Geschichte des Kantons Uri
| Geschichte des Kantons Uri | |
|---|---|
| Historischer Raum | Reusstal, Schächental und Urserntal |
| Schenkung an das Fraumünster | 853 |
| Reichsfreiheit | 1231 |
| Bundesbrief | 1291 |
| Bund von Brunnen | 1315 |
| Landrecht mit Ursern | 1410 |
| Teil des Kantons Waldstätten | 1798–1803 |
| Wiederherstellung als Kanton | 1803 |
| Abschaffung der Landsgemeinde | 1928 |
| Einführung des kantonalen Frauenstimmrechts | 1972 |
Die Geschichte des Kantons Uri reicht von frühen alpinen Siedlungen über die mittelalterliche Talgemeinschaft und die Entstehung der Alten Eidgenossenschaft bis zum modernen Schweizer Kanton. Uri gehört zusammen mit Schwyz und Unterwalden zu den sogenannten Waldstätten und nimmt in der traditionellen schweizerischen Gründungsgeschichte eine besonders bedeutende Stellung ein.
Die Entwicklung Uris wurde wesentlich durch seine geografische Lage geprägt. Das untere Reusstal öffnet sich gegen den Vierwaldstättersee, während die Reuss nach Süden durch enge Gebirgstäler bis zum Gotthardpass führt. Seit dem Hochmittelalter bildete die Gotthardroute eine der wichtigsten Verkehrsverbindungen zwischen dem nördlichen und dem südlichen Alpenraum. Der Passverkehr brachte Uri wirtschaftliche Möglichkeiten, machte das Land aber auch zu einem strategisch umkämpften Gebiet.
Im Mittelalter entwickelte sich aus verschiedenen grundherrschaftlichen, kirchlichen und genossenschaftlichen Strukturen eine weitgehend selbstverwaltete Talgemeinschaft. Mit dem Freiheitsbrief von 1231 erhielt Uri die Reichsunmittelbarkeit. Der Bundesbrief von Anfang August 1291 verband Uri mit Schwyz und einer Gemeinschaft aus Unterwalden. Der Vertrag gilt heute als eines der ältesten Verfassungsdokumente der Schweiz, war jedoch nicht die einmalige Gründungsurkunde eines bereits fertigen Staates, sondern Teil eines längeren politischen Entwicklungsprozesses.[1]
Über Jahrhunderte war Uri ein katholisch geprägter Länderort mit einer Landsgemeinde, einer starken Gemeindeautonomie und einer auf Landwirtschaft, Viehhandel, Passverkehr und fremden Militärdiensten beruhenden Wirtschaft. Im 19. und 20. Jahrhundert veränderten Strassenbau, Gotthardbahn, Elektrizitätswirtschaft, Industrie und Tourismus die Lebens- und Wirtschaftsverhältnisse grundlegend.
Landschaft und historische Verkehrsachsen
Das historische Kerngebiet Uris umfasst das untere Reusstal zwischen dem Vierwaldstättersee und Amsteg, das Schächental sowie die höher gelegenen Täler entlang der Gotthardreuss. Das Urserntal mit Andermatt, Hospental und Realp bildete über lange Zeit eine eigenständige Talschaft und wurde erst 1410 durch ein Landrecht dauerhaft mit Uri verbunden.
Die Gebirgslandschaft erschwerte den inneren Verkehr, schützte das Gebiet aber zugleich vor einer unmittelbaren politischen Kontrolle durch auswärtige Herrschaftsträger. Verbindungen bestanden über den Gotthardpass ins Tessin, über den Oberalppass nach Graubünden, über die Furka ins Wallis, über den Klausenpass nach Glarus und über den Vierwaldstättersee in Richtung Luzern und Mittelland.
Besonders wichtig war der Übergang durch die Schöllenen. Erst die bauliche Erschliessung der engen Schlucht ermöglichte einen regelmässigeren Verkehr zwischen dem unteren Reusstal und dem Urserntal. Die Geschichte der Brücken, Wege, Saumpfade, Susten und späteren Strassen am Gotthard ist deshalb eng mit der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung Uris verbunden.[2]
Ur- und Frühgeschichte
Nach dem Rückzug der eiszeitlichen Gletscher wurde das Gebiet des heutigen Kantons schrittweise für Menschen zugänglich. Archäologische Funde belegen Aufenthalte von Jägern und Sammlern sowie eine spätere Nutzung der Alpen für Viehhaltung, Jagd und Verkehr.
Aus der Jungsteinzeit und der Bronzezeit sind einzelne Werkzeuge, Waffen, Siedlungsspuren und Passfunde bekannt. Die Besiedlung konzentrierte sich auf günstig gelegene Gebiete im Reusstal, auf sonnige Geländeterrassen und auf Zugänge zu Alpweiden und Übergängen.
Die hochalpinen Räume wurden nicht nur als Hindernisse wahrgenommen. Sie dienten bereits früh als saisonale Wirtschaftsgebiete und als Verbindungen zwischen verschiedenen Kulturregionen. Der Austausch über die Alpen umfasste Vieh, Salz, Metalle, Lebensmittel und handwerkliche Erzeugnisse.
Für die Eisenzeit lassen sich Kontakte zu keltischen und rätischen Kulturgebieten feststellen. Eine geschlossene politische oder ethnische Einheit Uri bestand damals jedoch nicht.
Römische Zeit
Nach der römischen Eroberung des Alpenraums im 1. Jahrhundert v. Chr. gehörte das Gebiet des heutigen Uri zum Einflussbereich des Römischen Reichs. Im Gegensatz zu den grossen Tälern des Mittellands entstanden in Uri keine bedeutenden römischen Städte.
Die römische Nutzung konzentrierte sich vermutlich auf Verkehrswege, landwirtschaftlich geeignete Flächen und einzelne Übergänge. Der Gotthardpass besass in römischer Zeit noch nicht dieselbe überregionale Bedeutung wie später im Mittelalter. Wichtigere römische Alpenrouten führten über andere Pässe.
Funde von Münzen und Gegenständen zeigen dennoch, dass das Gebiet nicht völlig isoliert war. Besonders im unteren Reusstal bestanden Kontakte zu den römisch geprägten Regionen am Vierwaldstättersee und im Mittelland.
Mit dem Rückgang der römischen Herrschaft veränderten sich die politischen Strukturen. Lateinische, keltische und später alemannische Einflüsse wirkten in unterschiedlicher Weise auf die Bevölkerung und die Ortsnamen ein.
Frühmittelalterliche Besiedlung
Im Frühmittelalter setzte sich im unteren Reusstal allmählich die alemannische Sprache durch. Die Besiedlung bestand vor allem aus Einzelhöfen, kleinen Weilern und kirchlichen Zentren. Landwirtschaft, Viehzucht und Alpwirtschaft bildeten die wirtschaftliche Grundlage.
Eine wichtige Rolle spielte die Kirche von Altdorf, aus deren grosser ursprünglicher Pfarrei später mehrere selbständige Kirchgemeinden hervorgingen. Klöster und geistliche Institutionen ausserhalb Uris besassen Grund und Herrschaftsrechte im Tal.
853 schenkte König Ludwig der Deutsche den sogenannten pagellus Uroniae, das Gebiet Uri, dem von ihm gegründeten Fraumünsterstift in Zürich. Die Schenkung umfasste jedoch nicht zwingend jede Person, jedes Grundstück und jedes Recht im Tal. Neben dem Fraumünster verfügten weitere Klöster und Adelsfamilien über Besitz und Ansprüche.
Die Fraumünsterabtei liess ihre Rechte durch lokale Amtsträger verwalten. Abgaben, Grundbesitz und Gerichtsbefugnisse verbanden Uri während Jahrhunderten mit Zürich. Zugleich entwickelten die Bewohner des Tals genossenschaftliche Organisationsformen für die Nutzung von Alpen, Wäldern und Allmenden.
Entstehung der Talgemeinschaft
Im Hochmittelalter bildete sich aus Hofverbänden, Kirchgemeinden, Grundherrschaften und Nutzungsgenossenschaften schrittweise eine politische Talgemeinschaft. Gemeinsame Aufgaben bestanden im Unterhalt von Wegen, Brücken und Schutzbauten, in der Regelung der Alpweiden sowie in der Sicherung des Friedens.
Auswärtige Grundherren konnten ihre Rechte im schwer zugänglichen Tal nur mit Hilfe einheimischer Amtsträger ausüben. Dadurch gewannen lokale Familien und Gemeinden zunehmend an Einfluss.
Nach dem Aussterben der Zähringer im Jahr 1218 fiel die Reichsvogtei über Uri zunächst an die Habsburger. Deren Interesse an Uri wurde durch die sich entwickelnde Gotthardroute verstärkt. Gleichzeitig versuchten die Urner, ihre unmittelbare Stellung zum König zu sichern und eine dauerhafte Unterordnung unter einen regionalen Fürsten zu vermeiden.
Die politische Gemeinschaft umfasste nicht von Anfang an alle Bewohner im modernen demokratischen Sinn. Klöster, Grundherren und einzelne Familien behielten besondere Rechte. Frauen, Unfreie und Personen ohne Landrecht waren von der politischen Mitwirkung weitgehend ausgeschlossen.
Reichsfreiheit von 1231
Am 26. Mai 1231 gewährte König Heinrich (VII.), der Sohn Kaiser Friedrichs II., den Leuten von Uri die Reichsunmittelbarkeit. Uri sollte keinem anderen Herrn als dem König beziehungsweise Kaiser unterstellt sein. Die bisher von den Habsburgern ausgeübte Reichsvogtei wurde damit beseitigt.[3]
Die Urkunde war ein entscheidender Schritt zur politischen Selbständigkeit. Sie schuf aber nicht unmittelbar einen vollständig souveränen Staat. Kirchliche und private Grundherrschaften blieben bestehen, und die genaue Verteilung der Rechte innerhalb des Tals entwickelte sich erst im Laufe der folgenden Jahrzehnte.
Mit der Reichsfreiheit gewann die Versammlung der Talleute an Bedeutung. Aus Gerichtstagen und genossenschaftlichen Zusammenkünften entwickelte sich die Urner Landsgemeinde. Bereits für das 13. Jahrhundert ist eine «Gemeinde der Leute des Tals» fassbar.[4]
Der von der Gemeinschaft gewählte Ammann wurde zum wichtigsten politischen und richterlichen Amtsträger. Später führte er die Bezeichnung Landammann. Er leitete die Landsgemeinde, vertrat Uri nach aussen und stand verschiedenen Gerichten und Räten vor.
Erschliessung der Gotthardroute
Die politische Entwicklung Uris fiel mit dem Aufstieg der Gotthardroute zusammen. Um 1200 oder im frühen 13. Jahrhundert gelang es, den Weg durch die Schöllenenschlucht mit Brücken und Stegen besser passierbar zu machen. Der genaue Zeitpunkt und die Bauweise der frühesten Anlagen sind nicht vollständig geklärt.
Die neue Route verband den Vierwaldstättersee über Uri, Ursern und den Gotthardpass mit der Leventina und der Lombardei. Sie war im Vergleich zu manchen anderen Alpenübergängen relativ direkt und verband wichtige Wirtschaftsräume nördlich und südlich der Alpen.
Uri profitierte von Transportdiensten, Zöllen, Susten, Gastwirtschaften und dem Handel. Ein grosser Teil der Waren wurde auf Saumtieren befördert. Genossenschaftlich organisierte Säumer übernahmen einzelne Abschnitte der Strecke.
Die Bedeutung der Route steigerte zugleich das Interesse der Habsburger, des Reichs, Mailands und anderer Mächte an Uri. Die Kontrolle des Gotthards wurde zu einem zentralen Element der Urner Aussenpolitik.
Bundesbrief von 1291
Nach dem Tod König Rudolfs von Habsburg im Juli 1291 schlossen Uri, Schwyz und eine als unteres Tal bezeichnete Gemeinschaft aus Unterwalden einen Bund. Der lateinisch abgefasste Bundesbrief ist auf Anfang August 1291 datiert.
Die Vertragspartner verpflichteten sich zu gegenseitiger Hilfe gegen Gewalt und Unrecht. Sie vereinbarten zudem Regeln für Gerichte, Streitigkeiten, Mord, Brandstiftung, Raub und die Durchsetzung von Urteilen. Fremde Richter, die ihr Amt gekauft hatten oder nicht zur örtlichen Gemeinschaft gehörten, sollten nicht anerkannt werden.[1]
Der Bundesbrief bestätigte nach seinem eigenen Wortlaut ein älteres Bündnis. Seine heutige Bedeutung als symbolische Gründungsurkunde der Schweiz entwickelte sich erst wesentlich später. Die Entstehung der Eidgenossenschaft war ein längerer Prozess aus Bündnissen, Konflikten, Friedensordnungen und gemeinsamen politischen Interessen.
Uri war aufgrund seiner Reichsfreiheit, seiner Lage am Gotthard und seiner genossenschaftlichen Organisation einer der wichtigsten Partner dieses frühen Bündnissystems.
Morgarten und Bund von Brunnen
Im frühen 14. Jahrhundert verschärften sich die Konflikte zwischen den Waldstätten und den Habsburgern. Im Zentrum standen Herrschaftsrechte, Klosterbesitz, Gerichtsbarkeit und die Kontrolle regionaler Verkehrswege.
1315 beteiligten sich die Urner am Kampf gegen das Heer Herzog Leopolds von Österreich. Nach dem eidgenössischen Sieg in der Schlacht am Morgarten erneuerten Uri, Schwyz und Unterwalden ihr Bündnis im Bund von Brunnen.
Der deutschsprachige Vertrag vom Dezember 1315 betonte die gegenseitige Unterstützung und eine gemeinsame Aussenpolitik. Kein Partner sollte sich ohne Zustimmung der anderen einer fremden Herrschaft unterstellen oder eigenmächtig Frieden schliessen.
Der Sieg und der Bund stärkten die Stellung der Waldstätten. Uri wurde in den folgenden Jahrzehnten zu einem festen Bestandteil aller Bündnisse, durch die sich die Eidgenossenschaft bis 1513 zum Bund der Dreizehn Orte erweiterte.[5]
Uri und die Erweiterung der Eidgenossenschaft
Uri beteiligte sich an den Bündnissen mit Luzern 1332, Zürich 1351, Glarus und Zug 1352 sowie Bern 1353. Die Verträge waren nicht identisch, sondern regelten jeweils unterschiedliche Formen gegenseitiger Hilfe, Schiedsgerichtsbarkeit und politischer Zusammenarbeit.
Durch die Verbindungen mit den Städten erhielt Uri Zugang zu wichtigen Märkten und politischen Netzwerken. Gleichzeitig blieb es ein ländlich geprägter Ort mit eigener Landsgemeinde und weitreichender Selbstverwaltung.
Urner Truppen nahmen an verschiedenen militärischen Auseinandersetzungen der Eidgenossenschaft teil. Dazu gehörten die Kämpfe gegen Habsburg, die Burgunderkriege, der Schwabenkrieg und die italienischen Feldzüge.
Die militärischen Erfolge stärkten das politische Selbstbewusstsein des Landes. Zugleich förderten sie eine Führungsschicht, die von Ämtern, Pensionen, Solddienstverträgen und Handelsbeziehungen profitierte.
Ursern und das Landrecht von 1410
Das Urserntal entwickelte sich unabhängig vom unteren Reusstal. Es gehörte seit dem Frühmittelalter zum Einflussbereich des Klosters Disentis und verfügte über eigene Rechte, Amtsträger und eine Talgemeinde.
Die Bevölkerung war zunächst romanisch geprägt. Seit dem Hochmittelalter wanderten deutschsprachige Walser ein, deren Sprache sich allmählich durchsetzte.
1382 erhielt Ursern von König Wenzel die Reichsunmittelbarkeit. Die Talschaft blieb jedoch durch die Gotthardroute wirtschaftlich und politisch eng mit Uri verbunden.
1410 schlossen Uri und Ursern ein Ewiges Landrecht. Ursern behielt seine Talgemeinde, seine Korporation und einen grossen Teil seiner inneren Selbständigkeit. Aussenpolitik und wichtige Bereiche der Strafgerichtsbarkeit wurden dagegen mit Uri verbunden.[6]
Die besondere Stellung Urserns blieb über Jahrhunderte sichtbar. Noch heute bestehen die Korporation Uri und die Korporation Ursern als getrennte öffentlich-rechtliche Körperschaften.
Expansion über den Gotthard
Die Urner Politik richtete sich seit dem späten Mittelalter zunehmend auf die südliche Seite des Gotthards. Ziel war es, den Passverkehr zu sichern, günstige Handelsbedingungen zu schaffen und fremde Herrschaftsträger von der unmittelbaren Passroute fernzuhalten.
1403 besetzten Uri und Obwalden vorübergehend die Leventina. Nach wechselnden Auseinandersetzungen mit Mailand gelangte das Tal im 15. Jahrhundert dauerhaft unter Urner Herrschaft.
1478 besiegten Urner und Leventiner Truppen bei Giornico ein zahlenmässig überlegenes mailändisches Heer. Der anschliessende Frieden bestätigte die Urner Stellung in der Leventina.[7]
Die Leventina war kein gleichberechtigter Teil Uris, sondern ein Untertanengebiet. Sie wurde durch einen Urner Landvogt verwaltet. Die örtlichen Gemeinden behielten gewisse Rechte, verfügten aber nicht über dieselben politischen Möglichkeiten wie die Urner Landsgemeinden.
Nach den italienischen Feldzügen zu Beginn des 16. Jahrhunderts beteiligte sich Uri gemeinsam mit anderen eidgenössischen Orten auch an der Verwaltung weiterer Gebiete im heutigen Tessin. Dazu gehörten Bellinzona, die Riviera und das Bleniotal.
Die Herrschaft über die südlichen Gebiete brachte Einnahmen, Ämter und wirtschaftliche Vorteile. Sie führte aber auch zu Konflikten über Abgaben, Verwaltung, Rechtsprechung und politische Ungleichheit.
Marignano und Ende der Expansionspolitik
Uri gehörte im frühen 16. Jahrhundert zu den eidgenössischen Orten, die eine aktive Politik in Norditalien unterstützten. Urner Truppen nahmen an den Mailänderkriegen teil.
1515 kämpften sie in der Schlacht bei Marignano gegen das Heer des französischen Königs Franz I. Die Eidgenossen erlitten eine schwere Niederlage. Zahlreiche Urner verloren ihr Leben.
Der Ewige Friede mit Frankreich von 1516 beendete die gross angelegte eidgenössische Expansionspolitik in Italien. Die südlichen Untertanengebiete blieben jedoch bis 1798 unter der Herrschaft Uris beziehungsweise mehrerer eidgenössischer Orte.
Der Solddienst in fremden Armeen blieb weiterhin ein wichtiger Bestandteil der Urner Wirtschaft und Politik. Führende Familien vermittelten Militärverträge und erhielten dafür Pensionen und andere Vorteile.
Reformation und katholische Erneuerung
Die von Zürich ausgehende Reformation fand in Uri nur geringe Unterstützung. Das Land blieb geschlossen katholisch und wurde zu einem wichtigen Mitglied des katholischen Lagers innerhalb der Eidgenossenschaft.
Uri beteiligte sich an den konfessionellen Bündnissen und an den beiden Kappelerkriegen von 1529 und 1531. Der Sieg der katholischen Orte im Zweiten Kappelerkrieg sicherte das konfessionelle Gleichgewicht innerhalb der Eidgenossenschaft.
Die katholische Reform des 16. und 17. Jahrhunderts veränderte das kirchliche Leben. Geistliche Ausbildung, Seelsorge, Bruderschaften, Wallfahrten und religiöse Kunst wurden ausgebaut. Kapuziner und andere Orden übernahmen wichtige Aufgaben.
Kirche und Staat waren eng miteinander verbunden. Die katholische Religion prägte Schule, Armenfürsorge, Feiertage, Recht und gesellschaftliche Normen.
Das Land beteiligte sich an katholischen Bündnissen mit anderen eidgenössischen Orten und ausländischen Mächten. Gleichzeitig blieb der wirtschaftliche Austausch mit reformierten Gebieten bestehen.
Politische Ordnung des alten Landes Uri
Die Landsgemeinde war das oberste politische Organ. Stimmberechtigt waren grundsätzlich männliche Landmänner, die das vorgeschriebene Alter erreicht hatten und das Urner Landrecht besassen.
Die Versammlung wählte den Landammann und weitere Amtsträger, beschloss Gesetze, entschied über Verträge und behandelte wichtige Gerichts- und Finanzfragen. Abstimmungen erfolgten offen durch Handmehr.
Neben der Landsgemeinde bestanden der Landrat und kleinere Räte. Der Landammann vereinigte politische, administrative und richterliche Funktionen. Eine moderne Gewaltentrennung existierte nicht.
Trotz der breiten Beteiligung männlicher Landbürger war die politische Ordnung nicht sozial gleich. Einflussreiche Familien besetzten über Generationen wichtige Ämter, kontrollierten Solddienstverträge und verfügten über wirtschaftliche Netzwerke.
Frauen, Hintersassen, Dienstboten, Zugewanderte und Bewohner ohne Landrecht waren von der Landsgemeinde ausgeschlossen. Auch die Bevölkerung der Untertanengebiete besass keine gleichberechtigte politische Stellung.
Korporationen und Allmenden
Ein grosser Teil von Alpen, Wäldern und Weiden gehörte nicht einzelnen Privatpersonen, sondern genossenschaftlich organisierten Körperschaften. Aus diesen historischen Nutzungsverbänden entwickelten sich die Korporation Uri und die Korporation Ursern.
Die Korporationen regelten die Nutzung von Allmenden, Alpen, Wald, Wasser und weiteren gemeinschaftlichen Gütern. Nutzungsrechte waren an die Zugehörigkeit zur Korporation und teilweise an besondere Alprechte gebunden.
Die Verwaltung der Gemeingüter war für die bäuerliche Wirtschaft von zentraler Bedeutung. Sie begrenzte die Zahl der Tiere auf den Alpen, organisierte Schutzbauten und regelte Holzschlag, Wege und Wasserrechte.
Die Korporationen überdauerten die politischen Umbrüche des 19. Jahrhunderts. Sie sind bis heute bedeutende Grundeigentümerinnen und prägen die Raum-, Energie- und Landwirtschaftspolitik des Kantons.
Wirtschaft in der frühen Neuzeit
Die Urner Wirtschaft beruhte vor allem auf Viehzucht, Milchwirtschaft, Alpwirtschaft und Viehhandel. Getreide musste wegen der begrenzten Anbauflächen teilweise eingeführt werden.
Rinder, Käse und andere Erzeugnisse wurden über regionale und internationale Märkte verkauft. Besonders der Handel mit Norditalien war von Bedeutung.
Der Gotthardverkehr beschäftigte Säumer, Wirte, Fuhrleute, Händler, Handwerker und Träger. Gemeinden und Genossenschaften sorgten für den Unterhalt der Wege, während Zölle und Weggelder Einnahmen brachten.
Viele Urner dienten als Soldaten und Offiziere in ausländischen Armeen. Der fremde Militärdienst bot Verdienstmöglichkeiten, brachte aber hohe menschliche Verluste und machte die Politik teilweise von ausländischen Pensionen abhängig.
Auswanderung war ebenfalls verbreitet. Urner arbeiteten ausserhalb des Kantons als Handwerker, Geistliche, Kaufleute, Soldaten oder Dienstboten.
Wilhelm Tell und die Befreiungstradition
Uri ist eng mit der Legende von Wilhelm Tell verbunden. Der Überlieferung nach lebte Tell in Bürglen, verweigerte dem habsburgischen Landvogt Gessler den Gruss und musste deshalb in Altdorf einen Apfel vom Kopf seines Sohnes schiessen.
Die Erzählung ist für das frühe 14. Jahrhundert nicht durch zeitgenössische Quellen belegt. Die älteste bekannte zusammenhängende Fassung findet sich im um 1470 entstandenen Weissen Buch von Sarnen.[8]
Im 16. Jahrhundert wurde Tell zu einer zentralen Figur der eidgenössischen Befreiungstradition. Kapellen, Bilder, Spiele und Chroniken verbanden die Erzählung immer stärker mit Uri.
Friedrich Schillers Drama Wilhelm Tell von 1804 machte den Stoff international bekannt. Im 19. Jahrhundert wurde Tell zu einem Symbol für Freiheit, Widerstand gegen Tyrannei und die schweizerische Unabhängigkeit.
1895 wurde auf dem Rathausplatz in Altdorf das von Richard Kissling geschaffene Telldenkmal eingeweiht. Tell prägt bis heute das kulturelle Selbstbild, den Tourismus und die öffentliche Erinnerung Uris.
Die historische Forschung unterscheidet zwischen der nicht belegten Person Tell und der grossen kulturgeschichtlichen Bedeutung des Mythos.
Aufklärung und Umbrüche des 18. Jahrhunderts
Im 18. Jahrhundert blieb Uri politisch und konfessionell konservativ. Gleichzeitig wirkten aufklärerische Ideen auf einzelne Geistliche, Beamte und gebildete Familien.
Das Schulwesen wurde langsam ausgebaut. Die meisten Schulen standen unter kirchlicher Aufsicht und boten nur einen begrenzten Unterricht. Höhere Bildung war häufig mit einem Aufenthalt ausserhalb des Kantons verbunden.
Die politische Macht konzentrierte sich weiterhin auf eine relativ kleine Gruppe führender Familien. Streitigkeiten entstanden um Ämter, fremde Pensionen, Steuern und die Verteilung öffentlicher Einnahmen.
Der Transitverkehr blieb von grosser Bedeutung, doch die Wege entsprachen zunehmend nicht mehr den Anforderungen des europäischen Handels. Andere Alpenrouten wurden technisch verbessert und entwickelten sich zu einer Konkurrenz für den Gotthard.
Französische Revolution und Helvetik
Die Französische Revolution und der Einmarsch französischer Truppen beendeten 1798 die alte politische Ordnung der Eidgenossenschaft. Die Helvetische Republik schaffte die Untertanenverhältnisse ab und führte einen zentralistischen Einheitsstaat ein.
Uri verlor seine Herrschaft über die Leventina und die gemeinsam verwalteten tessinischen Gebiete. Diese wurden später Bestandteile des Kantons Tessin.
Die Urner Bevölkerung lehnte die helvetische Ordnung mehrheitlich ab. Die Abschaffung der Landsgemeinde, die Trennung von Kirche und Politik sowie die französische Besatzung wurden als Angriff auf die überlieferten Freiheiten und die katholische Religion empfunden.
Uri wurde zusammen mit Schwyz, Unterwalden und Zug dem helvetischen Kanton Waldstätten zugeteilt. Ursern und Wassen bildeten zeitweise den Distrikt Andermatt.
Im Frühjahr 1798 kam es zum militärischen Widerstand gegen die französischen Truppen. Nach der Niederlage musste Uri die helvetische Verfassung und Besatzung akzeptieren.
Krieg von 1799 und Suworow
Während des Zweiten Koalitionskriegs wurde Uri 1799 zu einem bedeutenden Kriegsschauplatz. Französische, österreichische und russische Truppen kämpften um die Alpenübergänge.
Im September 1799 überschritt eine russische Armee unter General Alexander Suworow den Gotthardpass. In der Schöllenen kam es zu schweren Gefechten mit französischen Truppen.
Brücken, Wege, Häuser und Versorgungseinrichtungen wurden beschädigt oder zerstört. Die Bevölkerung musste Soldaten einquartieren, Lebensmittel abliefern und unter Gewalt, Krankheiten und wirtschaftlicher Not leiden.
Suworows Alpenzug wurde später in Denkmälern und Erzählungen erinnert. Für Uri bedeutete das Kriegsjahr jedoch vor allem Zerstörung und eine schwere Belastung der Bevölkerung.
Mediationszeit und Wiederherstellung des Kantons
Mit der Mediationsakte Napoleons wurde die Helvetische Republik 1803 aufgelöst. Uri erhielt seine Stellung als selbständiger Kanton zurück und wurde erneut Mitglied der Eidgenossenschaft.
Die Landsgemeinde und die traditionellen Behörden wurden wiederhergestellt. Die früheren Untertanengebiete südlich des Gotthards blieben jedoch endgültig verloren.
Nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft bestätigte der Bundesvertrag von 1815 Uri als souveränen Kanton im lockeren schweizerischen Staatenbund.
Die Restauration stärkte konservative und kirchliche Kräfte. Politische Reformen wurden nur langsam umgesetzt. Uri hielt an der Landsgemeinde und an zahlreichen traditionellen Institutionen fest.
Strassenbau im 19. Jahrhundert
Der wirtschaftliche Wandel machte den Ausbau der Verkehrswege dringend notwendig. Zwischen 1820 und 1830 entstand eine befahrbare Gotthardstrasse. Sie ermöglichte den Verkehr mit Fuhrwerken und später mit Postkutschen.
Neue Strassen wurden auch über die Furka, den Oberalp, den Klausen und den Susten gebaut oder geplant. Der Unterhalt war wegen Lawinen, Hochwasser, Steinschlag und Frost besonders aufwendig.
1865 wurde die Axenstrasse eröffnet. Sie schuf eine direkte Strassenverbindung entlang des Urnersees in Richtung Schwyz und löste die frühere weitgehende Abhängigkeit vom Schiffsverkehr ab.
Flüelen verlor dadurch schrittweise seine Funktion als zwingender Umschlagplatz zwischen Schiff und Landverkehr. Gleichzeitig entstanden neue Möglichkeiten für Tourismus und Güterverkehr.[2]
Sonderbund und Bundesstaat
Uri gehörte zu den katholisch-konservativen Kantonen, die sich gegen die liberalen und radikalen Reformbewegungen stellten. Die Konflikte verschärften sich durch den Aargauer Klosterstreit, die Berufung der Jesuiten nach Luzern und die Frage einer stärkeren Bundesgewalt.
1845 schloss sich Uri mit Luzern, Schwyz, Unterwalden, Zug, Freiburg und Wallis zum Sonderbund zusammen. Die eidgenössische Tagsatzung erklärte das Bündnis 1847 für unzulässig.
Im Sonderbundskrieg wurde Uri von eidgenössischen Truppen besetzt. Der Krieg dauerte nur wenige Wochen und endete mit der Niederlage der katholischen Kantone.[9]
Uri lehnte die Bundesverfassung von 1848 mit grosser Mehrheit ab. Nach deren Annahme durch die Mehrheit der Kantone wurde der Kanton dennoch Teil des neuen schweizerischen Bundesstaats.
Die Niederlage führte zu politischen und rechtlichen Reformen. Eine neue Kantonsverfassung trat 1851 in Kraft. Sie ordnete die Behörden systematischer, behielt jedoch die Landsgemeinde und die katholisch-konservative Grundausrichtung bei.[10]
Bau der Gotthardbahn
Der Bau der Gotthardbahn zwischen 1872 und 1882 veränderte Uri grundlegend. Tausende Arbeiter aus der Schweiz und aus dem Ausland kamen in die Gemeinden entlang der Strecke.
Besonders Göschenen und Erstfeld wuchsen stark. In Göschenen entstand das Nordportal des rund 15 Kilometer langen Gotthardtunnels. Erstfeld entwickelte sich zu einem wichtigen Bahnbetriebsort mit Depot, Werkstätten und Wohnquartieren.
Die Arbeits- und Lebensbedingungen auf den Baustellen waren hart. Unfälle, Krankheiten, schlechte Unterkünfte und Konflikte belasteten die Arbeiter. Beim Tunnelbau kamen zahlreiche Menschen ums Leben.
1875 wurde ein Arbeiterstreik in Göschenen gewaltsam beendet. Der Konflikt machte die sozialen Spannungen des Grossprojekts sichtbar.
1882 wurde die Gotthardbahn eröffnet. Sie verkürzte die Reisezeiten erheblich und machte den Saum- und Postkutschenverkehr weitgehend bedeutungslos.[11]
Der Kanton wurde stärker in die schweizerische und europäische Wirtschaft eingebunden. Gleichzeitig führte die Bahn zu einem tiefgreifenden Wandel der Siedlungen, Berufe und Verkehrsströme.
Industrialisierung und Tourismus
Die Industrialisierung setzte in Uri später und schwächer ein als in den grossen Mittellandkantonen. Betriebe entstanden vor allem im unteren Reusstal und entlang der Bahnlinie.
Zu den wichtigen Branchen gehörten Metallverarbeitung, Steinbrüche, Holzverarbeitung, Baustoffe, Textilien und später elektrotechnische Unternehmen.
Altdorf, Schattdorf und Erstfeld entwickelten sich zu wirtschaftlichen Zentren. Viele Menschen wechselten von der Landwirtschaft in Industrie, Bau, Verkehr und Dienstleistungen.
Der Tourismus gewann im 19. Jahrhundert ebenfalls an Bedeutung. Andermatt und das Urserntal wurden als Ausgangspunkte für Passreisen, Bergtouren und Wintersport bekannt.
Hotels, Bergführerwesen, Postverkehr und später Skilifte und Bergbahnen schufen neue Arbeitsplätze. Der Tourismus blieb jedoch anfällig für Wirtschaftskrisen, Kriege und Veränderungen der Reisegewohnheiten.
Politische Modernisierung
Im späten 19. Jahrhundert wurden Verwaltung, Bildungswesen, Gerichtsbarkeit und Infrastruktur modernisiert. Die Kantonsverfassung von 1888 erweiterte die Volksrechte und ordnete die staatlichen Institutionen neu.
Die Landsgemeinde blieb zunächst bestehen, obwohl die Bevölkerungszahl zunahm und die politische Entscheidungsfindung komplizierter wurde. Der Versammlungsort befand sich in Bötzlingen auf dem Gebiet der Gemeinde Schattdorf.
Die offene Abstimmung, die schwierige Feststellung knapper Mehrheiten und regionale Konflikte führten zu wachsender Kritik. Besonders aus dem Urserntal wurde beanstandet, dass die weiter entfernten Gemeinden benachteiligt seien.
1928 stimmte das Urner Volk für die Abschaffung der kantonalen Landsgemeinde. An ihre Stelle traten Abstimmungen an der Urne. Gleichzeitig wurde die Volksinitiative als Instrument der direkten Demokratie ausgebaut.[12]
Uri im Ersten Weltkrieg
Während des Ersten Weltkriegs blieb Uri von direkten Kampfhandlungen verschont. Die strategische Bedeutung des Gotthards führte jedoch zu einer starken militärischen Präsenz.
Soldaten bewachten Bahnlinien, Tunnel, Brücken und Passübergänge. Die lange Mobilisierung belastete Familien und Landwirtschaftsbetriebe.
Lebensmittelknappheit, Teuerung und sinkende Reallöhne verschärften die sozialen Probleme. Der Tourismus brach ein, während der Bahn- und Militärverkehr teilweise zunahm.
Der schweizerische Landesstreik von 1918 fand in den industrialisierten Zentren Uris weniger Unterstützung als in grossen Städten und Industriegebieten. Die sozialen Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen, Versicherungen und politischer Mitbestimmung wirkten dennoch auch im Kanton.
Zwischenkriegszeit
In der Zwischenkriegszeit wurden Strassen, Elektrizitätsversorgung und touristische Anlagen weiter ausgebaut. Der motorisierte Verkehr gewann an Bedeutung.
Die Weltwirtschaftskrise führte zu Arbeitslosigkeit und sinkenden Einnahmen. Bauprojekte und öffentliche Beschäftigungsprogramme sollten die wirtschaftliche Lage verbessern.
Andermatt entwickelte sich stärker zum Militär-, Verkehrs- und Tourismusort. Im gesamten Gotthardgebiet entstanden Befestigungen, Kasernen und militärische Infrastrukturen.
Die katholisch-konservative Partei blieb politisch dominierend. Gewerkschaften, Sozialdemokratie und liberale Kräfte gewannen zwar an Einfluss, konnten die traditionelle Mehrheitsordnung aber zunächst nicht brechen.
Zweiter Weltkrieg und Réduit
Während des Zweiten Weltkriegs besass Uri eine zentrale Bedeutung für die schweizerische Verteidigungsplanung. Der Gotthard war eine der wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen und zugleich ein Kernraum des Schweizer Réduits.
Tunnel, Brücken und Strassen wurden militärisch gesichert. In Felsen entstanden Festungen, Geschützstellungen, Unterkünfte und Versorgungseinrichtungen.
Die Bevölkerung war von Mobilmachung, Rationierung, Verdunkelung und militärischen Einschränkungen betroffen. Landwirtschaft und Eigenversorgung wurden intensiviert.
Flüchtlinge versuchten teilweise über die Alpenpässe in die Schweiz zu gelangen. Ihre Behandlung richtete sich nach der wechselnden und teilweise restriktiven schweizerischen Flüchtlingspolitik.
Nach Kriegsende blieb das Militär ein wichtiger Arbeitgeber und Grundeigentümer, besonders im Urserntal.
Wasserkraft und Nachkriegsentwicklung
Im 20. Jahrhundert wurde die Wasserkraft zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor. Die grossen Höhenunterschiede und wasserreichen Gebirgstäler boten günstige Voraussetzungen für Kraftwerke.
Stauseen, Druckleitungen, Zentralen und Übertragungsleitungen veränderten die Landschaft. Gemeinden und Korporationen erhielten Einnahmen aus Wasserzinsen und Konzessionen.
Der Ausbau führte zugleich zu Konflikten über Natur- und Landschaftsschutz, Eigentumsrechte und die Verteilung der Gewinne. Besonders grosse Projekte lösten politische Diskussionen aus.
Nach 1945 verbesserten sich Wohlstand, Wohnverhältnisse, Bildung und Gesundheitsversorgung. Die Landwirtschaft verlor Arbeitskräfte, während Industrie, Bau, Verkehr und Dienstleistungen wuchsen.
Neue Wohnquartiere entstanden vor allem im unteren Reusstal. Die Gemeinden Altdorf, Schattdorf, Bürglen und Erstfeld wuchsen teilweise zusammen.
Nationalstrasse und Gotthard-Strassentunnel
Der zunehmende Autoverkehr führte zum Ausbau der Gotthardstrasse und zum Bau der Nationalstrasse A2. Die neue Verkehrsachse veränderte das Reusstal und beanspruchte grosse Flächen.
1980 wurde der Gotthard-Strassentunnel eröffnet. Er ermöglichte eine ganzjährige Strassenverbindung ohne Fahrt über die Passhöhe.
Der Tunnel brachte mehr Verkehr, Lärm und Luftbelastung, verbesserte aber zugleich die Erreichbarkeit des Kantons. Staus und Sicherheitsfragen wurden zu wiederkehrenden politischen Themen.
Nach dem Brand im Gotthard-Strassentunnel vom 24. Oktober 2001 wurde die Anlage vorübergehend geschlossen und sicherheitstechnisch verbessert. Die Katastrophe forderte elf Todesopfer.
Die Diskussion über eine zweite Tunnelröhre und die zukünftige Verkehrspolitik am Gotthard beschäftigte Uri über Jahrzehnte.
Naturkatastrophen und Hochwasserschutz
Uri ist aufgrund seiner Topografie stark von Lawinen, Hochwasser, Steinschlag, Murgängen und Bergstürzen bedroht. Historische Katastrophen zerstörten wiederholt Häuser, Wege, Brücken und Kulturland.
Besonders die Reuss und ihre Seitenbäche konnten nach starken Niederschlägen grosse Schäden verursachen. Flusskorrektionen und Schutzbauten wurden deshalb seit dem 19. Jahrhundert systematisch ausgebaut.
Das Hochwasser von 1987 traf Uri schwer. Verkehrswege wurden unterbrochen, Gebäude beschädigt und grosse Flächen überschwemmt.
In der Folge wurden die Hochwasserschutzkonzepte erneuert. Flüssen wurde teilweise mehr Raum gegeben, während Dämme, Rückhalteanlagen und Geschiebesammler ausgebaut wurden.
Naturgefahren prägen bis heute Raumplanung, Siedlungsentwicklung und Infrastrukturpolitik.
Frauenstimmrecht und gesellschaftlicher Wandel
Auf eidgenössischer Ebene stimmte die männliche Schweizer Bevölkerung 1971 der Einführung des Frauenstimm- und -wahlrechts zu.
Uri führte das Frauenstimmrecht auf kantonaler und kommunaler Ebene am 30. Januar 1972 ein. Damit erhielten Urnerinnen die gleichen formalen politischen Rechte wie Männer.
In den folgenden Jahrzehnten wurden Frauen in Gemeinde- und Kantonsbehörden sowie in den Landrat gewählt. Der Anteil von Frauen in politischen Führungsämtern stieg jedoch nur schrittweise.
Der gesellschaftliche Wandel zeigte sich auch in Bildung, Erwerbsarbeit, Familienformen und kirchlichem Leben. Die katholische Kirche verlor einen Teil ihres früheren Einflusses, blieb kulturell aber weiterhin bedeutend.
Zuwanderung aus anderen Kantonen und aus dem Ausland veränderte die Bevölkerungsstruktur. Neue Religionsgemeinschaften und eine wachsende Zahl konfessionsloser Menschen kamen hinzu.
Gotthard-Basistunnel
Mit der Neuen Eisenbahn-Alpentransversale erhielt Uri erneut eine zentrale Rolle in einem europäischen Verkehrsprojekt. Der Gotthard-Basistunnel wurde zwischen Erstfeld und Bodio gebaut.
Der 57 Kilometer lange Eisenbahntunnel wurde 2016 eröffnet. Er ist wesentlich flacher als die historische Bergstrecke und ermöglicht schnellere und schwerere Züge.
Während der Bauzeit entstanden im Kanton grosse Baustellen, Materialdeponien, Bahnanschlüsse und Unterkünfte. Das Projekt brachte Arbeitsplätze, verursachte aber auch Belastungen durch Verkehr, Lärm und Landschaftseingriffe.
Mit der Verlagerung des Fernverkehrs in den Basistunnel verlor die historische Gotthard-Bergstrecke einen Teil ihrer bisherigen Funktion. Sie blieb jedoch für den Regionalverkehr, Umleitungen, Tourismus und das eisenbahngeschichtliche Erbe bedeutend.
Der neue Kantonsbahnhof Altdorf wurde zu einem regionalen Verkehrsknoten ausgebaut.
Uri im 21. Jahrhundert
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts steht Uri vor einem tiefgreifenden wirtschaftlichen und demografischen Wandel. Das untere Reusstal entwickelt sich stärker als Wohn-, Verkehrs- und Wirtschaftsraum, während kleinere Berggemeinden teilweise mit Abwanderung und Überalterung kämpfen.
Tourismusprojekte in Andermatt führten zu grossen Investitionen in Hotels, Ferienwohnungen, Skigebiete und Verkehrsanlagen. Dadurch entstanden neue Arbeitsplätze, zugleich aber Diskussionen über Bodenpreise, Zweitwohnungen, Landschaftsschutz und die Abhängigkeit von internationalen Investoren.
Die Armee reduzierte einzelne Anlagen und Standorte, blieb im Gotthardgebiet jedoch präsent. Frühere Militärbauten wurden teilweise kulturell oder touristisch genutzt.
Der Klimawandel beeinflusst Gletscher, Permafrost, Schneesicherheit, Wasserhaushalt und Naturgefahren. Besonders hochalpine Gemeinden müssen ihre Infrastruktur und Tourismusangebote an veränderte Bedingungen anpassen.
Die Korporationen, Gemeinden und der Kanton versuchen, wirtschaftliche Entwicklung, Verkehr, Energieproduktion und Landschaftsschutz miteinander zu verbinden.
Historisches Selbstverständnis
Die Erinnerung an Reichsfreiheit, Bundesbrief, Landsgemeinde, Gotthard und Wilhelm Tell prägt das Urner Selbstverständnis bis heute.
Dabei unterscheiden historische Forschung und öffentliche Erinnerung zunehmend zwischen belegbaren Entwicklungen und später entstandenen Gründungsmythen. Der Bundesbrief von 1291 wird nicht mehr als isolierter Gründungsakt verstanden, sondern als Teil eines längeren Prozesses.
Auch die frühere Herrschaft über die Leventina und andere Untertanengebiete wird heute kritischer betrachtet. Die traditionelle Freiheitsgeschichte Uris stand in einem Spannungsverhältnis zur politischen Unfreiheit der beherrschten Bevölkerung südlich des Gotthards.
Museen, Archive, historische Vereine und Forschungsprojekte beschäftigen sich mit der sozialen, wirtschaftlichen, kirchlichen und politischen Geschichte des Kantons. Zu den wichtigen Institutionen gehören das Staatsarchiv Uri, das Historische Museum Uri, das Talmuseum Ursern und das Nationale St.-Gotthard-Museum.
Chronologie
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| um 12'500–10'000 v. Chr. | Rückzug der eiszeitlichen Gletscher aus den tieferen Urner Tälern |
| Jungsteinzeit und Bronzezeit | Frühe Besiedlung, Jagd, Alpwirtschaft und Nutzung alpiner Übergänge |
| Römische Zeit | Das Gebiet Uris gehört zum Einflussbereich des Römischen Reichs |
| 853 | König Ludwig der Deutsche schenkt Uri dem Fraumünsterstift in Zürich |
| um 1200 | Bauliche Erschliessung der Schöllenen und Aufstieg der Gotthardroute |
| 1231 | Uri erhält die Reichsunmittelbarkeit |
| 1291 | Bundesbrief zwischen Uri, Schwyz und einer Gemeinschaft aus Unterwalden |
| 1315 | Beteiligung an der Schlacht am Morgarten und Abschluss des Bundes von Brunnen |
| 1332 | Bündnis mit Luzern |
| 1351–1353 | Bündnisse mit Zürich, Glarus, Zug und Bern |
| 1403 | Erste Besetzung der Leventina durch Uri und Obwalden |
| 1410 | Ewiges Landrecht zwischen Uri und Ursern |
| 1478 | Sieg über mailändische Truppen bei Giornico |
| 1515 | Niederlage der Eidgenossen bei Marignano |
| 1516 | Ewiger Friede mit Frankreich |
| 1529 und 1531 | Beteiligung an den Kappelerkriegen auf katholischer Seite |
| 1798 | Ende der alten Eidgenossenschaft und Verlust der südlichen Untertanengebiete |
| 1798–1803 | Uri ist Teil des helvetischen Kantons Waldstätten |
| 1799 | Kämpfe am Gotthard und in der Schöllenen während Suworows Alpenzug |
| 1803 | Wiederherstellung Uris als selbständiger Kanton durch die Mediationsakte |
| 1820–1830 | Bau der befahrbaren Gotthardstrasse |
| 1845 | Uri tritt dem Sonderbund bei |
| 1847 | Niederlage im Sonderbundskrieg |
| 1848 | Uri wird Teil des schweizerischen Bundesstaats |
| 1851 | Inkrafttreten einer neuen Kantonsverfassung |
| 1865 | Eröffnung der Axenstrasse |
| 1872–1882 | Bau der Gotthardbahn und des Gotthard-Scheiteltunnels |
| 1882 | Eröffnung der Gotthardbahn |
| 1928 | Abschaffung der Urner Landsgemeinde |
| 1939–1945 | Gotthardgebiet als zentraler Raum des Schweizer Réduits |
| 1972 | Einführung des kantonalen und kommunalen Frauenstimmrechts |
| 1980 | Eröffnung des Gotthard-Strassentunnels |
| 1987 | Schweres Hochwasser im Kanton Uri |
| 2001 | Brandkatastrophe im Gotthard-Strassentunnel |
| 2016 | Eröffnung des Gotthard-Basistunnels |
Siehe auch
- Uri
- Geschichte der Schweiz
- Alte Eidgenossenschaft
- Bundesbrief von 1291
- Rütlischwur
- Wilhelm Tell
- Gotthardpass
- Ursern
- Leventina
- Schlacht am Morgarten
- Schlacht bei Giornico
- Sonderbundskrieg
- Gotthardbahn
- Gotthard-Basistunnel
Literatur
- Helmi Gasser: Die Kunstdenkmäler des Kantons Uri. Mehrere Bände. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Basel und Bern.
- Hans Stadler-Planzer: Geschichte des Landes Uri. Von den Anfängen bis zur Neuzeit. Schattdorf 1993.
- Hans Stadler-Planzer: Geschichte des Landes Uri. Vom Werden des Bundesstaates bis zur Gegenwart. Schattdorf 2007.
- Iso Müller: Geschichte von Ursern. Von den Anfängen bis zur Helvetik. Desertina, Disentis 1984.
- Staatsarchiv Uri und Historischer Verein Uri: Historisches Neujahrsblatt. Altdorf, seit 1895.
- Karl Franz Lusser: Geschichte des Kantons Uri. Schmid, Schill und Co., St. Gallen 1862.
- Hans Stadler: Uri. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
Weblinks
- Geschichte des Kantons Uri
- Uri im Historischen Lexikon der Schweiz
- Staatsarchiv Uri
- Historisches Museum Uri
- Talmuseum Ursern
- Nationales St.-Gotthard-Museum
- Uri.info – Urner Geschichte und Kultur
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 Bundesbrief von 1291, Schweizerischer Bundesrat, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ 2,0 2,1 Historische Verkehrswege im Kanton Uri, Bundesamt für Strassen, Inventar historischer Verkehrswege der Schweiz, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ Privilegien im Historischen Lexikon der Schweiz, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ Landsgemeinde im Historischen Lexikon der Schweiz, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ Uri im Historischen Lexikon der Schweiz, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ Ursern im Historischen Lexikon der Schweiz, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ Leventina im Historischen Lexikon der Schweiz, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ Tell, Wilhelm im Historischen Lexikon der Schweiz, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ Der Sonderbundskrieg von 1847, Schweizerisches Nationalmuseum, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ Verfassungen des Kantons Uri, Uri.info, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ Gotthardbahn-Geschichte, Gemeinde Erstfeld, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ Letzte Urner Landsgemeinde, Kanton Uri, abgerufen am 30. Juli 2026.
Wikimedia Commons: Medien zu Geschichte des Kantons Uri