Thunersee

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Thunersee
Lage Berner Oberland, Kanton Bern, Schweiz
Gewässertyp Alpenrandsee
Höhe etwa 558 m ü. M.
Fläche 47,7 km²
Länge 17,5 km
Maximale Breite 3,5 km
Mittlere Tiefe 135 m
Maximale Tiefe 217 m
Volumen rund 6,4 km³
Einzugsgebiet 2404 km²
Hauptzuflüsse Aare, Kander
Abfluss Aare
Grössere Orte Thun, Spiez, Interlaken

Der Thunersee ist ein Alpenrandsee im Berner Oberland im Schweizer Kanton Bern. Er liegt zwischen den Städten Thun im Nordwesten und Interlaken im Südosten. Mit einer Fläche von rund 47,7 Quadratkilometern ist er der grösste See des Berner Oberlands und der grösste See der Schweiz, der vollständig innerhalb eines einzigen Kantons liegt. Seine maximale Tiefe beträgt 217 Meter.[1]

Der See wird hauptsächlich von der aus dem Brienzersee kommenden Aare und von der Kander gespeist. Bei Thun verlässt die Aare den See wieder und fliesst weiter in Richtung Bern. Zusammen mit dem Brienzersee bildet der Thunersee das landschaftliche Zentrum der Tourismusregion Interlaken und des östlichen Berner Oberlands.

Das Ufer wird von historischen Städten, Dörfern, Schlössern, Rebbergen und bewaldeten Berghängen geprägt. Über dem See erheben sich unter anderem Niesen, Stockhorn, Niederhorn, Sigriswiler Rothorn und Harder Kulm. Bei klarer Sicht reicht das Panorama bis zu den Hochalpen mit Eiger, Mönch, Jungfrau und Blüemlisalp.

Name

Der Name des Sees leitet sich von der Stadt Thun ab. In der um 660 entstandenen burgundischen Fredegar-Chronik wird das Gewässer als lacus Dunensis erstmals schriftlich erwähnt.[2]

In historischen Quellen erscheint auch die Bezeichnung Wendelsee. Dieser Name konnte ursprünglich sowohl den Thunersee als auch den Brienzersee beziehungsweise das einst zusammenhängende Gewässer zwischen Thun und Meiringen bezeichnen. Mit der zunehmenden Bedeutung der Stadt Thun setzte sich die heutige Bezeichnung durch.

Auf Französisch heisst der See lac de Thoune, auf Italienisch lago di Thun und auf Rätoromanisch Lai da Thun.

Geografie

Lage und Gestalt

Der Thunersee liegt am nördlichen Rand der Berner Alpen. Er erstreckt sich in südöstlich-nordwestlicher Richtung vom Bödeli bei Interlaken bis zur Stadt Thun. Der See ist etwa 17,5 Kilometer lang und an seiner breitesten Stelle rund 3,5 Kilometer breit.[3]

Die Wasseroberfläche liegt im Mittel auf rund 558 Metern über Meer. Wegen der Regulierung und der natürlichen jahreszeitlichen Schwankungen verändert sich der Wasserstand im Verlauf des Jahres. Das Wasservolumen beträgt ungefähr 6,4 Kubikkilometer, die mittlere Tiefe rund 135 Meter und die grösste Tiefe 217 Meter.

Der Thunersee besitzt im Vergleich zu seiner Fläche ein grosses Einzugsgebiet von 2404 Quadratkilometern. Dieses reicht weit in die Berner Hochalpen hinein. Der höchste Punkt des Einzugsgebietes ist das 4274 Meter hohe Finsteraarhorn. Zum Einzugsgebiet gehören unter anderem das Haslital, das Lütschinental, das Lauterbrunnental, das Kandertal, das Simmental und grosse Teile der Jungfrauregion.

Uferlandschaften

Die beiden Längsufer unterscheiden sich deutlich. Das nordöstliche rechte Ufer zwischen Thun, Oberhofen, Gunten, Merligen und Neuhaus ist stellenweise sehr steil. Die Hänge des Niederhorn- und Sigriswilgebiets fallen dort unmittelbar zum Wasser ab. Flachere Uferabschnitte finden sich bei Thun, Hilterfingen und Oberhofen.

Das südwestliche linke Ufer ist im Raum Gwatt, Einigen und Spiez stärker gegliedert. Die Spiezer Bucht bildet einen markanten Einschnitt. Weiter südöstlich verlaufen die Ufer unterhalb der Hänge von Krattigen, Leissigen und Därligen. Entlang dieses Ufers führen wichtige Bahn- und Strassenverbindungen von Thun über Spiez nach Interlaken.

Zu den bekannten Buchten gehören die Spiezer Bucht, die Gwattbucht, die Bucht von Oberhofen und der Bereich von Neuhaus am oberen Seeende. Grössere natürliche Inseln besitzt der Thunersee nicht. Kleine künstliche oder ufernahe Inseln befinden sich unter anderem im Bereich von Thun und Neuhaus.

Orte am See

Die grösste Stadt am See ist Thun. Sie liegt am Ausfluss der Aare und bildet das wirtschaftliche, kulturelle und verkehrstechnische Zentrum der westlichen Seeregion. Am südwestlichen Ufer liegt Spiez mit den Ortsteilen Einigen und Faulensee. Spiez ist ein wichtiger Bahnknoten und Ausgangspunkt für Reisen ins Kandertal, Simmental und über die Lötschbergachse.

Weitere Orte und Gemeinden am oder unmittelbar über dem See sind:

Interlaken liegt nicht direkt am offenen See, ist jedoch durch den schiffbaren Aarekanal mit dem Thunersee verbunden. Die Kursschiffe können dadurch bis zum Bahnhof Interlaken West fahren.

Entstehung

Der Thunersee entstand durch tektonische Vorgänge und die Erosionsarbeit des eiszeitlichen Aaregletschers. Während der Eiszeiten vertiefte der Gletscher das Tal und formte ein ausgedehntes übertieftes Becken.

Nach dem Rückzug des Gletschers erstreckte sich ein zusammenhängender See von der Gegend westlich von Thun bis nach Meiringen. Der heutige Thunersee und der Brienzersee waren damit Teile eines einzigen grossen Gewässers. Bergbäche transportierten im Verlauf der Jahrtausende grosse Mengen an Geschiebe, Sand und Schlamm in das Becken.

Besonders die Lütschine und der Lombach lagerten bei Interlaken Material ab. Dadurch entstand allmählich die Schwemmebene des Bödelis, welche das ursprüngliche Gewässer in den Thunersee und den rund sechs Meter höher gelegenen Brienzersee teilte.[4]

Auch heute werden durch Kander, Aare und kleinere Zuflüsse grosse Mengen mineralischen Materials in den See eingetragen. Besonders deutlich ist dies am Kanderdelta bei Einigen und Gwatt, das sich langfristig weiter in den See vorschiebt.

Hydrologie

Zuflüsse und Abfluss

Der bedeutendste natürliche Zufluss des Thunersees ist die Aare. Sie verlässt den Brienzersee, durchfliesst das Bödeli und mündet bei Neuhaus beziehungsweise Därligen in den Thunersee. Dadurch erhält der Thunersee Wasser aus einem grossen Teil der östlichen Berner Alpen.

Der zweite grosse Zufluss ist die Kander. Sie entspringt im Gebiet des Kanderfirns, durchfliesst das Kandertal und nimmt bei Wimmis die Simme auf. Anschliessend mündet sie zwischen Einigen und Gwatt in den Thunersee.

Weitere Zuflüsse sind unter anderem der Lombach, der Sundgraben, der Grönbach, der Guntenbach und zahlreiche kleinere Bergbäche. Bei starken Niederschlägen können diese Bäche grosse Mengen Wasser, Geschiebe und Schwemmholz in den See transportieren.

Der einzige Abfluss ist die Aare in Thun. Innerhalb der Stadt teilt sie sich in mehrere Arme und fliesst anschliessend durch das Aaretal weiter in Richtung Bern.

= Kanderdurchstich

Ursprünglich mündeten Kander und Simme nicht in den Thunersee. Die Kander verlief westlich am See vorbei und mündete unterhalb von Thun in die Aare. Bei Hochwasser überschwemmten die beiden Flüsse regelmässig grosse Flächen des unteren Kandertals und des Aaretals.

Zur Verminderung dieser Überschwemmungen wurde die Kander beim sogenannten Kanderdurchstich in den Thunersee umgeleitet. Die Arbeiten wurden zwischen 1711 und 1714 ausgeführt. Dabei entstand bei Einigen ein neuer, direkter Flusslauf durch den Strättlighügel.

Der Kanderdurchstich gilt als eines der frühesten grossen Flusskorrektionsprojekte der Schweiz. Er verringerte die Hochwassergefahr im unteren Kandertal, hatte aber zunächst unerwartete Folgen für den Thunersee und die Stadt Thun. Durch die Einleitung der Kander verdoppelte sich das Einzugsgebiet des Sees annähernd. Der grössere Zufluss liess den Wasserspiegel steigen und verstärkte den Abfluss durch die Aare.

In der Folge mussten das Flussbett in Thun erweitert, Hindernisse entfernt und die Regulierung des Seeausflusses verbessert werden. Der Kanderdurchstich beeinflusst bis heute den Wasserhaushalt und den Sedimenteintrag des Thunersees. Die Kander führt jährlich grosse Mengen an Schwebstoffen in den See.[4]

Zirkulation und Wassererneuerung

Wegen seiner grossen Tiefe erwärmt sich der Thunersee im Sommer vorwiegend in den oberflächennahen Wasserschichten. Zwischen dem wärmeren Oberflächenwasser und dem kalten Tiefenwasser bildet sich eine ausgeprägte Temperaturschichtung.

Im Herbst und Winter kühlt das Oberflächenwasser ab und sinkt in tiefere Bereiche. Eine vollständige Durchmischung bis zum Seegrund findet aufgrund der grossen Tiefe jedoch nicht in jedem Winter statt. Wind, Lufttemperatur, Zuflussmengen und die Dauer kalter Wetterperioden beeinflussen die Zirkulation.

Das von der Kander eingetragene kalte und trübstoffreiche Wasser kann sich unterhalb der Oberflächenschicht einschieben. Ein grosser Teil der mitgeführten Partikel und der daran gebundenen Nährstoffe sinkt auf den Seegrund.

Seeregulierung und Hochwasserschutz

Der Wasserspiegel des Thunersees wird durch Wehranlagen am Seeausfluss in Thun reguliert. Zu den wichtigsten Anlagen gehören die Scherzligschleuse und die Mühleschleuse. Die Regulierung soll den Seespiegel innerhalb eines festgelegten Bereichs halten und zugleich einen ausreichenden Abfluss in die Aare gewährleisten.

Die Hochwassergefahr ist wegen des grossen alpinen Einzugsgebietes beträchtlich. Intensive Niederschläge können zusammen mit Schneeschmelze zu sehr hohen Zuflüssen führen. Da die Abflusskapazität der Aare in Thun begrenzt ist, kann der See solche Wassermengen nicht sofort ableiten.

Im Mai 1999 stieg der Pegel nach lang anhaltenden Niederschlägen und gleichzeitiger Schneeschmelze auf 559,17 Meter über Meer. Zahlreiche Uferbereiche und Gebäude wurden überflutet. Im August 2005 wurde mit 559,25 Metern ein noch höherer Stand gemessen.[5]

Als Reaktion auf diese Ereignisse wurde zwischen 2007 und 2009 der Hochwasserentlastungsstollen Thun gebaut. Er führt zusätzliches Wasser vom See unter dem Stadtgebiet hindurch in die Aare. Bei einem mittleren sommerlichen Wasserstand kann die Abflussleistung dadurch gegenüber dem früheren Zustand deutlich erhöht werden.

Die Anlage schützt Thun und die übrigen Seegemeinden, kann extreme Hochwasser aber nicht vollständig verhindern. Ein wichtiges Ziel der Regulierung besteht darin, auch bei aussergewöhnlichen Ereignissen einen Pegel von 558,80 Metern möglichst nicht zu überschreiten.

Wasserqualität

Der Thunersee ist ein vergleichsweise nährstoffarmer See. Die Phosphorkonzentration nahm im 20. Jahrhundert durch Abwassereinleitungen zeitweise zu und erreichte Anfang der 1980er-Jahre ihren Höchststand. Der See wurde jedoch nie so stark überdüngt wie manche Seen des Schweizer Mittellandes.

Der Bau von Abwasserreinigungsanlagen, der Ausbau der Kanalisation und weitere Gewässerschutzmassnahmen führten zu einem deutlichen Rückgang der Nährstoffbelastung. Seit den 1990er-Jahren liegen die Phosphorkonzentrationen auf einem sehr niedrigen Niveau. Die Sauerstoffverhältnisse erfüllen nach Angaben des Bundesamtes für Umwelt die gesetzlichen Anforderungen.[1]

Das Plankton befindet sich insgesamt in einem sehr guten Zustand. Die Biomasse der Algen ist gering, liegt aber etwas höher als im noch nährstoffärmeren Brienzersee. Die Unterschiede werden unter anderem mit der höheren Wassertemperatur, der geringeren Trübung und dem etwas grösseren Nährstoffangebot im Thunersee erklärt.

Trotz der guten Wasserqualität sind grosse Teile des Ufers durch Siedlungen, Strassen, Bahnlinien, Hafenanlagen, Mauern und andere Bauwerke verändert. In einer gesamtschweizerischen Bewertung wurden nur rund 17 Prozent der Ufer als natürlich oder wenig beeinträchtigt eingestuft.[1]

Tier- und Pflanzenwelt

Fische

Der Thunersee besitzt eine vielfältige Fischfauna. Von besonderer Bedeutung sind die Felchen, von denen im Thunersee mehrere ökologisch und genetisch unterscheidbare Formen vorkommen. Sie nutzen unterschiedliche Wassertiefen, Laichzeiten und Nahrungsquellen.

Weitere Fischarten sind:

Die Fischerei wird durch den Kanton Bern geregelt. Neben der Berufsfischerei wird auch die Angelfischerei ausgeübt. Fangvorschriften, Mindestmasse, Schonzeiten und Schutzgebiete sollen eine nachhaltige Nutzung der Bestände gewährleisten.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sorgten Veränderungen an den Geschlechtsorganen von Felchen aus dem Thunersee für öffentliche Aufmerksamkeit. Umfangreiche Untersuchungen konnten keine eindeutige einzelne Ursache feststellen. Die Entwicklung der Bestände und der Gesundheitszustand der Fische werden weiterhin wissenschaftlich beobachtet.

Vögel und Uferlebensräume

Flachwasserzonen, Schilfgürtel und Flussdeltas bieten Lebensraum für zahlreiche Wasservögel. Zu den regelmässig vorkommenden Arten gehören Haubentaucher, Blässhuhn, Stockente, Reiherente, Gänsesäger, Höckerschwan und verschiedene Möwenarten. Während des Vogelzugs und im Winter halten sich zusätzliche Arten am See auf.

Ökologisch wertvolle Uferbereiche befinden sich insbesondere im Gwattlischenmoos, im Kanderdelta, bei Neuhaus und an einzelnen weniger verbauten Abschnitten. Solche Gebiete dienen als Brutplätze, Rastplätze und Rückzugsräume.

Zu den gebietsfremden Tierarten gehört die Zebramuschel, die sich im Thunersee ausgebreitet hat. Invasive Arten können einheimische Lebensgemeinschaften, technische Anlagen und die natürliche Nahrungskette beeinflussen.

Geschichte

Frühe Besiedlung

Das Gebiet um den Thunersee war bereits in vorgeschichtlicher Zeit besiedelt. Die Seeufer, Flussterrassen und geschützten Hänge boten günstige Bedingungen für Fischfang, Landwirtschaft und Verkehr. Archäologische Funde aus der Stein-, Bronze- und Eisenzeit belegen die frühe Nutzung der Region.

Während der römischen Zeit gehörte das Gebiet zum Einflussbereich des römischen Helvetiens. Lokale Wege verbanden die Region mit dem Mittelland und den Übergängen über die Berner Alpen.

= Mittelalter

Im Hochmittelalter war das Gebiet am Thunersee Reichsland und in verschiedene weltliche und geistliche Herrschaften gegliedert. Zu den bedeutenden Adelsgeschlechtern gehörten die Freiherren von Thun-Unspunnen, von Oberhofen, von Strättligen, von Wädenswil und von Eschenbach.

Thun wurde von den Zähringern ausgebaut. Nach dem Aussterben des Geschlechts im Jahr 1218 gelangten Burg und Stadt an die Grafen von Kyburg. Im 14. und 15. Jahrhundert brachte die Stadt Bern die Herrschaften rund um den See schrittweise unter ihre Kontrolle. Bern kaufte Thun 1384 und eroberte Oberhofen 1386. Spätestens im 15. Jahrhundert war die Seeregion weitgehend in den bernischen Territorialstaat eingegliedert.[2]

Die Fischereirechte waren lange zwischen Herrschaften, Klöstern und Gemeinden aufgeteilt. Nach der Reformation von 1528 gelangte ein grosser Teil dieser Rechte an Bern. Der Staat erliess Fischereiordnungen und beaufsichtigte den Fischfang im Thunersee, Brienzersee und in der Aare.

= Verkehrsweg

Über Jahrhunderte war der Thunersee der wichtigste Verkehrsweg für grosse Teile des Berner Oberlands. Strassen entlang der steilen Ufer waren schwer passierbar oder fehlten vollständig. Personen, Vieh, Holz, Käse, Wein, Getreide und andere Güter wurden deshalb mit Segel-, Ruder- und Lastschiffen transportiert.

Thun bildete den westlichen Umschlagplatz. Am oberen Seeende dienten Weissenau und später Neuhaus als Häfen für Reisende und Waren. Von dort führten Wege nach Interlaken, ins Haslital, in die Jungfrauregion und über Alpenpässe nach Süden.

Erst der Ausbau der Uferstrassen und Eisenbahnlinien im 19. Jahrhundert verringerte die Bedeutung des Sees als alltäglicher Transportweg. Für den Tourismus und den Ausflugsverkehr blieb die Schifffahrt jedoch wichtig.

Schifffahrt

Die fahrplanmässige Dampfschifffahrt auf dem Thunersee begann 1835. Die Thuner Hoteliers Johannes und Johann Jakob Knechtenhofer bestellten in Paris ein eisernes Dampfschiff mit einer Leistung von 16 Pferdestärken. Die für rund 200 Personen ausgelegte Bellevue nahm am 31. Juli 1835 den Betrieb zwischen Hofstetten bei Thun und Neuhaus auf. Die Fahrt dauerte ohne Zwischenhalt ungefähr 75 Minuten.[6]

1842 wurde die Vereinigte Dampfschifffahrts-Gesellschaft für den Thuner- und Brienzersee gegründet. In den folgenden Jahrzehnten kamen weitere Dampfschiffe hinzu. Die Schifffahrt förderte den aufkommenden Fremdenverkehr und erleichterte den Zugang zu Interlaken und den Tälern des Berner Oberlands.

Heute wird die Kursschifffahrt von der BLS AG betrieben. Die Schiffe verbinden Thun mit Hilterfingen, Oberhofen, Gunten, Spiez, Faulensee, Merligen, Beatenbucht, Neuhaus und Interlaken West. Die genaue Bedienung der Anlegestellen hängt von Saison und Fahrplan ab.

Das bekannteste Schiff ist der 1906 in Dienst gestellte Schaufelraddampfer Blümlisalp. Er wurde 1971 ausser Betrieb genommen und nach einer umfassenden Restaurierung 1992 wieder in den fahrplanmässigen Verkehr aufgenommen. Neben der Blümlisalp verkehren verschiedene Motorschiffe auf dem See.

Die Schifffahrt dient heute hauptsächlich dem öffentlichen Ausflugsverkehr, dem Tourismus und besonderen Veranstaltungsfahrten. Sie ist in das schweizerische Tarifsystem des öffentlichen Verkehrs eingebunden.

Eisenbahn- und Strassenverkehr

Entlang des südwestlichen Seeufers verläuft die Bahnstrecke Thun–Spiez–Interlaken. Sie wurde in mehreren Etappen im späten 19. Jahrhundert eröffnet und gehört heute zum Netz der BLS. Über den Bahnhof Spiez bestehen Verbindungen in Richtung Bern, Interlaken, Zweisimmen, Frutigen, Lötschberg-Basistunnel und Wallis.

Thun und Interlaken werden zudem durch Fernverkehrszüge miteinander verbunden. Die Bahnstrecke bietet auf langen Abschnitten Aussicht auf den See und die umliegenden Berge.

Die wichtigsten Strassenverbindungen verlaufen ebenfalls am See. Die Autobahn A6 führt von Bern über Thun nach Spiez. Von dort verläuft die A8 am südwestlichen Ufer in Richtung Interlaken und Brienz. Am nordöstlichen Ufer verbindet die Hauptstrasse Thun mit Hilterfingen, Oberhofen, Gunten, Merligen und Interlaken.

Der starke Pendler-, Ausflugs- und Ferienverkehr führt besonders während der Hauptreisezeiten zu hoher Belastung auf den Zufahrtsstrassen. Bahn, Bus und Schifffahrt bilden deshalb wichtige Alternativen zum motorisierten Individualverkehr.

Wirtschaftliche Nutzung

Der Thunersee erfüllt verschiedene wirtschaftliche Funktionen. Er ist Teil des regionalen Wasserhaushalts, dient der Fischerei, dem Tourismus, der Schifffahrt, dem Wassersport und der Naherholung. Wasser aus dem See wird ausserdem für technische Zwecke und teilweise für die Trinkwasserversorgung genutzt.

Die Fischerei besass historisch eine grosse Bedeutung für die Versorgung der Bevölkerung. Heute ist die Zahl der Berufsfischer geringer, doch die regionalen Fischprodukte bleiben ein Bestandteil der Gastronomie und der lokalen Identität.

Tourismusbetriebe, Hotels, Restaurants, Campingplätze, Strandbäder, Wassersportschulen und Bergbahnen profitieren von der Lage am See. Besonders Thun, Spiez, Oberhofen, Gunten, Merligen, Beatenberg und Interlaken sind stark mit dem Tourismus verbunden.

Tourismus und Freizeit

Der Thunersee gehört zu den bekanntesten Ausflugs- und Ferienregionen der Schweiz. Bereits im 18. Jahrhundert kamen Reisende in das Berner Oberland, um die Alpenlandschaft zu erleben. Im 19. Jahrhundert führten Dampfschifffahrt, Eisenbahnbau und die Entstehung grosser Hotels zu einem starken Wachstum des Fremdenverkehrs.

Beliebte Freizeitaktivitäten sind:

  • Schifffahrten;
  • Schwimmen und Baden;
  • Segeln;
  • Windsurfen;
  • Stand-up-Paddling;
  • Rudern;
  • Tauchen;
  • Wandern;
  • Velofahren;
  • Gleitschirmfliegen;
  • Ausflüge zu den umliegenden Bergen.

Öffentliche Strandbäder und Badeplätze befinden sich unter anderem in Thun, Spiez, Faulensee, Leissigen, Hilterfingen, Oberhofen und Gunten. Die teilweise steil abfallenden Ufer und rasch zunehmenden Wassertiefen erfordern beim Baden und bei Wassersportaktivitäten besondere Vorsicht.

Der Thunersee-Panoramaweg verbindet verschiedene Orte und Aussichtspunkte rund um den See. Zu seinen bekanntesten Bauwerken gehört die Panoramabrücke bei Sigriswil. Ausblicke auf den See bieten ausserdem der Niesen, das Niederhorn, der Harder Kulm, der Stockhorn und zahlreiche kleinere Gipfel.

Schlösser und Sehenswürdigkeiten

Die Region ist für ihre historischen Schlösser bekannt. Häufig werden fünf Anlagen als die «Schlösser am Thunersee» zusammengefasst:

Schloss Ort Charakter
Schloss Thun Thun Mittelalterliche Burganlage über der Altstadt
Schloss Schadau Thun Historistisches Schloss im Schadaupark am Seeausfluss
Schloss Hünegg Hilterfingen Schloss des 19. Jahrhunderts mit weitgehend erhaltener Ausstattung
Schloss Oberhofen Oberhofen am Thunersee Historische Schlossanlage unmittelbar am See
Schloss Spiez Spiez Burg- und Schlossanlage in der Spiezer Bucht

Weitere Sehenswürdigkeiten sind die Altstadt von Thun, die St. Beatus-Höhlen bei Beatenberg, die Kirche von Scherzligen, die Ruine Weissenau, die Rebberge von Spiez und Oberhofen sowie die historischen Hotel- und Parkanlagen am See.

Kulturelle Veranstaltungen wie die Thunerseespiele, Konzerte, See- und Stadtfeste nutzen den See und das Alpenpanorama als Kulisse.

Versenkte Munition

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wurden im Thunersee wie auch im Brienzersee und im Vierwaldstättersee militärische Munition und Munitionsbestandteile versenkt. Diese Entsorgungspraxis galt damals als technisch vertretbar, wird heute jedoch als Altlast behandelt.

Das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport und der Kanton Bern untersuchen das Wasser und die Sedimente periodisch auf Sprengstoffe, Perchlorat und Schwermetalle. Die 2024 und 2025 entnommenen Wasserproben zeigten nach den im April 2026 veröffentlichten Ergebnissen keine erkennbare negative Beeinflussung des Seewassers durch die versenkte Munition.[7]

Die belasteten Bereiche sind im Kataster der belasteten Standorte eingetragen. Nach der gegenwärtigen Beurteilung gelten sie nicht als überwachungs- oder sanierungsbedürftig. Da das grundsätzliche Schadstoffpotenzial bestehen bleibt, wird das periodische Monitoring fortgesetzt. Eine Bergung müsste die Risiken durch Sprengstoffe, Sedimentaufwirbelung und Eingriffe in das Ökosystem berücksichtigen.

Natur- und Landschaftsschutz

Trotz der dichten Besiedlung und der umfangreichen touristischen Nutzung besitzt der Thunersee ökologisch wertvolle Bereiche. Schutzgebiete befinden sich insbesondere an Flussmündungen, in Flachwasserzonen, Moorgebieten und verbliebenen naturnahen Uferabschnitten.

Ein bedeutendes Gebiet ist das Gwattlischenmoos am westlichen Seeende. Es umfasst Feuchtgebiete, Schilfflächen und Lebensräume für Vögel, Amphibien, Fische und wirbellose Tiere. Auch das Kanderdelta und der Raum Neuhaus-Weissenau besitzen wichtige ökologische Funktionen.

Massnahmen zur Uferaufwertung sollen verbaute Abschnitte wieder naturnäher gestalten. Dazu gehören flachere Ufer, Kiesbänke, Schilfzonen und bessere Verbindungen zwischen Wasser- und Landlebensräumen. Solche Projekte müssen mit Hochwasserschutz, Schifffahrt, Siedlungsentwicklung, Verkehrswegen und Erholungsnutzung abgestimmt werden.

Der Klimawandel beeinflusst die Wassertemperatur, die Dauer der Temperaturschichtung, den Sauerstoffhaushalt und die Zusammensetzung der Lebensgemeinschaften. Langfristige Messprogramme sollen diese Veränderungen dokumentieren.

Bedeutung für die Region

Der Thunersee ist ein zentrales Landschaftselement des Berner Oberlands. Er verbindet die Stadt Thun mit Spiez, Interlaken und den Tälern der Berner Alpen. Seine Rolle wandelte sich im Lauf der Geschichte vom wichtigsten regionalen Transportweg zu einem bedeutenden Erholungs-, Tourismus- und Naturraum.

Für die Bevölkerung ist der See zugleich Lebensraum, Verkehrsweg, Wirtschaftsgrundlage und Teil der regionalen Identität. Das Zusammenspiel aus blauem Wasser, historischen Siedlungen, Schlössern, Rebbergen und Hochalpen prägt das Bild des Berner Oberlands im In- und Ausland.

Siehe auch

Literatur

  • Bundesamt für Umwelt: Der Thunersee – Zustand bezüglich Wasserqualität. Bern 2016.
  • Bundesamt für Umwelt: Zusammenfassender Bericht über den biologischen Zustand der Schweizer Seen. Bern 2021.
  • Amt für Wasser und Abfall des Kantons Bern: Hochwasserschutz Thunersee. Bern 2010.
  • Anne-Marie Dubler: Thunersee. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
  • Paul Bloesch: Als der Thunersee noch Wendelsee hiess. Bilder und Geschichten aus alter Zeit. Thun.
  • Hermann von Fischer: Die Kunstdenkmäler des Kantons Bern. Der Amtsbezirk Thun. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Basel.

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 Bundesamt für Umwelt: Zusammenfassender Bericht über den biologischen Zustand der Schweizer Seen, Abschnitt Thunersee, 2021, abgerufen am 22. Juli 2026.
  2. 2,0 2,1 Thunersee. In: Historisches Lexikon der Schweiz, Version vom 13. Februar 2020, abgerufen am 22. Juli 2026.
  3. BLS Schifffahrt: About Lake Thun, abgerufen am 22. Juli 2026.
  4. 4,0 4,1 Bundesamt für Umwelt: Der Thunersee – Zustand bezüglich Wasserqualität, 1. Juli 2016, abgerufen am 22. Juli 2026.
  5. Amt für Wasser und Abfall des Kantons Bern: Hochwasserschutz Thunersee, 2010, abgerufen am 22. Juli 2026.
  6. BLS: Die Geschichte der Schifffahrt im Berner Oberland, abgerufen am 22. Juli 2026.
  7. Gruppe Verteidigung: Explosivstoffmonitoring 2024/25 – Keine negative Beeinflussung des Seewassers durch Munition, 7. April 2026, abgerufen am 22. Juli 2026.

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