Glatt (Rhein)

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Glatt
Gewässerkennzahl CH/-
Flusssystem Rhein
Abflussweg Rhein → Nordsee
Länge 38,5 km
Einzugsgebiet 417 km²
Mittlerer Abfluss rund 8,3 m³/s bei Rheinsfelden
Ursprung Ausfluss aus dem Greifensee
Quellhöhe rund 435 m ü. M.
Mündung bei Rheinsfelden in den Rhein
Mündungshöhe rund 335 m ü. M.
Höhenunterschied rund 100 m
Kanton Zürich
Durchflossene Region Glatttal, Zürcher Unterland
Wichtige Orte Schwerzenbach, Dübendorf, Wallisellen, Zürich, Opfikon, Rümlang, Oberglatt, Niederglatt, Höri, Hochfelden, Glattfelden
Wichtige Zuflüsse Chimlibach, Chriesbach, Leutschenbach, Himmelbach, Fischbach
Koordinaten der Mündung 47,574° N, 8,497° O

Die Glatt ist ein 38,5 Kilometer langer Fluss im Kanton Zürich. Sie verlässt den Greifensee an dessen nordwestlichem Ende, durchquert das nach ihr benannte Glatttal und das Zürcher Unterland und mündet bei Rheinsfelden auf dem Gemeindegebiet von Glattfelden von links in den Rhein. Ihr Einzugsgebiet umfasst rund 417 Quadratkilometer und damit fast ein Viertel der Fläche des Kantons Zürich.[1]

Die Glatt gehört zu den am stärksten durch Siedlungsentwicklung, Verkehr, Industrie und Wasserbau geprägten Flüssen der Schweiz. Im 19. Jahrhundert wurde sie auf langen Strecken begradigt, vertieft und kanalisiert, um Überschwemmungen zu verhindern und die ausgedehnten Moor- und Riedflächen des Glatttals landwirtschaftlich nutzbar zu machen. Seit dem späten 20. Jahrhundert stehen neben dem Hochwasserschutz zunehmend die Verbesserung der Wasserqualität, die ökologische Aufwertung und die Bedeutung des Flusses als Erholungsraum im Vordergrund.

Der Fluss gab zahlreichen Ortschaften und Einrichtungen ihren Namen. Dazu gehören Glattbrugg, Oberglatt, Niederglatt, Glattfelden, das Glattzentrum, die Glattalbahn und verschiedene regionale Organisationen. Das Glatttal zählt heute zu den am dichtesten besiedelten und wirtschaftlich dynamischsten Räumen der Schweiz.

Name

Der Gewässername «Glatt» ist im deutschsprachigen Raum mehrfach belegt. Er wird gewöhnlich mit einer ruhigen, gleichmässig fliessenden oder glänzenden Wasseroberfläche in Verbindung gebracht. Eine vollständig gesicherte sprachgeschichtliche Herleitung besteht jedoch nicht.

Zur Unterscheidung von anderen Flüssen gleichen Namens wird das Zürcher Gewässer gelegentlich als Glatt (Rhein) bezeichnet. Weitere Flüsse namens Glatt befinden sich unter anderem in den Kantonen St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden sowie in Süddeutschland.

Im lokalen Sprachgebrauch ist meist nur von «der Glatt» die Rede. Der Name wurde auf die gesamte Landschaft zwischen Greifensee und Rhein übertragen. Die Bezeichnung Glatttal umfasst dabei je nach geografischem, wirtschaftlichem oder planerischem Zusammenhang unterschiedlich weit abgegrenzte Gebiete.

Geografie

Ursprung am Greifensee

Die Glatt beginnt als Ausfluss des Greifensees zwischen den Gemeinden Fällanden und Schwerzenbach. Der Seespiegel liegt auf rund 435 Metern über Meer. Eine eigentliche Quelle besitzt der Fluss deshalb nicht.

Das Wasser des Greifensees stammt aus einem weit verzweigten Einzugsgebiet im Zürcher Oberland. Zu den bedeutendsten Zuflüssen des Sees gehören die Ustermer Aa, die vom Pfäffikersee herkommt, und die Mönchaltorfer Aa. Hydrologisch setzt die Glatt somit ein Gewässersystem fort, dessen oberste Zuflüsse weit östlich und südöstlich des Greifensees entspringen.

Der Abfluss des Greifensees wird durch ein Wehr reguliert. Damit können der Wasserstand des Sees und die in die Glatt abgegebene Wassermenge beeinflusst werden. Die Regulierung dient unter anderem dem Hochwasserschutz, der Sicherung eines ausreichenden Abflusses und dem Schutz der Ufer- und Naturräume.

Unmittelbar nach dem Seeausfluss fliesst die Glatt durch eine weitgehend flache Landschaft. Die Ufer werden hier von Wegen, Landwirtschaftsflächen, Verkehrswegen und Siedlungsgebieten begleitet.

Oberes Glatttal

Nach dem Verlassen des Greifensees erreicht die Glatt Schwerzenbach und anschliessend Dübendorf. In diesem Abschnitt münden mehrere Bäche aus den umliegenden Hügel- und Siedlungsgebieten.

In Dübendorf nimmt sie unter anderem den Chriesbach auf. Dieser entwässert Gebiete bei Volketswil, Wangen-Brüttisellen, Dietlikon und im östlichen Teil der Agglomeration Zürich. Seine Mündung wurde im Rahmen von Revitalisierungsprojekten ökologisch aufgewertet.[2]

Zwischen Dübendorf und Wallisellen durchquert die Glatt ein dicht bebautes Gebiet. Wohnquartiere, Gewerbezonen, ehemalige Industrieareale, Sportanlagen und Verkehrsinfrastrukturen reichen teilweise bis nahe an das Flussufer.

Auf dem ehemaligen Zwicky-Industrieareal zwischen Dübendorf und Wallisellen wurde ein rund 400 Meter langer, zuvor kanalisierter Abschnitt von 2022 bis 2023 revitalisiert. Harte Uferverbauungen wurden teilweise entfernt, das Flussbett abwechslungsreicher gestaltet und neue Zugänge zum Wasser geschaffen.[3]

Stadtgebiet von Zürich und Opfikon

Westlich von Wallisellen berührt die Glatt das Gebiet der Stadt Zürich. Sie durchfliesst beziehungsweise begrenzt Teile von Schwamendingen und liegt nahe den Quartieren Saatlen, Seebach und Oerlikon.

Im Gebiet Altried zwischen Zürich und Wallisellen wurde der zuvor begradigte Fluss von 2023 bis 2024 auf rund 700 Metern Länge naturnäher gestaltet. Die Ufer erhielten flachere Böschungen, Totholz, Wurzelstöcke und neue Pflanzungen. Gleichzeitig entstanden Wege, Sitzgelegenheiten und Zugänge für Erholungssuchende.[4]

Danach erreicht die Glatt das Gemeindegebiet von Opfikon. Der Ortsteil Glattbrugg trägt seinen Namen nach einer historischen Brücke über den Fluss. In diesem stark urbanisierten Abschnitt mündet unter anderem der Leutschenbach in die Glatt.

Die Umgebung wird von Wohn- und Geschäftsgebieten, Eisenbahnlinien, der Glattalbahn, Autobahnen und der Nähe zum Flughafen Zürich geprägt. Der Fluss bildet hier einen wichtigen, aber räumlich begrenzten Natur- und Erholungskorridor.

Mittleres Glatttal

Nördlich von Opfikon fliesst die Glatt zwischen Kloten und Rümlang weiter. Der Fluss verläuft in der Nähe des Flughafengeländes, ohne dessen zentrale Anlagen zu durchqueren.

Das Gelände wird flacher und teilweise wieder stärker landwirtschaftlich genutzt. Gleichzeitig bestehen grosse Gewerbe- und Logistikgebiete sowie Verkehrsinfrastrukturen. Mehrere kleinere Bäche und Entwässerungsgräben führen der Glatt Wasser aus dem Flughafenraum und den umliegenden Gemeinden zu.

Bei Rümlang, Oberglatt und Niederglatt folgt der Fluss über längere Strecken einem auffallend geraden, künstlich geschaffenen Bett. Dieser Verlauf ist ein Ergebnis der Glattkorrektionen des 19. Jahrhunderts.

In Oberglatt nimmt die Glatt unter anderem den Himmelbach auf, der aus dem Raum Kloten herkommt. Weiter nördlich münden der Fischbach und verschiedene kleinere Entwässerungsgewässer aus dem Zürcher Unterland.

Unterlauf

Unterhalb von Niederglatt durchquert oder berührt die Glatt die Gemeinden Höri, Hochfelden und Glattfelden. Die Siedlungsdichte nimmt gegenüber dem mittleren Glatttal ab, und der Fluss wird stärker von Landwirtschaftsflächen, Wald und kleineren Ortschaften begleitet.

Zwischen Hochfelden und Glattfelden wird das Tal enger. Die Glatt schneidet sich zunehmend in das Gelände ein und verliert auf den letzten Kilometern einen beträchtlichen Teil ihres Höhenunterschieds.

Im Gemeindegebiet von Glattfelden überwindet sie auf rund fünf Kilometern etwa 60 Höhenmeter. Dieser vergleichsweise steile Abschnitt wurde früher intensiv zur Gewinnung von Wasserkraft genutzt. Wehre, Kanäle und ehemalige Gewerbeanlagen zeugen von dieser Nutzung.

Bei Rheinsfelden mündet die Glatt auf ungefähr 335 Metern über Meer von links in den Hochrhein. Der Mündungsbereich wurde im Zusammenhang mit dem Bau des Kraftwerks Eglisau-Glattfelden und dem Aufstau des Rheins verändert.

Einzugsgebiet

Das Einzugsgebiet der Glatt umfasst rund 417 Quadratkilometer. Es reicht vom Zürcher Oberland über den Greifensee und die dicht besiedelte Agglomeration im Glatttal bis in das Zürcher Unterland.[1]

Zu den höher gelegenen Randgebieten gehören Teile der Landschaften um Pfäffikon ZH, Wetzikon, Grüningen, Forch, Dielsdorf und den Hönggerberg. Der Greifensee wirkt innerhalb des Systems als natürliches Rückhalte- und Ausgleichsbecken.

Das Einzugsgebiet ist landschaftlich und siedlungsgeografisch sehr unterschiedlich geprägt. Im Zürcher Oberland bestehen Landwirtschafts-, Wald- und Feuchtgebiete. Das mittlere Glatttal gehört dagegen zu den am stärksten überbauten Räumen des Kantons. Im Unterland wechseln sich Siedlungen, Landwirtschaft, Kiesabbaugebiete und Wälder ab.

Mehr als 400'000 Menschen leben im Einzugsgebiet. Entsprechend gross ist der Einfluss von Siedlungsentwässerung, Abwasserreinigungsanlagen, Verkehrsflächen und Industrie auf den Wasserhaushalt und die Wasserqualität.

Hydrologie

Abfluss

An der eidgenössischen Messstation Glatt–Rheinsfelden wird der Abfluss seit 1976 kontinuierlich erfasst. Das zugehörige Einzugsgebiet beträgt 417 Quadratkilometer, seine mittlere Höhe liegt bei 503 Metern über Meer.[1]

Der langjährige mittlere Abfluss beträgt ungefähr 8,3 Kubikmeter pro Sekunde. Die monatlichen Mittelwerte sind gewöhnlich im Winter und Frühjahr höher als im Spätsommer. Da das Einzugsgebiet keine Gletscher umfasst, wird das Abflussregime vor allem durch Niederschlag, Schneeschmelze, Verdunstung und die Speicherwirkung der Seen beeinflusst.

Der Greifensee gleicht kurzfristige Abflussschwankungen aus. Trotzdem kann die Glatt nach langanhaltenden oder intensiven Niederschlägen stark anschwellen. Besonders kritisch sind Situationen, in denen der Greifensee bereits einen hohen Wasserstand aufweist und zusätzliche Niederschläge im Einzugsgebiet fallen.

Gefälle

Zwischen dem Greifensee und dem Rhein überwindet die Glatt einen Höhenunterschied von rund 100 Metern. Dieser ist jedoch sehr ungleichmässig verteilt.

Im oberen und mittleren Glatttal besitzt der Fluss nur ein geringes Gefälle. Vor den Korrektionen bildete er dort zahlreiche Schleifen, Seitenarme, Sümpfe und zeitweise überflutete Flächen.

Der grösste Teil des Gefälles befindet sich im Unterlauf bei Glattfelden. Dort fliesst die Glatt in einem engeren Tal und weist mehrere frühere oder noch bestehende Wasserkraftstandorte auf.

Grundwasser

Das Glatttal enthält bedeutende Grundwasservorkommen in eiszeitlichen Schotterablagerungen. An verschiedenen Orten wird Grundwasser für die Trink- und Brauchwasserversorgung gefördert.

Zwischen Oberflächenwasser und Grundwasser bestehen enge Wechselwirkungen. Je nach Abschnitt und Wasserstand kann Wasser aus der Glatt in den Grundwasserleiter versickern oder Grundwasser in den Fluss eintreten.

Die dichte Bebauung, Verkehrswege, Altlasten, Landwirtschaft und Industrie stellen hohe Anforderungen an den Grundwasserschutz. In der Umgebung der Glatt befinden sich mehrere kommunale und regionale Grundwasserfassungen.

Zuflüsse

Die meisten Zuflüsse der Glatt sind kleinere Bäche, deren Einzugsgebiete stark durch Siedlungen und Landwirtschaft beeinflusst werden. Einige wurden in der Vergangenheit begradigt, kanalisiert oder vollständig eingedolt.

Zu den Zuflüssen gehören unter anderem:

Zufluss Mündungsgebiet Herkunft
Chimlibach Schwerzenbach beziehungsweise Dübendorf Raum Volketswil und Schwerzenbach
Chriesbach Dübendorf Raum Wangen-Brüttisellen, Dietlikon und Dübendorf
Leutschenbach Opfikon Zürich-Nord und Opfikon
Altbach mittleres Glatttal Raum Bassersdorf und Kloten
Himmelbach Oberglatt Kloten und Flughafenumgebung
Fischbach Zürcher Unterland Raum Niederhasli und Niederglatt

Die Zuflüsse erfüllen eine wichtige Funktion bei der Vernetzung von Lebensräumen. Eindolungen, Schwellen und harte Verbauungen unterbrechen jedoch vielerorts die Wanderwege von Fischen und anderen Wasserorganismen.

Der Kanton und die Gemeinden führen deshalb Projekte zur Offenlegung, Revitalisierung und besseren Anbindung der Seitengewässer durch. Ein bekanntes Beispiel ist der Chriesbach in Dübendorf, der seit seiner Umgestaltung wieder ein abwechslungsreiches Gerinne mit naturnahen Ufern besitzt.[2]

Geologie und Landschaftsentstehung

Das Glatttal wurde während der Eiszeiten wesentlich durch den Linth-Rhein-Gletscher geformt. Gletscherzungen schürften Becken aus und lagerten Moränen, Schotter, Sand und feines Sediment ab.

Nach dem Rückzug des Eises entstanden Seen, Feuchtgebiete und breite, schlecht entwässerte Ebenen. Der Greifensee ist ein verbliebener Teil dieser eiszeitlichen Seenlandschaft.

Die Glatt floss ursprünglich in zahlreichen Schleifen durch die Ebene. Durch Hochwasser verlagerte sie ihr Bett, schuf Altarme und überschwemmte grosse Flächen. Besonders im mittleren und unteren Glatttal bestanden ausgedehnte Riede und Moore.

Die ebenen Schotterflächen boten später günstige Voraussetzungen für Siedlungen, Verkehrswege, Industrie und den Flughafen. Dieselben geologischen Strukturen enthalten auch die bedeutenden Grundwasservorkommen des Glatttals.

Geschichte

Frühe Nutzung

Die Glatt und ihre Feuchtgebiete wurden bereits in vorgeschichtlicher Zeit genutzt. Archäologische Fundstellen am Greifensee belegen eine Besiedlung der Region seit der Jungsteinzeit.

Im Mittelalter entstanden Ortschaften überwiegend auf leicht erhöhten, vor Überschwemmungen geschützten Flächen. Die unmittelbaren Uferbereiche blieben vielerorts unbebaut und wurden als Ried, Weide oder Wald genutzt.

Brücken über die Glatt besassen grosse regionale Bedeutung. Sie verbanden Handels- und Verkehrswege zwischen Zürich, Winterthur, dem Zürcher Oberland und dem Unterland. Ortsnamen wie Glattbrugg erinnern an solche Übergänge.

Die Stadt Zürich übte seit dem Spätmittelalter zunehmenden Einfluss auf die Nutzung und Aufsicht des Flusses aus. Regeln betrafen unter anderem Mühlen, Fischerei, Uferunterhalt, Brücken und die Beseitigung von Abflusshindernissen.

Mühlen und Wasserkraft

Das Wasser der Glatt wurde über Jahrhunderte zum Betrieb von Mühlen, Sägereien und anderen Gewerbeanlagen genutzt. Dafür entstanden Wehre, Mühlekanäle und künstliche Gefällestufen.

Mit der Industrialisierung kamen mechanische Spinnereien, Webereien und weitere Fabriken hinzu. Besonders an Abschnitten mit grösserem Gefälle konnten Wasserräder und später Turbinen wirtschaftlich eingesetzt werden.

Ehemalige Industriestandorte entstanden unter anderem in Dübendorf, Wallisellen, Niederglatt, Hochfelden und Glattfelden. Das Zwicky-Areal an der Grenze zwischen Wallisellen und Dübendorf ist ein bekanntes Beispiel für die industrielle Entwicklung am Fluss.

Die Wasserkraft verlor mit der Verbreitung elektrischer Energie und anderer Antriebsformen an direkter wirtschaftlicher Bedeutung. Einige Anlagen wurden stillgelegt oder abgebrochen, andere modernisiert und zur Stromerzeugung weiterverwendet.

Erste Glattkorrektion

Der natürliche Flusslauf verursachte regelmässig Überschwemmungen. Gleichzeitig verhinderten der hohe Grundwasserstand und die unzureichende Entwässerung eine intensivere landwirtschaftliche Nutzung der Talebene.

Nach Untersuchungen des Ingenieurs Hans Conrad Escher von der Linth beschloss der Zürcher Kleine Rat 1812 eine umfassende Korrektion des Unterlaufs. Die Arbeiten begannen in den folgenden Jahren und konzentrierten sich zunächst auf den Abschnitt zwischen Oberglatt und Niederglatt sowie das weitere Unterland.

Mühlen und Wehre, welche den Abfluss behinderten, wurden teilweise vom Kanton erworben oder beseitigt. Zwischen Oberglatt und Niederglatt entstand ein gerader, rund elf Kilometer langer Kanal.

Die erste Korrektion der unteren Glatt wurde um 1830 abgeschlossen. Sie gehörte neben der Linthkorrektion zu den frühen grossen Flussbauprojekten des Kantons Zürich.[5]

Zweite Glattkorrektion

Trotz der ersten Korrektion kam es weiterhin zu Überschwemmungen. Sedimentablagerungen, instabile Böschungen und der geringe Höhenunterschied erschwerten den Wasserabfluss.

Ab 1876 wurde eine zweite umfassende Glattkorrektion durchgeführt. Das Flussbett wurde weiter begradigt, vertieft und verbreitert. Böschungen und Sohlen erhielten teilweise Pflästerungen und andere harte Sicherungen.

Die Arbeiten dauerten bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Sie ermöglichten die Entwässerung grosser Riedflächen und die Ausweitung der Landwirtschaft. Gleichzeitig verschwanden zahlreiche natürliche Flussschlingen, Altarme und Feuchtgebiete.

Der kanalisierte Flusslauf prägte das Glatttal während des gesamten 20. Jahrhunderts. Viele Abschnitte wurden als geradlinige technische Gerinne mit gleichförmigem Querschnitt und befestigten Ufern gestaltet.

Eisenbahn, Strassen und Flughafen

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden im Glatttal zahlreiche Eisenbahnlinien. Bahnhöfe und Industriegebiete förderten das Wachstum der zuvor meist kleinen Dörfer.

Im 20. Jahrhundert folgten Autobahnen, Hauptstrassen und der Flughafen Zürich. Die flache Talebene bot günstige topografische Bedingungen für diese Infrastrukturen.

Die Glatt wurde dabei mehrfach verlegt, überbrückt oder zwischen Verkehrswegen eingeengt. Gleichzeitig wuchs die Bevölkerung stark. Aus ländlichen Gemeinden entwickelte sich eine zusammenhängende Agglomeration.

Heute kreuzen zahlreiche Strassen, Bahnlinien, Tramstrecken, Fuss- und Velowege den Fluss. Besonders im Raum Dübendorf, Wallisellen, Zürich-Nord und Opfikon ist der Glattraum von grossen Infrastrukturanlagen umgeben.

Gewässerverschmutzung und Sanierung

Belastung im 20. Jahrhundert

Mit dem Bevölkerungs- und Industriewachstum verschlechterte sich die Wasserqualität der Glatt erheblich. Kommunale und industrielle Abwässer gelangten teilweise ungeklärt oder nur unzureichend behandelt in den Fluss.

Die geringe natürliche Wasserführung führte dazu, dass Abwässer nur schwach verdünnt wurden. Unterhalb der grossen Siedlungs- und Industriegebiete war die Glatt zeitweise stark belastet.

In den 1970er- und 1980er-Jahren traten Fischsterben, Algenwucherungen, Sauerstoffmangel und auffällige Geruchsbelastungen auf. Die Glatt galt zeitweise als einer der am stärksten verschmutzten Flüsse der Schweiz.[6]

Abwasserreinigung

Der Bau regionaler Abwasserreinigungsanlagen verbesserte die Situation grundlegend. Gemeinden und Industrieunternehmen wurden an Kanalisationen und leistungsfähigere Reinigungsanlagen angeschlossen.

Die Entfernung von organischen Stoffen, Phosphor und Stickstoff verringerte die Belastung. Auch strengere Vorschriften für industrielle Einleitungen und der Ausbau der betrieblichen Abwasservorbehandlung trugen zur Verbesserung bei.

Die Wasserqualität ist heute deutlich besser als in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Fische und andere Wasserorganismen konnten in verschiedene Abschnitte zurückkehren.

Mikroverunreinigungen

Trotz der Fortschritte gelangen weiterhin Rückstände von Medikamenten, Haushaltschemikalien, Pflanzenschutzmitteln und Industriechemikalien in die Glatt. Solche Stoffe werden als Mikroverunreinigungen bezeichnet.

Aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte und der vergleichsweise geringen Wasserführung können ihre Konzentrationen in der Glatt höher sein als in grösseren Flüssen. Untersuchungen des Kantons zeigten, dass gereinigtes Abwasser einen bedeutenden Anteil am Abfluss und an der Stofffracht ausmachen kann.[7]

Mehrere Abwasserreinigungsanlagen im Einzugsgebiet wurden oder werden deshalb mit zusätzlichen Reinigungsstufen ausgestattet. Diese sollen einen grossen Teil der organischen Spurenstoffe entfernen.

Ökologie

Gewässerstruktur

Die Wasserqualität allein bestimmt nicht, ob ein Fluss einen wertvollen Lebensraum bildet. Ebenso wichtig sind die Form des Flussbetts, die Strömungsvielfalt, die Ufervegetation und die Verbindung zu Seitengewässern.

Die historische Kanalisierung führte zu einem gleichförmigen Gerinne. Tiefe und seichte Stellen, Kiesbänke, Totholz, natürliche Uferabbrüche und Überschwemmungsflächen gingen weitgehend verloren.

Schwellen und Wehre unterbrachen die freie Wanderung von Fischen. Harte Uferverbauungen boten nur wenigen Arten geeignete Lebensräume.

Bei heutigen Revitalisierungen werden solche Strukturen soweit möglich wiederhergestellt. Flachufer, unterschiedlich breite Gerinne, Kies, Steine, Wurzelstöcke und Totholz schaffen neue Lebensräume.

Fischfauna

Historisch galt die Glatt als fischreich. Zu den vorkommenden Arten gehören beziehungsweise gehörten unter anderem Bachforelle, Alet, Barbe, Schneider, Gründling, Egli und verschiedene Kleinfischarten.

Die Zusammensetzung der Fischfauna unterscheidet sich zwischen dem oberen, langsam fliessenden Abschnitt und dem gefällereicheren Unterlauf. Der Greifensee beeinflusst die Wassertemperatur und führt auch typische Seearten in den Fluss.

Wasserqualität, hohe Sommertemperaturen, fehlende Strukturen und Wanderhindernisse beeinträchtigen die Fischbestände. Die Entfernung oder Umgestaltung von Schwellen soll die ökologische Durchgängigkeit verbessern.

Biber

Der Biber ist nach seiner Wiederansiedlung in der Schweiz auch in das Einzugsgebiet der Glatt zurückgekehrt. Er nutzt Flussufer, Seitenbäche und Feuchtgebiete als Lebensraum.

Biberdämme können lokale Überschwemmungen verursachen und mit landwirtschaftlicher oder baulicher Nutzung in Konflikt geraten. Gleichzeitig schaffen Biber durch ihre Bautätigkeit strukturreiche Gewässerlandschaften, von denen Amphibien, Fische, Insekten und Vögel profitieren.

Der Bestand wird vom Kanton überwacht. Bei Konflikten kommen Schutzmassnahmen, technische Lösungen und Beratungen für Grundeigentümer zum Einsatz.

Vögel und weitere Tierarten

Entlang der Glatt leben verschiedene Wasservögel und an Fliessgewässer gebundene Arten. Beobachtet werden unter anderem Stockente, Graureiher, Wasseramsel, Bergstelze und Eisvogel.

Naturnahe Ufer bieten Lebensraum für Libellen, Amphibien, Fledermäuse und Kleinsäuger. Besonders wertvoll sind Abschnitte mit Gehölzen, Schilf, ruhigen Buchten und Verbindungen zu Weihern oder Seitenbächen.

In stark bebauten Gebieten dient die Glatt als ökologischer Korridor. Sie verbindet den Greifensee und das Zürcher Oberland mit dem Rhein und den Lebensräumen des Unterlands.

Revitalisierungen

Wandel im Wasserbau

Seit dem späten 20. Jahrhundert hat sich die Zielsetzung des Wasserbaus verändert. Neben einer sicheren Ableitung von Hochwasser sollen Flüsse wieder mehr Raum erhalten und natürliche Funktionen erfüllen können.

Die vollständige Wiederherstellung des ursprünglichen Glattlaufs ist wegen der dichten Bebauung, der Verkehrswege und der bestehenden Nutzungen nicht möglich. Revitalisierungen konzentrieren sich deshalb auf ausgewählte Abschnitte.

Dort werden Uferbefestigungen entfernt oder gelockert, das Gerinne verbreitert, Strömungsvielfalt geschaffen und die Zugänglichkeit für Menschen verbessert.

Zwicky-Areal

Auf dem Zwicky-Areal wurde die Glatt von Mitte 2022 bis 2023 auf rund 400 Metern revitalisiert. Der zuvor gerade und stark verbaute Abschnitt erhielt einen abwechslungsreicheren Lauf und naturnahe Ufer.

Das Projekt verband ökologische Ziele mit Hochwasserschutz und der Entwicklung eines neuen Wohn- und Gewerbequartiers. Eine breite Treppe ermöglicht den Zugang zum Wasser.[3]

Altried

Im Gebiet Altried zwischen Zürich und Wallisellen wurde ein rund 700 Meter langer Abschnitt umgestaltet. Die Arbeiten dauerten von Januar 2023 bis Mai 2024.

Harte Uferverbauungen wurden entfernt und durch natürliche Materialien ersetzt. Zwei Bachmündungen wurden aufgewertet, ein Weiher angelegt und die Ufer mit einheimischen Sträuchern und Bäumen bepflanzt.[4]

Fil Bleu Glatt

Das Projekt Fil Bleu Glatt umfasst den urbanen Glattraum zwischen Dübendorf und Opfikon. Kanton und Gemeinden wollen den Fluss schrittweise ökologisch aufwerten und als zusammenhängenden Erholungsraum entwickeln.

Bis 2034 soll ein rund zehn Kilometer langes «blaues Band» mit Uferwegen, Ruhebereichen und verbesserten Zugängen zum Wasser entstehen. Träger sind der Kanton Zürich sowie die Städte Dübendorf, Wallisellen, Zürich und Opfikon.[8]

Das Vorhaben ist kein einzelnes Bauprojekt, sondern ein übergeordnetes Konzept. Die Umsetzung erfolgt in mehreren Etappen und wird mit Siedlungs-, Verkehrs- und Freiraumprojekten abgestimmt.

Hochwasserschutz

Hochwasser waren der wichtigste Grund für die historischen Glattkorrektionen. Der kanalisierte Fluss kann grosse Wassermengen rasch ableiten, besitzt jedoch nur geringe natürliche Rückhalteräume.

Heute wird der Hochwasserschutz nach Möglichkeit mit ökologischen Massnahmen verbunden. Verbreiterte Gerinne und abgesenkte Uferbereiche können bei Hochwasser zusätzliches Wasser aufnehmen.

In dicht bebauten Abschnitten bleiben technische Schutzbauten, ausreichend grosse Brückenöffnungen und ein regelmässiger Unterhalt notwendig. Schwemmholz, Ablagerungen und stark wachsende Wasserpflanzen dürfen den Abflussquerschnitt nicht wesentlich einschränken.

Der Wasserstand des Greifensees und die Zuflüsse aus dem gesamten Einzugsgebiet werden kontinuierlich beobachtet. Gefahrenkarten zeigen, welche Siedlungs- und Verkehrsflächen bei seltenen Hochwasserereignissen betroffen sein können.

Brücken

Zahlreiche Strassen, Bahnlinien und Fusswege überqueren die Glatt. Die Brücken spiegeln die Entwicklung des Glatttals von einer ländlichen Landschaft zu einem dicht erschlossenen Agglomerationsraum.

Mehrere gedeckte Holzbrücken erinnern an ältere Verkehrsverbindungen. Daneben bestehen moderne Beton-, Stahl- und Verbundbrücken für Autobahnen, Eisenbahnen, Tramlinien und lokale Strassen.

Historische Brücken mussten häufig ersetzt, versetzt oder erhöht werden, weil sie den Hochwasserabfluss behinderten. Bei Neubauten wird heute auf ausreichend breite Durchflussöffnungen und die Durchgängigkeit der Uferwege geachtet.

Siedlungs- und Wirtschaftsentwicklung

Das Glatttal gehörte bis ins 19. Jahrhundert überwiegend zu den landwirtschaftlich geprägten Landschaften des Kantons Zürich. Die Korrektion des Flusses, die Entwässerung der Riede und der Bau der Eisenbahn schufen Voraussetzungen für eine stärkere Entwicklung.

Im 20. Jahrhundert wuchsen Dübendorf, Wallisellen, Opfikon, Kloten und weitere Gemeinden stark. Industrie, Dienstleistungen, Einkaufszentren und Verkehrsunternehmen siedelten sich an.

Der Flughafen Zürich, Autobahnen und leistungsfähige Bahnverbindungen machten das Glatttal zu einem national bedeutenden Wirtschaftsraum. Gleichzeitig gingen viele offene Landschaftsflächen verloren.

Die Glatt bildet heute einen der wenigen durchgehenden Freiräume innerhalb der Agglomeration. Ihre Ufer besitzen deshalb neben dem Naturschutz eine wichtige Bedeutung für Siedlungsqualität, Klimaausgleich und Naherholung.

Freizeit und Naherholung

Entlang grosser Teile der Glatt verlaufen Fuss- und Velowege. Sie verbinden den Greifensee mit Dübendorf, Zürich-Nord, Opfikon und dem Zürcher Unterland.

Der weitgehend flache Weg im oberen und mittleren Glatttal wird für Spaziergänge, Velofahrten, Jogging und den Arbeitsweg genutzt. Er ist Teil regionaler Velorouten und verbindet verschiedene Bahnhöfe und Wohngebiete.

Revitalisierte Abschnitte bieten Sitzgelegenheiten, Picknickbereiche und direkte Zugänge zum Wasser. Gleichzeitig müssen empfindliche Uferzonen, Brutplätze und Pflanzungen vor zu intensiver Nutzung geschützt werden.

Das Baden in der Glatt ist wegen wechselnder Wasserqualität, Strömung, Wehren und anderer Gefahren nicht überall geeignet. Besonders nach starken Niederschlägen können Mischwasserentlastungen und erhöhte Keimkonzentrationen auftreten.

Angelfischerei ist unter Beachtung der kantonalen Vorschriften möglich. Bestimmte Strecken und Zeiten unterliegen Schutz-, Schon- oder Patentbestimmungen.

Bedeutung als Namensgeber

Die Glatt gab zahlreichen geografischen Bezeichnungen, Ortschaften und Einrichtungen ihren Namen. Dazu zählen:

  • Glatttal;
  • Glattbrugg;
  • Oberglatt;
  • Niederglatt;
  • Glattfelden;
  • Glattzentrum;
  • Glattalbahn;
  • Flughafenregion Zürich;
  • verschiedene Schulen, Sportvereine und Unternehmen.

Der Name «Glattal» wird heute häufig für den Wirtschaftsraum nordöstlich der Stadt Zürich verwendet. Dieser reicht je nach Definition über das eigentliche Flusstal hinaus.

Siehe auch

Literatur

  • Daniel L. Vischer: Die Geschichte des Hochwasserschutzes in der Schweiz. Von den Anfängen bis ins 19. Jahrhundert. Bundesamt für Wasser und Geologie, Bern 2003.
  • Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft des Kantons Zürich: Massnahmenplan Wasser im Einzugsgebiet der Glatt. Zürich 2005.
  • Barbara Känel: «Lebendige Gewässer dank Revitalisierung am Beispiel Glatt». In: Zürcher Umweltpraxis, Nr. 76, Zürich 2014.
  • Eawag und Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft: Langzeitentwicklung der Wasserqualität der Glatt. Dübendorf und Zürich.
  • Kanton Zürich: Zustand der Fliessgewässer in den Einzugsgebieten von Glatt und Greifensee – Messkampagne 2022. Zürich 2023.

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 Glatt – Rheinsfelden, Station 2415, Bundesamt für Umwelt, abgerufen am 28. Juli 2026.
  2. 2,0 2,1 Aufwertung Chriesbach Dübendorf, Kanton Zürich, abgerufen am 28. Juli 2026.
  3. 3,0 3,1 Revitalisierung Glatt Zwicky-Areal, Kanton Zürich, abgerufen am 28. Juli 2026.
  4. 4,0 4,1 Revitalisierung Glatt Altried, Kanton Zürich, abgerufen am 28. Juli 2026.
  5. Daniel L. Vischer: Die Geschichte des Hochwasserschutzes in der Schweiz, Bundesamt für Umwelt, Abschnitt «Die Korrektion der unteren Glatt 1813–1830», abgerufen am 28. Juli 2026.
  6. Lebendige Gewässer dank Revitalisierung am Beispiel «Glatt», Zürcher Umweltpraxis, Kanton Zürich, 26. März 2014, abgerufen am 28. Juli 2026.
  7. Mikroverunreinigungen in der Glatt und im Grundwasser des Glatttals, Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft des Kantons Zürich, abgerufen am 28. Juli 2026.
  8. Projekt «Fil Bleu Glatt», Kanton Zürich, abgerufen am 28. Juli 2026.

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