemeinden im Limmattal, Glatttal und am Zürichsee wuchsen stark.

Die Entwicklung führte zu einem zusammenhängenden städtischen Raum, der sich zunehmend über Gemeindegrenzen erstreckte.

Politik im frühen 20. Jahrhundert

1916 wurde für die Wahl des Kantonsrats das Verhältniswahlverfahren eingeführt.

Dadurch konnten Sozialdemokraten, Bauernparteien und weitere politische Kräfte ihre Wähleranteile besser in Mandate umsetzen.

Die Zahl der Mitglieder des Kantonsrats wurde 1934 auf 180 festgelegt.[12]

Der Landesstreik von 1918 wurde in Zürich stark unterstützt. Militär sicherte wichtige Einrichtungen, während Arbeiter unter anderem kürzere Arbeitszeiten, soziale Reformen und das Frauenstimmrecht forderten.

Zwischenkriegszeit

Die Weltwirtschaftskrise traf den exportorientierten Kanton schwer.

Textil-, Maschinen- und Bauindustrie verloren Aufträge. Die Arbeitslosigkeit stieg, und zahlreiche Unternehmen gerieten in Schwierigkeiten.

Politische Auseinandersetzungen zwischen Sozialdemokraten, Bürgerlichen, Kommunisten und rechtsextremen Gruppen verschärften sich.

Die Stadt Zürich wurde zeitweise von einer sozialdemokratisch geprägten Regierung geführt und erhielt den Beinamen «Rotes Zürich».

Gleichzeitig entstanden kommunale Wohnsiedlungen, soziale Einrichtungen und moderne Infrastrukturen.

Zweiter Weltkrieg

Während des Zweiten Weltkriegs wurden zahlreiche Zürcher zum Aktivdienst eingezogen.

Der Kanton war ein wichtiges Zentrum für:

  • Rüstungs- und Maschinenindustrie;
  • Finanzwirtschaft;
  • Versorgung;
  • Verkehr;
  • militärische Organisation;
  • Aufnahme von Flüchtlingen.

Lebensmittel und Treibstoffe wurden rationiert. Landwirtschaftliche Flächen wurden im Rahmen des Plan Wahlen intensiver genutzt.

Die Flüchtlingspolitik und die wirtschaftlichen Beziehungen zu den kriegführenden Staaten wurden später kritisch untersucht.

Der Kanton blieb von direkten Kriegshandlungen weitgehend verschont, obwohl es einzelne Verletzungen des Luftraums und irrtümliche Bombenabwürfe gab.

Nachkriegszeit

Nach 1945 setzte ein starkes Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum ein.

Ausländische Arbeitskräfte kamen insbesondere aus Italien, Spanien, Portugal, dem ehemaligen Jugoslawien und später aus weiteren Ländern.

Neue Wohngebiete entstanden im:

  • Glatttal;
  • Limmattal;
  • Zürcher Oberland;
  • Knonaueramt;
  • Unterland;
  • Raum Winterthur;
  • Gebiet entlang des Zürichsees.

Der steigende Wohlstand förderte Automobilverkehr, Eigenheimbau, Konsum und den Ausbau öffentlicher Einrichtungen.

Flughafen Zürich

Der zivile Flugverkehr konzentrierte sich zunächst auf den Flugplatz Dübendorf.

1948 wurde der neue interkontinentale Flughafen bei Kloten eröffnet. Er entwickelte sich zum grössten Flughafen der Schweiz.

Der Flughafen stärkte Zürich als internationalen Wirtschafts- und Dienstleistungsstandort.

Sein Ausbau führte zugleich zu langjährigen Konflikten über Fluglärm, Raumplanung, Umweltschutz und die Beziehungen zu den Nachbarkantonen und zu Deutschland.

Strukturwandel

Seit den 1960er- und 1970er-Jahren verlor die traditionelle Textilindustrie stark an Bedeutung.

Auch Maschinen- und Metallunternehmen bauten Arbeitsplätze ab, wurden umstrukturiert oder verlagerten ihre Produktion.

Gleichzeitig wuchsen:

  • Banken und Versicherungen;
  • Handel;
  • Unternehmensberatung;
  • Informatik;
  • Gesundheitswesen;
  • Bildung und Forschung;
  • Flughafenwirtschaft;
  • Medien;
  • internationale Dienstleistungen.

Zürich entwickelte sich von einem Industrie- zu einem Dienstleistungs- und Wissenskanton.

Industriegebiete in Zürich-West, Oerlikon, Winterthur und weiteren Gemeinden wurden zu Wohn-, Büro-, Bildungs- und Kulturquartieren umgebaut.

Frauenstimmrecht

Die Einführung des Frauenstimmrechts scheiterte im Kanton Zürich mehrfach.

1969 erhielten die Gemeinden die Möglichkeit, das Frauenstimmrecht für kommunale Angelegenheiten einzuführen.

Am 15. November 1970 stimmten die Zürcher Männer dem kantonalen Frauenstimm- und Wahlrecht zu.

Bei den Kantonsratswahlen von 1971 wurden erstmals Frauen in das Parlament gewählt.[12]

Die politische Gleichstellung entwickelte sich danach schrittweise weiter. Frauen übernahmen Ämter in Gemeinderäten, Kantonsrat, Regierungsrat, Gerichten und Verwaltung.

Umwelt- und Verkehrsfragen

Das starke Wachstum führte seit der Nachkriegszeit zu Belastungen von Luft, Wasser, Boden und Landschaft.

See- und Flusswasser waren durch Abwässer und Nährstoffe verschmutzt. Der Ausbau von Kläranlagen verbesserte die Wasserqualität seit den 1960er-Jahren erheblich.

Neue politische Bewegungen setzten sich gegen:

  • Autobahnprojekte;
  • Zersiedelung;
  • Kernkraftwerke;
  • Waldsterben;
  • Gewässerverschmutzung;
  • Verlust von Natur- und Kulturlandschaften ein.

1981 bewilligte das Zürcher Volk einen Kredit von 523 Millionen Franken für den Aufbau der S-Bahn.

Am 27. Mai 1990 nahm die S-Bahn Zürich ihren Betrieb auf. Sie wurde zu einem wichtigen Element der kantonalen Siedlungs- und Verkehrsentwicklung.[11]

Jugendunruhen von 1980

Im Mai 1980 kam es in der Stadt Zürich zu Jugendprotesten.

Auslöser waren unter anderem hohe öffentliche Ausgaben für das Opernhaus und das Fehlen selbstverwalteter Räume für alternative Kultur.

Die Bewegung forderte:

  • autonome Kulturzentren;
  • Freiräume;
  • eine andere Kulturpolitik;
  • weniger polizeiliche Kontrolle;
  • gesellschaftliche Mitbestimmung.

Die Auseinandersetzungen führten zu Demonstrationen, Strassenschlachten und politischen Debatten.

Das Autonome Jugendzentrum wurde mehrfach geöffnet und geschlossen. Die Bewegung beeinflusste die Zürcher Kulturpolitik nachhaltig.

Neue Kantonsverfassung

Die Verfassung von 1869 war im Verlauf von mehr als einem Jahrhundert durch zahlreiche Einzelrevisionen verändert worden.

1999 beschlossen die Stimmberechtigten die Einleitung einer Totalrevision. Im Jahr 2000 wurde ein hundertköpfiger Verfassungsrat gewählt.

Am 27. Februar 2005 nahm das Volk den neuen Verfassungsentwurf mit 185'728 Ja- gegen 103'368 Nein-Stimmen an.

Die neue Verfassung trat am 1. Januar 2006 in Kraft.[13]

Sie enthält unter anderem:

  • einen modernen Grundrechtskatalog;
  • Bestimmungen über soziale Ziele;
  • Regeln für nachhaltige Entwicklung;
  • eine systematische Ordnung der Volksrechte;
  • Bestimmungen über Kanton, Gemeinden und Kirchen;
  • klare Grundlagen für Behörden und Gerichte;
  • das Öffentlichkeitsprinzip;
  • Anerkennung jüdischer Gemeinden.

Die direktdemokratische Grundordnung von 1869 blieb erhalten.

Der Kanton im 21. Jahrhundert

Der Kanton Zürich ist heute der bevölkerungsreichste und wirtschaftlich stärkste Kanton der Schweiz.

Die historische Trennung zwischen Stadt und Landschaft besteht politisch nicht mehr. Unterschiede zwischen urbanen, suburbanen und ländlichen Gebieten beeinflussen jedoch weiterhin Abstimmungen, Wahlen und Raumplanung.

Zu den prägenden Themen gehören:

  • Bevölkerungswachstum;
  • Wohnungsbau und Bodenpreise;
  • Ausbau des öffentlichen Verkehrs;
  • Flughafenpolitik;
  • Digitalisierung;
  • Klimaschutz;
  • Energieversorgung;
  • Integration;
  • Verhältnis zwischen Kanton und Gemeinden;
  • Schutz historischer Ortsbilder und Landschaften;
  • internationale Wettbewerbsfähigkeit.

Die Wirtschaft stützt sich auf Finanzdienstleistungen, Industrie, Forschung, Bildung, Gesundheitswesen, Handel, Logistik, Medien, Informatik und zahlreiche kleine und mittlere Unternehmen.

Universität Zürich, ETH Zürich, Fachhochschulen und Forschungsinstitutionen machen den Kanton zu einem bedeutenden Wissenschaftsstandort.

Entwicklung der Staatsordnung

Politische Grundordnungen
Zeitraum Staatsform Kennzeichen
bis 1218 Herrschaftsgebiet im Heiligen Römischen Reich Einfluss von Herzögen, Grafen, Klöstern und Stiften
1218–1336 Reichsstadt Wachsende Selbstständigkeit der Stadt Zürich
1336–1798 Zunftgeprägter Stadtstaat Städtische Herrschaft über die Landschaft
1798–1803 Teil der Helvetischen Republik Zentralstaat, rechtliche Gleichstellung von Stadt und Land
1803–1814 Mediationskanton Föderalistische Ordnung und moderner kantonaler Behördenaufbau
1814–1831 Restaurationskanton Erneute politische Bevorzugung der Stadt und wohlhabender Gruppen
1831–1869 Liberaler Repräsentativstaat Rechtsgleichheit, Gewaltentrennung und Ausbau von Bildung und Verwaltung
1869–2005 Direktdemokratischer Kanton Referendum, Initiative und direkte Wahl der Regierung
seit 2006 Kanton nach der neuen Verfassung Moderne Grundrechte und Fortführung der direkten Demokratie

Historische Landschaften

Die Geschichte verlief innerhalb des Kantons nicht überall gleich.

Historische Teilräume
Gebiet Historische Merkmale
Stadt Zürich Politisches Zentrum, Reichsstadt, Reformationsstadt und später Finanz- und Dienstleistungszentrum
Winterthur Kyburgisch-habsburgische Stadt, seit 1467 zürcherisch und später bedeutendes Industriezentrum
Zürcher Oberland Kloster- und Herrschaftsgebiete, textile Heimindustrie und frühe Fabrikindustrialisierung
Zürcher Weinland Landwirtschaft, Weinbau, Rheinverkehr und verschiedene geistliche Grundherrschaften
Zürcher Unterland Landwirtschaft, Marktorte, Verkehrswege und spätere Flughafenregion
Knonaueramt Landwirtschaftlich geprägte Region mit engen Beziehungen zu Zug und Luzern
Zürichsee Weinbau, Schifffahrt, Heimindustrie, frühe politische Opposition und spätere Wohnregion
Limmattal Verkehrsachse, römische Besiedlung, Industrie und starkes Wachstum im 20. Jahrhundert
Glatttal Landwirtschaftliche Ebene, Industrialisierung, Flughafenwirtschaft und moderne Agglomeration

Erinnerungskultur und Forschung

Die Geschichte des Kantons wird durch zahlreiche Institutionen erforscht und vermittelt.

Dazu gehören:

  • Staatsarchiv des Kantons Zürich;
  • Kantonsarchäologie;
  • Zentralbibliothek Zürich;
  • Schweizerisches Nationalmuseum;
  • Stadtarchive und Gemeindearchive;
  • Universität Zürich;
  • lokale Museen und historische Gesellschaften;
  • Zürcher Taschenbuch;
  • Historisches Lexikon der Schweiz.

Das Staatsarchiv bewahrt Unterlagen der kantonalen Behörden und ihrer Vorgängerinstitutionen auf. Seine Bestände reichen bis ins Mittelalter zurück.

Archäologische Fundstellen, Burgen, Klöster, Kirchen, Fabriken, Arbeiterhäuser, Verkehrsanlagen und historische Ortsbilder dokumentieren die unterschiedlichen Epochen.

Zeittafel

Wichtige Ereignisse
Zeitraum oder Jahr Ereignis
ab dem 5. Jahrtausend v. Chr. Bäuerliche Seeufersiedlungen entstehen an Zürich-, Greifen- und Pfäffikersee.
1. Jahrhundert v. Chr. Eingliederung des Gebiets in das Römische Reich.
1.–4. Jahrhundert Entwicklung von Turicum, Vitudurum und zahlreichen römischen Gutshöfen.
5.–7. Jahrhundert Alemannische Besiedlung und Eingliederung in das Frankenreich.
853 Gründung des Fraumünsterstifts durch Ludwig den Deutschen.
1218 Zürich wird reichsunmittelbar.
1336 Rudolf Brun führt die Zunftverfassung ein.
1. Mai 1351 Zürich tritt der Eidgenossenschaft bei.
1402–1496 Die Stadt erwirbt zahlreiche Herrschaften und baut ihr Territorium aus.
1436–1450 Alter Zürichkrieg.
1467 Winterthur gelangt an Zürich.
1489 Waldmannhandel und Hinrichtung Hans Waldmanns.
1519 Huldrych Zwingli beginnt seine Tätigkeit am Grossmünster.
1523 Zürcher Disputationen leiten die staatliche Durchführung der Reformation ein.
1527 Hinrichtung des Täufers Felix Manz.
1531 Zürcher Niederlage im Zweiten Kappelerkrieg; Tod Zwinglis.
1794–1795 Stäfnerhandel.
1798 Ende des Zürcher Stadtstaats und Eingliederung in die Helvetische Republik.
1799 Erste und Zweite Schlacht bei Zürich.
1803 Mediationsakte und Beginn des modernen Kantonsaufbaus.
1804 Gründung des kantonalen Landjägerkorps.
1814 Restaurationsverfassung.
22. November 1830 Ustertag.
10. März 1831 Erlass der liberalen Kantonsverfassung.
1832 Unterrichtsgesetz und Aufbau der modernen Volksschule.
1833 Gründung der Universität Zürich.
6. September 1839 Züriputsch.
1847 Eröffnung der Spanisch-Brötli-Bahn.
1848 Zürich wird Gliedstaat des neuen schweizerischen Bundesstaats.
1850er-Jahre Rascher Ausbau des Eisenbahnnetzes und der Fabrikindustrie.
18. April 1869 Annahme der demokratischen Kantonsverfassung.
1893 Erste grosse Eingemeindung in die Stadt Zürich.
1916 Einführung des Verhältniswahlrechts für den Kantonsrat.
1918 Landesstreik und soziale Auseinandersetzungen.
1934 Zweite Zürcher Eingemeindung; Festlegung des Kantonsrats auf 180 Sitze.
1939–1945 Aktivdienst und Kriegswirtschaft während des Zweiten Weltkriegs.
1948 Eröffnung des Flughafens Zürich bei Kloten.
15. November 1970 Annahme des kantonalen Frauenstimm- und Wahlrechts.
1980 Zürcher Jugendunruhen.
1990 Inbetriebnahme der Zürcher S-Bahn.
27. Februar 2005 Annahme der neuen Kantonsverfassung.
1. Januar 2006 Inkrafttreten der heutigen Kantonsverfassung.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Zürich (Kanton), in: Historisches Lexikon der Schweiz, abgerufen am 23. Juli 2026.
  2. Vom Fischernetz zur Sandale: Gewebe und Geflechte der Pfahlbauer, Kanton Zürich, abgerufen am 23. Juli 2026.
  3. Neue archäologische Erkenntnisse zum römischen Oberwinterthur, Kanton Zürich, abgerufen am 23. Juli 2026.
  4. Das Knonaueramt war zu römischer Zeit dichter besiedelt als bislang angenommen, Kanton Zürich, 16. Juli 2026.
  5. Die Reformation wirkt weiter, Kanton Zürich, abgerufen am 23. Juli 2026.
  6. Actum 1803 – Der moderne Kanton Zürich wird geboren, Staatsarchiv des Kantons Zürich, abgerufen am 23. Juli 2026.
  7. Vor 175 Jahren: Totale Erneuerung des Kantons Zürich, Kanton Zürich, abgerufen am 23. Juli 2026.
  8. «Die Schule lebt!» – 175 Jahre Zürcher Volksschule, Kanton Zürich, abgerufen am 23. Juli 2026.
  9. Züriputsch, in: Historisches Lexikon der Schweiz, abgerufen am 23. Juli 2026.
  10. Geschichte der Zürcher Seidenindustrie erforschen, Kanton Zürich, abgerufen am 23. Juli 2026.
  11. 11,0 11,1 Kleine Zürcher Verfassungsgeschichte 1218–2000, Staatsarchiv des Kantons Zürich, abgerufen am 23. Juli 2026.
  12. 12,0 12,1 Geschichtliches zum Kantonsrat, Kantonsrat Zürich, abgerufen am 23. Juli 2026.
  13. Neue Kantonsverfassung: Abschlussanlass des Verfassungsrates, Kanton Zürich, 15. Juni 2005.