Geschichte des Kantons Thurgau
| Geschichte des Kantons Thurgau | |
|---|---|
| Früheste Dauersiedlungen | seit der Jungsteinzeit |
| Bedeutende römische Orte | Tasgetium, Ad Fines und Arbor Felix |
| Übergang an Habsburg | 1264 |
| Eroberung durch die Eidgenossen | 1460 |
| Gemeine Herrschaft | 1460–1798 |
| Befreiung aus der Untertanenschaft | 1798 |
| Eigenständiger Kanton | seit 1803 |
| Regenerationsverfassung | 1831 |
| Aufhebung der Klöster | 1848 |
| Übergang zur direkten Demokratie | 1869 |
| Einführung des kantonalen Frauenstimmrechts | 1971 |
| Annahme der heutigen Kantonsverfassung | 1987 |
| Inkrafttreten der heutigen Kantonsverfassung | 1990 |
| Gemeindereorganisation | 1990–2003 |
Die Geschichte des Kantons Thurgau umfasst die Entwicklung des Gebiets des heutigen Kantons Thurgau von den jungsteinzeitlichen Seeufersiedlungen über die römischen Zentren am Bodensee und Rhein, die mittelalterliche Landgrafschaft und die eidgenössische Untertanenherrschaft bis zum modernen Schweizer Kanton.
Der Thurgau wurde 1460 von sieben Orten der Alten Eidgenossenschaft erobert und danach bis 1798 als Gemeine Herrschaft verwaltet. Die Bevölkerung verfügte während dieser Zeit über keine eigene Vertretung an der eidgenössischen Tagsatzung. Erst der Zusammenbruch der alten Ordnung im Jahr 1798 beendete die Untertanenstellung. Durch die Mediationsakte von 1803 wurde der Thurgau zu einem selbstständigen und gleichberechtigten Kanton der Schweiz.[1]
Zu den prägenden Merkmalen der Kantonsgeschichte gehören die Lage zwischen Bodensee, Rhein und dem Raum Zürich–St. Gallen, die lange konfessionelle Durchmischung, das Fehlen eines einzigen dominierenden städtischen Zentrums sowie die Verbindung von Landwirtschaft, Heimindustrie und späterer Fabrikproduktion. Frauenfeld wurde 1803 zum Hauptort, während Weinfelden als Zentrum der liberalen Bewegungen von 1798 und 1830 eine besondere politische Bedeutung erhielt.
Historischer Raum und Name
Der Name Thurgau bezeichnete ursprünglich einen wesentlich grösseren Raum als den heutigen Kanton. Er ist vom Fluss Thur und dem althochdeutschen Wort Gau für einen Landschafts- oder Verwaltungsbezirk abgeleitet.
Der frühmittelalterliche Thurgau umfasste zeitweise Gebiete auf beiden Seiten des Bodensees und reichte im Süden und Westen über die heutigen Kantonsgrenzen hinaus. Auch Teile des späteren Kantons St. Gallen, des Appenzellerlands, des Zürcher Weinlands und des Gebiets um Konstanz wurden in verschiedenen Epochen zum Thurgau gerechnet.
Erst im Verlauf des Mittelalters verengte sich die Bezeichnung auf die Landgrafschaft zwischen Bodensee, Rhein, Hörnli und dem Raum Wil–Winterthur. Die Grenzen dieser Landgrafschaft bildeten die Grundlage des 1803 geschaffenen Kantons, stimmten aber nicht in allen Einzelheiten mit dessen späterem Gebiet überein.
Die Lage am Bodensee und entlang wichtiger Verkehrswege verband den Thurgau früh mit Süddeutschland, Vorarlberg, der Stadt Konstanz, der Region St. Gallen und dem Zürcher Raum. Politische Grenzen unterbrachen diese Beziehungen nie vollständig.
Urgeschichte
Das Gebiet des heutigen Kantons war bereits in der Steinzeit besiedelt. Besonders bedeutend sind die Fundstellen an den Ufern des Bodensees, des Untersees und in den kleineren Seen des Hinterlands.
Seit der Jungsteinzeit errichteten Menschen Siedlungen in unmittelbarer Nähe des Wassers. Die als Pfahlbauten bezeichneten Anlagen standen je nach Standort auf feuchtem Untergrund, am damaligen Ufer oder in flachen Wasserzonen. Holz, Pflanzenreste, Textilien, Werkzeuge und Nahrungsmittel konnten sich im feuchten Boden aussergewöhnlich gut erhalten.
Wichtige Siedlungsplätze wurden unter anderem bei Arbon, Eschenz, Gachnang, Hüttwilen und im Raum Pfyn untersucht. Die Fundstelle Niederwil bei Gachnang gab einer jungsteinzeitlichen Kulturgruppe ihren Namen. Die sogenannte Pfyner Kultur ist nach den Funden im Breitenloo bei Pfyn benannt und war im 4. Jahrtausend v. Chr. in Teilen der heutigen Schweiz und Süddeutschlands verbreitet.
Die Bewohner betrieben Ackerbau und Viehzucht, sammelten Wildpflanzen und nutzten die Seen und Flüsse zum Fischfang. Handelsbeziehungen sind durch Feuerstein, Schmuckstücke und andere Materialien nachweisbar, die aus weiter entfernten Regionen stammten.
Auch aus der Bronze- und Eisenzeit sind zahlreiche Siedlungen, Gräber und Einzelfunde bekannt. Befestigte Höhenanlagen und reiche Grabbeigaben weisen auf eine zunehmend gegliederte Gesellschaft hin. Das Bodenseegebiet war Teil eines grossräumigen Verkehrs- und Kulturraums zwischen Alpen, Donau und Oberrhein.
Römische Zeit
Nach der römischen Eroberung des Alpenvorlands im späten 1. Jahrhundert v. Chr. wurde das heutige Kantonsgebiet in das Römische Reich eingegliedert. Es gehörte zunächst zur Provinz Raetia beziehungsweise zu benachbarten Verwaltungsräumen.
Mehrere Strassen durchquerten den Thurgau. Eine wichtige Verbindung führte von Vitudurum, dem heutigen Oberwinterthur, über Frauenfeld und Pfyn nach Arbon und weiter in Richtung Bregenz. Andere Wege folgten dem Rhein und dem Bodenseeufer.
Tasgetium
Im Gebiet des heutigen Eschenz entstand kurz nach Beginn der römischen Zeit der Vicus Tasgetium. Die Siedlung lag an einer Rheinbrücke und entwickelte sich zu einem regionalen Handels-, Gewerbe- und Verkehrszentrum.
Archäologische Untersuchungen belegen Wohn- und Gewerbehäuser, Werkstätten, Frischwasserleitungen, Abwasserkanäle und eine öffentliche Badeanlage. Tasgetium erreichte im 2. und 3. Jahrhundert seine grösste Ausdehnung.[2]
Im 4. Jahrhundert entstand auf der gegenüberliegenden Rheinseite bei Stein am Rhein ein Kastell. Es gehörte zu einem System spätrömischer Befestigungen, das die Rhein- und Bodenseegrenze schützen sollte.
Ad Fines
Bei Pfyn befand sich die römische Siedlung Ad Fines. Ihr Name bedeutet «an der Grenze» und wird mit einer Verwaltungs- oder Provinzgrenze in Verbindung gebracht.
Im späten 3. oder frühen 4. Jahrhundert errichteten die Römer dort ein Kastell. Es sicherte die Strasse zwischen Vitudurum und Arbor Felix. Teile der spätrömischen Befestigung beeinflussten noch die mittelalterliche Siedlungsstruktur Pfyns.[3]
Arbor Felix
Das heutige Arbon erscheint in römischen Quellen als Arbor Felix. Der Ort lag verkehrsgünstig am Bodensee und wurde in der Spätantike durch ein Kastell gesichert.
Arbor Felix gehörte zusammen mit Tasgetium, Ad Fines und weiteren Befestigungen zum spätrömischen Verteidigungssystem an Rhein und Bodensee. Reste der Kastellmauer sind im Bereich der Arboner Altstadt erhalten.[4]
Neben den grösseren Siedlungen bestanden im ganzen Kantonsgebiet Gutshöfe, kleinere Ansiedlungen und handwerkliche Betriebe. Landwirtschaftliche Güter versorgten die örtliche Bevölkerung und die militärischen Anlagen mit Getreide, Fleisch und weiteren Erzeugnissen.
Frühmittelalter
Mit dem Rückzug der römischen Verwaltung im 5. Jahrhundert verschwanden die antiken Strukturen nicht überall sofort. In Arbon, Pfyn und Eschenz lassen sich teilweise Siedlungskontinuitäten erkennen.
Seit dem 5. und 6. Jahrhundert liessen sich alemannische Bevölkerungsgruppen in der Region nieder. Neue Dörfer und Einzelhöfe entstanden, während ältere römische Verkehrswege und Befestigungsplätze weitergenutzt wurden.
Der Thurgau wurde Teil des fränkischen Reiches. Im 8. Jahrhundert erscheint er als Grafschafts- und Verwaltungsraum. Königliche Amtsträger übten öffentliche Rechte aus, während Klöster, Bistümer und Adelsfamilien umfangreichen Grundbesitz erwarben.
Das Bistum Konstanz gewann grossen kirchlichen und politischen Einfluss. Der Thurgau gehörte bis ins 19. Jahrhundert zum Bistum Konstanz. Die Stadt Konstanz war für die Region Marktort, Bischofssitz und kulturelles Zentrum.
Auch die Klöster St. Gallen, Reichenau und Einsiedeln erhielten durch Schenkungen und Käufe Güter im Thurgau. Ihre Urkunden gehören zu den wichtigsten Quellen für die frühmittelalterliche Siedlungsgeschichte.
Kirchen und Pfarreien wurden in zahlreichen Dörfern gegründet. Frühmittelalterliche Gräberfelder, Kirchenbauten und Ortsnamen dokumentieren den Ausbau der Siedlungslandschaft.
Hochmittelalterliche Herrschaften
Im Hochmittelalter war der Thurgau politisch stark zersplittert. Rechte an Grundbesitz, Gerichten, Kirchen, Märkten und Abgaben lagen bei unterschiedlichen Herrschaftsträgern.
Zu den bedeutendsten Adelsfamilien gehörten die Kyburger. Sie besassen die Landgrafschaft und weitere Herrschaftsrechte. Daneben verfügten die Grafen von Toggenburg, die Herren von Klingen, die Herren von Bussnang und zahlreiche kleinere Adelsgeschlechter über Burgen und lokale Gerichte.
Nach dem Aussterben der Kyburger im Jahr 1264 fiel ein grosser Teil ihres Besitzes an die Habsburger. Diese wurden zu den wichtigsten weltlichen Herrschaftsträgern der Region.
Das Hochstift Konstanz behielt umfangreiche Gebiete, besonders um Arbon und Bischofszell. Die Fürstabtei St. Gallen besass unter anderem Rechte im südöstlichen Thurgau. Zahlreiche Klöster verfügten über eigene Niedergerichte und grundherrschaftliche Rechte.
Städte und Märkte
Zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert entstanden oder entwickelten sich mehrere Städte und Marktorte. Dazu gehörten Frauenfeld, Diessenhofen, Bischofszell, Arbon und Steckborn.
Frauenfeld wuchs unter dem Schutz einer Burg am Übergang über die Murg. Der Ort wurde zum Verwaltungszentrum der Landgrafschaft. Diessenhofen kontrollierte einen wichtigen Rheinübergang, während Arbon und Steckborn vom Handel auf dem Bodensee und Untersee profitierten.
Die Städte besassen unterschiedliche Freiheiten und Selbstverwaltungsrechte. Sie blieben jedoch in grössere adlige oder geistliche Herrschaften eingebunden.
Klöster
Klöster prägten das religiöse, kulturelle und wirtschaftliche Leben. Zu den wichtigsten Einrichtungen gehörten die Kartause Ittingen, das Benediktinerkloster Fischingen, das Chorherrenstift Kreuzlingen sowie die Frauenklöster Münsterlingen, St. Katharinental, Feldbach, Kalchrain und Tänikon.
Die Klöster betrieben Landwirtschaft, Weinbau, Fischerei und Handwerk. Sie besassen Wälder, Mühlen, Zehntrechte und Gerichte. Gleichzeitig waren sie Orte der Bildung, Armenfürsorge und religiösen Kultur.
Schwabenkrieg
Im Schwabenkrieg von 1499 wurde der Thurgau zum Kriegsschauplatz. Truppen des Schwäbischen Bundes und der Eidgenossen bewegten sich durch das Gebiet, plünderten Dörfer und zerstörten Gebäude.
Am 11. April 1499 kam es bei Triboltingen zur Schlacht bei Schwaderloh. Eidgenössische Truppen besiegten ein zahlenmässig stärkeres Heer des Schwäbischen Bundes, das zuvor in Richtung Konstanz zurückmarschiert war.
Der Sieg stärkte die eidgenössische Stellung im Thurgau. Für die örtliche Bevölkerung bedeutete der Krieg jedoch erhebliche Belastungen durch Einquartierungen, Abgaben, Plünderungen und Zerstörungen.
Eroberung von 1460
Die Habsburger konnten ihre Herrschaft im Thurgau im 15. Jahrhundert nicht mehr dauerhaft sichern. Konflikte zwischen Herzog Sigismund von Österreich und Papst Pius II. boten den Eidgenossen einen Anlass zum militärischen Eingreifen.
Im Herbst 1460 besetzten Truppen aus Zürich, Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug und Glarus die Landgrafschaft. Frauenfeld und weitere Orte ergaben sich den Angreifern. Diessenhofen leistete zunächst Widerstand, musste aber ebenfalls kapitulieren.
Der Thurgau wurde nicht als gleichberechtigter Ort in die Eidgenossenschaft aufgenommen. Er wurde vielmehr zum gemeinsamen Untertanengebiet der sieben erobernden Orte.
Die Herrschaftsrechte blieben auch nach der Eroberung kompliziert. Die Eidgenossen übernahmen vor allem die hohe Gerichtsbarkeit und die landesherrlichen Rechte. Die zahlreichen Niedergerichte der Klöster, Städte, Bischöfe und Adelsfamilien bestanden weiter.
Gemeine Herrschaft Thurgau
Von 1460 bis 1798 wurde der Thurgau als Gemeine Herrschaft der Eidgenossenschaft verwaltet. Die sieben regierenden Orte entsandten abwechselnd einen Landvogt, der in Frauenfeld residierte.
Der Landvogt vertrat die eidgenössischen Orte, leitete das Landgericht, zog Abgaben ein und überwachte die militärische und administrative Ordnung. Seine Amtszeit dauerte gewöhnlich zwei Jahre.
Die Bevölkerung besass keine gemeinsame kantonale Volksvertretung. Dörfer, Städte, Kirchgemeinden und Gerichtsherrschaften verfügten zwar über lokale Rechte, konnten aber nicht als gleichberechtigter Stand an der eidgenössischen Politik teilnehmen.
Der Thurgau war durch eine aussergewöhnlich grosse Zahl kleiner Niedergerichte geprägt. Geistliche und weltliche Gerichtsherren konnten in ihren Gebieten Vorschriften erlassen, Abgaben einziehen und kleinere Rechtsfälle beurteilen. Die hohe Strafgerichtsbarkeit blieb grundsätzlich bei den eidgenössischen Orten.
Das Nebeneinander verschiedener Zuständigkeiten führte zu einer unübersichtlichen Rechtsordnung. Die Einwohner eines Dorfes konnten einem Grundherrn, einem Gerichtsherrn, einer Kirchgemeinde und der eidgenössischen Landvogtei gleichzeitig unterstehen.
Nach dem Zweiten Villmergerkrieg von 1712 wurde Bern als achter Ort an der Herrschaft beteiligt. Gleichzeitig verlor Baden seine bisherige Bedeutung als Versammlungsort der Eidgenossenschaft. Die eidgenössische Tagsatzung tagte danach bis 1797 regelmässig in Frauenfeld.[5]
Reformation
Die reformatorischen Ideen aus Zürich und Konstanz verbreiteten sich seit den frühen 1520er-Jahren im Thurgau. Prediger, städtische Bürger und Teile der Landbevölkerung kritisierten kirchliche Missstände, Abgaben und die traditionelle Heiligenverehrung.
Ittingersturm
Im Juli 1524 wurde die Kartause Ittingen von einer aufgebrachten Menschenmenge geplündert und in Brand gesetzt. Auslöser waren die Verhaftung eines reformorientierten Pfarrers und der Widerstand gegen die obrigkeitliche Kirchenpolitik.
Der sogenannte Ittingersturm war zugleich ein religiöser, sozialer und politischer Konflikt. Die eidgenössischen Orte reagierten mit Strafverfahren. Mehrere Beteiligte wurden hingerichtet.
Das Ereignis verschärfte die Gegensätze zwischen den reformierten und katholischen Orten. Es wurde zu einem frühen Wendepunkt der Reformation in der Ostschweiz.
Einführung des reformierten Glaubens
Unter dem Einfluss Zürichs führten zahlreiche thurgauische Kirchgemeinden zwischen 1528 und 1529 den reformierten Gottesdienst ein. Klöster verloren zeitweise Einkünfte und Einfluss, Bilder und Altäre wurden aus Kirchen entfernt.
Nach der Niederlage der reformierten Orte im Zweiten Kappelerkrieg von 1531 änderte sich die Lage. Der Zweite Kappeler Landfriede erlaubte katholischen Minderheiten unter bestimmten Voraussetzungen die Wiedereinführung der Messe.
In vielen Gemeinden mussten reformierte und katholische Gläubige danach dieselbe Kirche nutzen. Solche paritätischen Kirchen oder Simultankirchen wurden zu einem besonderen Merkmal des Thurgaus.
Die gemeinsame Nutzung führte immer wieder zu Streit über Gottesdienstzeiten, Ausstattung, Friedhöfe, Schulen und kirchliches Vermögen. Gleichzeitig zwang sie beide Konfessionen zu lokalen Formen des Zusammenlebens.
Die konfessionelle Durchmischung blieb bis in die Neuzeit bestehen. Sie unterschied den Thurgau von vielen Gebieten der Schweiz, in denen sich geschlossene katholische oder reformierte Territorien gebildet hatten.
Frühe Neuzeit
Die thurgauische Gesellschaft war in der frühen Neuzeit vorwiegend ländlich geprägt. Ackerbau, Viehzucht, Weinbau, Obstbau und Fischerei bildeten die wichtigsten Erwerbsgrundlagen.
Am Bodensee, Untersee und Rhein bestanden intensive Handelsbeziehungen. Getreide, Wein, Salz, Vieh, Holz und Textilien wurden über regionale Märkte und Wasserwege transportiert.
Die Nähe zu Konstanz blieb wirtschaftlich bedeutend, obwohl die Stadt ausserhalb der Eidgenossenschaft lag. Frauenfeld, Weinfelden, Bischofszell, Arbon und Diessenhofen entwickelten sich zu regionalen Markt- und Handwerkszentren.
Textile Heimarbeit
Seit dem 17. und besonders im 18. Jahrhundert gewann die textile Heimarbeit an Bedeutung. In vielen Haushalten wurde gesponnen, gewebt oder später gestickt.
Kaufleute aus St. Gallen, Zürich und anderen Städten lieferten Garn und liessen Stoffe herstellen. Die Heimarbeit ergänzte die landwirtschaftlichen Einkommen und band den Thurgau in internationale Absatzmärkte ein.
Diese Wirtschaftsform ermöglichte ein Bevölkerungswachstum, führte aber auch zu Abhängigkeit von auswärtigen Unternehmern und schwankender Nachfrage. Krisen der Textilwirtschaft trafen zahlreiche Familien unmittelbar.
Kriege und Grenzlage
Während des Dreissigjährigen Kriegs blieb die Eidgenossenschaft grundsätzlich neutral. Der Thurgau war wegen seiner Nähe zu Konstanz und Süddeutschland dennoch von Truppendurchzügen, Flüchtlingen und wirtschaftlichen Störungen betroffen.
Im Jahr 1633 wurde das Kloster Kreuzlingen im Zusammenhang mit der schwedischen Belagerung von Konstanz zerstört. Es wurde später an einem anderen Standort wiederaufgebaut.
Auch spätere europäische Kriege belasteten die Region durch Einquartierungen, Grenzsicherung und Unterbrechungen des Handels.
Befreiung von 1798
Die Französische Revolution und der Vormarsch französischer Truppen erschütterten die politische Ordnung der Alten Eidgenossenschaft. Im Thurgau forderten führende Einwohner die Aufhebung der Untertanenstellung.
In Weinfelden bildete sich unter der Führung von Paul Reinhart ein Landeskomitee. Im Februar 1798 versammelten sich Abgeordnete und verlangten Freiheit, politische Gleichheit und eine eigene Landesvertretung.
Die regierenden eidgenössischen Orte gaben ihre Herrschaft auf. Im Frühjahr 1798 endete die seit 1460 bestehende Untertanenordnung.
Die erste thurgauische Selbstständigkeit dauerte nur wenige Wochen. Mit der Gründung der Helvetischen Republik wurde der Thurgau zu einem Kanton des zentralistischen Einheitsstaats.[6]
Die Helvetik beseitigte die Vorrechte der Gerichtsherren, die feudalen Abhängigkeiten und die politische Ungleichheit zwischen Untertanen und Herrschenden. Alle männlichen Bürger sollten rechtlich gleichgestellt werden.
Gleichzeitig verlor der Kanton seine politische Eigenständigkeit. Die zentralistische Regierung, französische Truppen, Steuern und Einquartierungen stiessen auf Widerstand. Die Kriegsjahre brachten Unsicherheit, wirtschaftliche Not und politische Instabilität.
Kantonsgründung von 1803
Napoleon Bonaparte beendete mit der Mediationsakte vom 19. Februar 1803 die Helvetische Republik. Der Thurgau wurde dadurch zu einem selbstständigen und gleichberechtigten Kanton der wieder föderal organisierten Schweiz.
Die Kantonsgründung von 1803 gilt als Beginn des heutigen thurgauischen Staatswesens. Frauenfeld wurde Hauptort und Sitz der Regierung.
Der erste Grosse Rat umfasste 100 Mitglieder. Seine erste Sitzung fand am 14. April 1803 im Rathaus Frauenfeld statt.[7]
Eine Regierungskommission entwarf das Kantonswappen. Sie übernahm die beiden Löwen aus dem Wappen der Grafen von Kyburg und setzte sie in ein schräg geteiltes weiss-grünes Feld.
Die neue Verwaltung musste weitgehend neu aufgebaut werden. Gerichte, Polizei, Steuerwesen, Militär, Strassenunterhalt, Schulen und Armenfürsorge wurden kantonal organisiert.
Gemeindedualismus
Die Helvetik und die Mediationszeit hinterliessen eine besondere Gemeindeordnung. Neben den traditionellen Ortsgemeinden entstanden Munizipalgemeinden.
Die Ortsgemeinden verwalteten das örtliche Vermögen und zahlreiche Aufgaben des Dorfes. Die Munizipalgemeinden waren für staatlich übertragene Verwaltungsaufgaben zuständig und umfassten häufig mehrere Ortsgemeinden.
Dieses Nebeneinander wurde als Thurgauer Gemeindedualismus bezeichnet. Es bestand in Teilen des Kantons bis zum Ende des 20. Jahrhunderts und führte zu komplizierten Zuständigkeiten.
Restauration
Nach dem Sturz Napoleons wurde die Kantonsverfassung 1814 revidiert. Die neue Ordnung stärkte vermögende und politisch einflussreiche Gruppen.
Der Grosse Rat tagte nur während begrenzter Zeit, seine Sitzungen waren grösstenteils nicht öffentlich. Die politische Beteiligung war durch indirekte Wahlverfahren und Vermögensanforderungen eingeschränkt.
Die Behörden bemühten sich um Stabilität und den Ausbau der Verwaltung. Gleichzeitig wuchs die Kritik an mangelnder Öffentlichkeit, ungleicher Vertretung und der starken Stellung der Regierung.
Wirtschaftlich blieb der Kanton von Landwirtschaft und Heimindustrie geprägt. Die Hungerkrise von 1816 und 1817 traf viele Familien schwer. Hohe Getreidepreise und Missernten führten zu Armut und Auswanderung.
Regeneration von 1830 und 1831
Die französische Julirevolution von 1830 verstärkte auch im Thurgau die Forderungen nach einer liberalen Staatsordnung. Eine führende Rolle übernahm der Pfarrer, Schriftsteller und Politiker Thomas Bornhauser.
Bornhauser forderte in einer politischen Schrift eine neue Verfassung, Gewaltenteilung, öffentliche Staatsfinanzen und eine bessere Vertretung der Bevölkerung.
Im Oktober 1830 versammelten sich mehrere Tausend Menschen in Weinfelden. Die Volksbewegung verlangte die Wahl eines Verfassungsrats und eine grundlegende Reform des Staates.
Die neue Verfassung wurde 1831 angenommen und trat am 1. Juni desselben Jahres in Kraft. Der Thurgau wurde zu einer repräsentativen Demokratie. Der Grosse Rat erhielt eine stärkere Stellung, die Öffentlichkeit staatlicher Tätigkeit wurde erweitert und die Gewaltenteilung verbessert.[7]
Seit 1831 begann das thurgauische Amtsjahr am 1. Juni. Der Grosse Rat tagte im Winter in Frauenfeld und im Sommer in Weinfelden. Damit wurde die politische Bedeutung Weinfeldens als Ausgangsort der Regenerationsbewegung anerkannt.
Die Thurgauer Regeneration wirkte als Vorbild für liberale Bewegungen in anderen Kantonen. Der Kanton gehörte danach zu den verlässlichsten Unterstützern einer Reform des schweizerischen Bundes.
Bildung und staatliche Modernisierung
Die liberale Regierung betrachtete Bildung als eine zentrale Aufgabe des Staates. Das Volksschulwesen wurde vereinheitlicht, die Ausbildung der Lehrkräfte verbessert und die Schulaufsicht ausgebaut.
1833 wurde im ehemaligen Kloster Kreuzlingen ein Lehrerseminar eröffnet. Es entwickelte sich zu einer wichtigen Bildungsinstitution für den ganzen Kanton.
1853 nahm die Kantonsschule Frauenfeld ihren Betrieb auf. Sie ermöglichte eine höhere Ausbildung im Kanton und bereitete Schüler auf Hochschulstudien und anspruchsvolle Berufe vor.
Auch das Gesundheitswesen, der Strassenbau, die Armenfürsorge und die kantonale Verwaltung wurden im Verlauf des 19. Jahrhunderts erweitert.
Aufhebung der Klöster
Das Verhältnis zwischen dem liberalen Staat und den katholischen Klöstern verschärfte sich nach 1831. Die Regierung stellte Klöster unter staatliche Aufsicht und beschränkte die Aufnahme neuer Ordensmitglieder.
1848 beschloss der Grosse Rat die Aufhebung der thurgauischen Klöster. Ihr Besitz fiel an den Kanton oder wurde verkauft.[8]
Die ehemaligen Klosteranlagen erhielten unterschiedliche neue Funktionen. In Münsterlingen entstand ein Kantonsspital, Kreuzlingen wurde für das Lehrerseminar genutzt, Kalchrain diente als Erziehungs- und Strafanstalt und St. Katharinental als öffentliche Pflegeeinrichtung.
Die Kartause Ittingen gelangte später in Privatbesitz und wurde als landwirtschaftliches Gut geführt. Seit dem späten 20. Jahrhundert dient sie als Kultur-, Bildungs- und Begegnungszentrum.
Die Klosteraufhebung vertiefte zunächst den Gegensatz zwischen der liberalen Staatsführung und Teilen der katholischen Bevölkerung. Sie legte zugleich Grundlagen für mehrere kantonale Institutionen.
Thurgau im Bundesstaat
Der Thurgau unterstützte 1848 die Gründung des schweizerischen Bundesstaats. Der neue Bund übernahm Zuständigkeiten in der Aussenpolitik, im Zollwesen, bei Post, Münzen und Militär.
Der Kanton behielt wichtige Aufgaben im Schul-, Kirchen-, Polizei-, Steuer- und Gesundheitswesen. Seine Behörden mussten das kantonale Recht schrittweise an die Bundesverfassung anpassen.
Politisch wurde der Thurgau zunächst von liberalen und radikalen Kräften dominiert. Katholisch-konservative Gruppen und später die Sozialdemokratie erweiterten die Parteienlandschaft.
Die konfessionellen Spannungen nahmen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts allmählich ab. Die Verfassung von 1869 schuf eine neue Grundlage für die rechtliche Stellung der evangelischen und katholischen Landeskirchen.
Demokratische Bewegung und Verfassung von 1869
In den 1860er-Jahren verlangte die Demokratische Bewegung eine stärkere unmittelbare Beteiligung des Volkes. Sie richtete sich gegen die politische Vorherrschaft eines liberalen Führungskreises.
Am 28. Februar 1869 nahm das Thurgauer Volk eine neue Kantonsverfassung an. Der Kanton ging damit von der vorwiegend repräsentativen zur ausgebauten direkten Demokratie über.[9]
Zu den Neuerungen gehörten erweiterte Volksrechte, das Referendum, die Initiative und die direkte Wahl der Regierung. Die Stimmberechtigten erhielten dadurch einen wesentlich grösseren Einfluss auf Gesetze, Verfassungsänderungen und die Besetzung staatlicher Ämter.
Die Verfassung von 1869 blieb mit zahlreichen Teilrevisionen bis 1990 in Kraft. Sie prägte die politische Kultur des Kantons während mehr als eines Jahrhunderts.
Eisenbahn und Industrialisierung
Der Bau der Eisenbahn beschleunigte den wirtschaftlichen Wandel. 1855 wurde die Strecke Winterthur–Frauenfeld–Romanshorn eröffnet. Sie verband den Thurgau direkt mit Zürich und dem Bodensee.
Romanshorn entwickelte sich zu einem bedeutenden Hafen- und Eisenbahnknoten. Trajekt- und Fährverbindungen ermöglichten den Transport von Eisenbahnwagen und Gütern über den Bodensee.
Weitere Bahnlinien erschlossen Kreuzlingen, Weinfelden, Bischofszell, Wil, Stein am Rhein und das Hinterthurgau. Die neuen Verkehrswege erleichterten den Absatz landwirtschaftlicher Produkte und die Ansiedlung von Fabriken.
Textilindustrie
Weberei, Färberei, Stickerei und Textilveredelung gehörten zu den wichtigsten Industriezweigen. Die traditionelle Heimarbeit wurde teilweise durch mechanisierte Fabriken ersetzt.
Industrielle Zentren entstanden unter anderem in Frauenfeld, Arbon, Sirnach, Münchwilen, Steckborn, Hauptwil und Bischofszell. Viele Arbeiterinnen und Arbeiter blieben gleichzeitig mit der Landwirtschaft verbunden.
Die Textilindustrie war stark von internationalen Märkten abhängig. Wirtschaftskrisen und Veränderungen der Mode führten wiederholt zu Betriebsschliessungen und Arbeitslosigkeit.
Maschinen- und Fahrzeugbau
Arbon entwickelte sich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zu einem bedeutenden Industriestandort. Das Unternehmen Saurer produzierte zunächst Stickmaschinen und später Lastwagen, Autobusse und Dieselmotoren.
Die Fabriken zogen Arbeitskräfte aus anderen Teilen der Schweiz und aus dem Ausland an. Die Einwohnerzahl Arbons wuchs stark, neue Wohnquartiere und soziale Einrichtungen entstanden.
Neben Saurer entwickelten sich Betriebe des Maschinenbaus, der Metallverarbeitung, der Lebensmittelindustrie und der Baustoffproduktion.
Landwirtschaftlicher Wandel
Die Landwirtschaft blieb trotz Industrialisierung ein wichtiger Bestandteil der thurgauischen Wirtschaft. Im 19. Jahrhundert gingen viele Betriebe vom Getreideanbau stärker zu Viehzucht und Milchwirtschaft über.
Käsereien und landwirtschaftliche Genossenschaften entstanden. Verbesserte Verkehrswege ermöglichten den Verkauf von Milch, Käse, Vieh, Gemüse und Obst in städtische Märkte.
Der Obstbau gewann besondere Bedeutung. Äpfel und Birnen wurden frisch verkauft oder zu Most, Dörrobst und Konserven verarbeitet. Das Bild des Thurgaus als «Mostindien» entstand aus der grossen Zahl von Obstbäumen, wurde jedoch teilweise auch abwertend für den ländlich geprägten Kanton verwendet.
Güterzusammenlegungen, Entwässerungen, Maschinen und künstliche Düngemittel veränderten im 20. Jahrhundert die Kulturlandschaft. Gleichzeitig nahm die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe langfristig ab.
Gesellschaft im späten 19. Jahrhundert
Industrialisierung und Bevölkerungswachstum führten zu neuen sozialen Fragen. Lange Arbeitszeiten, niedrige Löhne, unsichere Beschäftigung und schlechte Wohnverhältnisse belasteten viele Arbeiterfamilien.
Arbeitervereine, Gewerkschaften, Krankenkassen und politische Parteien entstanden. Die Sozialdemokratie gewann besonders in den Industrieorten Unterstützung.
Gleichzeitig entwickelten sich bäuerliche Organisationen, Gewerbevereine und konfessionelle Verbände. Das Vereinswesen wurde zu einem wichtigen Bestandteil der gesellschaftlichen und politischen Kultur.
Aus wirtschaftlich schwachen Gegenden wanderten Menschen in Städte, andere Kantone oder ins Ausland aus. Umgekehrt zogen Arbeitskräfte in die wachsenden Industrieorte.
Erster Weltkrieg
Während des Ersten Weltkriegs war die Schweiz neutral, doch die Nähe zur deutschen Grenze verlieh dem Thurgau besondere Bedeutung. Soldaten wurden zum Grenzdienst aufgeboten.
Der Krieg unterbrach internationale Handelsbeziehungen und führte zu Rohstoff- und Lebensmittelknappheit. Die Textilindustrie verlor Absatzmärkte, während die Landwirtschaft für die Versorgung wichtiger wurde.
Steigende Preise und ungleiche Belastungen verschärften soziale Spannungen. Der Landesstreik von 1918 fand auch in thurgauischen Industrieorten Unterstützung, erreichte jedoch nicht überall dieselbe Stärke.
1919 wurde das Proporzwahlrecht für den Grossen Rat eingeführt. Es wurde bei den folgenden Wahlen erstmals angewandt und erleichterte kleineren Parteien den Einzug ins Parlament.[7]
Zwischenkriegszeit
Nach dem Krieg gerieten mehrere traditionelle Industriezweige in Schwierigkeiten. Besonders die Textil- und Stickereibranche litt unter dem Verlust ausländischer Märkte.
Die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre führte zu Arbeitslosigkeit und sinkenden Einkommen. Staat und Gemeinden unterstützten Notstandsarbeiten und andere Beschäftigungsprogramme.
Gleichzeitig wurden Strassen, Elektrizitätsversorgung, Schulen und öffentliche Einrichtungen ausgebaut. Der motorisierte Verkehr nahm zu und veränderte die Siedlungsentwicklung.
Politisch standen sich bürgerliche Parteien, Bauernorganisationen und Sozialdemokratie gegenüber. 1941 wurde erstmals ein Sozialdemokrat in den Regierungsrat gewählt.
Zweiter Weltkrieg
Während des Zweiten Weltkriegs wurden erneut zahlreiche Thurgauer zum Aktivdienst einberufen. Die Grenze zu Deutschland wurde militärisch überwacht und teilweise befestigt.
Rationierung und die landwirtschaftliche Anbauschlacht prägten den Alltag. Wiesen und andere Flächen wurden in Ackerland umgewandelt, um die Abhängigkeit von Lebensmittelimporten zu verringern.
Der Kanton war mit Flüchtlingen, Grenzübertritten und Internierten konfrontiert. Die schweizerische Flüchtlingspolitik war zeitweise sehr restriktiv. Einzelne Flüchtlinge wurden aufgenommen, andere an der Grenze zurückgewiesen.
Industriebetriebe stellten ihre Produktion teilweise auf kriegswichtige Güter um. Gleichzeitig erschwerten Rohstoffmangel und Exportbeschränkungen die wirtschaftliche Tätigkeit.
Nachkriegszeit
Nach 1945 setzte ein starkes Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum ein. Industrie, Bauwirtschaft und Dienstleistungen expandierten.
Kreuzlingen, Arbon, Romanshorn, Frauenfeld und die Gemeinden entlang wichtiger Verkehrsachsen wuchsen besonders stark. Viele Dörfer wandelten sich zu Wohn- und Pendlergemeinden.
Die Nachfrage nach Arbeitskräften führte zur Einwanderung aus Italien, Spanien, Portugal, dem ehemaligen Jugoslawien, der Türkei und später aus weiteren Ländern. Die Migration veränderte die konfessionelle, sprachliche und kulturelle Zusammensetzung der Bevölkerung.
Neue Schulen, Spitäler, Strassen, Kläranlagen und Verwaltungsgebäude wurden errichtet. Der Ausbau des Sozialstaats führte zu grösseren Aufgaben für Kanton und Gemeinden.
Die Landwirtschaft wurde stärker mechanisiert und spezialisiert. Obstbau, Gemüsebau, Milchwirtschaft und Tierhaltung blieben wichtige Branchen, obwohl ihr Anteil an der Gesamtbeschäftigung zurückging.
Frauenstimmrecht
Frauen waren bis weit ins 20. Jahrhundert von den politischen Rechten ausgeschlossen. Frauenvereine engagierten sich für Bildung, soziale Aufgaben und später zunehmend für politische Gleichberechtigung.
Auf evangelischer Kirchgemeindeebene wurde das Frauenstimmrecht bereits 1959 eingeführt. Vorlagen zur politischen Gleichstellung auf staatlicher Ebene stiessen jedoch längere Zeit auf Widerstand.
1971 erhielten die Thurgauerinnen das Stimm- und Wahlrecht auf kantonaler und kommunaler Ebene. Seither konnten Frauen an Abstimmungen teilnehmen, in den Grossen Rat gewählt werden und kantonale Ämter übernehmen.[10]
Die Einführung veränderte die Zusammensetzung der politischen Institutionen zunächst nur langsam. Der Frauenanteil im Parlament, in den Gemeindebehörden und in der Regierung nahm in den folgenden Jahrzehnten schrittweise zu.
Schloss Arenenberg und Napoleon III.
Eine besondere Verbindung zur europäischen Geschichte besitzt Schloss Arenenberg bei Salenstein. Die ehemalige Königin Hortense de Beauharnais erwarb das Gut 1817.
Ihr Sohn Louis Napoleon, der spätere französische Kaiser Napoleon III., verbrachte einen Teil seiner Jugend am Untersee. Er erhielt das Bürgerrecht der Gemeinde Salenstein und blieb der Region auch nach seiner politischen Karriere verbunden.
Das Schloss wurde später dem Kanton Thurgau geschenkt. Heute befindet sich dort das Napoleonmuseum. Arenenberg erinnert an die internationalen Beziehungen des Kantons im 19. Jahrhundert.
Kantonsverfassung von 1987
Die Verfassung von 1869 war durch zahlreiche Teilrevisionen unübersichtlich geworden. Seit den 1970er-Jahren wurde deshalb eine vollständige Erneuerung vorbereitet.
Am 16. März 1987 nahm das Thurgauer Volk eine neue Kantonsverfassung an. Sie trat am 1. Januar 1990 in Kraft und ersetzte die mehr als 120 Jahre alte Verfassung von 1869.[11]
Die Verfassung ordnete Grundrechte, Staatsaufgaben, Behörden und politische Rechte neu. Sie bestätigte die direktdemokratische Ordnung, die Volkswahl des Regierungsrats und die Stellung der anerkannten Landeskirchen.
Eine besonders folgenreiche Änderung betraf die Gemeinden. Der historisch gewachsene Gemeindedualismus sollte aufgehoben und durch einheitliche politische Gemeinden ersetzt werden.
Gemeindereorganisation
Zu Beginn der Reform bestanden im Thurgau Munizipalgemeinden, Ortsgemeinden und Einheitsgemeinden nebeneinander. Ihre Grenzen und Aufgaben überschnitten sich teilweise.
Zwischen 1990 und 2003 wurden die bisherigen Körperschaften zu politischen Gemeinden zusammengeschlossen. Insgesamt gingen 72 Munizipal- beziehungsweise Einheitsgemeinden und 145 Ortsgemeinden in 80 politischen Gemeinden auf.[12]
Die Reform vereinfachte die Verwaltung und schuf klarere Zuständigkeiten. Sie veränderte zugleich jahrhundertealte lokale Identitäten und führte in mehreren Gebieten zu intensiven politischen Diskussionen.
Im Zuge einer Justiz- und Verwaltungsreform wurde die Zahl der Bezirke am 1. Januar 2011 von acht auf fünf reduziert. Seither bestehen die Bezirke Arbon, Frauenfeld, Kreuzlingen, Münchwilen und Weinfelden.[12]
Aufarbeitung staatlicher Fürsorge
Seit dem späten 20. und frühen 21. Jahrhundert wurden auch problematische Kapitel der jüngeren Kantonsgeschichte stärker untersucht.
Dazu gehören fürsorgerische Zwangsmassnahmen, administrative Versorgungen, Fremdplatzierungen und die Behandlung von Kindern und Jugendlichen in Heimen und Erziehungsanstalten.
Besondere öffentliche Aufmerksamkeit erhielten die Zustände im Kinderheim Fischingen, in der Anstalt Kalchrain und in der psychiatrischen Klinik Münsterlingen. Forschungen befassten sich unter anderem mit Medikamentenversuchen, institutioneller Gewalt und unzureichender staatlicher Aufsicht.
Die Aufarbeitung führte zu wissenschaftlichen Untersuchungen, öffentlichen Diskussionen und Anerkennung des Unrechts gegenüber Betroffenen. Sie erweiterte das historische Selbstbild über die traditionelle politische und wirtschaftliche Erfolgsgeschichte hinaus.
Historische Identität
Der Thurgau besitzt kein einzelnes Zentrum, das den Kanton in allen Bereichen dominiert. Frauenfeld ist politischer Hauptort, Weinfelden ein wichtiger Parlaments-, Verkehrs- und Wirtschaftsstandort, Kreuzlingen die grösste Stadt und Arbon ein historisches Industriezentrum.
Diese polyzentrische Struktur geht teilweise auf die frühere Zersplitterung in Städte, Klosterherrschaften, Niedergerichte und ländliche Gemeinden zurück.
Die Geschichte als Untertanengebiet beeinflusste das politische Selbstverständnis. Die Befreiungsbewegung von 1798, die Regeneration von 1830 und der Übergang zur direkten Demokratie 1869 wurden zu wichtigen Bezugspunkten der kantonalen Identität.
Die konfessionelle Durchmischung prägte Kirchen, Schulen und politische Parteien. Paritätisch genutzte Kirchen erinnern bis heute an die besonderen Folgen der Reformation.
Archäologische Fundstellen, Burgen, historische Städte, ehemalige Klöster, Industriebauten und Bauernhäuser dokumentieren die unterschiedlichen Epochen. Bedeutende historische Sammlungen werden im Staatsarchiv, im Historischen Museum Thurgau, im Museum für Archäologie, in der Kantonsbibliothek und in zahlreichen Ortsmuseen bewahrt.
Siehe auch
- Kanton Thurgau
- Landgrafschaft Thurgau
- Gemeine Herrschaft Thurgau
- Geschichte der Stadt Frauenfeld
- Geschichte der Stadt Weinfelden
- Schlacht bei Schwaderloh
- Ittingersturm
- Kartause Ittingen
- Kloster Fischingen
- Thomas Bornhauser
- Paul Reinhart
- Napoleon III.
- Bodensee
- Thur
Literatur
- Albert Schoop: Geschichte des Kantons Thurgau. 3 Bände und Registerband. Huber, Frauenfeld 1987–1994.
- Hansjörg Brem, Urs Leuzinger, Stefanie Martin-Kilcher u. a.: Archäologie im Thurgau. Frauenfeld 2010.
- Albin Hasenfratz: Die Landgrafschaft Thurgau vor der Revolution von 1798. Frauenfeld 1908.
- Johann Adam Pupikofer: Geschichte des Thurgaus. Frauenfeld.
- Rolf Soland: Joachim Leonz Eder und die Regeneration im Thurgau 1830–1831. Frauenfeld 1980.
- Historischer Verein des Kantons Thurgau: Thurgauer Beiträge zur Geschichte. Frauenfeld.
Weblinks
- Thurgau im Historischen Lexikon der Schweiz
- Staatsarchiv des Kantons Thurgau
- Historisches Museum Thurgau
- Museum für Archäologie Thurgau
- Historischer Verein des Kantons Thurgau
- Parlament des Kantons Thurgau
Einzelnachweise
- ↑ Thurgau, in: Historisches Lexikon der Schweiz, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ Vicus Tasgetium, Amt für Archäologie des Kantons Thurgau, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ Archäologische Fundstelle Pfyn, Amt für Archäologie des Kantons Thurgau, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ Arbon, in: Historisches Lexikon der Schweiz, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ Von Prahlern und Talern – Die Herrschaft der Landvögte, Historisches Museum Thurgau, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ Helvetik 1798–1803, Staatsarchiv des Kantons Thurgau, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ 7,0 7,1 7,2 Geschichte des Grossen Rates, Parlament des Kantons Thurgau, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ Geschichte des Benediktinerklosters Fischingen, Kloster Fischingen, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ Kanton Thurgau im Fokus 2019, Dienststelle für Statistik des Kantons Thurgau, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ Thurgau – Politische Entwicklung, in: Historisches Lexikon der Schweiz, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ Kurzbiografie des Kantons Thurgau, Kanton Thurgau, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ 12,0 12,1 Erläuterungen zur Gemeindereorganisation im Kanton Thurgau, Dienststelle für Statistik des Kantons Thurgau, abgerufen am 30. Juli 2026.
Wikimedia Commons: Medien zu Geschichte des Kantons Thurgau