Geschichte des Kantons Appenzell Ausserrhoden
| Geschichte des Kantons Appenzell Ausserrhoden | |
|---|---|
| Gemeinsamer Vorgängerstaat | Land Appenzell |
| Beitritt Appenzells zur Eidgenossenschaft | 1513 |
| Landteilung | 8. September 1597 |
| Historischer Hauptort | Trogen |
| Regierungs- und Parlamentssitz | Herisau |
| Traditionelle Staatsform | Landsgemeindedemokratie |
| Einführung des kantonalen Frauenstimmrechts | 1989 |
| Abschaffung der Landsgemeinde | 1997 |
| Prägende Wirtschaftszweige | Landwirtschaft, Leinwandhandel, Baumwollweberei, Stickerei und Textilveredlung |
Die Geschichte des Kantons Appenzell Ausserrhoden ist eng mit der Geschichte des gesamten Landes Appenzell, der Fürstabtei St. Gallen, der Alten Eidgenossenschaft und der ostschweizerischen Textilwirtschaft verbunden. Der heutige Kanton entstand durch die konfessionell begründete Landteilung vom 8. September 1597. Dabei wurde das bisher gemeinsame Land Appenzell in das überwiegend reformierte Appenzell Ausserrhoden und das katholisch gebliebene Appenzell Innerrhoden aufgeteilt.[1]
Die Geschichte Ausserrhodens wurde über Jahrhunderte von der Landsgemeinde, einer weitgehenden kommunalen Selbstverwaltung und einer stark exportorientierten Heimindustrie geprägt. In den Dörfern verbanden zahlreiche Familien Landwirtschaft mit Spinnen, Weben oder Sticken. Kaufleute aus Herisau, Trogen, Speicher und anderen Gemeinden unterhielten Handelsbeziehungen nach Europa und Übersee. Um 1800 war Appenzell Ausserrhoden der am dichtesten besiedelte Kanton der Schweiz.[2]
Im 19. und 20. Jahrhundert entwickelte sich der Kanton von einem dezentral organisierten Landsgemeindestaat zu einem modernen Verfassungs- und Verwaltungsstaat. Zu den wichtigsten politischen Veränderungen der jüngeren Geschichte gehören die Einführung des kantonalen Frauenstimmrechts im Jahr 1989, die Annahme einer neuen Kantonsverfassung 1995 und die Abschaffung der Landsgemeinde 1997.
Landschaft und historische Voraussetzungen
Das Gebiet Appenzell Ausserrhodens liegt zwischen dem Bodenseegebiet, der Stadt St. Gallen, dem Alpstein und dem unteren Toggenburg. Es besteht aus einer voralpinen Hügel- und Berglandschaft mit zahlreichen Bächen, Tobeln, verstreuten Höfen und vergleichsweise wenigen grösseren Ebenen.
Die natürliche Umgebung beeinflusste die historische Entwicklung stark. Der Ackerbau war wegen des feuchten Klimas, der Höhenlage und der Hanglagen nur eingeschränkt möglich. Viehwirtschaft, Milchwirtschaft und die Nutzung von Alpweiden spielten deshalb eine wichtige Rolle. Seit der Frühen Neuzeit ergänzten immer mehr Haushalte ihre landwirtschaftlichen Einkünfte durch textile Heimarbeit.
Das Siedlungsbild wird bis heute von Streusiedlungen, Einzelhöfen und kleinen Dorfzentren geprägt. Zahlreiche Wohnhäuser wurden zugleich als landwirtschaftliche und gewerbliche Arbeitsstätten genutzt. Charakteristisch sind Häuser mit langen Fensterreihen, die den Weberinnen und Webern möglichst viel Tageslicht boten.
Historisch gliederte sich Ausserrhoden in das Hinterland, das Mittelland und das Vorderland. Diese Regionen bilden keine Verwaltungseinheiten mehr, sind als geografische und kulturelle Bezeichnungen jedoch weiterhin gebräuchlich.
Vorgeschichte und frühe Besiedlung
Im Vergleich zu den grossen Flusstälern und Seeufergebieten der Schweiz sind aus dem Gebiet des heutigen Appenzell Ausserrhoden nur wenige vorgeschichtliche Fundstellen bekannt. Die dauerhafte Besiedlung der höheren und stark bewaldeten Landschaft setzte später ein als in den benachbarten Gebieten am Bodensee und im Alpenrheintal.
Einzelne archäologische Funde weisen darauf hin, dass Menschen die Region bereits in vorgeschichtlicher und römischer Zeit durchquerten oder zeitweise nutzten. Ein dichtes Netz grösserer Siedlungen entstand jedoch erst im Mittelalter.
In der Römerzeit lagen bedeutende Verkehrs- und Siedlungszentren ausserhalb des heutigen Kantonsgebiets. Römische Strassen verliefen im Bodenseeraum, im Rheintal und im Gebiet der heutigen Stadt St. Gallen. Das hügelige Appenzellerland blieb dagegen ein nur dünn besiedelter Randraum.
Nach dem Ende der römischen Herrschaft nahmen alemannische Siedlungs- und Spracheinflüsse zu. Die Erschliessung der Wälder und Höhenlagen erfolgte schrittweise durch Rodung, die Anlage von Höfen und die Nutzung von Alpweiden.
Herrschaft der Abtei St. Gallen
Im Früh- und Hochmittelalter gelangte ein grosser Teil des Appenzellerlandes unter die Herrschaft der Abtei St. Gallen. Das Kloster verfügte über Grundbesitz, Gerichtsrechte, Abgaben und weitere Herrschaftsbefugnisse.
Der Name Appenzell wird gewöhnlich vom lateinischen Ausdruck abbatis cella abgeleitet, der sinngemäss «Zelle» oder «Hof des Abtes» bedeutet. Der Ort Appenzell wurde 1071 im Zusammenhang mit der Gründung beziehungsweise Ausstattung der dortigen Mauritiuspfarrei urkundlich erwähnt.[3]
Die Besiedlung der späteren Ausserrhoder Gebiete wurde durch Bauern, Viehzüchter und Rodungsgemeinschaften vorangetrieben. Höfe entstanden unter anderem in den Gebieten der heutigen Gemeinden Herisau, Hundwil, Urnäsch, Teufen, Gais, Speicher und Trogen.
Die Abtei liess Abgaben einziehen und übte die hohe Gerichtsbarkeit aus. Gleichzeitig entwickelten die lokalen Gemeinschaften eigene genossenschaftliche Organisationsformen. Gemeinsame Weiden, Wälder und Alpen machten Absprachen über Nutzung, Wege und Grenzen notwendig.
Aus solchen lokalen Strukturen entstanden die sogenannten Rhoden. Sie dienten als territoriale, militärische, wirtschaftliche und politische Einheiten. Die genaue Herkunft des Begriffs ist nicht abschliessend geklärt. Die Rhoden bildeten später eine Grundlage der appenzellischen Selbstverwaltung.
Entstehung des Landes Appenzell
Im 14. Jahrhundert nahmen die Konflikte zwischen der Bevölkerung des Appenzellerlandes und dem Fürstabt von St. Gallen zu. Umstritten waren unter anderem Abgaben, Gerichtsbefugnisse, Vogteirechte und die politische Selbständigkeit der Gemeinden.
Die Appenzeller schlossen sich enger zusammen und entwickelten eine gemeinsame Landesorganisation. Die Anfänge der appenzellischen Landsgemeinde reichen nach historischen Quellen in das späte 14. Jahrhundert zurück. Seit dem Beginn der Appenzellerkriege wurde sie regelmässig als Versammlung der waffenfähigen und politisch berechtigten Landleute abgehalten.[4]
Die Landsgemeinde wählte wichtige Amtsträger, beschloss über Bündnisse und entschied über rechtliche und politische Fragen. Daneben bestanden Räte und Gerichte, welche die laufenden Geschäfte des Landes führten.
Appenzellerkriege
Zu Beginn des 15. Jahrhunderts eskalierte der Konflikt mit dem Fürstabt zu den Appenzellerkriegen. Die Appenzeller erhielten zeitweise Unterstützung von der Stadt St. Gallen und vom eidgenössischen Ort Schwyz.
Am 15. Mai 1403 besiegten die Appenzeller bei der Schlacht bei Vögelinsegg ein Heer des Fürstabts und der mit ihm verbündeten Stadt St. Gallen. Der Schlachtort liegt im Gebiet der heutigen Ausserrhoder Gemeinde Speicher. Der Sieg stärkte die appenzellische Unabhängigkeitsbewegung und wurde zu einem zentralen Ereignis der regionalen Erinnerungskultur.
Am 17. Juni 1405 schlugen die Appenzeller am Stoss bei Gais ein habsburgisch-äbtisches Heer. Danach erweiterten sie ihren Einfluss zeitweise weit über das eigentliche Appenzellerland hinaus.
Unter appenzellischer Führung entstand der Bund ob dem See, dem sich verschiedene Städte, Gemeinden und Landschaften im Bodenseeraum anschlossen. Die militärische Niederlage bei Bregenz im Jahr 1408 beendete jedoch die appenzellische Expansion.
Die Appenzeller konnten ihre politische Selbständigkeit dennoch weitgehend behaupten. 1411 schlossen sie ein Burg- und Landrecht mit sieben eidgenössischen Orten. Das Land Appenzell wurde dadurch ein Zugewandter Ort der Eidgenossenschaft.[5]
Die Auseinandersetzungen mit der Abtei St. Gallen dauerten in rechtlicher und wirtschaftlicher Hinsicht weiter an. Die frühere Herrschaft des Fürstabts wurde nicht durch einen einzigen Friedensschluss aufgehoben, sondern verlor schrittweise an Bedeutung.
Aufnahme in die Eidgenossenschaft
Appenzell beteiligte sich im 15. und frühen 16. Jahrhundert an verschiedenen eidgenössischen Feldzügen und politischen Verhandlungen. Während des Schwabenkriegs von 1499 kämpften appenzellische Truppen auf eidgenössischer Seite.
1513 wurde das Land Appenzell als dreizehnter vollberechtigter Ort in die Eidgenossenschaft aufgenommen. Damit war die territoriale Gestalt der dreizehnörtigen Eidgenossenschaft erreicht, die bis 1798 Bestand hatte.
Der eidgenössische Beitritt stärkte die äussere Sicherheit Appenzells. Gleichzeitig blieb das Land im Innern stark dezentralisiert. Die Rhoden, Kirchgemeinden und lokalen Genossenschaften verfügten über weitreichende Zuständigkeiten.
Reformation
In den 1520er Jahren verbreiteten sich die Ideen der Reformation auch im Appenzellerland. Einen wichtigen Einfluss übten reformierte Prediger aus der Stadt St. Gallen und dem Umfeld von Huldrych Zwingli aus.
Zu den frühen reformatorischen Persönlichkeiten gehörte der in Teufen tätige Pfarrer Jakob Schurtanner. In den äusseren Rhoden fand die neue Lehre zahlreiche Anhänger, während der innere Landesteil um den Hauptort Appenzell mehrheitlich am katholischen Glauben festhielt.
Die Landsgemeinde versuchte zunächst, einen offenen konfessionellen Bürgerkrieg zu vermeiden. Die einzelnen Kirchgemeinden erhielten weitgehend die Möglichkeit, über ihr Bekenntnis selbst zu entscheiden. Dadurch entstand innerhalb des gemeinsamen Landes eine konfessionelle Gliederung.
Herisau, Hundwil, Urnäsch, Teufen, Gais, Speicher, Trogen und die meisten anderen späteren Ausserrhoder Gemeinden wurden reformiert. Appenzell und die inneren Rhoden blieben katholisch. In einzelnen Gebieten waren die konfessionellen Verhältnisse zunächst umstritten oder wechselten.
Nach dem Zweiten Kappelerkrieg von 1531 verschärften sich die Gegensätze. In den folgenden Jahrzehnten führten unterschiedliche Bündnispolitiken, kirchliche Ordnungen und konfessionelle Interessen wiederholt zu Konflikten.
Landteilung von 1597
Gegen Ende des 16. Jahrhunderts erwies sich die gemeinsame Regierung des konfessionell gespaltenen Landes zunehmend als schwierig. Besonders umstritten waren Bündnisse mit ausländischen Mächten, die Teilnahme an katholischen Zusammenschlüssen und die politische Gleichbehandlung beider Konfessionen.
Unter Vermittlung eidgenössischer Orte wurde 1597 die Teilung des Landes beschlossen. Der Landteilungsbrief vom 8. September 1597 schuf zwei selbständige Staatswesen: Appenzell Innerrhoden und Appenzell Ausserrhoden.[1]
Ausserrhoden umfasste die sechs äusseren Rhoden Urnäsch, Herisau, Hundwil, Teufen, Trogen und Gais. Aus diesen historischen Einheiten entwickelten sich später die heutigen Gemeinden.
Die Güter, Rechte und Verpflichtungen des gemeinsamen Landes mussten zwischen den beiden neuen Ständen aufgeteilt werden. Beide behielten Anteil an einzelnen gemeinsamen Einrichtungen und Rechtsverhältnissen. Auf eidgenössischer Ebene galten sie lange als zwei Halbkantone mit je einer halben Standesstimme.
Der Ausdruck «Halbkanton» wird in der geltenden Bundesverfassung nicht mehr als offizielle Kantonsbezeichnung verwendet. Appenzell Ausserrhoden besitzt jedoch weiterhin nur einen Sitz im Ständerat und bei Abstimmungen über das Ständemehr eine halbe Standesstimme.
Trogen als historischer Hauptort
Nach der Landteilung stritten verschiedene Gemeinden um den Sitz der wichtigsten Landesbehörden. An einer ausserordentlichen Landsgemeinde vom 22. November 1597 setzte sich Trogen knapp gegen Hundwil durch. Rathaus, Gefängnis und Richtstätte wurden in Trogen eingerichtet.[6]
Trogen wurde damit historischer Hauptort, Gerichtsstätte und regelmässiger Versammlungsort der Räte. Die Landsgemeinde fand später abwechselnd in Trogen und Hundwil statt.
Herisau entwickelte sich aufgrund seiner Bevölkerungszahl und seiner wirtschaftlichen Bedeutung zum zweiten politischen Zentrum. Die sogenannte Quasiverfassung von 1814 bezeichnete Trogen und Herisau gemeinsam als Hauptorte, wobei die hohe Gerichtsbarkeit in Trogen verblieb.[6]
Im 19. und 20. Jahrhundert wurden Regierung, Parlament und grosse Teile der Verwaltung schrittweise in Herisau konzentriert. Das Obergericht hat seinen Sitz weiterhin in Trogen. Die geltende Kantonsverfassung nennt keinen förmlich bestimmten Hauptort.
Politische Ordnung des alten Ausserrhoden
Die Landsgemeinde bildete die oberste politische Gewalt. Stimmberechtigt waren männliche Landleute, die das vorgeschriebene Alter erreicht hatten und das Landrecht besassen.
Die Landsgemeinde wählte den Landammann und weitere Landesbeamte. Sie beschloss über Gesetze, Bündnisse, Steuern, Krieg und Frieden sowie über die Aufnahme neuer Landleute. Die Abstimmungen erfolgten durch offenes Handmehr.
Da die Landsgemeinde gewöhnlich nur einmal im Jahr zusammentrat, führten der Grosse und der Kleine Rat die laufenden Geschäfte. Die Gemeinden und Rhoden verfügten zugleich über eigene Versammlungen, Behörden und Gerichte.
Die Verfassung war zunächst nicht in einem einzelnen modernen Grundgesetz zusammengefasst. Wichtige Regeln befanden sich im Landbuch, in Landsgemeindebeschlüssen, Verträgen und überlieferten Gewohnheitsrechten.
Die politische Beteiligung war für die damalige Zeit vergleichsweise breit, aber keineswegs allgemein. Frauen, Hintersassen, Ausländer, Menschen ohne Landrecht und weitere Bevölkerungsgruppen waren ausgeschlossen. Führende Familien und wohlhabende Kaufleute übten erheblichen Einfluss auf Räte und Landesämter aus.
Konfessioneller Staat
Nach 1597 entwickelte sich Ausserrhoden zu einem reformierten Staatswesen. Kirche, Schule und politische Behörden waren eng miteinander verbunden. Die Pfarrer waren nicht nur für den Gottesdienst, sondern auch für Bildung, Armenfürsorge und die Kontrolle des gesellschaftlichen Lebens zuständig.
Kirchliche Sittenzucht und staatliche Ordnung ergänzten sich. Ehe, Sexualität, Wirtshausbesuche, Kleidung, Feiertagsheiligung und religiöses Verhalten unterlagen obrigkeitlichen Vorschriften.
Die reformierte Kirche war in Synoden organisiert und stand unter staatlicher Aufsicht. Die Gemeinden besassen dennoch eine vergleichsweise starke Stellung bei der Wahl ihrer Pfarrer und bei der Verwaltung des örtlichen Kirchenvermögens.
Das Verhältnis zum katholischen Innerrhoden blieb trotz der friedlich vollzogenen Landteilung nicht frei von Spannungen. Gleichzeitig bestanden weiterhin wirtschaftliche, familiäre und rechtliche Verbindungen zwischen beiden Landesteilen.
Landhandel von 1732
Im frühen 18. Jahrhundert verschärften sich politische Konflikte zwischen verschiedenen Gruppen der ausserrhodischen Führungsschicht. Die als Landhandel bezeichneten Auseinandersetzungen betrafen die Ausübung der Regierungsgewalt, aussenpolitische Bündnisse, wirtschaftliche Interessen und den Einfluss führender Familien.
Die gegnerischen Lager wurden als «Linde» und «Harte» bezeichnet. 1732 erzwang die oppositionelle Bewegung eine ausserordentliche Landsgemeinde. Die bis dahin dominierende Gruppe verlor ihre Ämter, und zahlreiche politische Entscheidungen wurden überprüft.[7]
Der Landhandel zeigt, dass die Landsgemeindedemokratie nicht nur ein System gemeinschaftlicher Beteiligung war, sondern auch von persönlichen Netzwerken, wirtschaftlichen Abhängigkeiten und scharfen Parteikämpfen geprägt werden konnte.
Aufstieg der Textilwirtschaft
Die ungünstigen Bedingungen für einen ausschliesslich landwirtschaftlichen Lebensunterhalt förderten die Verbindung von Viehwirtschaft und gewerblicher Heimarbeit. Bereits im 16. und 17. Jahrhundert verbreitete sich die Leinenweberei.
Die Leinwand wurde häufig über die Stadt St. Gallen gehandelt. Im Appenzellerland entstanden jedoch zunehmend eigene Handelshäuser. Bedeutende Kaufmannsfamilien waren unter anderem die Wetter und Tanner in Herisau, die Schläpfer in Speicher sowie die Zellweger in Trogen.[2]
Im 18. Jahrhundert gewann die Verarbeitung von Baumwolle an Bedeutung. Kaufleute stellten den Heimarbeiterfamilien Garn zur Verfügung und liessen fertige Gewebe abholen. Dieses Verlagssystem verband abgelegene Bauernhäuser mit internationalen Absatzmärkten.
Die Textilproduktion ermöglichte ein starkes Bevölkerungswachstum. Von 1597 bis zum Ende des 18. Jahrhunderts verdoppelte sich die Bevölkerung ungefähr von 19'000 auf 39'000 Menschen. Um 1800 war Ausserrhoden der am dichtesten besiedelte Schweizer Kanton.[1]
Der Wohlstand war ungleich verteilt. Erfolgreiche Kaufleute errichteten repräsentative Häuser, während viele Weberfamilien von schwankenden Preisen, langen Arbeitszeiten und der Abhängigkeit von Verlegern betroffen waren.
Trogen und die Familie Zellweger
Trogen entwickelte sich im 18. Jahrhundert zu einem politischen und wirtschaftlichen Zentrum. Besonders prägend war die Kaufmannsfamilie Zellweger, die mit Leinwand und weiteren Textilien handelte und weitreichende internationale Kontakte unterhielt.
Am Landsgemeindeplatz entstanden mehrere repräsentative Steinpaläste. Sie unterschieden sich deutlich von den traditionellen Holzhäusern der Umgebung und machten den Reichtum der Kaufmannsschicht sichtbar.
Mit dem Handel waren politische Ämter, Bildungsinteressen und kulturelles Engagement verbunden. Mitglieder der Familie Zellweger sammelten Bücher, unterhielten Korrespondenzen und beschäftigten sich mit den Ideen der Aufklärung.
Die erhaltenen Bauten und Familienarchive gehören zu den bedeutenden Zeugnissen der ausserrhodischen Handels- und Kulturgeschichte.[8]
Bildung, Presse und Aufklärung
Die wirtschaftliche Entwicklung förderte das Interesse an Lesen, Rechnen, Fremdsprachen und Handelskenntnissen. Neben den kirchlich geprägten Schulen entstanden private Bildungsangebote, Lesegesellschaften und gemeinnützige Vereinigungen.
Der in Trogen tätige Ulrich Sturzenegger gab seit der Mitte des 18. Jahrhunderts Kalender heraus und gründete 1767 eine Druckerei. Der Appenzeller Kalender wurde zu einem weit verbreiteten Informations- und Unterhaltungsmedium.[9]
Lesegesellschaften diskutierten politische, wirtschaftliche und pädagogische Fragen. Sie spielten später bei der Ausarbeitung moderner Verfassungen eine wichtige Rolle.
Die heutige Kantonsbibliothek entwickelte sich aus privaten und gemeinnützigen Sammlungen. Ihr Aufbau spiegelte den von Aufklärung und Liberalismus geprägten Einsatz für Bildung und Allgemeinwissen.[10]
Krisen am Ende des 18. Jahrhunderts
Die Französische Revolution beeinflusste auch Ausserrhoden. Politisch interessierte Landleute forderten grössere Transparenz, eine bessere Kontrolle der Räte und Reformen des Rechtswesens.
Gleichzeitig belasteten europäische Kriege den Textilhandel. Die stark exportabhängige Wirtschaft reagierte empfindlich auf unterbrochene Handelswege, Währungsschwankungen und Veränderungen der internationalen Nachfrage.
1797 wurde über Reformen der Landesordnung diskutiert. Bevor eine umfassende Erneuerung umgesetzt werden konnte, erreichte die revolutionäre Umgestaltung der Schweiz das Appenzellerland.
Helvetische Republik
1798 marschierten französische Truppen in die Alte Eidgenossenschaft ein. Die bisherigen souveränen Orte und Untertanengebiete wurden in der zentralistisch organisierten Helvetischen Republik zusammengefasst.
Appenzell Ausserrhoden verlor seine staatliche Selbständigkeit und wurde zusammen mit Appenzell Innerrhoden, der Stadt St. Gallen und weiteren Gebieten Teil des Kantons Säntis. St. Gallen wurde dessen Hauptort.
Die Landsgemeinde wurde aufgehoben. An ihre Stelle traten nach helvetischem Vorbild gewählte Behörden und zentralstaatliche Verwaltungsstrukturen. Die rechtliche Gleichheit der Bürger wurde grundsätzlich anerkannt.
Die neue Ordnung stiess jedoch auf Widerstand. Viele Ausserrhoder lehnten die zentralistische Regierung, die französische Besatzung, militärische Einquartierungen und die hohen finanziellen Belastungen ab.
Die politischen Kämpfe zwischen Zentralisten und Föderalisten sowie der Stecklikrieg von 1802 führten zum Zusammenbruch der Helvetischen Republik.
Mediation und Wiederherstellung des Kantons
Mit der Mediationsakte von 1803 stellte Napoleon Bonaparte die kantonale Selbständigkeit weitgehend wieder her. Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden wurden erneut getrennte Kantone der Eidgenossenschaft.
Die Landsgemeinde und die traditionellen Behörden wurden wieder eingeführt. Zugleich blieben einzelne Neuerungen der Revolutionszeit bestehen. Dazu gehörte die stärkere Bedeutung des modernen Kantonsbürgerrechts gegenüber älteren Formen lokaler Zugehörigkeit.
Nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft erhielt Ausserrhoden 1814 eine neue Landesordnung. Sie knüpfte stark an die traditionelle Landsgemeindeverfassung an. Trogen und Herisau wurden darin gemeinsam als Hauptorte bezeichnet.
Das «Jahr ohne Sommer» von 1816 und die daraus folgende Ernährungskrise trafen die Bevölkerung schwer. Missernten, hohe Lebensmittelpreise und eine Krise der Textilwirtschaft führten zu Armut und Auswanderung.
Erste Kantonsverfassung von 1834
Im Zuge der liberalen Regenerationsbewegung wurde die politische Ordnung reformiert. Lesegesellschaften, Gemeindebehörden und einzelne Bürger beteiligten sich an einer öffentlichen Diskussion über den Verfassungsentwurf.
1834 erhielt Appenzell Ausserrhoden seine erste Kantonsverfassung im modernen Sinn.[11]
Die Verfassung ordnete die Kompetenzen der Landsgemeinde, der Räte, der Gerichte und der Gemeinden neu. Sie bestätigte wirtschaftliche Freiheiten und schuf eine schriftlich festgelegte Grundlage des Staatswesens.
Eine ausserrhodische Besonderheit war die sogenannte Volksdiskussion. Gesetzes- und Verfassungsentwürfe wurden veröffentlicht, worauf Einwohner und Lesegesellschaften schriftliche Stellungnahmen einreichen konnten. Diese Form der politischen Mitwirkung blieb in modernisierter Form erhalten.[12]
Weitere Verfassungsrevisionen erfolgten 1858, 1876 und 1908. Sie passten die kantonale Ordnung an die Entwicklung des Schweizer Bundesstaates und an die wachsenden Aufgaben der Verwaltung an.[1]
Gründung des Bundesstaates
Appenzell Ausserrhoden gehörte zu den reformierten und liberal geprägten Kantonen. Während der Auseinandersetzungen um den Sonderbund stand der Kanton auf der Seite der eidgenössischen Mehrheit.
Die Bundesverfassung von 1848 machte Ausserrhoden zu einem Gliedstaat des modernen Schweizer Bundesstaates. Der Bund übernahm Aufgaben in den Bereichen Aussenpolitik, Zoll, Post, Münzwesen und Militär.
Das politische Stimmrecht wurde auf die im Kanton niedergelassenen männlichen Schweizer Bürger ausgeweitet. Ältere Unterschiede zwischen Landleuten und weiteren Schweizer Bürgern verloren dadurch an Bedeutung.[11]
Ausserrhoden erhielt einen Sitz im Ständerat. Die Bevölkerung wählt ausserdem ihre Vertretung im Nationalrat. Aufgrund seiner Stellung als früherer Halbkanton zählt die kantonale Stimme bei Verfassungsabstimmungen bis heute als halbe Standesstimme.
Industrialisierung im 19. Jahrhundert
Die ausserrhodische Industrialisierung entwickelte sich aus der älteren Heimarbeit. Baumwollweberei, Handstickerei und Textilveredlung blieben zunächst über zahlreiche einzelne Haushalte verteilt.
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden mechanische Stickmaschinen eingesetzt. Johann Konrad Altherr gründete 1856 in Speicher die erste Fabrik für mechanische Stickerei im Kanton.[13]
Viele Stickmaschinen standen weiterhin in kleinen Sticklokalen bei den Wohnhäusern. Die Industrialisierung führte deshalb nicht überall zur Entstehung grosser Fabriken. Unternehmer, Fergger und Exporteure koordinierten die Produktion zwischen Heimarbeitern, Maschinenbesitzern, Veredlungsbetrieben und ausländischen Kunden.
Herisau entwickelte sich zum grössten Industrie- und Handelsort. Auch Teufen, Speicher, Bühler, Rehetobel, Walzenhausen und Gemeinden des Vorderlandes waren stark von der Textilwirtschaft geprägt.
Frauen und Kinder leisteten einen erheblichen Teil der Arbeit. Die Grenzen zwischen Hausarbeit, Landwirtschaft und gewerblicher Produktion waren fliessend. Wirtschaftliche Krisen trafen deshalb häufig ganze Familien.
Verkehrsausbau
Der Ausbau der Verkehrswege verbesserte die Verbindung mit St. Gallen, dem Rheintal, dem Bodensee und dem Toggenburg. Neue Strassen erleichterten den Transport von Garnen, Stoffen, Maschinen und Lebensmitteln.
1875 wurden sowohl die Bahnverbindung von Winkeln über Herisau nach Urnäsch als auch die Bergbahn von Rorschach nach Heiden eröffnet. Später folgten weitere Strecken nach Appenzell, Gais und St. Gallen.
Die Eisenbahnen förderten Industrie und Tourismus. Herisau wurde enger an das schweizerische Bahnnetz angeschlossen. Heiden entwickelte sich zu einem bekannten Kur- und Erholungsort.
Im 20. Jahrhundert verbesserten Postautolinien und der motorisierte Individualverkehr die Erreichbarkeit der verstreuten Siedlungen. Gleichzeitig nahm die wirtschaftliche Verflechtung mit der Stadt St. Gallen zu.
Gesundheitswesen und Naturheilkunde
Appenzell Ausserrhoden entwickelte im 19. Jahrhundert eine besondere Tradition im Gesundheitswesen. Neben akademisch ausgebildeten Ärzten wirkten zahlreiche Naturärzte und Heilkundige.
Das sogenannte Freigebungsgesetz von 1871 gewährte eine weitgehende Freiheit der ärztlichen und tierärztlichen Tätigkeit. Dadurch wurde der Kanton zu einem wichtigen Zentrum verschiedener naturheilkundlicher Verfahren.[14]
In Heiden, Trogen und Herisau entstanden Krankenhäuser. 1908 wurde in Herisau die kantonale psychiatrische Klinik eröffnet.
Kurorte wie Heiden zogen Gäste aus dem In- und Ausland an. Der Gründer des Roten Kreuzes, Henry Dunant, verbrachte seine letzten Lebensjahre in Heiden und starb dort 1910.
Textilblüte und soziale Abhängigkeit
Um die Wende zum 20. Jahrhundert erreichte die ostschweizerische Stickereiindustrie einen Höhepunkt. Ausserrhodische Betriebe exportierten ihre Erzeugnisse nach Europa, Nordamerika und in weitere Weltregionen.
Der wirtschaftliche Erfolg führte zum Bau neuer Wohnhäuser, Geschäftshäuser und Fabrikantenvillen. Gleichzeitig blieb ein grosser Teil der Bevölkerung von einem einzigen Wirtschaftszweig abhängig.
Die Bezahlung erfolgte häufig nach produzierter Menge. Heimarbeiter trugen einen Teil des unternehmerischen Risikos selbst. Bei fehlenden Aufträgen, sinkenden Preisen oder technischen Veränderungen verloren zahlreiche Familien unmittelbar ihr Einkommen.
Arbeitervereine, Gewerkschaften, Genossenschaften und politische Parteien gewannen an Bedeutung. Die traditionelle Vorstellung einer weitgehend konfliktfreien ländlichen Gemeinschaft entsprach immer weniger der sozialen Wirklichkeit eines industrialisierten Kantons.
Erster Weltkrieg und Stickereikrise
Der Erste Weltkrieg unterbrach internationale Handelsverbindungen und führte zu Rohstoffmangel. Die exportabhängige Textilindustrie verlor wichtige Absatzmärkte.
Nach dem Krieg veränderte sich die Mode. Die Nachfrage nach aufwendig bestickten Stoffen ging zurück. Inflation, Währungsschwankungen und internationale Konkurrenz verschärften die Krise.
In den 1920er und 1930er Jahren wurden zahlreiche Stickmaschinen stillgelegt. Betriebe verschwanden, und viele Menschen wanderten aus dem Kanton ab. Die Bevölkerungszahl sank deutlich.
Die Weltwirtschaftskrise verstärkte Arbeitslosigkeit und Armut. Gemeinden und Kanton mussten Unterstützungsleistungen sowie Arbeitsbeschaffungsmassnahmen finanzieren.
Die Krise beendete die nahezu ausschliessliche Ausrichtung auf die Textilwirtschaft. Einzelne spezialisierte Webereien, Stickerei- und Veredlungsbetriebe überlebten, doch ihre Beschäftigungswirkung nahm langfristig ab.
Zweiter Weltkrieg
Während des Zweiten Weltkriegs leisteten zahlreiche Ausserrhoder Aktivdienst. Lebensmittel, Brennstoffe und weitere Güter wurden rationiert.
Im Rahmen der schweizerischen Anbauschlacht wurden landwirtschaftlich nutzbare Flächen intensiver bewirtschaftet. Der hohe Anteil an Grünland und die topografischen Verhältnisse begrenzten jedoch die Möglichkeiten des Getreideanbaus.
Industrie- und Gewerbebetriebe mussten sich an staatliche Vorschriften, Rohstoffknappheit und veränderte Absatzbedingungen anpassen. Flüchtlinge und internierte Militärpersonen wurden zeitweise auch in ausserrhodischen Gemeinden untergebracht.
Der Kanton blieb von direkten Kriegshandlungen verschont. Die Nähe zur deutschen und österreichischen Grenze machte die militärische und politische Bedrohung in der Ostschweiz dennoch unmittelbar spürbar.
Nachkriegszeit und Strukturwandel
Nach 1945 setzte eine wirtschaftliche Erholung ein. Der Kanton profitierte vom allgemeinen Wachstum der Schweizer Wirtschaft, konnte jedoch nicht mehr an die frühere Bedeutung der Textilindustrie anknüpfen.
Neue Unternehmen entstanden in den Bereichen Maschinenbau, Präzisionstechnik, Metallverarbeitung, Kunststoffe, Elektronik, Lebensmittel und Dienstleistungen. Einige traditionelle Textilbetriebe spezialisierten sich auf technisch anspruchsvolle Gewebe und Nischenprodukte.
Die Landwirtschaft wurde mechanisiert. Die Zahl der Betriebe und der in der Landwirtschaft beschäftigten Menschen nahm ab. Gleichzeitig wuchs die Bedeutung der Milchwirtschaft, der Käseproduktion und der Landschaftspflege.
Viele Einwohnerinnen und Einwohner arbeiten seither ausserhalb ihrer Wohngemeinde oder im benachbarten Kanton St. Gallen. Besonders das Mittelland und Herisau wurden enger in die Agglomeration St. Gallen eingebunden.
Der Ausbau von Schulen, Spitälern, sozialer Sicherheit und Verwaltung vergrösserte die staatlichen Aufgaben. Die traditionell nebenamtlich organisierte kantonale Politik wurde schrittweise professionalisiert.
Politische Parteien und gesellschaftlicher Wandel
Die ausserrhodische Politik wurde während langer Zeit von liberalen und freisinnigen Kräften geprägt. Parteien spielten an der Landsgemeinde jedoch eine weniger sichtbare Rolle als in parlamentarischen Systemen mit geheimer Abstimmung.
Mit der Industrialisierung gewann die Sozialdemokratie in Herisau und weiteren Gewerbeorten an Einfluss. Später etablierten sich auch bäuerliche, christliche und weitere politische Gruppierungen.
Die religiöse Homogenität nahm im 20. Jahrhundert ab. Durch Zuwanderung entstanden katholische Kirchgemeinden und weitere Religionsgemeinschaften. Der frühere reformierte Konfessionsstaat entwickelte sich zu einer pluralistischen Gesellschaft.
Auch die Stellung der Frauen veränderte sich. Frauen waren in Textilwirtschaft, Landwirtschaft, Familienbetrieben und sozialen Organisationen wirtschaftlich und gesellschaftlich unverzichtbar, blieben jedoch lange von kantonalen politischen Entscheidungen ausgeschlossen.
Frauenstimmrecht
Auf eidgenössischer Ebene erhielten Schweizer Frauen 1971 das Stimm- und Wahlrecht. In Appenzell Ausserrhoden durften sie damit an eidgenössischen Abstimmungen und Wahlen teilnehmen, nicht jedoch an der kantonalen Landsgemeinde.
Mehrere Vorlagen zur Einführung des kantonalen Frauenstimmrechts scheiterten. Kritiker befürchteten unter anderem, dass die Teilnahme der Frauen die traditionelle Form oder die räumliche Durchführbarkeit der Landsgemeinde verändern würde.
Am 30. April 1989 nahm die Landsgemeinde in Hundwil das kantonale und kommunale Frauenstimm- und -wahlrecht an.[15]
Noch im selben Jahr wurden die ersten Frauen in den Kantonsrat gewählt. 1994 wurden Marianne Kleiner und Alice Scherrer als erste Frauen Mitglieder des Regierungsrates. Marianne Kleiner wurde später die erste Frau im Amt des Ausserrhoder Landammanns.
Kantonsverfassung von 1995
Die im Kern aus dem Jahr 1908 stammende Kantonsverfassung war durch zahlreiche Teilrevisionen verändert worden. Seit den 1980er Jahren wurde deshalb eine Totalrevision vorbereitet.
Die Landsgemeinde nahm die neue Verfassung am 30. April 1995 an. Nach der Gewährleistung durch die Bundesversammlung trat sie am 1. Mai 1996 in Kraft.[16]
Die Verfassung enthielt einen modernen Grundrechtskatalog, Staatsziele und eine klarere Regelung der Aufgaben von Kanton und Gemeinden. Gleichzeitig blieb die Landsgemeinde zunächst als oberstes politisches Organ bestehen.
Die bisherigen Bezirke Hinterland, Mittelland und Vorderland verloren ihre staatsrechtliche Funktion. Die Gemeinden wurden zu den zentralen Einheiten der lokalen politischen Organisation.
Verkauf der Kantonalbank
Die Appenzell-Ausserrhodische Kantonalbank geriet in den frühen 1990er Jahren wegen riskanter Geschäfte, problematischer Kredite und unzureichender Aufsicht in eine schwere Krise.
1996 beschloss die Landsgemeinde die Privatisierung und den Verkauf der Bank. Sie wurde von der Schweizerischen Bankgesellschaft übernommen, die später in der UBS aufging.[17]
Der Verlust einer eigenen Kantonalbank war für den kleinen Kanton ein politischer und identitätsgeschichtlicher Einschnitt. Gleichzeitig vermied der Verkauf grössere finanzielle Risiken für den Staat.
Abschaffung der Landsgemeinde
Die Einführung des Frauenstimmrechts verstärkte die Diskussion über die Zukunft der Landsgemeinde. Kritisiert wurden das offene Handmehr, die fehlende Möglichkeit zur brieflichen Stimmabgabe, die schwierige Ermittlung knapper Resultate und der Ausschluss von Stimmberechtigten, die nicht persönlich teilnehmen konnten.
1993 entschied die Landsgemeinde zunächst, an der Institution festzuhalten. Auch die neue Kantonsverfassung von 1995 behielt sie bei.
1997 beschlossen die Stimmberechtigten, die Frage nicht an der Landsgemeinde, sondern in einer geheimen Urnenabstimmung zu entscheiden. Am 28. September 1997 stimmten rund 54 Prozent für die Abschaffung.[18]
Die letzte Ausserrhoder Landsgemeinde hatte am 27. April 1997 in Hundwil stattgefunden. Damit endete eine politische Institution, welche die Geschichte des Kantons während rund vier Jahrhunderten geprägt hatte.
Die Abschaffung erforderte eine umfassende Anpassung des politischen Systems. Wahlen und Abstimmungen wurden vollständig an die Urne verlegt. Gesetzgebungsbefugnisse gingen an den Kantonsrat über, wobei Referenden und Volksinitiativen die direktdemokratische Mitwirkung sichern.
Reformen nach 1997
Nach der Abschaffung der Landsgemeinde wurden Amtsdauern, Wahlverfahren und Zuständigkeiten der Behörden neu geregelt. Die Amtsdauer der obersten kantonalen Behörden wurde von einem auf vier Jahre verlängert.
Im Jahr 2000 ersetzte das fakultative Gesetzesreferendum die frühere automatische Abstimmung über sämtliche Gesetze. Eine Volksabstimmung findet seither statt, wenn die erforderliche Zahl von Stimmberechtigten oder Gemeinden ein Referendum verlangt.
2011 trat eine Justizreform in Kraft. 2015 wurden Kantonsrat und Regierungsrat im Rahmen einer Reform der Staatsleitung neu organisiert. Die Zahl der Regierungsmitglieder wurde reduziert, und die Regierungstätigkeit wurde stärker professionalisiert.[19]
Eine Volksinitiative zur Wiedereinführung der Landsgemeinde wurde 2010 verworfen. Die historische Institution blieb jedoch ein wichtiger Bestandteil der politischen Erinnerung und der kantonalen Identität.
Totalrevision der Kantonsverfassung
Am 4. März 2018 stimmte die Bevölkerung der Einleitung einer Totalrevision der Kantonsverfassung zu. Eine Verfassungskommission, der Regierungsrat und der Kantonsrat erarbeiteten in einem mehrjährigen Verfahren einen neuen Text.
Die Revision sollte insbesondere jene Unstimmigkeiten beseitigen, die durch die Abschaffung der Landsgemeinde und spätere Teilrevisionen entstanden waren. Weitere Themen waren Grundrechte, politische Mitwirkung, Medien, Gemeindestrukturen, Staatsaufgaben und die Organisation der Behörden.
Am 30. November 2025 nahmen die Stimmberechtigten die neue Kantonsverfassung an. Nach der Gewährleistung durch die Bundesversammlung ist ihr Inkrafttreten auf den 1. Januar 2027 vorgesehen.[20]
Bis zum Inkrafttreten der totalrevidierten Verfassung bleibt die Verfassung von 1995 in ihrer geltenden Fassung massgebend.
Historische Identität
Appenzell Ausserrhoden verbindet eine ausgeprägte lokale Selbstverwaltung mit einer langen Tradition internationaler Wirtschaftsbeziehungen. Die Streusiedlungen und kleinen Gemeinden standen nie ausserhalb der Weltwirtschaft, sondern waren über Textilhandel und Heimindustrie früh mit europäischen und überseeischen Märkten verbunden.
Die Landsgemeinde prägte das Bild eines überschaubaren Gemeinwesens, in dem politische Entscheidungen unmittelbar vor den versammelten Stimmberechtigten getroffen wurden. Gleichzeitig war dieses System lange auf Männer und Inhaber bestimmter Bürgerrechte beschränkt.
Die konfessionelle Landteilung von 1597 wirkt in den Grenzen der beiden Appenzeller Kantone fort. Trotz ihrer staatlichen Trennung teilen Ausserrhoden und Innerrhoden Sprache, Brauchtum, Landschaft und zahlreiche kulturelle Traditionen.
Herisau und Trogen verkörpern die historisch geteilten Zentrumsfunktionen. Herisau ist der grösste Ort sowie Sitz von Regierung und Parlament, während Trogen als historischer Hauptort, Gerichtssitz und ehemaliger Landsgemeindeort besondere Bedeutung besitzt.
Die Textilindustrie ist im 21. Jahrhundert nicht mehr der beherrschende Arbeitgeber. Fabrikantenhäuser, Weberhäuser, Sticklokale, Archive und Museen erinnern jedoch an eine Wirtschaft, welche die Landschaft, Gesellschaft und politische Kultur des Kantons über mehrere Jahrhunderte formte.
Siehe auch
- Kanton Appenzell Ausserrhoden
- Appenzell (Kanton)
- Kanton Appenzell Innerrhoden
- Appenzellerkriege
- Schlacht bei Vögelinsegg
- Schlacht am Stoss
- Landteilung (Appenzell)
- Landsgemeinde
- Geschichte des Kantons St. Gallen
- Fürstabtei St. Gallen
- Kanton Säntis
- Textilindustrie in der Schweiz
- St. Galler Stickerei
Literatur
- Appenzellische Gemeinnützige Gesellschaft (Hrsg.): Appenzeller Geschichte. 3 Bände, Herisau/Appenzell 1964–1993.
- Walter Schläpfer: Appenzeller Geschichte. Band 2: Appenzell Ausserrhoden von 1597 bis zur Gegenwart. Appenzell/Herisau 1972.
- Thomas Fuchs, Peter Witschi: Der Herisauer Schwänberg. Menschen, Geschichte, Häuser. Herisau 1995.
- Peter Witschi: Appenzeller in aller Welt. Schläpfer, Herisau 1994.
- Walter Schläpfer: Wirtschaftsgeschichte des Kantons Appenzell Ausserrhoden bis 1939. Herisau 1984.
- Eugen Steinmann: Die Kunstdenkmäler des Kantons Appenzell Ausserrhoden. 3 Bände, Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Basel 1973–1981.
- Isabell Hermann: Die Bauernhäuser beider Appenzell. Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde, Basel 2004.
Weblinks
- Appenzell Ausserrhoden im Historischen Lexikon der Schweiz
- Offizielle Website des Kantons Appenzell Ausserrhoden
- Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden
- Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden
- Museum Herisau
- Jahrhundert der Zellweger
- Zeitzeugnisse Appenzell Ausserrhoden
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 Appenzell Ausserrhoden, in: Historisches Lexikon der Schweiz.
- ↑ 2,0 2,1 Weberei und Stickerei, Appenzellerland Tourismus.
- ↑ Appenzell (Bezirk), in: Historisches Lexikon der Schweiz.
- ↑ Landsgemeinde, in: Historisches Lexikon der Schweiz.
- ↑ Appenzell (Kanton), in: Historisches Lexikon der Schweiz.
- ↑ 6,0 6,1 Themenblatt «Hauptort des Kantons», Kanton Appenzell Ausserrhoden.
- ↑ Landhandel, in: Historisches Lexikon der Schweiz.
- ↑ Historischer Kontext der Familie Zellweger, Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden.
- ↑ Ulrich Sturzenegger, in: Historisches Lexikon der Schweiz.
- ↑ Historisches zur Kantonsbibliothek, Kanton Appenzell Ausserrhoden.
- ↑ 11,0 11,1 Das Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden – Archivführer, Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden.
- ↑ Themenblatt «Volksdiskussion», Kanton Appenzell Ausserrhoden.
- ↑ Altherr (AR, Speicher), in: Historisches Lexikon der Schweiz.
- ↑ Der erste Staatsarchivar und die appenzellische Medizingeschichte, Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden.
- ↑ Frauen in Appenzell Ausserrhoden – historische Zeittafel, Kanton Appenzell Ausserrhoden.
- ↑ Verfassung des Kantons Appenzell Ausserrhoden vom 30. April 1995, Bereinigte Gesetzessammlung.
- ↑ Gesetz über die Privatisierung und den Verkauf der Appenzell-Ausserrhodischen Kantonalbank vom 28. April 1996, Kanton Appenzell Ausserrhoden.
- ↑ Gutachten zur Wiedereinführung der Landsgemeinde, Kanton Appenzell Ausserrhoden.
- ↑ Totalrevision der Kantonsverfassung – erläuternder Bericht, Kanton Appenzell Ausserrhoden.
- ↑ Totalrevision der Kantonsverfassung, Kanton Appenzell Ausserrhoden.