Fintech in der Schweiz

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Fintech in der Schweiz
Bezeichnung Finanztechnologie, Fintech
Wichtige Standorte Zürich, Zug, Genf, Lausanne
Zentrale Aufsichtsbehörde FINMA
Geld- und Zahlungssystem SNB, SIX
Wichtige Bereiche Zahlungsverkehr, Finanzsoftware, Vermögensverwaltung, Kreditvermittlung, Versicherungen, Regtech, Blockchain und künstliche Intelligenz
Fintech-Bewilligung Seit 1. Januar 2019
DLT-Gesetz Seit 1. August 2021
Branchenorganisationen Swiss FinTech Association, Swiss FinTech Innovations, Crypto Valley Association

Fintech in der Schweiz bezeichnet die Entwicklung und Anwendung digitaler Technologien für Finanzdienstleistungen auf dem Schweizer Markt. Der Begriff Fintech ist eine Kurzform von Financial Technology beziehungsweise Finanztechnologie. Er umfasst technologiebasierte Produkte, Dienstleistungen und Prozesse, die bestehende Angebote von Banken, Versicherungen und anderen Finanzunternehmen ergänzen, automatisieren oder teilweise ersetzen.

Die Schweiz verfügt aufgrund ihres bedeutenden Finanzplatzes, ihrer Hochschulen, ihrer politischen Stabilität und ihrer vergleichsweise technologieoffenen Regulierung über ein breit entwickeltes Fintech-Ökosystem. Zu seinen Schwerpunkten gehören digitale Zahlungssysteme, Bankensoftware, automatisierte Vermögensverwaltung, digitale Banken, Kreditplattformen, Versicherungsanwendungen, regulatorische Technologien sowie Dienstleistungen rund um Blockchain, Kryptowährungen und tokenisierte Vermögenswerte.

Viele Schweizer Fintech-Unternehmen richten sich nicht unmittelbar an Privatkundinnen und Privatkunden, sondern bieten Software, Datenanalyse, Schnittstellen und technische Infrastruktur für Banken, Versicherungen, Vermögensverwalter und andere Unternehmen an. Nach der IFZ FinTech Study 2026 entwickelte sich die Infrastruktur erstmals zum grössten Produktsegment des untersuchten Fintech-Marktes. Datenanalyse, Big Data und Künstliche Intelligenz bildeten Ende 2025 die grösste technologische Kategorie.[1]

Begriff und Abgrenzung

Fintech ist kein einheitlich definierter Rechtsbegriff. Üblicherweise werden darunter Unternehmen und Anwendungen verstanden, die digitale Technologien für innovative Finanzprodukte, Finanzdienstleistungen oder betriebliche Prozesse einsetzen. Ein Unternehmen gilt deshalb nicht allein aufgrund einer bestimmten Bewilligung als Fintech.

Die schweizerische «Fintech-Bewilligung» nach Artikel 1b des Bankengesetzes ist von der allgemeinen Branchenbezeichnung zu unterscheiden. Nicht jedes Fintech-Unternehmen benötigt diese Bewilligung. Umgekehrt kann auch ein Unternehmen ohne typisches technologieorientiertes Geschäftsmodell eine solche Bewilligung beantragen, wenn es die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt.[2]

Zu den angrenzenden Begriffen gehören:

  • Insurtech für digitale Technologien im Versicherungswesen;
  • Regtech für Technologien zur Erfüllung regulatorischer Pflichten;
  • Suptech für technische Hilfsmittel von Aufsichtsbehörden;
  • Wealthtech für digitale Vermögensverwaltung und Anlageberatung;
  • Paytech für Zahlungsdienste und Zahlungsinfrastrukturen;
  • Proptech für digitale Anwendungen im Immobilien- und Hypothekargeschäft;
  • Green Fintech für daten- und technologiebasierte Lösungen im Bereich nachhaltiger Finanzanlagen;
  • Crypto Finance für Finanzdienstleistungen rund um kryptobasierte Vermögenswerte und verteilte elektronische Register.

Entwicklung

Die technologische Entwicklung des Schweizer Finanzsektors begann lange vor der Verbreitung des Begriffs Fintech. Banken und Finanzmarktinfrastrukturen führten bereits im 20. Jahrhundert elektronische Zahlungs-, Handels- und Abwicklungssysteme ein. Das zentrale Zahlungssystem Swiss Interbank Clearing wurde 1987 in Betrieb genommen und wird von SIX Interbank Clearing im Auftrag der Schweizerischen Nationalbank betrieben.[3]

In den 1990er- und 2000er-Jahren verbreiteten sich Onlinebanking, elektronische Börsenplattformen, digitale Bankensoftware und internetbasierte Finanzportale. Die zunehmende Nutzung von Smartphones führte später zur Entwicklung mobiler Banken, digitaler Zahlungssysteme und automatisierter Anlageplattformen.

Nach der weltweiten Finanzkrise von 2007 und 2008 entstanden zahlreiche Unternehmen, die einzelne Bestandteile der traditionellen Wertschöpfungskette von Banken digitalisierten. Dazu gehörten Online-Kreditplattformen, Robo-Advisors, Identifikationsdienste, Buchhaltungssoftware und Anwendungen für den grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr.

Ab etwa 2013 gewann die Blockchain-Technologie stark an Bedeutung. Besonders im Kanton Zug entwickelte sich rund um das sogenannte Crypto Valley ein international bekanntes Ökosystem von Blockchain- und Krypto-Unternehmen. Die Gründung der Ethereum Foundation in Zug trug zur internationalen Wahrnehmung der Region bei.

Seit der zweiten Hälfte der 2010er-Jahre beteiligen sich auch etablierte Banken, Versicherungen und Finanzmarktinfrastrukturen verstärkt an Fintech-Projekten. Die Zusammenarbeit erfolgt über Beteiligungen, Partnerschaften, Innovationslabore, gemeinsame Plattformen oder den Einkauf spezialisierter Software.

Marktstruktur

Die Hochschule Luzern erfasst die Entwicklung des Fintech-Sektors seit 2016 in einer jährlich erscheinenden Studie. Ende 2025 wurden in der Schweiz und in Liechtenstein zusammen 529 Fintech-Unternehmen gezählt. Dies entsprach gegenüber dem Vorjahr einer Zunahme von vier Prozent. Seit 2015 hatte sich die Zahl der erfassten Unternehmen mehr als verdreifacht.[1]

Die Entwicklung war 2025 zunehmend durch ein Gleichgewicht zwischen Markteintritten und Marktaustritten geprägt. Neugründungen standen Liquidationen, Fusionen, Übernahmen und strategischen Neuausrichtungen gegenüber. Nach einer Phase starken Wachstums traten dadurch Konsolidierung und Spezialisierung stärker in den Vordergrund.

Ein charakteristisches Merkmal des Schweizer Fintech-Marktes ist seine Ausrichtung auf Geschäftskunden. Viele Anbieter entwickeln Lösungen für Banken, Versicherungen, Vermögensverwalter, Pensionskassen oder andere Unternehmen. Besonders verbreitet sind international ausgerichtete Business-to-Business-Modelle und Software-as-a-Service-Angebote. Fintech-Unternehmen mit direkter Ausrichtung auf Privatkundinnen und Privatkunden konzentrieren sich stärker auf den Schweizer Binnenmarkt.[1]

Geschäftsfeld Typische Anwendungen Beispiele aus der Schweiz
Zahlungsverkehr Mobile Zahlungen, digitale Konten, Kartenverwaltung, Sofortzahlungen und Händlerlösungen TWINT, Yapeal, Relio
Finanzinfrastruktur Bankensoftware, Kernbankensysteme, Börsen- und Abwicklungsdienste, Programmierschnittstellen SIX, Avaloq, Temenos
Vermögensverwaltung Robo-Advice, digitale Depots, Portfolioanalyse und kostengünstige Anlageplattformen Swissquote, True Wealth, Selma Finance
Kreditfinanzierung Crowdlending, Kreditvermittlung, Bonitätsprüfung und digitale Hypotheken Cashare, LEND
Blockchain und Krypto Handel, Verwahrung, Tokenisierung, Staking und DLT-Infrastruktur Bitcoin Suisse, Sygnum Bank, AMINA Bank, Taurus, BX Digital
Regtech Geldwäschereikontrollen, Identifikation, Transaktionsüberwachung und regulatorische Dokumentation Apiax und spezialisierte Softwareanbieter
Insurtech Digitale Versicherungspolicen, Risikoanalyse, Telematik und Gesundheitsplattformen Dacadoo, TONI Digital
Unternehmensfinanzen Ausgabenverwaltung, Rechnungsverarbeitung, Buchhaltung und Liquiditätsplanung Bexio, Yokoy

Die genannten Unternehmen stellen lediglich Beispiele dar. Abhängig von ihrem Geschäftsmodell können sie als Bank, Finanzinstitut, Finanzintermediär, Versicherungsvermittler, Technologieunternehmen oder nicht beaufsichtigter Softwareanbieter tätig sein.

Regionale Zentren

Zürich

Zürich ist der grösste Fintech-Standort der Schweiz. Die Stadt vereint Banken, Versicherungen, Vermögensverwalter, Börseninfrastruktur, Hochschulen, Technologieunternehmen und zahlreiche spezialisierte Dienstleister. Die Nähe zu den Hauptsitzen grosser Finanzinstitute erleichtert Fintech-Unternehmen den Zugang zu Geschäftskunden, Fachkräften und Investoren.

Die ETH Zürich, die Universität Zürich, Fachhochschulen und private Forschungsorganisationen tragen zur Entwicklung von künstlicher Intelligenz, Cybersicherheit, Kryptografie und Datenverarbeitung bei. Internationale Technologiekonzerne unterhalten ebenfalls bedeutende Forschungs- und Entwicklungsstandorte in der Region.

Zug

Der Kanton Zug ist besonders für Unternehmen aus den Bereichen Blockchain, Kryptowährungen und tokenisierte Vermögenswerte bekannt. Die Region wird häufig als Crypto Valley bezeichnet. Neben Start-up-Unternehmen befinden sich dort Stiftungen, Handelsunternehmen, Beratungen und Dienstleister für digitale Vermögenswerte.

Nach der IFZ FinTech Study gewann Zug bei jüngeren Fintech-Unternehmen weiter an Bedeutung. Die Hochschule Luzern führte dies insbesondere auf die Spezialisierung der Region im Bereich der Distributed-Ledger-Technologie zurück.[1]

Genf und Lausanne

Genf verbindet Fintech mit der traditionellen Vermögensverwaltung, dem Rohstoffhandel und internationalen Organisationen. Unternehmen entwickeln dort unter anderem Lösungen für Wealth Management, grenzüberschreitende Zahlungen, Handelsfinanzierung und nachhaltige Anlagen.

Lausanne und die Genferseeregion profitieren von der École polytechnique fédérale de Lausanne, der Universität Lausanne und einem Umfeld von Technologie- und Forschungsunternehmen. Schwerpunkte sind Datenanalyse, Cybersicherheit, künstliche Intelligenz und digitale Versicherungsmodelle.

Weitere Fintech-Unternehmen befinden sich unter anderem in Basel, Bern, Luzern, St. Gallen, Lugano, Schwyz und im Raum Winterthur.

Regulierung

Die Schweiz verfolgt in der Finanzmarktregulierung grundsätzlich einen prinzipien-, technologie- und wettbewerbsneutralen Ansatz. Vergleichbare Geschäftsmodelle und Risiken sollen nach vergleichbaren Regeln behandelt werden, unabhängig davon, ob eine Dienstleistung über eine Filiale, eine Website, eine Smartphone-Anwendung oder eine Blockchain angeboten wird.[4]

Welche Bewilligung oder Registrierung erforderlich ist, hängt deshalb nicht von der Selbstbezeichnung eines Unternehmens als Fintech ab, sondern von seiner tatsächlichen Tätigkeit. Je nach Geschäftsmodell können insbesondere folgende Erlasse anwendbar sein:

  • das Bankengesetz und die Bankenverordnung;
  • das Finanzinstitutsgesetz;
  • das Finanzdienstleistungsgesetz;
  • das Finanzmarktinfrastrukturgesetz;
  • das Geldwäschereigesetz;
  • das Versicherungsaufsichtsgesetz;
  • das Kollektivanlagengesetz;
  • das Datenschutzgesetz;
  • das Konsumkreditgesetz.

Die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht beurteilt, ob eine Tätigkeit einer Bewilligungspflicht unterliegt. Finanzintermediäre, die keine direkte FINMA-Bewilligung benötigen, müssen sich je nach Tätigkeit einer anerkannten Selbstregulierungsorganisation anschliessen und die Vorschriften zur Bekämpfung von Geldwäscherei und Terrorismusfinanzierung einhalten.

Regulatorische Sandbox

Am 1. August 2017 trat im Bankenrecht ein Innovationsraum in Kraft, der üblicherweise als regulatorische «Sandbox» bezeichnet wird. Innerhalb dieses Bereichs können Unternehmen unter bestimmten Voraussetzungen Publikumseinlagen bis zu einem Gesamtbetrag von einer Million Franken entgegennehmen, ohne als gewerbsmässig tätige Bank zu gelten.

Die Sandbox soll es ermöglichen, ein Geschäftsmodell in begrenztem Umfang zu erproben, bevor eine ordentliche Bewilligung erforderlich wird. Die Einlagen dürfen grundsätzlich nicht angelegt oder verzinst werden. Die Anbieter müssen ihre Kundschaft darüber informieren, dass sie nicht von der FINMA beaufsichtigt werden und die Gelder nicht durch die gesetzliche Einlagensicherung geschützt sind.[2]

Fintech-Bewilligung

Seit dem 1. Januar 2019 besteht eine erleichterte Bewilligung nach Artikel 1b des Bankengesetzes. Sie erlaubt die gewerbsmässige Entgegennahme von Publikumseinlagen oder bestimmten kryptobasierten Vermögenswerten im Gesamtwert von höchstens 100 Millionen Franken. Die Gelder dürfen weder angelegt noch verzinst werden.[5]

Im Vergleich zu einer Bankbewilligung gelten erleichterte Anforderungen an Organisation, Mindestkapital, Eigenmittel, Rechnungslegung und Prüfung. Da die Institute kein klassisches Kreditgeschäft mit den entgegengenommenen Geldern betreiben dürfen, entstehen nicht dieselben Fristentransformations- und Bilanzrisiken wie bei einer Bank.

Die Kundengelder eines Instituts mit Fintech-Bewilligung sind im Konkurs weder privilegiert noch durch die Einlagensicherung von esisuisse geschützt. Das Institut muss seine Kundinnen und Kunden ausdrücklich darüber informieren.[5]

Am 2. August 2026 führte die FINMA fünf Unternehmen mit einer Fintech-Bewilligung auf:

  • Bivial AG in Zug;
  • Relio AG in Zürich;
  • Sequence SA in Genf;
  • SR Saphirstein AG in Zürich;
  • Yapeal AG in Zürich.[6]

Die geringe Zahl dieser Bewilligungen im Verhältnis zur Gesamtzahl der Fintech-Unternehmen erklärt sich unter anderem dadurch, dass viele Geschäftsmodelle keine Publikumseinlagen entgegennehmen. Softwareanbieter, Datenanalyseunternehmen und technische Dienstleister können häufig ausserhalb des direkten FINMA-Bewilligungsbereichs arbeiten.

Blockchain und DLT

Die Schweiz gehört zu den Staaten, die früh einen spezifischen Rechtsrahmen für auf verteilten elektronischen Registern basierende Vermögenswerte geschaffen haben. Das Bundesgesetz zur Anpassung des Bundesrechts an Entwicklungen der Technik verteilter elektronischer Register und die dazugehörigen Verordnungsänderungen traten vollständig am 1. August 2021 in Kraft.

Das sogenannte DLT-Gesetz führte unter anderem Registerwertrechte ein. Rechte können dadurch in einem manipulationsgeschützten elektronischen Register abgebildet und übertragen werden. Das Gesetz enthält zudem Regeln für die Aussonderung kryptobasierter Vermögenswerte im Konkurs und schuf die Bewilligungskategorie des DLT-Handelssystems.[7]

Ein DLT-Handelssystem kann Handel, Abrechnung, Abwicklung und Verwahrung von DLT-Effekten innerhalb einer regulierten Infrastruktur verbinden. Anders als traditionelle Börsen kann es unter bestimmten Voraussetzungen auch Privatkundinnen und Privatkunden unmittelbar zulassen.

Am 18. März 2025 erteilte die FINMA der BX Digital AG die erste schweizerische Bewilligung als DLT-Handelssystem. Die Plattform ermöglicht den Handel mit DLT-Effekten und verbindet die Abwicklung über die öffentliche Ethereum-Blockchain mit dem Schweizer Interbank-Clearing-System. Ein Smart Contract stellt dabei die gleichzeitige Übertragung von Wertpapieren und Zahlung sicher.[8]

Neben Handelsplattformen umfasst die Schweizer Krypto- und DLT-Branche insbesondere:

  • Banken und Finanzdienstleister für digitale Vermögenswerte;
  • Verwahrungs- und Schlüsselverwaltungssysteme;
  • Tokenisierungsplattformen;
  • Blockchain-Analyse und Geldwäschereikontrolle;
  • Staking-Dienstleistungen;
  • Emission und Verwaltung digitaler Wertpapiere;
  • technische Infrastruktur für Smart Contracts;
  • Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsunternehmen.

Der Bereich ist gleichzeitig mit erhöhten Risiken verbunden. Dazu gehören starke Kursschwankungen, Cyberangriffe, der Verlust privater Schlüssel, betrügerische Projekte, unklare internationale Zuständigkeiten sowie Geldwäscherei und Terrorismusfinanzierung. Der Bund kam 2024 zum Schluss, dass die entsprechenden Geldwäschereirisiken gegenüber der vorherigen Untersuchung von 2018 gestiegen waren.[4]

Zahlungsverkehr

Der Zahlungsverkehr gehört zu den sichtbarsten Fintech-Bereichen. Mobile Bezahlverfahren, QR-Rechnungen, kontaktlose Karten, digitale Wallets und Echtzeitüberweisungen haben die Nutzung von Bargeld und klassischen Einzahlungsscheinen ergänzt.

Eine zentrale Rolle spielt TWINT. Die Anwendung ermöglicht Zahlungen im stationären Handel, in Online-Shops, an Automaten, unter Privatpersonen und bei verschiedenen öffentlichen Dienstleistungen. Nach Angaben des Unternehmens nutzten 2026 mehr als sechs Millionen Personen TWINT.[9] Die Erhebungen der Schweizerischen Nationalbank weisen TWINT als die in der Schweiz am weitesten verbreitete mobile Bezahl-App aus.[10]

Am 20. August 2024 wurden Instant-Zahlungen im Schweizer Markt eingeführt. Sie ermöglichen Überweisungen, die innerhalb weniger Sekunden und während 24 Stunden an sieben Tagen der Woche endgültig ausgeführt werden. Beim Marktstart konnten rund 60 Finanzinstitute solche Zahlungen empfangen und verarbeiten; damit waren mehr als 95 Prozent des Schweizer Kundenzahlungsverkehrs abgedeckt.[11]

Instant-Zahlungen bilden eine technische Grundlage für weitere Fintech-Anwendungen. Sie können beispielsweise mit automatisierter Rechnungsverarbeitung, elektronischem Handel, Versicherungsleistungen oder programmierbaren Zahlungsvorgängen verbunden werden.

Open Finance

Open Finance bezeichnet den sicheren Austausch von Finanzdaten über standardisierte Schnittstellen auf Wunsch der Kundschaft. Eine Person mit Konten bei mehreren Banken könnte dadurch beispielsweise alle Konten in einer einzigen Anwendung anzeigen und verwalten. Neben Bankkonten können auch Anlage-, Versicherungs-, Hypothekar- und Vorsorgedaten einbezogen werden.

Die Schweiz verfolgt im Gegensatz zur Europäischen Union und zum Vereinigten Königreich einen primär marktorientierten Ansatz. Finanzinstitute sind grundsätzlich nicht gesetzlich verpflichtet, ihre Kundendaten für zugelassene Drittanbieter zu öffnen. Der Bundesrat erwartet, dass Banken, Versicherungen und Fintech-Unternehmen gemeinsame Schnittstellen und Standards weitgehend privatwirtschaftlich entwickeln.[12]

Zu den möglichen Anwendungen gehören Multibanking, automatisierte Steuererklärungen, konsolidierte Vermögensübersichten, digitale Vorsorgeberatung, Kreditprüfungen und die Verbindung von Finanzdaten mit Nachhaltigkeitsinformationen. Herausforderungen bestehen insbesondere beim Datenschutz, bei der Identifikation der Kundschaft, der Haftung, der Standardisierung und der wirtschaftlichen Verteilung der Kosten.

Künstliche Intelligenz und Datenanalyse

Künstliche Intelligenz wird in der Schweizer Finanzbranche unter anderem für Betrugserkennung, Geldwäschereikontrollen, Kreditprüfung, Portfolioanalyse, Kundenkommunikation, Übersetzungen und Dokumentenverarbeitung eingesetzt.

Generative KI kann Texte zusammenfassen, regulatorische Dokumente durchsuchen, Kundenanfragen vorbereiten und Software entwickeln. Der Einsatz in sensiblen Bereichen erfordert jedoch Kontrollen hinsichtlich Datenqualität, Nachvollziehbarkeit, Diskriminierung, Datenschutz und operationeller Risiken.

Nach der IFZ FinTech Study 2026 bildeten Datenanalyse, Big Data und künstliche Intelligenz erstmals die grösste Technologieklasse des Fintech-Sektors in der Schweiz und Liechtenstein. Dies war nicht nur auf neue Unternehmen zurückzuführen. Auch bestehende Fintech-Anbieter verlagerten ihre technologischen Schwerpunkte auf daten- und KI-basierte Anwendungen.[1]

Die Schweizer Behörden verfolgen grundsätzlich den Ansatz, Innovation zu ermöglichen und gleichzeitig bestehende Finanzmarkt-, Datenschutz- und Haftungsregeln anzuwenden. Das Staatssekretariat für internationale Finanzfragen untersucht zudem, ob die Finanzmarktregulierung besondere Lücken oder Hindernisse für den Einsatz künstlicher Intelligenz enthält.[13]

Zusammenarbeit mit etablierten Finanzinstituten

In der frühen Fintech-Debatte wurde häufig angenommen, dass neue Technologieunternehmen Banken und Versicherungen weitgehend verdrängen könnten. In der Schweiz entwickelte sich der Markt jedoch überwiegend evolutionär. Fintech-Unternehmen arbeiten vielfach als Lieferanten und Kooperationspartner etablierter Finanzinstitute.

Banken und Versicherungen bringen Kundenbeziehungen, Kapital, Bewilligungen, regulatorische Erfahrung und bestehende Infrastrukturen ein. Fintech-Unternehmen verfügen häufig über spezialisierte Software, kürzere Entwicklungszyklen und technisches Fachwissen. Daraus entstehen unterschiedliche Kooperationsformen:

  • Banken bieten Konten und regulatorische Infrastruktur für Fintech-Anwendungen an;
  • Fintech-Unternehmen entwickeln Benutzeroberflächen und technische Module für Banken;
  • Finanzinstitute beteiligen sich an Start-up-Unternehmen oder übernehmen sie;
  • gemeinsame Plattformen standardisieren Identifikation, Zahlungen und Datenaustausch;
  • Hochschulen, Behörden und Unternehmen führen Forschungs- und Pilotprojekte durch.

Diese Entwicklung trägt dazu bei, dass ein erheblicher Teil der Fintech-Innovation für die Kundschaft nicht als eigenständige Marke sichtbar wird. Viele Lösungen werden im Hintergrund in bestehende Angebote von Banken, Versicherungen und Vermögensverwaltern eingebaut.

Finanzierung und wirtschaftliche Bedeutung

Fintech-Unternehmen finanzieren sich je nach Entwicklungsphase durch Eigenmittel der Gründerinnen und Gründer, Business Angels, Risikokapital, Banken, öffentliche Innovationsförderung, Unternehmensbeteiligungen oder Einnahmen aus dem laufenden Geschäft.

Die Schweiz bietet Fintech-Unternehmen Zugang zu einem bedeutenden Finanzplatz und zu vermögenden privaten sowie institutionellen Kunden. Gleichzeitig ist der Binnenmarkt im internationalen Vergleich klein. Viele Unternehmen müssen ihre Produkte deshalb früh auf ausländische Märkte ausrichten.

Die Risikokapitalfinanzierung unterliegt starken Schwankungen. Nach den hohen Investitionsvolumen der Jahre mit tiefen Zinsen ging die Venture-Capital-Aktivität im Fintech-Sektor zurück. Die IFZ FinTech Study 2026 stellte zugleich fest, dass die Schweiz mit Zürich und Genf im untersuchten internationalen Standortvergleich weiterhin zu den führenden Fintech-Zentren gehörte.[1]

Staatliche Stellen fördern in der Regel nicht einzelne Geschäftsmodelle, sondern schaffen rechtliche und organisatorische Rahmenbedingungen. Forschungs- und Innovationsprojekte können unter anderem durch Innosuisse, Hochschulen und kantonale Wirtschaftsförderungen unterstützt werden.

Herausforderungen und Risiken

Die Digitalisierung von Finanzdienstleistungen kann Kosten senken, den Wettbewerb erhöhen und den Zugang zu Finanzprodukten vereinfachen. Sie erzeugt jedoch auch neue Risiken.

Cyber- und operationelle Risiken

Fintech-Unternehmen verarbeiten häufig grosse Mengen sensibler Finanz- und Personendaten. Cyberangriffe, Softwarefehler, der Ausfall von Cloud-Diensten und die Abhängigkeit von einzelnen Technologieanbietern können den Geschäftsbetrieb beeinträchtigen. Kleine Unternehmen verfügen teilweise über geringere finanzielle und personelle Reserven zur Bewältigung solcher Vorfälle.

Datenschutz

Die Zusammenführung von Zahlungs-, Anlage-, Versicherungs- und Konsumdaten ermöglicht neue Dienstleistungen, kann jedoch detaillierte persönliche Profile erzeugen. Unternehmen müssen das schweizerische Datenschutzgesetz sowie gegebenenfalls ausländische Datenschutzvorschriften einhalten.

Geldwäscherei und Finanzkriminalität

Digitale Kontoeröffnung, grenzüberschreitende Transaktionen und kryptobasierte Vermögenswerte können für Geldwäscherei, Betrug und die Umgehung von Sanktionen missbraucht werden. Fintech-Unternehmen müssen deshalb je nach Geschäftsmodell Kundinnen und Kunden identifizieren, wirtschaftlich Berechtigte feststellen und verdächtige Transaktionen melden.

Konsumentenschutz

Digitale Benutzeroberflächen können komplexe Finanzprodukte leicht zugänglich machen. Dies erhöht das Risiko, dass Kundinnen und Kunden Kosten, Verlustrisiken oder fehlende Sicherungssysteme unterschätzen. Besonders bei Kryptowährungen, Hebelprodukten und nicht beaufsichtigten Plattformen können erhebliche Verluste entstehen.

Internationaler Marktzugang

Eine schweizerische Bewilligung berechtigt nicht automatisch zur Tätigkeit in anderen Staaten. Fintech-Unternehmen müssen deshalb unterschiedliche nationale Vorschriften beachten. Der fehlende vollständige Zugang zum europäischen Binnenmarkt kann für Schweizer Anbieter zusätzliche Kosten verursachen.

Fachkräftemangel

Fintech-Unternehmen benötigen Fachpersonen, die Informatik, Finanzwesen, Recht, Cybersicherheit und Datenanalyse verbinden können. Sie konkurrieren dabei mit Banken, Versicherungen, Beratungsunternehmen und internationalen Technologiekonzernen.

Organisationen und Forschung

Mehrere Organisationen fördern die Zusammenarbeit innerhalb des Schweizer Fintech-Ökosystems:

  • Die Swiss FinTech Association vertritt unterschiedliche Akteure der Branche und beteiligt sich an Diskussionen über Regulierung und Standortentwicklung.[14]
  • Swiss FinTech Innovations ist eine von Finanzinstituten getragene Organisation für gemeinsame Innovationsprojekte und Branchenstandards.
  • Die Crypto Valley Association konzentriert sich auf Blockchain, digitale Vermögenswerte und das Crypto-Valley-Ökosystem.
  • Das Swiss Financial Innovation Desk des Staatssekretariats für internationale Finanzfragen dient als Anlaufstelle für Finanzinnovationen und fördert den Austausch zwischen Unternehmen, Behörden und Wissenschaft.
  • Das Institut für Finanzdienstleistungen Zug der Hochschule Luzern veröffentlicht die jährliche IFZ FinTech Study und weitere Untersuchungen zu digitalen Finanzdienstleistungen.
  • Hochschulen wie die ETH Zürich, die Universität Zürich, die Universität St. Gallen und die EPFL betreiben Forschung zu Finanztechnologie, künstlicher Intelligenz, Kryptografie und Informationssicherheit.

Zu den wichtigen Veranstaltungen gehören die Swiss Fintech Week, das Point Zero Forum, Hochschulkonferenzen, Hackathons und regionale Branchentreffen.

Weitere Entwicklung

Die weitere Entwicklung des Schweizer Fintech-Sektors wird voraussichtlich weniger durch einzelne Smartphone-Anwendungen als durch die Modernisierung der grundlegenden Finanzinfrastruktur geprägt. Dazu gehören Echtzeitzahlungen, standardisierte Datenschnittstellen, digitale Identitäten, tokenisierte Wertpapiere, Cloud-Dienste und künstliche Intelligenz.

Im Oktober 2025 eröffnete der Bundesrat eine Vernehmlassung zu neuen Regeln für Stablecoins und andere digitale Vermögenswerte. Vorgesehen waren unter anderem klarere Bewilligungsmodelle für Zahlungsdienstleister und Anbieter von Dienstleistungen mit kryptobasierten Vermögenswerten.[15]

Weitere zentrale Fragen betreffen die internationale Anschlussfähigkeit der Schweizer Regulierung, den Zugang zu Finanzdaten, die Widerstandsfähigkeit gegenüber Cyberangriffen, die Abhängigkeit von Cloud-Anbietern und den verantwortungsvollen Einsatz künstlicher Intelligenz.

Die Schweizer Fintech-Branche ist dadurch zunehmend Teil einer umfassenderen digitalen Transformation des Finanzplatzes. Die Grenzen zwischen Fintech-Unternehmen, Banken, Versicherungen und allgemeinen Technologieanbietern werden dabei weniger eindeutig. Viele Innovationen entstehen nicht mehr ausserhalb der bestehenden Finanzwirtschaft, sondern durch die gemeinsame Entwicklung und schrittweise Integration neuer technischer Systeme.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 Hochschule Luzern: FinTech in der Schweiz und Liechtenstein: KI gewinnt an Bedeutung, 12. März 2026, abgerufen am 2. August 2026.
  2. 2,0 2,1 Bundesrat: Bericht zu Anpassungen des Bankengesetzes vom 15. Juni 2018, 16. Dezember 2022, S. 2–5.
  3. Schweizerische Nationalbank: The Swiss Interbank Clearing payment system, abgerufen am 2. August 2026.
  4. 4,0 4,1 Staatssekretariat für internationale Finanzfragen: Fintech-Nation Schweiz: Stabilität trifft auf Fortschritt, abgerufen am 2. August 2026.
  5. 5,0 5,1 Eidgenössische Finanzmarktaufsicht: Fintech-Bewilligung, abgerufen am 2. August 2026.
  6. Eidgenössische Finanzmarktaufsicht: Liste der von der FINMA bewilligten Personen nach Art. 1b BankG, Stand 2. August 2026.
  7. Staatssekretariat für internationale Finanzfragen: DLT, Blockchain und Tokenisierung, abgerufen am 2. August 2026.
  8. Eidgenössische Finanzmarktaufsicht: FINMA bewilligt erstes DLT-Handelssystem, 18. März 2025, abgerufen am 2. August 2026.
  9. TWINT AG: Über uns, abgerufen am 2. August 2026.
  10. Schweizerische Nationalbank: Payment Methods Survey of Private Individuals 2025, Zürich 2026.
  11. SIX Group und Schweizerische Nationalbank: Markteinführung von Instant-Zahlungen in der Schweiz, 21. August 2024, abgerufen am 2. August 2026.
  12. Staatssekretariat für internationale Finanzfragen: Open Finance, abgerufen am 2. August 2026.
  13. Staatssekretariat für internationale Finanzfragen: Künstliche Intelligenz im Finanzmarkt, abgerufen am 2. August 2026.
  14. Swiss FinTech Association: Offizielle Website, abgerufen am 2. August 2026.
  15. Staatssekretariat für internationale Finanzfragen: Fintech-Nation Schweiz: Regulierungsprojekt Stablecoins und Digital Assets, abgerufen am 2. August 2026.