Geschichte des Kantons Neuenburg

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Geschichte des Kantons Neuenburg
Historische Namen Grafschaft Neuenburg, Fürstentum Neuenburg, Republik und Kanton Neuenburg
Hauptort Neuenburg
Erste urkundliche Erwähnung 1011 als Novum Castellum
Bündnis mit Bern Burgrecht von 1406
Eidgenössische Besetzung 1512–1529
Einführung der Reformation 1530
Vereinigung mit Valangin 1592
Preussische Herrschaft 1707–1806 und 1814–1848
Herrschaft Berthiers 1806–1814
Beitritt zur Eidgenossenschaft 1815
Neuenburger Revolution 1. März 1848
Ende der preussischen Ansprüche Pariser Vertrag vom 26. Mai 1857
Geltende Kantonsverfassung angenommen 2000, in Kraft seit 1. Januar 2002

Die Geschichte des Kantons Neuenburg umfasst die Entwicklung des Gebietes zwischen dem Neuenburgersee, dem Jura, der französischen Grenze und dem oberen Zihltal von der Urgeschichte bis zur heutigen Republik und Kanton Neuenburg. Der französischsprachige Kanton trägt auf Französisch den Namen République et Canton de Neuchâtel.

Das Gebiet entwickelte sich aus mehreren mittelalterlichen Herrschaften, insbesondere der Grafschaft Neuenburg und der Herrschaft Valangin. Nach verschiedenen Dynastiewechseln gelangte das Fürstentum 1707 in Personalunion an die Könige von Preussen. Von 1815 bis 1848 besass Neuenburg eine in der Schweiz einzigartige Doppelstellung: Es war gleichzeitig souveräner Kanton der Schweizerischen Eidgenossenschaft und monarchisches Fürstentum unter dem König von Preussen.

Die Revolution vom 1. März 1848 beendete die monarchische Herrschaft und begründete die Neuenburger Republik. Der gescheiterte royalistische Aufstand von 1856 führte zum Neuenburgerhandel. Mit dem Pariser Vertrag von 1857 verzichtete der preussische König endgültig auf seine Herrschaftsrechte.[1]

Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung wurde seit dem 18. Jahrhundert besonders von der Uhrenindustrie, der Spitzenherstellung, dem Textildruck und später der Präzisionsmechanik geprägt. Die Städte La Chaux-de-Fonds und Le Locle wurden zu international bedeutenden Zentren der Uhrmacherei. Ihre auf die Bedürfnisse dieser Industrie ausgerichtete Stadtplanung gehört seit 2009 zum UNESCO-Welterbe.

Name und historischer Raum

Der deutsche Name Neuenburg ist die Übersetzung des französischen Namens Neuchâtel. Beide Formen gehen auf das lateinische Novum Castellum, «neue Burg», zurück. Der Name ist erstmals in einer Urkunde von 1011 belegt.

Der historische Kern des Kantons lag am Neuenburgersee rund um das Schloss und die spätere Stadt Neuenburg. Im Mittelalter kamen schrittweise weitere Gebiete hinzu. Dazu gehörten die westliche Seeregion, das Val-de-Travers, das Val-de-Ruz, die Jurahöhen um Le Locle und La Chaux-de-Fonds sowie verschiedene kleinere Herrschaften.

Die heutigen Kantonsgrenzen entstanden nicht durch einen einmaligen Gründungsakt. Das Territorium wurde über mehrere Jahrhunderte durch Erbschaften, Lehensverhältnisse, Käufe und politische Vereinigungen zusammengefügt. Die Herrschaft Valangin, die grosse Teile des Neuenburger Juras umfasste, wurde erst 1592 endgültig mit der Grafschaft Neuenburg vereinigt.[2]

Geografisch lässt sich der Kanton in mehrere historische Räume gliedern:

  • das Seeufer oder Littoral mit Neuenburg, Boudry und La Béroche;
  • das Val-de-Ruz zwischen dem Seegebiet und den Jurahöhen;
  • das Val-de-Travers im Westen;
  • die Neuenburger Berge mit Le Locle und La Chaux-de-Fonds;
  • die früher weitgehend selbstständige Herrschaft Valangin.

Die Höhenunterschiede beeinflussten Wirtschaft, Besiedlung und politische Kultur. Während am See Weinbau, Handel und Verwaltung dominierten, entwickelten sich in den Bergregionen Viehzucht, Heimarbeit, Uhrmacherei und später die industrielle Produktion.

Urgeschichte

Altsteinzeit

Die ältesten bekannten menschlichen Spuren im heutigen Kantonsgebiet stammen aus der Altsteinzeit. Besonders bedeutend ist die Höhle von Cotencher in der Areuse-Schlucht bei Rochefort. Dort wurden Steinwerkzeuge, Tierknochen und Überreste eines Neandertalers entdeckt.

Die Höhle wurde während verschiedener Perioden von Jägergruppen genutzt. Die Funde belegen, dass Menschen die Juraregion bereits lange vor dem Ende der letzten Eiszeit aufsuchten. Gejagt wurden unter anderem Höhlenbären, Steinböcke, Rentiere und andere Tiere der eiszeitlichen Umwelt.

Nach dem Rückzug der Gletscher veränderten sich Landschaft und Vegetation. Jäger und Sammler nutzten das Seeufer, die Flusstäler und die Jurahöhen saisonal. Fundstellen aus der Mittelsteinzeit zeigen eine zunehmende Anpassung an bewaldete Landschaften.

Jungsteinzeit und Seeufersiedlungen

Seit dem 5. Jahrtausend v. Chr. entstanden am Neuenburgersee bäuerliche Siedlungen. Ihre Bewohner betrieben Ackerbau, hielten Haustiere, fischten und stellten Keramik, Textilien sowie Werkzeuge aus Stein, Knochen und Holz her.

Besonders bekannt sind die jungsteinzeitlichen und bronzezeitlichen Seeufersiedlungen von Auvernier, Bevaix, Gorgier und Saint-Aubin. Wegen des feuchten Untergrunds blieben Pfähle, Holzkonstruktionen, Pflanzenreste und andere organische Materialien aussergewöhnlich gut erhalten.

Fünf Fundstellen im Kanton gehören zum grenzüberschreitenden UNESCO-Welterbe «Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen»:

  • Saint-Aubin-Sauges–Port-Conty;
  • Gorgier–Les Argilliez;
  • Bevaix–L’Abbaye 2;
  • Auvernier–La Saunerie;
  • Auvernier–Les Graviers.[3]

Die Fundstellen ermöglichten genaue Untersuchungen zur Entwicklung früher Bauerngemeinschaften. Jahresringe der verbauten Hölzer erlauben teilweise eine präzise Datierung einzelner Bauphasen.

Bronzezeit

Während der Bronzezeit verdichtete sich die Besiedlung am Seeufer und in den angrenzenden Tälern. Metallwerkzeuge, Waffen und Schmuckstücke belegen weitreichende Handelskontakte.

Die Bevölkerung nutzte sowohl die fruchtbaren Uferzonen als auch höher gelegene Weideflächen. Landwirtschaft, Viehzucht und Fischfang bildeten weiterhin die wirtschaftliche Grundlage.

Mehrere Seeufersiedlungen wurden wiederholt aufgegeben und neu errichtet. Veränderungen des Wasserspiegels, Brände und wirtschaftliche Umstellungen beeinflussten ihre Entwicklung.

Eisenzeit und La-Tène-Kultur

Die wichtigste archäologische Fundstätte des Kantons ist La Tène am Ausfluss der Zihl aus dem Neuenburgersee. Nachdem der Wasserspiegel im Zuge der ersten Juragewässerkorrektion gesunken war, wurden dort ab 1857 zahlreiche Waffen, Werkzeuge, Schmuckstücke, Münzen, Holzobjekte und menschliche Knochen entdeckt.

Die Funde stammen hauptsächlich aus der jüngeren Eisenzeit. Sie waren so bedeutend, dass diese Epoche in grossen Teilen Europas als La-Tène-Zeit und die entsprechende archäologische Kultur als La-Tène-Kultur bezeichnet wird.

Die Funktion des Fundorts ist nicht abschliessend geklärt. Er wird unter anderem als befestigter Übergang, militärischer Stützpunkt, Handelsplatz oder Kultstätte interpretiert. Möglicherweise erfüllte er mehrere dieser Aufgaben nacheinander oder gleichzeitig.

Das Gebiet des heutigen Kantons gehörte in der späten Eisenzeit zum Lebensraum keltischer Bevölkerungsgruppen, die mit den Helvetiern und benachbarten Gemeinschaften verbunden waren. Der Neuenburgersee und die Zihl bildeten wichtige Verkehrswege zwischen dem schweizerischen Mittelland, dem Jura und der Region des heutigen Frankreichs.

Das Laténium in Hauterive präsentiert die archäologische Geschichte der Region von der Altsteinzeit bis zum Mittelalter. Es bewahrt zahlreiche Funde aus La Tène und den Seeufersiedlungen.[4]

Römische Zeit

Nach der römischen Eroberung des helvetischen Gebiets im 1. Jahrhundert v. Chr. wurde die Region in die Verwaltungs- und Wirtschaftsordnung des Römischen Reiches eingegliedert.

Eine bedeutende römische Stadt bestand im heutigen Kantonsgebiet nicht. Die Region lag jedoch zwischen den wichtigen Zentren Aventicum, dem heutigen Avenches, und der Kolonie Augusta Raurica. Strassen und Wasserwege verbanden das Gebiet mit dem schweizerischen Mittelland und der Freigrafschaft Burgund.

Archäologische Funde belegen römische Gutshöfe, kleinere Siedlungen, Heiligtümer und Verkehrswege. Besonders bedeutend war die römische Anlage von Colombier. Dort entstand ein grosser Gutshof, dessen Gebäude wiederholt erweitert und umgebaut wurden.

Am Seeufer wurden Wein, Getreide und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse produziert. Fischfang, Forstwirtschaft, Handwerk und regionaler Handel ergänzten die Wirtschaft.

Die einheimische Bevölkerung übernahm allmählich lateinische Sprachelemente, römische Rechtsvorstellungen und neue Lebensformen. Keltische Traditionen blieben jedoch teilweise erhalten.

Seit der Spätantike verbreitete sich das Christentum. Nach dem Zerfall des Weströmischen Reiches bestanden viele Siedlungen weiter, auch wenn die überregionale Verwaltung und der Fernhandel an Bedeutung verloren.

Frühmittelalter

Im 5. Jahrhundert wurde die Region Teil des burgundischen Machtbereichs. Die Burgunder bildeten gegenüber der romanisierten Bevölkerung eine Minderheit und übernahmen zahlreiche spätrömische Traditionen.

Nach der fränkischen Eroberung des Burgunderreichs im Jahr 534 gehörte das Gebiet zum Frankenreich. Kirchlich war die Region zwischen den Diözesen Lausanne und Basel aufgeteilt, wobei der grösste Teil des späteren Kantons dem Bistum Lausanne unterstand.

Klöster und kirchliche Grundherrschaften besassen im Früh- und Hochmittelalter zahlreiche Güter. Zu den wichtigen Einrichtungen gehörten die Abteien Saint-Maurice, Môtiers, Bevaix und Fontaine-André.

Nach den Teilungen des Frankenreichs kam die Region zum Königreich Hochburgund. Im Jahr 1032 wurde dieses mit dem Heiligen Römischen Reich verbunden.

Die frühmittelalterliche Besiedlung bestand vorwiegend aus kleineren Dörfern, Einzelhöfen und kirchlichen Zentren. An günstigen Lagen entstanden Burgen, welche die Verkehrswege und landwirtschaftlich genutzten Gebiete kontrollierten.

Entstehung der Herrschaft Neuenburg

Novum Castellum

Am 24. April 1011 schenkte König Rudolf III. von Burgund seiner Gemahlin Irmengard verschiedene Besitzungen, darunter einen Ort mit der Bezeichnung Novum Castellum. Diese Urkunde gilt als erste bekannte Erwähnung Neuenburgs.

Das «neue Schloss» lag auf einem Felssporn über dem See. Es kontrollierte den Übergang zwischen dem Uferweg, dem Seyon-Tal und den Routen über den Jura.

In der Nähe der Burg entstand eine Siedlung von Handwerkern, Kaufleuten, Dienstleuten und Geistlichen. Aus ihr entwickelte sich die heutige Stadt Neuenburg.

Herren und Grafen von Neuenburg

Seit dem 12. Jahrhundert ist eine Familie von Neuenburg als Trägerin der Herrschaft belegt. Sie stand möglicherweise mit den Herren von Fenis in Verbindung und besass Rechte in verschiedenen Gebieten des Juras und des schweizerischen Mittellandes.

Die Herrscher förderten Städte und Märkte, vergaben Privilegien und liessen Burgen errichten. Neuenburg erhielt im frühen 13. Jahrhundert einen Freiheitsbrief, der die Rechte und Pflichten der Bürgerschaft regelte.

Im Verlauf des 13. und 14. Jahrhunderts wurde die Herrschaft mehrfach unter verschiedenen Familienzweigen aufgeteilt. Daraus entstanden unter anderem die Linien Neuenburg, Nidau, Strassberg, Aarberg und Valangin.

Die Grafschaft Neuenburg konzentrierte sich zunehmend auf das Gebiet am See. Ihre Herrscher versuchten, kleinere Herrschaften und Lehen in ein zusammenhängendes Territorium einzugliedern.

Städte und Freiheitsrechte

Neben der Stadt Neuenburg erhielten weitere Orte städtische oder kommunale Rechte. Graf Ludwig von Neuenburg gewährte Boudry 1343 und Le Landeron im 14. Jahrhundert besondere Freiheiten.

Die Freiheitsbriefe regelten Märkte, Steuern, Gerichtsbarkeit, Erbrecht und militärische Verpflichtungen. Sie stärkten die lokalen Gemeinschaften, ohne die landesherrliche Macht vollständig zu beseitigen.

In den Juratälern entwickelten sich Gemeinden, deren Bewohner gemeinschaftlich Wälder, Weiden und andere Ressourcen nutzten. Viele dieser Körperschaften erhielten eine beträchtliche Selbstverwaltung.

Herrschaft Valangin

Die Herrschaft Valangin entstand aus einer Teilung der Besitzungen der Familie von Neuenburg. Sie erstreckte sich über das Val-de-Ruz und grosse Teile der Jurahöhen bis nach Le Locle und La Chaux-de-Fonds.

Die Herren von Valangin stammten aus der Linie Aarberg. Sie standen zeitweise unter dem Einfluss der Grafen von Neuenburg, versuchten aber wiederholt, eine grössere Selbstständigkeit zu erreichen.

Das Städtchen Valangin entstand unterhalb der Burg und erhielt 1352 einen Freiheitsbrief. Die Herrschaft förderte die Rodung und Besiedlung der hoch gelegenen Juragebiete.

Le Locle und La Chaux-de-Fonds entwickelten sich zunächst aus verstreuten Höfen und kleinen Siedlungskernen. Die Landwirtschaft war wegen des rauen Klimas schwierig, weshalb Heimarbeit und gewerbliche Tätigkeiten früh an Bedeutung gewannen.

Nach dem Aussterben der Herren von Valangin wurde die Herrschaft 1592 endgültig mit der Grafschaft Neuenburg vereinigt. Lokale Rechts- und Verwaltungsbesonderheiten blieben dennoch teilweise bis ins 19. Jahrhundert bestehen.[2]

Dynastiewechsel im Spätmittelalter

Die ältere Grafenfamilie von Neuenburg starb 1395 mit Gräfin Isabella aus. Die Grafschaft ging an ihren Neffen Konrad von Freiburg über.

Das Haus Freiburg regierte bis 1458. Danach fiel Neuenburg an Rudolf von Hochberg aus einer Seitenlinie des Hauses Baden. Die Hochberger standen in engem Kontakt zum burgundischen und französischen Adel.

Nach dem Tod Philipps von Hochberg im Jahr 1503 erbte seine Tochter Johanna die Grafschaft. Durch ihre Ehe mit Ludwig von Orléans-Longueville gelangte Neuenburg an das französische Haus Orléans-Longueville.

Die häufigen Dynastiewechsel veränderten die lokalen Institutionen nur begrenzt. Die neuen Landesherren bestätigten in der Regel die bestehenden Freiheitsbriefe, Gerichte und ständischen Rechte.

Beziehungen zur Eidgenossenschaft

Burgrecht mit Bern

Neuenburg schloss 1406 ein Burgrecht mit Bern. Das Bündnis sollte militärischen Schutz gewähren und politische Streitigkeiten regeln.

Bern wurde in den folgenden Jahrhunderten zur wichtigsten eidgenössischen Schutzmacht Neuenburgs. Die gemeinsame reformierte Konfession verstärkte diese Verbindung später zusätzlich.

Auch einzelne Städte und Gemeinden des Neuenburger Gebiets schlossen eigene Bündnisse mit Bern oder anderen Orten. Die Beziehungen dienten dem Handel, der Rechtssicherheit und dem Schutz vor äusseren Bedrohungen.

Neuenburg blieb jedoch ein selbstständiges Fürstentum und wurde kein vollberechtigter Ort der Alten Eidgenossenschaft.

Burgunderkriege

Während der Burgunderkriege stand Graf Rudolf von Hochberg zunächst im Dienst Karls des Kühnen, wechselte später aber auf die Seite der Eidgenossen.

Neuenburger Truppen beteiligten sich an den eidgenössischen Feldzügen. Die Nähe zu Burgund und zur Freigrafschaft machte das Gebiet strategisch wichtig.

Die Niederlage Karls des Kühnen stärkte den Einfluss Berns und der Eidgenossenschaft. Neuenburg blieb dennoch unter der Herrschaft der Hochberger.

Eidgenössische Besetzung

Wegen der engen Beziehungen des Hauses Orléans-Longueville zu Frankreich besetzten zwölf eidgenössische Orte die Grafschaft im Jahr 1512. Sie wurde durch wechselnde eidgenössische Landvögte verwaltet.

Die Besetzung dauerte bis 1529. Die Orte bestätigten zahlreiche lokale Rechte, griffen jedoch in Verwaltung, Gerichtsbarkeit und Finanzen ein.

1529 wurde die Grafschaft an Johanna von Hochberg zurückgegeben. Die eidgenössische Besetzung hatte die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zur Schweiz dennoch dauerhaft verstärkt.[5]

Reformation

Guillaume Farel

Der französische Reformator Guillaume Farel kam 1529 und erneut 1530 nach Neuenburg. Er predigte gegen die katholische Kirche und gewann besonders unter Handwerkern und Teilen der städtischen Bürgerschaft Anhänger.

Im November 1530 entschied sich die Stadt Neuenburg nach einer umstrittenen Abstimmung für die Einführung der Reformation. Altäre, Bilder und andere kirchliche Gegenstände wurden aus der Stiftskirche entfernt oder zerstört.

Von der Stadt aus breitete sich die neue Lehre in weiteren Teilen der Grafschaft aus. Der Übergang verlief nicht überall gleichzeitig und stiess besonders in einzelnen ländlichen Gemeinden auf Widerstand.

Die Landesherrin Johanna von Hochberg blieb katholisch, musste die konfessionelle Entscheidung ihrer Untertanen aber weitgehend hinnehmen. Neuenburg entwickelte sich dadurch zu einem reformierten Territorium unter katholischer beziehungsweise später unterschiedlich konfessioneller Landesherrschaft.

Kirchliche Neuordnung

Die Klöster und katholischen Stifte wurden aufgehoben. Ein Teil ihrer Güter ging an Gemeinden, Schulen, Armenfürsorge und die landesherrliche Verwaltung.

Die reformierte Kirche übernahm wichtige Aufgaben im Bildungs- und Sozialwesen. Pfarrer beaufsichtigten Schulen, Sittenordnung und Armenfürsorge.

Kirchliche Gerichte regelten Ehefragen, religiöses Verhalten und gesellschaftliche Normen. Die reformierte Kirche blieb bis ins 19. Jahrhundert eng mit dem Staat verbunden.

Hugenottische Flüchtlinge

Im 16. und 17. Jahrhundert nahm Neuenburg zahlreiche französische Protestanten auf. Besonders nach der Aufhebung des Edikts von Nantes im Jahr 1685 kamen Hugenotten in das Fürstentum.

Viele Flüchtlinge brachten handwerkliche, kaufmännische und wissenschaftliche Kenntnisse mit. Sie beteiligten sich an der Entwicklung von Handel, Spitzenherstellung, Textildruck, Uhrmacherei und Finanzwesen.

Die Aufnahme erfolgte auch aus konfessioneller Solidarität. Dennoch bestanden Unterschiede zwischen alteingesessenen Bürgern, Einwohnern ohne Bürgerrecht und neu zugewanderten Flüchtlingen.

Fürstentum unter den Orléans-Longueville

Das Haus Orléans-Longueville regierte Neuenburg während des 16. und 17. Jahrhunderts überwiegend aus der Ferne. Die Fürsten lebten meist in Frankreich und liessen sich durch Gouverneure vertreten.

Die lokalen Stände, Gerichte und Gemeinden gewannen dadurch an Einfluss. Besonders wichtig waren die drei Stände:

  • der Adel;
  • die Bürgerschaften;
  • die Vertreter der Gerichtsbarkeiten und Gemeinden.

Die Stände bewilligten Steuern, verteidigten Privilegien und wirkten bei Fragen der Thronfolge mit. Der Staatsrat führte einen grossen Teil der laufenden Verwaltung.

Im 17. Jahrhundert wurde Neuenburg zunehmend als Fürstentum bezeichnet. Die Landesherren trugen den Titel Fürst beziehungsweise Fürstin von Neuenburg.

Die Vereinigung mit Valangin 1592 schuf ein weitgehend geschlossenes Territorium. Kleinere Herrschaften wie Gorgier und Vaumarcus bewahrten jedoch besondere Rechte und Lehensverhältnisse.

Erbfolge von 1707

Nach dem Tod der kinderlosen Fürstin Marie de Nemours im Jahr 1707 erhoben zahlreiche europäische Adelige Anspruch auf Neuenburg. Die Entscheidung fiel in die Zeit des Spanischen Erbfolgekriegs und hatte deshalb grosse internationale Bedeutung.

Frankreich unterstützte mehrere katholische Bewerber. Bern und die protestantischen Orte bevorzugten dagegen einen reformierten Herrscher, der das Gebiet vor französischem Einfluss schützen sollte.

Das Tribunal der drei Stände prüfte die Ansprüche und entschied sich für König Friedrich I. von Preussen aus dem Haus Hohenzollern. Neuenburg wurde dadurch nicht Teil des preussischen Staatsgebiets, sondern blieb ein eigenständiges Fürstentum in Personalunion mit Preussen.

Der neue Herrscher bestätigte die lokalen Freiheiten, die reformierte Religion und die bestehenden Institutionen. Die geografische Entfernung Berlins förderte eine weitgehende Selbstverwaltung.

Neuenburg unter preussischer Herrschaft

Politische Ordnung

Der König von Preussen ernannte einen Gouverneur und bestätigte die Mitglieder des Staatsrats. Die laufende Verwaltung lag weitgehend in den Händen Neuenburger Amtsträger.

Die Gerichte, Bürgerschaften und Gemeinden behielten zahlreiche überlieferte Rechte. Eine einheitliche Verfassung bestand nicht; die staatliche Ordnung beruhte auf Freiheitsbriefen, Gewohnheitsrecht, landesherrlichen Erlassen und ständischen Vereinbarungen.

Die Bevölkerung war politisch nicht gleichberechtigt. Bürgerrechte waren an Gemeinden und Korporationen gebunden. Viele Einwohner, besonders Zugezogene und Arbeiter, waren von politischen Ämtern ausgeschlossen.

Die preussische Zeit war trotz einzelner Konflikte von vergleichsweise grosser innerer Autonomie geprägt. Die Könige besuchten das Fürstentum selten und griffen nur begrenzt in den Alltag ein.[6]

Wirtschaftlicher Aufschwung

Im 18. Jahrhundert entwickelte sich Neuenburg zu einer stark exportorientierten Gewerbe- und Handelsregion. Mehrere Branchen gewannen internationale Bedeutung.

Die Herstellung von Spitzen beschäftigte vor allem Frauen im Heimgewerbe. Neuenburger Spitzen wurden über Kaufleute nach Frankreich, Deutschland, England und in weitere Länder exportiert.

In Cortaillod, Boudry, Valangin und anderen Orten entstanden Manufakturen für bedruckte Baumwollstoffe, sogenannte Indiennes. Die Betriebe importierten Baumwollgewebe und Farbstoffe und verkauften ihre Erzeugnisse auf europäischen und überseeischen Märkten.

Einige Neuenburger Kaufleute und Handelshäuser waren unmittelbar oder mittelbar in koloniale Handelsnetze und die Sklavereiwirtschaft eingebunden. Neuere historische Forschungen untersuchen diese Verbindungen und ihre Bedeutung für den regionalen Wohlstand.

Entstehung der Uhrenindustrie

Seit dem späten 17. Jahrhundert verbreitete sich die Uhrmacherei im Neuenburger Jura. Die Überlieferung verbindet ihre Anfänge besonders mit Daniel Jeanrichard aus Le Locle. Die Entwicklung war jedoch das Ergebnis eines breiteren Netzwerks von Handwerkern, Kaufleuten und Heimarbeitern.

Die Produktion erfolgte zunächst dezentral. Einzelne Familien und Werkstätten stellten Räder, Federn, Gehäuse, Zifferblätter und andere Bestandteile her. Kaufleute koordinierten die Arbeit und vertrieben die fertigen Uhren.

Die Uhrmacherei bot der Bevölkerung der hoch gelegenen Täler eine wichtige Ergänzung zur Landwirtschaft. Sie liess sich während der langen Wintermonate in Wohnhäusern und kleinen Werkstätten ausüben.

Le Locle und La Chaux-de-Fonds entwickelten sich zu den wichtigsten Zentren. Neuenburger Uhren wurden nach Frankreich, Grossbritannien, in das Osmanische Reich, nach Russland, Asien und Amerika exportiert.

Aufklärung und kulturelle Entwicklung

Neuenburg war im 18. Jahrhundert ein bedeutender Ort des Buchdrucks und des intellektuellen Austauschs. Die Nähe zu Frankreich und die relative Freiheit des Verlagswesens förderten die Veröffentlichung politischer, philosophischer und religiöser Texte.

Die Société typographique de Neuchâtel druckte zahlreiche Werke für den französischen Markt. Dazu gehörten erlaubte Bücher ebenso wie Schriften, die in Frankreich verboten oder zensiert waren.

Der in Neuenburg geborene Buchhändler und Verleger Frédéric-Samuel Ostervald sowie weitere Unternehmer bauten internationale Vertriebsnetze auf.

Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau lebte von 1762 bis 1765 in Môtiers. Er stand damals unter dem Schutz des preussischen Königs, geriet aber mit Geistlichen und Teilen der Bevölkerung in Konflikt.

Auch Wissenschaft, Kartografie und Naturforschung entwickelten sich. Neuenburger Gelehrte untersuchten den Jura, die Alpen, Fossilien und geologische Formationen.

Französische Revolution und politische Unruhe

Die Französische Revolution von 1789 beeinflusste das Fürstentum stark. Politische Schriften und Nachrichten gelangten über die nahe Grenze nach Neuenburg.

Ein Teil der Bevölkerung begrüsste die Ideen von Freiheit und Rechtsgleichheit. Andere fürchteten soziale Unruhen, den Verlust lokaler Privilegien und eine französische Annexion.

Anders als die Alte Eidgenossenschaft wurde Neuenburg 1798 nicht in die Helvetische Republik eingegliedert. Seine Zugehörigkeit zum König von Preussen schützte das Fürstentum vor einer unmittelbaren Umgestaltung nach französischem Vorbild.

Die französische Besetzung der Schweiz unterbrach jedoch Handelsverbindungen und führte zu militärischen sowie wirtschaftlichen Belastungen. Neuenburg blieb politisch ein monarchisches Fürstentum.

Herrschaft Alexandre Berthiers

Nach der preussischen Niederlage gegen Napoleon trat König Friedrich Wilhelm III. das Fürstentum 1806 an Frankreich ab. Napoleon übergab Neuenburg seinem Marschall und Generalstabschef Louis-Alexandre Berthier.

Berthier trug den Titel Fürst von Neuenburg, hielt sich jedoch kaum im Land auf. Die Verwaltung wurde weiterhin überwiegend von einheimischen Amtsträgern geführt.

Während seiner Herrschaft wurden Strassen und andere öffentliche Anlagen ausgebaut. Besonders wichtig waren die neuen Verkehrswege über die Vue-des-Alpes und La Tourne. Sie verbesserten die Verbindung zwischen dem Seegebiet, den Jurabergen und Frankreich.[7]

Die Bevölkerung musste Soldaten stellen und finanzielle Lasten des napoleonischen Systems tragen. Gleichzeitig förderte die modernere Verwaltung technische und infrastrukturelle Reformen.

Nach Napoleons Niederlage endete Berthiers Herrschaft 1814. Das Fürstentum kehrte zum König von Preussen zurück.

Kanton und Fürstentum zugleich

Wiederherstellung der preussischen Herrschaft

Im Jahr 1814 übernahm König Friedrich Wilhelm III. erneut die Herrschaft. Er gewährte Neuenburg eine Verfassungsurkunde, die traditionelle Einrichtungen mit einzelnen neuen Rechten verband.

Ein Corps législatif wirkte an der Gesetzgebung mit. Der vom König ernannte Staatsrat blieb jedoch das wichtigste Regierungsorgan.

Die politische Ordnung bevorzugte Grundbesitzer, alte Bürgerfamilien und Anhänger der Monarchie. Ein grosser Teil der Industriearbeiter und der zugewanderten Bevölkerung besass nur begrenzte politische Rechte.

Beitritt zur Eidgenossenschaft

Am 12. September 1814 beschloss die eidgenössische Tagsatzung die Aufnahme Neuenburgs, Genfs und des Wallis. Der Wiener Kongress bestätigte 1815 die neue Ordnung.

Neuenburg wurde als 21. Kanton Mitglied der Eidgenossenschaft. Gleichzeitig blieb der König von Preussen Fürst von Neuenburg.

Diese Doppelstellung war einzigartig. In eidgenössischen Angelegenheiten trat Neuenburg als souveräner Kanton auf, während seine innere Staatsform monarchisch blieb.

Neuenburger Vertreter nahmen an der Tagsatzung teil und wirkten an der schweizerischen Politik mit. Der Kanton beteiligte sich an der eidgenössischen Armee und an gemeinsamen Einrichtungen.

Republikanische Bewegung

Die Industrialisierung der Juraberge veränderte die gesellschaftliche Struktur. In La Chaux-de-Fonds und Le Locle lebten viele Uhrmacher, Handwerker und Arbeiter, die keine oder nur eingeschränkte politische Rechte besassen.

Republikanische Ideen fanden besonders in diesen Regionen Unterstützung. Die Republikaner verlangten Volkssouveränität, politische Gleichheit, eine gewählte Regierung und die Trennung von Preussen.

Im Seegebiet und unter alten Bürger- und Grundbesitzerfamilien blieb die monarchische Ordnung stärker verankert. Daraus entstand ein Gegensatz zwischen den überwiegend republikanischen Bergregionen und dem teilweise royalistischen unteren Kantonsteil.

Die Republikaner waren in gemässigte Legalisten und Anhänger eines bewaffneten Umsturzes geteilt.

Aufstände von 1831

Im September 1831 versuchten Republikaner unter Alphonse Bourquin, die Regierung zu stürzen. Sie besetzten zeitweise das Schloss Neuenburg.

Der Aufstand scheiterte wegen mangelnder Organisation, innerer Uneinigkeit und des Widerstands royalistischer Kräfte. Mehrere Anführer mussten fliehen oder wurden verurteilt.

Ein zweiter Versuch im Dezember 1831 wurde ebenfalls niedergeschlagen. Die Regierung verschärfte danach die Kontrolle über Presse, Vereine und politische Versammlungen.

Trotz der Niederlage blieb die republikanische Bewegung bestehen. Exilierte Neuenburger setzten ihre politische Tätigkeit in anderen Schweizer Kantonen fort.[8]

Neuenburger Revolution von 1848

Marsch auf Neuenburg

Die Februarrevolution von 1848 in Paris gab der Neuenburger Bewegung neuen Auftrieb. Am Morgen des 1. März versammelten sich in Le Locle und La Chaux-de-Fonds bewaffnete Republikaner.

Unter der Führung von Fritz Courvoisier und Ami Girard marschierten etwa 700 bis 800 Männer über die verschneite Vue-des-Alpes nach Neuenburg. Weitere Gruppen schlossen sich ihnen an.

Am Abend erreichten sie die Hauptstadt und besetzten das Schloss weitgehend ohne grössere Kämpfe. Die königliche Regierung wurde abgesetzt.

Noch am selben Abend trat unter dem Vorsitz von Alexis-Marie Piaget eine provisorische republikanische Regierung zusammen.[9]

Gründung der Republik

Die neue Regierung erklärte die preussische Herrschaft für beendet. Sie führte das allgemeine Männerwahlrecht ein und bereitete eine neue Verfassung vor.

Die Verfassung von 1848 erklärte Neuenburg zur demokratischen Republik. Der Grosse Rat wurde vom Volk gewählt, während der Staatsrat als Regierung fungierte.

Politische Vorrechte der alten Bürgerschaften und Stände wurden weitgehend beseitigt. Staatliche Institutionen, Gerichte, Steuern und Gemeindeverwaltungen wurden neu geordnet.

Neuenburg beteiligte sich im selben Jahr an der Gründung des schweizerischen Bundesstaats. Die neue Bundesverfassung stärkte seine Einbindung in die Schweiz.

Der 1. März wird bis heute als kantonaler Feiertag und als Gründungstag der Republik begangen. Die traditionelle Marche du 1er Mars erinnert an den Marsch der Revolutionäre über den Jura.

Royalistischer Aufstand von 1856

Die Anhänger des preussischen Königs akzeptierten die republikanische Ordnung nicht vollständig. In der Nacht vom 2. auf den 3. September 1856 versuchten royalistische Gruppen, die Regierung zu stürzen.

Sie besetzten das Schloss Neuenburg und nahmen mehrere Regierungsmitglieder gefangen. Republikanische Milizen aus dem ganzen Kanton mobilisierten jedoch rasch.

Bereits am 4. September wurde das Schloss zurückerobert. Die royalistischen Anführer wurden verhaftet, während ein Teil der Beteiligten ins Ausland floh.

Bei den Kämpfen kamen mehrere Menschen ums Leben. Der Aufstand vertiefte die politischen Gegensätze und löste eine internationale Krise aus.[10]

Neuenburgerhandel

König Friedrich Wilhelm IV. von Preussen verlangte die Freilassung der gefangenen Royalisten und hielt an seinen Herrschaftsansprüchen fest. Die Schweizer Behörden lehnten eine bedingungslose Freilassung ab.

Preussen drohte mit militärischen Massnahmen. Die Schweiz mobilisierte Truppen und bereitete sich unter General Guillaume Henri Dufour auf einen möglichen Krieg vor.

Die Krise wurde durch Vermittlung Frankreichs und anderer europäischer Mächte entschärft. Die Schweiz liess die Gefangenen ausreisen, während die Verhandlungen über den staatsrechtlichen Status fortgesetzt wurden.

Im Pariser Vertrag vom 26. Mai 1857 verzichtete der preussische König für sich und seine Nachfolger dauerhaft auf die souveränen Rechte über das Fürstentum Neuenburg und die Grafschaft Valangin.[11]

Der König durfte den Titel «Fürst von Neuenburg» weiterhin führen, besass aber keine staatlichen Rechte mehr. Damit war die republikanische Zugehörigkeit zur Schweiz endgültig anerkannt.

Aufbau des republikanischen Staates

Nach 1848 schufen die radikalen Regierungen eine zentralere und einheitlichere Kantonsverwaltung. Sie reformierten Gerichte, Gemeinden, Steuern, Schulen und das Zivilrecht.

Die Verfassung von 1858 ersetzte den ersten republikanischen Verfassungstext. Sie blieb mit zahlreichen Änderungen bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts in Kraft.

Die Regierung förderte den Ausbau von Strassen, Eisenbahnen, Bildungseinrichtungen und technischen Institutionen. Gleichzeitig kam es zu Konflikten mit konservativen Gruppen und der reformierten Kirche.

Die Radikalen dominierten die kantonale Politik während eines grossen Teils des 19. Jahrhunderts. Liberale, Konservative und später Sozialdemokraten bildeten die wichtigsten oppositionellen Kräfte.

Das Schloss Neuenburg, früher Residenz der Grafen, Fürsten und königlichen Gouverneure, wurde zum Sitz der republikanischen Kantonsregierung und des Grossen Rates.

Industrialisierung

Vom Heimgewerbe zur Fabrikproduktion

Im 19. Jahrhundert wandelte sich die Uhrmacherei schrittweise vom dezentralen Heimgewerbe zur industriell organisierten Produktion. Maschinen ermöglichten eine grössere Standardisierung und höhere Stückzahlen.

Zahlreiche spezialisierte Betriebe stellten Uhrwerke, Hemmungen, Spiralfedern, Gehäuse, Zifferblätter und Werkzeuge her. Daneben entstanden Unternehmen der Präzisionsmechanik, des Maschinenbaus und der Metallverarbeitung.

Die Produktion blieb stark exportorientiert. Wirtschaftskrisen, Kriege, Währungsschwankungen und Veränderungen der Mode konnten deshalb schwere regionale Folgen haben.

La Chaux-de-Fonds und Le Locle wuchsen zu Industriestädten. Ihre Bevölkerung nahm durch Zuwanderung aus anderen Schweizer Regionen und aus dem Ausland stark zu.

Uhrenstädte

Nach schweren Stadtbränden wurden La Chaux-de-Fonds und Le Locle nach rationalen Plänen wiederaufgebaut. Breite Strassen, regelmässige Häuserzeilen und eine gute Ausrichtung zum Tageslicht sollten Wohnen und Uhrmacherei miteinander verbinden.

Werkstätten befanden sich häufig in denselben Gebäuden wie Wohnungen. Grosse Fenster ermöglichten den Uhrmachern eine möglichst lange Nutzung des natürlichen Lichts.

Seit dem späten 19. Jahrhundert entstanden grössere Fabriken. Die Stadtplanung passte sich der industriellen Produktion an, ohne die enge Verbindung zwischen Wohnen und Arbeiten vollständig aufzugeben.

La Chaux-de-Fonds und Le Locle wurden 2009 als «Stadtlandschaft Uhrenindustrie» in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen. Die UNESCO betrachtet sie als aussergewöhnliche Beispiele von Städten, die durch und für eine einzige Industrie geplant wurden.[12]

Weitere Industriezweige

Neben der Uhrmacherei entwickelten sich Schokoladen-, Tabak-, Textil-, Maschinen- und Nahrungsmittelbetriebe.

Philippe Suchard gründete 1826 in Serrières eine Schokoladenfabrik. Das Unternehmen entwickelte sich zu einem der bekanntesten Schweizer Schokoladenhersteller und prägte das Industriequartier über lange Zeit.

Im Val-de-Travers wurde seit dem 18. Jahrhundert Absinth hergestellt. Das Getränk wurde international exportiert. Nach dem schweizerischen Verbot von 1910 bestand die Produktion teilweise illegal weiter, bis Absinth 2005 erneut zugelassen wurde.

Die Textildruckindustrie verlor im 19. Jahrhundert gegenüber der Uhrmacherei an Bedeutung. Einzelne Unternehmen und technische Kenntnisse gingen jedoch in andere Branchen über.

Verkehrsausbau

Die topografische Trennung zwischen Seegebiet und Jurabergen erschwerte den Verkehr. Moderne Strassen über die Vue-des-Alpes und La Tourne verbesserten die Verbindungen bereits während der napoleonischen Zeit.

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde ein Eisenbahnnetz aufgebaut. Neuenburg erhielt Verbindungen nach Biel, Yverdon, Pontarlier, Le Locle und La Chaux-de-Fonds.

Die Bahn erleichterte den Export von Uhren und Industrieerzeugnissen sowie den Import von Lebensmitteln, Kohle und Rohstoffen. Gleichzeitig förderte sie die Mobilität der Bevölkerung.

Der Bau von Tunneln, Viadukten und Bergstrecken erforderte erhebliche technische und finanzielle Mittel. Mehrere Bahnunternehmen wurden später in grössere Gesellschaften oder die Schweizerischen Bundesbahnen integriert.

Im 20. Jahrhundert ergänzten Buslinien, Autobahnen und der Strassentunnel unter der Vue-des-Alpes das Verkehrsnetz.

Bourbaki-Armee von 1871

Während des Deutsch-Französischen Kriegs wurde die französische Ostarmee unter General Charles Denis Bourbaki im Jura von deutschen Truppen eingeschlossen.

Am 1. Februar 1871 unterzeichneten der Schweizer General Hans Herzog und der französische General Justin Clinchant die Konvention von Les Verrières. Sie erlaubte den französischen Soldaten, die Grenze zu überschreiten, wenn sie ihre Waffen abgaben.

Fast 90'000 erschöpfte, kranke und hungernde Soldaten gelangten über Les Verrières und weitere Grenzübergänge in die Schweiz. Sie wurden entwaffnet und auf zahlreiche Kantone verteilt.[13]

Die Aufnahme stellte Bevölkerung, Armee und Behörden vor grosse organisatorische Aufgaben. Gemeinden, Hilfsvereine und Privatpersonen versorgten die Internierten mit Nahrung, Kleidung und medizinischer Hilfe.

Das Ereignis gilt als eine der ersten grossen humanitären Aktionen des jungen Schweizerischen Roten Kreuzes. In Les Verrières erinnern Denkmäler und Veranstaltungen an die Grenzüberquerung.

Arbeiterbewegung

Die Industrialisierung schuf eine grosse Arbeiterschaft. Arbeitszeiten waren lang, Beschäftigungsverhältnisse unsicher und soziale Versicherungen zunächst kaum vorhanden.

In den Uhrenstädten entstanden Gewerkschaften, Arbeitervereine, Genossenschaften und sozialistische Parteien. Sie forderten höhere Löhne, kürzere Arbeitszeiten, politische Mitbestimmung und soziale Absicherung.

La Chaux-de-Fonds entwickelte sich zu einem wichtigen Zentrum des schweizerischen Sozialismus und der anarchistischen Bewegung. Uhrmacher aus der Region beteiligten sich an internationalen Arbeiterorganisationen.

Die politischen Gegensätze zwischen dem industriellen oberen Kantonsteil und dem stärker bürgerlich-konservativen Seegebiet blieben lange sichtbar.

Seit dem späten 19. Jahrhundert errangen die Sozialdemokraten Mandate in Gemeinden und im Grossen Rat. In La Chaux-de-Fonds übernahmen sie zeitweise eine führende politische Rolle.

Bildung und Wissenschaft

Friedrich Wilhelm III. gründete 1838 in Neuenburg eine Akademie. Sie wurde nach der Revolution von 1848 geschlossen, 1866 jedoch wiedereröffnet.

1909 erhielt die Einrichtung den Status der Universität Neuenburg. Sie entwickelte Fakultäten für Geisteswissenschaften, Naturwissenschaften, Recht, Wirtschaft und Theologie.

Die Industrialisierung förderte auch technische und berufliche Schulen. Uhrmacher-, Mechaniker- und Kunstgewerbeschulen vermittelten Fachkenntnisse für die regionalen Betriebe.

1858 wurde das Neuenburger Observatorium gegründet. Es prüfte Chronometer und lieferte genaue Zeitsignale. Damit spielte es eine wichtige Rolle für die Qualitätskontrolle der Uhrenindustrie.

Museen und wissenschaftliche Einrichtungen beschäftigten sich mit Archäologie, Ethnografie, Naturkunde, Kunst und Uhrmacherei. Zu den bedeutenden Institutionen gehören das Laténium und das Internationale Uhrenmuseum in La Chaux-de-Fonds.

Erster Weltkrieg

Während des Ersten Weltkriegs blieb die Schweiz neutral. Die Grenzlage zu Frankreich führte im Kanton Neuenburg zu einer starken militärischen Präsenz.

Die Mobilmachung entzog Betrieben und Landwirtschaft zahlreiche Arbeitskräfte. Rohstoffmangel und unterbrochene Handelswege belasteten die exportorientierte Uhrenindustrie.

Einzelne Unternehmen profitierten zeitweise von militärischen Aufträgen, während andere wegen fehlender Absatzmärkte ihre Produktion einschränken mussten.

Lebensmittel und Brennstoffe verteuerten sich. Die sozialen Spannungen nahmen zu, besonders in den Industriestädten.

Der Landesstreik von 1918 fand in La Chaux-de-Fonds, Le Locle und anderen Arbeiterzentren Unterstützung. Armee und Behörden sicherten wichtige Verkehrs- und Industrieanlagen.

Die Spanische Grippe forderte auch im Kanton Neuenburg zahlreiche Opfer. Schulen, Veranstaltungen und öffentliche Einrichtungen wurden zeitweise geschlossen.

Zwischenkriegszeit

Nach 1918 erlebte die Uhrenindustrie starke Konjunkturschwankungen. Überproduktion, internationale Konkurrenz und die Weltwirtschaftskrise führten zu Arbeitslosigkeit und Betriebsschliessungen.

Der Staat unterstützte berufliche Ausbildung, Arbeitsvermittlung und einzelne wirtschaftliche Stabilisierungsprojekte. Unternehmen schlossen sich zusammen oder spezialisierten sich auf bestimmte Marktsegmente.

Die politischen Gegensätze zwischen Bürgerlichen und Sozialisten blieben ausgeprägt. Gleichzeitig entwickelten sich sozialpartnerschaftliche Strukturen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften.

Der Strassenbau, die Elektrifizierung und die Modernisierung öffentlicher Dienste wurden fortgesetzt. Tourismus spielte an den Seen, im Val-de-Travers und im Jura eine ergänzende wirtschaftliche Rolle.

Zweiter Weltkrieg

Während des Zweiten Weltkriegs war der Kanton wegen seiner Grenze zum besetzten Frankreich militärisch wichtig. Befestigungen, Grenzposten und Truppen sicherten die Übergänge.

Flüchtlinge versuchten über den Jura in die Schweiz zu gelangen. Einige wurden aufgenommen, andere entsprechend der damaligen restriktiven Flüchtlingspolitik zurückgewiesen.

Die Bevölkerung war von Rationierung, Brennstoffmangel und staatlicher Wirtschaftslenkung betroffen. Im Rahmen der Anbauschlacht wurden zusätzliche Flächen landwirtschaftlich genutzt.

Die Präzisions- und Uhrenindustrie produzierte sowohl zivile als auch kriegswirtschaftlich bedeutende Güter. Der Aussenhandel blieb jedoch durch Blockaden, Kontrollen und Rohstoffmangel eingeschränkt.

Nach Kriegsende setzte ein starker wirtschaftlicher Aufschwung ein. Die Nachfrage nach Schweizer Uhren stieg auf den internationalen Märkten.

Frauenstimmrecht

Frauenorganisationen forderten seit dem frühen 20. Jahrhundert politische Gleichberechtigung. Erste kantonale Abstimmungen über das Frauenstimmrecht scheiterten.

Am 27. September 1959 nahmen die männlichen Stimmberechtigten das Frauenstimm- und -wahlrecht auf kantonaler und kommunaler Ebene an. Neuenburg gehörte damit zusammen mit Waadt zu den ersten Schweizer Kantonen, die Frauen volle kantonale politische Rechte gewährten.[14]

1960 wurde die Sozialdemokratin Raymonde Schweizer in den Grossen Rat gewählt. Sie war die erste Frau in einem Schweizer Kantonsparlament.

Frauen erhielten 1971 auch auf eidgenössischer Ebene das Stimm- und Wahlrecht. Ihr Anteil in kantonalen und kommunalen Behörden nahm danach schrittweise zu.

Die Einführung des Frauenstimmrechts war Teil eines breiteren gesellschaftlichen Wandels, der Bildung, Erwerbsarbeit, Familienrecht und politische Repräsentation betraf.

Nachkriegszeit

In den 1950er- und 1960er-Jahren erlebte die Neuenburger Wirtschaft eine Hochkonjunktur. Die Uhrenindustrie beschäftigte zahlreiche Arbeitskräfte aus anderen Schweizer Kantonen und aus dem Ausland.

Städte und Agglomerationen wuchsen. Neue Wohnquartiere, Schulen, Spitäler und Verkehrsanlagen entstanden.

Einwanderer kamen besonders aus Italien, Spanien, Portugal und später aus weiteren europäischen und aussereuropäischen Ländern. Der Kanton wurde gesellschaftlich und kulturell vielfältiger.

Die Landwirtschaft verlor als Arbeitgeber an Bedeutung. Weinbau, Milchwirtschaft und Spezialkulturen blieben jedoch wichtige Bestandteile der regionalen Wirtschaft.

Die Dienstleistungsbereiche, öffentliche Verwaltung, Bildung und Forschung gewannen an Gewicht. Neuenburg entwickelte sich zugleich zu einem Zentrum der Mikrotechnik und Materialwissenschaften.

Uhrenkrise der 1970er- und 1980er-Jahre

Die Schweizer Uhrenindustrie geriet in den 1970er-Jahren in eine schwere Krise. Elektronische Quarzuhren, internationale Konkurrenz, Wechselkursprobleme und veraltete Unternehmensstrukturen führten zu starken Absatzverlusten.

Im Kanton Neuenburg gingen Tausende Arbeitsplätze verloren. Betriebe schlossen, wurden übernommen oder schlossen sich zu grösseren Gruppen zusammen.

Besonders stark betroffen waren La Chaux-de-Fonds, Le Locle und kleinere Industriegemeinden. Die Krise beschleunigte die Abwanderung und führte zu sozialen Problemen.

Unternehmen und öffentliche Institutionen investierten danach verstärkt in Automatisierung, hochwertige mechanische Uhren, Elektronik, Präzisionsmechanik und Forschung.

Die Gründung beziehungsweise Ansiedlung von Forschungszentren förderte die Verbindung zwischen traditioneller Uhrmacherei und modernen Technologien.

Mikrotechnik und wirtschaftliche Diversifizierung

Seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert entwickelte sich die Region zu einem Zentrum für Mikrotechnik, Medizintechnik, Sensorik, Elektronik und Präzisionsfertigung.

Das Schweizer Zentrum für Elektronik und Mikrotechnik in Neuenburg arbeitet mit Hochschulen und Unternehmen an neuen Technologien. Die Universität Neuenburg und die Fachhochschulen beteiligen sich an Forschung und Ausbildung.

Die Uhrenindustrie blieb ein zentraler Wirtschaftszweig, verlagerte sich aber stärker auf hochwertige und technisch anspruchsvolle Produkte.

Neben Industrie und Forschung gewannen Gesundheitswesen, öffentliche Dienstleistungen, Tourismus und grenzüberschreitende Zusammenarbeit an Bedeutung.

Die wirtschaftliche Abhängigkeit von exportorientierten Branchen blieb bestehen. Internationale Finanzkrisen, Wechselkurse und Veränderungen der Weltmärkte wirken sich deshalb weiterhin stark auf den Kanton aus.

Kantonsverfassung von 2000

Die Verfassung von 1858 war im Laufe von mehr als 140 Jahren vielfach geändert worden. Am Ende des 20. Jahrhunderts begann eine vollständige Überarbeitung.

Der Grosse Rat verabschiedete den neuen Verfassungstext am 25. April 2000. Die Stimmberechtigten nahmen ihn am 23. und 24. September desselben Jahres an.

Die neue Verfassung trat am 1. Januar 2002 in Kraft.[15]

Sie bezeichnet Neuenburg ausdrücklich als demokratische, soziale, laizistische und die Grundrechte gewährleistende Republik.

Die Verfassung enthält einen modernen Grundrechtskatalog und regelt die Zuständigkeiten von Volk, Grossem Rat, Staatsrat, Gerichten und Gemeinden.

Zu den Besonderheiten gehört das kantonale Stimmrecht für niedergelassene ausländische Staatsangehörige unter bestimmten Voraussetzungen. Auf Gemeindeebene bestanden politische Rechte ausländischer Einwohner bereits seit dem 19. Jahrhundert in unterschiedlicher Form.

Verwaltungs- und Gemeindereformen

Die historischen Bezirke Boudry, La Chaux-de-Fonds, Le Locle, Neuenburg, Val-de-Ruz und Val-de-Travers dienten lange als Verwaltungs-, Gerichts- und Wahlkreise.

Mit institutionellen Reformen verloren die Bezirke einen grossen Teil ihrer Aufgaben. Seit 2018 bilden sie keine dezentralen kantonalen Verwaltungseinheiten mehr.

Gleichzeitig nahm die Zahl der Gemeinden durch Fusionen stark ab. Besonders im Val-de-Ruz, Val-de-Travers und am Seeufer entstanden grössere politische Gemeinden.

Die Fusionen sollten Verwaltungen professionalisieren, öffentliche Aufgaben gemeinsam organisieren und die finanzielle Handlungsfähigkeit kleiner Gemeinden verbessern.

Auch die Stadt Neuenburg vergrösserte sich. 2021 vereinigte sie sich mit Corcelles-Cormondrèche, Peseux und Valangin.

Historisches und kulturelles Erbe

Der Kanton besitzt ein vielfältiges Kulturerbe, das von prähistorischen Fundstätten bis zu modernen Industriebauten reicht.

Das Schloss Neuenburg erinnert an die Grafen, Fürsten, preussischen Könige und die Revolution von 1848. Es ist heute Sitz von Regierung und Kantonsparlament.

Die Stiftskirche von Neuenburg, die Schlösser Valangin, Boudry und Colombier sowie zahlreiche Dorfkirchen dokumentieren die mittelalterliche und frühneuzeitliche Geschichte.

La Tène gab einer gesamten Epoche der europäischen Vorgeschichte ihren Namen. Die Seeufersiedlungen gehören zum UNESCO-Welterbe.

La Chaux-de-Fonds und Le Locle stehen für die Verbindung von Industrialisierung, Stadtplanung und Uhrmacherkultur. Die Kenntnisse der Uhrmacherei und Kunstmechanik wurden 2020 in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.[3]

Das industrielle Erbe umfasst Uhrenfabriken, Werkstätten, Arbeiterhäuser, Textildruckereien, Maschinenbetriebe und das ehemalige Suchard-Areal in Serrières.

Erinnerungskultur

Der 1. März ist das wichtigste politische Erinnerungsdatum des Kantons. Er erinnert an die Revolution von 1848 und die Gründung der Republik.

Bei der Marche du 1er Mars wandern Teilnehmer auf verschiedenen Routen in Richtung Neuenburg. Die Tradition nimmt den Marsch der republikanischen Kolonnen aus den Jurabergen zum Vorbild.

Denkmäler, Archive und Museen erinnern an den Neuenburgerhandel, die preussische Zeit und die Entwicklung der Demokratie.

Die Ereignisse von Les Verrières im Jahr 1871 stehen für die humanitäre Tradition und die Aufnahme der Bourbaki-Armee.

Neuere Forschungen beschäftigen sich verstärkt mit sozialen Ungleichheiten, Frauenarbeit, Migration, kolonialen Handelsbeziehungen und der Beteiligung Neuenburger Familien an der Sklavereiwirtschaft.

Die Geschichte wird dadurch nicht mehr ausschliesslich als Entwicklung von Fürstenherrschaft, Republik und Uhrenindustrie dargestellt, sondern auch aus der Perspektive von Arbeitern, Frauen, Zugewanderten und gesellschaftlich benachteiligten Gruppen.

Historische Identität

Die Neuenburger Identität verbindet mehrere scheinbar widersprüchliche Traditionen. Dazu gehören die Erinnerung an die jahrhundertelange Fürstenherrschaft, die engen Beziehungen zu Preussen, die Einbindung in die Schweiz und ein ausgeprägtes republikanisches Selbstverständnis.

Die Bezeichnung «Republik und Kanton Neuenburg» verweist ausdrücklich auf die Revolution von 1848. Der Begriff Republik besitzt im kantonalen Selbstverständnis einen höheren symbolischen Stellenwert als in vielen anderen Schweizer Kantonen.

Der Gegensatz zwischen dem Seegebiet und den Jurabergen prägte die politische und wirtschaftliche Geschichte. Während die Hauptstadt lange Sitz der landesherrlichen und bürgerlichen Eliten war, wurden La Chaux-de-Fonds und Le Locle zu Zentren des Republikanismus, der Arbeiterbewegung und der Industrie.

Uhrmacherei, Mikrotechnik und wissenschaftliche Forschung stehen für die wirtschaftliche Identität. La Tène, die Seeufersiedlungen und die historischen Schlösser dokumentieren zugleich eine Geschichte, die weit vor die Industrialisierung zurückreicht.

Die Lage an der französischen Grenze und die internationale Ausrichtung der Industrie machten Neuenburg stets zu einem offenen, von Migration und grenzüberschreitenden Beziehungen geprägten Kanton.

Siehe auch

Literatur

  • Jean-Pierre Jelmini: Neuchâtel 1011–2011. Mille ans, mille questions, mille et une réponses. Éditions Attinger, Hauterive 2010.
  • Philippe Henry: Histoire du canton de Neuchâtel. Éditions Alphil, Neuenburg.
  • Jean Courvoisier: Panorama de l’histoire neuchâteloise. Éditions de la Baconnière, Neuenburg 1972.
  • Jean Courvoisier: Les monuments d’art et d’histoire du canton de Neuchâtel. Mehrere Bände, Basel.
  • William Pierrehumbert: Histoire de Neuchâtel et Valangin jusqu’à l’avènement de la maison de Prusse. Neuenburg.
  • Philippe Henry: Crime, justice et société dans la Principauté de Neuchâtel au XVIIIe siècle. Neuenburg 1984.
  • Jean-Marc Barrelet: Histoire du Pays de Neuchâtel. Mehrere Bände, Neuenburg.
  • Laurent Tissot: E. Perrenoud & Cie. Histoire d’une entreprise horlogère neuchâteloise. Neuenburg.
  • Société d’histoire et d’archéologie du canton de Neuchâtel (Hrsg.): Musée neuchâtelois beziehungsweise Revue historique neuchâteloise.
  • Archives de l’État de Neuchâtel (Hrsg.): Publikationen und Quelleneditionen zur Geschichte des Kantons.

Einzelnachweise

  1. Philippe Henry u. a.: Neuenburg (Kanton). In: Historisches Lexikon der Schweiz, abgerufen am 30. Juli 2026.
  2. 2,0 2,1 Germain Hausmann: Valangin (Herrschaft). In: Historisches Lexikon der Schweiz.
  3. 3,0 3,1 Republik und Kanton Neuenburg: Patrimoine mondial de l’UNESCO, abgerufen am 30. Juli 2026.
  4. Republik und Kanton Neuenburg: Le Laténium, abgerufen am 30. Juli 2026.
  5. Maurice de Tribolet u. a.: Neuenburg (Gemeinde). In: Historisches Lexikon der Schweiz.
  6. Archives de l’État de Neuchâtel: Guide des fonds concernant le régime prussien, abgerufen am 30. Juli 2026.
  7. Republik und Kanton Neuenburg: Le service des ponts et chaussées marque son bicentenaire, abgerufen am 30. Juli 2026.
  8. Jean-Marc Barrelet: Republikaner (NE). In: Historisches Lexikon der Schweiz.
  9. Republik und Kanton Neuenburg: 1er mars – Message du président du Conseil d’État, abgerufen am 30. Juli 2026.
  10. Jean-Marc Barrelet: Royalisten (NE). In: Historisches Lexikon der Schweiz.
  11. Vertrag betreffend die Regelung des Neuenburgerhandels vom 26. Mai 1857. In: Systematische Sammlung der Neuenburger Gesetzgebung.
  12. UNESCO World Heritage Centre: La Chaux-de-Fonds und Le Locle – Stadtlandschaft Uhrenindustrie, abgerufen am 30. Juli 2026.
  13. Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten: Erinnerung an die Internierung der Bourbaki-Armee, abgerufen am 30. Juli 2026.
  14. Republik und Kanton Neuenburg: 1er mars – Message du président du Conseil d’État, abgerufen am 30. Juli 2026.
  15. Verfassung der Republik und des Kantons Neuenburg vom 24. September 2000. In: Systematische Sammlung der Neuenburger Gesetzgebung.