Bahnstrecke Turgi–Koblenz–Waldshut

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Bahnstrecke Turgi–Koblenz–Waldshut ist eine normalspurige, elektrifizierte Eisenbahnstrecke im Kanton Aargau und im deutschen Bundesland Baden-Württemberg. Sie verbindet Turgi über Siggenthal-Würenlingen, Döttingen, Klingnau und Koblenz mit Waldshut in Deutschland. Die Strecke wurde am 18. August 1859 von der Schweizerischen Nordostbahn (NOB) eröffnet.[1]

Mit der Strecke entstand die erste direkte Eisenbahnverbindung zwischen dem schweizerischen und dem badischen beziehungsweise deutschen Eisenbahnnetz.[2] Von besonderer historischer Bedeutung ist die Rheinbrücke Waldshut–Koblenz, die den Rhein und zugleich die Staatsgrenze zwischen der Schweiz und Deutschland überquert.

Heute dient die Strecke vor allem dem regionalen Personenverkehr und dem Güterverkehr. Zwischen Turgi und Koblenz verkehren Züge der Linie S27 der S-Bahn Aargau. Zwischen Koblenz und Waldshut wird die Strecke zusätzlich von der Linie S36 benutzt.[3]

Bahnstrecke Turgi–Koblenz–Waldshut
Streckenanfang Turgi
Streckenende Waldshut
Länge ca. 16,7 km
Spurweite 1435 mm
Eröffnung 18. August 1859
Ursprüngliche Gesellschaft Schweizerische Nordostbahn
Stromsystem 15 kV, 16,7 Hz Wechselstrom
Elektrifizierung Turgi–Koblenz 1944
Elektrifizierung Koblenz–Waldshut 1999
Gleise überwiegend 1
Länder Schweiz, Deutschland
Personenverkehr S27, S36

Vorgeschichte

In den 1850er Jahren entwickelte sich das schweizerische Eisenbahnnetz mit grosser Geschwindigkeit. Eine der wichtigsten Gesellschaften der Nord- und Ostschweiz war die Schweizerische Nordostbahn, die unter anderem von Alfred Escher geprägt wurde.

Die NOB hatte Zürich mit verschiedenen Regionen der Nord- und Ostschweiz verbunden und strebte auch einen direkten Anschluss an das Eisenbahnnetz des damaligen Grossherzogtums Baden an.

Eine solche Verbindung war aus wirtschaftlicher Sicht von grosser Bedeutung. Das badische Eisenbahnnetz führte rechtsrheinisch in Richtung Basel und verband Süddeutschland mit weiteren deutschen Regionen.

Die NOB konnte damit eine Alternative zu anderen Eisenbahnverbindungen in Richtung Basel schaffen und gleichzeitig den internationalen Güter- und Personenverkehr ausbauen.

Turgi als Ausgangspunkt

Der Bahnhof Turgi war bereits am 29. September 1856 mit der NOB-Strecke Baden–Brugg eröffnet worden.

Für die neue Verbindung nach Deutschland bot Turgi eine günstige Lage. Die Strecke konnte hier von der bestehenden Hauptbahn abzweigen und nach Norden durch das untere Aaretal geführt werden.

Mit der Eröffnung der Strecke nach Waldshut im Jahr 1859 wurde Turgi zu einem Verzweigungsbahnhof.

Unmittelbar nach der Ausfahrt aus dem Bahnhof musste die neue Bahn die Limmat überqueren. Dafür entstand eine dreibogige Steinbrücke, die zu den bemerkenswerten frühen Eisenbahnbauten des Kantons Aargau gehört.[1]

Planung der grenzüberschreitenden Verbindung

Für die Verbindung zwischen der Schweiz und dem Grossherzogtum Baden war eine internationale Vereinbarung notwendig.

Die Schweizerische Nordostbahn arbeitete beim Bau insbesondere mit den Grossherzoglich Badischen Staatseisenbahnen zusammen.

Eine der grössten technischen Herausforderungen war die Überquerung des Rheins zwischen Koblenz auf der Schweizer Seite und Waldshut auf der badischen Seite.

Die Rheinbrücke wurde nach Plänen des badischen Ingenieurs Robert Gerwig errichtet.[4]

Gerwig war später auch an zahlreichen weiteren bedeutenden Eisenbahnprojekten im süddeutschen Raum beteiligt.

Bau

Die Bauarbeiten an der Strecke erfolgten hauptsächlich zwischen 1857 und 1859. Im Archiv von SBB Historic sind zahlreiche Pläne der Kunstbauten aus dieser Bauperiode erhalten.[5]

Die Trasse konnte im unteren Aaretal über weite Abschnitte relativ geradlinig angelegt werden.

Deutlich anspruchsvoller war der letzte Abschnitt zwischen Koblenz und Waldshut. Dort mussten ein Geländeeinschnitt, ein Tunnel und die Rheinbrücke errichtet werden.

Mehrere Bauwerke wurden bereits so dimensioniert, dass ein späterer zweigleisiger Ausbau möglich gewesen wäre. Die Strecke selbst erhielt jedoch zunächst nur ein Gleis.

Eröffnung 1859

Am 18. August 1859 wurde die gesamte Verbindung zwischen Turgi und Waldshut eröffnet.[1]

Die neue Bahn stellte erstmals eine direkte Verbindung zwischen dem Netz der Schweizerischen Nordostbahn und dem badischen Eisenbahnnetz her.[2]

In Waldshut bestand Anschluss an die bereits bestehende rechtsrheinische Bahnstrecke.

Die Bedeutung der Eröffnung ging deshalb weit über die lokalen Verkehrsbedürfnisse der Gemeinden im unteren Aaretal hinaus.

Die Verbindung Turgi–Waldshut gehörte zu den frühesten internationalen Eisenbahnverbindungen der Schweiz und war die erste direkte Eisenbahnverbindung zwischen dem schweizerischen und dem deutschen Bahnnetz.

Schweizerische Nordostbahn

Die Strecke gehörte zunächst der Schweizerischen Nordostbahn.

Für die NOB war sie Teil einer Strategie, Zürich mit Basel und Deutschland über das rechtsrheinische badische Eisenbahnnetz zu verbinden.

Bereits 1858 war die Verbindung von Brugg über Aarau und Olten in Richtung Basel möglich geworden. Die Strecke nach Waldshut eröffnete jedoch eine zweite Route, die teilweise über badisches Gebiet führte.[6]

Der internationale Anschluss erhöhte zugleich die Bedeutung des Bahnknotens Turgi.

Übergang an die SBB

Die Schweizerische Nordostbahn gehörte zu den grossen privaten Bahngesellschaften, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts verstaatlicht wurden.

1902 wurde die NOB in die Schweizerischen Bundesbahnen integriert.

Damit gelangte auch der schweizerische Abschnitt der Strecke Turgi–Koblenz–Waldshut in das Netz der SBB.

In den folgenden Jahrzehnten wurden Gleise, Bahnhöfe, Sicherungsanlagen und Brücken wiederholt modernisiert.

Streckenverlauf

= Turgi

Die Strecke beginnt im Bahnhof Turgi.

Turgi liegt an der Hauptachse zwischen Baden, Brugg und Aarau. Die Strecke nach Koblenz zweigt hier in nördlicher Richtung ab.

Unmittelbar nach der Abzweigung beschreibt die Bahn eine enge Kurve und überquert die Limmat.

Die historische Eisenbahnbrücke besteht aus drei gemauerten Bögen und wurde in den Jahren 1857 bis 1859 für die neue Verbindung gebaut.[1]

Nach der Limmatquerung führt die Strecke durch das Gebiet der heutigen Gemeinde Gebenstorf beziehungsweise entlang der Grenze zu Untersiggenthal weiter nach Norden.

Siggenthal-Würenlingen

Der Bahnhof Siggenthal-Würenlingen befindet sich im nördlichen Teil des Gemeindegebiets von Untersiggenthal und erschliesst gleichzeitig die benachbarte Gemeinde Würenlingen.

Das Aufnahmegebäude entstand im Zusammenhang mit der Eröffnung der Strecke von 1859.[7]

Der Standort zeigt, dass die frühen Eisenbahnstationen häufig so angelegt wurden, dass mehrere Gemeinden gemeinsam bedient werden konnten.

Heute besitzt der Bahnhof sowohl für den regionalen Personenverkehr als auch für den Güterverkehr Bedeutung.

Industrie- und Güterverkehr

Nördlich von Siggenthal-Würenlingen befinden sich mehrere bedeutende industrielle und energiewirtschaftliche Anlagen.

Über Anschlussgleise sind beziehungsweise waren verschiedene Betriebe mit der Bahnstrecke verbunden.

In der Region befinden sich unter anderem das Kernkraftwerk Beznau und das Zentrale Zwischenlager für radioaktive Abfälle bei Würenlingen.

Die Möglichkeit, schwere Güter auf der Schiene zu transportieren, gehört deshalb neben dem Personenverkehr zu den wichtigen Funktionen der Strecke.

Döttingen

Nach einem für schweizerische Verhältnisse auffallend geradlinigen Streckenabschnitt erreicht die Bahn Döttingen.

Der Bahnhof Döttingen ist ein wichtiger regionaler Verkehrspunkt im unteren Aaretal.

Die Station trug während eines Teils ihrer Geschichte den Namen Döttingen-Klingnau, weil sie auch die benachbarte Stadt Klingnau erschloss.

Mit der späteren Eröffnung einer eigenen Haltestelle in Klingnau wurde wieder die Bezeichnung Döttingen verwendet.

Döttingen besitzt heute Anschlüsse an regionale Buslinien und ist ein wichtiger Bahnhof der S27.

Klingnau

Zwischen Döttingen und Koblenz befindet sich die Haltestelle Klingnau.

Sie wurde wesentlich später als die ursprüngliche Strecke eröffnet und verbessert die direkte Erschliessung der historischen Kleinstadt Klingnau.

Die S27 hält regelmässig in Klingnau und verbindet die Stadt mit Baden, Turgi, Döttingen, Koblenz und teilweise Waldshut.

Zwischen Döttingen und Klingnau folgt die Bahn weitgehend dem Verlauf des unteren Aaretals.

Koblenz

Der Bahnhof Koblenz wurde gemeinsam mit der Strecke Turgi–Waldshut am 18. August 1859 eröffnet.[2]

Koblenz entwickelte sich später zu einem bedeutenden regionalen Eisenbahnknoten.

Am 1. August 1876 wurde eine weitere Bahnstrecke eröffnet, die Koblenz über Bad Zurzach, Eglisau und Bülach mit Winterthur verband.

Am 1. August 1892 folgte die Strecke von Koblenz über Laufenburg nach Stein-Säckingen.[8]

Damit trafen in Koblenz schliesslich Bahnverbindungen aus vier Richtungen zusammen.

Koblenzer Tunnel

Nach dem Bahnhof Koblenz führt die Strecke in Richtung Rhein.

Dabei durchquert sie zunächst einen tiefen Einschnitt und anschliessend den Koblenzer Tunnel.

Der historische Tunnel ist rund 181 Meter lang. Bereits beim Bau wurde sein Querschnitt für zwei Gleise vorbereitet, obwohl die Strecke nur eingleisig ausgeführt wurde.

Nach dem Tunnel erreicht die Bahn auf einem erhöhten Damm das Dorfgebiet von Koblenz und die Zufahrt zur Rheinbrücke.

Rheinbrücke Waldshut–Koblenz

Das bedeutendste Bauwerk der Strecke ist die Rheinbrücke Waldshut–Koblenz.

Sie entstand 1858 und 1859 nach einem Projekt des Ingenieurs Robert Gerwig.[4]

Die Brücke überquert den Hochrhein zwischen Koblenz und Waldshut und bildet zugleich den Grenzübergang zwischen der Schweiz und Deutschland.

Das gesamte Bauwerk ist rund 190 Meter lang. Der eigentliche eiserne beziehungsweise stählerne Gitterträger über dem Rhein hat eine Länge von etwa 130 Metern.

Die Brücke ruht auf zwei Strompfeilern. Auf Schweizer Seite schliesst ein gemauertes Vorwerk an.

Historische Bedeutung der Rheinbrücke

Die Rheinbrücke gehört zu den bedeutendsten erhaltenen Eisenbahnbauwerken aus der Frühzeit des Eisenbahnwesens in der Schweiz.

Der Hauptteil der Gitterfachwerkkonstruktion stammt noch aus dem Jahr 1859. Die Brücke wurde im Verlauf ihrer Geschichte verstärkt und wiederholt saniert, ohne dass ihre grundlegende historische Konstruktion vollständig ersetzt wurde.

Sie gilt deshalb als aussergewöhnliches Zeugnis des Eisenbahn- und Brückenbaus des 19. Jahrhunderts.

Der Kanton Aargau führt sie als bedeutendes historisches Bauinventarobjekt.[4]

Waldshut

Nach der Überquerung des Rheins erreicht die Strecke deutsches Staatsgebiet und kurz darauf den Bahnhof Waldshut.

Waldshut liegt an der Hochrheinbahn, die entlang des Rheins unter anderem Verbindungen in Richtung Basel Bad Bf, Schaffhausen und Singen ermöglicht.

Der Bahnhof wurde dadurch bereits 1859 zu einem internationalen Umsteigepunkt zwischen der schweizerischen und der badischen Eisenbahn.

Heute ermöglicht Waldshut weiterhin den Übergang zwischen dem schweizerischen Regionalverkehr und den Zügen auf der deutschen Hochrheinbahn.

Bahnhöfe und Haltestellen

Auf der Strecke liegen heute folgende wichtige Stationen:

Station Land Bedeutung
Turgi Schweiz Abzweigung von der Hauptstrecke Baden–Brugg
Siggenthal-Würenlingen Schweiz Regionalverkehr und Güterverkehr
Döttingen Schweiz Regionaler Bahnhof
Klingnau Schweiz Regionalverkehr
Koblenz Schweiz Eisenbahnknoten Richtung Waldshut, Bad Zurzach und Laufenburg
Waldshut Deutschland Anschluss an die Hochrheinbahn

Elektrifizierung

Die Elektrifizierung der Strecke erfolgte in zwei deutlich voneinander getrennten Phasen.

Während des Zweiten Weltkriegs führte die Kohleknappheit in der Schweiz zu einer beschleunigten Elektrifizierung noch mit Dampflokomotiven betriebener Strecken.

Der elektrische Betrieb zwischen Turgi und Koblenz wurde am 14. Oktober 1944 aufgenommen.

Der internationale Abschnitt von Koblenz nach Waldshut blieb dagegen noch jahrzehntelang ohne Fahrleitung.

Erst 1999 wurde auch die Verbindung über die Rheinbrücke bis Waldshut elektrifiziert.

Damit konnten elektrische Schweizer Regionalzüge ohne Traktionswechsel bis zum Bahnhof Waldshut verkehren.

Personenverkehr

Die Strecke wird heute hauptsächlich vom regionalen Personenverkehr genutzt.

Im Fahrplanjahr 2026 verkehren auf dem Schweizer Abschnitt insbesondere die Linien S27 und auf dem Grenzabschnitt zusätzlich S36.[3]

Die S27 gehört zur S-Bahn Aargau.

Die S36 wird von Thurbo betrieben und verbindet den Raum Bülach über das Zürcher Unterland mit Koblenz und Waldshut.

S27

Die Linie S27 verbindet im Fahrplanjahr 2026 Baden mit dem unteren Aaretal.

Sie verkehrt über Turgi, Siggenthal-Würenlingen, Döttingen und Klingnau nach Koblenz und je nach Verbindung weiter nach Bad Zurzach oder Waldshut.[9]

Damit bietet die S27 eine direkte Verbindung aus dem unteren Aaretal zum regionalen Zentrum Baden.

In Turgi bestehen Anschlüsse an weitere Züge in Richtung Brugg, Aarau und Zürich.

S36

Auf dem Abschnitt Koblenz–Waldshut verkehren zusätzlich Züge der Linie S36.

Die S36 verbindet Bülach über Eglisau, Kaiserstuhl, Bad Zurzach und Koblenz mit Waldshut.[3]

Sie gehört zum grenzüberschreitenden Regionalverkehr zwischen dem Zürcher Unterland, dem Zurzibiet und dem deutschen Hochrhein.

Die Linie wird von Thurbo betrieben.

Zwischen Koblenz und Waldshut benutzen S27 und S36 dieselbe historische Rheinquerung.

Unterbruch der Rheinverbindung 2023–2025

Im April 2023 begannen umfangreiche Sanierungsarbeiten an der historischen Rheinbrücke zwischen Koblenz und Waldshut.[10]

Im Verlauf der Arbeiten wurde festgestellt, dass der alte Korrosionsschutz in grösserem Umfang als erwartet mit Asbest belastet war.

Die Sanierung erwies sich dadurch als wesentlich komplexer und langwieriger.

Die Bahnverbindung zwischen Koblenz und Waldshut blieb während der Arbeiten gesperrt. Die ausfallenden Züge der S27 und S36 wurden durch Busse ersetzt.

Wiederaufnahme des Zugverkehrs 2025

Der Bahnersatzverkehr dauerte rund zweieinhalb Jahre.

Zum Fahrplanwechsel am 14. Dezember 2025 konnten die Züge der Linien S27 und S36 wieder nach Waldshut verkehren.[3]

Damit wurde die grenzüberschreitende Eisenbahnverbindung rechtzeitig zum Fahrplanjahr 2026 wiederhergestellt.

Weitere Sanierungsarbeiten an der unteren Konstruktion der Rheinbrücke dauern nach Angaben der SBB voraussichtlich bis Ende Winter 2026/2027 an. Diese Arbeiten sind so organisiert, dass für den regulären Bahnverkehr grundsätzlich keine weitere langfristige Sperrung erforderlich ist.[10]

Güterverkehr

Die Strecke besitzt neben dem Personenverkehr weiterhin Bedeutung für den Gütertransport.

Dies gilt insbesondere für den Abschnitt zwischen Turgi, Siggenthal-Würenlingen und Döttingen.

In der Region bestehen Gleisanschlüsse zu Industrie- und Energieanlagen.

Die vergleichsweise geringe zulässige Belastung der historischen Rheinbrücke beschränkt jedoch die Nutzung des Grenzabschnitts durch besonders schwere Güterzüge.

Der moderne internationale Güterverkehr zwischen der Schweiz und Deutschland benutzt daher überwiegend leistungsfähigere Grenzübergänge wie Basel.

Bedeutung für das untere Aaretal

Die Eisenbahn hatte grossen Einfluss auf die wirtschaftliche und räumliche Entwicklung des unteren Aaretals.

Gemeinden wie Untersiggenthal, Würenlingen, Döttingen, Klingnau und Koblenz erhielten durch die Strecke eine direkte Verbindung zu Baden und zum übrigen schweizerischen Eisenbahnnetz.

Mit der Industrialisierung entstanden in Bahnhofsnähe Gewerbe- und Industrieanlagen.

Heute ist die Strecke vor allem für Berufspendler von Bedeutung. Die S27 verbindet die Gemeinden des Zurzibiets mit Baden und den dortigen Anschlüssen in Richtung Zürich und Brugg.

Bedeutung für Koblenz

Für Koblenz war die Eröffnung der Bahn 1859 von besonderer Bedeutung.

Aus einem Grenzort am Zusammenfluss von Aare und Rhein entwickelte sich die Gemeinde zu einem Eisenbahnknoten.

Mit der Strecke nach Winterthur von 1876 und der Verbindung in Richtung Stein-Säckingen von 1892 entstanden zusätzliche Verkehrsachsen.[8]

Die Lage des Bahnhofs südlich des Dorfkerns und die unterschiedlichen Bahnstrecken beeinflussten die Siedlungsentwicklung von Koblenz dauerhaft.

Mehrere historische Eisenbahnbauten aus dem 19. Jahrhundert sind bis heute erhalten.

Erste Eisenbahnverbindung nach Deutschland

Die besondere historische Bedeutung der Strecke liegt in ihrer grenzüberschreitenden Funktion.

Vor 1859 gab es bereits Eisenbahnverkehr auf Schweizer Boden und Verbindungen nach Frankreich. Die Strecke Turgi–Waldshut stellte jedoch erstmals eine direkte Verbindung des schweizerischen Eisenbahnnetzes mit dem Eisenbahnnetz des damaligen Grossherzogtums Baden her.[4]

Damit entstand eine Eisenbahnverbindung zwischen der Schweiz und einem Gebiet, das später Teil Deutschlands wurde.

Die Linie gehört deshalb zu den wichtigsten frühen internationalen Eisenbahnstrecken der Schweiz.

Militärische und strategische Bedeutung

Als grenzüberschreitende Eisenbahnverbindung besass die Strecke zeitweise auch militärische und strategische Bedeutung.

Die Rheinbrücke und der Koblenzer Tunnel lagen unmittelbar im Grenzgebiet und konnten in Krisen- und Kriegszeiten besonders überwacht werden.

Im Umfeld der Strecke entstanden im 20. Jahrhundert militärische Anlagen und Befestigungen.

Die strategische Bedeutung nahm nach dem Zweiten Weltkrieg ab, während die Rolle im regionalen Personenverkehr zunehmend in den Vordergrund trat.

Technische Besonderheiten

Die Strecke ist überwiegend eingleisig.

Ihre Trassierung unterscheidet sich deutlich zwischen dem relativ flachen Abschnitt im unteren Aaretal und dem kurzen, technisch anspruchsvolleren Grenzabschnitt bei Koblenz.

Zu den wichtigsten Kunstbauten gehören:

  • die historische Limmatbrücke bei Turgi;
  • der Koblenzer Tunnel;
  • die Rheinbrücke Waldshut–Koblenz.

Die Limmat- und Rheinbrücken gehören zu den älteren noch im Eisenbahnbetrieb genutzten Ingenieurbauwerken der Region.

Rheinbrücke als Kulturgut

Die Rheinbrücke besitzt nicht nur verkehrstechnische, sondern auch denkmalpflegerische Bedeutung.

Ihre aus dem 19. Jahrhundert stammende Gitterfachwerkkonstruktion ist aussergewöhnlich gut erhalten.

Sie dokumentiert die Entwicklung des eisernen Brückenbaus zu Beginn des Eisenbahnzeitalters und gleichzeitig die Entstehung grenzüberschreitender Verkehrsnetze.

Die aufwendige Sanierung im 21. Jahrhundert verfolgt deshalb das Ziel, das historische Bauwerk weiterhin im regulären Bahnbetrieb nutzen zu können.[10]

Tarifverbund

Die Schweizer Stationen der Strecke liegen im Gebiet des Tarifverbunds A-Welle.

Die S27 ist vollständig in das regionale Tarifsystem eingebunden.

Bei grenzüberschreitenden Fahrten nach Waldshut gelten die entsprechenden internationalen beziehungsweise grenzüberschreitenden Tarifbestimmungen.

Der Bahnhof Waldshut besitzt für Reisende aus dem Aargau zudem Bedeutung als Umsteigepunkt zum deutschen Nahverkehr.

Heutige Bedeutung

Mehr als 165 Jahre nach ihrer Eröffnung erfüllt die Bahnstrecke Turgi–Koblenz–Waldshut weiterhin mehrere Funktionen.

Sie ist eine regionale Pendlerstrecke des Kantons Aargau, erschliesst wichtige Industrie- und Energieanlagen und stellt eine direkte Eisenbahnverbindung nach Deutschland her.

Die grenzüberschreitende Funktion ist im Vergleich zu den grossen internationalen Korridoren über Basel zwar von regionaler Bedeutung, für das Zurzibiet und den Landkreis Waldshut aber weiterhin wichtig.

Die Wiederaufnahme des Zugverkehrs über die Rheinbrücke im Dezember 2025 unterstreicht die Bedeutung dieser Verbindung für den öffentlichen Verkehr beiderseits der Grenze.[3]

Historische Bedeutung

Die Strecke gehört zu den bedeutenden Eisenbahnbauten der frühen Schweizer Eisenbahngeschichte.

Sie entstand nur zwölf Jahre nach der Eröffnung der Spanisch-Brötli-Bahn zwischen Zürich und Baden und dokumentiert die rasante Entwicklung des Eisenbahnnetzes in den 1850er Jahren.

Mit der Verbindung nach Waldshut überschritt die Schweizerische Nordostbahn erstmals die nationale Grenze und erhielt Zugang zum badischen Eisenbahnnetz.

Die erhaltene Rheinbrücke macht diese Geschichte bis heute unmittelbar sichtbar.

Die Bahnstrecke Turgi–Koblenz–Waldshut verbindet damit regionale Verkehrsgeschichte, internationale Eisenbahngeschichte und bedeutende Ingenieurbaukunst des 19. Jahrhunderts.

Siehe auch

Literatur

  • Hans G. Wägli: Schienennetz Schweiz. Ein technisch-historischer Atlas. AS Verlag, Zürich 1998.
  • Hans G. Wägli: Bahnprofil Schweiz 2005. Diplory Verlag, Grafenried 2004.
  • SBB Historic: Archivunterlagen und Pläne zur Strecke Turgi–Waldshut.
  • Kanton Aargau, Denkmalpflege: Bauinventare der Eisenbahnbauten in Turgi und Koblenz.

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 Kanton Aargau, Denkmalpflege: Eisenbahnbrücke über die Limmat, Turgi, abgerufen am 9. August 2026.
  2. 2,0 2,1 2,2 Kanton Aargau, Denkmalpflege: Aufnahmegebäude Bahnhof Koblenz, abgerufen am 9. August 2026.
  3. 3,0 3,1 3,2 3,3 3,4 Tarifverbund A-Welle: Fahrplanwechsel 2026, abgerufen am 9. August 2026.
  4. 4,0 4,1 4,2 4,3 Kanton Aargau, Denkmalpflege: Eisenbahnbrücke über den Rhein, Koblenz, abgerufen am 9. August 2026.
  5. SBB Historic: Kunstbauten auf der Strecke Turgi–Waldshut (1857–1859), abgerufen am 9. August 2026.
  6. Kanton Aargau, Denkmalpflege: Aufnahmegebäude Bahnhof Brugg, abgerufen am 9. August 2026.
  7. Kanton Aargau, Denkmalpflege: Aufnahmegebäude Bahnhof Siggenthal-Würenlingen, abgerufen am 9. August 2026.
  8. 8,0 8,1 Kanton Aargau, Denkmalpflege: Eisenbahnbrücke über die Aare, Koblenz, abgerufen am 9. August 2026.
  9. SBB: Liniennetzplan S-Bahnen Aargau 2026, gültig ab 14. Dezember 2025, abgerufen am 9. August 2026.
  10. 10,0 10,1 10,2 SBB: Koblenz: Instandsetzung der Rheinbrücke, abgerufen am 9. August 2026.