Bahnstrecke Etzwilen–Singen
Die Bahnstrecke Etzwilen–Singen ist eine grenzüberschreitende, normalspurige Eisenbahnstrecke zwischen Etzwilen im Kanton Thurgau und Singen (Hohentwiel) im deutschen Bundesland Baden-Württemberg. Sie führt über Hemishofen, Ramsen und Rielasingen-Worblingen und überquert bei Hemishofen den Rhein. Die 13,28 Kilometer lange Strecke wurde am 17. Juli 1875 von der Schweizerischen Nationalbahn (SNB) eröffnet.
Die Bahn war ursprünglich Teil einer gross angelegten Konkurrenzverbindung der Nationalbahn zwischen dem Bodenseeraum, Winterthur, Zürich und der Westschweiz. Nach dem Konkurs der SNB gelangte die Strecke zur Schweizerischen Nordostbahn (NOB) und 1902 zu den Schweizerischen Bundesbahnen (SBB).
Der reguläre Personenverkehr wurde 1969 eingestellt. Güterzüge nutzten Teile der Strecke noch mehrere Jahrzehnte; auf dem schweizerischen Abschnitt endete der reguläre Güterverkehr im Dezember 2004. Eine Stilllegung und ein Abbruch der historischen Infrastruktur konnten durch private Initiativen verhindert werden. Heute wird die Strecke als Museumsbahn Etzwilen–Singen erhalten und für historische Züge, Schienenvelos und weitere Sonderfahrten genutzt.[1]
Seit August 2020 ist die Strecke wieder durchgehend bis Singen befahrbar.[2]
| Bahnstrecke Etzwilen–Singen | |
|---|---|
| Streckenanfang | Etzwilen |
| Streckenende | Singen (Hohentwiel) |
| Länge | 13,28 km |
| Spurweite | 1435 mm (Normalspur) |
| Gleise | 1 |
| Elektrifizierung | überwiegend nicht elektrifiziert |
| Maximale Neigung | 13 ‰ |
| Eröffnung | 17. Juli 1875 |
| Erbauer | Schweizerische Nationalbahn |
| Personenverkehr eingestellt | 31. Mai 1969 |
| Regulärer Güterverkehr eingestellt | 2004 |
| Heutige Nutzung | Museumsbahn, Schienenvelo |
Streckenverlauf
Die Bahnstrecke beginnt im Bahnhof Etzwilen auf dem Gebiet der Gemeinde Wagenhausen im Kanton Thurgau. Etzwilen entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einem Eisenbahnknoten, an dem sich die Verbindungen Winterthur–Etzwilen, Etzwilen–Konstanz und Etzwilen–Singen trafen.
Vom Bahnhof Etzwilen führt die Strecke zunächst nach Nordosten. Bereits kurz nach der Ausfahrt überquert sie die Hauptstrasse 13 und weitere lokale Verkehrswege.
Das bedeutendste Bauwerk folgt bei Streckenkilometer 33,6: die Eisenbahnbrücke Hemishofen. Auf der rund 254 Meter langen Fachwerkbrücke überquert die Bahn den Rhein und zugleich die Kantonsgrenze zwischen Thurgau und Schaffhausen.[3]
Nördlich des Rheins erreicht die Strecke den ehemaligen Bahnhof Hemishofen. Danach führt sie durch die offene Landschaft des Kantons Schaffhausen nach Ramsen.
Der Bahnhof Ramsen liegt bei Streckenkilometer 37,77. Wenige hundert Meter östlich davon befindet sich bei Kilometer 38,23 die Staatsgrenze zwischen der Schweiz und Deutschland.[3]
Auf deutscher Seite verläuft die Bahn zunächst durch das Gemeindegebiet von Rielasingen-Worblingen. Nach mehreren Bahnübergängen und der Querung der Radolfzeller Aach erreicht sie den ehemaligen Bahnhof Rielasingen.
Anschliessend führt die Strecke weiter nach Singen. Im Stadtgebiet wird sie teilweise von Strassen und Industrieanlagen begleitet. Kurz vor dem Bahnhof Singen erreicht sie den Bereich des elektrifizierten deutschen Eisenbahnnetzes.
Der Endpunkt liegt im Bahnhof Singen (Hohentwiel), einem bedeutenden Bahnknoten im Hegau.
Stationen
Entlang der historischen Strecke befinden beziehungsweise befanden sich folgende bedeutende Betriebsstellen:
- Etzwilen
- Hemishofen
- Ramsen
- Rielasingen
- Singen (Hohentwiel)
Im regulären Personenverkehr werden die Zwischenstationen heute nicht mehr bedient. Die erhaltenen Anlagen werden teilweise für die Museumsbahn genutzt.
Geschichte
Schweizerische Nationalbahn
Die Bahnstrecke entstand während der zweiten grossen Ausbauphase des schweizerischen Eisenbahnnetzes in den 1870er-Jahren.
Die 1875 gegründete beziehungsweise aus Vorgängergesellschaften hervorgegangene Schweizerische Nationalbahn verfolgte ein ausgesprochen ambitioniertes Konzept. Sie wollte eine von bestehenden Privatbahnen weitgehend unabhängige Ost-West-Verbindung schaffen.
Geplant war eine Hauptachse vom Bodensee und von Singen über Winterthur, Zürich, Baden, Lenzburg und Aarau in Richtung Westschweiz. Die Nationalbahn sollte insbesondere mit der mächtigen Nordostbahn und der Centralbahn konkurrieren.
Die Finanzierung beruhte in erheblichem Umfang auf den beteiligten Städten und Gemeinden. Viele Gemeinden erhofften sich vom Eisenbahnanschluss wirtschaftliche Entwicklung und bessere Verkehrsverbindungen.
Die Strecke Etzwilen–Singen bildete den nordöstlichen Anschluss dieses Netzes an das deutsche Eisenbahnsystem.
Eröffnung 1875
Am 17. Juli 1875 nahm die Schweizerische Nationalbahn die Bahnstrecke Etzwilen–Singen in Betrieb. Am selben Tag wurden auch die Verbindung Winterthur–Etzwilen sowie weitere Nationalbahnabschnitte in Richtung Kreuzlingen und Konstanz eröffnet.[4]
Damit entstand eine direkte Eisenbahnverbindung zwischen Winterthur und Singen über das Gebiet von Stein am Rhein beziehungsweise Etzwilen.
Die Verbindung nach Singen war vor allem deshalb interessant, weil dort Anschluss an die Hochrheinbahn und weitere badische Eisenbahnstrecken bestand.
Singen entwickelte sich bereits im 19. Jahrhundert zu einem wichtigen Eisenbahnknoten zwischen dem Bodensee, dem Schwarzwald und der Schweiz.
Konkurs der Nationalbahn
Die wirtschaftlichen Erwartungen der Schweizerischen Nationalbahn erfüllten sich nicht.
Der Bau des umfangreichen Netzes verursachte hohe Kosten. Gleichzeitig musste die Gesellschaft auf zahlreichen Relationen gegen bereits etablierte Eisenbahnunternehmen antreten.
Hinzu kam, dass mehrere Nationalbahnstrecken durch vergleichsweise schwach besiedelte Gebiete führten. Auch die Verbindung Etzwilen–Singen konnte nicht die erhofften Verkehrsmengen erzeugen.
Bereits wenige Jahre nach der Eröffnung geriet die Gesellschaft in schwere finanzielle Schwierigkeiten. 1878 brach das Nationalbahnunternehmen zusammen.
Die Nordostbahn übernahm in der Folge grosse Teile des ehemaligen SNB-Netzes, darunter auch die Verbindung Etzwilen–Singen.
Der Konkurs hatte erhebliche finanzielle Auswirkungen auf Gemeinden, die sich am Unternehmen beteiligt hatten. Die Geschichte der Nationalbahn gilt deshalb als eines der markantesten Beispiele für die Risiken der privaten Eisenbahnspekulation in der Schweiz des 19. Jahrhunderts.
Zeit der Nordostbahn
Unter der Nordostbahn wurde die Strecke weiterbetrieben und in deren Eisenbahnnetz integriert.
Der erhoffte Aufstieg zu einer bedeutenden internationalen Hauptbahn blieb jedoch aus. Für den lokalen Personenverkehr und insbesondere für den grenzüberschreitenden Güterverkehr besass die Verbindung trotzdem eine dauerhafte Bedeutung.
Etzwilen entwickelte sich zu einem wichtigen Betriebspunkt. Dort wurden Güterzüge rangiert und Lokomotiven gewechselt.
Übergang an die SBB
Mit der Verstaatlichung der grossen schweizerischen Privatbahnen ging die Nordostbahn 1902 in den Schweizerischen Bundesbahnen auf.
Damit wurde auch die Bahnstrecke Etzwilen–Singen Bestandteil des SBB-Netzes.
Während zahlreiche andere Hauptstrecken der SBB in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts elektrifiziert wurden, blieb Etzwilen–Singen überwiegend ohne Fahrleitung.
Die Strecke entwickelte sich dadurch zu einer betrieblichen Besonderheit innerhalb des ansonsten weitgehend elektrifizierten schweizerischen Eisenbahnnetzes.
Nicht elektrifizierte SBB-Strecke
Die fehlende Elektrifizierung prägte den Betrieb über Jahrzehnte.
Nachdem die angrenzenden schweizerischen Strecken elektrifiziert worden waren, mussten auf der Verbindung nach Singen weiterhin Fahrzeuge mit unabhängigem Antrieb eingesetzt werden.
Zeitweise kamen spezielle Dieseltriebfahrzeuge zum Einsatz. SBB Historic dokumentiert beispielsweise den Einsatz der später als Bm 4/4 II bezeichneten Diesellokomotiven von 1960 bis 1969 auf der Strecke Etzwilen–Singen.[5]
Der Verzicht auf eine Elektrifizierung war einerseits Ausdruck des vergleichsweise geringen Personenverkehrs, andererseits erleichterte der Dieselbetrieb den grenzüberschreitenden Verkehr auf einer Strecke mit unterschiedlichen angrenzenden Bahnsystemen.
Etzwilen als Grenzgüterbahnhof
Der Bahnhof Etzwilen war lange deutlich bedeutender als es seine heutige Lage in einem kleinen Dorf vermuten lässt.
Für den internationalen Güterverkehr in Richtung Singen besass Etzwilen Rangier- und Abstellgleise. In der Blütezeit beschäftigte der Bahnhof mehrere Dutzend Eisenbahner.
Güterzüge wurden hier behandelt, und wegen der nicht elektrifizierten Strecke Richtung Deutschland waren Lokomotivwechsel erforderlich.
Die zahlreichen heute teilweise ungenutzten Gleise erinnern an diese frühere Funktion.
Das historische Bahnhofgebäude von Etzwilen und Teile der Bahnanlagen sind als Zeugnisse der schweizerischen Eisenbahngeschichte erhalten.
Einstellung des Personenverkehrs
Mit der zunehmenden Motorisierung und dem Ausbau des Strassennetzes ging die Nachfrage im lokalen Personenverkehr zurück.
Am 31. Mai 1969 stellten die SBB den fahrplanmässigen Personenverkehr zwischen Etzwilen und Singen ein.[6]
Die Personenbeförderung wurde durch Busverbindungen ersetzt.
Damit verlor insbesondere Ramsen seine direkte Eisenbahnverbindung nach Singen und Etzwilen.
Die Gleise wurden jedoch nicht entfernt, da die Strecke weiterhin für den Güterverkehr benötigt wurde.
Güterverkehr
Nach dem Ende des Personenverkehrs blieb der Güterverkehr die wichtigste Aufgabe der Strecke.
Neben dem lokalen Güterverkehr besass zeitweise insbesondere der internationale Transitverkehr Bedeutung.
Über die Linie konnten Güterzüge zwischen der Schweiz und dem deutschen Eisenbahnnetz verkehren, ohne den Weg über Schaffhausen nehmen zu müssen.
In späteren Jahrzehnten wurde die Verbindung auch für besondere Güterverkehrskonzepte genutzt.
Rollende Landstrasse
Eine zeitweise wichtige Rolle spielte die Strecke für Züge der Rollenden Landstrasse (RoLa).
Dabei wurden komplette Lastwagen beziehungsweise Sattelzüge auf speziellen Eisenbahnwagen transportiert. Ein Umschlagplatz befand sich zeitweise im Raum Rielasingen.
Für die schweren Züge wurden Diesellokomotiven eingesetzt, da die Strecke keine durchgehende Fahrleitung besass.
Mit Veränderungen in der Organisation des Güterverkehrs und der Verlagerung der Verkehrsströme auf andere Routen verlor diese Nutzung ihre Bedeutung.
Der Transitgüterverkehr wurde in den 1990er-Jahren weitgehend auf die Route über Schaffhausen verlagert.
Rückgang des Güterverkehrs
Nach dem Ende des Transitverkehrs verblieben nur noch einzelne lokale Güterverkehre.
Auf deutscher Seite verlor die Verbindung zwischen Rielasingen und Singen zeitweise ihre betriebliche Funktion. Teile der Infrastruktur wurden verändert oder unterbrochen.
Auf Schweizer Seite wurden Ramsen und Hemishofen noch bis 2004 im Güterverkehr bedient.
Am 12. Dezember 2004 sperrten die SBB die Strecke wegen Sicherheitsmängeln an den Bahnschwellen auf der Rheinbrücke bei Hemishofen. Damit endete auch der verbliebene reguläre Güterverkehr.[7]
Zu diesem Zeitpunkt drohte der historischen Verbindung die endgültige Aufgabe.
Eisenbahnbrücke Hemishofen
Das herausragende Bauwerk der Strecke ist die Eisenbahnbrücke Hemishofen über den Rhein.
Die 1875 eröffnete Fachwerkbrücke ist rund 254 Meter lang. Sie besteht aus einem eisernen Fachwerküberbau und mehreren markanten Pfeilern.
Für die Konstruktion der Brücke führte die Schweizerische Nationalbahn einen internationalen Wettbewerb durch. Den Auftrag für die Eisenkonstruktion erhielt die französische Firma Cail aus Paris.[7]
Der Vertrag für Projektierung und Ausführung wurde am 4. Februar 1874 unterzeichnet. Bereits im Juli 1875 konnte die Brücke mit der Eisenbahnstrecke eröffnet werden.
Die Konstruktion besteht weitgehend aus Schweisseisen, einem typischen Werkstoff des Eisenbahn- und Brückenbaus des 19. Jahrhunderts.
Im Laufe ihrer Geschichte wurde die Brücke mehrmals verstärkt und instand gesetzt. Trotzdem blieb ein grosser Teil der ursprünglichen Konstruktion erhalten.
Das Bauwerk gilt heute als wertvolles Denkmal der frühen Eisenbahntechnik.
Lage der Rheinbrücke
Die Brücke liegt zwischen Etzwilen und Hemishofen.
Sie verbindet unmittelbar zwei Schweizer Kantone: Das südliche Rheinufer gehört zum Kanton Thurgau, das nördliche zum Kanton Schaffhausen.
Erst mehrere Kilometer weiter östlich, hinter Ramsen, überschreitet die Bahn die Staatsgrenze nach Deutschland.
Die Rheinbrücke ist daher keine internationale Grenzbrücke, obwohl die gesamte Strecke eine internationale Eisenbahnverbindung darstellt.
Erhaltung der Strecke
Als die Zukunft der Bahn zunehmend unsicher wurde, formierte sich eine regionale Initiative zur Erhaltung der Infrastruktur.
Am 26. Mai 2001 wurde der Verein zur Erhaltung der Eisenbahnlinie Etzwilen–Singen (VES) gegründet.[8]
Ziel war es, die noch vorhandene grenzüberschreitende Bahnstrecke vor dem Abbruch zu bewahren und einer neuen Nutzung zuzuführen.
Die Aufgabe war kompliziert, da sich die Strecke über zwei Staaten, mehrere Kantone beziehungsweise Gemeinden und verschiedene Eigentumsbereiche erstreckt.
Hinzu kamen die Kosten für den Erhalt der Rheinbrücke und weiterer historischer Kunstbauten.
Stiftung Eisenbahnbrücke Hemishofen
Für den langfristigen Erhalt der Rheinbrücke wurde die Stiftung Eisenbahnbrücke Hemishofen gegründet.
Sie übernahm die Brücke von den SBB. Die Bundesbahnen leisteten dabei eine finanzielle Abgeltung, um von den zukünftigen Verpflichtungen für Unterhalt, Sicherung und einen möglichen Rückbau entlastet zu werden.[8]
Auch die Kantone Schaffhausen und Thurgau beteiligten sich an der Sicherung des historischen Bauwerks.
Damit konnte verhindert werden, dass die Brücke nach Aufgabe des regulären Bahnverkehrs abgebrochen wurde.
Museumsbahn
Aus den Bemühungen um die Streckenerhaltung entstand die Museumsbahn Etzwilen–Singen.
Heute wirken mehrere Organisationen an Betrieb und Erhaltung mit. Dazu gehören unter anderem:
- die Stiftung Museumsbahn SEHR&RS;
- die Stiftung Eisenbahnbrücke Hemishofen;
- der Verein zur Erhaltung der Eisenbahnlinie Etzwilen–Singen;
- der Förderverein Museumsbahn Rielasingen–Singen;
- der Verein Eisenbahnfreunde Hegau.
Die Stiftung Museumsbahn ist Eigentümerin wesentlicher Teile der Strecke zwischen Etzwilen und Rielasingen, während die Rheinbrücke einer eigenen Stiftung gehört.[1]
Der Betrieb wird weitgehend durch freiwillige Arbeit ermöglicht.
Wiederaufnahme des Museumsverkehrs
Nach der Sicherung und Instandsetzung der Infrastruktur konnten wieder Züge auf Teilen der ehemaligen SBB-Strecke verkehren.
Seit 2007 finden Museumsfahrten statt. Dabei werden je nach Veranstaltung historische Diesel-, Dampf- oder andere Eisenbahnfahrzeuge eingesetzt.
Ein besonderer Höhepunkt ist die Fahrt über die historische Rheinbrücke.
Die Museumsbahn dient nicht als reguläres öffentliches Verkehrsmittel. Die Züge verkehren an ausgewählten Fahrtagen und bei Sonderveranstaltungen.
Für 2026 werden beispielsweise mehrere historische Museums- und Dampfbahnfahrtage angeboten.[9]
Unterbrechung in Singen
Eine besondere Herausforderung für die vollständige Wiederherstellung der Verbindung bestand auf deutscher Seite in Singen.
Durch Veränderungen des Strassennetzes war das ehemalige Bahngleis im Stadtgebiet unterbrochen worden. Besonders problematisch war ein Kreisverkehr, der über das historische Bahntrassee gebaut worden war.
Um Museumszüge wieder bis zum Bahnhof Singen führen zu können, musste die Gleisverbindung durch den Kreisverkehr neu hergestellt werden.
Die Lösung ist eisenbahntechnisch ungewöhnlich: Das Gleis führt heute direkt durch den Kreisverkehr. Bei einer Zugfahrt muss der Strassenverkehr entsprechend gesichert beziehungsweise angehalten werden.
Im August 2020 wurde dieser Lückenschluss fertiggestellt. Seither ist die gesamte 13,28 Kilometer lange Strecke von Etzwilen bis Singen wieder durchgehend befahrbar.[2]
Schienenvelo
Neben den Museumszügen werden Teile der Strecke mit Schienenvelos genutzt.
Dabei handelt es sich um leichte Fahrzeuge, die von den Fahrgästen mit Muskelkraft über die Schienen bewegt werden.
Die regulär angebotene Schienenvelostrecke führt von Ramsen über Hemishofen bis zur Rheinbrücke und zurück.[10]
Die Schienenvelos tragen zur touristischen Nutzung und zur Finanzierung des Streckenerhalts bei.
Da Museumszüge und Schienenvelos dieselbe Infrastruktur benutzen, müssen ihre Fahrten betrieblich aufeinander abgestimmt werden.
Strecke als Testbahn
Neben Museums- und Freizeitverkehr wird die erhaltene Bahnstrecke teilweise auch für technische Zwecke genutzt.
Nach Angaben einer 2024 im Auftrag der Stadt Singen erstellten Machbarkeitsstudie dient die Strecke unter anderem als Teststrecke für Fahrzeuge von Stadler Rail.[2]
Die geringe reguläre Zugdichte und die abgeschlossene Infrastruktur machen die Strecke für bestimmte Versuchsfahren geeignet.
Damit besitzt die ehemalige Nebenstrecke neben ihrer historischen und touristischen Funktion auch einen gewissen Nutzen für die moderne Bahnindustrie.
Pläne für eine Reaktivierung
In den vergangenen Jahren wurde wiederholt über eine teilweise Wiederaufnahme des regulären Personenverkehrs diskutiert.
Von besonderem Interesse ist der Abschnitt Singen–Rielasingen–Ramsen. Zwischen diesen Orten bestehen starke grenzüberschreitende Verkehrsbeziehungen, die heute überwiegend über Strassen und Buslinien abgewickelt werden.
2024 wurde eine Machbarkeitsstudie zur möglichen Reaktivierung der Bahnstrecke Singen–Ramsen vorgestellt.[2]
Untersucht wurden unter anderem:
- mögliche Fahrplankonzepte;
- die technische Realisierbarkeit;
- zusätzliche Haltepunkte;
- Auswirkungen auf das bestehende Busnetz;
- die zu erwartende Verkehrsnachfrage;
- Investitions- und Betriebskosten;
- der volkswirtschaftliche Nutzen.
Eine solche Reaktivierung wäre vom heutigen Museumsbetrieb zu unterscheiden und würde umfangreiche Investitionen in Infrastruktur, Sicherungstechnik und Stationen erfordern.
Grenzüberschreitende Bedeutung
Die Bahnstrecke ist ein frühes Beispiel für die enge Verflechtung der Eisenbahnnetze der Schweiz und Süddeutschlands.
Die Staatsgrenze liegt zwischen Ramsen und Rielasingen. Der schweizerische Teil verläuft durch zwei Kantone, Thurgau und Schaffhausen, während der deutsche Abschnitt durch Baden-Württemberg führt.
Historisch ermöglichte die Strecke direkte Verbindungen aus dem Raum Winterthur nach Singen und damit zum deutschen Eisenbahnnetz.
Heute besitzt die Verbindung vor allem kulturhistorische und touristische Bedeutung. Eine mögliche Reaktivierung für den öffentlichen Verkehr würde ihre grenzüberschreitende Funktion erneut stärken.
Bedeutung für Ramsen
Für Ramsen war die Bahn während fast eines Jahrhunderts ein wichtiger Verkehrsanschluss.
Die Gemeinde liegt im östlichsten Teil des Kantons Schaffhausen und ist auf mehreren Seiten von deutschem Gebiet umgeben. Die direkte Bahnverbindung nach Singen bot daher einen natürlichen Anschluss an das nahegelegene deutsche Regionalzentrum.
Nach der Einstellung des Personenverkehrs 1969 wurde diese Funktion von Busverbindungen übernommen.
Der historische Bahnhof Ramsen ist heute ein wichtiger Standort der Museumsbahn und Ausgangspunkt des Schienenvelobetriebs.
Bedeutung für Hemishofen
Auch Hemishofen erhielt 1875 einen eigenen Bahnhof.
Der Ort liegt unmittelbar nördlich des Rheins. Die Eisenbahnbrücke wurde zu einem der markantesten Bauwerke der Gemeinde.
Nach dem Ende des regulären Personenverkehrs verlor der Bahnhof seine ursprüngliche Verkehrsfunktion. Durch die Museumsbahn besitzt die Strecke heute erneut touristische Bedeutung.
Die Rheinbrücke ist zugleich ein wichtiges technisches Kulturdenkmal der Region.
Bedeutung für Rielasingen
Rielasingen liegt auf der deutschen Seite der Grenze und gehört heute zur Gemeinde Rielasingen-Worblingen.
Die Gemeinde war über die Bahn direkt mit Singen sowie mit Ramsen und der Schweiz verbunden.
Besondere Bedeutung hatte die Strecke zeitweise für den Güterverkehr und die Rollende Landstrasse.
Heute befindet sich Rielasingen im Zentrum der Diskussion über eine mögliche Reaktivierung des regionalen Personenverkehrs zwischen Singen und der Schweizer Grenze.
Bahnhof Singen
Der Bahnhof Singen (Hohentwiel) war für die Nationalbahn von strategischer Bedeutung.
Singen entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einem wichtigen Eisenbahnknoten. Hier bestanden und bestehen Verbindungen in Richtung:
- Schaffhausen und Basel;
- Konstanz;
- Radolfzell;
- Tuttlingen und Stuttgart;
- Friedrichshafen beziehungsweise Bodenseeraum.
Die Nationalbahn erhielt mit ihrer Strecke nach Singen somit Zugang zu einem leistungsfähigen deutschen Eisenbahnnetz.
Diese Lage war ein wesentlicher Grund dafür, die aufwendige internationale Strecke von Etzwilen über den Rhein und Ramsen zu bauen.
Technische Merkmale
Die Bahnstrecke ist normalspurig und besitzt eine Spurweite von 1435 Millimetern.
Sie ist eingleisig und auf dem grössten Teil ihrer Länge nicht elektrifiziert.
Die maximale Längsneigung beträgt etwa 13 Promille.
Die Strecke umfasst zahlreiche kleinere Brücken und Durchlässe. Nach Angaben der Museumsbahn befinden sich insgesamt neun Brücken entlang des Trassees.[3]
Die Kilometrierung beginnt nicht in Etzwilen, sondern in Winterthur. Der Bahnhof Etzwilen liegt bei Kilometer 31,81, der Bahnhof Singen bei ungefähr Kilometer 45,10.[3]
Diese Kilometrierung erinnert daran, dass Etzwilen–Singen ursprünglich als Fortsetzung der Nationalbahnstrecke von Winterthur konzipiert war.
Eisenbahngeschichtliche Bedeutung
Die Strecke ist in mehrfacher Hinsicht ein bedeutendes Zeugnis der schweizerischen Eisenbahngeschichte.
Sie erinnert zunächst an das aussergewöhnlich ambitionierte Projekt der Schweizerischen Nationalbahn. Deren Versuch, ein alternatives schweizerisches Hauptbahnnetz aufzubauen, scheiterte wirtschaftlich, hinterliess jedoch zahlreiche Strecken, die teilweise bis heute genutzt werden.
Etzwilen–Singen dokumentiert zudem die Entwicklung des grenzüberschreitenden Verkehrs zwischen der Schweiz und Deutschland.
Besonders bemerkenswert ist, dass trotz der Einstellung des regulären Verkehrs ein grosser Teil der historischen Infrastruktur erhalten blieb.
Die Rheinbrücke bei Hemishofen, die ehemaligen Stationsanlagen und das weitgehend ursprüngliche Trassee vermitteln noch heute einen Eindruck vom Eisenbahnbau des späten 19. Jahrhunderts.
Heutige Bedeutung
Heute erfüllt die Bahnstrecke drei unterschiedliche Funktionen.
Als Museumsbahn bewahrt sie historische Eisenbahntechnik und ermöglicht Fahrten mit älteren Fahrzeugen.
Als Freizeitangebot wird ein Teil der Strecke mit Schienenvelos genutzt.
Darüber hinaus dient sie teilweise als Teststrecke für Eisenbahnfahrzeuge und bleibt Gegenstand von Untersuchungen über eine mögliche Wiederaufnahme des öffentlichen Personenverkehrs.[2]
Die Linie gehört damit zu den ungewöhnlichen Beispielen ehemaliger SBB-Strecken, die nach dem Ende des regulären Verkehrs nicht abgebaut, sondern durch eine regionale Initiative erhalten und erneut vollständig befahrbar gemacht wurden.
Siehe auch
- Schweizerische Nationalbahn
- Schweizerische Nordostbahn
- Schweizerische Bundesbahnen
- Bahnhof Etzwilen
- Eisenbahnbrücke Hemishofen
- Hemishofen
- Ramsen SH
- Singen (Hohentwiel)
- Bahnstrecke Winterthur–Etzwilen
- Bahnstrecke Etzwilen–Konstanz
- Seelinie (Bahnstrecke)
- Eisenbahnverkehr in der Schweiz
- Museumsbahn
Literatur
- Hans G. Wägli: Schienennetz Schweiz und Bahnprofil Schweiz CH+. AS Verlag, Zürich 2010, ISBN 978-3-909111-74-9.
- 1875–1975. 100 Jahre Eisenbahnlinie Winterthur–Etzwilen–Singen. Gründung und Ende der Nationalbahn. Festschrift zum Eisenbahnjubiläum, Andelfingen 1975.
- Hermann Tanner: Verkehrsgeschichte der Gemeinde Hemishofen im 19. Jahrhundert. In: Schaffhauser Beiträge zur Geschichte, Band 54, 1977, S. 81–112.
Weblinks
- Museumsbahn Etzwilen–Singen
- Streckenplan der Museumsbahn Etzwilen–Singen
- Schienenvelo auf der Strecke Ramsen–Hemishofen
- SBB Historic
- Stadt Singen
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 Museumsbahn Etzwilen–Singen: Die Museumsbahn, abgerufen am 9. August 2026.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 Stadt Singen: Machbarkeitsstudie Bahnstrecke Singen–Ramsen, Präsentation vom 12. November 2024, abgerufen am 9. August 2026.
- ↑ 3,0 3,1 3,2 3,3 Museumsbahn Etzwilen–Singen: Streckenplan, abgerufen am 9. August 2026.
- ↑ SBB Historic: Archivbestand Bahnstrecken Winterthur–Etzwilen–Singen und Etzwilen–Konstanz (1873–1897), abgerufen am 9. August 2026.
- ↑ SBB Historic: Bm 4/4 II 18451, abgerufen am 9. August 2026.
- ↑ SBB Historic: Etzwilen–Singen, Bahnersatz, Archivbestände zu den Jahren 1950–1977, abgerufen am 9. August 2026.
- ↑ 7,0 7,1 Museumsbahn Etzwilen–Singen: VES-Express 2020/2 – Geschichte der Rheinbrücke Hemishofen, abgerufen am 9. August 2026.
- ↑ 8,0 8,1 Museumsbahn Etzwilen–Singen: Trägerschaft, abgerufen am 9. August 2026.
- ↑ Museumsbahn Etzwilen–Singen: Museumsbahn Etzwilen–Singen, abgerufen am 9. August 2026.
- ↑ Museumsbahn Etzwilen–Singen: Schienenvelo, abgerufen am 9. August 2026.