Rafzerfeld
| Landschaft des Rafzerfelds | |
| Lage | Zürcher Unterland |
|---|---|
| Kanton | Zürich |
| Bezirk | Bülach |
| Landschaftstyp | Ebene und Hügellandschaft des Schweizer Mittellands |
| Fläche | 37,64 km² im regionalen Landschaftsprojekt |
| Gemeinden | Eglisau, Hüntwangen, Rafz, Wasterkingen und Wil |
| Hauptort | kein amtlicher Hauptort; grösste Ortschaft ist Rafz |
| Höhenbereich | etwa 345–588 m ü. M. |
| Höchster Punkt | Gnüll, 588 m ü. M. |
| Gewässer | Rhein sowie kleinere Bäche und Entwässerungsgräben |
Das Rafzerfeld ist eine Landschaft im äussersten Norden des Kantons Zürich in der Schweiz. Es liegt grösstenteils nördlich des Rheins und gehört zum Zürcher Unterland sowie zum Bezirk Bülach. Die Region bildet eine markante rechtsrheinische Ausbuchtung des Zürcher Kantonsgebiets an der Grenze zum deutschen Bundesland Baden-Württemberg.
Zum Rafzerfeld werden gewöhnlich die Gemeinden Rafz, Wil, Hüntwangen und Wasterkingen gezählt. In einem weiteren landschaftlichen und regionalplanerischen Verständnis gehört auch der nördlich des Rheins gelegene Teil der Gemeinde Eglisau dazu. Das Landschaftsqualitätsprojekt des Kantons Zürich umfasst alle fünf Gemeinden und weist für dieses Gebiet eine Fläche von 37,64 Quadratkilometern aus.[1]
Das Rafzerfeld ist eine der grössten offenen Ebenen des Kantons Zürich. Es wird seit Jahrhunderten intensiv landwirtschaftlich genutzt und war früher als «Kornkammer» der Region bekannt. Neben Ackerbau, Obstbau und Weinbau prägen seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts grosse Kiesabbaugebiete das Landschaftsbild. Die Region wird deshalb gelegentlich auch als «Kieskammer des Kantons Zürich» bezeichnet.[2]
Begriff und Abgrenzung
Das Rafzerfeld ist keine politische oder administrative Einheit. Seine Grenzen richten sich nach der Landschaft, der historischen Entwicklung und der regionalen Zusammenarbeit. Alle Zürcher Gemeinden des Rafzerfelds gehören zum Bezirk Bülach.
Im engeren Sinn bezeichnet der Name die offene Ebene zwischen Rafz, Wil, Hüntwangen und Wasterkingen. Diese vier Gemeinden werden häufig als eigentliche Rafzerfelder Gemeinden bezeichnet. Ihre historischen Dorfkerne liegen überwiegend am Fuss der umgebenden Hügel, während die weite Ebene hauptsächlich landwirtschaftlich genutzt wird.
Im weiteren Sinn umfasst das Rafzerfeld auch den rechtsrheinischen Teil Eglisaus. Diese Abgrenzung wird unter anderem in kantonalen Landschafts-, Landwirtschafts- und Kiesabbauprojekten verwendet. Der historische Ort Eglisau liegt am südlichen Rand der Landschaft und bildete während der Zürcher Herrschaft das Verwaltungszentrum der Region.
Die Bezeichnung «Rafzerfeld» wird ausserdem für verschiedene regionale Einrichtungen und Organisationen verwendet. Dazu gehören Vereine, Schulen, Freizeitanlagen, Naturschutzprojekte und interkommunale Zweckverbände.
Geographie
Das Rafzerfeld liegt zwischen dem Rhein im Süden und den bewaldeten Höhenzügen an der Grenze zu Deutschland im Norden. Im Westen geht die Landschaft in den Raum des unteren Klettgaus und der Schaffhauser Gemeinden Rüdlingen und Buchberg über. Östlich schliessen sich der deutsche Jestetter Zipfel sowie das Gebiet in Richtung Neuhausen am Rheinfall und Schaffhausen an.
Die Region ist nur durch einen vergleichsweise schmalen Korridor bei Eglisau mit dem übrigen Gebiet des Kantons Zürich verbunden. Dadurch besitzt sie eine ausgeprägte Grenzlage. Mehrere Strassenübergänge führen von Rafz und Wil in die deutschen Nachbargemeinden.
Ebene
Der zentrale Teil des Rafzerfelds ist eine weitgehend offene, schwach geneigte Ebene. Sie wird von grossen Ackerflächen, Verkehrswegen, Kiesgruben und einzelnen Landwirtschaftsbetrieben geprägt.
Vor dem grossflächigen Kiesabbau trennten zwei flache, eiszeitlich entstandene Geländerücken das obere vom unteren Rafzerfeld. Durch den Abbau und die spätere Auffüllung veränderte sich das Relief stellenweise stark. Die kantonale Planung verfolgt deshalb das Ziel, langfristig wieder eine zusammenhängende und landschaftlich verträgliche Geländeform zu schaffen.[3]
Die Ebene besitzt nur wenige natürliche Fliessgewässer. Niederschläge versickern zu einem grossen Teil in den durchlässigen Kiesschichten. In Senken und künstlich angelegten Gräben wird Oberflächenwasser gesammelt und abgeleitet.
Hügellandschaft
Nördlich und teilweise westlich der Ebene steigt das Gelände zu einer gegliederten Hügellandschaft an. Dort befinden sich Wälder, Rebberge, Obstgärten, Magerwiesen und kleinere Landwirtschaftsflächen.
Die historischen Dörfer wurden überwiegend am Hangfuss oder in windgeschützten Geländemulden angelegt. Dadurch blieben die fruchtbaren Flächen der Ebene für den Ackerbau frei. Gleichzeitig boten die erhöhten Siedlungsstandorte Schutz vor Staunässe und kalten Winden.
Der höchste Punkt des Rafzerfelds ist nach Angaben der Gemeinde Wasterkingen der 588 Meter hohe Gnüll.[4] Weitere Aussichtspunkte befinden sich auf dem Gnal bei Rafz und auf den Höhen oberhalb von Wil und Hüntwangen.
Rheinlandschaft
Der Rhein bildet die südliche Begrenzung des Rafzerfelds. Bei Eglisau durchschneidet er ein enges Tal, dessen steile Hänge teilweise mit Reben, Wald und historischen Siedlungen bedeckt sind.
Die Rheinlandschaft unterscheidet sich deutlich von der offenen Ebene. Sie besitzt eine grössere topografische und ökologische Vielfalt mit Uferwäldern, Felsbereichen, Trockenstandorten und naturnahen Flussabschnitten.
Eglisau entwickelte sich an einem historischen Rheinübergang. Die Brücke, die Altstadt und die ehemaligen Befestigungsanlagen machten den Ort über Jahrhunderte zum Verkehrs- und Verwaltungszentrum der Region.
Geologie
Das Rafzerfeld entstand wesentlich durch die Eiszeiten. Während der letzten Kaltzeiten reichten Alpengletscher und ihre Schmelzwasserströme bis in das nördliche Zürcher Gebiet.
Ein Seitenarm des Bodensee-Rheingletschers lagerte grosse Mengen Kies, Sand und Geröll ab. Diese Schotter bildeten eine mächtige Ebene, die in der Geologie als Sander beziehungsweise Schotterfläche bezeichnet wird. Die Kiesschichten erreichen stellenweise eine Mächtigkeit von mehreren Dutzend Metern.
Unter den eiszeitlichen Ablagerungen liegen Gesteine der Molasse. Die durchlässigen Schotter bilden einen bedeutenden Grundwasserleiter. Der Grundwasserstrom bewegt sich überwiegend in Richtung Rhein und tritt teilweise in dessen Nähe wieder aus.[5]
Die eiszeitlichen Kiese enthalten gelegentlich fossile Überreste. In Kiesgruben des Rafzerfelds wurden unter anderem Zähne und Knochen von Mammuten entdeckt. Ein Mammutstosszahn gehört zu den bekannten historischen Funden aus Wasterkingen.
Gemeinden und Ortschaften
| Gemeinde | Lage im Rafzerfeld | Merkmale |
|---|---|---|
| Eglisau | Südlicher Rand am Rhein | Historisches Städtchen, früherer Sitz der Landvogtei Eglisau und regionaler Verkehrsknoten |
| Hüntwangen | Westlicher Teil der Ebene | Landwirtschaft, Kiesabbau, Weinbau und gemeinsamer Bahnhof mit Wil |
| Rafz | Nordöstlicher Teil | Grösste Ortschaft, regionales Versorgungszentrum, Wein- und Ackerbau |
| Wasterkingen | Nordwestlicher Rand | Kleines Bauerndorf mit Riegelbauten und bewaldeten Höhen |
| Wil | Nördlicher Rand der Ebene | Historischer Kirchort, Landwirtschaft, Weinbau und grosse Kiesabbaugebiete |
Neben den Hauptdörfern gehören verschiedene Weiler, Einzelhöfe und Siedlungsteile zur Landschaft. Dazu zählen unter anderem der Hüslihof, Langenriet und der Wiler bei Eglisau.
Rafz übernimmt heute einen grossen Teil der regionalen Versorgungsfunktionen. Die Gemeinde verfügt über Einkaufsmöglichkeiten, Schulen, Gewerbebetriebe und einen Bahnhof. Eglisau besitzt aufgrund seiner Lage am Rhein und an mehreren Verkehrsachsen ebenfalls eine überörtliche Bedeutung.
Hüntwangen, Wil und Wasterkingen arbeiten in verschiedenen kommunalen Bereichen eng zusammen. Ein Beispiel ist die Schule Unteres Rafzerfeld. Auch bei Feuerwehr, Freizeitangeboten und weiteren öffentlichen Aufgaben bestehen gemeindeübergreifende Lösungen.
Klima
Das Rafzerfeld besitzt ein für das nördliche Schweizer Mittelland typisches gemässigtes Klima. Aufgrund seiner offenen Lage ist die Ebene vergleichsweise stark dem Wind ausgesetzt.
Die nördlichen und westlichen Höhenzüge schützen einzelne Dorf- und Rebbaulagen vor kalten Winden. Die nach Süden ausgerichteten Hänge erhalten viel Sonneneinstrahlung und eignen sich besonders für Reben, Obst und Beeren.
Die durchlässigen Kiesböden erwärmen sich rasch und trocknen nach Niederschlägen vergleichsweise schnell ab. Während längerer Trockenperioden kann deshalb eine künstliche Bewässerung landwirtschaftlicher Kulturen notwendig werden.
Der Klimawandel führt zu häufigeren Hitze- und Trockenperioden. Für die Region entstehen dadurch neue Herausforderungen bei der Wasserversorgung, beim Waldschutz, in der Landwirtschaft und beim Erhalt empfindlicher Lebensräume.
Natur und Landschaft
Das Rafzerfeld ist eine stark vom Menschen geprägte Kulturlandschaft. Grosse Ackerflächen wechseln sich mit Rebbergen, Obstgärten, Wäldern, Kiesgruben und Siedlungen ab.
Der Kanton Zürich unterscheidet im Gebiet vor allem zwei Landschaftstypen: die landwirtschaftlich geprägte Ebene und die ackerbaugeprägte Hügellandschaft. Im Bereich des Rheins kommt eine eigenständige Flusslandschaft hinzu.[1]
Die Ebene ist durch ihre Weite und die langen Sichtachsen gekennzeichnet. Die Hügellandschaft besitzt dagegen eine kleinteiligere Struktur mit Hecken, Einzelbäumen, Obstgärten, Reben, Waldrändern und Trockenwiesen.
Flora und Fauna
Die intensive landwirtschaftliche Nutzung führte im 20. Jahrhundert zu einem Rückgang zahlreicher Pflanzen- und Tierarten. Gleichzeitig entstanden durch den Kiesabbau neue offene Lebensräume, die in der ursprünglichen Kulturlandschaft selten geworden waren.
Nicht aufgefüllte oder nur teilweise rekultivierte Kiesflächen bieten Lebensraum für Pionierpflanzen, Wildbienen, Laufkäfer, Amphibien, Reptilien und bodenbrütende Vogelarten. Flache Tümpel und periodisch austrocknende Gewässer sind besonders für spezialisierte Amphibien wertvoll.
Zu den für solche Lebensräume typischen Arten gehören die Gelbbauchunke, die Kreuzkröte, die Zauneidechse und verschiedene seltene Insekten. An trockenen Standorten wachsen Magerwiesenpflanzen und wärmeliebende Kräuter.
Hecken, Feldgehölze, Buntbrachen und extensive Wiesen dienen als Verbindung zwischen den einzelnen Lebensräumen. Sie ermöglichen Tieren und Pflanzen, sich durch die intensiv genutzte Landschaft auszubreiten.
Naturschutzprojekte
Landwirtschaftsbetriebe, Gemeinden, Kiesunternehmen und Naturschutzorganisationen arbeiten seit den 1990er-Jahren in verschiedenen Projekten zusammen. Der Verein Natur vom Puur fördert ökologische Ausgleichsflächen und die Vernetzung wertvoller Lebensräume.
Das kantonal anerkannte Vernetzungsprojekt Rafzerfeld verfolgt das Ziel, anspruchsvolle Tier- und Pflanzenarten durch geeignete Bewirtschaftungsmassnahmen zu erhalten. Dazu gehören Buntbrachen, Säume, extensive Wiesen, Hecken, Hochstammobstbäume und naturnahe Flächen in Kiesgruben.
Bei der Rekultivierung ehemaliger Abbaugebiete werden neben Landwirtschaftsflächen auch Magerwiesen, Kiesflächen, Tümpel und andere Biotope geschaffen. Ein Teil der durch den Kiesabbau beanspruchten Flächen soll langfristig dem Natur- und Landschaftsschutz dienen.[6]
Landwirtschaft
Die Landwirtschaft prägte das Rafzerfeld über viele Jahrhunderte. Die weite, wenig geneigte Ebene und die gut bearbeitbaren Böden ermöglichten einen für Zürcher Verhältnisse grossflächigen Ackerbau.
Angebaut werden insbesondere Getreide, Mais, Kartoffeln, Raps, Zuckerrüben, Eiweisspflanzen und Futterkulturen. Hinzu kommen Gemüse, Beeren und weitere Spezialkulturen. In der Hügellandschaft besitzen Wiesen, Weiden und Obstgärten eine grössere Bedeutung.
Das Rafzerfeld galt früher als wichtige Kornkammer der Stadt Zürich. Ein erheblicher Teil der landwirtschaftlichen Produktion diente der Versorgung der städtischen Bevölkerung.
Seit dem 20. Jahrhundert nahm die Zahl der Landwirtschaftsbetriebe stark ab. Gleichzeitig wurden die verbleibenden Betriebe grösser und stärker mechanisiert. Güterzusammenlegungen beseitigten viele der zuvor stark zerstückelten Parzellen.
Nach Angaben des Landschaftsqualitätsprojekts bewirtschafteten 2013 noch 76 beitragsberechtigte Betriebe rund 1483 Hektaren landwirtschaftliche Nutzfläche. Mehr als die Hälfte davon war Ackerland.[1]
Weinbau
Der Weinbau besitzt in allen traditionellen Rafzerfelder Gemeinden eine lange Geschichte. Die Reben wachsen überwiegend auf sonnigen Hängen oberhalb der Dörfer.
Die geschützten Hanglagen und die durchlässigen Böden schaffen günstige Bedingungen. Angebaut werden weisse und rote Rebsorten, darunter Blauburgunder, Riesling-Silvaner und verschiedene neuere Sorten.
Der Weinbau prägt besonders die Umgebung von Rafz, Wil, Hüntwangen und Eglisau. Rebwege, Trockenmauern und historische Trotten gehören zum kulturellen Erbe der Region.
Obstbau
Rund um die Dörfer bestanden traditionell ausgedehnte Baumgärten. Hochstammobstbäume lieferten Äpfel, Birnen, Kirschen und Zwetschgen für den Eigenbedarf, den Verkauf und die Herstellung von Most und Branntwein.
Ein Teil der traditionellen Hochstammbestände wurde im 20. Jahrhundert gerodet. Naturschutz- und Landschaftsprojekte fördern heute die Pflege und Neupflanzung solcher Bäume, da sie für das Landschaftsbild und die Artenvielfalt wichtig sind.
Kiesabbau
Die mächtigen eiszeitlichen Schotter machen das Rafzerfeld zu einem der wichtigsten Kiesabbaugebiete des Kantons Zürich. Der Rohstoff wird für Beton, Strassenbau und weitere Bauzwecke verwendet.
Der grossflächige industrielle Abbau begann in den 1960er-Jahren. Der Ausbau des Autobahnnetzes sowie der Bau von Wohnungen, Schulen, Spitälern, Industrieanlagen und öffentlichen Infrastrukturen liessen die Nachfrage nach Kies stark steigen.
In Wil, Hüntwangen, Rafz, Wasterkingen und Eglisau entstanden grosse Abbaugruben. Sie veränderten das Relief, die Verkehrswege und die landwirtschaftliche Nutzung grundlegend.
Ursprünglich war vorgesehen, die Gruben nach dem Abbau vollständig mit sauberem Aushubmaterial aufzufüllen. Über längere Zeit stand jedoch wesentlich weniger Material zur Verfügung als erwartet. Dadurch blieben grosse Leervolumen bestehen.
Der Kanton, die Gemeinden und die Kiesunternehmen entwickelten deshalb ein Gesamtkonzept für Abbau, Auffüllung und Endgestaltung. Es regelt unter anderem:
- die zeitliche Abfolge des Kiesabbaus;
- die zulässigen Auffüllmengen;
- die spätere Geländeform;
- den Schutz des Grundwassers;
- die Wiederherstellung landwirtschaftlicher Flächen;
- Bahn- und Strassentransporte;
- die Schaffung naturnaher Flächen;
- den Hochwasser- und Landschaftsschutz.
Für das östliche Rafzerfeld erliess der Kanton einen verbindlichen Gestaltungsplan. Ein erheblicher Teil des Kies- und Aushubtransports soll über die Bahn erfolgen, um die umliegenden Dörfer vom Lastwagenverkehr zu entlasten.[7]
Grundwasser
Die mächtigen Kiesschichten speichern grosse Mengen Grundwasser. Das Vorkommen gehört zu den bedeutenden natürlichen Wasserreserven des Kantons Zürich.
Das Wasser fliesst mit geringem Gefälle in Richtung Rhein. Die Oberfläche des Grundwassers liegt in Teilen des Rafzerfelds nur wenige Meter über dem Rheinspiegel.
Kiesabbau, Auffüllungen, Landwirtschaft, Verkehrswege und Siedlungsentwicklung können die Qualität und Menge des Grundwassers beeinflussen. Der Gewässerschutz spielt deshalb bei allen grösseren Planungen eine zentrale Rolle.
Schutzgebiete und technische Auflagen sollen verhindern, dass Schadstoffe in den Untergrund gelangen. Auch die Verwendung von Aushubmaterial zur Auffüllung der Kiesgruben unterliegt strengen gesetzlichen Anforderungen.
Geschichte
Ur- und Frühgeschichte
Das Rafzerfeld gehört zu den archäologisch bedeutenden Landschaften des Kantons Zürich. Die ältesten Funde reichen bis in die Zeit nach dem Rückzug der eiszeitlichen Gletscher zurück.
Steinwerkzeuge und andere Spuren weisen darauf hin, dass Menschen das Gebiet bereits um 10'000 vor Christus aufsuchten. Damit befinden sich im Rafzerfeld einige der ältesten bekannten nacheiszeitlichen Fundstellen des Kantons.
Aus der Jungsteinzeit, der Bronzezeit und der Eisenzeit stammen weitere Werkzeuge, Keramik, Gräber und Einzelfunde. Die offenen Böden und die Kiesgruben ermöglichten zahlreiche Entdeckungen.
Der Rafzer Lehrer und Lokalhistoriker Abraham Zimmermann entdeckte im 20. Jahrhundert mehr als zwanzig prähistorische Fundstellen. Seine umfangreiche Sammlung bildete eine wichtige Grundlage für die Erforschung der regionalen Siedlungsgeschichte.
Römische Zeit
In römischer Zeit lag das Rafzerfeld zwischen bedeutenden Siedlungs- und Verkehrsgebieten am Hochrhein. Eine Strasse führte durch die Region und verband Orte im heutigen Schweizer und süddeutschen Raum.
Funde von Münzen, Keramik und weiteren Gegenständen belegen die römische Präsenz. Der Ortsname Wil wird gewöhnlich vom lateinischen Wort «villa» für einen Gutshof oder Landsitz abgeleitet.
Nach dem Ende der römischen Herrschaft liessen sich alemannische Bevölkerungsgruppen in der Region nieder. Sie bevorzugten windgeschützte Mulden und Hanglagen, aus denen sich die späteren Dörfer entwickelten.
Mittelalter
Im Mittelalter gehörten die Herrschaftsrechte verschiedenen weltlichen und geistlichen Grundherren. Zu den wichtigen Herrschaftsträgern zählten die Grafen von Habsburg-Laufenburg, die Grafen von Tengen und später die Grafen von Sulz.
Klöster und Stifte besassen zahlreiche Höfe und Abgabenrechte. Grundbesitz hatten unter anderem die Klöster Rheinau, St. Blasien, Wettingen und St. Katharinental.
Wil war im Hochmittelalter ein bedeutender kirchlicher Mittelpunkt. Die dortige Pfarrei umfasste zeitweise Wil, Hüntwangen, Wasterkingen sowie mehrere umliegende Weiler. Rafz entwickelte später eine eigene Kirchgemeinde.
Die Stadt Zürich erwarb 1496 die Herrschaft Eglisau mit einem grossen Teil der niederen Herrschaftsrechte im Rafzerfeld. Das Gebiet wurde in die Landvogtei Eglisau eingegliedert. Die hohe Gerichtsbarkeit blieb zunächst bei den Grafen von Sulz.[8]
Übergang an Zürich
1651 verkauften die Grafen von Sulz ihre verbliebenen Hoheitsrechte über das Rafzerfeld an die Stadt Zürich. Damit gelangte auch die hohe Gerichtsbarkeit endgültig unter Zürcher Herrschaft.
Der Verkauf war staatsrechtlich aussergewöhnlich, weil ein Teil des zum Heiligen Römischen Reich gehörenden Klettgaus an einen eidgenössischen Ort überging. Das Rafzerfeld wurde dadurch dauerhaft mit dem Zürcher Staatsgebiet verbunden.
Bis 1798 unterstand die Region dem Landvogt von Eglisau. Dieser war für Verwaltung, Gerichtswesen, Abgaben und militärische Aufgaben zuständig.
Zürich führte 1528 die Reformation ein. Die Bevölkerung des Rafzerfelds wurde reformiert, und die kirchlichen Verhältnisse wurden neu geordnet.
19. Jahrhundert
Mit dem Ende der Alten Eidgenossenschaft wurde 1798 die Landvogtei Eglisau aufgehoben. Das Rafzerfeld gehörte während der Helvetischen Republik zu wechselnden Verwaltungsbezirken.
Seit der Mediationszeit von 1803 ist die Region Teil des modernen Kantons Zürich. Nach mehreren Änderungen der Bezirkseinteilung wurden die Gemeinden dem Bezirk Bülach zugeordnet.
Im 19. Jahrhundert blieb die Landwirtschaft der wichtigste Wirtschaftszweig. Neben Acker- und Weinbau spielten Heimarbeit, Handwerk und Kleingewerbe eine Rolle.
Neue Strassen verbesserten die Verbindungen nach Eglisau, Schaffhausen und in den Klettgau. Die 1830er-Jahre brachten unter anderem den Ausbau der Strasse von Eglisau über Hüntwangen in Richtung Baden.
1897 wurde die Eisenbahnstrecke von Eglisau über Rafz nach Neuhausen eröffnet. Hüntwangen und Wil erhielten einen gemeinsamen Bahnhof. Die Bahn erleichterte den Personenverkehr sowie den Transport von Landwirtschaftsprodukten und später von Kies.
20. Jahrhundert
Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war weiterhin durch Landwirtschaft und Weinbau geprägt. Güterzusammenlegungen und Mechanisierung veränderten jedoch die traditionelle Flurstruktur.
Während des Zweiten Weltkriegs lag das Rafzerfeld unmittelbar an der Grenze zum Deutschen Reich. Grenzbewachung, Verdunkelung und militärische Anlagen prägten den Alltag.
Am 22. Februar 1945 wurde Rafz irrtümlich von amerikanischen Flugzeugen bombardiert. Acht Menschen kamen ums Leben, mehrere Gebäude wurden zerstört oder beschädigt. Das Ereignis gehört zu den schwersten versehentlichen alliierten Luftangriffen auf Schweizer Gebiet während des Krieges.[9]
Nach dem Krieg setzte ein starker Strukturwandel ein. Die Zahl der Landwirtschaftsbetriebe nahm ab, während Siedlungen und Pendlerverkehr wuchsen.
Ab den 1960er-Jahren gewann der Kiesabbau eine zentrale wirtschaftliche und landschaftliche Bedeutung. Die grossen Gruben veränderten die Ebene und führten zu langwierigen Diskussionen über Verkehr, Grundwasserschutz, Rekultivierung und Naturschutz.
Entwicklung seit dem späten 20. Jahrhundert
Durch die Nähe zu Zürich, Bülach, Schaffhausen und Süddeutschland entwickelte sich das Rafzerfeld zunehmend zu einer Wohnregion.
Neue Quartiere entstanden vor allem in Rafz, Eglisau und Hüntwangen. Gleichzeitig blieben die historischen Dorfkerne und grosse Teile der offenen Landschaft erhalten.
Die Gemeinden verstärkten ihre Zusammenarbeit bei Schulen, Sicherheit, Versorgung, Kultur und Freizeit. Wiederholt wurde auch über weitergehende Gemeindefusionen diskutiert, ohne dass das gesamte Rafzerfeld bisher zu einer politischen Gemeinde vereinigt wurde.
Siedlungsbild und Architektur
Die traditionellen Dörfer des Rafzerfelds besitzen zahlreiche Bauernhäuser und Riegelbauten. Wohnteil, Stall und Scheune waren häufig unter einem gemeinsamen Dach zusammengefasst.
Viele Gebäude stammen in ihrer heutigen Form aus dem 17. bis 19. Jahrhundert. Sichtbare Holzkonstruktionen, steile Dächer, Toreinfahrten und grosse Ökonomieteile prägen die historischen Ortsbilder.
Rafz und Wasterkingen sind im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz verzeichnet. Auch der historische Kern von Eglisau besitzt nationale Bedeutung.[10]
Die Lage der Dörfer am Hangfuss ist ein charakteristisches Merkmal. Zwischen den Siedlungen und der offenen Ebene bestehen teilweise noch weitgehend unbebaute Übergänge mit Gärten, Obstbäumen und Landwirtschaftsflächen.
Im 20. und 21. Jahrhundert entstanden Einfamilienhausquartiere, Mehrfamilienhäuser, Gewerbezonen und öffentliche Bauten. Die Raumplanung versucht, diese Entwicklung mit dem Schutz der Ortsbilder und der offenen Landschaft zu vereinbaren.
Wirtschaft
Die regionale Wirtschaft stützt sich auf Landwirtschaft, Weinbau, Kiesabbau, Baugewerbe, Handel und Dienstleistungen.
Rafz ist das wichtigste lokale Einkaufs- und Gewerbezentrum. Kleinere Gewerbebetriebe bestehen auch in den übrigen Gemeinden. Viele Einwohnerinnen und Einwohner pendeln nach Bülach, Zürich, Schaffhausen, Winterthur oder in deutsche Nachbarorte.
Der Kiesabbau schafft Arbeitsplätze in Gewinnung, Aufbereitung, Transport und Rekultivierung. Gleichzeitig verursacht er Lastwagen- und Bahnverkehr sowie langfristige Eingriffe in die Landschaft.
Der grenzüberschreitende Einkauf und Arbeitsverkehr spielt aufgrund der Nähe zu Deutschland eine wichtige Rolle. Wechselkurse, Zollbestimmungen und unterschiedliche Preisniveaus beeinflussen die regionalen Warenströme.
Verkehr
Eisenbahn
Die Bahnlinie Eglisau–Neuhausen durchquert das Rafzerfeld von Süden nach Nordosten. Bahnhöfe beziehungsweise Haltestellen befinden sich in Eglisau, Hüntwangen-Wil und Rafz.
Regelmässige Zugverbindungen führen nach Schaffhausen, Bülach, Zürich und in weitere Teile des Zürcher Verkehrsverbunds. Die Bahn ist sowohl für Pendlerinnen und Pendler als auch für den regionalen Güterverkehr wichtig.
Für den Kies- und Aushubtransport bestehen besondere Gleis- und Verladeanlagen. Der Ausbau des Bahntransports soll die Belastung der Dörfer durch schwere Lastwagen verringern.
Strassen
Die Hauptverkehrsachse führt von Bülach über Eglisau und Rafz in Richtung Schaffhausen und Deutschland. Weitere Strassen verbinden die einzelnen Gemeinden miteinander und führen zu den Grenzübergängen.
Der Durchgangsverkehr belastet insbesondere Eglisau. Seit Jahrzehnten werden Varianten für eine Umfahrung und eine neue Rheinquerung diskutiert.
Die zahlreichen Kiestransporte stellen zusätzliche Anforderungen an Strassen, Lärmschutz und Verkehrssicherheit.
Fuss- und Veloverkehr
Wander- und Velowege erschliessen die Ebene, Rebberge, Wälder und Rheinlandschaft. Beliebte Routen führen von Rafz über den Gnal, durch die Weinberge und zu den umliegenden Dörfern.
Der flache zentrale Landschaftsraum eignet sich gut für Velotouren. An den Hängen bestehen Aussichtspunkte mit Blick über das Rafzerfeld, den Klettgau, den Schwarzwald und bei klarer Sicht bis zu den Alpen.
Kultur und regionale Identität
Die gemeinsame historische Entwicklung und die räumliche Abgeschiedenheit nördlich des Rheins schufen eine ausgeprägte regionale Identität.
Landwirtschaft, Weinbau, Riegelhäuser, Dorfkirchen und die offene Ebene gelten als typische Bestandteile des Rafzerfelds. Dorffeste, Weinveranstaltungen, Märkte und Vereinsanlässe tragen zur Pflege regionaler Traditionen bei.
Die reformierte Kirche von Wil ist aufgrund ihrer erhöhten Lage weithin sichtbar. Sie erinnert an die frühere Bedeutung Wils als kirchlicher Mittelpunkt.
Das Ortsmuseum Rafz dokumentiert Landwirtschaft, Handwerk, Wohnen und lokale Geschichte. Die zugehörige Chronikstube sammelt seit dem frühen 20. Jahrhundert Dokumente, Bilder und Berichte über die Gemeinde und die Region.[11]
Die Bombardierung von 1945 nimmt im historischen Gedächtnis von Rafz einen besonderen Platz ein. Gedenkanlässe und lokale Veröffentlichungen erinnern an die Opfer.
Freizeit und Tourismus
Das Rafzerfeld ist vor allem ein Naherholungsgebiet. Seine Attraktivität beruht auf der Verbindung von offenen Feldern, Rebbergen, historischen Dörfern, Wäldern und der Rheinlandschaft.
Zu den beliebten Aktivitäten gehören Wandern, Velofahren, Reben- und Dorfspaziergänge sowie Naturbeobachtung. Aussichtspunkte wie der Gnal ermöglichen einen weiten Blick über die Ebene.
Der Rhein bei Eglisau bietet Möglichkeiten zum Baden, Bootfahren und Wandern. Die historische Altstadt, die Rebberge und die Rheinbrücke ziehen Besucherinnen und Besucher aus der gesamten Region an.
Das Freibad Rafzerfeld in Rafz dient den Gemeinden als gemeinsame Freizeitanlage. Daneben bestehen Sportplätze, Schiessanlagen, Waldhütten und zahlreiche Vereinsangebote.
Herausforderungen der Landschaftsentwicklung
Das Rafzerfeld steht vor der Aufgabe, unterschiedliche Nutzungsansprüche miteinander zu verbinden. Landwirtschaft, Rohstoffgewinnung, Grundwasserschutz, Naturschutz, Wohnen, Verkehr und Erholung beanspruchen denselben begrenzten Raum.
Zu den wichtigsten Herausforderungen gehören:
- die langfristige Gestaltung ehemaliger Kiesabbaugebiete;
- die Erhaltung fruchtbarer Landwirtschaftsböden;
- der Schutz des bedeutenden Grundwasservorkommens;
- die Verringerung des Schwerverkehrs;
- die Bewahrung der historischen Ortsbilder;
- die ökologische Vernetzung von Lebensräumen;
- die Begrenzung der Zersiedelung;
- die Anpassung an Trockenheit und Klimawandel.
Die kantonalen Konzepte sehen vor, dass die rekultivierte Landschaft nicht ausschliesslich in ihren früheren Zustand zurückgeführt wird. Stattdessen sollen Landwirtschaft, Naturflächen, Verkehrswege und Erholung zu einem neuen, funktionsfähigen Ganzen verbunden werden.
Bedeutung
Das Rafzerfeld besitzt für den Kanton Zürich eine mehrfache Bedeutung. Als grosse offene Ebene ist es ein wichtiger Landwirtschaftsraum. Seine Kiesvorräte liefern einen bedeutenden Anteil der mineralischen Baustoffe für den Kanton.
Die Grundwasservorkommen stellen eine strategische Wasserreserve dar. Gleichzeitig bieten Kiesgruben, Wälder, Rebberge und ökologische Ausgleichsflächen Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten.
Historisch ist das Rafzerfeld ein Beispiel für die schrittweise territoriale Entwicklung des Zürcher Stadtstaats. Seine Lage nördlich des Rheins und an der deutschen Grenze verleiht ihm bis heute einen eigenständigen Charakter innerhalb des Kantons.
Literatur
- Hans Hofer: Wirtschafts- und Siedlungsgeographie des Rafzerfeldes und seiner angrenzenden Gebiete. In: Mitteilungen der Geographisch-Ethnographischen Gesellschaft Zürich, Band 40, 1939–1940.
- Abraham Zimmermann: Rafzer Chronik. Rafz 1970.
- Paul Neukom: Hoche grichte und übrige herrligkeit: Das Rafzerfeld zwischen Zürich und der Landgrafschaft Klettgau. In: Zürcher Taschenbuch, 2002.
- Kanton Zürich: Projektbericht Landschaftsqualität Rafzerfeld. Zürich 2014.
- Kanton Zürich: Gesamtkonzept zum Kiesabbau und zur Gestaltung des Rafzerfeldes. Zürich 2009.
- Hermann Fietz: Die Kunstdenkmäler des Kantons Zürich. Band II: Die Bezirke Bülach, Dielsdorf, Hinwil, Horgen und Meilen. Birkhäuser, Basel 1943.
Weblinks
- Landschaftsqualitätsprojekt Rafzerfeld des Kantons Zürich
- Gesamtkonzept für das Kiesabbaugebiet Rafzerfeld
- Offizielle Website der Gemeinde Rafz
- Offizielle Website der Gemeinde Wil ZH
- Offizielle Website der Gemeinde Hüntwangen
- Offizielle Website der Gemeinde Wasterkingen
- Offizielle Website der Gemeinde Eglisau
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 1,2 Projektbericht Landschaftsqualität Rafzerfeld, Kanton Zürich, 2014, abgerufen am 3. August 2026.
- ↑ Geschichte und Porträt von Wil ZH, Gemeinde Wil ZH, abgerufen am 3. August 2026.
- ↑ Neuer kantonaler Gestaltungsplan für das Rafzerfeld, Kanton Zürich, 18. Februar 2021, abgerufen am 3. August 2026.
- ↑ Zahlen und Fakten, Gemeinde Wasterkingen, abgerufen am 3. August 2026.
- ↑ Umfahrung Eglisau: Synthesebericht zum Vorprojekt, Kanton Zürich, 2025, abgerufen am 3. August 2026.
- ↑ Natur im Rafzerfeld, Kanton Zürich, abgerufen am 3. August 2026.
- ↑ Kantonaler Gestaltungsplan für den Kiesabbau im Rafzerfeld, Kanton Zürich, 25. Mai 2023, abgerufen am 3. August 2026.
- ↑ Ueli Müller: Hüntwangen, in: Historisches Lexikon der Schweiz, abgerufen am 3. August 2026.
- ↑ Tödlicher Irrtum: die Bombardierung von Rafz, Reformierte Medien, 22. Februar 2024, abgerufen am 3. August 2026.
- ↑ Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder: Rafz, Bundesamt für Kultur, abgerufen am 3. August 2026.
- ↑ Ortsmuseum Rafz, abgerufen am 3. August 2026.
Wikimedia Commons: Medien zu Rafzerfeld