Reformation in der Schweiz

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Reformation in der Schweiz
Zeitraum vor allem 1519 bis 1536
Ausgangspunkte Zürich, Genf, Bern, Basel, St. Gallen, Schaffhausen und Neuenburg
Bedeutende Reformatoren Huldrych Zwingli, Johannes Calvin, Heinrich Bullinger, Guillaume Farel, Johannes Oekolampad, Berchtold Haller
Wichtige Ereignisse Zürcher Disputationen 1523
Badener Disputation 1526
Berner Disputation 1528
Kappelerkriege 1529 und 1531
Annahme der Reformation in Genf 1536
Ergebnis Dauerhafte konfessionelle Teilung der Alten Eidgenossenschaft

Die Reformation in der Schweiz war eine religiöse, politische und gesellschaftliche Erneuerungsbewegung des 16. Jahrhunderts, die zur Entstehung reformierter Kirchen und zur dauerhaften konfessionellen Teilung der Alten Eidgenossenschaft führte. Ihr wichtigstes frühes Zentrum war Zürich, wo Huldrych Zwingli ab 1519 als Leutpriester am Grossmünster wirkte. Weitere bedeutende Zentren entstanden in Bern, Basel, Schaffhausen, St. Gallen, Neuenburg und Genf.

Anders als in vielen monarchisch regierten Gebieten Europas wurde die Reformation in der Eidgenossenschaft nicht von einem zentralen Herrscher eingeführt. Jeder eidgenössische Ort und jedes zugewandte Gebiet entschied weitgehend selbst über seine Konfession. Deshalb verlief die Bewegung regional sehr unterschiedlich. Während Zürich, Bern, Basel und Schaffhausen reformiert wurden, blieben die inneren Orte Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug katholisch.

Die konfessionellen Gegensätze führten zu politischen Bündnissen, wirtschaftlichen Spannungen und militärischen Auseinandersetzungen. In den beiden Kappelerkriegen von 1529 und 1531 standen sich reformierte und katholische Orte gegenüber. Nach dem Tod Zwinglis in der Schlacht bei Kappel setzte sein Nachfolger Heinrich Bullinger die Zürcher Reformation fort. In der französischsprachigen Schweiz wurde Johannes Calvin zur prägenden Persönlichkeit. Durch die Zusammenarbeit Calvins und Bullingers entwickelte sich aus den verschiedenen schweizerischen Reformbewegungen eine gemeinsame reformierte Tradition, die weit über die Schweiz hinauswirkte.[1]

Voraussetzungen

Die Reformation entstand nicht plötzlich. Bereits im späten Mittelalter wurde Kritik an Missständen innerhalb der Kirche geäussert. Geistliche und Laien beklagten den moralischen Zustand eines Teils des Klerus, den Handel mit kirchlichen Ämtern, den Ablasshandel, die ungenügende Ausbildung vieler Priester und die starke politische und wirtschaftliche Stellung kirchlicher Institutionen.

Klöster, Bistümer und kirchliche Stifte verfügten über umfangreichen Grundbesitz und bezogen Abgaben. Gleichzeitig waren kirchliche und weltliche Herrschaft eng miteinander verbunden. In der Eidgenossenschaft übten städtische und ländliche Obrigkeiten bereits vor der Reformation erheblichen Einfluss auf kirchliche Angelegenheiten aus.

Eine wichtige Grundlage der Reformation war der Humanismus. Humanistische Gelehrte forderten eine Rückkehr zu den ursprünglichen Quellen des Christentums. Sie studierten die Bibel in den alten Sprachen und verglichen überlieferte kirchliche Lehren mit dem Text des Neuen Testaments. Besonders einflussreich war Erasmus von Rotterdam, dessen griechische Ausgabe des Neuen Testaments von zahlreichen Reformatoren verwendet wurde.

Auch die Erfindung des Buchdrucks trug zur raschen Verbreitung neuer Ideen bei. Predigten, Bibelübersetzungen, Flugschriften und Streitschriften konnten in grossen Auflagen hergestellt und über regionale Grenzen hinweg verbreitet werden. In Städten wie Basel und Zürich entwickelte sich ein bedeutendes Druck- und Verlagswesen.

Politische und gesellschaftliche Lage

Die Alte Eidgenossenschaft bestand zu Beginn des 16. Jahrhunderts aus weitgehend selbständigen Orten, die durch Bündnisse miteinander verbunden waren. Daneben bestanden zugewandte Orte, gemeine Herrschaften und Untertanengebiete. Eine zentrale Regierung gab es nicht. Gemeinsame Angelegenheiten wurden an der Tagsatzung beraten.

Die politischen Strukturen unterschieden sich stark. Zürich, Bern, Basel, Freiburg und Luzern waren städtisch geprägte Orte, während Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug und Glarus durch Landsgemeinden geprägt wurden. Die Reformation musste deshalb in jedem Ort unter eigenen politischen und sozialen Bedingungen durchgesetzt oder abgewehrt werden.

Ein weiterer Konfliktpunkt war das Söldnerwesen. Schweizer Soldaten dienten gegen Bezahlung in ausländischen Armeen. Führende Familien und politische Vertreter erhielten von europäischen Mächten Pensionen und Vermittlungsgebühren. Kritiker sahen darin eine Ursache für Korruption, soziale Not und politische Abhängigkeit. Zwingli gehörte zu den entschiedensten Gegnern des fremden Kriegsdienstes.[2]

Die Niederlage der Eidgenossen in der Schlacht bei Marignano von 1515 erschütterte das Selbstverständnis der eidgenössischen Kriegsmacht. In den folgenden Jahren nahm die Kritik an der Söldnerpolitik zu. Religiöse und politische Reformforderungen waren deshalb eng miteinander verbunden.

Beginn der Reformation in Zürich

Huldrych Zwingli am Grossmünster

Huldrych Zwingli wurde 1484 in Wildhaus im heutigen Kanton St. Gallen geboren. Nach Studien in Wien und Basel wirkte er als Priester in Glarus und Einsiedeln. 1519 trat er seine Stelle als Leutpriester am Zürcher Grossmünster an.

Zwingli begann, in seinen Predigten fortlaufend biblische Bücher auszulegen. Statt sich an die traditionelle kirchliche Leseordnung zu halten, erklärte er den Text des Neuen Testaments Abschnitt für Abschnitt. Die Bibel sollte nach seiner Auffassung die höchste Grundlage des Glaubens und der kirchlichen Ordnung bilden.

Er kritisierte den Ablasshandel, die Verehrung von Heiligen, Wallfahrten, das kirchliche Fastengebot, das Zölibat und die Vorstellung, die Messe sei eine erneute Opferhandlung. Zugleich wandte er sich gegen den fremden Kriegsdienst und gegen die Annahme ausländischer Pensionen.

Zwinglis Wirken wurde durch den Zürcher Rat geschützt. Die Reformation in Zürich entwickelte sich daher als Zusammenarbeit zwischen Geistlichen und weltlicher Obrigkeit. Kirchliche Veränderungen wurden nicht allein durch Predigten, sondern durch Ratsbeschlüsse und gesetzliche Mandate umgesetzt.

Zürcher Wurstessen

Als symbolischer Beginn der Zürcher Reformation gilt häufig das sogenannte Zürcher Wurstessen im März 1522. Während der kirchlichen Fastenzeit assen mehrere Personen im Haus des Buchdruckers Christoph Froschauer Würste. Zwingli nahm nach den überlieferten Berichten nicht selbst am Essen teil, verteidigte jedoch in einer Predigt die christliche Freiheit bei der Wahl von Speisen.

Der Streit betraf nicht nur das Fasten. Grundsätzlich ging es um die Frage, ob kirchliche Vorschriften verbindlich sein konnten, wenn sie sich nach Auffassung der Reformatoren nicht eindeutig aus der Bibel ableiten liessen. Der Zürcher Rat begann daraufhin, die religiöse Auseinandersetzung politisch zu untersuchen.

Zürcher Disputationen

Am 29. Januar 1523 fand im Zürcher Rathaus die Erste Zürcher Disputation statt. Geistliche und Vertreter der Obrigkeit diskutierten öffentlich über Zwinglis Lehre. Grundlage waren seine 67 Schlussreden, in denen er seine theologischen Positionen zusammenfasste.

Der Rat entschied, Zwingli dürfe weiterhin auf der Grundlage der Bibel predigen. Geistliche im Zürcher Herrschaftsgebiet wurden angewiesen, ihre Lehre ebenfalls an der Heiligen Schrift auszurichten. Damit erhielt die Reformation eine politische Grundlage.

Bei der Zweiten Zürcher Disputation im Oktober 1523 standen insbesondere die Bilderverehrung und die Messe im Mittelpunkt. In der Folge wurden kirchliche Bilder, Reliquien und Altäre entfernt. Der Rat versuchte, unkontrollierte Zerstörungen zu verhindern und die Veränderungen geordnet durchzuführen.

1524 wurden die Klöster im Zürcher Herrschaftsgebiet aufgehoben oder in andere Einrichtungen umgewandelt. Ihr Besitz wurde teilweise für Schulen, Armenfürsorge und soziale Aufgaben verwendet. 1525 wurde die katholische Messe abgeschafft und durch einen schlichten reformierten Abendmahlsgottesdienst ersetzt.

Zürcher Kirchenordnung

Die Zürcher Reformation veränderte nicht nur den Gottesdienst. Sie führte zu einer neuen Ordnung des kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens. Die Predigt erhielt eine zentrale Stellung. Lateinische Liturgie wurde weitgehend durch deutschsprachige Gottesdienste ersetzt. Heiligenbilder, Reliquien, Prozessionen und Wallfahrten verloren ihre bisherige Bedeutung.

Die Ehe wurde nicht mehr als Sakrament verstanden, blieb jedoch eine öffentlich geregelte Institution. Für Ehefragen wurde ein Ehegericht geschaffen, das sich auch mit familiären Konflikten und Fragen der öffentlichen Sittlichkeit beschäftigte.

Die Ausbildung der Geistlichen wurde neu organisiert. Aus Einrichtungen am Grossmünster entstand die Zürcher Prophezei, eine theologische Lehranstalt, an der die Bibel in Hebräisch, Griechisch und Latein studiert wurde. Sie gehörte zu den Vorläufern der späteren theologischen Ausbildung in Zürich.

Eine wichtige Leistung war die Zürcher Bibel. Zürcher Theologen übersetzten die biblischen Texte aus den ursprünglichen Sprachen ins Deutsche. 1531 erschien eine vollständige deutschsprachige Bibelausgabe, die für die reformierte Deutschschweiz grosse Bedeutung erlangte.

Täuferbewegung

Nicht alle Anhänger der frühen Reformbewegung waren mit Zwinglis Vorgehen zufrieden. Eine Gruppe um Conrad Grebel, Felix Manz und Georg Blaurock forderte weitergehende Veränderungen. Sie lehnte die Säuglingstaufe ab und verlangte eine Taufe aufgrund eines persönlichen Glaubensbekenntnisses.

Im Januar 1525 führten Mitglieder der Gruppe in Zürich erste Erwachsenentaufen durch. Damit entstand eine frühe Täuferbewegung, aus der später unter anderem die Mennoniten hervorgingen.

Die Täufer wollten eine vom Staat unabhängige Gemeinde überzeugter Gläubiger schaffen. Viele lehnten den Kriegsdienst, den Eid und die Übernahme staatlicher Ämter ab. Dies stellte nicht nur die kirchliche Ordnung, sondern auch die politische Gemeinschaft der damaligen Zeit infrage.

Der Zürcher Rat verbot die täuferischen Versammlungen. Anhänger der Bewegung wurden verhaftet, ausgewiesen oder hingerichtet. Felix Manz wurde 1527 in der Limmat ertränkt. Die Verfolgung der Täufer zeigt, dass auch die reformierten Obrigkeiten religiöse Abweichungen nur begrenzt duldeten.

Trotz der Verfolgung breitete sich die Bewegung in der Ostschweiz, im Aargau, im Elsass, in Süddeutschland und in weiteren Teilen Europas aus. Viele Täufer wanderten später nach Osteuropa und Nordamerika aus.

Ausbreitung in der Deutschschweiz

St. Gallen

In der Stadt St. Gallen wurde die Reformation vor allem durch den Humanisten und Bürgermeister Joachim Vadian gefördert. Vadian war Arzt, Gelehrter und zeitweise Rektor der Universität Wien. Unter seinem politischen Einfluss schloss sich die Stadt in den 1520er-Jahren der Reformation an.

Die Fürstabtei St. Gallen blieb dagegen katholisch. Dadurch entstand in unmittelbarer räumlicher Nähe ein dauerhafter Gegensatz zwischen der reformierten Stadt und dem katholischen Klosterstaat.

Auch in Teilen des Toggenburgs und der gemeinen Herrschaften fanden reformatorische Ideen Anhänger. Nach dem Zweiten Kappelerkrieg wurden einige dieser Veränderungen jedoch rückgängig gemacht.

Schaffhausen

In Schaffhausen gewann die Reformation durch Prediger wie Sebastian Hofmeister und Sebastian Wagner an Einfluss. Nach längeren politischen Auseinandersetzungen führte der Rat 1529 die neue Kirchenordnung ein.

Klöster wurden aufgehoben, kirchlicher Besitz ging an die Obrigkeit über und der Gottesdienst wurde nach reformierten Grundsätzen neu gestaltet. Aufgrund seiner geografischen Lage stand Schaffhausen sowohl mit Zürich als auch mit süddeutschen Reformbewegungen in Verbindung.

Basel

Basel war zu Beginn des 16. Jahrhunderts eines der wichtigsten Zentren des Humanismus und des Buchdrucks. Erasmus von Rotterdam lebte und arbeitete zeitweise in der Stadt. Zahlreiche reformatorische Schriften wurden in Basler Druckereien hergestellt.

Der wichtigste Basler Reformator war Johannes Oekolampad. Er trat für eine Neuordnung des Gottesdienstes und eine stärkere Orientierung an der Bibel ein. Nach politischen Unruhen setzte sich die Reformation 1529 durch. Die Messe wurde abgeschafft, Bilder wurden aus den Kirchen entfernt und Klöster aufgehoben.

Basel entwickelte sich zu einem bedeutenden Zentrum reformierter Theologie. Die Universität spielte eine wichtige Rolle bei der Ausbildung von Geistlichen und Gelehrten. Erasmus, der die gewaltsamen und radikalen Seiten der Bewegung ablehnte, verliess die Stadt vorübergehend und zog nach Freiburg im Breisgau.

Glarus und Appenzell

In Glarus konnte sich weder die reformierte noch die katholische Seite vollständig durchsetzen. Beide Konfessionen blieben nebeneinander bestehen. Die konfessionelle Spaltung prägte die politische Entwicklung des Landes während Jahrhunderten.

Auch in Appenzell lebten reformierte und katholische Bevölkerungsgruppen. Die Spannungen führten 1597 zur Landteilung von Appenzell. Das katholische Appenzell Innerrhoden und das reformierte Appenzell Ausserrhoden wurden zu getrennten eidgenössischen Orten.

Reformation in Bern

Bern war der flächenmässig grösste Ort der Alten Eidgenossenschaft. Seine konfessionelle Entscheidung hatte deshalb grosse politische Bedeutung. Innerhalb der Stadt bestanden zunächst unterschiedliche Haltungen. Der Reformator Berchtold Haller, ein aus Süddeutschland stammender Prediger am Berner Münster, setzte sich für die neue Lehre ein.

Im Januar 1528 veranstaltete der Berner Rat eine grosse Disputation. Theologen und Geistliche diskutierten über die Grundlagen des Glaubens, die Messe, kirchliche Bilder und die Autorität der Bibel. Zwingli und weitere Reformatoren nahmen daran teil.

Nach der Disputation beschloss der Rat die Einführung der Reformation. Die Messe wurde abgeschafft, Klöster wurden aufgehoben und kirchliche Bilder entfernt. Der Berner Staat übernahm einen grossen Teil des kirchlichen Besitzes und ordnete das Kirchenwesen neu.

Da Bern über umfangreiche Untertanengebiete verfügte, wurde die Reformation auch in grossen Teilen des heutigen Kantons Bern sowie später in der Waadt eingeführt. In einzelnen Regionen stiess sie jedoch auf Widerstand. Besonders im Berner Oberland kam es 1528 zu einem Aufstand gegen die religiösen und politischen Veränderungen. Bern schlug den Widerstand nieder und setzte die neue Ordnung durch.

Reformation in der Westschweiz

Neuenburg und Guillaume Farel

In der französischsprachigen Schweiz war Guillaume Farel einer der wichtigsten frühen Reformatoren. Der aus Frankreich stammende Prediger wirkte unter anderem in Aigle, Murten, Neuenburg und Genf.

In Neuenburg führte Farels Tätigkeit zu heftigen religiösen Auseinandersetzungen. 1530 entschied sich die Stadt für die Reformation. Das ländliche Umland folgte teilweise später. Farel setzte seine Missionstätigkeit anschliessend in weiteren Gebieten der Romandie fort.

Genf

Genf gehörte im frühen 16. Jahrhundert noch nicht zur Eidgenossenschaft. Die Stadt stand in einem politischen Konflikt mit dem Herzogtum Savoyen und dem Genfer Fürstbischof. Bündnisse mit Bern und Freiburg stärkten die städtische Unabhängigkeitsbewegung.

Farel predigte ab 1533 in Genf. Am 21. Mai 1536 nahm die Genfer Bürgerschaft die Reformation offiziell an.[3] Die Messe wurde abgeschafft, Klöster wurden aufgehoben und das kirchliche Leben neu organisiert.

Im selben Jahr kam Johannes Calvin auf der Durchreise nach Genf. Farel überzeugte ihn, in der Stadt zu bleiben und an der Reform der Kirche mitzuwirken. Calvin und Farel gerieten jedoch mit dem Rat in Konflikt und wurden 1538 ausgewiesen.

Calvin kehrte 1541 nach Genf zurück. Unter seiner Mitwirkung entstanden eine neue Kirchenordnung und ein System kirchlicher Aufsicht. Die Genfer Kirche verfügte über Pfarrer, Lehrer, Älteste und Diakone. Das Konsistorium überwachte das religiöse und sittliche Leben der Gemeindemitglieder.

Calvin legte grossen Wert auf Bildung und theologische Ausbildung. 1559 wurde die Genfer Akademie gegründet, aus der später die Universität Genf hervorging. Genf wurde zu einem internationalen Zentrum des reformierten Protestantismus und zu einem Zufluchtsort für Glaubensflüchtlinge aus Frankreich, Italien, England und weiteren Ländern.

Calvins Theologie verbreitete sich nach Frankreich, in die Niederlande, nach Schottland, Ungarn, Polen und in Teile des Heiligen Römischen Reiches. Die Stadt wurde deshalb gelegentlich als «protestantisches Rom» bezeichnet.

Reformation in der Waadt

Bern eroberte 1536 die bis dahin savoyisch beherrschte Waadt und führte dort die Reformation ein. Kirchliche Institutionen wurden aufgehoben oder umgestaltet, und der katholische Gottesdienst wurde untersagt.

Zur Ausbildung französischsprachiger reformierter Geistlicher gründete Bern 1537 die Lausanner Akademie. Sie entwickelte sich zu einem wichtigen Bildungszentrum der Romandie. Zu ihren frühen Lehrern gehörte der Theologe Pierre Viret, der zu den bedeutendsten Reformatoren der französischsprachigen Schweiz zählte.

Die Einführung der Reformation war in der Waadt zugleich Teil der bernischen Herrschaftspolitik. Kirchliche Reform und politische Unterordnung waren eng miteinander verbunden.

Reformation in Graubünden

Die Drei Bünde im Gebiet des heutigen Kantons Graubünden besassen eine besondere politische Struktur. Gemeinden und Gerichtsgemeinden verfügten über weitgehende Selbständigkeit. Deshalb konnte jede Gemeinde ihre konfessionelle Ausrichtung weitgehend selbst bestimmen.

Reformatorische Ideen verbreiteten sich durch Prediger wie Johannes Comander, der in Chur wirkte. Bei der Ilanzer Disputation von 1526 wurden religiöse Fragen öffentlich erörtert. Die Ilanzer Artikel stärkten die Rechte der Gemeinden gegenüber dem Bischof von Chur und ermöglichten die Ausbreitung der Reformation.

In Graubünden entstanden reformierte und katholische Gebiete unmittelbar nebeneinander. Teilweise waren sogar innerhalb derselben Gemeinde beide Konfessionen vertreten. Kirchen wurden an manchen Orten von beiden Glaubensgemeinschaften gemeinsam genutzt.

Die konfessionelle Vielfalt führte im 17. Jahrhundert während der Bündner Wirren zu schweren politischen und militärischen Konflikten. Diese waren zugleich Teil des europäischen Machtkampfs im Umfeld des Dreissigjährigen Kriegs.

Katholischer Widerstand

Die inneren Orte Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug lehnten die Reformation ab. Auch Freiburg und Solothurn blieben katholisch. Die dortigen Obrigkeiten untersagten reformatorische Predigten und Schriften und hielten an der traditionellen kirchlichen Ordnung fest.

Die katholischen Orte betrachteten die Zürcher Politik nicht nur als religiöse, sondern auch als politische Bedrohung. Sie befürchteten, dass Zürich und Bern ihre wirtschaftliche und militärische Macht innerhalb der Eidgenossenschaft ausbauen könnten.

1526 veranstalteten die katholischen Orte die Badener Disputation. Zwingli nahm aus Sicherheitsgründen nicht persönlich teil. Der katholische Theologe Johannes Eck verteidigte die traditionelle Lehre, während Johannes Oekolampad und weitere Teilnehmer reformierte Positionen vertraten. Die katholische Seite erklärte sich nach der Disputation zur Siegerin.

Die Veranstaltung konnte die Ausbreitung der Reformation jedoch nicht verhindern. Vielmehr verschärfte sich die konfessionelle Blockbildung innerhalb der Eidgenossenschaft.

Erster Kappelerkrieg

Die Spannungen erreichten 1529 einen ersten militärischen Höhepunkt. Ein unmittelbarer Anlass war die Hinrichtung des reformierten Predigers Jakob Kaiser im katholischen Schwyz. Zürich betrachtete dies als Angriff auf die reformierte Bewegung.

Zürich erklärte den katholischen Orten den Krieg. Reformierte und katholische Truppen zogen bei Kappel am Albis zusammen. Zu einer Schlacht kam es jedoch nicht. Vermittler, insbesondere der Glarner Landammann Hans Aebli, erreichten eine friedliche Einigung.

Der Erste Kappeler Landfriede erlaubte den einzelnen eidgenössischen Orten, ihre Konfession selbst zu bestimmen. In den gemeinen Herrschaften sollte teilweise die Mehrheit der jeweiligen Gemeinde entscheiden.

Der Konflikt war damit nur vorläufig beigelegt. Zürich und Zwingli wollten die Reformation weiter ausbreiten, während die katholischen Orte ihre Stellung verteidigten.

Zweiter Kappelerkrieg

1531 verhängte Zürich mit Unterstützung Berns eine Lebensmittelsperre gegen die katholischen Orte. Diese Massnahme sollte politischen Druck ausüben, verschärfte aber die Lage erheblich.

Die katholischen Orte mobilisierten schneller als Zürich und rückten im Oktober 1531 gegen Kappel vor. Am 11. Oktober kam es zur Schlacht bei Kappel. Das ungenügend vorbereitete Zürcher Heer wurde besiegt. Zwingli nahm als Feldprediger am Feldzug teil und fiel in der Schlacht.

Wenige Wochen später wurde auch ein reformiertes Heer am Gubel bei Menzingen geschlagen. Der Zweite Kappeler Landfriede beendete den Krieg.

Die reformierten Orte durften ihre Konfession behalten. In mehreren gemeinen Herrschaften und gemischtkonfessionellen Gebieten konnte der Katholizismus jedoch wiederhergestellt werden. Die weitere politische Ausbreitung der Zürcher Reformation wurde gestoppt.

Die Niederlage veränderte das Kräfteverhältnis innerhalb der Eidgenossenschaft. Die katholischen Orte behielten trotz ihrer geringeren Bevölkerungszahl erheblichen Einfluss auf die Tagsatzung und die Verwaltung der gemeinen Herrschaften.

Heinrich Bullinger und die Festigung der Reformation

Nach Zwinglis Tod wurde Heinrich Bullinger dessen Nachfolger als Antistes der Zürcher Kirche. Bullinger stabilisierte die reformierte Ordnung und setzte stärker als Zwingli auf diplomatische Verständigung und internationale kirchliche Beziehungen.

Er unterhielt einen umfangreichen Briefwechsel mit Geistlichen, Gelehrten und politischen Persönlichkeiten in ganz Europa. Seine Predigten und theologischen Schriften fanden weite Verbreitung.

1536 entstand unter seiner Mitwirkung das Erste Helvetische Bekenntnis. Es sollte die theologischen Gemeinsamkeiten der reformierten Orte festhalten. 1566 verfasste Bullinger das Zweites Helvetisches Bekenntnis, das in zahlreichen reformierten Kirchen Europas angenommen wurde.

Eine besondere Bedeutung hatte die Verständigung mit Johannes Calvin. In der Zürcher Übereinkunft von 1549 einigten sich Calvin und Bullinger über zentrale Fragen des Abendmahls. Dadurch näherten sich der Zürcher und der Genfer Zweig der Reformation an.[1]

Theologische Grundgedanken

Die schweizerischen Reformatoren waren sich nicht in allen Fragen einig. Gemeinsame Grundlage war jedoch die Überzeugung, dass die Bibel die höchste Autorität für Lehre und kirchliches Leben darstelle.

Die Rechtfertigung des Menschen wurde als Geschenk der göttlichen Gnade verstanden, das durch den Glauben angenommen werde. Kirchliche Handlungen und gute Werke galten nicht als Mittel, mit denen das Heil verdient werden könne.

Die Reformatoren anerkannten im Allgemeinen nur Taufe und Abendmahl als Sakramente, weil sie diese unmittelbar auf Jesus Christus zurückführten. Die katholische Kirche hielt dagegen an sieben Sakramenten fest.

Besonders umstritten war das Verständnis des Abendmahls. Zwingli betonte dessen Charakter als Gedächtnis- und Gemeinschaftsmahl. Martin Luther hielt an einer wirklichen Gegenwart Christi in Brot und Wein fest. Beim Marburger Religionsgespräch von 1529 konnten sich Luther und Zwingli in dieser Frage nicht einigen.

Calvin entwickelte eine vermittelnde Auffassung. Er lehrte eine geistliche Gegenwart Christi im Abendmahl. Seine Verständigung mit Bullinger erleichterte später die Ausbildung einer gemeinsamen reformierten Tradition.

Veränderungen des Gottesdienstes

Die Reformation veränderte das Erscheinungsbild und die Nutzung der Kirchen grundlegend. Die Predigt und die Auslegung der Bibel rückten in den Mittelpunkt. Gottesdienste wurden in der Sprache der Bevölkerung gefeiert.

Altäre, Heiligenbilder, Reliquien und andere sakrale Gegenstände wurden in vielen reformierten Gebieten entfernt. Dieser Vorgang wird als Bildersturm bezeichnet. Er verlief je nach Ort geordnet oder gewaltsam. In Zürich versuchte der Rat, die Entfernung der Bilder zu kontrollieren, während es in Basel und anderen Städten zeitweise zu Unruhen kam.

Kirchenräume wurden schlichter gestaltet. Kanzel, Taufstein und Abendmahlstisch erhielten eine zentrale Bedeutung. Die Verehrung von Heiligen und Maria, Wallfahrten, Prozessionen und das Gebet für Verstorbene wurden abgelehnt.

In der frühen Zürcher Reformation wurde auch die Kirchenmusik stark eingeschränkt. Zwingli war selbst musikalisch gebildet, hielt aber instrumentale Musik und teilweise auch den Gemeindegesang vom Gottesdienst fern. Andere reformierte Gebiete, besonders Genf, entwickelten dagegen eine ausgeprägte Tradition des Psalmengesangs.

Aufhebung der Klöster

In reformierten Gebieten wurden zahlreiche Klöster, Stifte und andere geistliche Gemeinschaften aufgehoben. Mönche und Nonnen konnten die Einrichtungen verlassen, heiraten oder teilweise bis zu ihrem Tod dort wohnen bleiben.

Der Besitz der aufgehobenen Institutionen ging meist an die städtischen oder kantonalen Obrigkeiten über. Die Einkünfte wurden teilweise zur Finanzierung von Schulen, Spitälern, Armenfürsorge und kirchlicher Verwaltung verwendet. Ein erheblicher Teil diente jedoch auch der Stärkung staatlicher Finanzen.

In Zürich wurden unter anderem das Kloster Oetenbach, das Kloster Kappel und andere Einrichtungen aufgehoben. Das Grossmünsterstift und das Fraumünster verloren ihre bisherige kirchliche und politische Stellung.

In Bern gelangte nach der Reformation auch das Vermögen des Klosters Königsfelden an den Staat. In Basel wurden zahlreiche Klostergebäude später für öffentliche, schulische oder wirtschaftliche Zwecke genutzt.

Bildung und Armenfürsorge

Die Reformatoren betrachteten Bildung als Voraussetzung für das Verständnis der Bibel. Deshalb wurden Schulen ausgebaut und die Ausbildung der Geistlichen verbessert. Kenntnisse in Latein, Griechisch und Hebräisch spielten in der theologischen Bildung eine wichtige Rolle.

In Zürich entstand die Prophezei, in Bern eine höhere theologische Schule, in Lausanne die Akademie und in Genf das Collège sowie die Akademie. Die Universität Basel blieb ein bedeutendes Zentrum humanistischer und theologischer Bildung.

Die Reformation veränderte auch die Armenfürsorge. Da Klöster und kirchliche Bruderschaften aufgehoben wurden, musste die weltliche Obrigkeit viele ihrer sozialen Aufgaben übernehmen. Städte richteten Armenordnungen, Spitäler und zentrale Unterstützungssysteme ein.

Die Hilfe wurde zunehmend nach festen Regeln vergeben. Dabei unterschieden die Behörden häufig zwischen als unterstützungswürdig betrachteten Ortsarmen und fremden Bettlern. Soziale Fürsorge war eng mit Kontrolle, Arbeitsdisziplin und öffentlicher Ordnung verbunden.

Ehe, Familie und gesellschaftliche Ordnung

Die Reformatoren lehnten den verpflichtenden Zölibat für Geistliche ab. Reformierte Pfarrer durften heiraten. Die Pfarrfamilie entwickelte sich zu einem wichtigen gesellschaftlichen Vorbild.

Die Ehe galt nicht mehr als Sakrament, wurde jedoch als von Gott eingesetzte Ordnung verstanden. Ehegerichte entschieden über Heiratsverbote, familiäre Konflikte, Ehebruch und Trennungen. Eine Scheidung war unter bestimmten Bedingungen möglich, blieb aber selten.

Die Reformation stärkte teilweise die Bedeutung von Ehe und Familie, führte jedoch nicht zu einer rechtlichen Gleichstellung der Geschlechter. Frauen konnten an religiösen Diskussionen teilnehmen, Flugschriften verfassen und reformatorische Netzwerke unterstützen, blieben aber von geistlichen und politischen Ämtern weitgehend ausgeschlossen.

Durch die Aufhebung der Frauenklöster verschwand zugleich eine Möglichkeit für Frauen, ausserhalb der Ehe in einer religiösen Gemeinschaft zu leben und begrenzte Bildungs- oder Leitungsfunktionen zu übernehmen.

Katholische Reform und Gegenreformation

Die katholischen Orte beschränkten sich nicht auf die Abwehr der Reformation. Im Verlauf des 16. Jahrhunderts entstanden auch innerhalb der katholischen Kirche Reformbewegungen. Sie zielten auf eine bessere Ausbildung der Geistlichen, eine strengere kirchliche Disziplin und eine Erneuerung der Seelsorge.

Das Konzil von Trient von 1545 bis 1563 präzisierte die katholische Lehre und leitete umfassende Reformen ein. In der Schweiz wurden seine Beschlüsse schrittweise umgesetzt.

Eine wichtige Rolle spielte der Mailänder Erzbischof Karl Borromäus. Er besuchte katholische Gebiete der Eidgenossenschaft und förderte die kirchliche Erneuerung. 1579 wurde in Mailand das Collegium Helveticum zur Ausbildung katholischer Geistlicher aus der Schweiz gegründet.

Auch die Jesuiten gewannen an Bedeutung. Sie gründeten Schulen und Kollegien, unter anderem in Luzern, Freiburg und Pruntrut. Das 1574 eröffnete Jesuitenkolleg in Luzern wurde zu einem wichtigen Zentrum katholischer Bildung.

1586 schlossen sich die sieben katholischen Orte zum Goldenen Bund zusammen. Er sollte den katholischen Glauben schützen und die politische Zusammenarbeit stärken.

Konfessionelle Teilung der Eidgenossenschaft

Nach den Kappelerkriegen blieb die Eidgenossenschaft in katholische und reformierte Orte geteilt. Zürich, Bern, Basel und Schaffhausen waren reformiert. Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug, Freiburg und Solothurn blieben katholisch. In Glarus, Appenzell und mehreren gemeinen Herrschaften bestanden beide Konfessionen nebeneinander.

Die konfessionelle Zugehörigkeit war nicht nur eine persönliche Glaubensfrage. Sie bestimmte die politische Ordnung, die Schule, die Eheschliessung, den Gottesdienst, die Feiertage und viele Bereiche des Alltags.

Katholische und reformierte Orte bildeten eigene Bündnisse und pflegten unterschiedliche aussenpolitische Beziehungen. Reformierte Städte standen häufig protestantischen Mächten näher, während katholische Orte Beziehungen zu Frankreich, Spanien, Savoyen und den Habsburgern unterhielten.

Die Tagsatzung blieb zwar bestehen, doch konfessionelles Misstrauen erschwerte gemeinsame Entscheidungen. Besonders die Verwaltung der gemeinen Herrschaften führte wiederholt zu Konflikten, weil reformierte und katholische Orte gemeinsam über Gebiete mit gemischter Bevölkerung herrschten.

Weitere konfessionelle Konflikte

Nach 1531 kam es für längere Zeit zu keinem grossen Krieg zwischen den eidgenössischen Orten. Die Gegensätze blieben jedoch bestehen und führten im 17. und frühen 18. Jahrhundert erneut zu bewaffneten Auseinandersetzungen.

Der Erste Villmergerkrieg von 1656 endete mit einem Sieg der katholischen Orte. Der Zweite Villmergerkrieg von 1712 wurde dagegen von Bern und Zürich gewonnen.

Der Vierte Landfriede von 1712 veränderte das politische Gleichgewicht zugunsten der reformierten Orte. Zürich und Bern erhielten grösseren Einfluss in mehreren gemeinen Herrschaften. Zugleich wurden die Rechte reformierter Minderheiten teilweise verbessert.

Die konfessionelle Teilung blieb bis zum Ende der Alten Eidgenossenschaft im Jahr 1798 ein zentrales Merkmal der schweizerischen Politik.

Auswirkungen auf Kunst und Kultur

Die Reformation hatte tiefgreifende Auswirkungen auf Kunst, Architektur und Alltagskultur. In reformierten Kirchen wurden zahlreiche mittelalterliche Kunstwerke entfernt, zerstört, verkauft oder übermalt. Wandmalereien verschwanden unter weissem Verputz, Reliquienschreine wurden aufgelöst und Altäre abgebrochen.

Ein Teil der Gegenstände blieb erhalten, weil er in katholische Gebiete gebracht oder anderweitig genutzt wurde. Viele heute bekannte mittelalterliche Kunstwerke sind nur fragmentarisch überliefert.

Gleichzeitig entstanden neue kulturelle Ausdrucksformen. Bibelillustrationen, Porträts von Reformatoren, gedruckte Predigten, Katechismen und Psalmenbücher gewannen an Bedeutung. Der Buchdruck wurde zu einem zentralen Medium religiöser Bildung und politischer Auseinandersetzung.

In katholischen Gebieten führte die Gegenreformation später zu einer reichen barocken Kirchenkunst. Prächtige Altäre, Klosteranlagen und Wallfahrtskirchen sollten den katholischen Glauben sichtbar und sinnlich erfahrbar machen. Die konfessionelle Konkurrenz prägte somit beide Seiten.

Bedeutung für die Entwicklung des Staates

Die Reformation stärkte in vielen Orten die Macht der weltlichen Obrigkeit. Städtische Räte übernahmen Aufgaben, die zuvor beim Bischof, bei Klöstern oder kirchlichen Gerichten gelegen hatten.

Die Obrigkeit regelte Gottesdienst, Pfarrstellen, Schulen, Armenwesen, Ehefragen und gesellschaftliche Moral. Die reformierte Kirche war deshalb keine vom Staat unabhängige Institution, sondern eng in die politische Ordnung eingebunden.

Diese Form wird häufig als obrigkeitliche oder magistrale Reformation bezeichnet. Sie unterschied sich von der Vorstellung einer freiwilligen, vom Staat getrennten Glaubensgemeinschaft, wie sie von den Täufern vertreten wurde.

Auch in katholischen Orten nahm die staatliche Kontrolle über kirchliche Angelegenheiten zu. Die Konfessionalisierung führte auf beiden Seiten zu einer engeren Verbindung von Religion, Verwaltung und politischer Herrschaft.

Internationale Wirkung

Die schweizerische Reformation war weit über die Eidgenossenschaft hinaus bedeutsam. Zwinglis Lehre beeinflusste reformierte Gemeinden in Süddeutschland. Bullingers Schriften und seine internationale Korrespondenz erreichten England, die Niederlande, Ungarn und weitere Länder.

Genf entwickelte sich unter Calvin zu einem Zentrum des europäischen Protestantismus. Glaubensflüchtlinge erhielten dort eine theologische Ausbildung und kehrten anschliessend als Prediger in ihre Herkunftsländer zurück. Dadurch verbreitete sich die reformierte Tradition besonders in Frankreich, den Niederlanden, Schottland und Teilen Osteuropas.

Der schottische Reformator John Knox hielt sich zeitweise in Genf auf. Die von ihm geprägte Kirche Schottlands übernahm wesentliche Elemente der Genfer Kirchenordnung. Über Grossbritannien gelangten reformierte Traditionen später auch nach Nordamerika und in andere Teile der Welt.

Die Zürcher Bibel, Calvins Hauptwerk Institutio Christianae Religionis, Bullingers Bekenntnisschriften und der Genfer Psalter gehörten zu den einflussreichsten Texten des europäischen Protestantismus.

Langfristige Folgen

Die Reformation veränderte die Schweiz dauerhaft. Sie schuf konfessionelle Grenzen, die teilweise bis in die Gegenwart erkennbar sind. Zürich, Bern, Basel, Schaffhausen, die Waadt und Teile der Ostschweiz wurden traditionell reformiert geprägt. Die Zentralschweiz, Freiburg, Solothurn, das Wallis und das Tessin blieben überwiegend katholisch.

Die konfessionellen Unterschiede beeinflussten Siedlungsstrukturen, Schulwesen, Kultur, politische Bündnisse und wirtschaftliche Beziehungen. In gemischtkonfessionellen Regionen entstanden besondere Formen des Zusammenlebens, aber auch wiederkehrende Spannungen.

Mit der Helvetischen Republik von 1798 und den politischen Veränderungen des 19. Jahrhunderts verlor die ausschliessliche Staatskonfession schrittweise an Bedeutung. Die Bundesverfassung von 1848 garantierte zunächst vor allem den anerkannten christlichen Konfessionen gewisse Rechte. Die Bundesverfassung von 1874 erweiterte die Religionsfreiheit.

Im 20. Jahrhundert verbesserten sich die Beziehungen zwischen reformierten und katholischen Kirchen deutlich. Die ökumenische Bewegung förderte den Dialog und die Zusammenarbeit. Die staatlich anerkannten Kirchen sind heute kantonal organisiert, während die Religionsfreiheit durch die Bundesverfassung geschützt wird.

Die historisch aus der schweizerischen Reformation hervorgegangenen Landeskirchen schlossen sich 1920 zum Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund zusammen. Seit 2020 trägt die nationale Organisation den Namen Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz.[1]

Erinnerungskultur

Zahlreiche Bauwerke, Denkmäler und Museen erinnern an die Reformation. Zu den wichtigsten Orten gehören das Grossmünster in Zürich, das Berner Münster, das Basler Münster, die Kathedrale St. Pierre in Genf und das Internationale Museum der Reformation in Genf.

In Zürich erinnern das Zwingli-Denkmal bei der Wasserkirche, das Grossmünster und verschiedene historische Gebäude an die Ereignisse des 16. Jahrhunderts. Auf dem Schlachtfeld bei Kappel befindet sich ein Denkmal für Zwingli.

2019 wurde das 500-jährige Jubiläum des Beginns der Zürcher Reformation mit Ausstellungen, Gottesdiensten, Theateraufführungen, wissenschaftlichen Veranstaltungen und Stadtführungen begangen. Dabei wurden neben Zwingli auch Heinrich Bullinger, Frauen der Reformationszeit, Täufer sowie gesellschaftliche Gewinner und Verlierer der Bewegung thematisiert.[4]

Bedeutende Persönlichkeiten

Zeittafel

Jahr Ereignis
1515 Niederlage der Eidgenossen in der Schlacht bei Marignano
1519 Zwingli beginnt seine Tätigkeit am Zürcher Grossmünster
1522 Zürcher Wurstessen und öffentliche Auseinandersetzung um das Fastengebot
1523 Erste und Zweite Zürcher Disputation
1524 Entfernung kirchlicher Bilder und Beginn der Klosteraufhebungen in Zürich
1525 Abschaffung der Messe in Zürich und Entstehung der Täuferbewegung
1526 Badener Disputation und Ilanzer Artikel
1527 Hinrichtung des Täufers Felix Manz in Zürich
1528 Berner Disputation und Einführung der Reformation in Bern
1529 Reformation in Basel und Schaffhausen; Erster Kappelerkrieg
1530 Einführung der Reformation in Neuenburg
1531 Zweiter Kappelerkrieg; Tod Zwinglis in der Schlacht bei Kappel
1536 Annahme der Reformation in Genf; bernische Eroberung der Waadt
1537 Gründung der Lausanner Akademie
1541 Rückkehr Calvins nach Genf
1549 Zürcher Übereinkunft zwischen Calvin und Bullinger
1559 Gründung der Genfer Akademie
1566 Veröffentlichung des Zweiten Helvetischen Bekenntnisses
1597 Landteilung von Appenzell in Innerrhoden und Ausserrhoden

Siehe auch

Literatur

  • Bruce Gordon: The Swiss Reformation. Manchester University Press, Manchester 2002, ISBN 978-0-7190-5118-0.
  • Peter Opitz: Ulrich Zwingli. Prophet, Ketzer, Pionier des Protestantismus. Theologischer Verlag Zürich, Zürich 2015, ISBN 978-3-290-17828-4.
  • Peter Opitz: Heinrich Bullinger. Theologischer Verlag Zürich, Zürich 2019, ISBN 978-3-290-18228-1.
  • Amy Nelson Burnett, Emidio Campi (Hrsg.): A Companion to the Swiss Reformation. Brill, Leiden 2016, ISBN 978-90-04-30102-3.
  • Thomas Maissen: Geschichte der Schweiz. Hier und Jetzt, Baden 2010, ISBN 978-3-03919-174-1.
  • Volker Reinhardt: Die Geschichte der Schweiz. Von den Anfängen bis heute. C. H. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-62206-9.
  • Rudolf Pfister: Kirchengeschichte der Schweiz. Band 2: Von der Reformation bis zum Zweiten Villmerger Krieg. Theologischer Verlag Zürich, Zürich 1974.

Einzelnachweise