Turgi

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Turgi
Wappen von Turgi
Kanton Aargau
Bezirk Baden
Gemeinde Baden
BFS-Nr. 4042
Postleitzahl 5300
Koordinaten 47,49457° N, 8,25272° E
Höhe 337 m ü. M.
Fläche 1.55 km²
Einwohner 3157
Stand: 31. Dezember 2023
Website baden.ch

Turgi ist ein Stadtteil der Stadt Baden im Kanton Aargau in der Schweiz. Der Ort liegt im unteren Limmattal westlich des Badener Stadtzentrums und gehört zum Bezirk Baden. Bis Ende 2023 war Turgi eine selbständige politische Gemeinde. Am 1. Januar 2024 fusionierte sie mit Baden und wurde zu einem offiziellen Stadtteil der Stadt.[1]

Turgi ist stark durch die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts geprägt. Aus einer kleinen Siedlung an der Limmat entwickelte sich rund um die Baumwollspinnereien der Familie Bebié ein Industrieort mit Arbeiterhäusern, Fabrikantenvillen und eigener Infrastruktur. Für den sorgfältigen Umgang mit diesem baulichen Erbe und seine Siedlungsentwicklung erhielt Turgi 2002 den Wakkerpreis.[2]

Geographie

Turgi liegt nordwestlich des Zentrums von Baden im unteren Limmattal, kurz vor dem Gebiet des sogenannten Wasserschlosses, wo Limmat, Reuss und Aare auf engem Raum zusammenfliessen.

Das historische Dorfzentrum befindet sich auf einer von einer Flussschlaufe der Limmat gebildeten Halbinsel. Südlich davon steigt das Gelände deutlich an. Auf der höher gelegenen Terrasse befinden sich unter anderem die Siedlungsbereiche Wil und Gehling.

Das Gebiet der ehemaligen Gemeinde umfasste 1,55 km². Der tiefste Bereich liegt an der Limmat auf rund 333 Metern über Meer, während das Gelände am Chörnlisberg deutlich höher ansteigt.[3]

Vor der Fusion grenzte Turgi an Untersiggenthal, Obersiggenthal, Baden und Gebenstorf.

Name

Der Ortsname Turgi ist bereits im Mittelalter belegt. Eine Quelle von 1281 nennt die Form in Turge.[4]

Der Name wird auf eine althochdeutsche Form zurückgeführt, die sinngemäss «im Thurgau» oder «im Gebiet des Thurgaus» bedeutet. Hintergrund ist die historische Ausdehnung des frühmittelalterlichen Thurgaus, dessen westliche Grenze bis in die Gegend an Limmat und Aare reichte.[4]

Geschichte

Frühe Geschichte

Das Gebiet um Turgi lag bereits in römischer Zeit an einem wichtigen Verkehrsweg zwischen Vindonissa und Aquae Helveticae, dem heutigen Baden.

Im Gebiet von Wil wurde 1534 ein römischer Meilenstein entdeckt, der aus der Zeit des Kaisers Trajan stammt. Das Original gelangte später in das Schweizerische Nationalmuseum.

Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts war Turgi nur dünn besiedelt. Im Bereich der Limmat befand sich unter anderem ein Fährbetrieb, während das benachbarte Wil eine ältere bäuerliche Siedlung bildete.

Entstehung des Industrieorts

Die eigentliche Entwicklung Turgis begann in den 1820er-Jahren. Die Zürcher Unternehmerfamilie Bebié erkannte die günstigen Voraussetzungen der Limmat für die Nutzung der Wasserkraft.

1826 begann der Bau einer Baumwollspinnerei. Bis 1828 entstanden neben dem Fabrikgebäude auch Wohn- und Wirtschaftsgebäude sowie Anlagen zur Nutzung der Wasserkraft. 1833 wurde die Industrieanlage erweitert.[5]

Die Spinnerei gehörte zeitweise zu den bedeutendsten Betrieben ihrer Art in der Schweiz. Rund um die Fabriken entstanden Arbeiterwohnungen, Kosthäuser und Fabrikantenvillen. Dadurch entwickelte sich Turgi innerhalb weniger Jahrzehnte von einer kleinen Siedlung zu einem ausgeprägten Industrieort.

Ein bedeutendes Gebäude aus dieser Zeit ist das sogenannte Langhaus, ein lang gestrecktes Arbeiterwohnhaus aus dem Jahr 1833. Es bildete zusammen mit weiteren Wohnbauten einen wichtigen Bestandteil der frühen Fabriksiedlung.[5]

Auch eine eigene Fabrikschule bestand zeitweise. Zwischen 1838 und 1849 wurden Kinder von Fabrikarbeiterfamilien in einem zur Fabrik gehörenden Gebäude unterrichtet.[6]

Eisenbahn

Ein weiterer Entwicklungsschub erfolgte mit dem Bau der Eisenbahn.

Am 29. September 1856 wurde die Bahnstrecke von Baden über Turgi nach Brugg eröffnet. Der Bahnhof Turgi entwickelte sich wenige Jahre später zu einem Eisenbahnknoten.[7]

Am 18. August 1859 folgte die Strecke von Turgi über Koblenz nach Waldshut. Damit erhielt der Ort eine Verbindung in Richtung Hochrhein und Deutschland.

Der Bahnhof blieb für die Entwicklung des Orts von grosser Bedeutung. Turgi ist bis heute ein wichtiger Umsteigepunkt im regionalen Eisenbahnverkehr.

Selbständige Gemeinde

Turgi gehörte ursprünglich zur Gemeinde Gebenstorf. Mit dem raschen Wachstum des Industrieorts entstanden jedoch zunehmend unterschiedliche wirtschaftliche und politische Interessen.

Die Turgemer Bevölkerung und die dort ansässigen Industriebetriebe verfügten über eine erhebliche wirtschaftliche Bedeutung. Gleichzeitig fühlte sich der Ort innerhalb der Gemeinde Gebenstorf politisch unzureichend vertreten.

Nach mehreren Anläufen bewilligte der Grosse Rat des Kantons Aargau die Trennung. Anfang 1884 wurde Turgi zusammen mit Wil zu einer selbständigen politischen Gemeinde.[8]

Die neue Gemeinde entwickelte ihre eigene Verwaltung und Infrastruktur. Ende des 19. Jahrhunderts entstanden mehrere öffentliche Gebäude. Dazu gehörte das 1897 bis 1898 nach Plänen von Karl Moser und Robert Curjel errichtete Gemeindeschulhaus.[6]

20. und 21. Jahrhundert

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts verlor die traditionelle Textilindustrie ihre frühere wirtschaftliche Bedeutung. Die historischen Industrieanlagen und Wohnbauten prägten das Ortsbild jedoch weiterhin.

Turgi entwickelte sich zunehmend zu einer Wohn- und Agglomerationsgemeinde zwischen Baden und Brugg. Gleichzeitig bemühte sich die Gemeinde darum, ihre industriegeschichtlich bedeutende Bausubstanz zu erhalten und neue Bauvorhaben in die bestehende Siedlungsstruktur einzufügen.

Diese Ortsentwicklung führte 2002 zur Verleihung des Wakkerpreises durch den Schweizer Heimatschutz.[2]

Fusion mit Baden

Seit mehreren Jahren bestanden zwischen Turgi und Baden enge funktionale und administrative Beziehungen. Schliesslich wurde ein Zusammenschluss der beiden Gemeinden vorbereitet.

Am 12. März 2023 stimmten die Stimmberechtigten beider Gemeinden über die Fusion ab. In Baden unterstützten 59,2 Prozent der Abstimmenden den Zusammenschluss. In Turgi lag der Ja-Anteil bei 85,7 Prozent. In Turgi wurden 666 Ja- und 111 Nein-Stimmen abgegeben.[1]

Die Fusion trat am 1. Januar 2024 in Kraft. Die bisherige politische Gemeinde Turgi wurde aufgehoben und ihr Gebiet in die Stadt Baden eingegliedert. Turgi bildet seither einen offiziellen Stadtteil von Baden.[1]

Mit dem Zusammenschluss gingen unter anderem die kommunalen Aufgaben, Liegenschaften und Teile der Infrastruktur an die Stadt Baden über.

Bevölkerung

Kurz vor der Fusion mit Baden zählte Turgi 3157 Einwohnerinnen und Einwohner. Der entsprechende Stand bezieht sich auf den 31. Dezember 2023.

Die Bevölkerungsentwicklung des Orts hängt eng mit seiner Industriegeschichte zusammen. Vor dem Bau der Spinnereien bestand Turgi nur aus wenigen Gebäuden. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wuchs die Bevölkerung durch den Zuzug von Arbeiterinnen und Arbeitern stark an.

Im 20. Jahrhundert wandelte sich Turgi von einer industriell geprägten Gemeinde zunehmend zu einem Wohnort innerhalb der Agglomeration Baden–Brugg.

Ortsbild und Architektur

Das Ortsbild von Turgi unterscheidet sich von vielen älteren Aargauer Dörfern. Es entstand zu einem grossen Teil erst während der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts.

Besonders charakteristisch sind die räumliche Verbindung zwischen Fabrikanlagen, Arbeiterwohnhäusern, Fabrikantenvillen, Grünanlagen und der Limmat.

Zu den bedeutenden Elementen des historischen Ortsbilds gehören:

  • die ehemaligen Spinnereigebäude;
  • das Langhaus und weitere frühere Arbeiterwohnhäuser;
  • ehemalige Fabrikantenvillen;
  • das historische Schulhaus;
  • die Anlagen zur Nutzung der Wasserkraft;
  • die gedeckte Holzbrücke über die Limmat;
  • weitere Industrie- und Verkehrsbauten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Ein Teil dieser Gebäude und Anlagen steht unter Schutz.

Wakkerpreis

Der Schweizer Heimatschutz verlieh der damaligen Gemeinde Turgi im Jahr 2002 den Wakkerpreis.

Ausgezeichnet wurde insbesondere der Umgang mit dem historischen Industrieort. Der Heimatschutz würdigte, dass Turgi trotz seiner Lage in einem stark verdichteten Agglomerationsraum eine eigenständige Identität erhalten und die Qualität seiner Siedlungsentwicklung verbessert hatte.[2]

Besondere Bedeutung hatten dabei der Schutz des historischen Spinnereiareals, der Fabrikantenvillen und ihrer Grünanlagen sowie qualitative Anforderungen an Neubauten.

Seit der Fusion von 2024 gehören mit Baden und Turgi zwei Orte zur gleichen Stadt, die bereits mit dem Wakkerpreis ausgezeichnet wurden. Baden erhielt die Auszeichnung 2020.

Wirtschaft

Die wirtschaftliche Entwicklung Turgis wurde während mehr als eines Jahrhunderts von der Industrie bestimmt.

Von besonderer Bedeutung war zunächst die Textilindustrie. Die Nutzung der Wasserkraft der Limmat ermöglichte den Betrieb grosser Spinnereien und trug entscheidend zur Entstehung des heutigen Orts bei.

Mit dem Strukturwandel nahm die Bedeutung der traditionellen Industrie ab. Ehemalige Industrieareale wurden teilweise umgenutzt und neuen gewerblichen oder wohnwirtschaftlichen Nutzungen zugeführt.

Heute ist Turgi funktional stark mit dem Wirtschaftsraum Baden und der Region Brugg verbunden.

Verkehr

Turgi verfügt aufgrund seiner Lage zwischen Baden und Brugg über eine gute Verkehrsanbindung.

Eisenbahn

Der Bahnhof Turgi liegt an der Bahnstrecke zwischen Baden und Brugg. Gleichzeitig zweigt hier die Strecke in Richtung Koblenz und Waldshut ab.

Der Bahnhof wird von Linien der S-Bahn Zürich und von Regionalzügen bedient und stellt insbesondere für Verbindungen aus dem unteren Aaretal und dem Surbtal in Richtung Baden und Zürich einen wichtigen Umsteigepunkt dar.

Strassenverkehr

Turgi ist über das regionale Strassennetz mit Baden, Gebenstorf, Brugg und den Gemeinden des Siggenthals verbunden.

Die Lage im dicht besiedelten Raum zwischen Baden und Brugg führt zu einem vergleichsweise hohen Verkehrsaufkommen auf den regionalen Hauptachsen.

Fuss- und Veloverkehr

Entlang der Limmat bestehen Fuss- und Velowege. Mehrere historische Industrieanlagen sind Teil des Industriekulturpfads Limmat-Wasserschloss.

Eine markante Verbindung über die Limmat ist die gedeckte Holzbrücke zwischen Turgi und Ennetturgi. Die heutige Brücke wurde 1921 errichtet. Sie wird heute vor allem vom Fuss- und Veloverkehr genutzt.

Sehenswürdigkeiten

Spinnereiareal

Das ehemalige Spinnereiareal bildet den historischen Kern des Industrieorts Turgi.

Die Fabrikanlagen entstanden ab den 1820er-Jahren und wurden während des 19. Jahrhunderts mehrfach erweitert. Zusammen mit den Wohnhäusern der Arbeiter und Fabrikanten vermitteln sie bis heute ein geschlossenes Bild der frühen Industrialisierung.

Langhaus

Das Langhaus wurde 1833 als Kosthaus für Arbeiterinnen und Arbeiter der Spinnerei errichtet.

Der lang gestreckte Bau enthielt zahlreiche Wohneinheiten und gehört zu den charakteristischen Gebäuden des historischen Fabrikdorfs.[5]

Gemeindeschulhaus

Das frühere Gemeindeschulhaus wurde 1897 bis 1898 nach Plänen der Architekten Karl Moser und Robert Curjel errichtet.

Der repräsentative Bau zeigte das gewachsene Selbstbewusstsein der noch jungen Gemeinde Turgi. Ursprünglich beherbergte das Gebäude neben Schulräumen auch Teile der Gemeindeverwaltung.[6]

Holzbrücke Ennetturgi

Die gedeckte Holzbrücke über die Limmat verbindet Turgi mit Ennetturgi auf der gegenüberliegenden Flussseite.

Bereits 1845 liess die Familie Bebié an dieser Stelle eine private Holzbrücke errichten, um den Zugang zur Spinnerei zu verbessern. Die heutige Brücke stammt aus dem Jahr 1921. Seit dem Bau einer neueren Strassenbrücke dient sie hauptsächlich Fussgängern und Velofahrern.

Kraftwerk Turgi

Die Nutzung der Limmat als Energiequelle reicht bis in die Frühzeit der Industrialisierung Turgis zurück.

Bereits beim Aufbau der Spinnereien wurden Wasserkanäle und Wasserräder eingesetzt. Am historischen Industriestandort befindet sich heute ein Laufwasserkraftwerk.

Bildung

Turgi verfügt über eigene Schulstandorte. Die Geschichte des Schulwesens ist eng mit der Industrialisierung verbunden.

Bereits die Familie Bebié unterstützte den Aufbau einer lokalen Schule für die Kinder der Fabrikbevölkerung. Seit der kommunalen Selbständigkeit Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Schulangebot weiter ausgebaut.

Seit der Fusion gehört das Schulwesen organisatorisch zur Stadt Baden.

Kultur und Vereine

Turgi verfügt über ein ausgeprägtes lokales Vereinsleben. Verschiedene Sport-, Kultur- und Freizeitvereine tragen zur lokalen Identität bei.

Auch nach der Fusion mit Baden wird Turgi als eigener Ortsteil mit einer gewachsenen Dorf- und Quartiergemeinschaft wahrgenommen.

Seit 2026 besteht mit dem turgitreff in der Weichlen ein selbstverwalteter Quartiertreffpunkt, der von lokalen Organisationen und der Bevölkerung genutzt werden kann.[9]

Sport

Eine wichtige Sportanlage ist die Oberau. Sie dient unter anderem dem FC Turgi als Spiel- und Trainingsstätte.

Nach der Fusion trat die Stadt Baden in die bisherigen Eigentumsrechte der Gemeinde Turgi ein. Seit dem 1. Januar 2026 ist Baden alleinige Eigentümerin und Betreiberin der Sportanlage Oberau.[10]

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 Stadt Baden: Baden und Turgi schliessen sich zusammen, 12. März 2023.
  2. 2,0 2,1 2,2 Stadt Baden: Wakkerpreis Turgi; Schweizer Heimatschutz, Wakkerpreis 2002.
  3. Bundesamt für Statistik und Landeskarte der Schweiz, Angaben zum ehemaligen Gemeindegebiet Turgi.
  4. 4,0 4,1 ortsnamen.ch: Turgi, Datenbank der Schweizer Ortsnamen.
  5. 5,0 5,1 5,2 Industriekulturpfad Limmat-Wasserschloss: Arbeiter- und Fabrikantenwohnhäuser Turgi.
  6. 6,0 6,1 6,2 Kanton Aargau, Denkmalpflege: Gemeindeschulhaus Turgi, 1897–1898.
  7. Schweizerische Eisenbahngeschichte: Bahnhof Turgi, Eröffnung am 29. September 1856.
  8. Gemeinde Gebenstorf: Geschichte.
  9. Stadt Baden: turgitreff: Neuer Quartiertreff in der Weichlen, 13. März 2026.
  10. Stadt Baden: Die Stadt Baden übernimmt den Betrieb der Sportanlage Oberau, 29. August 2025.

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