Züriputsch

Aus Helvetia Wiki – Die Enzyklopädie der Schweiz

Züriputsch bezeichnet den bewaffneten politischen Umsturz vom 6. September 1839 im Kanton Zürich. Konservative Gegner der radikal-liberalen Kantonsregierung, vor allem aus der Zürcher Landschaft, zogen unter Führung des Pfarrers Bernhard Hirzel aus Pfäffikon ZH in die Stadt Zürich. Auf dem Münsterhof und in dessen Umgebung kam es zu einem bewaffneten Zusammenstoss mit Regierungstruppen. Dabei starben 14 Aufständische; der Regierungsrat und Arzt Johannes Hegetschweiler wurde tödlich verletzt und erlag drei Tage später seinen Verletzungen.[1]

Unmittelbarer Auslöser der Krise war der sogenannte Straussenhandel, der Konflikt um die Berufung des deutschen Theologen David Friedrich Strauss an die Universität Zürich. Die Auseinandersetzung wurde zum Kristallisationspunkt eines breiteren Konflikts zwischen den radikal-liberalen Reformern und konservativen, kirchlich geprägten Teilen der Bevölkerung.[2]

Der Züriputsch beendete vorläufig die politische Vorherrschaft der radikalen Reformer im Kanton Zürich. An ihre Stelle trat eine liberal-konservative Regierung. Die liberale Kantonsverfassung von 1831 wurde jedoch nicht aufgehoben.[3]

Züriputsch
Datum 6. September 1839
Ort Zürich, Kanton Zürich
Unmittelbarer Anlass Straussenhandel
Konflikt Konservative Opposition gegen die radikal-liberale Kantonsregierung
Führende Person der Aufständischen Bernhard Hirzel
Schauplätze Münsterhof, Poststrasse und Umgebung
Todesopfer 15
Politische Folge Sturz der radikal-liberalen Regierung
Nachfolgende Regierung liberal-konservatives «Septemberregime»

Politischer Hintergrund

Der Züriputsch ist im Zusammenhang mit der Regenerationszeit der Schweiz zu betrachten. Nach der französischen Julirevolution von 1830 kam es auch in mehreren Schweizer Kantonen zu liberalen politischen Bewegungen.

Im Kanton Zürich wurde die Forderung nach einer stärkeren politischen Beteiligung der Landbevölkerung insbesondere am Ustertag vom 22. November 1830 sichtbar. Die bisherige politische Vormachtstellung der Stadt Zürich wurde in Frage gestellt.

1831 erhielt der Kanton eine neue liberale Verfassung. Sie stärkte die Volkssouveränität und verbesserte die politische Vertretung der Landschaft.

Die neue politische Führung leitete in kurzer Zeit weitreichende Reformen ein. Dazu gehörten Veränderungen in Verwaltung, Wirtschaft, Verkehr und insbesondere im Bildungswesen.[4]

Die Modernisierung stiess jedoch nicht überall auf Zustimmung.

Stadt und Landschaft

Die politischen Konflikte des frühen 19. Jahrhunderts können nicht einfach als Gegensatz zwischen der Stadt Zürich und der Landschaft verstanden werden. Sowohl in der Stadt als auch auf dem Land gab es Liberale und Konservative.

Dennoch spielten unterschiedliche soziale und wirtschaftliche Interessen eine wichtige Rolle.

Viele Angehörige des liberalen Bürgertums begrüssten wirtschaftliche Freiheit, Bildungsreformen und die Einschränkung traditioneller kirchlicher Einflüsse. Teile der ländlichen Bevölkerung betrachteten die schnellen Veränderungen dagegen mit Misstrauen.

Kleinbauern, Heimarbeiter und andere Bevölkerungsgruppen standen teilweise unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. Gleichzeitig verloren traditionelle Autoritäten und kirchliche Institutionen Einfluss.

Der politische Konflikt verband deshalb religiöse, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Fragen miteinander.

Bildungsreformen

Besonders umstritten war die Reform des Schulwesens.

Die liberalen Politiker betrachteten Bildung als zentrale Voraussetzung für eine moderne Gesellschaft. Der Staat übernahm zunehmend Aufgaben, die zuvor stark von der reformierten Kirche geprägt worden waren.

1832 wurde ein Lehrerseminar in Küsnacht gegründet. Es sollte professionell ausgebildete Volksschullehrer hervorbringen.

1833 folgte die Gründung der Universität Zürich. Sie war die erste Universität Europas, die nicht von einem Fürsten oder einer Kirche, sondern von einem demokratisch organisierten Staat gegründet wurde.

Die Veränderungen bedeuteten zugleich eine Schwächung der traditionellen Rolle der Geistlichen im Bildungswesen.

Für konservative Kreise wurde die Schulpolitik deshalb zu einem Symbol einer aus ihrer Sicht zu weit gehenden Säkularisierung.

David Friedrich Strauss

David Friedrich Strauss war ein deutscher evangelischer Theologe, Philosoph und Schriftsteller.

Besonders bekannt wurde er durch sein Werk Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet, das 1835 und 1836 in zwei Bänden erschien.

Strauss untersuchte die Evangelien mit historisch-kritischen Methoden. Zahlreiche biblische Erzählungen deutete er nicht als unmittelbar historische Berichte, sondern als mythologische Überlieferungen.

Diese Position löste im deutschsprachigen Protestantismus heftige Kontroversen aus.

Für Vertreter einer traditionellen Bibelauslegung stellte Strauss' Theologie einen fundamentalen Angriff auf zentrale Grundlagen des christlichen Glaubens dar.

Berufung an die Universität Zürich

Am 26. Januar 1839 berief der Zürcher Erziehungsrat Strauss zum Professor für Dogmatik und Kirchengeschichte an die Universität Zürich.[2]

Die Entscheidung war wissenschaftspolitisch motiviert. Die junge Universität wollte sich als moderne Hochschule etablieren und international profilierte Wissenschaftler gewinnen.

Politisch erwies sich die Berufung jedoch als ausserordentlich folgenreich.

Unmittelbar nach Bekanntwerden der Entscheidung entstand eine breite Protestbewegung.

Pfarrer, konservative Politiker und andere Gegner der liberalen Regierung warnten vor einer Gefährdung des reformierten Glaubens.

Die Kontroverse wurde als Straussenhandel bekannt.

Widerstand gegen Strauss

In zahlreichen Gemeinden fanden Versammlungen statt. Petitionen und Erklärungen gegen die Berufung wurden verbreitet.

Der Widerstand richtete sich bald nicht mehr allein gegen Strauss.

Die Auseinandersetzung entwickelte sich zu einer grundsätzlichen Kritik an der gesamten liberalen Reformpolitik.

Die Regierung wurde von ihren Gegnern beschuldigt, Religion und Kirche zu missachten und die gesellschaftliche Ordnung zu gefährden.

Ein kantonales Glaubenskomitee koordinierte einen Teil des Widerstands. Zu den führenden Vertretern der Bewegung gehörte Johann Jakob Hürlimann.[5]

Die Opposition verfügte über lokale Komitees und konnte dadurch grosse Teile der Landschaft mobilisieren.

Pensionierung von Strauss

Angesichts des starken politischen Drucks gab die Regierung schliesslich nach.

Strauss wurde noch vor seinem Amtsantritt pensioniert.[6]

Damit war der unmittelbare Gegenstand des Straussenhandels eigentlich beseitigt.

Die politische Krise endete jedoch nicht.

Die konservative Opposition hatte inzwischen eine Organisationsstruktur aufgebaut und die Auseinandersetzung auf grundsätzliche Fragen der Regierungspolitik ausgeweitet.

Die Berufung von Strauss war damit weniger die alleinige Ursache des Züriputschs als vielmehr der Auslöser, an dem sich bereits bestehende gesellschaftliche Spannungen entzündeten.

Bernhard Hirzel

Eine zentrale Rolle bei den Ereignissen spielte der Pfarrer und Orientalist Bernhard Hirzel.

Hirzel war seit 1838 Pfarrer in Pfäffikon ZH und wurde am 6. September 1839 zum Anführer des Zuges aus dem Zürcher Oberland in die Hauptstadt.[7]

Bemerkenswert ist, dass Hirzel ursprünglich selbst dem gebildeten akademischen Umfeld angehörte und zuvor an der Universität Zürich tätig gewesen war.

Im Verlauf des Straussenhandels stellte er sich jedoch auf die Seite der konservativen Protestbewegung.

Gerüchte über militärische Hilfe

Anfang September 1839 verschärfte sich die Lage.

Auf der Landschaft verbreiteten sich Gerüchte, wonach die Zürcher Regierung militärische Unterstützung aus anderen liberal regierten Kantonen anfordern wolle.

Insbesondere eine mögliche Intervention bernischer Truppen wurde befürchtet.

Die Regierung versuchte, solche Befürchtungen zu zerstreuen. Dennoch verstärkten die Meldungen die Überzeugung vieler Regierungsgegner, rasch handeln zu müssen.[4]

Am 5. September begann sich im Zürcher Oberland eine bewaffnete Protestbewegung zu formieren.

Marsch auf Zürich

Unter der Führung Bernhard Hirzels machten sich Bewohner verschiedener Gemeinden auf den Weg nach Zürich.

Der Zug wuchs unterwegs auf ungefähr 1500 bis 2000 Personen an.[4]

Die Bewaffnung war uneinheitlich.

Ein Teil der Teilnehmer verfügte über Gewehre. Andere führten ältere Waffen, Morgensterne, Hellebarden, Sensen, Mistgabeln, Dreschflegel oder einfache Stöcke mit sich.

Religiöse Elemente spielten beim Marsch eine deutlich sichtbare Rolle. Die Teilnehmer sangen Kirchenlieder und verstanden ihren Protest teilweise als Verteidigung des überlieferten Glaubens.

Am Morgen des 6. September erreichten sie Zürich.

Reaktion der Regierung

Die Kantonsregierung war über die Mobilisierung informiert und bereitete sich auf die Ankunft des Landvolks vor.

Militär wurde aufgeboten, um die Regierung und wichtige Gebäude zu schützen.

Gleichzeitig versuchten Regierungsvertreter, mit den Demonstrierenden zu verhandeln und einen gewaltsamen Zusammenstoss zu verhindern.

Die Lage war jedoch unübersichtlich.

Die politische Autorität der Regierung war bereits stark geschwächt, und auch innerhalb der liberalen Seite bestanden unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie auf den Protest reagiert werden sollte.

Münsterhof

Ein zentraler Schauplatz wurde der Münsterhof in der Zürcher Altstadt.

Die Demonstrierenden gelangten in das Stadtzentrum und trafen dort auf bewaffnete Regierungstruppen.

Die Regierung hielt sich im nahe gelegenen Postgebäude auf.

Auf dem Münsterhof und in der Poststrasse kam es am Morgen des 6. September zu einer zunehmend angespannten Konfrontation.[1]

Schliesslich fielen Schüsse.

Wie bei vielen unübersichtlichen Strassenkämpfen ist die genaue Verantwortung für die ersten Schüsse historisch nicht in allen Einzelheiten eindeutig festzustellen.

Die Situation eskalierte rasch.

Gefecht

Infanteristen der Regierung eröffneten das Feuer auf Teile der Menge, während berittene Truppen gegen die Aufständischen vorgingen.

Der eigentliche Kampf dauerte vergleichsweise kurz, hatte jedoch schwere Folgen.

Vierzehn Angehörige der Protestbewegung wurden getötet.[1]

Weitere Personen wurden verletzt.

Die Ereignisse machten deutlich, dass die politische Auseinandersetzung, die ursprünglich mit Petitionen, Versammlungen und theologischen Debatten begonnen hatte, in offene Gewalt umgeschlagen war.

Johannes Hegetschweiler

Das bekannteste Opfer auf Seiten der Regierung war der Arzt, Naturforscher und Regierungsrat Johannes Hegetschweiler.

Hegetschweiler war ein gemässigter Liberaler und hatte selbst Bedenken gegen die Berufung von David Friedrich Strauss geäussert.[8]

Während des Konflikts versuchte er zu vermitteln.

Er sollte einen Befehl zur Einstellung des Feuers überbringen, wurde jedoch von einer Schrotladung getroffen.[1]

Hegetschweiler erlitt schwere Kopfverletzungen und starb am 9. September 1839.

Damit erhöhte sich die Zahl der Todesopfer des Züriputschs auf 15.

Zusammenbruch der Regierung

Nach dem bewaffneten Zusammenstoss zerfiel die Handlungsfähigkeit der radikal-liberalen Kantonsregierung.

Mehrere Regierungsmitglieder verliessen Zürich.

Die politische Führung des Kantons war damit faktisch zusammengebrochen.[4]

In dieser Situation übernahm der Zürcher Stadtpräsident und Offizier Paul Karl Eduard Ziegler eine wichtige Rolle.

Ziegler bemühte sich, die Ordnung in der Stadt wiederherzustellen und weitere Kämpfe zu verhindern.

Provisorischer Staatsrat

Unter Zieglers Mitwirkung wurde ein provisorischer Staatsrat gebildet.[9]

In der neuen politischen Führung waren sowohl bisherige Regierungsmitglieder als auch Vertreter der Opposition vertreten.

Damit gelang den konservativen Kräften ein grundlegender politischer Machtwechsel, ohne dass die staatliche Ordnung vollständig zusammenbrach.

Die neue Regierung bemühte sich insbesondere darum, gegenüber den übrigen eidgenössischen Kantonen den Eindruck eines verfassungsmässigen Übergangs zu vermitteln.

Fortbestand der Verfassung

Von grosser Bedeutung war, dass die liberale Kantonsverfassung von 1831 nicht aufgehoben wurde.

Das Stadtarchiv Zürich hält ausdrücklich fest, dass die Regenerationsverfassung trotz des Züriputschs unverändert bestehen blieb.[3]

Der Umsturz war deshalb kein vollständiger Bruch mit der politischen Ordnung von 1831.

Stattdessen wurden Regierung und politische Mehrheiten innerhalb des bestehenden verfassungsrechtlichen Rahmens verändert, auch wenn einzelne Schritte der neuen Führung verfassungsrechtlich umstritten waren.

Neuwahlen

Nach dem Sturz der Regierung wurde der Grosse Rat neu gewählt.

Die Wahlen führten zu einer deutlichen Stärkung konservativer und gemässigter Kräfte.

Damit begann eine politische Phase, die häufig als Septemberregime bezeichnet wird.

Die neue Führung korrigierte verschiedene Elemente der radikal-liberalen Politik, beseitigte jedoch nicht sämtliche Reformen der 1830er Jahre.

Zürich kehrte somit nicht einfach zur politischen Ordnung vor 1830 zurück.

Septemberregime

Das Septemberregime war konservativer als die vorherige Regierung, blieb aber innerhalb der seit der Regeneration geschaffenen Staatsordnung.

Religion und Kirche erhielten politisch wieder grösseres Gewicht.

Gleichzeitig bestanden wesentliche Errungenschaften der liberalen Verfassungsordnung weiter.

Der Züriputsch zeigt deshalb, dass die politischen Lager dieser Zeit nicht mit späteren Parteistrukturen gleichgesetzt werden können.

Zwischen radikalen Liberalen, gemässigten Liberalen, konservativen Bürgerlichen, kirchlichen Kräften und ländlichen Protestbewegungen bestanden zahlreiche Überschneidungen.

Rückkehr der Liberalen

Die konservative Vorherrschaft erwies sich nicht als dauerhaft.

In den 1840er Jahren verschärften sich die politischen Gegensätze in der gesamten Schweiz erneut.

Auch im Kanton Zürich gewannen liberale Kräfte wieder an Unterstützung.

1845 gelangten die Liberalen erneut an die politische Macht.

Der Züriputsch war damit keine dauerhafte konservative Restauration, sondern eine wichtige Zwischenphase in der politischen Entwicklung des Kantons.

Einordnung in die Schweizer Geschichte

Der Züriputsch war Teil der tiefen politischen und konfessionellen Spannungen in der Schweiz während der Regenerationszeit.

Liberale Kantone strebten nach einer stärkeren Modernisierung und teilweise nach einer engeren eidgenössischen Zusammenarbeit.

Konservative Kräfte wollten dagegen kantonale Souveränität, traditionelle gesellschaftliche Strukturen und den Einfluss der Kirchen stärker bewahren.

Ähnliche Konflikte zeigten sich in anderen Kantonen.

Die Spannungen kulminierten 1847 im Sonderbundskrieg.

Ein Jahr später wurde mit der Bundesverfassung von 1848 der moderne schweizerische Bundesstaat geschaffen.

Religion und Politik

Der Züriputsch zeigt besonders deutlich, wie eng Religion und Politik im frühen 19. Jahrhundert miteinander verbunden waren.

Die Berufung eines einzelnen Theologieprofessors konnte eine kantonale Regierung zu Fall bringen, weil sich an dieser Entscheidung grundsätzliche Fragen entzündeten.

Für die Liberalen stand die wissenschaftliche Freiheit einer modernen Universität im Vordergrund.

Für viele Gegner von Strauss ging es dagegen um den Schutz des christlichen Glaubens und um die Frage, ob ein Staat einen Theologen anstellen dürfe, dessen Ansichten von einem grossen Teil der reformierten Bevölkerung als mit der Bibel unvereinbar angesehen wurden.

Der Konflikt war daher zugleich ein Streit um die Grenzen staatlicher Macht, wissenschaftlicher Freiheit und kirchlicher Tradition.

Bedeutung für die Universität Zürich

Die Universität Zürich war 1839 erst sechs Jahre alt.

Der Straussenhandel brachte die junge Hochschule in eine schwere politische Krise.

Nach der erzwungenen Pensionierung von Strauss wurde im Grossen Rat sogar über die Zukunft der Universität diskutiert.[6]

Die Hochschule bestand jedoch weiter.

Langfristig entwickelte sie sich zu einer der bedeutendsten Universitäten der Schweiz.

Die Ereignisse von 1839 blieben besonders für ihre Theologische Fakultät ein prägendes Kapitel der Institutionengeschichte.

Bedeutung für die politische Kultur

Der Züriputsch war auch ein Beispiel für die Schwierigkeiten der frühen demokratischen Staatsordnung.

Die Verfassung von 1831 hatte zwar die politische Beteiligung erweitert, verfügte aber noch nicht über alle direktdemokratischen Instrumente, die später für den Kanton Zürich charakteristisch wurden.

Politische Konflikte wurden deshalb häufig durch Petitionen, Volksversammlungen und ausserparlamentarische Mobilisierung ausgetragen.

Im Züriputsch überschritt diese Mobilisierung die Grenze zur bewaffneten Gewalt.

Die spätere Entwicklung der direkten Demokratie kann auch als Versuch verstanden werden, politische Opposition stärker in institutionelle Entscheidungsverfahren einzubinden.

Das Wort «Putsch»

Der Züriputsch besitzt auch sprachgeschichtliche Bedeutung.

Das Wort Putsch stammt aus dem Schweizerdeutschen und bezeichnete ursprünglich unter anderem einen Stoss, Aufprall oder heftigen Zusammenprall.

Durch die Berichterstattung über die Zürcher Ereignisse von 1839 verbreitete sich der Ausdruck im weiteren deutschen Sprachraum als politische Bezeichnung für einen gewaltsamen Umsturz oder Umsturzversuch.[10]

Später wurde das Wort in zahlreiche weitere Sprachen übernommen.

Der Züriputsch gehört damit zu den seltenen historischen Schweizer Ereignissen, die einen international verbreiteten politischen Begriff geprägt beziehungsweise wesentlich zu seiner Verbreitung beigetragen haben.

Erinnerung

Die Ereignisse des 6. September 1839 blieben im kollektiven Gedächtnis Zürichs präsent.

Historische Darstellungen zeigen häufig den Zusammenstoss zwischen berittenen Regierungstruppen und der protestierenden Landbevölkerung im Bereich von Münsterhof und Paradeplatz.

Auch Johannes Hegetschweiler wurde als Vermittler gewürdigt, der beim Versuch, das Blutvergiessen zu beenden, tödlich verletzt wurde.[1]

Das Schweizerische Nationalmuseum besitzt mehrere Objekte und bildliche Darstellungen zum Züriputsch.[4]

Historische Darstellungen

Bereits im 19. Jahrhundert entstanden Lithografien, Erinnerungsblätter und Karikaturen zu den Ereignissen.

Besonders der Straussenhandel wurde von beiden politischen Lagern satirisch verarbeitet.

Liberale Darstellungen kritisierten den Einfluss konservativer Geistlicher und stellten Strauss teilweise als Vertreter von Wissenschaft und Aufklärung dar.

Konservative Darstellungen präsentierten den Widerstand dagegen als Verteidigung des christlichen Glaubens.

Diese Bildquellen geben Einblick in die starke politische Polarisierung der damaligen Zürcher Gesellschaft.

Bewertung

Die historische Bewertung des Züriputschs hat sich im Laufe der Zeit verändert.

Aus liberaler Sicht galt der 6. September 1839 lange als reaktionärer Angriff auf eine fortschrittliche Regierung.

Konservative Zeitgenossen betrachteten den Aufstand dagegen als legitimen Widerstand eines religiös und politisch missachteten Volkes.

Die neuere Geschichtsschreibung betrachtet das Ereignis stärker im Zusammenhang mit den sozialen und politischen Spannungen einer Gesellschaft, die sich in kurzer Zeit grundlegend modernisierte.

Der Straussenhandel war dabei ein wichtiger Auslöser, aber nicht die einzige Ursache.

Die Ereignisse spiegelten ebenso Konflikte über Bildung, politische Teilhabe, wirtschaftlichen Wandel, Religion und das Verhältnis zwischen staatlichen Reformern und Teilen der Bevölkerung wider.

Historische Bedeutung

Der Züriputsch gehört zu den bedeutenden politischen Konflikten des Kantons Zürich im 19. Jahrhundert.

Er zeigte die Grenzen der frühen liberalen Reformpolitik und führte zu einem vorübergehenden konservativen Machtwechsel.

Gleichzeitig blieb die Verfassungsordnung von 1831 bestehen.[3]

Der Züriputsch stoppte die politische und gesellschaftliche Modernisierung Zürichs deshalb nicht dauerhaft.

Wenige Jahre später waren liberale Kräfte wieder bestimmend, und 1848 wurde Zürich Teil des neuen schweizerischen Bundesstaates.

Die Ereignisse des 6. September 1839 sind heute sowohl ein wichtiges Kapitel der Geschichte des Kantons Zürich als auch ein Beispiel für die tiefen Konflikte, die die Entstehung der modernen Schweiz begleiteten.

Siehe auch

Literatur

  • Gottfried Guggenbühl: Ursachen, Verlauf und Nachwirkungen der Zürcher Septemberrevolution von 1839. In: Zürcher Taschenbuch, Band 38, Zürich 1915.
  • Wilhelm Meyer-Ott: Erlebnisse und Beobachtungen am 6. September 1839. In: Zürcher Taschenbuch, Band 33, Zürich 1910.
  • Konrad Schmid: Die Theologische Fakultät der Universität Zürich. Ihre Geschichte von 1833 bis 2015. Theologischer Verlag Zürich, Zürich 2015.
  • Züriputsch. 6. September 1839 – Sieg der gerechten Sache oder Septemberschande. Antiquarische Gesellschaft Pfäffikon und Paul-Kläui-Bibliothek Uster, Pfäffikon/Uster 1989.
  • Staatsarchiv des Kantons Zürich: Kleine Zürcher Verfassungsgeschichte 1218–2000. Chronos, Zürich 2000.

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 Stadt Zürich: Münsterhof – Aus der Geschichte des Münsterhofs, abgerufen am 9. August 2026.
  2. 2,0 2,1 Historisches Lexikon der Schweiz: «Straussenhandel», abgerufen am 9. August 2026.
  3. 3,0 3,1 3,2 Stadtarchiv Zürich: Züriputsch, Unruhen im September 1839, abgerufen am 9. August 2026.
  4. 4,0 4,1 4,2 4,3 4,4 Schweizerisches Nationalmuseum: «Züriputsch», aktualisiert am 17. Dezember 2025, abgerufen am 9. August 2026.
  5. Historisches Lexikon der Schweiz: «Hürlimann, Johann Jakob», abgerufen am 9. August 2026.
  6. 6,0 6,1 Universität Zürich: «Vom Züriputsch zur Religionspsychologie», 16. März 2016, abgerufen am 9. August 2026.
  7. Historisches Lexikon der Schweiz: «Hirzel, Bernhard», abgerufen am 9. August 2026.
  8. Historisches Lexikon der Schweiz: «Hegetschweiler, Johannes», abgerufen am 9. August 2026.
  9. Historisches Lexikon der Schweiz: «Ziegler, Paul Karl Eduard», abgerufen am 9. August 2026.
  10. Schweizerisches Idiotikon: «Putsch», abgerufen am 9. August 2026.

Wikimedia Commons Wikimedia Commons: Medien zu Züriputsch