Geschichte des Kantons Wallis

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Geschichte des Kantons Wallis
Historische Namen Vallis Poenina, Grafschaft Wallis, Republik der sieben Zenden, Republik Wallis
Hauptort Sitten
Römische Eroberung 15 v. Chr.
Römische Provinz Vallis Poenina, ab dem 1. Jahrhundert n. Chr.
Übertragung der Grafschaftsrechte 999 an den Bischof von Sitten
Eroberung des Unterwallis 1475–1476 und 1536
Republik der sieben Zenden hauptsächlich 17. und 18. Jahrhundert
Helvetische Republik 1798–1802
Republik Wallis 1802–1810
Département du Simplon 1810–1813
Beitritt zur Eidgenossenschaft 4. August 1815
Sonderbundskrieg 1847
Geltende Kantonsverfassung seit 2. Juni 1907

Die Geschichte des Kantons Wallis umfasst die Entwicklung des oberen Rhonetals und seiner Seitentäler von den frühesten menschlichen Siedlungen bis zum heutigen Kanton Wallis. Aufgrund seiner Lage zwischen dem schweizerischen Mittelland, Norditalien, Savoyen und dem Genferseeraum war das Wallis seit der Antike ein bedeutender alpiner Verkehrsraum. Pässe wie der Grosse Sankt Bernhard, der Simplonpass, die Gemmi, der Furka- und der Grimselpass verbanden das Tal mit benachbarten Regionen und beeinflussten seine politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung.

Aus der römischen Provinz Vallis Poenina entstand im Mittelalter eine von verschiedenen geistlichen und weltlichen Mächten beherrschte Landschaft. Seit 999 verfügte der Bischof von Sitten über Grafschaftsrechte. Im Spätmittelalter gewannen die Gemeinden und Bezirke des Oberwallis, die sogenannten Zenden, zunehmend politischen Einfluss. Sie eroberten während der Burgunderkriege das savoyische Unterwallis und entwickelten sich im 17. Jahrhundert zur vorherrschenden Kraft der Republik der sieben Zenden.

Das Verhältnis zwischen dem deutschsprachigen Oberwallis und dem überwiegend französischsprachigen Unterwallis blieb über Jahrhunderte von politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ungleichheiten geprägt. Erst die Revolution von 1798 beendete die Untertanenstellung des Unterwallis. Nach der Helvetischen Republik, einer kurzlebigen selbstständigen Republik und der Eingliederung in das französische Kaiserreich trat das Wallis 1815 als Kanton der Schweizerischen Eidgenossenschaft bei.[1]

Name und geografischer Raum

Der Name Wallis geht auf das lateinische Wort vallis für Tal zurück. In römischer Zeit wurde das Gebiet als Vallis Poenina, später auch als Vallis Vallensium, bezeichnet. Daraus entwickelten sich die deutschen Formen Wallis und Wallisland sowie die französische Bezeichnung Valais.

Der historische Raum des Wallis umfasst das Tal der Rhone von ihren Quellen im Goms bis zum Genfersee sowie zahlreiche Seitentäler. Die heutige Kantonsgrenze stimmt nicht vollständig mit den mittelalterlichen Herrschafts- und Diözesangrenzen überein. Teile des Chablais gehörten zeitweise zu Savoyen, andere Gebiete standen unter der Herrschaft der Abtei Saint-Maurice oder lokaler Adelsfamilien.

Die traditionelle Einteilung unterscheidet drei Regionen:

  • das deutschsprachige Oberwallis östlich der Sprachgrenze bei Siders;
  • das französischsprachige Mittelwallis zwischen Siders und etwa Martinach;
  • das französischsprachige Unterwallis zwischen Martinach und dem Genfersee.

Die Rhone, im Oberwallis häufig Rotten genannt, bildet die natürliche Längsachse des Kantons. Über Jahrhunderte war die Talebene wegen Überschwemmungen, Sümpfen und Krankheiten nur teilweise nutzbar. Die meisten Siedlungen lagen deshalb auf Schwemmkegeln, Terrassen und sonnenexponierten Hängen.

Urgeschichte

Früheste Besiedlung

Die ältesten bekannten Spuren menschlicher Anwesenheit im Wallis reichen bis in die Altsteinzeit zurück. Nach dem Rückzug der Gletscher nutzten Jäger und Sammler das Rhonetal und seine Seitentäler saisonal. Fundplätze belegen, dass Menschen bereits mehrere Jahrtausende vor der Sesshaftwerdung über alpine Übergänge zogen.

Seit dem 6. Jahrtausend v. Chr. entstanden dauerhaftere Siedlungen. Die Bewohner betrieben Ackerbau und Viehzucht, stellten Keramik her und pflegten Kontakte zu Gemeinschaften südlich und nördlich der Alpen. Das Wallis war damit schon früh in weiträumige Austauschsysteme eingebunden.

Besonders bedeutende jungsteinzeitliche Funde stammen aus der Umgebung von Sitten. Dort wurden Gräberfelder, Siedlungsreste, Menhire und Steinkisten entdeckt. Die Nekropolen von Petit-Chasseur gehören zu den wichtigsten prähistorischen Fundkomplexen der Schweiz. Die reich verzierten anthropomorphen Stelen geben Hinweise auf religiöse Vorstellungen, gesellschaftliche Unterschiede und weitreichende kulturelle Beziehungen.

Bronzezeit

Während der Bronzezeit nahm die Besiedlung des Haupttals und der Seitentäler zu. Kupfer wurde in verschiedenen Regionen des Wallis abgebaut und verarbeitet. Die Herstellung von Waffen, Werkzeugen und Schmuck förderte den Handel über die Alpenpässe.

Dörfer entstanden auf gut geschützten Geländeterrassen und Anhöhen. Landwirtschaft, Viehzucht und Alpwirtschaft wurden intensiver betrieben. Die saisonale Nutzung höher gelegener Weideflächen bildete eine Grundlage der späteren alpinen Wirtschaftsweise.

Grabfunde aus dieser Zeit zeigen Unterschiede in Besitz und sozialem Rang. Schmuck, Waffen und importierte Gegenstände weisen auf Beziehungen zum schweizerischen Mittelland, zu Oberitalien, Savoyen und dem Rhoneraum hin.

Eisenzeit und keltische Stämme

In der Eisenzeit lebten im Wallis mehrere keltische Bevölkerungsgruppen. Römische Quellen nennen vier Stämme:

  • die Nantuaten im Unterwallis;
  • die Veragrer im Raum Martinach;
  • die Seduner im Mittelwallis um Sitten;
  • die Uberer im Oberwallis.

Diese Gruppen bildeten keine einheitliche staatliche Organisation. Sie kontrollierten jedoch wichtige Abschnitte des Rhonetals und der Alpenübergänge. Besonders der Grosse Sankt Bernhard war für Handel, militärische Bewegungen und kulturellen Austausch von Bedeutung.[2]

Im Jahr 57 v. Chr. versuchte der römische Heerführer Servius Sulpicius Galba, den Weg über den Grossen Sankt Bernhard zu sichern. Bei Octodurus, dem heutigen Martinach, kam es zu einer Schlacht mit den Veragrern und ihren Verbündeten. Obwohl die Römer das Gefecht für sich entschieden, mussten sie sich vorübergehend aus dem Tal zurückziehen.

Römische Zeit

Eroberung und Provinzbildung

Im Jahr 15 v. Chr. eroberten römische Truppen unter Kaiser Augustus die zentralen Alpen. Das Wallis wurde zunächst militärisch verwaltet und später als Vallis Poenina einer zivilen Provinzverwaltung unterstellt.

Unter Kaiser Claudius wurden die vier Walliser Stämme im 1. Jahrhundert n. Chr. zur civitas Vallensium zusammengeschlossen. Als Hauptort entstand bei Octodurus die Stadt Forum Claudii Vallensium, das heutige Martinach. Die Bewohner erhielten das latinische Bürgerrecht.[2]

Die Provinz wurde zeitweise gemeinsam mit den Alpes Graiae verwaltet. Ihre strategische Bedeutung beruhte insbesondere auf den Übergängen über den Grossen und Kleinen Sankt Bernhard. Militär, Beamte, Kaufleute und Reisende nutzten die ausgebauten Passstrassen.

Forum Claudii Vallensium

Das römische Martinach war das politische, wirtschaftliche und religiöse Zentrum des Wallis. Die Stadt besass ein Forum, eine Basilika, Thermenanlagen, Tempel, Wohnquartiere und ein Amphitheater.

Das rechtwinklige Strassennetz und die öffentlichen Bauten entsprachen römischen Stadtvorstellungen. In der Umgebung entstanden Gutshöfe, Werkstätten und landwirtschaftliche Betriebe. Weinbau, Viehzucht, Handel und Transportwesen profitierten von der Einbindung in das Römische Reich.

Archäologische Funde belegen eine intensive Romanisierung. Lateinische Inschriften, Münzen, Keramik und Kunstgegenstände zeigen, dass zumindest Teile der Bevölkerung römische Lebensformen übernahmen. Die einheimischen keltischen Traditionen verschwanden jedoch nicht vollständig.

Verkehrswege und Alpenpässe

Der wichtigste Verkehrsweg führte über den Grossen Sankt Bernhard. Auf der Passhöhe befand sich ein Heiligtum des keltischen Gottes Poeninus, der von den Römern mit Jupiter gleichgesetzt wurde. Der Pass erhielt deshalb den Namen Mons Iovis.

Weitere Wege führten über den Simplon, die Gemmi, den Albrun, den Furka- und den Grimselpass. Nicht alle besassen den gleichen Ausbaugrad wie die Route über den Grossen Sankt Bernhard, doch sie ermöglichten lokale und regionale Verbindungen.

Die römische Verwaltung unterhielt Strassenstationen, Brücken und Unterkunftsmöglichkeiten. Der Transport von Waren, Wein, Salz, Metallen, Vieh und militärischem Material wurde dadurch erleichtert.

Christianisierung

Das Christentum verbreitete sich im Wallis spätestens während des 4. Jahrhunderts. Im Jahr 381 wird Theodul als erster historisch nachweisbarer Bischof genannt. Der Bischofssitz befand sich zunächst wahrscheinlich in Octodurus.

Mit der Region von Agaunum, dem heutigen Saint-Maurice, ist die Legende der Thebäischen Legion verbunden. Der Überlieferung zufolge wurden der Offizier Mauritius und seine christlichen Soldaten dort wegen der Verweigerung eines kaiserlichen Befehls hingerichtet.

Historische Einzelheiten der Erzählung sind umstritten. Der Kult des heiligen Mauritius entwickelte sich jedoch bereits in der Spätantike und machte Agaunum zu einem bedeutenden Pilgerort.

Burgunder und Franken

Im 5. Jahrhundert gelangte das Wallis unter die Herrschaft der Burgunder. Diese hatten sich im Gebiet der heutigen Westschweiz und Ostfrankreichs niedergelassen und übernahmen zahlreiche römische Verwaltungs- und Kulturtraditionen.

Der burgundische Prinz und spätere König Sigismund gründete 515 die Abtei Saint-Maurice. Sie wurde am Grab der Märtyrer der Thebäischen Legion errichtet und mit umfangreichen Gütern ausgestattet. Die Abtei zählt zu den ältesten ohne längere Unterbrechung bestehenden Klostergemeinschaften des Abendlandes.[3]

Nach der Eroberung des Burgunderreichs durch die Franken im Jahr 534 wurde das Wallis Teil des Frankenreichs. Im Jahr 574 versuchten die Langobarden, über die Alpen in das Tal einzudringen, wurden jedoch zurückgeschlagen.

Der Bischofssitz wurde wahrscheinlich gegen Ende des 6. Jahrhunderts von Octodurus nach Sitten verlegt. Gründe waren möglicherweise Überschwemmungen, die unsichere Lage von Martinach und die besser geschützten Hügel von Valeria und Tourbillon.

Früh- und Hochmittelalter

Königreich Burgund

Nach den Teilungen des Frankenreichs gehörte das Wallis wechselnden Herrschaftsgebieten an. Seit dem 9. Jahrhundert war es Teil des Königreichs Hochburgund. Sitten entwickelte sich zum kirchlichen und politischen Mittelpunkt des Tals.

Im Jahr 999 übertrug König Rudolf III. von Burgund dem Bischof Hugo von Sitten die Grafschaftsrechte im Wallis. Der Bischof erhielt damit nicht nur geistliche, sondern auch bedeutende weltliche Befugnisse.[4]

Nach dem Tod Rudolfs III. wurde das Königreich Burgund 1032 in das Heilige Römische Reich eingegliedert. Der Bischof von Sitten galt fortan als Reichsfürst, auch wenn seine tatsächliche Herrschaft durch lokale Adelige, Savoyen, Klöster und Talgemeinden eingeschränkt wurde.

Bischöfliche Herrschaft

Der Bischof war der grösste Grundherr und oberste Richter der Grafschaft. Er verfügte über Burgen, Höfe, Zölle, Märkte und verschiedene Herrschaftsrechte. Seine wichtigsten Residenzen befanden sich in Sitten auf den Hügeln von Valeria, Tourbillon und Majoria.

Die bischöfliche Herrschaft war nie vollständig geschlossen. Die Abtei Saint-Maurice besass umfangreiche Gebiete im Unterwallis, während zahlreiche Adelsfamilien eigene Herrschaften ausübten. Dazu gehörten unter anderem die Familien von Raron, von Turn, von La Tour-Châtillon und von Ayent.

Die Erblichkeit lokaler Ämter schwächte die Kontrolle des Bischofs. Meier, Viztume und Kastlane übten die Gerichtsbarkeit häufig wie eigenen Besitz aus. Daraus entstanden langwierige Konflikte zwischen Bischof, Adel und Gemeinden.

Einfluss Savoyens

Das Haus Savoyen weitete seit dem 11. Jahrhundert seine Macht im Chablais und im Unterwallis aus. Die Grafen kontrollierten wichtige Burgen, Strassen und Übergänge und übten zeitweise Einfluss auf die Wahl der Bischöfe von Sitten aus.

Im 13. Jahrhundert musste der Bischof die savoyische Oberhoheit über verschiedene weltliche Rechte anerkennen. Savoyen beherrschte grosse Teile des Unterwallis und drang zeitweise bis in das Mittelwallis vor.

Die Grenze zwischen dem bischöflichen und savoyischen Einflussgebiet verschob sich mehrfach. Nach langjährigen Kämpfen wurde sie im späten 14. Jahrhundert ungefähr an der Morge bei Conthey festgelegt. Das Gebiet östlich des Flusses blieb überwiegend unter bischöfischem Einfluss, während der Westen savoyisch beherrscht wurde.[5]

Entstehung der Zenden

Gemeinden und Talschaften

Seit dem 13. und 14. Jahrhundert gewannen die Gemeinden des Ober- und Mittelwallis an Selbstständigkeit. Bauern, Grundbesitzer und lokale Führungsschichten organisierten sich in Dorfschaften und Talgemeinden.

Aus diesen Gemeinschaften entwickelten sich die sogenannten Zenden, französisch dizains. Der Begriff bezeichnete zunächst einen Gerichts- und Verwaltungsbezirk und später eine politische Körperschaft.

Im späten Mittelalter bestanden sieben Zenden:

  • Goms;
  • Brig;
  • Visp;
  • Raron;
  • Leuk;
  • Siders;
  • Sitten.

Die Zenden verfügten über eigene Versammlungen, Gerichte, Beamte und militärische Organisationen. Ihre Vertreter trafen sich im Walliser Landrat, der sich zu einem zentralen Organ der Landschaft entwickelte.

Landrat und Landeshauptmann

Der Landrat bestand aus Abgeordneten der Zenden, Vertretern des Domkapitels und dem Bischof. Er entschied über Bündnisse, Krieg, Steuern, Recht und gemeinsame Verwaltungsangelegenheiten.

Der wichtigste weltliche Amtsträger war der Landeshauptmann. Er leitete die Beratungen, vertrat das Land nach aussen und übernahm militärische sowie richterliche Funktionen.

Die politische Beteiligung war nicht demokratisch im modernen Sinn. Einfluss besassen vor allem wohlhabende Familien, Geistliche und lokale Amtsträger. Dennoch schufen die Zenden eine ausgeprägte Tradition kommunaler Selbstverwaltung, die den Machtanspruch des Bischofs zunehmend begrenzte.

Konflikte des Spätmittelalters

Kampf gegen den Adel

Im 14. Jahrhundert führten Bischöfe, Zenden und Adelsfamilien wiederholt Krieg gegeneinander. Besonders mächtig waren die Herren von Turn, die im Ober- und Mittelwallis zahlreiche Burgen und Herrschaftsrechte besassen.

Bischof Witschard Tavel und sein Nachfolger Eduard von Savoyen versuchten, die bischöfliche Macht zu festigen. Die Zenden verteidigten dagegen ihre Freiheiten und verbündeten sich zeitweise mit einzelnen Adelsfamilien.

Nach langen Kämpfen verloren die Herren von Turn einen grossen Teil ihrer Besitzungen. Der Niedergang des alten Adels stärkte jedoch weniger den Bischof als vielmehr die Zenden und ihre führenden Familien.

Raronhandel

Der Raronhandel von 1415 bis 1420 war ein Bürgerkrieg zwischen der Familie von Raron und den Gemeinden des Oberwallis. Bischof Wilhelm II. von Raron und sein Onkel Witschard von Raron wurden beschuldigt, ihre Ämter zur Vergrösserung der Familienmacht zu nutzen.

Die Aufständischen verwendeten eine hölzerne Keule als Symbol und wurden deshalb als Gesellschaft vom Hund oder Hundedgesellschaft bezeichnet. Sie zerstörten Burgen der Familie Raron und vertrieben deren Angehörige.

Bern unterstützte die Raron, während mehrere innerschweizerische Orte den Oberwallisern nahestanden. Der Konflikt drohte dadurch zu einem eidgenössischen Krieg zu werden. Eine endgültige Vermittlung beendete die Kämpfe, doch die politische Macht des hohen Adels im Wallis war dauerhaft geschwächt.

Die Zenden erhielten in den folgenden Jahrzehnten weitere gesetzgeberische und politische Rechte. Landesordnungen von 1435 und 1446 regelten das Verhältnis zwischen Bischof, Adel und Gemeinden neu.[5]

Burgunderkriege und Eroberung des Unterwallis

Schlacht auf der Planta

Während der Burgunderkriege unterstützte Savoyen den burgundischen Herzog Karl den Kühnen. Bischof Walter Supersaxo und die sieben Zenden verbündeten sich dagegen mit Bern und weiteren eidgenössischen Orten.

Im November 1475 rückten savoyische Truppen gegen Sitten vor. Am 13. November kam es auf der Planta vor den Toren der Stadt zur entscheidenden Schlacht. Mit Unterstützung eidgenössischer Truppen besiegten die Walliser das savoyische Heer.

Nach dem Sieg eroberten sie das Gebiet bis Saint-Maurice. Conthey, Martinach, Entremont und weitere Landschaften wurden der Herrschaft der sieben Zenden unterstellt. Die Eroberungen wurden als Landvogtei Unterwallis verwaltet.[1]

Unterwallis als Untertanengebiet

Das eroberte Unterwallis erhielt nicht dieselben politischen Rechte wie die sieben Zenden. Es wurde von Landvögten regiert, die regelmässig aus den führenden Familien des Oberwallis stammten.

Die unterworfenen Gemeinden behielten lokale Rechte und Verwaltungen, waren aber im Walliser Landrat nicht gleichberechtigt vertreten. Steuern, Ämterbesetzung und militärische Pflichten wurden von den regierenden Zenden kontrolliert.

Damit entstand eine politische Ungleichheit zwischen dem herrschenden Oberwallis und dem Unterwallis, die bis 1798 bestehen blieb. Sprachliche Unterschiede verstärkten die Trennung, waren aber nicht deren alleinige Ursache.

Weitere Eroberungen von 1536

Als Bern 1536 das Waadtland und Teile des savoyischen Chablais eroberte, besetzten die Walliser das Gebiet westlich von Saint-Maurice bis zum Genfersee und darüber hinaus. Dazu gehörten Monthey, Evian, Abondance und das Tal von Aulps.

Im Vertrag von Thonon von 1569 gaben die Walliser die Gebiete südlich und westlich des Genfersees an Savoyen zurück. Sie behielten jedoch Monthey und das Gebiet bis Saint-Gingolph. Damit entstand im Wesentlichen die heutige westliche Kantonsgrenze.

Wallis und Alte Eidgenossenschaft

Im Jahr 1416 schlossen der Bischof und die Zenden ein Burg- und Landrecht mit Luzern, Uri und Unterwalden. Bern wurde während der Burgunderkriege zu einem wichtigen Verbündeten.

1529 wurde das Bündnis mit den katholischen Orten erneuert und auf Schwyz, Zug und Freiburg erweitert. 1533 trat auch Solothurn bei. Das Wallis galt damit als Zugewandter Ort der Alten Eidgenossenschaft.[6]

Die Verträge regelten militärische Unterstützung, Handelsfreiheit, Rechtshilfe und die Vermittlung bei Streitigkeiten. Das Wallis war jedoch kein vollberechtigter eidgenössischer Ort und besass keine eigene Stimme an der Tagsatzung.

Die Beziehungen zu Bern waren wegen der konfessionellen Gegensätze und territorialer Interessen wechselhaft. Gleichzeitig bestanden enge wirtschaftliche Verbindungen über die Gemmi, den Lötschenpass und die Grimsel.

Reformation und katholische Erneuerung

Die Ideen der Reformation erreichten das Wallis im frühen 16. Jahrhundert. Besonders in Sitten, Leuk und anderen Orten des Mittelwallis fanden reformatorische Schriften und Prediger Anhänger.

Einige führende Familien unterstützten die neue Lehre, während andere am katholischen Glauben festhielten. Der einflussreiche Kardinal Matthäus Schiner war ein entschiedener Gegner der Reformation und ein wichtiger Vertreter päpstlicher Interessen.

Die Zenden fürchteten, dass ein konfessioneller Konflikt die politische Einheit des Landes gefährden könnte. Gleichzeitig waren ihre Bündnisse mit den katholischen Orten der Eidgenossenschaft wirtschaftlich und militärisch bedeutsam.

Nach jahrzehntelangen Auseinandersetzungen setzte sich die katholische Partei durch. Reformierte Familien mussten zum alten Glauben zurückkehren oder das Land verlassen. Jesuiten, Kapuziner und andere Orden förderten die katholische Erneuerung.

Der Katholizismus blieb bis weit ins 20. Jahrhundert ein zentraler Bestandteil der politischen und gesellschaftlichen Identität des Kantons. Kirche, Schule, Armenwesen und öffentliche Moral waren eng miteinander verbunden.

Republik der sieben Zenden

Schwächung der bischöflichen Herrschaft

Die politische Macht des Bischofs wurde im 16. und frühen 17. Jahrhundert zunehmend eingeschränkt. Wahlkapitulationen verpflichteten neu gewählte Bischöfe, die Rechte der Zenden und das Walliser Gewohnheitsrecht zu respektieren.

Das Walliser Landrecht von 1571 kodifizierte ältere Bräuche und neue Rechtsnormen. Die oberste richterliche Gewalt ging weitgehend auf den Landrat über.[4]

Im Jahr 1634 verzichtete Bischof Hildebrand Jost endgültig auf den grössten Teil seiner weltlichen Herrschaftsansprüche. Er behielt den Titel eines Reichsfürsten sowie einzelne Ehren- und Gerichtsrechte, doch die politische Führung lag nun bei den sieben Zenden.

Der Staat wurde als Republik der sieben Zenden oder Republik Wallis bezeichnet. Auf dem Wappen erschienen sieben Sterne als Zeichen der gleichberechtigten Zenden.

Politische Ordnung

Der Landrat war das wichtigste gemeinsame Organ. Jeder Zenden entsandte Vertreter, deren Zahl und Einfluss von lokalen Regelungen abhingen. Der Landeshauptmann leitete die Regierungsgeschäfte.

Die Ämter wurden von einer verhältnismässig kleinen Zahl wohlhabender Familien beherrscht. Zu den bedeutenden Geschlechtern gehörten die Stockalper, von Riedmatten, de Courten, de Kalbermatten, de Torrenté und Supersaxo.

Die Zenden verfügten über weitgehende Selbstständigkeit. Gemeinden regelten die Nutzung von Alpen, Wäldern, Wasserleitungen und Gemeinschaftsgütern. Entscheidungen wurden häufig in Gemeinde- oder Zendenversammlungen getroffen.

Diese Ordnung verband lokale Mitbestimmung mit patrizischer Herrschaft. Frauen, Hintersassen, Arme und Bewohner des Unterwallis waren von der kantonalen politischen Macht ausgeschlossen.

Kaspar Stockalper

Der Briger Unternehmer und Politiker Kaspar Stockalper war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des 17. Jahrhunderts. Er kontrollierte Handelswege über den Simplon und betrieb Geschäfte mit Salz, Eisen, Textilien, Vieh, Krediten und Söldnerdiensten.

Während des Dreissigjährigen Kriegs gewann die Simplonroute an Bedeutung, da andere europäische Verkehrswege unsicher waren. Stockalper organisierte Transporte zwischen Italien, Frankreich und der Eidgenossenschaft und baute ein weitreichendes Handelsnetz auf.

In Brig liess er den Stockalperpalast errichten. Sein wirtschaftlicher und politischer Einfluss wurde schliesslich so gross, dass sich Gegner gegen ihn zusammenschlossen. 1678 wurde er gestürzt und vorübergehend ins Exil gezwungen.

Sein Aufstieg und Fall zeigen die Verbindung von Handel, Politik, Familienmacht und öffentlichen Ämtern im Wallis des Ancien Régime.

Gesellschaft und Wirtschaft vor 1798

Die Bevölkerung lebte überwiegend von Landwirtschaft und Viehzucht. Getreide, Wein, Obst, Gemüse und Hanf wurden je nach Höhenlage angebaut. Die Hochweiden dienten der saisonalen Viehhaltung.

Die landwirtschaftliche Nutzung beruhte auf einem komplizierten System von privaten und gemeinschaftlichen Rechten. Gemeinden und Geteilschaften verwalteten Alpen, Wälder, Wasserleitungen und Allmenden.

Für die Bewässerung trockener Hänge entstanden kilometerlange Wasserkanäle, die im Oberwallis Suonen und im französischsprachigen Teil bisses genannt werden. Bau und Unterhalt wurden gemeinschaftlich organisiert.

Weinbau war besonders im Mittelwallis von Bedeutung. Vieh, Käse, Wein und andere Erzeugnisse wurden über die Alpenpässe exportiert. Salz, Getreide, Textilien und Metallwaren mussten teilweise eingeführt werden.

Naturkatastrophen, Lawinen, Bergstürze, Überschwemmungen, Seuchen und Missernten bedrohten regelmässig die Bevölkerung. Viele Menschen ergänzten ihr Einkommen durch saisonale Arbeit, Handel, Transportdienste oder den Militärdienst in fremden Armeen.

Hexenverfolgungen

Das Wallis gehörte zu den ersten europäischen Regionen, in denen eine grössere organisierte Hexenverfolgung stattfand. Ab 1428 wurden im Ober- und Mittelwallis zahlreiche Menschen der Hexerei beschuldigt.

Die Prozesse breiteten sich entlang der Alpen nach Savoyen und in andere Regionen aus. Verdächtige wurden unter Folter verhört und häufig zum Tod verurteilt. Zeitgenössische Quellen berichten von 100 bis 200 Opfern allein während der frühen Verfolgungswelle.[4]

Weitere Hexenprozesse fanden bis ins 17. Jahrhundert statt. Die Verfolgungen waren mit religiösen Vorstellungen, lokalen Konflikten, wirtschaftlichen Krisen und dem Ausbau obrigkeitlicher Gerichtsbarkeit verbunden.

Revolution von 1798

Befreiung des Unterwallis

Die Französische Revolution und der französische Vormarsch in der Schweiz erschütterten die alte Walliser Ordnung. Im Januar 1798 erhob sich das Unterwallis gegen die Herrschaft der sieben Zenden.

Der letzte Landvogt von Saint-Maurice musste die Unabhängigkeit des Unterwallis anerkennen. Vertreter der oberen und unteren Landesteile versuchten zunächst, eine gemeinsame Republik auf der Grundlage politischer Gleichheit zu schaffen.

Unter französischem Druck wurde das Wallis jedoch im April 1798 in die zentralistisch organisierte Helvetische Republik eingegliedert. Die bisherigen Zenden wurden in Bezirke umgewandelt, und die rechtliche Unterordnung des Unterwallis endete.

Oberwalliser Aufstände

Im Oberwallis stiessen die neue Ordnung, die französische Besetzung und die Aufhebung traditioneller Rechte auf starken Widerstand. Religiöse Befürchtungen, wirtschaftliche Belastungen und die Einquartierung von Soldaten verschärften die Unzufriedenheit.

Im Frühjahr 1798 erhoben sich bewaffnete Oberwalliser gegen die helvetischen und französischen Behörden. Der Aufstand wurde militärisch niedergeschlagen. Ein zweiter Aufstand im Jahr 1799 endete ebenfalls mit einer Niederlage.

Dörfer wurden geplündert, Häuser zerstört und Einwohner getötet. Besonders im Oberwallis hinterliessen die Kämpfe grosse wirtschaftliche Schäden und ein lang anhaltendes Misstrauen gegenüber Frankreich und zentralistischen Staatsordnungen.

Republik Wallis von 1802 bis 1810

Die Helvetische Republik war von inneren Konflikten zwischen Föderalisten und Zentralisten geprägt. Frankreich hatte zugleich ein strategisches Interesse an der Kontrolle des Simplonpasses.

Am 27. August 1802 wurde das Wallis aus der Helvetischen Republik herausgelöst. Mit der Verfassung vom 30. August 1802 entstand eine formal selbstständige Republik Wallis. Sie stand jedoch unter dem Schutz und starken politischen Einfluss Frankreichs.[4]

Der neue Staat umfasste zwölf Zenden. Eine Verfassung regelte Regierung, Landrat, Gerichte und Gemeinden. Die politische Gleichheit des Unterwallis wurde grundsätzlich anerkannt.

Napoleon liess die Strasse über den Simplon umfassend ausbauen. Sie sollte eine direkte militärische und wirtschaftliche Verbindung zwischen Frankreich und Norditalien schaffen. Tausende Arbeiter waren am Bau beteiligt.

Die Selbstständigkeit blieb begrenzt. Frankreich kontrollierte Aussenpolitik und wichtige Verkehrsfragen. Die Kosten der Strasse, militärische Forderungen und wirtschaftliche Belastungen führten zu wachsender Unzufriedenheit.

Département du Simplon

Am 13. Dezember 1810 gliederte Napoleon das Wallis in das Französische Kaiserreich ein. Das Gebiet wurde zum Département du Simplon mit Sitten als Hauptort.

Die französische Verwaltung teilte das Departement in Arrondissements, Kantone und Gemeinden. Der Code civil und weitere französische Gesetze wurden eingeführt. Die Verwaltung arbeitete zentralistischer und professioneller als unter den früheren Walliser Einrichtungen.

Die Eingliederung brachte rechtliche und administrative Modernisierungen, bedeutete aber den Verlust der politischen Selbstständigkeit. Junge Männer wurden zum französischen Militärdienst eingezogen, Steuern erhöht und wirtschaftliche Ressourcen für das Kaiserreich beansprucht.

Nach Napoleons Niederlagen rückten Ende 1813 österreichische Truppen ins Wallis ein. Das Département wurde aufgelöst und eine provisorische Regierung eingesetzt.

Beitritt zur Schweizerischen Eidgenossenschaft

Nach dem Ende der französischen Herrschaft war die künftige staatliche Stellung des Wallis umstritten. Ein Teil der politischen Führung bevorzugte einen selbstständigen Staat, andere befürworteten den Beitritt zur Eidgenossenschaft.

Der Wiener Kongress unterstützte die Eingliederung des Wallis in die Schweiz, um die Alpenpässe und die südwestliche Grenze zu sichern. Am 4. August 1815 unterzeichneten die Walliser Vertreter die Beitrittsurkunde.

Das Wallis wurde zusammen mit Genf und Neuenburg als neuer Kanton in die Eidgenossenschaft aufgenommen. Es erhielt zwei Stimmen an der Tagsatzung und wurde später als 20. Kanton in die traditionelle Reihenfolge der Stände eingeordnet.[7]

Die Verfassung von 1815 gliederte das Wallis in dreizehn Zenden:

  • Goms;
  • Brig;
  • Visp;
  • Raron;
  • Leuk;
  • Siders;
  • Sitten;
  • Hérens;
  • Conthey;
  • Martinach;
  • Entremont;
  • Saint-Maurice;
  • Monthey.

Die dreizehn Sterne des heutigen Kantonswappens stehen für diese historischen Zenden. Raron wurde später in die beiden Halb-Bezirke Östlich Raron und Westlich Raron geteilt.

Restauration und regionale Spannungen

Die Verfassung von 1815 stellte zahlreiche Elemente der vorrevolutionären Ordnung wieder her. Die Zenden erhielten gleich viele Stimmen im Landrat, unabhängig von ihrer Bevölkerungszahl.

Diese Regelung bevorzugte das Oberwallis. Seine sieben Zenden konnten die sechs Zenden des Mittel- und Unterwallis überstimmen, obwohl die französischsprachigen Gebiete bereits einen grossen Teil der Bevölkerung stellten.

Auch der Klerus und die traditionellen Führungsschichten gewannen erneut erheblichen Einfluss. Die politischen Rechte waren indirekt organisiert und an Gemeinden, Zenden und Vermögensverhältnisse gebunden.

Im Unterwallis wuchs deshalb die Forderung nach einer Vertretung entsprechend der Bevölkerungszahl, nach Pressefreiheit und nach einer liberaleren Verfassung. Der Konflikt war zugleich regional, sozial und politisch; er lässt sich nicht allein auf die Sprachgrenze reduzieren.

Liberale Revolution von 1839

Die europäischen liberalen Bewegungen und die schweizerische Regeneration beeinflussten auch das Wallis. Im Unterwallis entstanden politische Vereine und Zeitungen, die eine demokratischere Staatsordnung verlangten.

1839 bildeten die Unterwalliser Zenden eine eigene Regierung. Nach Verhandlungen und politischem Druck wurde eine neue Verfassung beschlossen, welche die Vertretung stärker an der Bevölkerungszahl ausrichtete.

Damit verlor das Oberwallis seine bisherige institutionelle Mehrheit. Die neue Ordnung stärkte den Grossen Rat, erweiterte politische Rechte und schränkte traditionelle Vorrechte ein.

Die konservativen Kräfte akzeptierten die Veränderungen jedoch nur teilweise. Die Spannungen zwischen Liberalen und Konservativen, Ober- und Unterwallis sowie Kirche und Staat verschärften sich in den folgenden Jahren.

Kämpfe von 1844

Radikale und liberale Aktivisten organisierten sich in der Bewegung Junges Wallis. Ihr stand die konservative Vereinigung Altes Wallis gegenüber, die besonders im Oberwallis und bei einem grossen Teil des Klerus Unterstützung fand.

Im Mai 1844 kam es zu bewaffneten Kämpfen. In der Trient-Schlucht bei Vernayaz wurden die Truppen des Jungen Wallis von den Konservativen geschlagen.[4]

Nach dem Sieg übernahmen die Konservativen die Regierung. Ein ausserordentliches Zentralgericht verfolgte politische Gegner und Pressedelikte. Zahlreiche Liberale flohen oder wurden aus öffentlichen Ämtern entfernt.

Die neue Führung stärkte erneut den Einfluss der katholischen Kirche und näherte sich den konservativen Kantonen der Innerschweiz an.

Sonderbundskrieg

1845 trat das Wallis dem Sonderbund der sieben katholisch-konservativen Kantone bei. Das Bündnis sollte die kantonale Souveränität und die katholische Religion gegen die liberal-radikale Mehrheit der Tagsatzung verteidigen.

Die Tagsatzung erklärte den Sonderbund 1847 für unvereinbar mit dem Bundesvertrag und ordnete seine Auflösung an. Im anschliessenden Sonderbundskrieg wurden die verbündeten Kantone innerhalb weniger Wochen von den eidgenössischen Truppen unter General Guillaume Henri Dufour besiegt.

Walliser Truppen verteidigten unter anderem die Zugänge über den Grimsel- und Gemmipass. Nach dem Zusammenbruch der übrigen Sonderbundskantone kapitulierte das Wallis ohne grössere Kämpfe im eigenen Kantonsgebiet.

Die konservative Regierung wurde abgesetzt. Liberale und radikale Politiker übernahmen die Macht und erklärten die Urteile des Zentralgerichts von 1844 für ungültig.

Verfassung von 1848 und Bundesstaat

Die neue Kantonsverfassung vom Januar 1848 führte die direkte Wahl des Grossen Rates ein. Die Zenden verloren einen Teil ihrer früheren politischen Bedeutung und wurden zunehmend als Bezirke bezeichnet.

Geistliche durften dem Grossen Rat nicht mehr angehören. Kirchliche Ämter wurden mit bestimmten staatlichen Funktionen und politischen Mandaten für unvereinbar erklärt.

Im selben Jahr stimmte das Wallis der neuen Bundesverfassung zu. Der schweizerische Bundesstaat schuf einen einheitlicheren Wirtschaftsraum, garantierte politische Rechte und stärkte die Bundesbehörden.

Das Wallis behielt jedoch umfangreiche kantonale Kompetenzen. Die katholisch-konservative Opposition gewann schon bald wieder an Einfluss und prägte die kantonale Politik während eines grossen Teils des 19. und 20. Jahrhunderts.

Politische Entwicklung im 19. Jahrhundert

Die Kantonsverfassung wurde 1852 erneut geändert. Der Staatsrat bestand fortan aus fünf Mitgliedern. Weitere Verfassungsrevisionen folgten 1875 und 1907.

Das Referendum und die Volksinitiative erweiterten schrittweise die direktdemokratischen Rechte. Die Wahlverfahren wurden angepasst und die Stellung des Grossen Rates gegenüber der Regierung neu geregelt.

1877 führte das Wallis als erster Schweizer Kanton ein besonderes Verwaltungsgericht ein.[4] Diese Institution sollte Bürger und Gemeinden gegen rechtswidrige Verwaltungsentscheide schützen.

Die politische Kultur blieb regional und konfessionell geprägt. Konservative Parteien dominierten besonders in ländlichen Gebieten, während liberale und später sozialistische Kräfte in Städten und Industrieorten stärker wurden.

Kantonsverfassung von 1907

Am 8. März 1907 nahmen die Stimmberechtigten eine neue Kantonsverfassung an. Sie trat am 2. Juni desselben Jahres in Kraft und bildet trotz zahlreicher Teilrevisionen weiterhin die verfassungsrechtliche Grundlage des Kantons.[8]

Die Verfassung regelte die Zuständigkeiten von Volk, Grossem Rat, Staatsrat, Gerichten, Bezirken und Gemeinden. Französisch und Deutsch wurden als gleichwertige Amtssprachen anerkannt.

Im Laufe des 20. und frühen 21. Jahrhunderts wurden zahlreiche Bestimmungen modernisiert. Dazu gehörten das Frauenstimmrecht, neue Wahlverfahren, die Gemeindeautonomie, die Gerichtsorganisation und die Anpassung an das Bundesrecht.

2018 wählte die Bevölkerung einen Verfassungsrat zur Ausarbeitung einer Totalrevision. Der 2023 verabschiedete Entwurf enthielt einen umfassenden Grundrechtskatalog und weitreichende institutionelle Reformen. In der kantonalen Abstimmung vom 3. März 2024 wurde er jedoch deutlich abgelehnt. Damit blieb die Verfassung von 1907 in Kraft.[9]

Landwirtschaft und traditionelle Wirtschaftsformen

Bis weit ins 19. Jahrhundert war das Wallis überwiegend landwirtschaftlich geprägt. Viele Familien betrieben eine gemischte Selbstversorgungswirtschaft aus Ackerbau, Viehzucht, Weinbau und saisonaler Alpwirtschaft.

Die starke Zersplitterung des Grundbesitzes erschwerte eine rationelle Bewirtschaftung. Grundstücke wurden durch Erbteilungen auf zahlreiche kleine Parzellen verteilt.

Im trockenen Mittel- und Oberwallis waren künstliche Bewässerungssysteme unerlässlich. Suonen und Bisses leiteten Schmelz- und Gletscherwasser über grosse Entfernungen zu Feldern, Wiesen und Weinbergen.

Der Weinbau entwickelte sich zu einem wichtigen Wirtschaftszweig. Die Rebflächen erstrecken sich vor allem an den sonnigen Hängen zwischen Leuk und Martinach. Neben einheimischen Sorten wurden im Laufe der Zeit zahlreiche neue Rebsorten eingeführt.

Viehzucht und Käseproduktion prägten die höher gelegenen Regionen. Die Eringer Rasse und ihre traditionellen Ringkuhkämpfe wurden zu einem kulturellen Symbol des Kantons.

Auswanderung und Armut

Das Bevölkerungswachstum, begrenzte landwirtschaftliche Flächen und wirtschaftliche Krisen führten im 19. Jahrhundert zu verbreiteter Armut. Viele Walliser verliessen ihre Heimat dauerhaft oder arbeiteten saisonal ausserhalb des Kantons.

Auswanderer zogen unter anderem nach Frankreich, Algerien, Argentinien, Brasilien und in die Vereinigten Staaten. Einzelne kantonale und private Projekte förderten die Gründung von Walliser Kolonien in Übersee.

Andere Menschen arbeiteten als Dienstboten, Bauarbeiter, Handwerker oder Händler in der übrigen Schweiz und im Ausland. Kinder aus armen Familien wurden teilweise als Arbeitskräfte verdingt.

Die Auswanderung verlangsamte das Bevölkerungswachstum in mehreren Bergtälern. Erst die Industrialisierung, der Ausbau des Tourismus und neue Arbeitsplätze in der Rhoneebene führten zu einer wirtschaftlichen Wende.

Rhonekorrektionen

Die Rhone überschwemmte regelmässig die Talebene. Neben den unmittelbaren Schäden entstanden Sümpfe, stehende Gewässer und ungesunde Lebensbedingungen.

Nach schweren Überschwemmungen begann der Kanton in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der ersten grossen Rhonekorrektion. Der Fluss wurde begradigt, eingedämmt und in ein engeres Bett gezwungen.

Die Massnahmen ermöglichten die Entwässerung und landwirtschaftliche Nutzung grosser Flächen. Gleichzeitig wurden Siedlungen, Strassen, Eisenbahnen und spätere Industrieanlagen besser geschützt.

Eine zweite Rhonekorrektion im 20. Jahrhundert verstärkte die Dämme und verbesserte den Abfluss. Nach Hochwasserereignissen am Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts begann die dritte Rhonekorrektion. Sie verbindet Hochwasserschutz mit einer teilweisen ökologischen Aufwertung des Flusses.

Verkehr und Eisenbahn

Ausbau der Passstrassen

Die napoleonische Simplonstrasse war zu Beginn des 19. Jahrhunderts eines der modernsten Alpenstrassenprojekte Europas. Sie erleichterte den Verkehr zwischen Brig und Domodossola und stärkte die Bedeutung des Oberwallis.

Auch die Strassen über den Grossen Sankt Bernhard, die Furka und die Grimsel wurden ausgebaut. Neue Brücken und Fahrwege verbanden abgelegene Täler mit dem Haupttal.

Trotz dieser Verbesserungen blieb der Verkehr im Winter häufig unterbrochen. Lawinen, Hochwasser und Steinschlag machten den Unterhalt aufwendig.

Eisenbahnbau

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erreichte die Eisenbahn das Wallis. Die Strecke wurde vom Genfersee schrittweise über Sitten und Siders bis nach Brig verlängert.

Der Simplontunnel wurde 1906 eröffnet. Er schuf eine ganzjährig nutzbare Bahnverbindung nach Italien und machte Brig zu einem internationalen Eisenbahnknotenpunkt.

1913 nahm die Lötschbergbahn den Betrieb auf. Sie verband das Wallis über den Lötschbergtunnel direkt mit Bern und der Deutschschweiz.

Schmalspurbahnen erschlossen das Goms, Zermatt, das Val d’Anniviers, das Val de Bagnes und weitere Regionen. Einige Linien wurden später eingestellt oder durch Busverbindungen ersetzt.

Der Ausbau der Eisenbahn förderte Tourismus, Industrie, Handel und Migration. Gleichzeitig erleichterte er den Import preisgünstiger Lebensmittel und veränderte die traditionelle Landwirtschaft.

Entstehung des Tourismus

Bereits im 18. Jahrhundert besuchten Naturforscher und Reisende die Alpen. Im 19. Jahrhundert machten englische Bergsteiger, Schriftsteller und Wissenschaftler das Wallis international bekannt.

Orte wie Zermatt, Saas-Fee, Arolla, Evolène, Leukerbad, Champéry und das Aletschgebiet entwickelten sich zu Fremdenverkehrszentren. Hotels, Bergführervereine, Wege, Hütten und Verkehrsanlagen entstanden.

Die Erstbesteigung des Matterhorns im Jahr 1865 machte Zermatt weltweit bekannt. Der Tod von vier Teilnehmern beim Abstieg zeigte zugleich die Gefahren des frühen Alpinismus.

Zunächst konzentrierte sich der Tourismus auf den Sommer. Seit dem frühen 20. Jahrhundert gewannen Wintersport, Skifahren und Bergbahnen an Bedeutung. Nach 1950 entstanden grosse Ferienorte wie Crans-Montana, Verbier, Nendaz und Grächen.

Der Tourismus schuf Arbeitsplätze und Einkommen, führte aber auch zu einer starken Bautätigkeit, steigenden Bodenpreisen und Veränderungen der traditionellen Dorfstrukturen.

Industrialisierung

Die Industrialisierung setzte im Wallis später ein als in den grossen Städten des schweizerischen Mittellandes. Entscheidende Voraussetzungen waren Eisenbahn, Wasserkraft und die Verfügbarkeit von Flächen in der Rhoneebene.

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden chemische, metallurgische und elektrotechnische Betriebe. Bedeutende Industriezentren entwickelten sich in Monthey, Martinach, Chippis, Siders, Visp und Brig.

Die Lonza begann 1897 mit der Nutzung der Wasserkraft im Oberwallis und entwickelte sich später zu einem international tätigen Chemie- und Pharmaunternehmen. In Chippis entstand ein grosses Aluminiumwerk, das besonders viel elektrische Energie benötigte.

Die Industrie veränderte die soziale Struktur. Bauern wurden zu Fabrikarbeitern, ausländische Arbeitskräfte zogen ins Tal, und neue Arbeiterquartiere entstanden.

Arbeitskämpfe, Gewerkschaften und sozialistische Organisationen gewannen an Bedeutung. Dennoch blieb die katholisch-konservative Politik im Kanton über lange Zeit dominierend.

Erster Weltkrieg

Während des Ersten Weltkriegs blieb die Schweiz neutral. Die Grenz- und Passlage des Wallis führte jedoch zu einer starken militärischen Präsenz.

Viele Männer leisteten Aktivdienst, wodurch Arbeitskräfte in Landwirtschaft, Gewerbe und Tourismus fehlten. Lebensmittel, Brennstoffe und Rohstoffe wurden knapp und teuer.

Der internationale Tourismus brach weitgehend zusammen. Hotels blieben leer oder dienten zur Unterbringung von Internierten und Verwundeten.

Die Spanische Grippe von 1918 forderte auch im Wallis zahlreiche Todesopfer. Schulen, Kirchen und öffentliche Veranstaltungen wurden zeitweise geschlossen oder eingeschränkt.

Zwischenkriegszeit

Nach dem Krieg erholte sich die Wirtschaft nur langsam. Landwirtschaft und Tourismus litten unter Absatzproblemen, während die Industrie von internationalen Konjunkturschwankungen abhängig war.

Der Ausbau der Wasserkraft wurde fortgesetzt. Stauseen, Kraftwerke und Hochspannungsleitungen veränderten die Landschaft und schufen neue Einnahmequellen für Gemeinden und Unternehmen.

Die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre führte zu Arbeitslosigkeit und sinkenden Einkommen. Öffentliche Bauprogramme, Strassenprojekte und Meliorationen sollten Beschäftigung schaffen.

Politisch blieb der Kanton stark katholisch-konservativ geprägt. Liberale, Radikale und Sozialdemokraten konnten ihre Stellung in Industrieorten und grösseren Gemeinden jedoch ausbauen.

Zweiter Weltkrieg

Während des Zweiten Weltkriegs war das Wallis ein wichtiger Teil des schweizerischen Réduits. Festungen, Sperrstellen und Artillerieanlagen sicherten die Alpenpässe, das Rhonetal und die Simplonbahn.

Die Bevölkerung war von Mobilmachung, Rationierung und staatlicher Wirtschaftslenkung betroffen. Im Rahmen der Anbauschlacht wurden zusätzliche Flächen für Getreide, Kartoffeln und Gemüse genutzt.

Flüchtlinge versuchten über die Grenzen zu Frankreich und Italien in die Schweiz zu gelangen. Einige erhielten Schutz, andere wurden entsprechend der restriktiven eidgenössischen Flüchtlingspolitik zurückgewiesen.

Die Industrie produzierte wichtige chemische und metallurgische Güter. Gleichzeitig erschwerten Rohstoffmangel und unterbrochene Handelsbeziehungen die Produktion.

Wasserkraft und Stauseen

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Wallis zu einem der wichtigsten Zentren der schweizerischen Wasserkraftproduktion. Die hohen Niederschlags- und Schmelzwassermengen sowie die grossen Höhenunterschiede boten günstige Voraussetzungen.

Zu den bedeutenden Anlagen gehören:

  • die Grande-Dixence-Staumauer;
  • der Mauvoisin-Stausee;
  • der Mattmarksee;
  • der Emosson-Stausee;
  • der Moiry-Stausee;
  • die Anlagen im Grimsel-, Aletsch- und Simplongebiet.

Der Bau brachte Arbeitsplätze, Strassen und Einnahmen. Viele Projekte wurden von ausserkantonalen Elektrizitätsgesellschaften finanziert und betrieben. Dadurch entstanden politische Auseinandersetzungen über Konzessionen, Heimfallrechte und die Verteilung der Gewinne.

Die Kraftwerke veränderten Landschaften und Wasserhaushalt. Dörfer, Alpen und Verkehrswege mussten teilweise verlegt werden. Gleichzeitig trug die Wasserkraft wesentlich zur Industrialisierung und Elektrifizierung der Schweiz bei.

Mattmark-Katastrophe

Am 30. August 1965 brach ein Teil des Allalingletschers über der Baustelle des Mattmark-Staudamms ab. Eis- und Gesteinsmassen verschütteten Baracken, Werkstätten und Arbeiter.

Bei der Katastrophe kamen 88 Menschen ums Leben. Die meisten Opfer waren italienische Gastarbeiter, daneben starben Schweizer, Spanier, Deutsche, Österreicher und weitere Beschäftigte.

Das Unglück löste Diskussionen über Arbeitssicherheit, Verantwortung und die Lebensbedingungen ausländischer Arbeiter aus. Es gehört zu den schwersten Baustellenkatastrophen der Schweizer Geschichte.

Nachkriegsboom und gesellschaftlicher Wandel

Seit den 1950er-Jahren erlebte das Wallis ein starkes wirtschaftliches und demografisches Wachstum. Industrie, Baugewerbe, Tourismus und öffentliche Dienstleistungen schufen neue Arbeitsplätze.

Viele Menschen verliessen abgelegene Bergdörfer und zogen in die Rhoneebene. Sitten, Siders, Martinach, Monthey, Visp, Brig und ihre Agglomerationen wuchsen.

Ausländische Arbeitskräfte, besonders aus Italien, Spanien, Portugal und dem ehemaligen Jugoslawien, trugen wesentlich zum Bau von Kraftwerken, Strassen, Hotels und Wohnhäusern bei.

Die traditionelle Grossfamilie und die landwirtschaftliche Selbstversorgung verloren an Bedeutung. Konsum, Mobilität, Bildung und Medien veränderten das Alltagsleben.

Der Ausbau von Seilbahnen und Skigebieten machte den Wintertourismus zu einem zentralen Wirtschaftszweig. Gleichzeitig entstanden Debatten über Landschaftsschutz, Zweitwohnungen und die Abhängigkeit vom Tourismus.

Frauenstimmrecht

Walliser Frauen waren bis 1970 von kantonalen und kommunalen politischen Rechten ausgeschlossen. Frauenvereine und einzelne Aktivistinnen setzten sich über Jahrzehnte für die Gleichberechtigung ein.

Besondere Aufmerksamkeit erhielt die Gemeinde Unterbäch, als dort 1957 Frauen symbolisch an einer eidgenössischen Abstimmung teilnahmen. Obwohl ihre Stimmen rechtlich nicht anerkannt wurden, wurde die Aktion zu einem wichtigen Ereignis in der Geschichte des Schweizer Frauenstimmrechts.

Am 12. April 1970 nahmen die männlichen Stimmberechtigten die Einführung des Frauenstimm- und -wahlrechts auf kantonaler und kommunaler Ebene an. Das Wallis vollzog diesen Schritt damit vor der Einführung des eidgenössischen Frauenstimmrechts am 7. Februar 1971.[10]

In den folgenden Jahren wurden Frauen in Gemeinde- und Kantonsparlamente gewählt. Der Zugang zu hohen politischen Ämtern erfolgte jedoch langsam. Erst 2009 wurde mit Esther Waeber-Kalbermatten die erste Frau in den Walliser Staatsrat gewählt.

Bildung und Kultur

Das Bildungswesen stand lange unter starkem kirchlichem Einfluss. Klöster, Pfarreien und Kollegien vermittelten vor allem religiöse und klassische Bildung.

Im 19. und 20. Jahrhundert entstanden öffentliche Primar- und Sekundarschulen, Berufsschulen und Gymnasien. Die Zweisprachigkeit erforderte getrennte und teilweise gemeinsame Bildungsinstitutionen.

Die Universität war ausserhalb des Kantons angesiedelt, doch Sitten entwickelte sich seit dem späten 20. Jahrhundert zu einem Hochschulstandort. Fachhochschulen, Forschungsinstitute und universitäre Einrichtungen wurden aufgebaut.

Kulturelle Institutionen wie das Geschichtsmuseum Wallis, das Kunstmuseum, die Kantonsmuseen, die Mediathek Wallis und das Staatsarchiv bewahren das historische Erbe.

Die sprachliche Vielfalt umfasst neben Hochdeutsch und Französisch auch Walliserdeutsch, frankoprovenzalische Patois und italienische Einflüsse in südlichen Tälern.

Naturkatastrophen und Schutzmassnahmen

Die Geschichte des Wallis ist von Naturgefahren geprägt. Lawinen, Hochwasser, Bergstürze, Erdrutsche, Gletscherabbrüche und Erdbeben bedrohten regelmässig Siedlungen und Verkehrswege.

Das Erdbeben von 1946 mit Zentrum bei Siders verursachte Schäden in weiten Teilen des Kantons. Es gilt als eines der stärksten Schweizer Erdbeben des 20. Jahrhunderts.

Der Lawinenwinter 1950/51 forderte im Wallis zahlreiche Opfer und zerstörte Gebäude, Strassen und landwirtschaftliche Flächen. Danach wurden Schutzwälder, Lawinenverbauungen und Gefahrenkarten systematisch ausgebaut.

1993 überschwemmte die Saltina Teile von Brig. Im Jahr 2000 verursachten starke Niederschläge Hochwasser und Erdrutsche. Besonders schwer betroffen war Gondo, wo ein Erdrutsch Menschenleben forderte und einen Teil des Dorfes zerstörte.

Die Erfahrungen führten zu umfangreichen Investitionen in Hochwasser-, Lawinen- und Steinschlagschutz. Der Klimawandel stellt den Kanton durch Gletscherschwund, auftauenden Permafrost und veränderte Niederschlagsmuster vor neue Herausforderungen.

Zweisprachigkeit und kantonaler Zusammenhalt

Das Wallis ist seit Jahrhunderten sprachlich geteilt. Im Oberwallis setzte sich seit dem Hochmittelalter Deutsch durch, während Mittel- und Unterwallis romanisch beziehungsweise französischsprachig blieben.

Die Sprachgrenze verschob sich im Laufe der Geschichte. Heute verläuft sie ungefähr im Raum Siders, wobei einzelne Gemeinden und Institutionen zweisprachig sind.

Deutsch und Französisch sind gleichwertige Amtssprachen des Kantons. Gesetze, Abstimmungsunterlagen und wichtige amtliche Dokumente werden in beiden Sprachen veröffentlicht.

Die regionale und sprachliche Vielfalt bereichert den Kanton, führte aber auch zu politischen Spannungen. Die demografische Mehrheit liegt heute im französischsprachigen Teil, während das Oberwallis besonderen Wert auf die Sicherung seiner sprachlichen und institutionellen Vertretung legt.

Politische Entwicklung seit 1970

Die politische Vorherrschaft der katholisch-konservativen Parteien nahm seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts ab. Christdemokraten blieben lange die stärkste Kraft, mussten jedoch Sitze an Sozialdemokraten, Freisinnige, Grüne und die Schweizerische Volkspartei abgeben.

Die konfessionelle Bindung des politischen Lebens verlor an Bedeutung. Sachfragen wie Raumplanung, Verkehr, Tourismus, Wasserkraft, Steuern, Umweltschutz und Spitalpolitik rückten stärker in den Vordergrund.

Die direkte Demokratie wurde durch zahlreiche Verfassungs- und Gesetzesrevisionen ausgebaut. Volksinitiative und Referendum ermöglichen der Bevölkerung, kantonale Entscheidungen mitzugestalten.

Gemeindefusionen veränderten die lokale politische Landschaft. Besonders kleinere Berggemeinden schlossen sich zusammen, um Verwaltung, Schulen und Infrastruktur gemeinsam zu organisieren.

Historische Identität

Die Walliser Identität wurde von der alpinen Landschaft, der katholischen Tradition, der Zweisprachigkeit und einer ausgeprägten Gemeindeautonomie geprägt.

Die dreizehn Sterne im Kantonswappen erinnern an die Zenden, die beim Beitritt zur Eidgenossenschaft 1815 bestanden. Zuvor symbolisierten sieben Sterne die Republik der sieben Zenden.

Burgen wie Valeria, Tourbillon, das Stockalperschloss und die Festungen von Saint-Maurice erinnern an die politische und militärische Bedeutung des Tals. Die Abtei Saint-Maurice steht für die lange christliche Tradition.

Suonen, Rebberge, Speicher, historische Dörfer und Alpgebäude dokumentieren die Anpassung der Bevölkerung an die alpine Umwelt. Staudämme, Eisenbahnen, Industrieanlagen und touristische Infrastruktur stehen dagegen für die tiefgreifende Modernisierung seit dem 19. Jahrhundert.

Die Geschichte des Wallis ist nicht nur die Geschichte eines abgeschlossenen Bergtals. Handel, Migration, Militärdienst, Tourismus und internationale Verkehrswege verbanden den Kanton stets mit Europa und der übrigen Welt.

Siehe auch

Literatur

  • Louis Carlen: Kultur des Wallis im Mittelalter. Rotten-Verlag, Brig 1981.
  • Arthur Fibicher: Walliser Geschichte. 4 Bände, Kantonales Erziehungsdepartement, Sitten 1983–1993.
  • Jean-Henri Papilloud: Histoire du Valais. Éditions Monographic, Siders 2002.
  • Marie-Claude Schöpfer Pfaffen: Das Wallis im ausgehenden Mittelalter. Rotten-Verlag, Visp.
  • Pierre Dubuis: Une économie alpine à la fin du Moyen Âge. Orsières, l’Entremont et les régions voisines 1250–1500. 2 Bände, Sitten 1990.
  • Alain Dubois: Die Salzversorgung des Wallis 1500–1610. Wirtschaft und Politik. Winterthur 1965.
  • Grégoire Ghika: La fin de l’État corporatif en Valais et l’établissement de la souveraineté des dizains au XVIIe siècle. Sitten 1947.
  • Anne-Marie Dubler und Bernard Truffer: Wallis. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
  • Staatsarchiv Wallis (Hrsg.): Vallesia. Jahrbuch der Kantonsbibliothek, des Staatsarchivs und der Museen des Wallis. Sitten, seit 1946.

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Marie-Claude Schöpfer Pfaffen u. a.: Wallis. In: Historisches Lexikon der Schweiz, Version vom 4. April 2022.
  2. 2,0 2,1 Regula Frei-Stolba: Vallis Poenina. In: Historisches Lexikon der Schweiz, Version vom 14. Januar 2014.
  3. Bernard Andenmatten: Saint-Maurice (Kloster). In: Historisches Lexikon der Schweiz, Version vom 30. Juli 2015.
  4. 4,0 4,1 4,2 4,3 4,4 4,5 Kanton Wallis: Geschichte der Justiz im Wallis, abgerufen am 30. Juli 2026.
  5. 5,0 5,1 Gregor Zenhäusern: Sitten (Fürstbistum). In: Historisches Lexikon der Schweiz.
  6. Kanton Wallis: Das Wallis und die katholischen Orte, abgerufen am 30. Juli 2026.
  7. Marie-Claude Schöpfer Pfaffen: Stockalper vom Thurm, Kaspar Eugen von. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
  8. Kanton Wallis: Verfassung des Kantons Wallis vom 8. März 1907, aktuelle Fassung.
  9. Kanton Wallis: Ergebnis der kantonalen Abstimmung vom 3. März 2024 – Die neue Verfassung des Kantons Wallis wird abgelehnt, abgerufen am 30. Juli 2026.
  10. Kanton Wallis: Der Weg zur Bürgerin – 50 Jahre Frauenstimmrecht im Wallis, veröffentlicht am 5. Februar 2021.