Geschichte des Kantons Schaffhausen

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Geschichte des Kantons Schaffhausen
Älteste menschliche Spuren Altsteinzeit
Römisches Zentrum Iuliomagus bei Schleitheim
Erste Erwähnung Schaffhausens 1045 als «Scafhusun»
Gründung des Klosters Allerheiligen 1049
Erneuerung der Reichsfreiheit 1415
Eintritt in die Eidgenossenschaft 1501
Einführung der Reformation 1529
Ende des Stadtstaates 1798
Wiederherstellung als Kanton 1803
Liberale Kantonsverfassung 1831
Beitritt zum Bundesstaat 1848
Bombardierung Schaffhausens 1. April 1944

Die Geschichte des Kantons Schaffhausen umfasst die Entwicklung des Gebietes am Hochrhein, im Klettgau, auf dem Randen, im Reiat und rund um Stein am Rhein von der Altsteinzeit bis zur Gegenwart. Die ungewöhnliche Grenzlage des Kantons, der fast vollständig von deutschem Staatsgebiet umgeben ist und aus mehreren räumlich voneinander getrennten Teilen besteht, ist das Ergebnis einer langen territorialen Entwicklung.

Bis 1798 war Schaffhausen kein moderner Flächenkanton, sondern ein von der Stadt Schaffhausen beherrschter Stadtstaat. Die Einwohner der Landschaft waren Untertanen des städtischen Rates und verfügten nicht über dieselben politischen Rechte wie die Stadtbürger. Erst die Helvetische Revolution, die Verfassungsbewegungen des 19. Jahrhunderts und die Entstehung des schweizerischen Bundesstaates führten zur politischen Gleichstellung von Stadt und Land.

Die Lage am Rhein, oberhalb des Rheinfalls und nahe bedeutender Verkehrswege zwischen dem Bodenseeraum, dem Schwarzwald, dem Klettgau und dem Schweizer Mittelland, bestimmte die wirtschaftliche und politische Entwicklung der Region. Schaffhausen war nacheinander prähistorischer Siedlungsraum, römisches Verkehrsgebiet, mittelalterlicher Markt- und Klosterort, freie Reichsstadt, eidgenössischer Stadtstaat und moderner Industrie- und Grenzkanton.[1]

Urgeschichte

Das Gebiet des heutigen Kantons Schaffhausen gehört zu den bedeutendsten archäologischen Fundlandschaften der Schweiz. Die ältesten Spuren menschlicher Anwesenheit stammen aus der Altsteinzeit. Besonders bekannt sind das Kesslerloch bei Thayngen und das Schweizersbild bei Schaffhausen.

Das Kesslerloch wurde während der letzten Eiszeit von Gruppen eiszeitlicher Jäger genutzt. Die dort gefundenen Werkzeuge, Tierknochen und Kunstgegenstände werden der Magdalénien-Kultur zugerechnet. Zu den bekanntesten Funden gehört eine Darstellung eines grasenden Rentiers auf einem durchbohrten Stück Rentiergeweih. Die Funde belegen, dass Menschen das Gebiet vor mehr als 10'000 Jahren wiederholt als Jagd- und Lagerplatz aufsuchten.

Auch das Schweizersbild lieferte zahlreiche Zeugnisse der späten Altsteinzeit und der Mittelsteinzeit. Die Menschen lebten vorwiegend von der Jagd, dem Sammeln wild wachsender Pflanzen und der Nutzung der Gewässer. Dauerhafte Dörfer bestanden zunächst nicht.

Mit der Jungsteinzeit verbreiteten sich Ackerbau und Viehzucht. Im Gebiet Weier südlich von Thayngen entstand zwischen dem 4. und 3. Jahrtausend v. Chr. eine Feuchtbodensiedlung. Wegen der guten Erhaltungsbedingungen konnten dort Holzbauten, Werkzeuge und weitere Gegenstände des Alltags untersucht werden. Die Fundstelle gehört zu den prähistorischen Pfahlbaustationen im Alpenraum.

Während der Bronze- und Eisenzeit verdichtete sich die Besiedlung. Siedlungsplätze, Gräber und Einzelfunde weisen auf landwirtschaftlich geprägte Gemeinschaften sowie auf Handelskontakte entlang des Rheins und über den Randen hin. Der Klettgau bot mit seinen fruchtbaren Böden besonders günstige Bedingungen für Ackerbau und Viehzucht.

Römische Zeit

Nach der römischen Eroberung des Alpenraums und der Gebiete nördlich der Alpen wurde die Region in das römische Verkehrs- und Wirtschaftssystem eingegliedert. Durch das heutige Kantonsgebiet führten Strassen, welche den Hochrhein mit dem Donaugebiet, dem Bodensee und dem Schweizer Mittelland verbanden.

Das wichtigste römische Zentrum war Iuliomagus bei Schleitheim. Die Siedlung lag an der Strasse zwischen Tenedo, dem heutigen Bad Zurzach, und Brigobannis, dem heutigen Hüfingen im Schwarzwald. Der lateinisch-keltische Name Iuliomagus wird ungefähr als «Markt des Iulius» gedeutet.

Iuliomagus entwickelte sich im 1. Jahrhundert n. Chr. zu einem regionalen Markt- und Verwaltungsort. Archäologisch nachgewiesen sind Wohn- und Gewerbebauten, Tempelanlagen und öffentliche Thermen. Die teilweise erhaltene Badeanlage vermittelt einen Eindruck vom städtischen Leben in der römischen Provinz.[2]

Im Umland bestanden römische Gutshöfe, die landwirtschaftliche Erzeugnisse für die Siedlungen und Militärstandorte produzierten. Reste solcher Anlagen wurden unter anderem bei Schleitheim, Hallau, Thayngen und Oberhallau gefunden.

Seit dem 3. Jahrhundert geriet die Region durch politische Krisen und Einfälle germanischer Gruppen unter Druck. Iuliomagus verlor an Bedeutung und wurde zumindest teilweise aufgegeben. Der Rhein entwickelte sich erneut zu einer militärisch gesicherten Grenze des Römischen Reiches. Im 4. Jahrhundert entstanden oder verstärkten die Römer Befestigungen entlang des Hochrheins, darunter die Anlage bei Stein am Rhein.

Frühmittelalter

Nach dem Ende der römischen Herrschaft liessen sich alemannische Bevölkerungsgruppen in der Region nieder. Gräberfelder und Ortsnamen dokumentieren die Besiedlung während des 6. und 7. Jahrhunderts. Die neuen Siedlungen lagen häufig in bereits zuvor genutzten Landschaftsräumen.

Das Gebiet gehörte zunächst zum alemannischen Herzogtum und wurde später in das Fränkische Reich eingegliedert. Kirchliche und weltliche Grundherren wie die Klöster St. Gallen, Reichenau und Rheinau sowie verschiedene Adelsfamilien erwarben umfangreichen Besitz.

Die politische Landschaft blieb zersplittert. Der Klettgau, der Hegau, der Reiat und die Gebiete am Rhein gehörten zu unterschiedlichen Grafschaften, Herrschaften und kirchlichen Organisationen. Diese mittelalterlichen Strukturen wirkten sich langfristig auf den Verlauf der heutigen Kantonsgrenzen aus.

Entstehung der Stadt Schaffhausen

Hauptartikel: Schaffhausen

Die Stadt Schaffhausen entstand an einer verkehrsgeografisch günstigen Stelle des Rheins. Oberhalb des Rheinfalls konnten Schiffe nicht weiterfahren. Waren mussten ausgeladen, auf dem Landweg um den Wasserfall transportiert und unterhalb des Falls wieder auf Schiffe verladen werden. Dieser Warenumschlag begünstigte die Entstehung eines Marktes, von Lagerplätzen, Herbergen und Handwerksbetrieben.

Im Jahr 1045 verlieh König Heinrich III. Graf Eberhard von Nellenburg das Münzrecht für den Ort «Scafhusun». Diese Urkunde enthält die erste bekannte schriftliche Erwähnung Schaffhausens. Das Münzrecht war ein bedeutendes wirtschaftliches Privileg und kennzeichnete den Aufstieg der Siedlung zu einem städtischen Zentrum.[3]

Der Name Schaffhausen wurde bereits im Mittelalter als Verbindung von «Schaf» und «Haus» verstanden. Daraus entwickelte sich das redende Wappen mit einem Widder, der aus einem Tor oder Turm springt. Die tatsächliche sprachgeschichtliche Herkunft des Namens ist nicht abschliessend geklärt.

Kloster Allerheiligen

Graf Eberhard von Nellenburg und seine Frau Ita gründeten 1049 das Benediktinerkloster Allerheiligen. Papst Leo IX. weihte im November 1049 einen Altar auf dem zukünftigen Klostergelände. Die erste Klosterkirche wurde 1064 geweiht.

Das Kloster erhielt umfangreichen Grundbesitz und zahlreiche Rechte. 1080 übertrug Graf Burkhard von Nellenburg dem Kloster unter anderem die Stadt Schaffhausen sowie Markt- und Münzrechte. Der Abt von Allerheiligen wurde damit zum Stadtherrn.[4]

Allerheiligen gehörte im 11. und 12. Jahrhundert zu den bedeutenden Reformklöstern Süddeutschlands. Es unterhielt Verbindungen zu Hirsau und anderen Zentren der klösterlichen Reformbewegung. Das Kloster besass Güter und Rechte im Klettgau, im Hegau, im Schwarzwald und in weiteren Regionen.

Ab etwa 1090 entstand das heutige romanische Münster. Die Klosteranlage und das Münster zählen zu den wichtigsten mittelalterlichen Baudenkmälern der Nordschweiz. Neben Allerheiligen bestanden in Schaffhausen das Frauenkloster St. Agnes und später ein Barfüsserkloster.

Entwicklung zur Reichsstadt

Die Bürgerschaft löste sich während des Hochmittelalters schrittweise von der Herrschaft des Abtes. Kaufleute und Handwerker gewannen wirtschaftlichen Einfluss, während die städtischen Behörden zunehmend eigene Verwaltungs-, Gerichts- und Steueraufgaben übernahmen.

1190 wurden das Kloster Allerheiligen und die Stadt reichsunmittelbar. Nach dem Aussterben der Zähringer im Jahr 1218 konnte Schaffhausen seine Stellung als freie Reichsstadt weiter ausbauen. Die Stadt unterstand damit grundsätzlich unmittelbar dem römisch-deutschen König beziehungsweise Kaiser.

Ein Stadtsiegel aus dem 13. Jahrhundert zeigt bereits den aus einem Tor tretenden Widder. Eine feste Rheinbrücke wurde 1259 erstmals erwähnt. Sie erleichterte den Handel, besass aber zugleich militärische Bedeutung.

Die wirtschaftliche Grundlage der Stadt bildeten der Warenumschlag am Rhein, der Markt, das Handwerk, der Weinhandel und die Einnahmen aus Zöllen. Schaffhauser Kaufleute unterhielten Beziehungen zum Bodenseeraum, nach Süddeutschland, Zürich, Basel und in weitere eidgenössische Städte.

Österreichische Pfandschaft und Zunftverfassung

Im Jahr 1330 verpfändete König Ludwig der Bayer die Stadt Schaffhausen an die Habsburger. Schaffhausen blieb formal Reichsstadt, war politisch und finanziell jedoch an das Haus Österreich gebunden.

Die städtische Bürgerschaft organisierte sich zunehmend in Zünften. 1411 trat eine Zunftverfassung in Kraft. Zehn Handwerkerzünfte und zwei Gesellschaften der führenden Familien bildeten fortan die Grundlage der politischen Ordnung.

Die Zünfte waren nicht nur Berufsverbände. Sie erfüllten wirtschaftliche, militärische, soziale und religiöse Aufgaben. Sie regelten die Ausbildung, kontrollierten die Berufsausübung, unterstützten Mitglieder in Notlagen und stellten Einheiten für die Stadtverteidigung.

Die politischen Ämter wurden zwischen den Zünften und den patrizischen Gesellschaften verteilt. Diese Ordnung schuf eine breitere Beteiligung der männlichen Stadtbürger, schloss jedoch Frauen, Einwohner ohne Bürgerrecht und die Bevölkerung der Landschaft von der politischen Macht aus.

Wiedererlangung der Reichsfreiheit

Während des Konzils von Konstanz unterstützte Herzog Friedrich IV. von Österreich den abgesetzten Papst Johannes XXIII. König Sigismund verhängte daraufhin 1415 die Reichsacht über den Herzog.

Schaffhausen nutzte die Schwächung der habsburgischen Herrschaft und erlangte seine Reichsfreiheit zurück. Die Stadt musste ihre politische Stellung durch erhebliche finanzielle Leistungen sichern, gewann dadurch aber erneut grössere aussenpolitische Handlungsfreiheit.

Die Lage Schaffhausens blieb dennoch unsicher. Die Stadt war von österreichischen und adeligen Herrschaftsgebieten umgeben und verfügte zunächst nur über ein kleines eigenes Territorium. Sie suchte deshalb zunehmend die Unterstützung der eidgenössischen Orte.

Weg in die Eidgenossenschaft

Hauptartikel: Alte Eidgenossenschaft

1454 schloss Schaffhausen ein zunächst auf 25 Jahre befristetes Bündnis mit mehreren eidgenössischen Orten. Als zugewandter Ort erhielt die Stadt militärischen Schutz, war aber noch kein vollberechtigtes Mitglied der Eidgenossenschaft.[5]

Schaffhausen unterstützte die Eidgenossen in den Burgunderkriegen und in weiteren Konflikten. Während des Schwabenkriegs von 1499 war die Stadt aufgrund ihrer Grenzlage unmittelbar gefährdet. Schaffhauser Truppen kämpften auf eidgenössischer Seite, während das Umland von militärischen Bewegungen und Angriffen betroffen war.

Am 19. August 1501 wurde das Bündnis in einen ewigen Bund umgewandelt. Schaffhausen trat gemeinsam mit Basel als zwölfter Ort vollständig in die Eidgenossenschaft ein. Mit der Aufnahme Appenzells im Jahr 1513 entstand die Eidgenossenschaft der Dreizehn Alten Orte.

Der Beitritt bot Schaffhausen Schutz vor den benachbarten habsburgischen und süddeutschen Herrschaften. Gleichzeitig musste der Stadtstaat Truppen stellen, Beiträge an gemeinsame Unternehmungen leisten und sich an eidgenössischen Verhandlungen beteiligen.

Territoriale Entwicklung des Stadtstaates

Die Stadt Schaffhausen baute ihr Herrschaftsgebiet vom Spätmittelalter bis ins 18. Jahrhundert schrittweise aus. Dies geschah durch Käufe, Pfandschaften, Verträge, die Übernahme klösterlicher Rechte und gelegentlich durch politischen Druck.

Zum Territorium gehörten schliesslich grosse Teile des Klettgaus, die Gebiete am Randen, mehrere Dörfer im Reiat sowie die südlich des Rheins gelegenen Gemeinden Rüdlingen und Buchberg. Die einzelnen Dörfer waren in Obervogteien organisiert und wurden durch städtische Amtsträger verwaltet.

Die Stadt besass häufig zunächst nur die niedere Gerichtsbarkeit, während die hohe Gerichtsbarkeit bei auswärtigen Herrschaften verblieb. Dadurch entstanden komplizierte Rechtsverhältnisse. Ein Dorf konnte wirtschaftlich und verwaltungsmässig zu Schaffhausen gehören, in schweren Strafsachen jedoch einem österreichischen oder adeligen Gericht unterstehen.

1667 erwarb Schaffhausen von den Grafen von Sulz die hohe Gerichtsbarkeit über den nördlichen Teil des Klettgaus. Damit festigte die Stadt ihre Landeshoheit über unter anderem Wilchingen, Osterfingen, Gächlingen, Trasadingen, Löhningen, Neuhausen, Rüdlingen und Buchberg.

1723 kaufte Schaffhausen von Vorderösterreich beziehungsweise der Landgrafschaft Nellenburg die hohe Gerichtsbarkeit über den Reiat. Damit wurde die städtische Landeshoheit über zahlreiche Dörfer nordöstlich von Schaffhausen vervollständigt.[6]

Stein am Rhein, Hemishofen und Ramsen gehörten dagegen bis zum Ende der Alten Eidgenossenschaft zur Zürcher Herrschaft. Im oberen Kantonsteil war lediglich Buch bereits vor 1798 schaffhausisch.

Herrschaft über die Landschaft

Der Stadtstaat unterschied rechtlich zwischen der Stadtbürgerschaft und den Untertanen auf der Landschaft. Die städtischen Bürger besetzten die politischen Ämter und kontrollierten den Grossen und den Kleinen Rat. Die Landbevölkerung hatte keine angemessene Vertretung in der Regierung.

Die Dörfer verfügten über lokale Gemeindestrukturen, eigene Nutzungsrechte und teilweise über Dorfgerichte. Die wichtigen politischen, steuerlichen und rechtlichen Entscheidungen wurden jedoch in der Stadt getroffen. Obervögte vertraten den Rat in den ländlichen Verwaltungsbezirken.

Die Landschaft musste Abgaben entrichten und militärische Leistungen erbringen. Wirtschaftliche Vorschriften konnten die Interessen der städtischen Handwerker und Kaufleute gegenüber den Produzenten auf dem Land bevorzugen.

Diese Ungleichheit führte wiederholt zu Konflikten. Besonders während des Deutschen Bauernkriegs von 1525 verlangten Gemeinden im Klettgau eine Verringerung der Abgaben, grössere politische Rechte und kirchliche Reformen. Der städtische Rat konnte die Bewegung schliesslich eindämmen, ohne die grundsätzliche Herrschaftsordnung aufzugeben.

Reformation

Die reformatorischen Ideen Huldrych Zwinglis und anderer Theologen verbreiteten sich seit den 1520er-Jahren auch in Schaffhausen. Geistliche, Humanisten, Handwerker und Teile der politischen Führung forderten eine Erneuerung von Kirche und Gesellschaft.

Die Entscheidung wurde durch politische und soziale Spannungen erschwert. Der Rat wollte innere Unruhen vermeiden und zugleich die Beziehungen zu den katholischen und reformierten Orten der Eidgenossenschaft berücksichtigen.

1529 führte Schaffhausen offiziell die Reformation ein. Die Messe wurde abgeschafft, Bilder und Altäre wurden aus vielen Kirchen entfernt und der Gottesdienst nach reformierter Ordnung gestaltet. Die Klöster Allerheiligen und St. Agnes wurden aufgehoben. Ihr Besitz und ihre Herrschaftsrechte gingen grösstenteils an den Stadtstaat über.

Das ehemalige Klostergut bildete eine wichtige wirtschaftliche Grundlage des Staates. Der Rat übernahm zugleich Aufgaben in der Armenfürsorge, im Schulwesen und in der Verwaltung kirchlicher Güter.

Schaffhausen blieb fortan mehrheitlich reformiert. Die neue Konfession stärkte die Beziehungen zu Zürich, Bern und Basel, führte aber zu Spannungen mit katholischen Nachbarn und eidgenössischen Orten. Der Konfessionsunterschied prägte die Politik und die gesellschaftliche Identität bis ins 19. Jahrhundert.

Frühe Neuzeit

In der Frühen Neuzeit entwickelte sich Schaffhausen zu einem territorial gefestigten, aber vergleichsweise kleinen Stadtstaat. Die politischen Ämter blieben auf einen begrenzten Kreis städtischer Bürgerfamilien verteilt.

Die Zunftordnung regelte zahlreiche Bereiche des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens. Neue Gewerbe konnten sich nur innerhalb enger rechtlicher Vorgaben entwickeln. Auswärtige Händler und Handwerker benötigten Bewilligungen, während Bürgerfamilien ihre wirtschaftlichen Privilegien verteidigten.

Zwischen 1564 und 1589 entstand der Munot. Die Festungsanlage sollte die Stadt und den wichtigen Rheinübergang schützen. Sie entsprach teilweise bereits während ihrer Bauzeit nicht mehr den neuesten militärischen Anforderungen, wurde jedoch zum wichtigsten Wahrzeichen Schaffhausens.[7]

Der Dreissigjährige Krieg von 1618 bis 1648 berührte Schaffhausen wegen seiner Grenzlage unmittelbar. Truppenbewegungen, Flüchtlinge, Versorgungsschwierigkeiten und die Gefahr eines Übergriffs auf eidgenössisches Gebiet belasteten die Region. Der Stadtstaat verstärkte seine Befestigungen und versuchte, seine Neutralität zu wahren.

Epidemien, Missernten und Teuerungsperioden führten wiederholt zu schweren Bevölkerungsverlusten. Besonders Pestzüge des 16. und 17. Jahrhunderts trafen Stadt und Landschaft. Die Obrigkeit reagierte mit Quarantänemassnahmen, Reisebeschränkungen und der Einrichtung von Krankenhäusern.

Wirtschaft vor der Industrialisierung

Die Wirtschaft beruhte auf Landwirtschaft, Weinbau, Handwerk, Handel und dem Verkehr auf dem Rhein. Im Klettgau und in den Gemeinden am Rhein spielte der Weinbau eine besonders wichtige Rolle.

Die Stadt profitierte vom Umschlag der Waren oberhalb des Rheinfalls. Schiffer, Fuhrleute, Wirte, Lagerhalter und Kaufleute waren in den Transport eingebunden. Zu den gehandelten Waren gehörten Getreide, Salz, Wein, Textilien, Metalle und Kolonialprodukte.

Auf der Landschaft dominierten Ackerbau, Viehzucht und Weinbau. Die Besitzverhältnisse waren häufig kleinteilig. Viele Familien waren auf zusätzliche Einnahmen aus Handwerk, Heimarbeit oder saisonaler Beschäftigung angewiesen.

Im 18. Jahrhundert verbreitete sich die textile Heimarbeit. Verleger stellten Rohmaterial bereit und liessen es in ländlichen Haushalten verspinnen oder verweben. Diese Produktionsform schuf neue Verdienstmöglichkeiten, verstärkte aber auch die Abhängigkeit der Heimarbeiter von städtischen Unternehmern und auswärtigen Märkten.

Aufklärung und politische Kritik

Im 18. Jahrhundert wirkten in Schaffhausen bedeutende Gelehrte, Geistliche und Historiker. Zu ihnen gehörten die Brüder Johannes von Müller und Johann Georg Müller. Johannes von Müller wurde durch seine Darstellung der schweizerischen Geschichte im gesamten deutschsprachigen Raum bekannt.

Aufklärerische Ideen förderten Diskussionen über Bildung, Landwirtschaft, Armenfürsorge und staatliche Reformen. Lesegesellschaften, wissenschaftliche Vereinigungen und private Zirkel ermöglichten den Austausch neuer Vorstellungen.

Die politische Ordnung blieb dennoch bis 1798 von den Zünften und führenden städtischen Familien geprägt. Die Landbevölkerung war von der kantonalen Macht ausgeschlossen, und auch ein grosser Teil der Stadtbewohner verfügte nicht über das volle Bürgerrecht.

Helvetische Revolution

Hauptartikel: Helvetische Republik

Der Einmarsch französischer Truppen in die Alte Eidgenossenschaft führte 1798 zum Zusammenbruch der bisherigen Ordnung. Unter dem Druck der revolutionären Bewegung musste der Schaffhauser Rat auf seine Herrschaft über die Landschaft verzichten.

Die Helvetische Republik beseitigte die Untertanenverhältnisse und erklärte die Einwohner grundsätzlich zu gleichberechtigten Staatsbürgern. Aus dem Stadtstaat wurde der Kanton Schaffhausen innerhalb des zentralistischen helvetischen Einheitsstaates.

Der neue Kanton wurde in Distrikte eingeteilt. Neben dem bisherigen schaffhausischen Territorium wurden ihm zeitweise weitere Gebiete zugewiesen. Dazu gehörte zunächst auch Diessenhofen, das jedoch 1800 endgültig zum Kanton Thurgau kam.

Stein am Rhein, Hemishofen und Ramsen wurden aus der bisherigen zürcherischen Herrschaft herausgelöst und dem Kanton Schaffhausen zugeteilt. Dörflingen kam ebenfalls zu Schaffhausen, während Ellikon am Rhein Zürich zugewiesen wurde.

Die Bevölkerung litt unter Einquartierungen, Abgaben, Kriegsleistungen und politischen Unsicherheiten. Die neue Rechtsgleichheit wurde besonders auf der Landschaft begrüsst, während viele frühere städtische Amtsträger den Verlust ihrer Privilegien ablehnten.

Kämpfe von 1799 und Zerstörung der Rheinbrücke

Während des Zweiten Koalitionskriegs wurde der Kanton zum Kriegsschauplatz. Französische und österreichische Truppen kämpften um die Rheinübergänge und Verkehrswege.

1799 mussten sich französische Truppen zeitweise aus Schaffhausen zurückziehen. Dabei wurde die hölzerne Rheinbrücke in Brand gesetzt. Die Zerstörung unterbrach eine wichtige regionale Verbindung und verursachte erhebliche wirtschaftliche Schäden.

Auch die Dörfer der Umgebung waren von Truppendurchzügen, Plünderungen und Requisitionen betroffen. Die Bevölkerung musste Lebensmittel, Pferde, Unterkünfte und Transportleistungen bereitstellen.

Die wechselnde militärische Besetzung zeigte die besondere Verwundbarkeit des fast vollständig nördlich des Rheins gelegenen Kantons. Seine Grenzlage blieb auch in späteren europäischen Konflikten von strategischer Bedeutung.

Mediationszeit

1803 beendete Napoleon Bonaparte mit der Mediationsakte die Helvetische Republik. Schaffhausen wurde als souveräner Kanton der Eidgenossenschaft wiederhergestellt.

Stein am Rhein, Hemishofen und Ramsen verblieben beim Kanton Schaffhausen. Dadurch erhielt der Kanton seine bis heute charakteristische räumliche Gliederung mit dem oberen Kantonsteil am Ausfluss des Untersees.[8]

Die Mediationsverfassung stellte den Stadtstaat nicht vollständig wieder her. Stadt und Landschaft wurden grundsätzlich als Teile desselben Kantons anerkannt. Dennoch behielt die Stadt politisch und wirtschaftlich eine bevorzugte Stellung.

Die Gemeinden erhielten eigene Verwaltungsorgane. Der Aufbau moderner kommunaler Strukturen verlief jedoch langsam, da Vermögen, Rechte und Zuständigkeiten zwischen Stadt, Kanton und Gemeinden neu geordnet werden mussten.

Restauration und Regeneration

Nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft erhielt Schaffhausen 1814 eine konservativere Verfassung. Die Stadt gewann erneut stärkeren Einfluss auf die kantonalen Behörden, ohne die vor 1798 bestehenden Untertanenverhältnisse vollständig wiederherstellen zu können.

Die Landbevölkerung verlangte eine gerechtere Vertretung. Die Julirevolution von 1830 in Frankreich und die Regenerationsbewegung in mehreren Schweizer Kantonen verstärkten diese Forderungen.

1831 zogen bewaffnete Landbewohner in Richtung der Hauptstadt. Unter diesem Druck wurde eine liberale Kantonsverfassung ausgearbeitet. Sie stärkte die politischen Rechte der Landschaft und leitete die endgültige Trennung zwischen Stadtgemeinde und Kantonsstaat ein.

Das bisher gemeinsam verwaltete Staats- und Stadtgut wurde aufgeteilt. Die Stadt Schaffhausen konstituierte sich als politische Gemeinde mit eigenen Behörden. Damit endete die jahrhundertelange Identität von Stadtverwaltung und Kantonsregierung.[9]

Die Verfassungsrevision von 1835 verringerte die politischen Vorrechte der Stadt weiter. 1852 wurde die Vertretung im Grossen Rat stärker nach der Bevölkerungszahl geordnet. Die Landgemeinden erhielten damit eine ihrer Einwohnerzahl entsprechendere politische Stellung.

Schaffhausen im Bundesstaat

Hauptartikel: Bundesstaat von 1848

Während der Konflikte zwischen liberalen und konservativen Kantonen gehörte Schaffhausen zum liberalen Lager. Der Kanton beteiligte sich 1847 auf der Seite der Tagsatzungsmehrheit am Sonderbundskrieg.

1848 wurde Schaffhausen Gliedstaat des neu gegründeten schweizerischen Bundesstaates. Die Bundesverfassung schuf einen gemeinsamen Wirtschaftsraum, vereinheitlichte wichtige Rechtsbereiche und übertrug dem Bund Zuständigkeiten in der Aussen-, Militär-, Zoll- und Verkehrspolitik.

Für den Grenzkanton waren der Wegfall kantonaler Binnenzölle und der Ausbau gesamtschweizerischer Verkehrsverbindungen von grosser Bedeutung. Zugleich musste Schaffhausen seine Beziehungen zu den angrenzenden deutschen Staaten und später zum Deutschen Reich mit den Vorgaben der eidgenössischen Aussenpolitik abstimmen.

Die Kantonsverfassung von 1876 erweiterte die direktdemokratischen Rechte. Sie führte unter anderem die Volkswahl der Regierung sowie ausgebaute Möglichkeiten für Initiative und Referendum ein. Damit wurde der politische Einfluss der Stimmbürger gegenüber Parlament und Regierung gestärkt.

Industrialisierung

Die Industrialisierung veränderte Schaffhausen im 19. Jahrhundert grundlegend. Die Wasserkraft des Rheins und des Rheinfalls, die Lage an internationalen Verkehrswegen sowie die Nähe zu süddeutschen Absatz- und Arbeitsmärkten begünstigten die Ansiedlung von Fabriken.

1802 gründete Johann Conrad Fischer im Mühlental eine Giesserei. Daraus entwickelte sich das Industrieunternehmen Georg Fischer AG. Das Unternehmen erlangte internationale Bedeutung in der Metallverarbeitung, im Maschinenbau und bei Rohrleitungssystemen.

1853 wurde in Neuhausen die Schweizerische Waggon-Fabrik gegründet, aus der später die Schweizerische Industrie-Gesellschaft hervorging. Das Unternehmen produzierte Eisenbahnwagen, Maschinen, Waffen und später Verpackungssysteme.

Eine Schlüsselrolle spielte der Unternehmer Heinrich Moser. Nach seiner Rückkehr aus Russland förderte er verschiedene Infrastruktur- und Industrieprojekte. Mit dem 1863 bis 1866 errichteten Moserdamm wurde die Wasserkraft des Rheins in grossem Umfang für Fabriken nutzbar gemacht.

1868 gründete der amerikanische Ingenieur Florentine Ariosto Jones die International Watch Company in Schaffhausen. Im selben Jahr nahm eine grosse Kammgarnspinnerei ihren Betrieb auf. Weitere Unternehmen entstanden in der Textil-, Maschinen-, Metall-, Lebensmittel- und chemischen Industrie.

1888 wurde am Rheinfall das erste Aluminiumwerk Europas gegründet. Die spätere Alusuisse entwickelte Neuhausen zu einem bedeutenden Zentrum der Aluminiumproduktion und -forschung.[10]

Eisenbahn und Verkehr

1857 wurde die Eisenbahnlinie von Winterthur über den Rheinfall nach Schaffhausen eröffnet. Damit erhielt der Kanton Anschluss an das schweizerische Eisenbahnnetz.

1863 erreichte die Badische Hauptbahn Schaffhausen. Weitere Strecken verbanden den Kanton mit Zürich, dem Bodensee, Basel und den süddeutschen Regionen. Der Bahnhof Schaffhausen entwickelte sich zu einem internationalen Eisenbahnknotenpunkt.

Ein Teil der Bahnverbindungen führte über deutsches Gebiet oder wurde von deutschen Bahngesellschaften betrieben. Daraus entstanden besondere grenzüberschreitende Rechts- und Verkehrsverhältnisse, die bis heute für den öffentlichen Verkehr des Kantons charakteristisch sind.

Der Eisenbahnbau förderte die Industrialisierung, erleichterte den Export von Waren und führte zu einer stärkeren Mobilität der Bevölkerung. Gleichzeitig verloren die traditionelle Rheinschifffahrt und der Warenumschlag um den Rheinfall an Bedeutung.

Soziale Folgen der Industrialisierung

Das Wachstum der Fabriken führte zu einer starken Zuwanderung aus den Landgemeinden, anderen Kantonen und dem süddeutschen Raum. Schaffhausen und Neuhausen entwickelten sich zu industriell geprägten Zentren.

Die Lebens- und Arbeitsbedingungen der frühen Industriearbeiterschaft waren häufig schwierig. Lange Arbeitszeiten, niedrige Löhne, unsichere Beschäftigung und unzureichende Wohnungen führten zu sozialen Spannungen.

Arbeitervereine, Gewerkschaften und sozialdemokratische Organisationen gewannen seit dem späten 19. Jahrhundert an Bedeutung. Sie forderten bessere Arbeitsbedingungen, soziale Versicherungen und eine stärkere politische Beteiligung.

Die Stadt Schaffhausen entwickelte sich zu einem wichtigen Zentrum der schweizerischen Arbeiterbewegung. Im 20. Jahrhundert prägte insbesondere der Sozialdemokrat Walther Bringolf die Politik der Stadt und des Kantons.

Neben der Industrie blieb die Landwirtschaft bedeutend. Im Klettgau spielte der Weinbau weiterhin eine zentrale Rolle. Genossenschaften, landwirtschaftliche Schulen und neue Anbaumethoden trugen zur Modernisierung des ländlichen Raums bei.

Erster Weltkrieg und Zwischenkriegszeit

Während des Ersten Weltkriegs war Schaffhausen wegen seiner Lage an der deutschen Grenze besonders stark von militärischen Sicherungsmassnahmen betroffen. Viele Männer leisteten Aktivdienst, während ihre Arbeitskraft in Landwirtschaft und Industrie fehlte.

Die Grenzkontrollen wurden verschärft. Der Warenverkehr mit Deutschland wurde erschwert, und die Versorgung mit Lebensmitteln und Rohstoffen verschlechterte sich. Preissteigerungen und soziale Not belasteten vor allem Arbeiterfamilien.

Der Schweizer Landesstreik von 1918 fand auch in Schaffhausen Unterstützung. Die stark entwickelte Industriearbeiterschaft machte den Kanton zu einem wichtigen Schauplatz der sozialen und politischen Auseinandersetzungen.

In der Zwischenkriegszeit litten exportorientierte Unternehmen unter Wirtschaftskrisen und Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig wurden Verkehrswege, Energieversorgung und öffentliche Einrichtungen ausgebaut.

Politisch standen sich bürgerliche Parteien und eine starke sozialdemokratische Bewegung gegenüber. Dieser Gegensatz prägte besonders die Stadt Schaffhausen, während viele Landgemeinden stärker bäuerlich und bürgerlich orientiert blieben.

Zweiter Weltkrieg

Während des Zweiten Weltkriegs war der Kanton von deutschem Gebiet umgeben und galt als besonders gefährdeter Grenzraum. Die Armee sicherte Brücken, Eisenbahnlinien, Strassen und Industrieanlagen.

Nach der deutschen Besetzung Frankreichs im Jahr 1940 war Schaffhausen auf dem Landweg fast vollständig vom Gebiet der Achsenmächte umschlossen. Die Versorgung und die Aufrechterhaltung des Verkehrs erforderten umfangreiche grenzüberschreitende Regelungen.

Die Nähe zu Deutschland erleichterte einerseits wirtschaftliche Kontakte, machte den Kanton andererseits aber zu einem sensiblen Raum für Fluchtbewegungen, Nachrichtendienste, Schmuggel und militärische Zwischenfälle.

Flüchtlinge versuchten über die Schaffhauser Grenze in die Schweiz zu gelangen. Die schweizerische Flüchtlingspolitik war zeitweise sehr restriktiv. Einige Flüchtlinge wurden aufgenommen, andere an der Grenze zurückgewiesen.

Bombardierung von Schaffhausen

Am 1. April 1944 bombardierten amerikanische Flugzeuge irrtümlich die Stadt Schaffhausen. Der Angriff war der schwerste Bombenangriff auf eine Schweizer Stadt während des Zweiten Weltkriegs.

40 Menschen kamen ums Leben, zahlreiche weitere wurden verletzt. Wohnhäuser, Industriebetriebe, der Bahnhof, die Steigkirche und öffentliche Gebäude wurden getroffen. Auch das Museum zu Allerheiligen erlitt schwere Schäden. Wertvolle Kunstwerke, historische Objekte und naturwissenschaftliche Sammlungen wurden zerstört.[11]

Die amerikanische Regierung entschuldigte sich für den Angriff und leistete Entschädigungszahlungen. Als Ursache wurden Navigationsfehler und ungünstige Umstände während eines Einsatzes gegen Ziele in Süddeutschland genannt.

Später wurden auch Thayngen, Stein am Rhein und weitere Orte im Kanton von alliierten Flugzeugen angegriffen. Bei der Bombardierung von Stein am Rhein am 22. Februar 1945 starben neun Menschen.

Der Wiederaufbau dauerte mehrere Jahre. Die Bombardierung blieb ein prägendes Ereignis im kollektiven Gedächtnis der Schaffhauser Bevölkerung. Jährliche Gedenkveranstaltungen erinnern an die Opfer.

Entwicklung nach 1945

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte Schaffhausen einen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Maschinen-, Metall-, Uhren-, Lebensmittel-, Chemie- und Verpackungsindustrie schuf zahlreiche Arbeitsplätze.

Der Bedarf an Arbeitskräften führte zur Zuwanderung aus anderen Kantonen sowie aus Italien, Spanien, Portugal, der Türkei, dem ehemaligen Jugoslawien und weiteren Ländern. Dadurch veränderte sich die sprachliche, religiöse und kulturelle Zusammensetzung der Bevölkerung.

Neue Wohnquartiere entstanden in Schaffhausen, Neuhausen, Thayngen und anderen Gemeinden. Die Motorisierung, der Ausbau des Strassennetzes und die zunehmende Zahl von Grenzgängern verstärkten die Verflechtung mit den deutschen Nachbarregionen.

Die Stadt Schaffhausen vergrösserte ihr Gemeindegebiet durch Eingemeindungen. Buchthalen wurde 1947, Herblingen 1964 und Hemmental 2009 in die Stadt eingegliedert.

Seit den 1970er-Jahren verlor die traditionelle Schwerindustrie an Bedeutung. Rationalisierungen, Verlagerungen und Unternehmenskrisen führten zum Abbau vieler Industriearbeitsplätze. Der Kanton förderte daraufhin neue Branchen wie Medizintechnik, Pharmaindustrie, Elektronik, Kunststofftechnik, Unternehmensdienstleistungen und Forschung.

Frauenstimmrecht und politische Modernisierung

Wie auf eidgenössischer Ebene waren Frauen im Kanton lange von Wahlen und Abstimmungen ausgeschlossen. Mehrere Versuche zur Einführung des Frauenstimmrechts scheiterten am Widerstand der männlichen Stimmbürger.

1971 erhielten Frauen im Kanton Schaffhausen das Stimm- und Wahlrecht. Sie konnten fortan an kantonalen und kommunalen Abstimmungen teilnehmen, Parlamente wählen und selbst politische Ämter übernehmen.[12]

Eine Besonderheit der politischen Kultur ist die Stimm- und Wahlpflicht. Schaffhausen ist der einzige Schweizer Kanton, in dem die Teilnahme an kantonalen Abstimmungen und Wahlen grundsätzlich weiterhin verpflichtend ist. Die Pflicht wird allerdings nur mit einer geringen Busse durchgesetzt.

Die neue Kantonsverfassung wurde im Jahr 2002 vom Volk angenommen und trat 2003 in Kraft. Sie modernisierte die staatlichen Strukturen, formulierte Grundrechte und regelte die Aufgaben von Kanton und Gemeinden neu.

Grenzfragen und Büsingen

Die Grenze des Kantons Schaffhausen ist historisch besonders komplex. Mehrere deutsche Gebiete greifen in das Kantonsgebiet hinein, während Rüdlingen und Buchberg als schaffhausische Exklave südlich des Rheins liegen.

Die deutsche Gemeinde Büsingen am Hochrhein bildet eine vollständig von Schweizer Gebiet umgebene Exklave. Schaffhausen versuchte in der Frühen Neuzeit, die Landeshoheit über Büsingen zu erwerben, konnte sich jedoch mit Österreich nicht einigen.

Ein Konflikt um den österreichischen Lehnsmann Eberhard Im Thurn verschlechterte im späten 17. Jahrhundert die Beziehungen. Büsingen blieb dadurch ausserhalb des schaffhausischen Herrschaftsgebietes und kam später zum Grossherzogtum Baden beziehungsweise zu Deutschland.

1964 regelten die Schweiz und die Bundesrepublik Deutschland mit dem Büsinger Vertrag zahlreiche praktische Fragen. Büsingen wurde in das schweizerische Zollgebiet einbezogen, blieb staatsrechtlich jedoch deutsch.

Eine weitere Besonderheit war der Verenahof bei Büttenhardt. Das kleine deutsche Gebiet war lange vollständig von schweizerischem Territorium umgeben. Durch einen Staatsvertrag wurde der Verenahof 1967 der Schweiz beziehungsweise dem Kanton Schaffhausen angegliedert.[13]

Strukturwandel und Gegenwart

Seit dem späten 20. Jahrhundert entwickelte sich Schaffhausen von einem stark industriell geprägten Kanton zu einem diversifizierten Wirtschaftsstandort. Traditionelle Unternehmen blieben wichtig, passten ihre Produktion jedoch an internationale Märkte und neue Technologien an.

Die Wirtschaft umfasst heute Maschinenbau, Medizintechnik, Pharmaindustrie, Uhrenproduktion, Kunststoffverarbeitung, Verpackungstechnik, Lebensmittelindustrie und Dienstleistungen. Die Grenzlage ermöglicht einen intensiven Austausch mit den deutschen Landkreisen Waldshut, Schwarzwald-Baar-Kreis und Konstanz.

Der Weinbau prägt weiterhin den Klettgau. Die Region wird wegen ihrer ausgedehnten Rebflächen und der Bedeutung der Blauburgunder-Traube als «Blauburgunderland» vermarktet.

Der Strukturwandel brachte zugleich Herausforderungen. Dazu gehören die Abhängigkeit von international tätigen Unternehmen, der grenzüberschreitende Arbeitsmarkt, die Alterung der Bevölkerung und die Verkehrsbelastung.

Die politische Identität des Kantons wird bis heute von seiner Kleinheit, der direkten Demokratie, der Grenzlage und der historischen Verbindung zwischen Stadt und Landschaft geprägt.

Geschichtsforschung und Erinnerungskultur

Die Erforschung der Kantonsgeschichte wird von mehreren Institutionen getragen. Das Staatsarchiv Schaffhausen bewahrt die Unterlagen des ehemaligen Stadtstaates und des modernen Kantons auf. Das Stadtarchiv Schaffhausen verwaltet die historischen Bestände der Stadt.

Das Museum zu Allerheiligen verbindet Archäologie, Geschichte, Kunst und Naturkunde. Seine Sammlungen dokumentieren die Entwicklung der Region von der Urgeschichte bis zur Gegenwart.

Der Historische Verein des Kantons Schaffhausen veröffentlicht seit dem 19. Jahrhundert die Reihe Schaffhauser Beiträge zur Geschichte. Sie enthält Quelleneditionen, Monografien und wissenschaftliche Untersuchungen zu Stadt und Landschaft.[14]

Archäologische Fundorte wie das Kesslerloch, Iuliomagus und die römische Befestigung bei Stein am Rhein machen die frühe Geschichte sichtbar. Der Munot, das Münster zu Allerheiligen, die Altstadt von Schaffhausen und Stein am Rhein erinnern an die mittelalterliche und frühneuzeitliche Entwicklung.

Die Bombardierung von 1944 nimmt einen besonderen Platz in der Erinnerungskultur ein. Gedenkstätten, Ausstellungen, Fotografien und Zeitzeugenberichte dokumentieren die Zerstörung und den Wiederaufbau.

Historische Bedeutung

Die Geschichte Schaffhausens zeigt beispielhaft den Wandel einer mittelalterlichen Reichsstadt zu einem eidgenössischen Stadtstaat und schliesslich zu einem demokratischen Kanton.

Die politische Entwicklung war von einem langfristigen Gegensatz zwischen Stadt und Landschaft geprägt. Während die Stadtbürger über Jahrhunderte die staatliche Macht kontrollierten, erlangte die Landbevölkerung erst im 19. Jahrhundert die vollständige politische Gleichstellung.

Die territoriale Zersplitterung des Kantons ist das Ergebnis zahlreicher mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Herrschaftsrechte, Käufe und Grenzverträge. Sie macht Schaffhausen zu einem besonders anschaulichen Beispiel für die komplizierte Entstehung der schweizerischen Kantonsgrenzen.

Die Industrialisierung verwandelte den kleinen Agrar- und Handelsstaat in einen international ausgerichteten Industriestandort. Unternehmen wie Georg Fischer, SIG und IWC prägten nicht nur die kantonale, sondern auch die schweizerische Wirtschaftsgeschichte.

Aufgrund seiner Grenzlage war Schaffhausen in europäischen Konflikten besonders verletzlich. Die Kämpfe von 1799 und die Bombardierungen während des Zweiten Weltkriegs gehören zu den einschneidendsten Ereignissen der Kantonsgeschichte.

Siehe auch

Literatur

  • Karl Schib: Geschichte der Stadt und Landschaft Schaffhausen. Meili, Schaffhausen 1972.
  • Reinhard Frauenfelder: Geschichte der Landschaft Schaffhausen. Schaffhausen 1938.
  • Hans Lieb: Schaffhausens Weg in die Eidgenossenschaft. Schaffhausen 2001.
  • Martin Harzenmoser: Kleine Schaffhauser Chronik. 2. Auflage, Didaktisches Zentrum des Kantons Schaffhausen, Schaffhausen 2001.
  • Matthias Wipf: Die Bombardierung von Schaffhausen – ein tragischer Irrtum. Meier, Schaffhausen 2019.
  • Historischer Verein des Kantons Schaffhausen (Hrsg.): Schaffhauser Beiträge zur Geschichte. Schaffhausen, seit 1863.
  • Museum zu Allerheiligen (Hrsg.): Schaffhausen im Fluss. 1000 Jahre Kulturgeschichte. Schaffhausen.
  • Kantonsarchäologie Schaffhausen (Hrsg.): Das Kloster Allerheiligen in Schaffhausen. Schaffhauser Archäologie, Band 4, Schaffhausen 1999.

Einzelnachweise