Geschichte des Kantons Waadt: Unterschied zwischen den Versionen
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Aktuelle Version vom 30. Juli 2026, 21:09 Uhr
| Geschichte des Kantons Waadt | |
|---|---|
| Gebiet | Kanton Waadt, historisch auch Waadtland beziehungsweise Pays de Vaud |
| Hauptort | Lausanne |
| Früheste Besiedlung | seit dem späten Paläolithikum nachgewiesen |
| Römische Zentren | Aventicum, Colonia Iulia Equestris, Lousonna, Eburodunum |
| Savoyische Herrschaft | hauptsächlich 13. Jahrhundert bis 1536 |
| Bernische Herrschaft | 1536–1798 |
| Waadtländer Unabhängigkeit | 24. Januar 1798 |
| Kanton Léman | 1798–1803 |
| Gründung des Kantons Waadt | 1803 |
| Erste Sitzung des Grossen Rates | 14. April 1803 |
| Heutige Kantonsverfassung | seit 14. April 2003 |
Die Geschichte des Kantons Waadt umfasst die Entwicklung des Gebietes zwischen Jura, Genfersee, Neuenburgersee und den Waadtländer Alpen von den ersten nachweisbaren menschlichen Siedlungen bis zum heutigen Kanton Waadt. Der moderne Kanton entstand 1803 durch die Mediationsakte, doch die historischen Landschaften des Waadtlandes waren bereits seit der Antike wichtige Verkehrs-, Handels- und Siedlungsräume.
Das Gebiet gehörte nacheinander zum Lebensraum keltischer Bevölkerungsgruppen, zum Römischen Reich, zu burgundischen und fränkischen Reichen, zum mittelalterlichen Königreich Burgund und zum Heiligen Römischen Reich. Im Hochmittelalter gewannen die Bischöfe von Lausanne, regionale Adelsgeschlechter und schliesslich das Haus Savoyen an Einfluss. Nach der Eroberung von 1536 stand der grösste Teil des Waadtlandes mehr als zweieinhalb Jahrhunderte unter bernischer Herrschaft. Die Waadtländer Revolution von 1798 beendete diese Epoche und bereitete die Entstehung eines eigenständigen Kantons vor.[1]
Name und historischer Raum
Die französische Bezeichnung Vaud und das deutsche Wort Waadt gehen auf den mittelalterlichen Ausdruck pagus Waldensis zurück, der erstmals im Jahr 765 belegt ist. Im Laufe des Mittelalters bezeichnete Pays de Vaud keine vollständig einheitliche politische Körperschaft, sondern eine aus verschiedenen Herrschaften, Städten, kirchlichen Gebieten und Landschaften bestehende Region.
Die Grenzen des heutigen Kantons entsprechen deshalb nicht vollständig den Grenzen älterer Herrschaftsgebiete. Das Chablais um Aigle, das Pays-d’Enhaut, die Broye mit Avenches und Payerne sowie die gemeinsam von Bern und Freiburg verwalteten Gebiete Orbe-Echallens und Grandson hatten zeitweise eine andere politische Entwicklung als Lausanne, Morges oder Yverdon.
Die Lage zwischen dem Genfersee, dem Schweizer Mittelland, dem Jura und den Alpen machte das Waadtland seit der Antike zu einem Durchgangsgebiet von europäischer Bedeutung. Verkehrswege verbanden das Rhonetal und Italien mit dem Rheinraum, der Freigrafschaft Burgund, Frankreich und den Städten des Mittellandes.[1]
Urgeschichte
Erste menschliche Spuren
Die ältesten bekannten Spuren menschlicher Anwesenheit auf dem Gebiet des heutigen Kantons stammen aus dem späten Paläolithikum. In der Höhle Scex du Châtelard bei Villeneuve wurden Feuersteinwerkzeuge gefunden, die ungefähr auf 13'500 v. Chr. datiert werden. Weitere Fundstellen befinden sich unter anderem am Mollendruz, bei Baulmes, im Pays-d’Enhaut und im Gebiet von Lausanne.
Während der Mittelsteinzeit lebten kleine Gruppen von Jägern, Fischern und Sammlern zeitweise an Seeufern, in Höhlen und unter Felsvorsprüngen. Die Wiederbewaldung nach dem Ende der letzten Eiszeit veränderte ihre Lebensbedingungen grundlegend.
Jungsteinzeit und Pfahlbausiedlungen
Ab dem 6. und 5. Jahrtausend v. Chr. verbreiteten sich Ackerbau und Viehzucht. Sesshafte Gemeinschaften rodeten Wälder, bewirtschafteten Felder und errichteten Dörfer auf den fruchtbaren Terrassen des Mittellandes sowie an den Ufern des Genfer- und Neuenburgersees.
Besonders bedeutend sind die jungsteinzeitlichen und bronzezeitlichen Seeufersiedlungen. An den Waadtländer Seeufern sind zahlreiche sogenannte Pfahlbaustationen bekannt. Zu den wichtigen Fundorten gehören Morges, Concise, Yvonand, Saint-Prex, Lausanne-Vidy und Yverdon-les-Bains. Wegen der guten Erhaltung organischer Materialien konnten Archäologen dort Holzbauten, Werkzeuge, Textilien, Gefässe und Nahrungsreste untersuchen.
Mehrere dieser Fundorte gehören zum grenzüberschreitenden UNESCO-Welterbe «Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen». Die Menhirreihen von Clendy bei Yverdon-les-Bains und weitere Megalithanlagen zeugen zudem von religiösen und gesellschaftlichen Vorstellungen der jungsteinzeitlichen Bevölkerung.[1]
Bronze- und Eisenzeit
Während der Bronzezeit entstanden neue Siedlungsformen, befestigte Plätze und ausgedehnte Handelsbeziehungen. Metallwaffen, Schmuckstücke und Werkzeuge belegen den Austausch mit anderen Teilen Europas. Am Ende der Bronzezeit wurden die Seeufer erneut dicht besiedelt.
In der Eisenzeit gehörte das Gebiet zunehmend zum Kulturraum der Kelten. Aus der jüngeren Eisenzeit sind Siedlungen, Gräberfelder und befestigte Plätze bekannt. Bedeutende Fundorte sind das Oppidum von Yverdon, die Nekropole von Saint-Sulpice und die Kultstätte auf dem Mormont zwischen Eclépens und La Sarraz.
Im 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. lebten grosse Teile des Mittellandes und des Genferseeraums im Siedlungsgebiet der Helvetier. Im Chablais waren wahrscheinlich die Nantuaten ansässig. Das spätere Kantonsgebiet bildete jedoch noch keine einheitliche ethnische oder politische Landschaft.
Römische Zeit
Eingliederung in das Römische Reich
Im Jahr 58 v. Chr. versuchten die Helvetier, ihr Siedlungsgebiet zu verlassen und nach Südwestgallien auszuwandern. Nach ihrer Niederlage gegen Gaius Iulius Caesar bei Bibracte mussten sie zurückkehren. In den folgenden Jahrzehnten nahm der römische Einfluss stetig zu.
Um 45 oder 44 v. Chr. wurde bei der heutigen Stadt Nyon die römische Kolonie Colonia Iulia Equestris gegründet. Unter Kaiser Augustus wurde das Gebiet bis 13 v. Chr. vollständig in den römischen Machtbereich eingegliedert.[1]
Aventicum und die römischen Städte
Aventicum, das heutige Avenches, entwickelte sich zum politischen und religiösen Zentrum der Helvetier. Die Stadt besass Tempel, Thermen, ein Theater, ein Amphitheater, öffentliche Gebäude, Wohnquartiere und eine mächtige Stadtmauer. Ihre Blütezeit lag im 1. und 2. Jahrhundert n. Chr.[2]
Neben Aventicum und Nyon bestanden zahlreiche weitere städtische oder kleinstädtische Zentren:
- Lousonna im Gebiet von Lausanne-Vidy;
- Eburodunum beim heutigen Yverdon-les-Bains;
- Viviscus bei Vevey;
- Minnodunum bei Moudon;
- Uromagus bei Oron;
- Pennelocus bei Villeneuve.
Das Gebiet war durch ein dichtes Strassennetz erschlossen. Eine wichtige Verbindung führte vom Genfersee über Lausanne und Yverdon in Richtung Rhein. Weitere Strassen verliefen entlang des Genfersees, über den Grossen Sankt Bernhard und durch den Jura.
Auf dem Land entstanden zahlreiche Gutshöfe. Besonders bekannt sind die römischen Villen von Orbe-Boscéaz, Pully, Commugny und Yvonand. Landwirtschaft, Weinbau, Handwerk und Handel profitierten von der Einbindung in den Wirtschaftsraum des Römischen Reiches.
Spätantike
Ab dem 3. Jahrhundert wurde die Region von politischen Krisen, wirtschaftlichen Schwierigkeiten und militärischen Bedrohungen betroffen. Aventicum verlor einen grossen Teil seiner früheren Bedeutung. Viele offene Siedlungen wurden verkleinert oder aufgegeben, während befestigte Plätze an Bedeutung gewannen.
Das Christentum verbreitete sich während der Spätantike. Kirchliche Zentren entstanden unter anderem in Avenches und Lausanne. Trotz des Zusammenbruchs der weströmischen Reichsordnung blieb die romanisierte Bevölkerung in weiten Teilen des Waadtlandes ansässig. Ihre Sprache bildete eine Grundlage für die spätere französischsprachige Kultur der Region.
Frühmittelalter
Im 5. Jahrhundert wurde das Gebiet Teil des burgundischen Machtbereichs. Die Burgunder bildeten im Vergleich zu anderen germanischen Gruppen nur eine Minderheit und übernahmen zahlreiche römische Verwaltungs-, Rechts- und Kulturtraditionen. Die gallorömische Bevölkerung blieb insbesondere im Genferseegebiet und im Mittelland prägend.
Im Jahr 534 gelangte das burgundische Königreich unter fränkische Herrschaft. Nach den Teilungen des Frankenreiches gehörte das Waadtland zeitweise zum Mittelreich und später zum Königreich Hochburgund. Seit 1032 war das Königreich Burgund mit dem Heiligen Römischen Reich verbunden.[1]
Der Bischofssitz wurde gegen Ende des 6. Jahrhunderts von Avenches nach Lausanne verlegt. Damit begann der Aufstieg Lausannes zum wichtigsten kirchlichen Zentrum der Region. Im Jahr 1011 übertrug König Rudolf III. von Burgund dem Bischof von Lausanne gräfliche Rechte im Waadtland. Die tatsächliche Herrschaft blieb jedoch auf verschiedene geistliche und weltliche Machthaber verteilt.[3]
Klöster und kirchliche Einrichtungen spielten eine wichtige Rolle bei der Erschliessung des Landes. Zu den bedeutenden geistlichen Zentren gehörten Romainmôtier, Payerne, Bonmont, Montheron und Hautcrêt.
Das Waadtland im Hoch- und Spätmittelalter
Bischöfe, Adelsgeschlechter und Städte
Zwischen dem 11. und dem 13. Jahrhundert war das Waadtland politisch stark zersplittert. Neben den Bischöfen von Lausanne besassen die Herren von Grandson, Cossonay, La Sarraz, Blonay, Oron, Montfaucon und weitere Adelsgeschlechter umfangreiche Rechte.
Lausanne wurde von seinem Bischof beherrscht, entwickelte jedoch zugleich kommunale Einrichtungen. Andere Städte wie Moudon, Yverdon, Morges, Rolle, Nyon und Villeneuve erhielten Freiheitsbriefe, Marktprivilegien und das Recht, eigene lokale Behörden zu bilden.
Die Städte waren meist klein, übernahmen aber wichtige Funktionen als Markt-, Verwaltungs- und Handwerkszentren. Burgen sicherten Verkehrswege und Herrschaftsgebiete. Viele noch heute bekannte Schlösser des Kantons gehen auf diese Epoche zurück oder wurden damals wesentlich ausgebaut.
Aufstieg des Hauses Savoyen
Seit dem frühen 13. Jahrhundert weitete das Haus Savoyen seinen Einfluss nördlich des Genfersees aus. Peter II. von Savoyen brachte zahlreiche Herrschaften unter seine Kontrolle und errichtete ein Netz von Burgen, Kastlaneien und Städten.
Von 1285 bis 1359 bestand eine besondere savoyische Herrschaft Waadt, die jüngeren Angehörigen des Hauses Savoyen als Apanage diente. Danach fiel das Gebiet an die Hauptlinie der Grafen und späteren Herzöge von Savoyen zurück. Moudon wurde zu einem wichtigen Verwaltungszentrum der savoyischen Waadt.
Die savoyische Herrschaft vereinheitlichte Verwaltung und Recht nur teilweise. Lokale Gewohnheitsrechte, städtische Privilegien und adelige Herrschaftsansprüche blieben bestehen. Das Waadtländer Gewohnheitsrecht wurde zu einem wichtigen Bestandteil der regionalen Identität.[4]
Burgunderkriege
Die Burgunderkriege von 1474 bis 1477 veränderten die politische Landkarte des Waadtlandes. Bern und Freiburg besetzten zahlreiche savoyische Gebiete. Nach Kriegsende erhielt Savoyen zwar einen grossen Teil des Landes zurück, doch Bern behielt Aigle und das untere Rhonetal.
Grandson, Orbe und Echallens wurden zu gemeinen Herrschaften von Bern und Freiburg. Damit begann bereits mehrere Jahrzehnte vor der vollständigen Eroberung des Waadtlandes eine dauerhafte eidgenössische Präsenz in der Region.
Bernische Eroberung und Reformation
Eroberung von 1536
Im Jahr 1536 eroberte Bern im Zusammenhang mit dem Konflikt zwischen Genf und Savoyen den grössten Teil des Waadtlandes. Die savoyische Verwaltung brach rasch zusammen. Nur Yverdon leistete einen bedeutenderen bewaffneten Widerstand.
Der letzte Bischof von Lausanne, Sébastien de Montfalcon, verliess die Stadt im Mai 1536. Das bischöfliche Schloss Saint-Maire wurde zum Sitz des bernischen Landvogts. Die Herrschaft Berns über Lausanne und grosse Teile des Waadtlandes dauerte bis 1798.[3]
Bern organisierte das eroberte Gebiet in Landvogteien. Dazu gehörten unter anderem Lausanne, Morges, Nyon, Moudon, Yverdon, Vevey, Avenches, Payerne und Romainmôtier. Die Gebiete Orbe-Echallens und Grandson wurden weiterhin gemeinsam mit Freiburg verwaltet.
Einführung der Reformation
Die bernischen Behörden führten im eroberten Gebiet die Reformation ein. Nach der Lausanner Disputation vom Oktober 1536 wurde der reformierte Glaube zur staatlich anerkannten Konfession. Klöster und kirchliche Stiftungen wurden aufgehoben oder säkularisiert, ihre Güter gingen überwiegend an den Staat oder an lokale Institutionen über.
Der Reformator Guillaume Farel spielte bei der Verbreitung des neuen Glaubens eine zentrale Rolle. In den gemeinsam mit dem katholischen Freiburg verwalteten Vogteien blieb jedoch ein Teil der Bevölkerung katholisch. Dadurch entstanden im Gebiet von Echallens und Orbe konfessionell gemischte Gemeinden.
Im Jahr 1537 gründete Bern die Lausanner Akademie. Sie diente zunächst der Ausbildung französischsprachiger reformierter Pfarrer und wurde später zur Vorläuferin der Universität Lausanne.[3]
Verwaltung und Gesellschaft unter Bern
Die bernische Herrschaft brachte politische Stabilität, eine geordnetere Verwaltung und den Ausbau von Strassen, Hospitälern, Armenfürsorge und Schulwesen. Kirchenbücher, Kataster und regelmässige Volkszählungen verbesserten die staatliche Kontrolle.
Die einheimischen Eliten konnten lokale Ämter ausüben, waren jedoch von der höchsten politischen Macht ausgeschlossen. Die Landvögte wurden in Bern gewählt, und das Waadtland besass keine Vertretung in der bernischen Regierung. Diese politische Unterordnung wurde im 18. Jahrhundert zunehmend als ungerecht empfunden.
Wirtschaftlich blieb das Land überwiegend landwirtschaftlich geprägt. Weinbau spielte an der Côte, in Lavaux, im Chablais und am Neuenburgersee eine wichtige Rolle. Getreidebau und Viehzucht dominierten im Mittelland und in den Voralpen. In den Städten entwickelten sich Druckereien, Manufakturen, Handel und Bildungsinstitutionen.
Die bernische Zeit war zugleich von Pestzügen, Missernten, Hungersnöten und Hexenverfolgungen geprägt. Im 18. Jahrhundert verbesserten sich die wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen. Gelehrte, Reisende und politische Schriften verbreiteten die Ideen der Aufklärung.[5]
Aufstand des Majors Davel
Am 31. März 1723 zog Major Jean Daniel Abraham Davel mit einer kleinen Truppe nach Lausanne und forderte die Befreiung des Waadtlandes von Bern. Die städtischen Behörden unterstützten ihn nicht, sondern liessen ihn verhaften. Davel wurde gefoltert, verurteilt und im April 1723 hingerichtet.
Sein Unternehmen hatte zunächst kaum unmittelbare politische Wirkung. Erst im 19. Jahrhundert wurde Davel zum Symbol des Waadtländer Freiheitswillens und zu einem kantonalen Nationalhelden.
Aufklärung und Waadtländer Revolution
Im späten 18. Jahrhundert nahm die Kritik an der bernischen Herrschaft zu. Gebildete Waadtländer beriefen sich auf Naturrecht, Volkssouveränität und politische Gleichheit. Die Französische Revolution verstärkte diese Entwicklung.
Eine wichtige Rolle spielte Frédéric-César de La Harpe, der aus Rolle stammte und zeitweise Erzieher des späteren russischen Zaren Alexander I. war. Von Paris aus setzte er sich für die Unabhängigkeit der Waadt ein. Auch Persönlichkeiten wie Henri Monod, Pierre-Maurice Glayre und Vincent Perdonnet unterstützten die revolutionäre Bewegung.
Im Dezember 1797 stellte das französische Direktorium das Waadtland unter seinen Schutz. Am 24. Januar 1798 proklamierten die revolutionären Behörden in Lausanne die «Lémanische Republik» und die Unabhängigkeit von Bern. Der letzte bernische Landvogt verliess das Schloss Saint-Maire.[6]
Die Proklamation führte jedoch nicht sofort zur Entstehung eines souveränen Kantons. Nach dem französischen Einmarsch wurde das Gebiet als Kanton Léman Teil der zentralistisch organisierten Helvetischen Republik.
Kanton Léman und Helvetische Republik
Die Helvetische Republik hob die rechtlichen Unterschiede zwischen herrschenden Orten und Untertanengebieten auf. Feudale Vorrechte wurden grundsätzlich beseitigt, politische Gleichheit und einheitliche Bürgerrechte eingeführt.
Die neue Ordnung stiess dennoch auf Widerstand. Kriegskosten, französische Einquartierungen, wirtschaftliche Probleme und Streit über die Ablösung feudaler Abgaben belasteten die Bevölkerung. Im Frühjahr 1802 zogen Bauern als sogenannte Bourla-Papey, auf Deutsch «Papierverbrenner», zu zahlreichen Schlössern und vernichteten Urkunden über Grundzinsen und Feudallasten.
Der Konflikt zwischen zentralistischen Unitariern und föderalistischen Kräften führte zum Zusammenbruch der Helvetischen Republik. Napoleon Bonaparte berief Schweizer Vertreter nach Paris und erliess am 19. Februar 1803 die Mediationsakte.
Gründung des Kantons Waadt
Mediationsakte von 1803
Durch die Mediationsakte wurde das Waadtland als eigenständiger Kanton in die Schweizerische Eidgenossenschaft aufgenommen. Der neue Kanton umfasste auch Aigle, das Pays-d’Enhaut sowie Avenches und Payerne. Lausanne wurde Hauptstadt und Sitz der kantonalen Institutionen.
Am 14. April 1803 trat der erste Waadtländer Grosse Rat im Lausanner Rathaus zusammen. Die Behörden mussten eine vollständige kantonale Verwaltung aufbauen. Sie organisierten Justiz, Steuern, Polizei, Gefängnisse, Militär, Schulen, Strassen, Postwesen sowie Masse und Gewichte. Der Kanton gab vorübergehend auch eigene Münzen heraus.[7]
Als Kantonsfarben wurden Grün und Weiss gewählt. Das Wappen erhielt die Devise «Liberté et Patrie», auf Deutsch «Freiheit und Vaterland». Der 14. April gilt neben dem Unabhängigkeitstag vom 24. Januar als zentrales Datum der Waadtländer Geschichte.
Restauration und Sicherung der Souveränität
Nach dem Sturz Napoleons wurde die kantonale Ordnung 1814 konservativer gestaltet. Die neue Verfassung stärkte vermögende Bürger und schränkte die direkte politische Beteiligung ein. Bern erhob zeitweise erneut Ansprüche auf ehemalige Untertanengebiete, konnte die Wiederherstellung seiner früheren Herrschaft über die Waadt jedoch nicht durchsetzen.
Der Wiener Kongress und der Bundesvertrag von 1815 bestätigten den Kanton Waadt als Mitglied der Eidgenossenschaft. Damit war seine politische Eigenständigkeit dauerhaft gesichert.
Liberale und radikale Epoche
Verfassung von 1831
Die europäischen Revolutionen von 1830 lösten auch in der Waadt eine liberale Bewegung aus. Versammlungen und Petitionen verlangten eine repräsentativere Regierung, Pressefreiheit und die Beseitigung politischer Vorrechte.
Die Verfassung vom 25. Mai 1831 führte die direkte Wahl sämtlicher Mitglieder des Grossen Rates ein. Die Abgeordneten wurden entsprechend der Bevölkerungszahl gewählt, und der Grosse Rat erhielt stärkere Rechte gegenüber der Regierung.[8]
Die liberale Ordnung förderte den Ausbau des Schulwesens und der staatlichen Verwaltung. Gleichzeitig blieben Konflikte über das Verhältnis zwischen Staat, Kirche und Gesellschaft bestehen.
Radikale Revolution von 1845
Anfang der 1840er-Jahre verschärften sich die Spannungen zwischen Liberalen und Radikalen. Ein wichtiger Anlass war die Auseinandersetzung um die Berufung der Jesuiten in den Kanton Luzern. Eine breite Volksbewegung verlangte, dass die Waadtländer Vertreter an der Tagsatzung entschieden gegen die Jesuiten vorgehen sollten.
Nachdem die kantonalen Behörden die Forderungen der Bewegung nicht vollständig übernommen hatten, kam es im Februar 1845 zu Massendemonstrationen. Am 14. Februar trat die Regierung zurück. Eine provisorische Regierung unter der Führung von Henri Druey übernahm die Macht.
Ein neu gewählter Grosse Rat erarbeitete die Verfassung vom 10. August 1845. Sie stärkte das radikale Staatsverständnis, erweiterte den politischen Einfluss der Bürger und ordnete die Verwaltung neu.[8]
Kirchenspaltung
Die radikale Regierung griff stark in die reformierte Landeskirche ein. Als Pfarrer zur Verlesung einer politischen Proklamation verpflichtet wurden, verweigerten zahlreiche Geistliche den Gehorsam oder legten ihr Amt nieder.
Im Jahr 1847 entstand daraus die Église libre du canton de Vaud, die Freie Evangelische Kirche des Kantons Waadt. Damit war der Waadtländer Protestantismus bis zur Wiedervereinigung von 1965 in eine staatlich verbundene Landeskirche und eine unabhängige Freikirche geteilt.
Sonderbundskrieg und Bundesstaat
Die Waadt gehörte zu den entschiedensten Gegnern des katholisch-konservativen Sonderbundes. Im Sonderbundskrieg von 1847 unterstützte sie die eidgenössischen Truppen unter General Guillaume Henri Dufour.
Henri Druey gehörte anschliessend zu den wichtigen Mitverfassern der Bundesverfassung von 1848. Er wurde in den ersten Bundesrat gewählt. Der neue Bundesstaat schuf stabile Rahmenbedingungen für die politische und wirtschaftliche Entwicklung des Kantons.
Wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Wandel im 19. Jahrhundert
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die Waadt weiterhin stark landwirtschaftlich geprägt. Wein, Getreide, Vieh, Käse und Holz gehörten zu den wichtigsten Erzeugnissen. Die Industrialisierung verlief langsamer als in den Kantonen Zürich, Basel oder St. Gallen, veränderte die Region aber dennoch dauerhaft.
In den Städten entstanden Betriebe der Lebensmittelverarbeitung, des Maschinenbaus, der Tabakindustrie, des Druckereiwesens und der Feinmechanik. Im Vallée de Joux entwickelte sich eine bedeutende Uhrenindustrie. Vevey und Lausanne wurden zu Zentren von Handel, Dienstleistungen und Industrie.
Ab den 1850er-Jahren wurde ein Eisenbahnnetz aufgebaut. Die Verbindungen zwischen Lausanne, Yverdon, Genf, Bern, Vevey und dem Wallis beschleunigten den Personen- und Warenverkehr. Orte entlang der Bahnlinien wuchsen, während abgelegene ländliche Gebiete teilweise Einwohner verloren.
Der Tourismus gewann an der Waadtländer Riviera und in den Alpen an Bedeutung. Montreux, Vevey, Lausanne, Château-d’Œx, Les Diablerets und Leysin entwickelten sich zu international bekannten Reise-, Kur- und Erholungsorten.
Die Kantonalbank wurde 1845 gegründet. Neue Versicherungen, Banken und Handelsunternehmen stärkten Lausanne als wirtschaftliches Zentrum.
Bildung, Wissenschaft und staatliche Institutionen
Die Lausanner Akademie wurde im 19. Jahrhundert erweitert und 1890 zur Universität Lausanne erhoben. Die 1853 gegründete technische Schule entwickelte sich später zur École polytechnique de l’Université de Lausanne. Seit 1969 ist sie als École polytechnique fédérale de Lausanne eine eidgenössische Hochschule.[1]
Das Bundesgericht nahm 1875 seinen ständigen Sitz in Lausanne. Dadurch wurde die Stadt zu einem bedeutenden Zentrum der schweizerischen Rechtsprechung.
Auch internationale Institutionen liessen sich in der Waadt nieder. Das Internationale Olympische Komitee verlegte seinen Sitz 1915 nach Lausanne. Im Laufe des 20. Jahrhunderts kamen zahlreiche internationale Sportverbände hinzu.
Politische Entwicklung von 1885 bis zum Zweiten Weltkrieg
Die Kantonsverfassung von 1885 blieb während mehr als eines Jahrhunderts in Kraft. Sie baute die demokratischen Mitwirkungsrechte und die Finanzkontrolle des Grossen Rates aus. Die politischen Institutionen wurden schrittweise an Bevölkerungswachstum und gesellschaftlichen Wandel angepasst.[8]
Die Radikalen dominierten die kantonale Politik über Jahrzehnte. Liberale, Konservative und später Sozialisten bildeten die wichtigsten Gegenkräfte. Die Sozialistische Partei gewann insbesondere in Lausanne, Renens, Vevey und anderen Industrie- und Arbeitergemeinden an Bedeutung.
Während des Ersten Weltkriegs blieb die Schweiz neutral. Die Mobilmachung, Versorgungsprobleme, Inflation und soziale Spannungen wirkten sich auch auf die Waadt aus. Der Landesstreik von 1918 fand in den industriellen Zentren Unterstützung, blieb im ländlichen Kantonsteil aber umstritten.
In der Zwischenkriegszeit verschärfte die Weltwirtschaftskrise soziale und wirtschaftliche Probleme. Gleichzeitig wurden Strassen, Elektrizitätsversorgung, Bildungswesen und soziale Institutionen weiter ausgebaut.
Während des Zweiten Weltkriegs waren zahlreiche Waadtländer im Aktivdienst. Die Grenzlage zu Frankreich, die Aufnahme von Flüchtlingen und die wirtschaftliche Landesversorgung prägten diese Jahre. Der aus Pully stammende General Henri Guisan war als Oberbefehlshaber der Schweizer Armee eine der bekanntesten Persönlichkeiten dieser Epoche.
Waadt seit 1945
Politischer Wandel
Bei den Wahlen von 1945 verloren die Radikalen erstmals ihre absolute Mehrheit im Grossen Rat. 1946 wurde mit Arthur Maret der erste Sozialdemokrat in den Waadtländer Staatsrat gewählt. Damit begann eine allmähliche Öffnung des lange von Radikalen und Liberalen geprägten politischen Systems.
Am 1. Februar 1959 nahmen die männlichen Stimmberechtigten das kantonale und kommunale Frauenstimmrecht an. Die Waadt wurde damit der erste Schweizer Kanton, der Frauen das Stimm- und Wahlrecht auf kantonaler Ebene gewährte. Bei den kantonalen Wahlen von 1962 zogen die ersten dreizehn Frauen in den Grossen Rat ein.[9]
Bevölkerungswachstum und Urbanisierung
Nach 1945 erlebte der Kanton ein starkes Bevölkerungswachstum. Einwanderung aus anderen Kantonen und aus dem Ausland veränderte die gesellschaftliche und sprachliche Zusammensetzung. Besonders stark wuchsen Lausanne und die Gemeinden im Westen der Hauptstadt, die Region Nyon sowie die Achse entlang des Genfersees.
Die Landwirtschaft verlor als Arbeitgeber an Bedeutung. Industrie, Gesundheitswesen, Bildung, Verwaltung, Finanzdienstleistungen, Handel und Tourismus wurden wichtiger. Die Agglomerationen dehnten sich aus, während viele ehemalige Bauerndörfer zu Wohngemeinden wurden.
Autobahnen, neue Bahnverbindungen und der Ausbau des öffentlichen Verkehrs verstärkten die wirtschaftliche Verflechtung mit Genf, Bern, dem Wallis und Frankreich.
Expo 64
Vom 30. April bis zum 25. Oktober 1964 fand in Lausanne die Schweizerische Landesausstellung Expo 64 statt. Sie präsentierte die wirtschaftliche, technische, kulturelle und gesellschaftliche Entwicklung der Nachkriegsschweiz.
Die Ausstellung war für Lausanne und den Kanton ein bedeutendes Modernisierungsprojekt. Sie führte zu neuen Verkehrsanlagen, Freizeiteinrichtungen und städtebaulichen Entwicklungen. Teile des Ausstellungsgeländes wurden später in öffentliche Park- und Sportanlagen umgewandelt.
Strukturwandel und neue Hochschullandschaft
Seit den 1970er-Jahren verlor die klassische Industrie teilweise an Bedeutung. Gleichzeitig wuchsen Forschung, Biotechnologie, Informationstechnik, Medizin, Finanzwesen und internationale Dienstleistungen.
Die Verlegung der Universität Lausanne nach Dorigny und der Ausbau der EPFL schufen einen der wichtigsten Hochschul- und Forschungsstandorte der Schweiz. Rund um die Hochschulen entstanden Forschungszentren, Technologieunternehmen und internationale Kooperationen.
Der Kanton entwickelte sich zugleich zu einem Zentrum des internationalen Sports. Lausanne erhielt den Beinamen «Olympische Hauptstadt».
Kantonsverfassung von 2003
Die Verfassung von 1885 wurde nach einem mehrjährigen Reformprozess vollständig ersetzt. Die Stimmberechtigten nahmen die neue Kantonsverfassung am 22. September 2002 an. Sie trat am 14. April 2003 in Kraft, genau 200 Jahre nach der ersten Sitzung des Waadtländer Grossen Rates.[10]
Die Verfassung stärkte die Grundrechte, regelte die Aufgaben von Kanton und Gemeinden neu und modernisierte die politischen Institutionen. Die Legislaturperiode wurde von vier auf fünf Jahre verlängert, und die Zahl der Mitglieder des Grossen Rates wurde auf 150 reduziert.
Zu den wichtigen Neuerungen gehörte das kommunale Stimm- und Wahlrecht für bestimmte ausländische Einwohner. Zudem erhielt der Kanton eine verfassungsrechtlich verankerte Rechnungskontrollbehörde.
Im Rahmen der Verfassungsreform wurde auch die territoriale Gliederung verändert. Seit dem 1. Januar 2008 besteht der Kanton aus zehn statt zuvor neunzehn Bezirken: Aigle, Broye-Vully, Gros-de-Vaud, Jura-Nord vaudois, Lausanne, Lavaux-Oron, Morges, Nyon, Ouest lausannois und Riviera-Pays-d’Enhaut.[11]
Historische Identität
Die moderne Waadtländer Identität verbindet mehrere historische Traditionen. Dazu gehören das romanische und französischsprachige Erbe, die Erinnerung an die savoyische und bernische Zeit, die Reformation, die Revolution von 1798 und die Kantonsgründung von 1803.
Die Devise «Liberté et Patrie» erinnert an die politische Emanzipation des Waadtlandes. Der 24. Januar wird als Tag der Unabhängigkeit begangen, während am 14. April die Gründung und institutionelle Organisation des Kantons gewürdigt werden.
Historische Persönlichkeiten wie Major Davel, Frédéric-César de La Harpe, Henri Druey und Henri Guisan wurden zu Symbolfiguren unterschiedlicher Epochen. Burgen, römische Ruinen, mittelalterliche Städte, Weinlandschaften und Industriebauten dokumentieren die vielfältige Entwicklung des Kantons.
Die Geschichte der Waadt ist zugleich eng mit der gesamtschweizerischen Geschichte verbunden. Aus einem savoyischen Herrschaftsgebiet und bernischen Untertanenland entstand ein politisch selbstbewusster Kanton, der bei der Gründung des Bundesstaates, bei der Entwicklung demokratischer Rechte und beim Frauenstimmrecht eine bedeutende Rolle spielte.
Siehe auch
- Kanton Waadt
- Lausanne
- Aventicum
- Geschichte von Lausanne
- Waadtländer Revolution
- Jean Daniel Abraham Davel
- Frédéric-César de La Harpe
- Henri Druey
- Reformation in der Schweiz
- Helvetische Republik
- Mediationsakte
- Geschichte der Schweiz
Literatur
- Lucienne Hubler: Histoire du Pays de Vaud. 4. Auflage, Éditions L.E.P., Lausanne 2012.
- Jean-Pierre Felber: De l’Helvétie romaine à la Suisse romande. Slatkine, Genf 2006.
- François Flouck, Patrick-R. Monbaron, Marianne Stubenvoll und Danièle Tosato-Rigo: De l’ours à la cocarde. Régime bernois et révolution en pays de Vaud 1536–1798. Éditions Payot, Lausanne 1998.
- Gilbert Coutaz: Histoire illustrée de l’administration cantonale vaudoise 1803–2007. État de Vaud, Lausanne 2008.
- Eugène Mottaz: Dictionnaire historique, géographique et statistique du canton de Vaud. 2 Bände, Lausanne 1914–1921.
- Auguste Verdeil: Histoire du canton de Vaud. 3 Bände, Lausanne 1849–1852.
Weblinks
- Waadt im Historischen Lexikon der Schweiz
- Offizielle Website des Kantons Waadt
- Archives cantonales vaudoises
- Site et Musée romains d’Avenches
- Geschichte des Waadtländer Grossen Rates
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 Gilbert Coutaz u. a.: Waadt. In: Historisches Lexikon der Schweiz, Version vom 30. Mai 2017.
- ↑ Site et Musée romains d’Avenches: Geschichte von Aventicum, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ 3,0 3,1 3,2 État de Vaud: Le contexte historique du château Saint-Maire, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ État de Vaud: Lois coutumières, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ Archives cantonales vaudoises: Guide des sources historiques du Pays de Vaud 1536–1798, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ État de Vaud: 24 janvier: indépendance du peuple vaudois, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ État de Vaud: 14 avril: une date fondatrice pour le canton de Vaud, veröffentlicht am 13. April 2026.
- ↑ 8,0 8,1 8,2 État de Vaud: Histoire du Grand Conseil, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ État de Vaud: Le 1er février 1959, Vaud devenait le premier canton à accorder le droit de vote aux femmes, veröffentlicht am 1. Februar 2019.
- ↑ État de Vaud: Les 20 ans de la Constitution vaudoise, veröffentlicht im Mai 2023.
- ↑ État de Vaud: Communes vaudoises et districts, abgerufen am 30. Juli 2026.
Wikimedia Commons: Medien zu Geschichte des Kantons Waadt