Gotthardmassiv
| Gotthardmassiv | |
|---|---|
| Gebirgssystem | Schweizer Alpen |
| Lage | Zentrale Schweiz |
| Kantone | Uri, Tessin, Wallis und Graubünden |
| Höchster Gipfel | Pizzo Rotondo, 3192 m ü. M. in der enger gefassten Gotthardgruppe |
| Zentraler Übergang | Gotthardpass |
| Wichtige Täler | Urserental, Bedrettotal, Leventina, Tujetsch |
| Wichtige Gewässer | Reuss, Tessin, Rhein und Rhone |
| Hauptgesteine | Gneise, Granite und kristalline Schiefer |
Das Gotthardmassiv ist ein Gebirgsmassiv im zentralen Teil der Schweizer Alpen. Es erstreckt sich je nach geografischer und geologischer Abgrenzung über Teile der Kantone Uri, Tessin, Wallis und Graubünden. Sein Name leitet sich vom Gotthardpass ab, der das Urserental im Norden mit der Leventina im Süden verbindet. Einen einzelnen Berg namens «Gotthard» gibt es nicht.
Das Massiv besitzt eine aussergewöhnliche verkehrsgeografische, hydrologische und kulturgeschichtliche Bedeutung. In der Gotthardregion liegen die Quellgebiete von Reuss, Tessin, Vorderrhein und Rhone. Die Gewässer fliessen über Rhein, Rhone und Po in drei verschiedene europäische Meeresräume. Deshalb wird die Region häufig als «Wasserschloss Europas» bezeichnet.[1]
Der Gotthard ist zugleich eine der wichtigsten Nord-Süd-Verkehrsachsen Europas. Seit dem Mittelalter wurde der Gebirgsraum durch einen Saumweg, später durch eine Fahrstrasse, Eisenbahnlinien, Autobahnen und mehrere Tunnel erschlossen. Neben dem Gotthardpass gehören der Furkapass, der Oberalppass, der Nufenenpass und der Lukmanierpass zu den bedeutenden Übergängen der weiteren Gotthardregion.
Begriff und Abgrenzung
Der Ausdruck «Gotthardmassiv» wird nicht in allen Fachgebieten gleich verwendet. In der allgemeinen Geografie bezeichnet er den zentralen Hochgebirgsraum rund um den Gotthardpass und die benachbarten Quellgebiete grosser Flüsse. In engerer orografischer Bedeutung ist damit vor allem die Gotthardgruppe zwischen Furka-, Nufenen- und Gotthardpass sowie den angrenzenden Tälern gemeint.
In einer weiter gefassten landschaftlichen Bedeutung kann die Gotthardregion auch die Gebirgsräume zwischen Furka-, Oberalp-, Lukmanier- und Nufenenpass einschliessen. Dadurch werden mitunter auch Randgebiete des Aarmassivs, der Lepontinischen Alpen und benachbarter Gebirgsgruppen zum Gotthardgebiet gerechnet.
Auch der geologische Begriff unterscheidet sich von der rein topografischen Einteilung. Das früher als geologisches Gotthardmassiv bezeichnete kristalline Grundgebirge wird in der modernen Tektonik überwiegend als Gotthard-Decke bezeichnet. Diese geologische Einheit erstreckt sich in westöstlicher Richtung und stimmt nicht vollständig mit dem landschaftlich verstandenen Gotthardmassiv überein.[2]
Geografie
Lage
Das Gotthardmassiv liegt im Zentrum des schweizerischen Alpenbogens. Nördlich befinden sich das Urserental und das obere Reusstal, südlich das Bedrettotal und die Leventina. Im Westen schliessen die Gebiete des Furka- und Nufenenpasses an, während sich das Massiv gegen Osten zum Oberalp- und Lukmaniergebiet fortsetzt.
Wichtige Ausgangsorte sind Andermatt, Hospental und Realp auf der Urner Seite sowie Airolo und die Dörfer des Bedrettotals auf der Tessiner Seite. Im Osten liegen die bündnerischen Gebiete von Tujetsch und der Surselva.
Die zentrale Lage zwischen der Nord- und der Südseite der Alpen macht den Gotthardraum zu einem Übergangsgebiet zwischen der deutschsprachigen, italienischsprachigen und rätoromanischsprachigen Schweiz. Im westlichen Randgebiet stösst zudem der französischsprachige Teil des Wallis an die Region.
Landschaft
Das Landschaftsbild wird durch breite Hochtäler, schmale Schluchten, felsige Gipfel, Kare, Moränen, Bergseen und kleinere Gletscher geprägt. Viele Bergkämme erreichen Höhen zwischen 2500 und mehr als 3000 m ü. M.
Die Täler verlaufen in verschiedene Richtungen. Das Urserental bildet eine markante ostwestliche Furche zwischen dem Aarmassiv im Norden und dem Gotthardmassiv im Süden. Von diesem Tal führen der Furkapass nach Westen, der Oberalppass nach Osten und der Gotthardpass nach Süden.[3]
Südlich des Alpenhauptkamms fällt das Gelände deutlich steiler zur Leventina ab. Das Bedrettotal verläuft dagegen relativ breit in westöstlicher Richtung und wird von hohen Bergketten begrenzt.
Gipfel
Der höchste Gipfel der enger gefassten Gotthardgruppe ist der Pizzo Rotondo mit 3192 m ü. M. Er erhebt sich auf der Grenze zwischen den Kantonen Tessin und Wallis und beherrscht das obere Bedrettotal sowie das Geretal. Der Berg besteht überwiegend aus Granit und Orthogneis.[4]
Weitere bedeutende Gipfel sind der Pizzo Pesciora, der Witenwasserenstock, der Pizzo Centrale, der Pizzo Lucendro und der Badus. Die Gipfel besitzen meist keine extrem grossen Höhenunterschiede zu den umgebenden Graten, weisen aber häufig steile Felsflanken, Firnfelder und anspruchsvolle Grate auf.
| Gipfel | Höhe | Lage und Bedeutung |
|---|---|---|
| Pizzo Rotondo | 3192 m ü. M. | Höchster Gipfel der engeren Gotthardgruppe; Grenze Tessin–Wallis |
| Pizzo Pesciora | 3120 m ü. M. | Markanter Gipfel im Rotondogebiet[5] |
| Witenwasserenstock | 3085 m ü. M. | Gipfel westlich von Realp; nahe dem Dreikantonspunkt Uri–Tessin–Wallis[6] |
| Pizzo Centrale | 2999 m ü. M. | Bedeutender Aussichtsgipfel südöstlich des Gotthardpasses[7] |
| Pizzo Lucendro | 2963 m ü. M. | Gipfel südwestlich des Gotthardpasses |
| Badus / Six Madun | 2928 m ü. M. | Markanter Gipfel im Oberalpgebiet[8] |
| Giübin | 2776 m ü. M. | Leicht erreichbarer Aussichtsgipfel östlich des Gotthardpasses |
| Winterhorn / Pizzo d’Orsino | 2662 m ü. M. | Auffälliger Gipfel über Hospental |
Die genaue Zuordnung einzelner Gipfel hängt von der jeweils verwendeten Abgrenzung des Gotthardmassivs ab. In älteren oder sehr weit gefassten Darstellungen wurden teilweise auch benachbarte Hochgebirgsgruppen mit dem Gotthardgebiet verbunden.
Täler und Pässe
Urserental
Das Urserental ist der wichtigste Siedlungsraum auf der Nordseite des Massivs. Es erstreckt sich von Realp über Hospental und Andermatt bis zum Eingang der Schöllenen. Das Tal bildet einen natürlichen Verkehrsknoten zwischen dem Furka-, Gotthard- und Oberalppass.
Die vergleichsweise breite Talsohle entstand durch geologische Strukturen und die formende Wirkung eiszeitlicher Gletscher. Die Siedlungen entwickelten sich an geschützten Stellen oberhalb der früher häufig überschwemmten Talebene.
Bedrettotal und Leventina
Das Bedrettotal erstreckt sich von Airolo nach Westen bis zum Nufenenpass. Der Tessin durchfliesst das Tal und sammelt zahlreiche Bäche aus den südlichen und nördlichen Seitentälern.
Östlich von Airolo geht das Bedrettotal in die Leventina über. Diese bildet den südlichen Zugang zur Gotthardachse. Wegen ihrer Lage an der Transitroute war die Leventina über Jahrhunderte eng mit dem Urnerland und dem Gotthardverkehr verbunden.[9]
Gotthardpass
Der Gotthardpass ist der bekannteste Übergang des Massivs. Er verbindet Hospental mit Airolo und liegt auf rund 2100 m ü. M. Die Passhöhe bildet eine Wasserscheide zwischen dem Einzugsgebiet des Rheins im Norden und jenem des Po im Süden.
Auf der Passhöhe befinden sich das Gotthardhospiz, mehrere historische Gebäude, das Museo nazionale del San Gottardo sowie kleine Bergseen. Die alte Tremolastrasse auf der Südseite gehört zu den bekanntesten historischen Passstrassen der Schweiz.
Weitere Übergänge
Der Furkapass verbindet das Urserental mit dem oberen Wallis. Der Oberalppass führt nach Tujetsch und in die Surselva. Der Nufenenpass verbindet das Bedrettotal mit dem Goms, während der weiter östlich gelegene Lukmanierpass die Surselva mit dem Bleniotal verbindet.
Neben den grossen Strassenpässen bestehen zahlreiche kleinere Übergänge, die früher für den lokalen Austausch, den Viehtrieb und die Alpwirtschaft wichtig waren. Dazu gehören der Passo di Lucendro, die Gatscholalücke und der Witenwasserenpass.
Hydrologie
Quellgebiet grosser Flüsse
Die Gotthardregion gehört zu den bedeutendsten Wasserscheiden Europas. In einem relativ kleinen Gebiet liegen die Quellräume von vier grossen Flusssystemen:
- Die Reuss fliesst durch das Urserental und den Vierwaldstättersee zur Aare und weiter zum Rhein.
- Der Vorderrhein entspringt im Gebiet des Tomasees nahe dem Oberalppass und fliesst zur Nordsee.
- Der Tessin entspringt im Bedrettotal und erreicht über den Lago Maggiore und den Po die Adria.
- Die Rhone entspringt am Rhonegletscher westlich des Furkapasses und mündet in das Mittelmeer.
Der als nationaler Wanderweg markierte Vier-Quellen-Weg verbindet die Quellgebiete dieser vier Flüsse. Die Route führt auf rund 85 Kilometern über mehrere Pässe durch die Gotthardregion.[10]
Dreifache Wasserscheide
Am Ostgipfel des Witenwasserenstocks befindet sich auf 3025 m ü. M. ein besonderer Wasserscheidepunkt. Dort treffen die Einzugsgebiete von Rhein, Rhone und Po zusammen.
Wasser, das nördlich abfliesst, gelangt über die Reuss, die Aare und den Rhein in die Nordsee. Nach Westen fliessendes Wasser erreicht über die Rhone das westliche Mittelmeer. Nach Süden gelangt es über den Tessin und den Po in die Adria.
Der Punkt ist zugleich der südlichste Ort des Kantons Uri und ein Zusammentreffen der Kantone Uri, Wallis und Tessin.[6]
Bergseen und Stauseen
Im Massiv befinden sich zahlreiche natürliche Bergseen und künstliche Speicherseen. Zu den bekannten Gewässern gehören der Lago di Lucendro, der Lago della Sella, der Lago di Tom und der Tomasee.
Die Stauseen dienen vor allem der Stromproduktion. Durch Stollen, Druckleitungen und Kraftwerksanlagen wird Wasser teilweise über natürliche Wasserscheiden hinweg in andere Täler geleitet. Dadurch gehört die Gotthardregion zu den bedeutenden Gebieten der schweizerischen Wasserkraftnutzung.
Geologie
Kristallines Grundgebirge
Das geologische Gotthardmassiv besteht hauptsächlich aus kristallinen Gesteinen. Dazu zählen verschiedenartige Gneise, Granite, Amphibolite und kristalline Schiefer. Ein Teil dieser Gesteine entstand lange vor der Bildung der Alpen.
Der kristalline Kern enthält prävariszische Para- und Orthogneise sowie jüngere granitische Intrusionen. Die Gesteine wurden während früherer Gebirgsbildungen und erneut während der Entstehung der Alpen stark umgeformt, verfaltet und metamorph verändert.[2]
Besonders bekannte Granitvorkommen liegen im Gebiet des Pizzo Rotondo. In anderen Teilen des Massivs überwiegen gebänderte Gneise, Augengneise und Schiefer.[11]
Tektonische Stellung
Die moderne Geologie bezeichnet die entsprechende tektonische Einheit als Gotthard-Decke. Sie gehört zu den helvetischen Kristallineinheiten der Alpen.
Nördlich wird sie durch die schmale Urseren-Garvera-Zone vom Aarmassiv getrennt. Diese Zone enthält Sedimentgesteine, Schiefer und stark deformierte Gesteinsserien. Südlich schliessen Einheiten des penninischen Deckenkomplexes an.
Während der Alpenbildung wurden die Gesteinspakete gegeneinander verschoben, gefaltet und unter hohen Temperaturen und Drücken umgewandelt. Die heutige Oberfläche zeigt deshalb auf engem Raum Gesteine sehr unterschiedlichen Ursprungs und Alters.
Geologische Erforschung
Der Gotthardraum spielte früh eine bedeutende Rolle in der Entwicklung der Alpengeologie. Der Bau von Strassen und Eisenbahntunneln ermöglichte direkte Einblicke in den Aufbau des Gebirges.
Beim Bau des Eisenbahn-Scheiteltunnels, des Strassentunnels und insbesondere des Gotthard-Basistunnels wurden umfangreiche geologische, geotechnische und hydrogeologische Untersuchungen durchgeführt. Der Basistunnel durchquert unterschiedliche Gesteinszonen, darunter sehr harte kristalline Gesteine sowie stark zerbrochene und wasserführende Bereiche.[12]
Entstehung der Landschaft
Die heutige Form des Gotthardmassivs entstand durch das Zusammenwirken von Gebirgsbildung, Verwitterung, Flusserosion und Vergletscherung.
Während der Eiszeiten war die Region von mächtigen Gletschern bedeckt. Eisströme bewegten sich vom zentralen Alpenraum in die Täler der Reuss, des Rheins, der Rhone und des Tessins. Sie verbreiterten die Täler, schliffen Felsoberflächen ab und hinterliessen Moränen, Findlinge und übertiefte Becken.
Nach dem Rückzug der grossen eiszeitlichen Gletscher blieben kleinere Hochgebirgsgletscher zurück. Frostsprengung, Steinschlag, Murgänge und Lawinen formen die Landschaft bis heute weiter.
Die zahlreichen Rundhöcker, Felsplatten, Kare und Bergseen rund um den Gotthardpass zeigen besonders deutlich die Wirkung des früheren Gletschereises.
Gletscher und Firnfelder
Im westlichen Teil des Massivs liegen mehrere kleinere Gletscher und Firnfelder. Dazu gehören Gletscher im Rotondo-, Witenwasseren- und Pescioragebiet.
Die Gletscher sind wesentlich kleiner als die grossen Eisströme der benachbarten Berner und Walliser Hochalpen. Dennoch spielen sie eine wichtige Rolle für den Wasserhaushalt, die Landschaftsentwicklung und den Alpinismus.
Seit dem 19. Jahrhundert haben die Gletscher stark an Fläche und Volumen verloren. Der Rückzug legt neue Fels- und Schuttflächen frei. Gleichzeitig nimmt die Stabilität von Hängen und Felswänden ab, wenn Gletschereis und Permafrost schwinden.
Klima
Das Klima des Gotthardmassivs wird durch seine zentrale Lage im Alpenbogen und durch die starke Höhenstaffelung geprägt.
Die Region liegt häufig im Einflussbereich von Nord- und Südstau. Feuchte Luftmassen können sowohl an der Alpennordseite als auch an der Alpensüdseite grosse Niederschlagsmengen verursachen. Im Winter fällt in höheren Lagen viel Schnee.
Das Urserental ist ausserdem für starke Föhnwinde bekannt. Bei Südföhn kann milde Luft von der Alpensüdseite nach Norden strömen, während Nordföhn im Tessin trockene und teilweise stürmische Bedingungen bringt.
Die Temperaturen nehmen mit zunehmender Höhe deutlich ab. Auf den höchsten Gipfeln und Graten können auch im Sommer Schnee und Eis liegen. Wetterumschwünge treten rasch auf und stellen für Wandernde und Bergsteigende eine erhebliche Gefahr dar.
Pflanzen- und Tierwelt
Die Vegetation reicht von montanen Wäldern in den tieferen Tälern bis zu alpinen Rasen, Zwergstrauchheiden, Schuttfluren und nahezu vegetationsfreien Felsregionen.
Auf der Nordseite wachsen vor allem Fichten, Lärchen und teilweise Arven. Im trockeneren inneralpinen Urserental wurde der Wald über Jahrhunderte durch Rodung, Beweidung und Lawinen stark zurückgedrängt. Schutzwaldprojekte dienen der Sicherung von Siedlungen und Verkehrswegen.
Oberhalb der Waldgrenze wachsen Alpenrosen, Heidelbeeren, verschiedene Enziane, Steinbrecharten und andere an kurze Vegetationsperioden angepasste Pflanzen.
Zur Tierwelt gehören Steinböcke, Gämsen, Murmeltiere, Schneehasen, Füchse und verschiedene Greifvögel. In felsigen Hochlagen leben Schneehühner und Alpendohlen.
Besiedlung und Nutzung
Die Hochlagen des Gotthardmassivs sind nur dünn besiedelt. Dauerhafte Siedlungen konzentrieren sich auf die Haupttäler und die tieferen Talstufen.
Traditionell lebte die Bevölkerung von Viehzucht, Alpwirtschaft, Säumerei, Handel und Dienstleistungen für den Passverkehr. Die kurzen Vegetationsperioden und die steilen Hänge begrenzten den Ackerbau.
Alpen und Weiden werden bis heute während des Sommers genutzt. Kühe, Schafe und Ziegen weiden auf den hoch gelegenen Flächen. Die Herstellung von Käse und anderen Milchprodukten besitzt weiterhin regionale Bedeutung.
Seit dem 19. Jahrhundert kamen der Bahnbau, das Militär, die Energiewirtschaft, das Baugewerbe und der Tourismus als wichtige Erwerbszweige hinzu. In der Gegenwart pendeln viele Bewohnerinnen und Bewohner in grössere Zentren oder arbeiten im Dienstleistungssektor.
Verkehrsgeschichte
Frühe Wege
Archäologische Funde zeigen, dass die Pässe der Gotthardregion bereits in vorgeschichtlicher und römischer Zeit gelegentlich begangen wurden. Für einen bedeutenden überregionalen Verkehr über den Gotthardpass fehlen aus diesen Epochen jedoch eindeutige Belege.
Das grösste Hindernis auf der Nordseite war die Schöllenenschlucht. Erst der Ausbau eines Weges durch die Schlucht im frühen 13. Jahrhundert schuf eine leistungsfähigere Verbindung zwischen dem Urner Reusstal und dem Urserental.[13]
Der Weg über den Gotthard entwickelte sich danach zu einer wichtigen Verbindung zwischen dem schweizerischen Mittelland und Norditalien. Der Transport erfolgte hauptsächlich mit Saumtieren. Lokale Säumergenossenschaften organisierten den Warenverkehr auf einzelnen Streckenabschnitten.
Die tatsächliche Bedeutung des Gotthards im spätmittelalterlichen Fernhandel wird in der Forschung unterschiedlich beurteilt. Andere Alpenübergänge wie der Brenner, der Splügen und der Septimer wiesen zeitweise grössere Transportmengen auf.[14]
Gotthardstrasse
Zwischen 1820 und 1830 wurde eine durchgehend befahrbare Kunststrasse über den Gotthard geschaffen. Sie ermöglichte den Verkehr mit Kutschen und schweren Fuhrwerken.
Auf der Südseite entstand die kurvenreiche Tremolastrasse. Ihre gepflasterten Kehren sind in grossen Teilen erhalten und gelten als bedeutendes Denkmal des historischen Strassenbaus.
Mit der Fahrstrasse nahm der Personen-, Post- und Güterverkehr deutlich zu. Gasthäuser, Pferdewechselstationen und weitere Dienstleistungsbetriebe entstanden entlang der Route.
Gotthardbahn
Der rund 15 Kilometer lange Gotthard-Scheiteltunnel zwischen Göschenen und Airolo wurde 1882 eröffnet. Er war bei seiner Eröffnung der längste Eisenbahntunnel der Welt.[15]
Die Bahnlinie überwindet die grossen Höhenunterschiede auf der Nord- und Südseite mit Kehrtunneln, Brücken und langen Rampen. Sie veränderte den Verkehr über die Alpen grundlegend und machte die Gotthardachse zu einer der wichtigsten europäischen Eisenbahnverbindungen.
Der Bahnbau brachte zahlreiche Arbeitskräfte in die Region. Zugleich forderten Unfälle, Krankheiten und schlechte Arbeitsbedingungen viele Opfer.
Gotthard-Strassentunnel
Der Gotthard-Strassentunnel zwischen Göschenen und Airolo wurde 1980 eröffnet. Er ist rund 16,9 Kilometer lang und bildet das Kernstück der Autobahn A2 durch die Alpen.[16]
Der Tunnel ermöglicht eine ganzjährig nutzbare Strassenverbindung zwischen der Deutschschweiz und dem Tessin. An stark frequentierten Reisetagen entstehen vor den Portalen regelmässig lange Staus.
Nach einer Volksabstimmung von 2016 begann der Bau einer zweiten Tunnelröhre. Nach deren Fertigstellung soll die bestehende Röhre umfassend saniert werden.
Gotthard-Basistunnel
Der 57 Kilometer lange Gotthard-Basistunnel zwischen Erstfeld und Bodio wurde 2016 eröffnet. Er ist der längste Eisenbahntunnel der Welt und Teil der Neuen Eisenbahn-Alpentransversale.
Anders als die historische Bergstrecke verläuft der Basistunnel in geringer Steigung tief unter dem Gebirge. Er verkürzt die Reisezeiten und ermöglicht schwereren Güterzügen die Alpenquerung ohne zusätzliche Lokomotiven.[17]
Der Bau erforderte präzise Vermessungen und umfassende Kenntnisse der Geologie. Beim Hauptdurchschlag im Jahr 2010 trafen die von Norden und Süden vorgetriebenen Tunnelabschnitte mit nur sehr geringen Abweichungen aufeinander.
Militärische Bedeutung
Wegen seiner zentralen Lage und seiner Verkehrswege besass der Gotthardraum grosse strategische Bedeutung. Seit dem späten 19. Jahrhundert entstanden rund um Andermatt, Airolo und den Gotthardpass zahlreiche Festungsanlagen.
Die Befestigungen sollten den Pass, die Eisenbahnlinie und die Zugänge zu den zentralen Alpen schützen. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Region zu einem Kernraum des Schweizer Reduits.
Unterirdische Artilleriewerke, Kasernen, Munitionslager und Sperrstellen bildeten ein weit verzweigtes Verteidigungssystem. Nach dem Ende des Kalten Kriegs wurden viele Anlagen ausser Betrieb genommen. Einige sind heute als Museen zugänglich.[18]
Tourismus und Alpinismus
Der Gotthardraum wurde seit dem 18. Jahrhundert zunehmend von Naturforschern, Künstlern und Reisenden besucht. Der Bau der Fahrstrasse machte die Alpenlandschaft einem breiteren Publikum zugänglich.
Im 19. Jahrhundert begannen Bergsteiger mit der systematischen Besteigung der höheren Gipfel. Der Pizzo Rotondo wurde 1888 durch William Augustus Brevoort Coolidge und den Bergführer Christian Almer erstmals dokumentiert bestiegen.
Heute ist das Massiv ein beliebtes Gebiet für Bergwanderungen, Hochtouren, Klettertouren, Ski- und Schneeschuhtouren. Zu den bekannten Ausgangspunkten gehören Realp, Hospental, Andermatt, Airolo, All’Acqua und der Gotthardpass.
Mehrere Berghütten erschliessen die Region. Dazu gehören die Rotondohütte, die Vermigelhütte, die Capanna Piansecco, die Capanna Cadlimo und die Badushütte.
Der Vier-Quellen-Weg verbindet die wichtigsten Landschaftsräume des Massivs und der weiteren Gotthardregion. Er führt in fünf Etappen von der Rheinquelle über die Quellgebiete von Reuss und Tessin bis zur Rhonequelle.
Kulturgeschichtliche Bedeutung
Der Gotthard entwickelte sich zu einem der bedeutendsten geografischen Symbole der Schweiz. Er wurde als Verbindung zwischen Nord und Süd, als natürliche Festung und als Mittelpunkt des Alpenraums dargestellt.
Die Vorstellung vom Gotthard als «Herz» oder «Dach» Europas wurde besonders im 18. und 19. Jahrhundert verbreitet. Reisende, Schriftsteller, Maler und Naturforscher beschrieben den Übergang zwischen der nördlichen und der südlichen Alpenlandschaft.
Der Name des Passes geht auf den heiligen Godehard von Hildesheim zurück. Eine ihm geweihte Kapelle auf der Passhöhe ist seit dem Mittelalter belegt. Von der Kapelle ging der Name auf den Pass und später auf das gesamte Massiv über.
Mit dem Gotthard sind zahlreiche Sagen verbunden. Die bekannteste ist die Erzählung vom Bau der Teufelsbrücke in der Schöllenenschlucht. Der Sage nach half der Teufel beim Brückenbau, wurde aber von den Urnern um den versprochenen Lohn gebracht.
Im 20. Jahrhundert erhielt der Gotthard durch das Reduit, den Strassentunnel und die Neue Eisenbahn-Alpentransversale zusätzliche symbolische Bedeutung. Er steht sowohl für die Abgeschlossenheit der Alpen als auch für deren technische Überwindung.
Naturgefahren
Lawinen, Steinschlag, Felsstürze, Hochwasser und Murgänge gehören zu den wichtigsten Naturgefahren im Gotthardmassiv.
Historische Verkehrswege waren im Winter häufig während Monaten unpassierbar. Auch moderne Strassen und Bahnlinien müssen durch Galerien, Dämme, Schutzwälder, Lawinenverbauungen und Überwachungssysteme gesichert werden.
Das Auftauen des Permafrosts kann Felswände destabilisieren. Starkniederschläge erhöhen das Risiko von Murgängen und Hochwasser. Veränderungen der Schneedecke beeinflussen zugleich den Wintertourismus und die Wasserkraftproduktion.
Klimawandel
Der Klimawandel ist in den Hochlagen des Gotthardmassivs deutlich sichtbar. Gletscher und Firnfelder ziehen sich zurück, und die Dauer der Schneebedeckung nimmt in vielen Höhenlagen ab.
Durch das Abschmelzen des Eises entstehen neue Seen, Schuttflächen und instabile Hänge. Pflanzenarten aus tieferen Lagen breiten sich weiter nach oben aus, während hochalpine Arten unter Druck geraten.
Die Veränderungen beeinflussen Wanderwege, Berghütten, Wasserfassungen und alpine Routen. Wege müssen teilweise verlegt oder häufiger instand gesetzt werden. Gleichzeitig gewinnt die langfristige Beobachtung von Permafrost, Gletschern und Naturgefahren an Bedeutung.
Siehe auch
- Gotthardpass
- Gotthardbahn
- Gotthard-Scheiteltunnel
- Gotthard-Strassentunnel
- Gotthard-Basistunnel
- Pizzo Rotondo
- Urserental
- Bedrettotal
- Leventina
- Vier-Quellen-Weg
- Schöllenen
- Teufelsbrücke
- Schweizer Alpen
Literatur
- P. Guntli, F. Keller, R. Lucchini, S. Rust: Gotthard-Basistunnel: Geologie, Geotechnik, Hydrogeologie. Zusammenfassender Schlussbericht. Bundesamt für Landestopografie swisstopo, Wabern 2016.
- Rudolf Trümpy: Geology of Switzerland. A Guide-Book. Wepf, Basel 1980.
- Eduard Imhof: Die grossen Kalten Berge von Uri. Schweizer Alpen-Club, Bern 1972.
- Max Oechslin: Der Gotthard. Landschaft, Geschichte und Verkehr. Altdorf 1965.
- Hans Peter Nething: Gotthard. Der Pass und sein Mythos. Zürich 1990.
- Jon Mathieu: Die Alpen. Raum, Kultur, Geschichte. Reclam, Stuttgart 2015.
Weblinks
- Tourenportal des Schweizer Alpen-Clubs
- Vier-Quellen-Weg bei SchweizMobil
- Offizielle Website des Vier-Quellen-Wegs
- Historische Verkehrswege im Kanton Uri
- Alptransit-Portal des Schweizerischen Bundesarchivs
- Gotthard-Decke im Lithostratigraphischen Lexikon der Schweiz
Einzelnachweise
- ↑ SchweizMobil: Vier-Quellen-Weg, abgerufen am 27. Juli 2026.
- ↑ 2,0 2,1 Lithostratigraphisches Lexikon der Schweiz: Gotthard-Decke, abgerufen am 27. Juli 2026.
- ↑ Hans Stadler-Planzer: Ursern. In: Historisches Lexikon der Schweiz, abgerufen am 27. Juli 2026.
- ↑ Schweizer Alpen-Club: Pizzo Rotondo, 3192 m, abgerufen am 27. Juli 2026.
- ↑ Schweizer Alpen-Club: Pizzo Pesciora, 3120 m, abgerufen am 27. Juli 2026.
- ↑ 6,0 6,1 Schweizer Alpen-Club: Witenwasserenstock, 3085 m, abgerufen am 27. Juli 2026.
- ↑ Schweizer Alpen-Club: Pizzo Centrale, 2999 m, abgerufen am 27. Juli 2026.
- ↑ Schweizer Alpen-Club: Badus / Six Madun, 2928 m, abgerufen am 27. Juli 2026.
- ↑ Roberto Buzzi: Leventina. In: Historisches Lexikon der Schweiz, abgerufen am 27. Juli 2026.
- ↑ Verein Vier-Quellen-Weg im Gotthardmassiv: Der Vier-Quellen-Weg, abgerufen am 27. Juli 2026.
- ↑ Schweizer Alpen-Club: Vom Gestein im Tessin, abgerufen am 27. Juli 2026.
- ↑ Bundesamt für Landestopografie swisstopo: Berichte der Landesgeologie, Abschnitt «Gotthard-Basistunnel: Geologie, Geotechnik, Hydrogeologie», abgerufen am 27. Juli 2026.
- ↑ Anne-Marie Dubler: Pässe. In: Historisches Lexikon der Schweiz, abgerufen am 27. Juli 2026.
- ↑ Bundesamt für Strassen: Historische Verkehrswege im Kanton Uri, Bern 2007, abgerufen am 27. Juli 2026.
- ↑ Alptransit-Portal des Schweizerischen Bundesarchivs: Einweihung des Gotthardtunnels, abgerufen am 27. Juli 2026.
- ↑ Bundesamt für Strassen: Gotthard – Übersicht Objektblätter, abgerufen am 27. Juli 2026.
- ↑ Schweizerische Bundesbahnen: Gotthard-Basistunnel, abgerufen am 27. Juli 2026.
- ↑ Hans Senn: Landesverteidigung. In: Historisches Lexikon der Schweiz, abgerufen am 27. Juli 2026.