Rütlischwur
| Rütlischwur | |
|---|---|
| Einordnung | Schweizerische Gründungslegende |
| Überlieferter Ort | Rütli bei Seelisberg |
| Traditionelle Beteiligte | Walter Fürst, Werner Stauffacher und Arnold von Melchtal |
| Traditionelles Datum | 8. November 1307 nach Aegidius Tschudi |
| Älteste ausführliche Quelle | Weisses Buch von Sarnen, um 1470 |
| Bedeutung | Symbolischer Gründungsakt der Alten Eidgenossenschaft |
Der Rütlischwur bezeichnet den der Überlieferung zufolge auf dem Rütli abgelegten Eid von Vertretern der Talschaften Uri, Schwyz und Unterwalden. Die Beteiligten sollen sich gegenseitige Unterstützung zugesichert und gemeinsamen Widerstand gegen die willkürliche Herrschaft fremder Vögte vereinbart haben. Der Schwur gilt als eine der bekanntesten Gründungslegenden der Schweiz.
Als Vertreter der drei Talschaften werden gewöhnlich Walter Fürst aus Uri, Werner Stauffacher aus Schwyz und Arnold von Melchtal aus Unterwalden genannt. Diese drei Figuren werden zusammen auch als die drei Eidgenossen bezeichnet. In bildlichen Darstellungen reichen sie einander meist die Hände und erheben die freie Hand zum Eid.
Der Rütlischwur ist kein durch zeitgenössische Urkunden belegtes Ereignis. Die älteste ausführliche schriftliche Darstellung entstand erst um 1470 und damit mehr als eineinhalb Jahrhunderte nach der Zeit, in der der Schwur stattgefunden haben soll. Die moderne Geschichtswissenschaft betrachtet ihn deshalb nicht als nachweisbaren Gründungsakt, sondern als Bestandteil der schweizerischen Befreiungstradition.[1]
Trotz seines legendären Charakters besitzt der Rütlischwur eine grosse kulturgeschichtliche Bedeutung. Die Erzählung prägte das schweizerische Selbstverständnis, die politische Symbolik, den Geschichtsunterricht, die Literatur und die bildende Kunst. Sie steht für gegenseitige Hilfe, politische Freiheit, gemeinschaftliches Handeln und Widerstand gegen willkürliche Herrschaft.
Inhalt der Überlieferung
Die Erzählung vom Rütlischwur ist Teil einer umfangreicheren Befreiungsgeschichte. Nach dieser Überlieferung litten die Bewohner der Waldstätten unter der Herrschaft habsburgischer Vögte. Diese hätten ihre Macht missbraucht, die alten Rechte der Bevölkerung missachtet und einzelne Bewohner gedemütigt oder gewaltsam verfolgt.
In Unterwalden sollen Knechte des Landvogts einem Bauern im Melchi die Ochsen weggenommen haben. Dessen Sohn habe sich gewehrt und sei anschliessend nach Uri geflohen. Als die Knechte den Flüchtigen nicht fanden, hätten sie dessen Vater geblendet.
In Schwyz soll der Landvogt Hermann Gessler dem wohlhabenden Werner Stauffacher wegen dessen neu gebautem Steinhaus gedroht haben. Auf den Rat seiner Frau habe Stauffacher beschlossen, sich mit anderen unzufriedenen Männern zu verbinden. In Uri sei er mit Walter Fürst zusammengetroffen, während Arnold von Melchtal die Verbindung zu Unterwalden hergestellt habe.[1]
Die drei Männer sollen sich heimlich auf dem Rütli versammelt haben. Dort hätten sie beschlossen, Vertreter der drei Talschaften zusammenzuführen und ein gemeinsames Vorgehen gegen die Vögte vorzubereiten. Der Überlieferung zufolge verpflichteten sie sich durch einen Eid, einander beizustehen, die alten Freiheiten zu bewahren und die Gewaltherrschaft zu beenden.
Der Rütlischwur wird in der traditionellen Erzählung nicht als Aufruf zur allgemeinen Zerstörung der gesellschaftlichen Ordnung dargestellt. Die Eidgenossen wollten demnach keine neue Ordnung schaffen, sondern überlieferte Rechte wiederherstellen und sich gegen den Missbrauch rechtmässiger Herrschaft wehren.
Auf den Bundesschwur sollten die Vertreibung der Vögte und der sogenannte Burgenbruch folgen. Dabei seien Burgen und Amtssitze der als tyrannisch dargestellten Herrschaftsträger eingenommen oder zerstört worden. Die Erzählungen vom Rütlischwur, von Wilhelm Tell, vom Burgenbruch und vom Widerstand gegen die Vögte wurden später zu einer zusammenhängenden Befreiungsgeschichte verbunden.
Die drei Eidgenossen
Die traditionelle Überlieferung schreibt jedem der drei Eidgenossen die Vertretung einer der drei Waldstätten zu:
- Walter Fürst vertritt Uri.
- Werner Stauffacher vertritt Schwyz.
- Arnold von Melchtal vertritt Unterwalden.
Die feste Zuordnung dieser Namen setzte sich vor allem durch die Darstellung des Chronisten Aegidius Tschudi im 16. Jahrhundert durch. In älteren Fassungen sind die Figuren, ihre Namen und ihre Rollen nicht immer gleich dargestellt.[2]
Walter Fürst erscheint in der Überlieferung als angesehener Mann aus Uri und als Schwiegervater Wilhelm Tells. Werner Stauffacher wird als Landmann oder Landammann von Schwyz dargestellt. Seine Frau, die gewöhnlich als Gertrud Stauffacher bezeichnet wird, ermutigt ihn in späteren Fassungen zum Widerstand. Arnold von Melchtal ist der Sohn des geblendeten Bauern aus Unterwalden.
Die drei Figuren verkörpern unterschiedliche Landschaften, Altersgruppen und gesellschaftliche Erfahrungen. Ihre Verbindung symbolisiert die Zusammenarbeit politisch eigenständiger Gemeinschaften. Während Wilhelm Tell in der Befreiungstradition als einzelner handelnder Widerstandskämpfer erscheint, stehen die drei Eidgenossen für gemeinschaftliches und vereinbartes Handeln.
In manchen Fassungen nimmt Wilhelm Tell selbst am Rütlischwur teil. Das um 1512 entstandene Urner Tellenspiel setzt Tell an die Stelle Walter Fürsts. In der später dominierenden Fassung bleibt Tell dagegen ausserhalb des Kreises der drei eigentlichen Schwurvertreter.[1]
Das Rütli als Schauplatz
Das Rütli ist eine Waldwiese am Osthang des Seelisbergs oberhalb des Urnersees, des südlichsten Teils des Vierwaldstättersees. Es gehört zur Gemeinde Seelisberg im Kanton Uri. Aufgrund der Gründungslegende wird die Wiese häufig als «Wiege der Schweiz» bezeichnet.[3]
Warum gerade das Rütli zum Ort des Schwurs wurde, lässt sich historisch nicht feststellen. Seine abgeschiedene Lage zwischen See, Wald und Bergen entsprach jedoch gut der Vorstellung eines geheimen nächtlichen Treffens. Der Ort bot zudem eine symbolische Verbindung zwischen den drei Waldstätten.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich das Rütli zu einem nationalen Erinnerungsort. Als Pläne bekannt wurden, auf der Wiese ein Hotel zu errichten, sammelte die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft Geld für den Kauf des Geländes. 1859 wurde das Rütli erworben und der Schweizerischen Eidgenossenschaft als unveräusserliches Nationaleigentum übergeben. Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft verwaltet die Wiese weiterhin.
Auf dem Rütli befinden sich unter anderem das Rütlihaus, eine kleine Kapelle und der Drei-Quellen-Brunnen. Die drei Quellen werden symbolisch mit Uri, Schwyz und Unterwalden verbunden. Seit dem 19. Jahrhundert finden auf der Wiese nationale Gedenkveranstaltungen statt. Besonders bekannt ist die jährliche Feier zum Schweizer Bundesfeiertag.
Schriftliche Überlieferung
Berner Chronik
Ein früher Kern der Befreiungstradition findet sich in der um 1420 begonnenen Berner Chronik von Konrad Justinger. Der Chronist berichtet von Übergriffen habsburgischer Vögte und vom Widerstand der Bevölkerung in den Waldstätten.
Der Rütlischwur, Wilhelm Tell und der Burgenbruch kommen in dieser frühen Darstellung jedoch noch nicht vor. Die später bekannte Befreiungsgeschichte entstand somit schrittweise aus verschiedenen lokalen Erzählungen und überlieferten Motiven.[1]
Weisses Buch von Sarnen
Die älteste ausführliche Fassung der Erzählung steht im Weissen Buch von Sarnen. Das Werk wurde um 1470 vom Obwaldner Landschreiber Hans Schriber angelegt. Es handelt sich ursprünglich um ein Kopialbuch, in dem wichtige Urkunden, Bündnisse und Rechtsentscheidungen abgeschrieben wurden.
Am Ende des Buches fügte Hans Schriber einen erzählenden Teil über die Entstehung und Befreiung der Eidgenossenschaft ein. Darin werden die Übergriffe der Vögte, die Geschichte Wilhelm Tells, der Burgenbruch und der Bundesschwur auf dem Rütli zu einer weitgehend zusammenhängenden Handlung verbunden.[4]
Das Weisse Buch von Sarnen entstand etwa 180 Jahre nach dem Bundesbrief von 1291. Es enthält keine Angabe, die eine unmittelbare Verbindung zwischen dem Rütlischwur und der Urkunde von 1291 herstellen würde. Das Original wird im Staatsarchiv Obwalden aufbewahrt.
Petermann Etterlin
Der Luzerner Chronist Petermann Etterlin veröffentlichte 1507 die Kronica von der loblichen Eydtgnoschaft. Sie war die erste gedruckte Schweizer Chronik, welche die Befreiungstradition einem grösseren Publikum zugänglich machte.
Etterlins Werk verbreitete die Erzählungen vom Rütlischwur, von Wilhelm Tell und von den tyrannischen Vögten weit über die Innerschweiz hinaus. Die Chronik enthielt zudem die früheste gedruckte bildliche Darstellung des Apfelschusses.
Aegidius Tschudi
Die für lange Zeit massgebende Fassung der Befreiungsgeschichte wurde im 16. Jahrhundert von Aegidius Tschudi ausgearbeitet. In seinem Chronicon Helveticum ordnete er die einzelnen Erzählungen in eine detaillierte zeitliche Abfolge ein.
Tschudi datierte den Rütlischwur auf den Mittwoch vor Martini 1307, den 8. November. Die Erstürmung der Burgen setzte er auf den Neujahrstag 1308. Er verband den Bundesschwur mit der Herrschaft des römisch-deutschen Königs Albrecht I. und stellte den Widerstand als Reaktion auf eine gewaltsame und rechtswidrige Verwaltung dar.[1]
Die von Tschudi geschaffene Chronologie wurde bis weit ins 19. Jahrhundert hinein als historische Tatsache behandelt. Erst die Wiederentdeckung und politische Aufwertung des Bundesbriefs von 1291 führte dazu, dass die Gründung der Eidgenossenschaft zunehmend mit dem Jahr 1291 verbunden wurde.
Verhältnis zum Bundesbrief von 1291
Der Rütlischwur und der Bundesbrief von 1291 werden in der populären Darstellung häufig miteinander gleichgesetzt. Historisch und quellenkundlich handelt es sich jedoch um zwei verschiedene Überlieferungen.
Der Bundesbrief ist eine erhaltene lateinische Urkunde von Anfang August 1291. Darin sichern sich die Talgemeinschaften Uri, Schwyz und Nidwalden gegenseitige Hilfe gegen Gewalt und Unrecht zu. Ausserdem enthält die Urkunde Bestimmungen über Richter, strafrechtliche Angelegenheiten, Schulden und die Beilegung von Streitigkeiten.[5]
Der Bundesbrief erwähnt weder das Rütli noch Walter Fürst, Werner Stauffacher, Arnold von Melchtal oder Wilhelm Tell. Er berichtet auch nicht von einem Aufstand gegen habsburgische Vögte oder von der Zerstörung von Burgen. Bestehende Herrschaftsverhältnisse werden in der Urkunde ausdrücklich nicht grundsätzlich aufgehoben.
Der Rütlischwur ist dagegen eine erstmals im 15. Jahrhundert ausführlich festgehaltene Erzählung. In der traditionellen Chronologie Tschudis soll er 1307 stattgefunden haben. Eine zeitgenössische schriftliche Quelle für dieses Ereignis ist nicht bekannt.
Der Bundesbrief von 1291 wurde erst 1758 im Archiv von Schwyz wiederentdeckt. In der staatsrechtlichen Überlieferung der Alten Eidgenossenschaft hatte zuvor vor allem der Bundesbrief von 1315 eine bedeutende Rolle gespielt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erklärte man die Urkunde von 1291 zunehmend zur Gründungsurkunde der Eidgenossenschaft.[5]
Bei der Bundesfeier von 1891 wurden der Bundesbrief, der Rütlischwur und die Befreiungstradition zu einem gemeinsamen nationalen Gründungsbild verbunden. Dadurch entstand die weit verbreitete Vorstellung, der Rütlischwur habe am 1. August 1291 stattgefunden. Diese Datierung entspricht weder dem Text des Bundesbriefs noch der älteren chronikalischen Überlieferung.
Historische Beurteilung
Für einen tatsächlich auf dem Rütli abgelegten Gründungseid gibt es keine zeitgenössischen Belege. Keine Urkunde aus der Zeit um 1300 nennt das Ereignis oder die drei traditionellen Schwurvertreter. Auch spätere historiografische Versuche konnten keinen überzeugenden Nachweis dafür erbringen, dass die einzelnen Szenen der Befreiungstradition auf konkreten Ereignissen beruhen.[1]
Dies bedeutet nicht, dass die politischen Verhältnisse in der Innerschweiz um 1300 vollständig erfunden wären. Uri, Schwyz und Unterwalden waren reale politische Gemeinschaften, die Bündnisse schlossen, eigene Interessen verfolgten und in Auseinandersetzungen mit regionalen Herrschaftsträgern standen. Der Bundesbrief von 1291 belegt eine Vereinbarung über gegenseitige Hilfe und die Sicherung des Landfriedens.
Nicht belegt ist jedoch, dass die Entwicklung der Eidgenossenschaft durch einen einzigen Schwur, einen koordinierten Volksaufstand oder eine gemeinsame Vertreibung habsburgischer Vögte ausgelöst wurde. Die Alte Eidgenossenschaft entstand über einen langen Zeitraum aus zahlreichen Bündnissen, Konflikten, Schiedsverfahren und politischen Veränderungen.
Im 19. Jahrhundert setzte sich in der wissenschaftlichen Geschichtsforschung zunehmend die Auffassung durch, dass der Rütlischwur zur Sagen- und Mythenwelt gehört. Die kritische Einordnung wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zum allgemeinen Stand der schweizerischen Geschichtswissenschaft.
Der Begriff «Mythos» bedeutet in diesem Zusammenhang nicht einfach eine absichtliche Fälschung. Ein historischer Mythos ist eine gesellschaftlich wirksame Erzählung, durch die eine Gemeinschaft ihre Herkunft, ihre Werte und ihr politisches Selbstverständnis erklärt. Die Wirkungsgeschichte des Rütlischwurs ist deshalb unabhängig von der Frage nach seiner Historizität ein bedeutender Bestandteil der Schweizer Geschichte.
Friedrich Schillers «Wilhelm Tell»
Die international bekannteste literarische Darstellung des Rütlischwurs stammt von Friedrich Schiller. Sein Schauspiel Wilhelm Tell wurde 1804 in Weimar uraufgeführt.
Schiller kannte die Schweiz nicht aus eigener Anschauung. Als wichtigste historische Grundlage verwendete er die auf Aegidius Tschudi zurückgehenden Geschichten Schweizerischer Eidgenossenschaft von Johannes von Müller. Schiller formte den überlieferten Stoff zu einem Drama über Freiheit, Widerstand, Recht und politische Verantwortung.
Zu den bekanntesten Versen der Rütliszene gehört:
- «Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,
- in keiner Not uns trennen und Gefahr.»
Diese Worte sind keine überlieferte mittelalterliche Eidesformel. Sie wurden von Schiller für sein Drama geschaffen. Dennoch prägten sie das öffentliche Bild des Rütlischwurs so stark, dass sie häufig wie ein historischer Wortlaut zitiert werden.
Schillers Schauspiel machte die schweizerische Befreiungstradition im deutschen Sprachraum und darüber hinaus bekannt. Es beeinflusste Theateraufführungen, Schulbücher, Festspiele und politische Reden. Die Rütliszene wurde zu einem Sinnbild für die freiwillige Verbindung freier Menschen.
Darstellung in der Kunst
Seit dem 16. Jahrhundert wurde der Rütlischwur in Chroniken, Theateraufführungen, Gemälden, Wandbildern, Denkmälern und später auch in Filmen dargestellt. Das typische Bild zeigt drei Männer, die ihre Hände übereinanderlegen oder sich gegenseitig an den Händen halten. Häufig erheben sie gleichzeitig eine Hand zum Himmel.
Eine der bekanntesten künstlerischen Darstellungen ist Johann Heinrich Füsslis Gemälde Die drei Eidgenossen beim Schwur auf dem Rütli, das zwischen 1779 und 1781 entstand. Füssli stellte die Figuren in dramatischer Beleuchtung und mit erhobenen Armen dar. Sein Werk prägte zahlreiche spätere Darstellungen.[2]
Im Bundeshaus in Bern steht die 1914 vollendete Monumentalgruppe Die drei Eidgenossen des Bildhauers James Vibert. Sie befindet sich in der Kuppelhalle und zeigt die drei Schwurvertreter als kraftvolle Figuren, die gemeinsam den Bundesbrief halten.
Auch das 1936 eröffnete Bundesbriefmuseum in Schwyz enthält künstlerische Darstellungen der Gründungserzählung. Das Wandbild Rütlischwur von Walter Clénin und weitere Werke des Gebäudes entstanden im Umfeld der Geistigen Landesverteidigung. Sie sollten Zusammenhalt, Unabhängigkeit und Wehrbereitschaft der Schweiz versinnbildlichen.[6]
Entwicklung zum Nationalmythos
Im 18. Jahrhundert erhielten die Figuren der Befreiungstradition im Zusammenhang mit der Aufklärung und dem frühen schweizerischen Patriotismus neue Bedeutung. Die 1762 gegründete Helvetische Gesellschaft stellte Wilhelm Tell und die drei Eidgenossen als Vorbilder republikanischer Tugend, persönlicher Freiheit und gemeinnützigen Handelns dar.
Johannes von Müllers ab 1780 veröffentlichte Geschichtswerke behandelten die Befreiungstradition noch weitgehend als historische Überlieferung. Seine anschauliche Darstellung beeinflusste Friedrich Schiller und trug wesentlich zur Verbreitung des Rütlischwurs im europäischen Kulturraum bei.
Nach der Gründung des modernen Bundesstaats von 1848 gewann der Rütlischwur eine neue politische Funktion. Die junge, sprachlich, konfessionell und regional vielfältige Schweiz benötigte gemeinsame Symbole und historische Erzählungen. Der Schwur der drei Waldstätten eignete sich als Bild für die freiwillige Verbindung eigenständiger Kantone.
Bei nationalen Schützen-, Turn- und Sängerfesten wurden Szenen des Rütlischwurs auf Fahnen, Medaillen, Festdekorationen und Umzugswagen dargestellt. Die Erzählung wurde zu einem festen Bestandteil des Schulunterrichts und der nationalen Festkultur.
1891 beging die Schweiz eine grosse Feier zum angenommenen 600-jährigen Bestehen der Eidgenossenschaft. Dabei wurde der Bundesbrief von 1291 erstmals zur zentralen historischen Grundlage des Jubiläums. Die ältere Datierung des Rütlischwurs auf 1307 trat zunehmend in den Hintergrund.
Der 1. August wurde 1899 als jährlich wiederkehrender Bundesfeiertag eingeführt. In der öffentlichen Wahrnehmung verschmolzen der Bundesbrief, der Rütlischwur und die Gründung der Eidgenossenschaft zu einer gemeinsamen symbolischen Erzählung.
Bedeutung im 20. Jahrhundert
Während der beiden Weltkriege wurde der Rütlischwur als Symbol der Unabhängigkeit und des nationalen Zusammenhalts verwendet. Besonders während der Bedrohung durch die nationalsozialistischen und faschistischen Nachbarstaaten erhielt die Befreiungstradition eine starke politische Bedeutung.
Am 25. Juli 1940 versammelte General Henri Guisan die höheren Offiziere der Schweizer Armee auf dem Rütli. Beim sogenannten Rütli-Rapport erläuterte er die Verteidigungsstrategie des Réduits und bekräftigte den Willen zum militärischen Widerstand.
Der Rütli-Rapport hatte keinen direkten historischen Zusammenhang mit dem legendären Rütlischwur. Die Wahl des Ortes stellte jedoch bewusst eine Verbindung zwischen der aktuellen Landesverteidigung und der traditionellen Erzählung von Freiheit, Zusammenhalt und Widerstand her.
Bei der 650-Jahr-Feier von 1941 standen der Bundesbrief und die Befreiungstradition ebenfalls im Zentrum. Filme, Ausstellungen, Festspiele und Publikationen vermittelten ein Bild der Schweiz als seit Jahrhunderten bestehende, freiheitsliebende und unabhängige Gemeinschaft.
Politische und gesellschaftliche Symbolik
Der Rütlischwur wird bis heute in politischen Reden und öffentlichen Debatten verwendet. Je nach Zusammenhang steht er für unterschiedliche Werte:
- gegenseitige Hilfe und Solidarität;
- Freiheit und politische Selbstbestimmung;
- Widerstand gegen Willkür und Unterdrückung;
- Zusammenarbeit eigenständiger Kantone;
- Verpflichtung auf gemeinsam vereinbarte Regeln;
- nationale Unabhängigkeit;
- Zusammenhalt über regionale Unterschiede hinweg.
Die Offenheit dieser Symbolik erlaubt unterschiedliche politische Deutungen. Konservative Bewegungen betonen häufig Unabhängigkeit, Souveränität und Abwehr fremder Herrschaft. Liberale und demokratische Deutungen stellen die freiwillige Vereinbarung freier Bürger sowie die Bindung der Macht an das Recht in den Mittelpunkt. Soziale Bewegungen haben den Handschlag der drei Eidgenossen als Symbol der Solidarität zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen verwendet.
Der Rütlischwur kann jedoch auch kritisch betrachtet werden. Die traditionelle Darstellung zeigt ausschliesslich Männer und vermittelt ein stark vereinfachtes Bild einer einheitlichen mittelalterlichen Bevölkerung. Die tatsächliche Entwicklung der Schweiz war wesentlich komplexer und schloss Herrschaftskonflikte, soziale Ungleichheit, Eroberungen und die Unterordnung abhängiger Gebiete ein.
Eine moderne Auseinandersetzung mit dem Rütlischwur trennt deshalb zwischen historischer Forschung und kultureller Wirkung. Die Legende wird nicht als wörtlicher Bericht über die Staatsgründung verstanden, bleibt aber ein wichtiges Zeugnis dafür, wie die Schweiz ihre Herkunft und ihre politischen Werte dargestellt hat.
Gegenwärtige Erinnerungskultur
Der Rütlischwur ist weiterhin in Schulbüchern, Museen, Theaterstücken, historischen Festspielen, Werbung und politischen Reden präsent. Die drei zum Eid verbundenen Hände gehören zu den bekanntesten Bildmotiven der Schweiz.
Das Bundesbriefmuseum in Schwyz stellt den Unterschied zwischen historischen Quellen und nationalen Mythen dar. Der Bundesbrief von 1291 wird dort nicht mehr als eindeutiger Gründungsakt präsentiert, sondern in die mittelalterliche Bündnispolitik und seine spätere Wirkungsgeschichte eingeordnet. Der Rütlischwur wird als Beispiel dafür behandelt, wie historische Erzählungen nationale Identität schaffen können.[6]
Auf dem Rütli findet jedes Jahr eine Bundesfeier statt. Der Ort dient ausserdem als Ziel von Schulreisen, Wanderungen und politischen oder kulturellen Veranstaltungen. Die Wiese bleibt damit zugleich Landschaft, historischer Erinnerungsort und Symbolraum.
Der Rütlischwur gilt heute weniger als belegter Beginn eines Staates denn als verdichtete Erzählung über die Vorstellung, dass politische Gemeinschaft durch gegenseitige Verpflichtung, gemeinsames Recht und solidarisches Handeln entsteht.
Siehe auch
- Rütli
- Bundesbrief von 1291
- Alte Eidgenossenschaft
- Befreiungstradition
- Drei Eidgenossen
- Walter Fürst
- Werner Stauffacher
- Arnold von Melchtal
- Wilhelm Tell
- Weisses Buch von Sarnen
- Aegidius Tschudi
- Burgenbruch
- Schweizer Bundesfeiertag
- Rütli-Rapport
Weblinks
- Befreiungstradition im Historischen Lexikon der Schweiz
- Drei Eidgenossen im Historischen Lexikon der Schweiz
- Rütli im Historischen Lexikon der Schweiz
- Bundesbrief von 1291 – Portal der Schweizer Regierung
- Bundesbriefmuseum in Schwyz
- Weisses Buch von Sarnen – Kanton Obwalden
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 Befreiungstradition, Historisches Lexikon der Schweiz, abgerufen am 28. Juli 2026.
- ↑ 2,0 2,1 Drei Eidgenossen, Historisches Lexikon der Schweiz, abgerufen am 28. Juli 2026.
- ↑ Rütli, Historisches Lexikon der Schweiz, abgerufen am 28. Juli 2026.
- ↑ Weisses Buch von Sarnen, Kanton Obwalden, abgerufen am 28. Juli 2026.
- ↑ 5,0 5,1 Bundesbrief von 1291, Portal der Schweizer Regierung, abgerufen am 28. Juli 2026.
- ↑ 6,0 6,1 Dauerausstellung des Bundesbriefmuseums, Bundesbriefmuseum, abgerufen am 28. Juli 2026.
Wikimedia Commons: Medien zu Rütlischwur