Rütli

Aus Helvetia Wiki – Die Enzyklopädie der Schweiz
Version vom 23. Juli 2026, 13:11 Uhr von Nick Frei (Diskussion | Beiträge) (Die Seite wurde neu angelegt: «{| class="infobox" style="width:22em; float:right; clear:right; margin:0 0 1em 1em; border:1px solid #a2a9b1; border-collapse:collapse; background:#f8f9fa; font-size:90%; line-height:1.4;" |- ! colspan="2" style="padding:0.6em; background:#cfe8f3; text-align:center; font-size:125%;" | Rütli |- | colspan="2" style="padding:0.5em; text-align:center;" | frameless|300px|Blick auf die Rütliwiese |- ! style="text-align:left; padding:0.35em;…»)
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Rütli
Blick auf die Rütliwiese
Andere Bezeichnungen Rütliwiese, französisch und italienisch Grütli
Lage Am Westufer des Urnersees
Gemeinde Seelisberg
Kanton Uri
Höhe etwa 480 m ü. M.
Fläche 62'230 m²
Koordinaten 46° 58′ 8″ N, 8° 35′ 34″ E
Eigentümerin Schweizerische Eidgenossenschaft
Verwaltung Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft
Bedeutung Nationaler Erinnerungsort und symbolische «Wiege der Schweiz»

Das Rütli ist eine historisch und symbolisch bedeutende Bergwiese am Westufer des Urnersees, des südöstlichen Arms des Vierwaldstättersees. Es liegt auf dem Gebiet der Gemeinde Seelisberg im Kanton Uri und gilt in der schweizerischen Erinnerungskultur als «Wiege der Eidgenossenschaft».

Der Überlieferung zufolge trafen sich auf dem Rütli Vertreter der drei Waldstätten Uri, Schwyz und Unterwalden, um sich im Rütlischwur gegenseitige Hilfe und Widerstand gegen ungerechte Herrschaft zu versprechen. Dieser Vorgang ist historisch nicht nachweisbar und gehört zur spätmittelalterlichen Befreiungstradition. Die Vorstellung vom Rütli als Gründungsort der Eidgenossenschaft entfaltete jedoch seit dem 18. und besonders im 19. Jahrhundert eine ausserordentliche politische und kulturelle Wirkung.

Das rund 62'230 Quadratmeter grosse Gelände befindet sich im Eigentum der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Es wird seit 1860 im Auftrag des Bundes von der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft verwaltet. Trotz seiner hohen symbolischen Bedeutung ist das Rütli bewusst schlicht geblieben. Auf der Wiese stehen weder ein monumentales Nationaldenkmal noch repräsentative Staatsbauten.[1]

Name

Der Name Rütli bedeutet sinngemäss «kleine Rodung». Er gehört zur schweizerdeutschen Namengruppe Rüti, Rütti, Grüt und Rüet, die auf das mittelhochdeutsche Verb riuten für «roden» zurückgeht. Der Name erinnert somit daran, dass die Wiese durch die Rodung eines zuvor bewaldeten Geländes entstanden ist.

Im um 1470 verfassten Weissen Buch von Sarnen erscheint die Form im rüdlin. Die Bezeichnung Rütliwiese wird häufig verwendet, um den Ort deutlicher als Wiesenlandschaft zu kennzeichnen. Im engeren Sinn bezeichnet sie die offene, vergleichsweise flache Fläche mit dem Fahnenmast und der Schweizer Fahne.

Im Französischen und Italienischen ist die Form Grütli üblich. Sie findet sich auch im Namen des auf dem Gelände eingerichteten Musée Grütli. Die rätoromanische Bezeichnung lautet ebenfalls meist Grütli.

Lage und Landschaft

Das Rütli liegt unterhalb des Dorfes Seelisberg an einem bewaldeten Steilhang, der zum Urnersee abfällt. Die Wiese befindet sich ungefähr auf 480 Metern über Meer und liegt damit rund 45 Meter über dem Seespiegel. Von der offenen Fläche reicht der Blick über den Urnersee zu den Bergen der Zentralschweiz.

Das Gelände umfasst Wiesen, Weiden, Waldflächen, Obstbäume, Wege und mehrere Gebäude. Die eigentliche Rütliwiese bildet nur einen Teil des gesamten Rütliareals. Der Ort ist nicht durch eine öffentliche Strasse erschlossen. Er kann mit dem Schiff oder zu Fuss von Seelisberg und den benachbarten Uferorten erreicht werden.

Die Abgeschiedenheit des Rütli trug wesentlich zu seiner symbolischen Deutung bei. In der Gründungserzählung bot der von Bergen und See umgebene Ort den Verschwörern einen geschützten Treffpunkt. In der späteren Erinnerungskultur wurde die Landschaft als Ausdruck schweizerischer Einfachheit, Freiheit und Naturverbundenheit verstanden.

Das Rütli ist zugleich ein landwirtschaftlich genutztes Gelände. Die offene Wiese wird gepflegt und teilweise beweidet. Dadurch ist der Ort nicht nur eine nationale Gedenkstätte, sondern weiterhin eine lebendige Kulturlandschaft.

Rütlischwur

Hauptartikel: Rütlischwur

Der Überlieferung zufolge kamen Abgesandte aus Uri, Schwyz und Unterwalden heimlich auf dem Rütli zusammen. Sie sollen geschworen haben, einander gegen fremde Richter und ungerechte Vögte beizustehen. Als Teilnehmer werden traditionell Walter Fürst aus Uri, Werner Stauffacher aus Schwyz und Arnold von Melchtal aus Unterwalden genannt.

Eine zeitgenössische Quelle für diese Zusammenkunft existiert nicht. Der Rütlischwur wird weder im Bundesbrief von 1291 noch in anderen Dokumenten aus der Zeit um 1300 erwähnt. Der Bundesbrief wurde zudem nicht auf dem Rütli ausgestellt und enthält keinen Hinweis auf eine feierliche Beschwörung auf der Wiese.

Die Erzählung vom geheimen Treffen auf dem Rütli erscheint erstmals im Weissen Buch von Sarnen. Dieses wurde um 1470 vom Obwaldner Landschreiber Hans Schriber zusammengestellt. Darin sind verschiedene Elemente der schweizerischen Befreiungstradition miteinander verbunden: die Gewaltherrschaft der Vögte, die Verschwörung der Waldstätten, die Geschichte Wilhelm Tells und der gemeinsame Aufstand.

Der Chronist Aegidius Tschudi nahm die Erzählung im 16. Jahrhundert in sein Chronicon Helveticum auf und ergänzte sie um Namen, Daten und Einzelheiten. Er datierte den Rütlischwur auf den Mittwoch vor dem Martinstag des Jahres 1307, den 8. November. Diese Datierung prägte die schweizerische Geschichtsschreibung bis ins 19. Jahrhundert.

Erst im Umfeld der Bundesfeier von 1891 wurde der Rütlischwur eng mit dem Bundesbrief vom August 1291 verknüpft. In der populären Vorstellung verschmolzen der Schwur, der Bundesbrief und die Tellgeschichte zu einer gemeinsamen Gründungserzählung. Die historische Forschung unterscheidet dagegen klar zwischen dem nachweisbaren Bündnis von 1291 und der später entstandenen Befreiungslegende.[2]

Entwicklung zum nationalen Erinnerungsort

Frühe politische Versammlungen

Obwohl der Rütlischwur historisch nicht belegt ist, wurde das Rütli bereits in der frühen Neuzeit als politischer Erinnerungsort wahrgenommen. Vertreter der Innerschweizer Orte nutzten die Wiese gelegentlich für Versammlungen und symbolische Zusammenkünfte.

Im Jahr 1674 wurde auf dem Rütli eine Landsgemeinde abgehalten, als sich Uri in einer inneren Krise befand und gleichzeitig die eidgenössischen Grenzen bei Basel bedroht erschienen. Nach Streitigkeiten zwischen Uri, Schwyz und Nidwalden über die Verwaltung der gemeinen Herrschaften im Tessin schlug Uri 1704 regelmässige Zusammenkünfte auf dem Rütli vor.

Nach dem Zweiten Villmergerkrieg von 1712 versammelten sich Vertreter der katholischen Innerschweiz erneut auf der Wiese. Während der politischen Umwälzungen am Ende des 18. Jahrhunderts wurde das Rütli sowohl von Anhängern der alten Ordnung als auch von Vertretern der Helvetischen Republik als patriotischer Ort beansprucht.

Aufklärung und Romantik

Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde das Rütli zunehmend als gesamtschweizerisches Symbol der Freiheit verstanden. Aufklärerische Schriftsteller und patriotische Gesellschaften betrachteten die Gründungserzählung nicht mehr ausschliesslich als Geschichte der drei Waldstätten, sondern als gemeinsames Erbe der Schweiz.

Mehrfach wurden Pläne für ein Freiheits- oder Nationaldenkmal auf dem Rütli vorgelegt. Solche Projekte scheiterten jedoch an politischen Vorbehalten, an den Kosten oder am Wunsch, die natürliche Einfachheit der Landschaft zu bewahren.

Von grosser Bedeutung war das 1804 uraufgeführte Drama Wilhelm Tell von Friedrich Schiller. Schiller selbst hatte die Schweiz nie besucht. Er stützte sich unter anderem auf die Chronik Tschudis und machte den Rütlischwur zu einer der bekanntesten Szenen seines Werkes. Die dort gesprochenen Verse über Freiheit, Gemeinschaft und Widerstand prägten das Bild des Rütli weit über die Schweiz hinaus.

Die 1829 in Paris uraufgeführte Oper Guillaume Tell von Gioachino Rossini trug zusätzlich zur internationalen Verbreitung der Tell- und Rütlierzählung bei. Der Stoff galt in mehreren europäischen Monarchien als politisch brisant, weshalb einzelne Aufführungen nur mit verändertem Titel oder verlegtem Schauplatz zugelassen wurden.

Um 1820 entstand das Rütlilied. Den Text schrieb der Luzerner Johann Georg Krauer, die Melodie komponierte Franz Josef Greith. Das Lied beginnt mit den Worten «Von ferne sei herzlich gegrüsset, du stilles Gelände am See» und entwickelte sich zu einem der bekanntesten patriotischen Lieder der Schweiz.

Erwerb durch die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft

Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts befand sich das Rütli in Privatbesitz. In den 1850er-Jahren bestanden Pläne, auf der Wiese ein Hotel oder andere touristische Anlagen zu errichten. Mitglieder der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft beschlossen deshalb, das Gelände zu erwerben und vor einer Überbauung zu bewahren.

Die Gesellschaft organisierte 1859 eine landesweite Sammlung, die als Rütlikollekte bekannt wurde. Mit den gesammelten Mitteln kaufte sie das Rütliareal. Der Erwerb hatte neben dem Landschaftsschutz auch eine politische Bedeutung. Nach dem Sonderbundskrieg von 1847 und der Gründung des schweizerischen Bundesstaates von 1848 sollte das Rütli zu einem Symbol der Versöhnung zwischen den liberalen und den konservativ-katholischen Kantonen werden.

Am 2. Juli 1860 schenkte die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft das Gelände der Schweizerischen Eidgenossenschaft als unveräusserliches Nationaleigentum. Gleichzeitig behielt sie im Auftrag des Bundes die Verwaltung des Areals. Diese Aufgabe wird bis heute von der Gesellschaft beziehungsweise ihrer Rütlikommission wahrgenommen.[1]

Nach der Übergabe an den Bund wurden Wege angelegt, Waldpartien gepflegt und die Schiffsanlegestelle verbessert. Die Gestaltung sollte Besucherinnen und Besuchern den Zugang erleichtern, ohne die einfache landschaftliche Erscheinung des Ortes grundlegend zu verändern.

Der bayerische König Ludwig II., ein Bewunderer von Schillers Wilhelm Tell, besuchte die Gegend 1865. Er erwog zeitweise, das Rütli zu erwerben und dort ein Schloss zu errichten. Da die Wiese inzwischen Nationaleigentum war, konnte dieses Vorhaben nicht verwirklicht werden.

Rütlihaus und Schwurplatz

Das Rütlihaus wurde 1868 und 1869 nach Plänen des Schwyzer Architekten Johann Meier errichtet. Der Holzbau orientiert sich an der Form eines traditionellen Urner Bauernhauses. Er diente von Anfang an der Bewirtung der Besucher und beherbergt heute ein Restaurant mit Gaststuben und einer Terrasse über dem Urnersee.[3]

Das Rütlihaus ist als Kulturgut von nationaler Bedeutung eingestuft. Zusammen mit der Wiese, dem Schwurplatz, der Schiffstation und den landwirtschaftlichen Gebäuden bildet es ein kulturhistorisch bedeutendes Ensemble.

Als Schwurplatz wird die Stelle bezeichnet, an der die drei Vertreter der Waldstätten der Legende nach ihren Eid geleistet haben sollen. Dort befindet sich der Dreiländerbrunnen. Drei Wasserstrahlen beziehungsweise Quellen symbolisieren Uri, Schwyz und Unterwalden. Die Brunnenanlage wurde im 19. Jahrhundert mehrfach umgestaltet.

Auf der offenen Wiesenfläche steht ein hoher Fahnenmast mit der Schweizer Fahne. Die bewusste Zurückhaltung der Gestaltung unterscheidet das Rütli von monumentalen Nationaldenkmälern anderer Staaten. Die Wiese selbst, ihre Lage und die mit ihr verbundenen Erzählungen bilden das eigentliche Denkmal.

Rütlirapport von 1940

Hauptartikel: Rütlirapport

Eine zentrale Rolle in der neueren Geschichte des Ortes spielte der Rütlirapport vom 25. Juli 1940. Nach der militärischen Niederlage Frankreichs war die Schweiz fast vollständig von den Achsenmächten und den von ihnen kontrollierten Gebieten umgeben. In der Bevölkerung und in der Armee herrschte grosse Unsicherheit über die weitere Verteidigungsstrategie.

General Henri Guisan liess rund 500 höhere Offiziere der Schweizer Armee mit Schiffen auf das Rütli bringen. Die Wahl des Ortes sollte den Willen zur Unabhängigkeit und zum militärischen Widerstand unterstreichen.

Guisan informierte die Offiziere über die Konzentration der Landesverteidigung auf den Alpenraum, die später als Réduitstrategie bekannt wurde. Der Rütlirapport wurde in der Nachkriegszeit zu einem der wichtigsten Symbole für den schweizerischen Widerstandswillen während des Zweiten Weltkriegs.[4]

Die historische Forschung beurteilt die militärische und politische Bedeutung des Rapports differenziert. Unbestritten ist jedoch seine ausserordentliche Wirkung auf die schweizerische Erinnerungskultur. Durch die Verbindung mit dem mythischen Gründungsort erhielt die militärische Botschaft eine starke symbolische Aufladung.

Bundesfeier

Das Rütli gehört zu den bekanntesten Schauplätzen der Bundesfeier am 1. August. Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft organisiert dort eine nationale Feier mit Reden, musikalischen Beiträgen und jährlich wechselnden gesellschaftlichen Themen.

Die Bundesfeier auf dem Rütli ist keine Sitzung einer eidgenössischen Behörde und stellt auch nicht die einzige offizielle Nationalfeier der Schweiz dar. Ihre besondere öffentliche Aufmerksamkeit beruht auf der symbolischen Bedeutung des Ortes. Regelmässig nehmen Mitglieder des Bundesrates, Vertreterinnen und Vertreter der Kantone sowie Gäste aus dem gesellschaftlichen und kulturellen Leben teil.

Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts wurde die Feier mehrfach von politischen Auseinandersetzungen begleitet. Im Jahr 2000 störten Rechtsextreme die Rede von Bundesrat Kaspar Villiger. In den folgenden Jahren wurden die Sicherheitsmassnahmen verstärkt und der Zugang zu einzelnen Feiern beschränkt.

Bei der Bundesfeier 2007 trat mit Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey eine Frau als Hauptrednerin auf. Nach dem offiziellen Programm explodierte ein in der Wiese verborgener Sprengkörper; verletzt wurde niemand. Das Ereignis verstärkte die Diskussion darüber, wie der nationale Erinnerungsort vor Gewalt und parteipolitischer Vereinnahmung geschützt werden könne.

Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft versteht das Rütli heute als offenen Ort der Begegnung, des Dialogs und des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Politische Veranstaltungen sind möglich, dürfen den Ort jedoch nicht für diskriminierende, gewalttätige oder ausschliesslich parteipolitische Zwecke instrumentalisieren.

Rütlischiessen

Seit 1862 findet auf dem Rütli das traditionelle Rütlischiessen statt. Es wird gewöhnlich im November durchgeführt und bringt Schützinnen und Schützen aus verschiedenen Landesteilen zusammen.

Das historische Schützenfest entstand auf Anregung der Luzerner Offiziersgesellschaft. Es verbindet sportliches Schiessen mit militärischer Tradition und patriotischem Gedenken. Anders als bei modernen Schiesssportanlagen wird auf dem Rütli unter einfachen Bedingungen im Gelände geschossen.

Das Rütlischiessen entwickelte sich zu einer der beständigsten regelmässigen Veranstaltungen auf der Wiese. Neben dem historischen Anlass für Gewehrschützen wird auch ein Pistolen-Rütlischiessen durchgeführt.

Musée Grütli

Seit 2018 befindet sich in einer Scheune am Weg zwischen der Schiffsanlegestelle und der Rütliwiese das Musée Grütli. Das Museum verfügt über eine Ausstellungsfläche von rund 80 Quadratmetern und bezeichnet sich als kleinstes Museum der Schweiz.

Die Ausstellungen wechseln in mehrjährigen Abständen und behandeln gesellschaftliche, politische und kulturelle Themen. Das Museum soll das Rütli nicht nur als Ort einer Gründungserzählung darstellen, sondern zur Auseinandersetzung mit der modernen, vielfältigen und demokratischen Schweiz anregen.[5]

Die Präsentationen richten sich besonders an Schulklassen, Familien und Wandergruppen. Interaktive und multimediale Elemente ergänzen die Informationen über die Geschichte der Wiese und die Entwicklung des schweizerischen Staatswesens.

Tourismus und Erschliessung

Das Rütli wird jährlich von mehr als 100'000 Menschen besucht. Zu den Gästen gehören Schulklassen, Wandernde, Reisegruppen, Staatsgäste sowie Besucherinnen und Besucher aus dem In- und Ausland.[6]

Die einfachste Anreise erfolgt mit dem Schiff. Die Kursschiffe der Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees bedienen die Station Rütli. Besonders kurz ist die Überfahrt von Brunnen. Vom Schiffsteg führt ein ansteigender Weg durch den Wald an landwirtschaftlichen Gebäuden und dem Musée Grütli vorbei zur Wiese.

Zu Fuss kann das Rütli unter anderem von Seelisberg erreicht werden. Die Wege weisen teilweise starke Steigungen auf. Die Gemeinde Seelisberg beschreibt einen rund 6,3 Kilometer langen Rundweg, der durch Wald und Naturwiesen zum historischen Gelände führt.[7]

Das Rütli bildet den Ausgangspunkt des Wegs der Schweiz. Der Wanderweg wurde zur 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft von 1991 angelegt und führt rund um den Urnersee bis nach Brunnen. Jeder Kanton gestaltete einen Abschnitt, dessen Länge sich nach der damaligen Bevölkerungszahl richtete.

Auf dem Gelände befinden sich das Restaurant Rütlihaus, Picknickmöglichkeiten und öffentliche Aufenthaltsbereiche. Die Wiese ist grundsätzlich frei zugänglich. Für grössere Veranstaltungen gelten besondere Benutzungsregeln, damit der historische Ort, die Landwirtschaft und die natürliche Umgebung geschützt werden.

Staatsbesuche und politische Symbolik

Das Rütli wurde wiederholt von ausländischen Staatsoberhäuptern und bekannten Persönlichkeiten besucht. Im Jahr 1980 hielt sich die britische Königin Elisabeth II. während ihres Staatsbesuchs in der Schweiz auf der Wiese auf. 2001 besuchte der tschechische Präsident und frühere Bürgerrechtler Václav Havel den Ort zusammen mit Bundespräsident Moritz Leuenberger.

Havel würdigte das Rütli als Symbol eines auf Verträgen, Gleichberechtigung und dem Willen kleiner politischer Gemeinschaften beruhenden Staatswesens. Sein Besuch verdeutlichte, dass die Bedeutung des Ortes über die schweizerische Nationalgeschichte hinaus mit allgemeinen Vorstellungen von Freiheit, Föderalismus und friedlicher Zusammenarbeit verbunden wird.

Die politische Deutung des Rütli war jedoch nie einheitlich. Konservative, liberale, sozialdemokratische, pazifistische, feministische und separatistische Bewegungen bezogen sich zu unterschiedlichen Zeiten auf den Ort. Im April 1968 hissten jurassische Separatisten auf der Wiese die Fahne des später gegründeten Kantons Jura. In der Nacht zum 1. August 1996 ersetzten Freiburger Studenten die Schweizer Fahne vorübergehend durch eine Europafahne.

Diese unterschiedlichen Aneignungen zeigen, dass das Rütli nicht nur ein historischer Ort, sondern auch eine politische Projektionsfläche ist. Begriffe wie «Rütligeist» oder «Geist des Rütli» wurden für sehr verschiedene Vorstellungen von Freiheit, Unabhängigkeit, Solidarität, Neutralität und nationalem Zusammenhalt verwendet.

Darstellung in Kunst und Kultur

Der Rütlischwur gehört zu den am häufigsten dargestellten Szenen der Schweizer Geschichte. Seit dem 16. Jahrhundert erschien er auf Wandmalereien, Glasscheiben, Ofenkacheln, Medaillen, Schulbildern, Postkarten und Briefmarken.

Besonders einflussreich waren die Darstellungen des 19. Jahrhunderts. Sie verbanden die drei Schwörenden meist mit einer idealisierten Alpenlandschaft, dem nächtlichen Himmel und dem erhobenen Schwurfinger. Dadurch wurde das Rütli zu einem leicht erkennbaren Bildzeichen für die Entstehung der Schweiz.

Im Bundeshaus in Bern erinnert das monumentale Wandgemälde Die Wiege der Eidgenossenschaft von Charles Giron an die Gründungslandschaft. Es befindet sich im Nationalratssaal und zeigt den Urnersee mit dem Rütli im Hintergrund. Das eigentliche Zentrum des Gemäldes bildet nicht eine Person, sondern die Landschaft selbst.

Schillers Wilhelm Tell, Rossinis Oper Guillaume Tell und das Rütlilied trugen entscheidend dazu bei, den Ort im kulturellen Gedächtnis Europas zu verankern. Dabei wurde die literarische und symbolische Wirkung des Rütli wesentlich bedeutender als die Frage, ob auf der Wiese tatsächlich ein historischer Schwur stattgefunden hat.

Bedeutung

Das Rütli gilt als wichtigster nationaler Erinnerungsort der Schweiz. Seine Bedeutung beruht nicht auf einem eindeutig nachweisbaren historischen Einzelereignis, sondern auf der Wirkung einer über Jahrhunderte entwickelten Erzählung.

Der Ort verbindet mehrere Ebenen schweizerischer Geschichte: die spätmittelalterliche Befreiungstradition, die Erinnerung an die Alte Eidgenossenschaft, die nationale Identitätsbildung des 19. Jahrhunderts, die Versöhnung nach dem Sonderbundskrieg, den Widerstandswillen im Zweiten Weltkrieg und die gegenwärtige Diskussion über Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Charakteristisch ist der Gegensatz zwischen der grossen symbolischen Bedeutung und der äusseren Schlichtheit des Ortes. Das Rütli ist ein Nationaldenkmal ohne monumentalen Bau. Die Wiese, der Blick über den See, der Fahnenmast, der Schwurplatz und das Rütlihaus bilden gemeinsam eine bewusst zurückhaltende Erinnerungslandschaft.

Diese Einfachheit ermöglicht unterschiedliche Deutungen. Für manche Menschen steht das Rütli vor allem für nationale Unabhängigkeit, für andere für den freiwilligen Zusammenschluss gleichberechtigter Gemeinwesen, für direkte Demokratie, Föderalismus, Freiheit oder Verantwortung. Die fortdauernden Debatten über die Nutzung des Ortes sind deshalb selbst ein Teil seiner Geschichte.

Literatur

  • Georg Kreis: Mythos Rütli. Geschichte eines Erinnerungsortes. Orell Füssli, Zürich 2004, ISBN 3-280-06042-7.
  • Guy P. Marchal: Schweizer Gebrauchsgeschichte. Geschichtsbilder, Mythenbildung und nationale Identität. Schwabe, Basel 2006, ISBN 3-7965-2242-4.
  • Jean-Jacques Langendorf: General Guisan und der Rütlirapport. 25. Juli 1940. Verlag Merker im Effingerhof, Lenzburg 2015, ISBN 978-3-85648-146-1.
  • Thomas Maissen: Geschichte der Schweiz. Hier und Jetzt, Baden 2010, ISBN 978-3-03919-174-1.
  • Georg Kreis: Schweizer Erinnerungsorte. Aus dem Speicher der Swissness. NZZ Libro, Zürich 2010, ISBN 978-3-03823-591-0.

Siehe auch

Einzelnachweise