Vereinigte Schweizerbahnen

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Vereinigte Schweizerbahnen
Streckennetz der Vereinigten Schweizerbahnen
Abkürzung VSB
Französische Bezeichnung Union des chemins de fer suisses
Rechtsform Aktiengesellschaft
Branche Eisenbahnverkehr
Sitz St. Gallen
Gründung 1. Mai 1857
Vorgängergesellschaften Glatthalbahn
St. Gallisch-Appenzellische Eisenbahn
Schweizerische Südostbahn
Spurweite 1435 mm
Antriebsart Dampfbetrieb
Eigenes Streckennetz rund 269 km
Betriebene Strecken zeitweise über 300 km
Auflösung 1902
Nachfolgerin Schweizerische Bundesbahnen

Die Vereinigten Schweizerbahnen (VSB) waren eine private schweizerische Eisenbahngesellschaft mit Sitz in St. Gallen. Sie entstanden am 1. Mai 1857 durch den Zusammenschluss der Glatthalbahn, der St. Gallisch-Appenzellischen Eisenbahn und einer frühen Gesellschaft mit dem Namen Schweizerische Südostbahn. Letztere ist nicht mit der heutigen Schweizerischen Südostbahn zu verwechseln.

Die VSB betrieben ein ausgedehntes normalspuriges Eisenbahnnetz in der Ostschweiz. Es reichte von Winterthur über St. Gallen bis Rorschach, von Rorschach durch das Alpenrheintal nach Chur sowie von Wallisellen durch das Zürcher Oberland nach Rapperswil, Ziegelbrücke, Sargans und Glarus. Daneben führten sie den Betrieb auf mehreren Strecken anderer Gesellschaften.

Das Stammnetz war bereits 1859 weitgehend fertiggestellt. Danach blieb das eigene Netz der Gesellschaft bis zur Verstaatlichung fast unverändert. Die VSB gehörten zu den fünf grossen Privatbahnen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom Bund übernommen und in die neu geschaffenen Schweizerischen Bundesbahnen eingegliedert wurden.[1]

Vorgeschichte

Die Entstehung der Vereinigten Schweizerbahnen steht im Zusammenhang mit der ersten grossen Phase des Eisenbahnbaus in der Schweiz. Nach dem Inkrafttreten des eidgenössischen Eisenbahngesetzes von 1852 entstanden zahlreiche private Gesellschaften, die regionale und überregionale Bahnstrecken planten.

In der Ostschweiz verfolgten mehrere Unternehmen teilweise miteinander verbundene Projekte. Die Baukosten wurden jedoch häufig zu niedrig eingeschätzt, während die Beschaffung des erforderlichen Aktien- und Anleihenkapitals schwieriger war als erwartet.

Die drei späteren Vorgängergesellschaften der VSB befanden sich Mitte der 1850er Jahre in finanziellen Schwierigkeiten. Französische und britische Geldgeber machten eine weitere Finanzierung von einer Zusammenlegung der Unternehmen und einer einheitlichen Leitung abhängig.

Glatthalbahn

Die Glatthalbahn, zeitgenössisch häufig als Glattalbahn bezeichnet, plante eine Verbindung von Wallisellen durch das Glattal und das Zürcher Oberland bis zum oberen Zürichsee.

Der erste Abschnitt von Wallisellen nach Uster wurde am 1. August 1856 eröffnet. In Wallisellen bestand ein Anschluss an die Strecke der Schweizerischen Nordostbahn nach Zürich.

Die Gesellschaft beabsichtigte, ihre Bahn über Wetzikon und Rüti nach Rapperswil weiterzuführen. Für die Vollendung des Projekts fehlten ihr jedoch ausreichende finanzielle Mittel. Die Fortsetzung wurde deshalb nach der Fusion durch die Vereinigten Schweizerbahnen gebaut.

St. Gallisch-Appenzellische Eisenbahn

Die St. Gallisch-Appenzellische Eisenbahn errichtete die Hauptverbindung von Winterthur über Wil, Flawil und St. Gallen nach Rorschach.

Der Abschnitt zwischen Winterthur und Wil wurde im Oktober 1855 eröffnet. Bis März 1856 erreichten die Züge St. Gallen, im Oktober desselben Jahres folgte die Verbindung von St. Gallen über die Steilstrecke nach Rorschach.

Für die Strecke mussten mehrere bedeutende Kunstbauten errichtet werden. Dazu gehörten der Sitterviadukt, die Brücken über die Glatt und die Uze sowie weitere Viadukte und Geländeeinschnitte.

Die hohen Baukosten belasteten das Unternehmen stark. Für Abschlussarbeiten und offene Rechnungen fehlte das erforderliche Kapital. Die Gesellschaft musste deshalb neue Geldgeber suchen.

Schweizerische Südostbahn

Die damalige Schweizerische Südostbahn war ein mit erheblichem ausländischem Kapital finanziertes Unternehmen. Sie plante eine Eisenbahnverbindung von Rorschach durch das Rheintal nach Chur und von dort über die Alpen.

Im Mittelpunkt stand zunächst eine Alpenbahn über den Lukmanierpass. Daneben wurden auch Verbindungen über den Splügen und andere Bündner Alpenpässe diskutiert.

Die Gesellschaft begann mit dem Bau der Strecken Rorschach–Rheineck–Chur, Sargans–Weesen–Glarus und Weesen–Rapperswil. Noch vor deren Fertigstellung geriet sie in finanzielle Schwierigkeiten.

Ihre Bezeichnung führt gelegentlich zu Verwechslungen mit der heutigen Schweizerischen Südostbahn. Zwischen den beiden Unternehmen besteht jedoch keine unmittelbare gesellschaftsrechtliche Kontinuität.[2]

Gründung

Die drei Gesellschaften schlossen sich am 1. Mai 1857 zu den Vereinigten Schweizerbahnen zusammen. Der Sitz der neuen Aktiengesellschaft befand sich in St. Gallen.

Ursprünglich war auch eine Beteiligung der Schweizerischen Nordostbahn vorgesehen. Deren Leitung unter Alfred Escher verfolgte jedoch eigene wirtschaftliche und verkehrspolitische Ziele und beteiligte sich nicht an der Fusion.

Zu den wichtigsten Kapitalgebern der VSB gehörten französische Investoren. Daneben beteiligten sich die Kantone St. Gallen, Graubünden und Glarus sowie verschiedene Städte und Gemeinden an der Finanzierung.[1]

Die Gesellschaft übernahm die bereits betriebenen Strecken der Glatthalbahn und der St. Gallisch-Appenzellischen Eisenbahn. Gleichzeitig führte sie die von der frühen Südostbahn begonnenen Bauarbeiten weiter.

Die Fusion sollte die Verwaltung vereinheitlichen, die Kreditwürdigkeit verbessern und die Vollendung eines zusammenhängenden ostschweizerischen Eisenbahnnetzes ermöglichen.

Aufbau des Streckennetzes

Strecke Rorschach–Chur

Die Verbindung durch das St. Galler Rheintal gehörte zu den wichtigsten Bauvorhaben der neuen Gesellschaft.

Am 25. August 1857 wurde der Abschnitt zwischen Rorschach und Rheineck eröffnet. Die Fortsetzung über St. Margrethen, Altstätten, Buchs und Sargans nach Chur folgte am 1. Juli 1858.

Die Strecke erschloss zahlreiche Gemeinden des Rheintals und verband den Bodensee mit der Bündner Kantonshauptstadt. In St. Margrethen entstanden später Anschlüsse an das österreichische Eisenbahnnetz, in Buchs an die Verbindung durch das Fürstentum Liechtenstein nach Feldkirch.

Chur wurde zum südöstlichen Endpunkt der VSB. Von dort sollte nach den ursprünglichen Vorstellungen eine internationale Alpenbahn weiter nach Italien führen.

Strecke durch das Zürcher Oberland

Die von der Glatthalbahn begonnene Strecke Wallisellen–Uster wurde durch die VSB über Wetzikon und Rüti nach Rapperswil verlängert.

Damit entstand eine durchgehende Verbindung von Zürich über Wallisellen, Uster und Wetzikon an den oberen Zürichsee. Zwischen Zürich und Wallisellen benutzten die Züge die Infrastruktur der Nordostbahn.

Die Linie war zunächst ein wichtiger Bestandteil der Verbindung zwischen Zürich, Rapperswil, dem Walensee und Graubünden. Mit der Eröffnung der kürzeren linksufrigen Zürichseebahn Zürich–Thalwil–Ziegelbrücke durch die Nordostbahn im Jahr 1875 verlor sie einen Teil ihrer überregionalen Bedeutung.

Für den Regionalverkehr im Zürcher Oberland blieb die Strecke jedoch von grosser Bedeutung. Sie bildet heute einen Kernabschnitt der S-Bahn Zürich.

Walensee- und Glarner Linien

Von Rapperswil bauten die VSB ihre Verbindung über Uznach nach Ziegelbrücke und Weesen weiter. Gleichzeitig entstand von Sargans aus eine Strecke entlang des Walensees.

Die von beiden Seiten vorangetriebenen Bauarbeiten schufen 1859 eine durchgehende Verbindung zwischen Rapperswil und Sargans. Von Weesen wurde zudem eine Stichbahn über Näfels nach Glarus eröffnet.

Die Strecke am Walensee war wegen der schwierigen topografischen Verhältnisse aufwendig. Zwischen steilen Berghängen und Seeufer mussten zahlreiche Kunstbauten, Stützmauern und kurze Tunnel errichtet werden.

Mit der Vollendung dieser Linien verfügten die VSB über eine durchgehende Verbindung von Zürich durch das Zürcher Oberland und entlang des Walensees nach Sargans und Chur.

Streckennetz

Das eigene Stammnetz der Vereinigten Schweizerbahnen bestand im Wesentlichen aus fünf Liniengruppen.

Liniengruppe Verlauf Herkunft beziehungsweise Bedeutung
Winterthur–Rorschach Winterthur – Wil – Flawil – St. Gallen – Rorschach Von der St. Gallisch-Appenzellischen Eisenbahn gebaut; wichtigste Ost-West-Achse der VSB
Rorschach–Chur Rorschach – St. Margrethen – Buchs – Sargans – Chur Von der frühen Südostbahn begonnen und durch die VSB vollendet
Wallisellen–Rapperswil Wallisellen – Uster – Wetzikon – Rüti – Rapperswil Von der Glatthalbahn begonnen und durch die VSB bis Rapperswil verlängert
Rapperswil–Sargans Rapperswil – Uznach – Ziegelbrücke – Weesen – Walenstadt – Sargans Verbindung zwischen Zürichsee, Walensee und Rheintal
Weesen–Glarus Weesen – Näfels – Glarus Stichbahn ins Glarnerland

Das eigene Streckennetz umfasste gegen Ende der Gesellschaft rund 269 Kilometer. Unter Einbezug der im Auftrag anderer Unternehmen betriebenen Linien lag die Betriebslänge zeitweise bei mehr als 300 Kilometern.

Betrieb anderer Bahngesellschaften

Die VSB beschränkten sich nicht auf den Verkehr auf den eigenen Strecken. Sie übernahmen auch den Betrieb mehrerer kleinerer oder regionaler Bahngesellschaften.

Toggenburgerbahn

Die Toggenburgerbahn eröffnete 1870 die Strecke von Wil über Bütschwil und Wattwil nach Ebnat-Kappel.

Die VSB führten den Betrieb auf Rechnung der Eigentümergesellschaft. Die Toggenburgerbahn besass keine vollständig eigenständige Betriebsorganisation und nutzte Fahrzeuge, Personal und Werkstätten der VSB.

Im Jahr 1901 ging die Toggenburgerbahn an den Kanton St. Gallen über. Kurz darauf wurde sie zusammen mit den VSB in die Schweizerischen Bundesbahnen integriert.

Wald-Rüti-Bahn

Die Wald-Rüti-Bahn eröffnete 1876 die Strecke von Rüti ZH über Bubikon nach Wald ZH. In Rüti bestand Anschluss an die VSB-Hauptstrecke zwischen Wetzikon und Rapperswil.

Auch diese Linie wurde von den Vereinigten Schweizerbahnen betrieben. Sie bildete eine wichtige Verbindung zwischen dem Zürcher Oberland und dem Tösstal.

Zürichsee-Gotthardbahn

Die Zürichsee-Gotthardbahn eröffnete 1878 die Verbindung von Rapperswil über den Seedamm nach Pfäffikon SZ.

Der Betrieb wurde zunächst durch die VSB geführt. Die Strecke sollte als Teil einer Verbindung in Richtung Gotthard dienen und wurde später mit weiteren Bahnen zur Schweizerischen Südostbahn zusammengeschlossen.

Betrieb und Organisation

Unternehmenssitz

Die Hauptverwaltung der Vereinigten Schweizerbahnen befand sich in St. Gallen. Die Stadt lag zentral zwischen den wichtigsten Strecken nach Winterthur, Rorschach, Chur und dem Zürcher Oberland.

Nach der Verstaatlichung entstand aus der früheren Hauptverwaltung die SBB-Kreisdirektion IV. Diese war während vieler Jahrzehnte für einen grossen Teil des Eisenbahnnetzes der Ostschweiz zuständig.

Werkstätten und Depots

Für den Unterhalt von Lokomotiven und Wagen unterhielten die VSB Werkstätten, Lokomotivdepots und weitere technische Anlagen.

Rorschach entwickelte sich zu einem bedeutenden Standort für den Unterhalt von Dampflokomotiven. Aus der VSB-Hauptwerkstätte entstand später ein Lokomotivdepot der SBB.

Auch in Chur bestanden Werkstattanlagen. Diese gingen nach der Verstaatlichung an die SBB über und wurden weiter ausgebaut.

Kleinere Lokomotivdepots und Remisen befanden sich unter anderem in Uster, St. Gallen, Sargans, Rapperswil und weiteren Betriebsmittelpunkten. In Uster ist eine historische Ringsegmentremise mit Drehscheibe erhalten geblieben.

Fahrplan und Personenverkehr

Die frühen Fahrpläne umfassten nur wenige Züge pro Tag. Die Reisegeschwindigkeit war wegen der Dampflokomotiven, der zahlreichen Zwischenhalte und der teilweise anspruchsvollen Streckenführung vergleichsweise gering.

Auf den Hauptlinien verkehrten Personen-, Schnell- und gemischte Züge. Gemischte Züge führten sowohl Personen- als auch Güterwagen und benötigten wegen der Rangierarbeiten an den Zwischenbahnhöfen besonders lange Fahrzeiten.

Mit der wachsenden Nachfrage wurde das Angebot schrittweise erweitert. Bedeutende Verbindungen bestanden zwischen Zürich und Chur, Winterthur und Rorschach sowie zwischen Rorschach und dem Rheintal.

Rorschach war für den Anschluss an die Bodenseeschifffahrt von besonderer Bedeutung. Mit dem Ausbau des Hafens Romanshorn durch die Nordostbahn nahm der Konkurrenzdruck jedoch zu.

Güterverkehr

Der Güterverkehr bildete eine wichtige Einnahmequelle der Gesellschaft. Transportiert wurden unter anderem Textilien, Getreide, Holz, Kohle, Vieh, landwirtschaftliche Erzeugnisse, Baumaterialien und Industrieprodukte.

Die Bahn förderte die Industrialisierung der Ostschweiz. Textilbetriebe in den Kantonen St. Gallen, Appenzell und Glarus erhielten bessere Verbindungen zu Absatzmärkten und Häfen.

Die Rheintallinie erleichterte den Verkehr mit Österreich und Süddeutschland. Über Chur wurden Waren in die Bündner Täler und zu den Alpenpässen weitertransportiert.

Rollmaterial

Die Vereinigten Schweizerbahnen führten ihren gesamten Betrieb mit Dampflokomotiven.

Bei der Gründung übernahmen sie die Lokomotiven und Wagen der drei Vorgängergesellschaften. Die Fahrzeuge unterschieden sich teilweise erheblich in Bauart, Leistung und Herkunft.

Auf der steigungsreichen Strecke zwischen Rorschach und St. Gallen wurden zunächst Stütztenderlokomotiven nach dem System Engerth eingesetzt. Ihre Bauart ermöglichte eine höhere Reibungsmasse und eignete sich deshalb für die starken Steigungen.

Die ältesten Lokomotiven waren für die Verbrennung von Holz ausgelegt. Wegen steigender Holzpreise und der besseren Verfügbarkeit ausländischer Steinkohle stellten die VSB ihre Fahrzeuge bis Anfang der 1860er Jahre weitgehend auf Kohlenfeuerung um.

Spätere Lokomotiven wurden unter anderem von der Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik in Winterthur sowie von deutschen und österreichischen Herstellern geliefert.

Die Gesellschaft setzte unterschiedliche Lokomotivtypen für Schnell-, Personen-, Güter- und Rangierzüge ein. Nach der Verstaatlichung übernahmen die SBB die noch vorhandenen Fahrzeuge und ordneten sie in ihr eigenes Bezeichnungs- und Nummernsystem ein.

Brücken und weitere Kunstbauten

Das VSB-Netz umfasste zahlreiche bedeutende Brücken, Viadukte, Tunnel und Uferbauten.

Zu den bekanntesten Bauwerken gehörte der Sitterviadukt westlich von St. Gallen. Die ursprüngliche Eisenkonstruktion überspannte das tief eingeschnittene Sittertal und war zur Zeit ihrer Eröffnung eines der auffälligsten Eisenbahnbauwerke der Schweiz.

Auch die Brücken über Glatt, Uze, Thur und Goldach stellten hohe technische Anforderungen. Mehrere grosse Brücken wurden nach ähnlichen Konstruktionsprinzipien errichtet.

Im Rheintal mussten Flüsse und Wildbäche überquert sowie umfangreiche Dämme angelegt werden. Die Bahnstrecke war zudem von den damals noch unvollständig regulierten Gewässern und von Hochwasserereignissen bedroht.

Die Walenseestrecke erforderte Stützmauern, Tunnels und Trassen unmittelbar am Seeufer. Zahlreiche Anlagen wurden im 20. Jahrhundert ersetzt, verstärkt oder durch neue Linienführungen abgelöst.

Finanzielle Entwicklung

Die Vereinigten Schweizerbahnen übernahmen bei ihrer Gründung erhebliche finanzielle Belastungen ihrer Vorgängergesellschaften.

Die ursprünglichen Baukosten waren zu niedrig veranschlagt worden. Nach Angaben des historischen SBB-Archivs entstand ein zusätzlicher Kapitalbedarf von rund 20 Millionen Franken.[1]

Die Gesellschaft konnte die Zinsen ihrer Anleihen zunächst nur teilweise bezahlen. Dividenden an die Aktionäre waren in den ersten Jahren nicht möglich.

Im Jahr 1861 unterstützte der Kanton St. Gallen das Unternehmen mit rückzahlbaren Mitteln von 2,5 Millionen Franken in Form von Aktien und Obligationen. Danach konnte die finanzielle Situation schrittweise konsolidiert werden.[1]

Der Eisenbahnkrach der 1870er Jahre traf auch die VSB. Die Aktien wurden zeitweise zu einem kleinen Bruchteil ihres Nennwerts gehandelt.

Im Vergleich zu anderen grossen Privatbahnen blieb die Verschuldung später jedoch verhältnismässig begrenzt. Ein wichtiger Grund dafür war, dass die Gesellschaft nach 1859 kaum eigene neue Strecken baute.

Konkurrenz mit der Nordostbahn

Das Verhältnis zwischen den Vereinigten Schweizerbahnen und der Schweizerischen Nordostbahn war von Konkurrenz geprägt.

Die Nordostbahn kontrollierte wichtige Zufahrten nach Zürich und besass mit der Strecke Winterthur–Frauenfeld–Romanshorn eine konkurrierende Verbindung zum Bodensee.

Rorschach war zunächst der bedeutendste schweizerische Hafen am Bodensee. Die Nordostbahn baute jedoch Romanshorn aus, betrieb dort eine eigene Dampfschiffflotte und verlagerte einen wachsenden Teil des internationalen Verkehrs an diesen Standort.

Eine weitere Schwächung der VSB brachte 1875 die Eröffnung der linksufrigen Zürichseebahn von Zürich über Thalwil nach Ziegelbrücke. Diese Strecke war für Reisen zwischen Zürich, dem Walensee und Chur kürzer als die VSB-Verbindung über Wallisellen, Uster und Rapperswil.[1]

Die VSB behielten auf der Zürcher Oberlandstrecke einen bedeutenden Regionalverkehr. Im überregionalen Verkehr nach Graubünden gewannen jedoch die Verbindungen der Nordostbahn zunehmend an Bedeutung.

Ostalpenbahnprojekte

Die Frage nach einer Eisenbahnverbindung durch die Ostalpen begleitete die Geschichte der VSB während mehrerer Jahrzehnte.

Die frühe Südostbahn hatte eine Lukmanierbahn geplant. Nach der Fusion prüften die VSB weiterhin verschiedene Linienführungen über den Lukmanier oder den Splügen.

Die Gesellschaft hoffte, mit einer internationalen Alpenbahn eine direkte Verbindung zwischen Süddeutschland, der Ostschweiz und Italien zu schaffen. Dadurch hätte ihr Netz eine ähnliche Bedeutung wie die späteren Zufahrtsstrecken zur Gotthardbahn erhalten.

Der Bund und die beteiligten Staaten entschieden sich jedoch für die Gotthardroute. Die Gotthardbahn wurde 1882 eröffnet.

Auch spätere VSB-Projekte für eine Splügenbahn konnten nicht finanziert werden. Die Gesellschaft blieb deshalb eine regionale und überregionale Ostschweizer Bahn ohne eigene Alpenquerung.[3]

Mit der Eröffnung der Schmalspurbahn von Landquart nach Davos im Jahr 1889 und der weiteren Entwicklung der Rhätischen Bahn wurden die VSB-Strecken nach Sargans und Chur zu wichtigen Zufahrtslinien für Graubünden.

Verstaatlichung

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gewann die Forderung nach einer Verstaatlichung der grossen schweizerischen Privatbahnen an Bedeutung.

Kritisiert wurden unter anderem die unterschiedlichen Tarife, die Konkurrenz zwischen den Gesellschaften, die Abhängigkeit von ausländischem Kapital und die fehlende einheitliche Verkehrsplanung.

In der eidgenössischen Volksabstimmung vom 20. Februar 1898 stimmte die Bevölkerung dem Rückkauf der grossen Hauptbahnen durch den Bund zu.

Der Betrieb der Vereinigten Schweizerbahnen erfolgte bereits ab dem 1. Januar 1901 auf Rechnung des Bundes. Das Aktienkapital wurde in Anleihen umgewandelt.[1]

Am 1. Juli 1902 wurden die Schweizerischen Bundesbahnen Rechtsnachfolgerin der VSB. Das Streckennetz, das Rollmaterial, die Immobilien und ein grosser Teil des Personals gingen an die neue Staatsbahn über.[2]

Die Vereinigten Schweizerbahnen hörten damit nach 45 Jahren als eigenständige Gesellschaft auf zu bestehen.

Nachwirkung

Nahezu alle Hauptstrecken der Vereinigten Schweizerbahnen sind weiterhin in Betrieb. Sie bilden bedeutende Teile des heutigen schweizerischen Bahnnetzes.

Die Strecke Winterthur–St. Gallen–Rorschach gehört zur wichtigsten Ost-West-Verbindung der Ostschweiz. Die Rheintallinie verbindet Rorschach, St. Margrethen, Buchs, Sargans und Chur.

Die frühere Glatthalbahn durch das Zürcher Oberland wird heute von mehreren Linien der S-Bahn Zürich benutzt. Die Walenseestrecke ist Bestandteil der Verbindung von Zürich und St. Gallen nach Sargans und Chur.

Die Bahn nach Glarus wurde später über Schwanden bis Linthal verlängert. Der ursprüngliche Abschnitt zwischen Weesen und Näfels wurde 1918 für den Personenverkehr stillgelegt und später abgebrochen, nachdem eine günstigere Linienführung über Ziegelbrücke geschaffen worden war.

Zahlreiche Bahnhöfe, Brücken, Lokomotivremisen und Verwaltungsgebäude erinnern an die VSB. Einige Stationsgebäude werden weiterhin für den Bahnbetrieb genutzt, andere dienen Wohn-, Gewerbe- oder kulturellen Zwecken.

Die Unternehmensgeschichte ist in umfangreichen Beständen von SBB Historic, kantonalen Archiven und weiteren Sammlungen dokumentiert. Das Planarchiv von SBB Historic umfasst Tausende Pläne zu Strecken, Bahnhöfen, Brücken, Werkstätten und Fahrzeugen der Gesellschaft.[1]

Chronologie

Jahr Ereignis
1855 Eröffnung der ersten Abschnitte der St. Gallisch-Appenzellischen Eisenbahn zwischen Winterthur und Wil
1856 Vollendung der Verbindung Winterthur–St. Gallen–Rorschach und Eröffnung der Glatthalbahn Wallisellen–Uster
1857 Gründung der Vereinigten Schweizerbahnen am 1. Mai; Eröffnung Rorschach–Rheineck
1858 Eröffnung der durchgehenden Rheintallinie bis Chur
1859 Weitgehende Fertigstellung des Stammnetzes zwischen Rapperswil, Sargans und Glarus
1861 Finanzielle Unterstützung durch den Kanton St. Gallen
1870 Übernahme des Betriebs auf der Toggenburgerbahn
1875 Eröffnung der konkurrierenden linksufrigen Zürichseebahn der Nordostbahn
1876 Übernahme des Betriebs der Wald-Rüti-Bahn
1878 Betriebsführung auf der Zürichsee-Gotthardbahn über den Seedamm
1882 Eröffnung der Gotthardbahn; Ende der realistischen Aussichten auf eine VSB-Alpenbahn
1898 Zustimmung der Schweizer Stimmberechtigten zum Rückkauf der grossen Privatbahnen
1901 Betrieb der VSB auf Rechnung des Bundes
1902 Eingliederung der VSB in die Schweizerischen Bundesbahnen

Siehe auch

Literatur

  • Hans-Peter Bärtschi: Vereinigte Schweizerbahnen (VSB). In: Historisches Lexikon der Schweiz, 2013.
  • Hans G. Wägli: Schienennetz Schweiz und Bahnprofil Schweiz CH+. AS Verlag, Zürich 2010, ISBN 978-3-909111-74-9.
  • Placid Weissenbach: Das Eisenbahnwesen der Schweiz. Zürich 1913.
  • Anton Heer: Rorschach–St.Gallen–Winterthur. Zwischen Eisenbahngeschichte und Zukunft. St. Gallen.

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 1,6 Vereinigte Schweizerbahnen VSB, 1852–1952, Archivbestand von SBB Historic, abgerufen am 4. August 2026.
  2. 2,0 2,1 Gesellschaftssiegel der Vereinigten Schweizerbahnen in St. Gallen, Staatsarchiv St. Gallen, abgerufen am 4. August 2026.
  3. Hans-Peter Bärtschi: Vereinigte Schweizerbahnen (VSB). In: Historisches Lexikon der Schweiz, 25. Februar 2013.