Geschichte des Kantons Bern
| Geschichte des Kantons Bern | |
|---|---|
| Hauptort | Bern |
| Beitritt zur Eidgenossenschaft | 1353 |
| Helvetische Kantone | Bern und Oberland, 1798–1803 |
| Wiederherstellung des Kantons | 1803 |
| Anschluss des Juras | 1815 |
| Gründung des Kantons Jura | 1979 |
| Kantonswechsel des Laufentals | 1994 |
| Kantonswechsel von Moutier | 2026 |
| Geltende Kantonsverfassung | Verfassung vom 6. Juni 1993 |
| Prägende Entwicklungen | Aufbau des bernischen Stadtstaates, Reformation, territoriale Expansion, Demokratisierung, Industrialisierung und Jurafrage |
Die Geschichte des Kantons Bern umfasst die Entwicklung eines der politisch, territorial und wirtschaftlich bedeutendsten Gemeinwesen der Schweiz. Ausgehend von der im Hochmittelalter gegründeten Stadt Bern entstand durch Bündnisse, Käufe und militärische Eroberungen ein grosser Stadtstaat. Dieser reichte im 18. Jahrhundert vom Genfersee über das Schweizer Mittelland bis in den heutigen Kanton Aargau und gehörte zu den mächtigsten Orten der Alten Eidgenossenschaft.[1]
Der Einmarsch französischer Truppen beendete 1798 die Herrschaft des alten Bern. Die Waadt und der Aargau wurden dauerhaft vom bernischen Staatsgebiet abgetrennt. Durch den Wiener Kongress erhielt der Kanton 1815 als teilweise territoriale Entschädigung das Gebiet des ehemaligen Fürstbistums Basel einschliesslich des Juras, des Laufentals und der Stadt Biel.
Seit dem 19. Jahrhundert wandelte sich Bern von einem durch städtische Führungsschichten beherrschten Obrigkeitsstaat zu einem demokratischen Kanton. Die Industrialisierung verlief regional sehr unterschiedlich: Während sich Biel, der Berner Jura und einzelne Orte des Mittellandes zu Industriezentren entwickelten, blieben das Emmental, der Oberaargau und grosse Teile des Berner Oberlandes lange landwirtschaftlich geprägt.
Die Spannungen zwischen dem deutschsprachigen alten Kantonsteil und dem überwiegend französischsprachigen, teilweise katholischen Jura führten im 20. Jahrhundert zur Jurafrage. 1979 entstand der neue Kanton Jura. Das Laufental wechselte 1994 zum Kanton Basel-Landschaft, Vellerat 1996 zum Kanton Jura und Moutier am 1. Januar 2026 ebenfalls zum Kanton Jura.[2]
Historische Räume
Das heutige Kantonsgebiet umfasst sehr unterschiedliche Landschaften. Im Norden liegen der Berner Jura und das zweisprachige Gebiet um Biel. Das Schweizer Mittelland wird von den Regionen Seeland, Bern-Mittelland, Emmental und Oberaargau geprägt. Im Süden erstreckt sich das Berner Oberland mit den Tälern der Aare, der Kander und der Simme bis zum Alpenhauptkamm.
Diese Regionen bildeten während langer Zeit keine politische Einheit. Vor dem Aufstieg Berns gehörten sie zu unterschiedlichen weltlichen und geistlichen Herrschaften. Zu den einflussreichen Geschlechtern gehörten die Zähringer, die Kyburger, die Habsburger, die Grafen von Savoyen, die Grafen von Neuenburg-Nidau und zahlreiche regionale Adelsfamilien. Daneben besassen Klöster und Stifte umfangreiche Güter und Herrschaftsrechte.
Auch nach der Eingliederung in den bernischen Stadtstaat bewahrten die Regionen unterschiedliche Rechtsordnungen, wirtschaftliche Strukturen und lokale Traditionen. Die Verwaltung erfolgte durch Landvogteien und andere Ämter. Die Bevölkerung der Untertanengebiete verfügte bis 1798 über keine gleichberechtigte Vertretung in der Regierung der Hauptstadt.
Urgeschichte
Die ältesten Spuren menschlicher Anwesenheit auf dem Gebiet des heutigen Kantons Bern reichen bis in die Altsteinzeit zurück. Während der Eiszeiten nutzten Jägergruppen zeitweise Höhlen, Felsunterstände und offene Lagerplätze. Mit dem Rückzug der Gletscher wurden das Mittelland, die Voralpen und die Alpentäler zunehmend besiedelt.
Aus der Jungsteinzeit sind zahlreiche Siedlungsplätze an den Ufern des Bieler-, Thuner- und Brienzersees bekannt. Besonders gut erhalten blieben in feuchten Bodenschichten Reste von Holzbauten, Werkzeugen, Keramik, Textilien und pflanzlichen Nahrungsmitteln. Mehrere Fundstellen im Seeland gehören zum seriellen UNESCO-Welterbe «Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen».
Die jungsteinzeitlichen Gemeinschaften betrieben Ackerbau und Viehzucht. Sie rodeten Wälder, legten Felder an und hielten Rinder, Schweine, Schafe und Ziegen. Seen und Flüsse dienten als Nahrungsquelle und Verkehrswege.
Während der Bronzezeit nahm die Verarbeitung von Metall zu. Handelsbeziehungen verbanden das Gebiet mit dem Alpenraum, dem Rhonetal, dem Oberrhein und weiteren Teilen Europas. Aus der Eisenzeit sind befestigte Höhensiedlungen, Gräberfelder, Schmuckstücke, Waffen und Münzen bekannt.
Auf der Engehalbinsel nördlich der heutigen Stadt Bern entstand in der späten Eisenzeit ein bedeutendes befestigtes Zentrum. Die keltische Siedlung gehörte zum Gebiet der Helvetier und war in überregionale Handelsnetze eingebunden.[3]
Römische Zeit
Nach der Eingliederung des helvetischen Gebiets in das Römische Reich wurde das heutige Kantonsgebiet Teil der römischen Provinzstruktur nördlich der Alpen. Strassen verbanden den Genfersee, Aventicum, das Aaretal, Augusta Raurica und die Alpenpässe miteinander.
Auf der Engehalbinsel bestand in der Römerzeit eine städtische Siedlung. Inschriften und Funde weisen auf den Namen Brenodurum beziehungsweise Brenodor hin. Die Siedlung umfasste Wohnhäuser, Werkstätten, Heiligtümer, öffentliche Einrichtungen und Friedhöfe.
Ein weiteres wichtiges Zentrum war Petinesca bei Studen. Aus einer keltischen Befestigung entwickelte sich eine römische Kleinstadt an einem Verkehrsknotenpunkt zwischen dem Mittelland, dem Jura und dem Seeland. Auf dem Jäissberg befand sich ein ausgedehnter Tempelbezirk.[4]
Im gesamten Mittelland entstanden römische Gutshöfe, die Getreide, Fleisch, Wein und weitere Erzeugnisse produzierten. Im Berner Oberland wurden Verkehrswege über die Alpen und durch die Täler genutzt. Militärische, wirtschaftliche und kulturelle Einflüsse aus verschiedenen Teilen des Reiches erreichten die Region.
Seit dem 3. Jahrhundert wurde die römische Herrschaft durch politische Krisen und militärische Einfälle geschwächt. Im 5. Jahrhundert zerfiel die weströmische Verwaltungsordnung. Einzelne Siedlungen, Verkehrswege und landwirtschaftliche Strukturen wurden jedoch weiter genutzt.
Frühmittelalter
Nach dem Ende der römischen Herrschaft entwickelte sich das Gebiet zu einem Übergangsraum zwischen burgundischen und alemannischen Einflüssen. Im westlichen Teil des heutigen Kantons war zunächst das Königreich der Burgunder prägend, während sich im östlichen Mittelland alemannische Siedlungs- und Sprachformen durchsetzten.
Im 6. Jahrhundert gelangte die Region unter fränkische Herrschaft. Grundbesitz und politische Rechte waren auf weltliche Herrscher, Adelsfamilien, Bischöfe, Klöster und lokale Herren verteilt. Die Christianisierung führte zur Gründung von Kirchen und kirchlichen Verwaltungsgebieten.
Bedeutende geistliche Institutionen waren unter anderem die Klöster Rüeggisberg, Frienisberg, Interlaken, Thorberg und Trub. Sie besassen ausgedehnte Ländereien und wirkten an der Erschliessung, Verwaltung und wirtschaftlichen Nutzung der Landschaft mit.
Nach der Teilung des Karolingerreichs gehörte der westliche Teil des Gebiets zeitweise zum Königreich Hochburgund. 1032 beziehungsweise 1033 wurde Burgund in das Heilige Römische Reich eingegliedert. Die politische Herrschaft blieb dennoch stark dezentralisiert.
Zähringer und Stadtgründungen
Im 12. Jahrhundert versuchten die Herzöge von Zähringen, ihren Einfluss im Gebiet zwischen Rhein, Jura und Alpen auszubauen. Sie gründeten oder förderten mehrere Städte, darunter Freiburg im Üechtland, Burgdorf, Thun und Bern.
Die Gründung Berns wird traditionell auf das Jahr 1191 datiert und Herzog Berchtold V. von Zähringen zugeschrieben. Die Stadt entstand auf einer von der Aare umflossenen Halbinsel, die gute Voraussetzungen für Verteidigung, Handel und Verkehr bot.
Der Name Bern ist erstmals zu Beginn des 13. Jahrhunderts sicher belegt. Die bekannte Erzählung, wonach die Stadt nach einem vom Herzog erlegten Bären benannt worden sei, gehört zur späteren Gründungstradition und ist historisch nicht nachweisbar.
Nach dem Tod Berchtolds V. im Jahr 1218 starb die Hauptlinie der Zähringer aus. Bern berief sich fortan auf seine Stellung als Reichsstadt. Der sogenannte Goldene Handfeste, der umfangreiche städtische Freiheiten bestätigte, wurde lange als Urkunde Kaiser Friedrichs II. aus dem Jahr 1218 betrachtet. Die Forschung geht heute davon aus, dass das Dokument wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts entstand.
Die Stadt entwickelte eigene Behörden, Gerichte und militärische Strukturen. Der Rat wurde zunehmend von wohlhabenden Kaufleuten, Grundbesitzern und später von führenden patrizischen Familien bestimmt.
Aufstieg zur regionalen Macht
Bern musste seine Selbständigkeit gegenüber den Kyburgern, Habsburgern und anderen regionalen Herrschaften behaupten. Die Stadt schloss deshalb Bündnisse mit benachbarten Städten, Landschaften und Adelsfamilien.
1323 ging Bern ein Bündnis mit den Waldstätten ein. Im Laupenkrieg kämpfte die Stadt gegen eine Koalition aus westschweizerischen Adelsherren und der Stadt Freiburg. Der bernische Sieg in der Schlacht bei Laupen von 1339 stärkte die politische und militärische Stellung der Stadt erheblich.
1353 schloss Bern ein ewiges Bündnis mit Uri, Schwyz und Unterwalden und trat damit dem Bündnissystem der Eidgenossenschaft bei. Als westlichster Ort verband Bern die innerschweizerischen Orte mit den Städten und Landschaften im burgundischen Raum.[5]
Im 14. und 15. Jahrhundert erwarb Bern schrittweise Gebiete im Mittelland und im Oberland. Herrschaftsrechte gelangten durch Kauf, Pfandschaft, Erbschaft, Bündnisse oder militärischen Druck an die Stadt. Nach dem Burgdorferkrieg von 1383 und 1384 übernahm Bern unter anderem Burgdorf und Thun von den Neu-Kyburgern.
Die lokalen Städte und Landschaften erhielten häufig ihre bestehenden Rechte bestätigt, mussten jedoch die bernische Oberhoheit anerkennen. Bern setzte Vögte ein, erhob Abgaben und kontrollierte die hohe Gerichtsbarkeit.
Eroberung des Aargaus
1415 rief König Sigismund die eidgenössischen Orte zum Vorgehen gegen Herzog Friedrich IV. von Habsburg auf. Bern beteiligte sich an der Eroberung habsburgischer Gebiete im Aargau und gewann dabei den grössten territorialen Anteil.
Der bernische Aargau umfasste unter anderem die Ämter Aarau, Lenzburg, Brugg und Zofingen. Das Gebiet entwickelte sich zu einem wirtschaftlich wichtigen Bestandteil des bernischen Stadtstaates. Die im Osten gelegene Grafschaft Baden und die Freien Ämter wurden dagegen von mehreren eidgenössischen Orten gemeinsam verwaltet.
Der bernische Aargau blieb bis 1798 unter der Herrschaft Berns. Nach dem Zusammenbruch der Alten Eidgenossenschaft wurde er Teil des neu gebildeten Kantons Aargau.[6]
Burgunderkriege
In den 1470er Jahren geriet Bern in einen Konflikt mit Herzog Karl dem Kühnen von Burgund. Bern verfolgte eigene territoriale Interessen in der Westschweiz und unterstützte Städte und Herrschaften, die sich gegen die burgundische Expansion wandten.
Während der Burgunderkriege beteiligten sich bernische Truppen massgeblich an den eidgenössischen Siegen bei Grandson und Murten im Jahr 1476. Der Tod Karls des Kühnen in der Schlacht bei Nancy von 1477 beseitigte die burgundische Bedrohung.
Bern gewann zeitweise Gebiete in der Waadt und stärkte seinen politischen Einfluss im Westen. Die Kriegsbeute und die internationalen Bündnisse trugen zum wirtschaftlichen und politischen Aufstieg führender Berner Familien bei.
Die Burgunderkriege förderten zugleich das Selbstverständnis Berns als militärische Grossmacht. Der Bär, die schwarz-rote Fahne und Darstellungen bernischer Krieger wurden zu wichtigen Symbolen des Staates.
Ausbau des Stadtstaates
Im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert setzte Bern seine territoriale Expansion fort. Im Oberland wurden lokale Herrschaften und kirchliche Besitzungen stärker in die staatliche Verwaltung eingebunden. Im Seeland gewann Bern Einfluss auf die Herrschaften Nidau und Aarberg.
Die Stadt Biel blieb formell mit dem Fürstbistum Basel verbunden, unterhielt jedoch enge Bündnisse mit Bern und anderen eidgenössischen Orten. Ihre staatsrechtliche Stellung unterschied sich deshalb von jener der unmittelbar bernischen Untertanengebiete.
Die bernische Regierung gliederte den Staat in Landvogteien. Die Landvögte stammten meist aus der Burgerschaft der Hauptstadt und wurden für eine begrenzte Amtszeit eingesetzt. Sie vertraten die Obrigkeit, führten Gerichte, zogen Abgaben ein und überwachten die lokale Verwaltung.
In den Dörfern und Landstädten bestanden Gemeinden, Gerichte, Kirchspiele und genossenschaftliche Organisationen. Sie regelten viele lokale Angelegenheiten selbst, waren jedoch von der politischen Mitbestimmung auf gesamtstaatlicher Ebene ausgeschlossen.
Reformation
Im frühen 16. Jahrhundert verbreiteten sich reformatorische Ideen in Bern und seinen Untertanengebieten. Geistliche und Gelehrte kritisierten kirchliche Missstände, den Ablasshandel und die traditionelle kirchliche Lehre.
Im Januar 1528 fand in Bern eine grosse Religionsdisputation statt. Danach beschloss der Rat die Einführung der Reformation. Die Messe wurde abgeschafft, Klöster wurden aufgehoben und kirchlicher Besitz ging an den Staat über.[7]
Der Reformator Berchtold Haller spielte bei der Umsetzung der neuen Kirchenordnung eine wichtige Rolle. Der Staat übernahm die Leitung der reformierten Kirche. Pfarrer wurden zu Amtsträgern eines eng mit der Obrigkeit verbundenen Kirchenwesens.
Nicht alle Gebiete nahmen die neue Ordnung widerstandslos an. Im Berner Oberland kam es 1528 zu einem Aufstand gegen die Reformation und die bernische Herrschaft. Die Bewegung wurde niedergeschlagen.
Die Aufhebung der Klöster veränderte die Besitz- und Verwaltungsverhältnisse. Ehemalige Klostergüter wurden zur Finanzierung von Schulen, Spitälern, Armenfürsorge und staatlichen Aufgaben verwendet.
Die Kirchgemeinden entwickelten sich zu wichtigen Einheiten der lokalen Verwaltung. Sittengerichte, die sogenannten Chorgerichte, überwachten das religiöse und gesellschaftliche Leben.
Eroberung der Waadt
1536 nutzte Bern einen Konflikt zwischen Genf und dem Herzogtum Savoyen, um die Waadt und weitere savoyische Gebiete zu besetzen. Bernische Truppen nahmen Lausanne, Morges, Yverdon, Aigle und zahlreiche weitere Orte ein.
Die Eroberung machte Bern zum grössten Stadtstaat nördlich der Alpen. Sein Herrschaftsgebiet erstreckte sich nun vom Genfersee bis in den Aargau. Die französischsprachige Waadt wurde in mehrere Landvogteien aufgeteilt und von deutschsprachigen Berner Amtsträgern regiert.
Bern führte auch in der Waadt die Reformation ein. Die Güter des Bischofs von Lausanne und zahlreicher Klöster gingen an den Staat über. Die 1537 gegründete Akademie von Lausanne wurde zu einem wichtigen Zentrum reformierter Bildung.
Einzelne eroberte Gebiete wurden gemeinsam mit Freiburg verwaltet. Genf konnte seine politische und religiöse Selbständigkeit bewahren und entwickelte sich unter dem Einfluss Johannes Calvins zu einem eigenständigen Zentrum der Reformation.
Die Waadt blieb bis 1798 bernisches Untertanengebiet. Die Erinnerung an die politische Benachteiligung unter Bern spielte später bei der Waadtländer Revolution eine wichtige Rolle.
Republik Bern im Ancien Régime
Im 17. und 18. Jahrhundert bezeichnete sich Bern als Republik und souveräner Stand der Eidgenossenschaft. Die tatsächliche politische Macht lag bei einer vergleichsweise kleinen Zahl regimentsfähiger Familien der Stadt Bern.
Der Grosse Rat bildete formal die oberste staatliche Behörde. Der Kleine Rat führte die laufenden Regierungsgeschäfte. Die wichtigsten Ämter wurden innerhalb des städtischen Patriziats verteilt. Die Einwohner der Landschaft und der unterworfenen Städte besassen kein gleichwertiges Recht auf Beteiligung.
Bern verfügte über eine für die damalige Zeit leistungsfähige Verwaltung. Die Regierung führte umfangreiche schriftliche Akten, kontrollierte die Finanzen, organisierte das Militär und erliess Vorschriften für Wirtschaft, Religion, Armenfürsorge und Sittenordnung.
Das Staatsarchiv bewahrt Unterlagen des alten Stadtstaates, der helvetischen Kantone Bern und Oberland sowie der kantonalen Verwaltung seit 1803 auf.[8]
Die Staatseinnahmen stammten aus Abgaben, Zöllen, Landvogteien, Salzhandel und weiteren Monopolen. Bern bildete grosse finanzielle Reserven und investierte Kapital im Ausland. Diese Rücklagen machten den Staat vergleichsweise unabhängig von regelmässigen direkten Steuern.
Die ländliche Wirtschaft beruhte auf Getreideanbau, Viehwirtschaft, Milchwirtschaft, Weinbau, Forstwirtschaft und Heimarbeit. Im Emmental und im Oberland entwickelte sich die Käseproduktion zu einem wichtigen Exportzweig.
Schweizer Bauernkrieg
Wirtschaftliche Schwierigkeiten, Münzabwertungen und hohe Abgaben führten 1653 zum Schweizer Bauernkrieg. Das Zentrum der Bewegung lag im Entlebuch und im bernischen Emmental.
Bäuerliche Vertreter aus mehreren Kantonen schlossen sich im Huttwiler Bund zusammen. Sie forderten wirtschaftliche Erleichterungen, die Anerkennung alter Rechte und eine stärkere politische Mitsprache.
Die eidgenössischen Obrigkeiten betrachteten den Zusammenschluss als Bedrohung ihrer Herrschaft. Nach militärischen Niederlagen brach die bäuerliche Bewegung zusammen. Führende Vertreter wurden hingerichtet oder mit anderen schweren Strafen belegt.
Der Bauernkrieg zeigte die Spannungen zwischen der städtischen Regierung und den wirtschaftlich belasteten Landgebieten. Das politische System des bernischen Stadtstaates blieb dennoch bis 1798 grundsätzlich bestehen.
Absolutismus, Aufklärung und Reformen
Im 18. Jahrhundert orientierten sich Teile der Berner Führungsschicht an europäischen Formen aristokratischer Repräsentation. Landsitze, Patrizierhäuser und öffentliche Bauten zeigten den Wohlstand der regierenden Familien.
Gleichzeitig verbreiteten sich Ideen der Aufklärung. Die 1759 gegründete Oekonomische Gesellschaft Bern förderte Landwirtschaft, Gewerbe, Bildung und wissenschaftliche Forschung. Versuche zur Verbesserung des Ackerbaus, der Viehzucht und der Armenfürsorge wurden diskutiert.
Die politische Ordnung blieb jedoch weitgehend geschlossen. Selbst viele Bürger der Stadt Bern waren von den höchsten Ämtern ausgeschlossen. In der Landschaft und in der Waadt wuchs die Kritik an der fehlenden politischen Gleichberechtigung.
In der Waadt führte Major Jean Daniel Abraham Davel 1723 einen erfolglosen Versuch zur Befreiung von der bernischen Herrschaft an. Er wurde verhaftet und hingerichtet. Später wurde er zu einer Symbolfigur der Waadtländer Unabhängigkeit.
Die Französische Revolution von 1789 verstärkte die Forderungen nach Rechtsgleichheit, Volkssouveränität und Abschaffung der Untertanenverhältnisse.
Zusammenbruch des alten Bern
Anfang 1798 erhob sich die Waadt gegen Bern und rief unter französischem Schutz die Lemanische Republik aus. Frankreich nutzte die Auseinandersetzung als Anlass für einen militärischen Einmarsch in die Eidgenossenschaft.
Bern versuchte, den französischen Vormarsch aufzuhalten. Am 5. März 1798 kam es zu Kämpfen bei Fraubrunnen, Neuenegg und am Grauholz. Obwohl bernische Truppen bei Neuenegg einen lokalen Erfolg erzielten, wurde die Hauptarmee am Grauholz besiegt.
Die Regierung trat zurück, und französische Truppen besetzten die Hauptstadt. Die Staatskasse und der berühmte Berner Bärengraben wurden geplündert beziehungsweise nach Frankreich gebracht.
Mit der Niederlage endete der alte bernische Stadtstaat. Die Waadt wurde zum Kanton Léman, der bernische Aargau ging im späteren Kanton Aargau auf. Das Oberland wurde zeitweise vom übrigen Bern getrennt.
Helvetische Republik
In der zentralistisch organisierten Helvetischen Republik bestanden von 1798 bis 1803 die Kantone Bern und Oberland. Der Kanton Oberland umfasste einen grossen Teil des heutigen Berner Oberlandes und hatte Thun als Hauptort.
Die Helvetische Verfassung hob die Untertanenverhältnisse und die politischen Vorrechte der Stadt Bern auf. Alle Bürger sollten grundsätzlich rechtlich gleichgestellt sein. Gleichzeitig verloren die Kantone einen grossen Teil ihrer bisherigen Selbständigkeit.
Die neue Ordnung stiess sowohl bei Anhängern des alten Systems als auch bei föderalistisch gesinnten Reformern auf Widerstand. Französische Besatzungskosten, Einquartierungen, politische Instabilität und wirtschaftliche Belastungen führten zu Unzufriedenheit.
Mehrere Staatsstreiche und der Konflikt zwischen Zentralisten und Föderalisten schwächten die Helvetische Republik. Nach dem Abzug eines Teils der französischen Truppen kam es 1802 zum Stecklikrieg.
Mediation
Napoleon Bonaparte beendete die inneren Kämpfe mit der Mediationsakte von 1803. Bern und das Oberland wurden wieder zu einem Kanton vereinigt. Die Waadt und der Aargau blieben jedoch selbständige Kantone.
Die Mediationsverfassung stellte die kantonale Selbständigkeit teilweise wieder her. Politische Rechte waren nun nicht mehr ausschliesslich an das Bürgerrecht der Hauptstadt gebunden. Die Vertretung blieb jedoch nach Vermögen und Regionen ungleich verteilt.
Die Regierung begann mit dem Aufbau einer modernen kantonalen Verwaltung. Zahlreiche Rechts- und Verwaltungsverhältnisse mussten nach den Umbrüchen von 1798 neu geordnet werden.
Nach dem Sturz Napoleons versuchten konservative Kräfte, Teile der alten politischen Ordnung wiederherzustellen. Die Verfassung von 1815 stärkte erneut den Einfluss der Stadt Bern, ohne den früheren patrizischen Stadtstaat vollständig wiederherzustellen.
Anschluss des Juras und Biels
Der Wiener Kongress ordnete Bern 1815 als Entschädigung für den dauerhaften Verlust der Waadt und des Aargaus den grössten Teil des ehemaligen Fürstbistums Basel zu. Dazu gehörten der heutige Berner Jura, die späteren jurassischen Bezirke, das Laufental und die Stadt Biel.[7]
Die neuen Gebiete unterschieden sich sprachlich, konfessionell und historisch vom alten Kantonsteil. Ein grosser Teil der Bevölkerung sprach Französisch. In den nördlichen Gebieten überwog die römisch-katholische Konfession, während der südliche Jura mehrheitlich reformiert war.
Bern musste die Rechte der katholischen Kirche gewährleisten. Die kirchlichen Verhältnisse wurden durch die Neuordnung des Bistums Basel geregelt.
Die Stadt Biel war zweisprachig und wirtschaftlich eng mit dem Seeland und dem Jura verbunden. Sie wurde als eigener Amtsbezirk in den Kanton eingegliedert.
Der Anschluss schuf die Grundlagen des zweisprachigen Kantons Bern, führte langfristig jedoch auch zu politischen und kulturellen Spannungen.
Regeneration von 1831
Die Julirevolution von 1830 in Frankreich gab der liberalen Bewegung in der Schweiz neuen Auftrieb. Im Kanton Bern forderten Vertreter der Landschaft die Volkssouveränität, Rechtsgleichheit und eine gerechtere politische Vertretung.
Am 10. Januar 1831 fand in Münsingen eine grosse Volksversammlung statt. Unter dem Druck der Bewegung verzichtete die restaurative Regierung auf ihren Widerstand gegen eine Verfassungsrevision.
Die neue Verfassung von 1831 beendete die politische Vorherrschaft der Hauptstadt und machte Bern zu einem demokratisch verfassten Rechtsstaat.[7] Der Grosse Rat wurde zur gesetzgebenden Behörde, während der Regierungsrat die Exekutive bildete.
Die Gewaltenteilung wurde gestärkt. Burgergemeinden und Einwohnergemeinden entwickelten sich zu unterschiedlichen Körperschaften. Die politischen Rechte blieben zunächst Männern vorbehalten und waren teilweise weiterhin an wirtschaftliche und rechtliche Voraussetzungen gebunden.
Die liberale Regierung reformierte Verwaltung, Bildungswesen, Justiz und Infrastruktur. Die Universität Bern entstand 1834 aus der bisherigen Akademie.
Liberale und konservative Konflikte
Die politische Entwicklung nach 1831 war von Auseinandersetzungen zwischen Liberalen, Radikalen und Konservativen geprägt. Liberale Kräfte wollten den Staat modernisieren und den Einfluss der Kirche begrenzen. Konservative verteidigten stärker traditionelle, föderalistische und religiöse Strukturen.
Die Verfassung von 1846 erweiterte die demokratischen Rechte. Der Regierungsrat wurde verkleinert, und die staatliche Organisation erhielt modernere Grundlagen.
Während des Konflikts um den Sonderbund gehörte Bern zu den Gegnern des katholisch-konservativen Bündnisses. Bernische Truppen beteiligten sich 1847 auf eidgenössischer Seite am kurzen Sonderbundskrieg.
Der Sieg der liberalen Kantone machte den Weg für die Bundesverfassung von 1848 frei. Bern wurde aufgrund seiner politischen Bedeutung und seiner Lage zum Sitz der Bundesbehörden bestimmt. Die Stadt erhielt die Bezeichnung Bundesstadt, ohne formell zur verfassungsrechtlichen Hauptstadt erklärt zu werden.
Bern im Bundesstaat
Mit der Gründung des Bundesstaates gingen wichtige Zuständigkeiten in den Bereichen Aussenpolitik, Militär, Zoll, Post und Währung an den Bund über. Der Kanton behielt jedoch weitreichende Kompetenzen in Bildung, Polizei, Gesundheit, Kirchenwesen und Gemeinderecht.
Die Stellung Berns als Bundesstadt führte zur Ansiedlung eidgenössischer Behörden, diplomatischer Vertretungen und nationaler Organisationen. Der Bau des Bundeshauses und weiterer Verwaltungsgebäude veränderte das Stadtbild.
Die kantonale Politik blieb stark durch regionale Unterschiede geprägt. Der Jura, das Oberland, das Emmental, der Oberaargau, das Seeland und die Agglomeration Bern verfügten über unterschiedliche wirtschaftliche und politische Interessen.
Mit der Verfassung von 1893 wurden die politischen Institutionen erneut reformiert. Die direktdemokratischen Rechte der Bevölkerung wurden ausgebaut. Initiative und Referendum gewannen im politischen Entscheidungsprozess an Bedeutung.
Industrialisierung
Die Industrialisierung setzte im Kanton Bern später und ungleichmässiger ein als in einigen ostschweizerischen Regionen. Die Landwirtschaft blieb für einen grossen Teil der Bevölkerung bis weit ins 19. Jahrhundert der wichtigste Erwerbszweig.
Im Emmental und im Oberaargau entwickelten sich Milchwirtschaft und Käseproduktion. Der Emmentaler Käse wurde zu einem international bekannten Exportprodukt. Landwirtschaftliche Genossenschaften und Käsereien veränderten die Produktions- und Absatzstrukturen.
In Biel und im Berner Jura breitete sich die Uhrenindustrie aus. Biel entwickelte sich im 19. und 20. Jahrhundert zu einem wichtigen Zentrum für Uhren, Präzisionsmechanik und Maschinenbau. Die Stadt wuchs durch die Zuwanderung deutsch- und französischsprachiger Arbeitskräfte.
In der Region Bern, in Thun, Burgdorf, Langenthal und weiteren Orten entstanden Maschinen-, Metall-, Textil-, Lebensmittel- und Druckereibetriebe. Thun gewann durch eidgenössische Militärbetriebe und die Metallindustrie wirtschaftliche Bedeutung.
Im Berner Oberland entwickelte sich seit dem 19. Jahrhundert der Tourismus. Interlaken, Grindelwald, Lauterbrunnen, Wengen, Mürren und weitere Orte wurden durch Hotels, Bergbahnen und internationale Reiseverbindungen erschlossen.
Ausbau des Verkehrs
Der Eisenbahnbau veränderte den Kanton grundlegend. 1857 erhielt die Stadt Bern ihre erste Bahnverbindung. In den folgenden Jahrzehnten entstanden Linien nach Olten, Freiburg, Thun, Biel, Luzern und in das Berner Oberland.
Die Jurabahn verband Biel mit den Tälern des Juras und mit Basel. Die Bern-Lötschberg-Simplon-Bahn schuf zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine wichtige Nord-Süd-Verbindung durch die Alpen. Der Lötschbergtunnel wurde 1913 eröffnet.
Schmalspur- und Bergbahnen erschlossen touristische Gebiete. Die Brünigbahn, die Berner-Oberland-Bahnen und die Jungfraubahn gehörten zu den bedeutenden Projekten.
Im 20. Jahrhundert kamen ein weit ausgebautes Strassennetz und die Autobahnen hinzu. Die Verkehrsachsen stärkten die Verbindung zwischen den verschiedenen Kantonsregionen, verstärkten aber auch die wirtschaftliche Ausrichtung auf ausserkantonale Zentren.
Gesellschaftlicher Wandel
Die Industrialisierung führte zur Entstehung einer wachsenden Arbeiterschaft. Gewerkschaften, Arbeitervereine und sozialdemokratische Organisationen gewannen in Biel, Bern, Thun und anderen Industrieorten an Einfluss.
Die Arbeitsbedingungen waren zunächst durch lange Arbeitszeiten, niedrige Löhne und fehlende soziale Absicherung geprägt. Genossenschaften, Krankenkassen und politische Organisationen setzten sich für Verbesserungen ein.
Gleichzeitig veränderte sich die ländliche Gesellschaft. Mechanisierung, neue Anbaumethoden und bessere Verkehrsverbindungen erhöhten die Produktivität. Viele Menschen verliessen jedoch die Landwirtschaft und wanderten in Städte oder Industrieorte ab.
Das Bildungswesen wurde erweitert. Volksschulen, Sekundarschulen, Berufsschulen und Lehrerseminare entstanden oder wurden ausgebaut. Der Staat übernahm zunehmend Aufgaben in Gesundheit, Armenfürsorge, Raumplanung und Infrastruktur.
Kulturkampf
Nach dem Ersten Vatikanischen Konzil von 1870 verschärfte sich der Konflikt zwischen liberalen Staatsbehörden und der römisch-katholischen Kirche. Im überwiegend katholischen Nordjura stiessen staatliche Eingriffe in kirchliche Angelegenheiten auf starken Widerstand.
Die bernische Regierung setzte Geistliche ab, die sich ihrer Kirchenpolitik widersetzten. Teile der katholischen Bevölkerung betrachteten diese Massnahmen als Eingriff in ihre religiösen Rechte.
Die christkatholische Kirche wurde 1874 als Landeskirche anerkannt.[7] Die Auseinandersetzungen verstärkten bei einem Teil der jurassischen Bevölkerung das Gefühl kultureller und politischer Distanz zur deutschsprachigen Kantonsmehrheit.
Nach dem Ende des Kulturkampfes normalisierte sich das Verhältnis zwischen Staat und römisch-katholischer Kirche schrittweise. Die Erinnerung an den Konflikt blieb in der Geschichte der Jurafrage jedoch bedeutsam.
Erster Weltkrieg und Landesstreik
Während des Ersten Weltkriegs blieb die Schweiz neutral. Zahlreiche Berner leisteten jedoch langen Aktivdienst. Lebensmittelknappheit, Teuerung und Lohnausfälle belasteten breite Bevölkerungsschichten.
Die sozialen Gegensätze verschärften sich. In den Städten und Industrieorten nahmen Proteste und Streiks zu. Während des Landesstreiks im November 1918 beteiligten sich Arbeiterinnen und Arbeiter in Bern, Biel, Thun und weiteren Orten an Arbeitsniederlegungen.
Die Behörden setzten Militär ein, um den Streik zu kontrollieren. Obwohl die Bewegung nach drei Tagen abgebrochen wurde, beeinflussten ihre Forderungen die weitere politische Entwicklung. Dazu gehörten die Einführung der 48-Stunden-Woche, der Ausbau sozialer Sicherung und eine breitere demokratische Vertretung.
In den folgenden Jahren gewann die Sozialdemokratie an Bedeutung. Das Verhältniswahlsystem erleichterte kleineren Parteien den Einzug in den Grossen Rat.
Zwischenkriegszeit
Die wirtschaftliche Entwicklung zwischen den Weltkriegen war von starken Schwankungen geprägt. Die exportabhängige Uhrenindustrie litt unter internationalen Krisen, während Landwirtschaft und Tourismus ebenfalls mit Absatzproblemen konfrontiert waren.
Die Weltwirtschaftskrise nach 1929 führte zu Arbeitslosigkeit und sozialen Spannungen. Staat und Gemeinden organisierten Arbeitsbeschaffungsprogramme und unterstützten notleidende Familien.
Politisch blieb der Kanton demokratisch stabil. Bauern-, Gewerbe- und Bürgerparteien gewannen neben Freisinnigen, Sozialdemokraten und katholisch-konservativen Kräften an Einfluss.
Der Kanton förderte den Ausbau von Strassen, Wasserkraftanlagen und öffentlichen Einrichtungen. Die Nutzung der alpinen Gewässer für die Stromproduktion wurde zu einem wichtigen wirtschaftlichen Faktor.
Zweiter Weltkrieg
Während des Zweiten Weltkriegs war der Kanton wegen seiner zentralen Lage, seiner Alpenübergänge und seiner militärischen Einrichtungen von grosser strategischer Bedeutung.
Thun blieb ein Zentrum militärischer Ausbildung und Rüstungsproduktion. Im Oberland entstanden Befestigungen des Schweizer Réduits. Verkehrswege und Alpenübergänge wurden militärisch gesichert.
Lebensmittel und andere Güter waren rationiert. Im Rahmen der Anbauschlacht wurden zusätzliche Flächen für die landwirtschaftliche Produktion genutzt.
Flüchtlinge gelangten über verschiedene Wege in den Kanton. Die schweizerische Flüchtlingspolitik führte auch in Bern zur Aufnahme, Internierung und Zurückweisung Schutzsuchender. Dieses Kapitel wurde in der späteren historischen Forschung kritisch aufgearbeitet.
Nachkriegszeit
Nach 1945 erlebte der Kanton einen wirtschaftlichen und demografischen Aufschwung. Industrie, Bauwesen und Dienstleistungen beschäftigten zahlreiche Arbeitskräfte. Viele Menschen wanderten aus Italien, Spanien, Portugal, der Türkei und später aus weiteren Ländern ein.
Die Agglomerationen Bern, Biel und Thun wuchsen stark. Neue Wohnquartiere, Schulen, Spitäler und Verkehrsanlagen entstanden. Die Landwirtschaft beschäftigte dagegen immer weniger Menschen.
Der Ausbau der Autobahnen und des öffentlichen Verkehrs verstärkte die Pendlerbewegungen. Gemeinden im Umfeld der grossen Städte wandelten sich von Bauerndörfern zu Wohn- und Agglomerationsgemeinden.
Der Dienstleistungssektor gewann zunehmend an Bedeutung. Bundesverwaltung, kantonale Verwaltung, Gesundheitswesen, Bildung, Banken, Versicherungen und Tourismus wurden zu wichtigen Arbeitgebern.
Einführung des Frauenstimmrechts
Frauen waren bis 1971 von kantonalen Abstimmungen und Wahlen ausgeschlossen. Frauenvereine, Gewerkschafterinnen und Politikerinnen hatten sich während Jahrzehnten für die politische Gleichberechtigung eingesetzt.
Nach der Annahme des eidgenössischen Frauenstimmrechts im Februar 1971 führte auch der Kanton Bern das Stimm- und Wahlrecht für Frauen auf kantonaler und kommunaler Ebene ein.
In den folgenden Jahren wurden Frauen in den Grossen Rat, den Regierungsrat und kommunale Behörden gewählt. Die rechtliche und tatsächliche Gleichstellung entwickelte sich dennoch schrittweise und blieb Gegenstand politischer Reformen.
Entstehung der Jurafrage
Die Eingliederung des ehemaligen Fürstbistums Basel von 1815 hatte Gebiete mit unterschiedlichen Sprachen, Konfessionen und historischen Traditionen zusammengeführt. Im 19. Jahrhundert bestanden bereits regionalistische Bewegungen, doch erst nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich daraus ein breiter politischer Konflikt.
Als wichtiger Auslöser gilt die sogenannte Moeckli-Affäre von 1947. Der französischsprachige jurassische Regierungsrat Georges Moeckli sollte ein wichtiges Baudepartement übernehmen. Der Grosse Rat verweigerte ihm dieses Amt unter anderem mit dem Argument, seine deutsche Sprachkompetenz reiche dafür nicht aus.
Die Entscheidung wurde im Jura als Ausdruck der Benachteiligung der französischsprachigen Minderheit wahrgenommen. Separatistische Organisationen wie das Rassemblement jurassien forderten die Gründung eines eigenen Kantons. Unionistische Gruppen wollten dagegen beim Kanton Bern bleiben.
Der Konflikt umfasste politische Kampagnen, Demonstrationen, symbolische Aktionen und vereinzelt Gewalt. Die Front de libération jurassien verübte in den 1960er Jahren mehrere Anschläge auf Sachwerte.
Gründung des Kantons Jura
Der Kanton Bern entwickelte ein mehrstufiges Abstimmungsverfahren, das den betroffenen Bezirken und Gemeinden die Entscheidung über ihre Kantonszugehörigkeit ermöglichen sollte.
Bei der jurassischen Volksabstimmung vom 23. Juni 1974 sprach sich eine knappe Mehrheit für die Gründung eines neuen Kantons aus. Die drei nördlichen Bezirke Delémont, Porrentruy und Franches-Montagnes unterstützten die Trennung. Die südlichen Bezirke Courtelary, Moutier und La Neuveville sowie das Laufental lehnten sie mehrheitlich ab.
Weitere Bezirks- und Gemeindeabstimmungen legten die Grenze fest. Am 24. September 1978 stimmten Volk und Stände der Schweiz der Aufnahme des neuen Kantons zu.
Am 1. Januar 1979 trat die Republik und Kanton Jura als 26. Kanton der Eidgenossenschaft bei. Der französischsprachige südliche Jura blieb als Berner Jura beim Kanton Bern.[9]
Die Trennung erforderte die Aufteilung von Vermögen, Behörden, Archiven und öffentlichen Einrichtungen. Die Bestände des ehemaligen Fürstbistums Basel werden seit 1985 von einer gemeinsamen Stiftung getragen.
Wechsel des Laufentals
Nach der Gründung des Kantons Jura war das deutschsprachige Laufental nicht mehr direkt mit dem übrigen Kantonsgebiet Berns verbunden. Die Bevölkerung erhielt die Möglichkeit, über einen Anschluss an einen Nachbarkanton abzustimmen.
Eine erste Abstimmung von 1983 ergab eine Mehrheit für den Verbleib bei Bern. Später wurde bekannt, dass die bernische Regierung heimlich Gelder zur Beeinflussung des Abstimmungskampfs eingesetzt hatte. Das Bundesgericht erklärte die Abstimmung für ungültig.
In der Wiederholungsabstimmung von 1989 entschied sich die Bevölkerung für den Anschluss an Basel-Landschaft. Nach der Zustimmung von Volk und Ständen wechselte der Bezirk Laufen am 1. Januar 1994 vom Kanton Bern zum Kanton Basel-Landschaft.
Der Kantonswechsel war ein bedeutender Präzedenzfall für die demokratische Veränderung innerstaatlicher Grenzen.
Vellerat und Moutier
Die kleine Gemeinde Vellerat hatte sich bereits während der Juraplebiszite für den neuen Kanton Jura ausgesprochen, war wegen ihrer geografischen Lage jedoch zunächst beim Kanton Bern geblieben. Nach einem langjährigen Verfahren wechselte sie am 1. Juli 1996 zum Kanton Jura.[2]
In Moutier blieb die Kantonszugehörigkeit über Jahrzehnte umstritten. Bei einer kommunalen Abstimmung von 2017 sprach sich eine knappe Mehrheit für den Wechsel zum Kanton Jura aus. Die Abstimmung wurde wegen Unregelmässigkeiten aufgehoben.
Am 28. März 2021 wurde die Abstimmung unter verstärkter behördlicher Aufsicht wiederholt. 54,9 Prozent der Abstimmenden unterstützten den Wechsel zum Kanton Jura.[2]
Bern und Jura regelten den Übergang in einem Konkordat. Nach der Zustimmung der betroffenen Bevölkerungen und der Bundesversammlung wechselte Moutier am 1. Januar 2026 offiziell vom Kanton Bern zum Kanton Jura.[10]
Damit endete ein weiterer bedeutender Abschnitt der Jurafrage. Der verbleibende Berner Jura besitzt weiterhin einen verfassungsrechtlich geschützten Sonderstatus.
Kantonsverfassung von 1993
Die Verfassung von 1893 wurde nach zahlreichen Teilrevisionen durch eine neue Kantonsverfassung ersetzt. Die Stimmberechtigten nahmen sie am 6. Juni 1993 an. Sie trat am 1. Januar 1995 in Kraft.[11]
Die Verfassung bezeichnet Bern als freiheitlichen, demokratischen und sozialen Rechtsstaat. Sie regelt die Grundrechte, die politischen Rechte, die Organisation der Behörden und die Aufgaben von Kanton und Gemeinden.
Der französischsprachigen Bevölkerung und dem Berner Jura werden besondere Rechte zugesichert. Deutsch und Französisch sind kantonale Amtssprachen. Im Berner Jura ist Französisch die Amtssprache, während im Verwaltungskreis Biel/Bienne beide Sprachen verwendet werden.
Die Verfassung stärkte die Stellung des Grossen Rates, regelte die Instrumente der direkten Demokratie neu und formulierte Staatsziele in Bereichen wie Umwelt, Bildung, Kultur und soziale Sicherheit.
Verwaltungsreform von 2010
Bis Ende 2009 war der Kanton in 26 Amtsbezirke gegliedert. Diese Einteilung ging teilweise auf die Verwaltungsorganisation des 19. Jahrhunderts und ältere Landvogteien zurück.
Am 1. Januar 2010 trat eine Reform der dezentralen kantonalen Verwaltung in Kraft. Der Kanton wurde in fünf Verwaltungsregionen und zehn Verwaltungskreise gegliedert.[12]
Die Verwaltungsregionen sind Berner Jura, Seeland, Bern-Mittelland, Emmental-Oberaargau und Oberland. Die Verwaltungskreise dienen unter anderem als Gebiete der Regierungsstatthalterämter und weiterer dezentraler kantonaler Stellen.
Die historischen Amtsbezirke verloren damit ihre Verwaltungsfunktion. Als historische und geografische Bezeichnungen werden viele ihrer Namen weiterhin verwendet.
Wirtschaftlicher Strukturwandel
Seit den 1970er Jahren veränderte sich die bernische Wirtschaft tiefgreifend. Traditionelle Industriebetriebe gerieten unter internationalen Wettbewerbsdruck. Besonders die Uhrenindustrie war von der Quarzkrise betroffen.
Biel und der Berner Jura konnten sich später als Standorte der hochwertigen Uhren-, Präzisions- und Medizintechnik neu positionieren. Im Raum Bern gewannen Verwaltung, Informatik, Telekommunikation, Gesundheit, Bildung und weitere Dienstleistungen an Bedeutung.
Im Oberland blieb der Tourismus ein wichtiger Wirtschaftszweig. Klimawandel, Schneesicherheit und die starke Abhängigkeit von internationalen Gästen stellen die Region vor neue Herausforderungen.
Die Landwirtschaft ist weiterhin für Landschaft, Siedlungsstruktur und regionale Identität bedeutsam, beschäftigt jedoch nur noch einen kleinen Teil der Bevölkerung. Viele Betriebe spezialisierten sich oder kombinierten Landwirtschaft mit Tourismus und weiteren Erwerbsformen.
Historische Identität
Die historische Identität des Kantons Bern ist stark von seiner regionalen Vielfalt geprägt. Das Emmental, das Oberaargau, das Seeland, der Berner Jura, das Mittelland und das Oberland besitzen ausgeprägte eigene Traditionen.
Der Berner Bär erinnert an die mittelalterliche Stadt und den späteren Stadtstaat. Gleichzeitig steht er heute für einen demokratischen und zweisprachigen Kanton, dessen Grenzen sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts mehrfach verändert haben.
Die Geschichte Berns umfasst sowohl den Aufbau eines leistungsfähigen Gemeinwesens als auch die jahrhundertelange politische Benachteiligung der Untertanengebiete. Die territoriale Expansion, die Reformation, die Revolution von 1798 und die Jurafrage werden deshalb aus unterschiedlichen regionalen Perspektiven bewertet.
Der Kanton verbindet heute die Rolle Berns als Bundesstadt mit ländlichen Räumen, alpinen Regionen, zweisprachigen Gebieten und international ausgerichteten Industriestandorten. Diese Vielfalt ist das Ergebnis seiner langen und konfliktreichen territorialen und politischen Entwicklung.
Siehe auch
- Kanton Bern
- Bern
- Geschichte der Stadt Bern
- Alte Eidgenossenschaft
- Schlacht bei Laupen
- Burgunderkriege
- Reformation in der Schweiz
- Schweizer Bauernkrieg
- Helvetische Republik
- Berner Aargau
- Geschichte des Kantons Waadt
- Jurafrage
- Kanton Jura
- Berner Jura
- Moutier
Literatur
- Richard Feller: Geschichte Berns. 4 Bände, Bern 1946–1960.
- Beat Junker, Christian Pfister: Geschichte des Kantons Bern seit 1798. 4 Bände, Historischer Verein des Kantons Bern, Bern 1982–1996.
- Ellen J. Beer, Norberto Gramaccini, Charlotte Gutscher-Schmid, Rainer C. Schwinges (Hrsg.): Berns grosse Zeit. Das 15. Jahrhundert neu entdeckt. Stämpfli, Bern 1999.
- Anne-Marie Dubler u. a.: Bern (Kanton). In: Historisches Lexikon der Schweiz.
- Staatsarchiv des Kantons Bern: Kurzbibliografie zur Berner Geschichte. Bern.
Weblinks
- Kanton Bern im Historischen Lexikon der Schweiz
- Staatsarchiv des Kantons Bern
- Kurzbibliografie zur Berner Geschichte
- Archäologischer Dienst des Kantons Bern
- Verfassung des Kantons Bern
- Geschichte der Entstehung des Kantons Jura
Einzelnachweise
- ↑ Bern (Kanton), in: Historisches Lexikon der Schweiz.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 Moutier dans la Question jurassienne, Republik und Kanton Jura.
- ↑ Bern, Engehalbinsel, Archäologischer Dienst des Kantons Bern.
- ↑ Studen/Petinesca, Jäissberg, Archäologischer Dienst des Kantons Bern.
- ↑ Eidgenossenschaft, in: Historisches Lexikon der Schweiz.
- ↑ Berner Aargau, in: Historisches Lexikon der Schweiz.
- ↑ 7,0 7,1 7,2 7,3 Historische Entwicklung des Verhältnisses zwischen Staat und Religion, Kanton Bern.
- ↑ Bestände des Staatsarchivs des Kantons Bern, Staatsarchiv des Kantons Bern.
- ↑ Les dates-clés de la République et Canton du Jura, Republik und Kanton Jura.
- ↑ Kantonswechsel Moutier, Kanton Bern.
- ↑ Verfassung des Kantons Bern vom 6. Juni 1993, Bernische Systematische Gesetzessammlung.
- ↑ Verwaltungskreise, Kanton Bern.
Wikimedia Commons: Medien zu Geschichte des Kantons Bern