Kirchliche Wohltätigkeit in der Schweiz

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Kirchliche Wohltätigkeit in der Schweiz umfasst die von Kirchen, Kirchgemeinden, Pfarreien, Ordensgemeinschaften, kirchlichen Hilfswerken und christlich geprägten Vereinen geleistete Unterstützung für Menschen in sozialen, wirtschaftlichen oder persönlichen Notlagen. Sie reicht von lokaler Nachbarschaftshilfe und freiwilliger Begleitung bis zu professioneller Sozialberatung, Entwicklungszusammenarbeit und internationaler Katastrophenhilfe.

In der Schweiz wird kirchliche Wohltätigkeit häufig mit den Begriffen Caritas, Diakonie oder Sozialdiakonie bezeichnet. Während «Caritas» vor allem in der römisch-katholischen Tradition gebräuchlich ist, wird in den reformierten Kirchen meist von Diakonie gesprochen. Beide Begriffe bezeichnen den christlich begründeten Dienst am Mitmenschen. Die angebotene Hilfe richtet sich in der Regel unabhängig von Herkunft, Staatsangehörigkeit, Religion, Konfession, Geschlecht oder Lebensweise an bedürftige Personen.

Grundlagen

Kirchliches soziales Engagement beruht auf dem christlichen Gebot der Nächstenliebe. Zu seinen religiösen Grundlagen gehören die Hilfe für Arme, Kranke, Geflüchtete, Einsame und gesellschaftlich benachteiligte Menschen sowie die Vorstellung von der unveräusserlichen Würde jedes Menschen.

In der katholischen Tradition wird die organisierte Nächstenliebe als Caritas bezeichnet. Sie gilt neben der Verkündigung und der Feier der Sakramente als eine grundlegende Aufgabe der Kirche. In den evangelisch-reformierten Kirchen bezeichnet Diakonie sowohl die unmittelbare Hilfe für einzelne Personen als auch das gesellschaftliche Engagement gegen Armut, Ausgrenzung und ungerechte Lebensbedingungen.

Kirchliche Wohltätigkeit ist nicht auf Geld- oder Sachspenden beschränkt. Sie umfasst auch Beratung, Betreuung, Bildung, Seelsorge, politische Sensibilisierung und die Schaffung von Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe. Viele Angebote verbinden professionelle soziale Arbeit mit freiwilligem Engagement.

Historische Entwicklung

Bereits im Mittelalter gehörten Armenfürsorge, Krankenpflege und Gastfreundschaft zu den Aufgaben von Klöstern, Stiften, Bruderschaften und Pfarreien. Klöster unterhielten Herbergen, Hospitäler und Einrichtungen zur Versorgung von Reisenden, Kranken und mittellosen Personen. Almosen und Stiftungen spielten eine wichtige Rolle bei der Unterstützung Bedürftiger.

Mit der Reformation im 16. Jahrhundert wurden zahlreiche kirchliche Fürsorgeaufgaben neu organisiert. In reformierten Orten gingen Teile der Armenpflege von Klöstern und kirchlichen Gemeinschaften auf städtische oder kommunale Behörden über. Die Unterstützung Bedürftiger blieb jedoch eng mit den Kirchgemeinden und der christlichen Sozialethik verbunden.

Im 19. Jahrhundert entstanden im Zuge der Industrialisierung neue Formen kirchlicher Sozialarbeit. Bevölkerungswachstum, Landflucht, schlechte Arbeitsbedingungen und ungenügende soziale Absicherung führten zur Gründung von Armenvereinen, Arbeitervereinen, Kinderheimen, Krankenpflegevereinen und Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen. Katholische Orden sowie reformierte Diakonissenhäuser übernahmen bedeutende Aufgaben in Pflege, Erziehung und Fürsorge.

1901 wurde der Schweizerische Caritasverband gegründet, aus dem die heutige Caritas Schweiz hervorging.[1] Das Hilfswerk der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (HEKS) wurde nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut und entwickelte sich zu einem bedeutenden kirchlichen Hilfswerk für Entwicklungszusammenarbeit, Flüchtlingshilfe und soziale Integration.

Der Ausbau des schweizerischen Sozialstaats im 20. Jahrhundert veränderte die Rolle der Kirchen. Viele Aufgaben der Existenzsicherung wurden von Bund, Kantonen und Gemeinden übernommen. Kirchliche Organisationen blieben jedoch in Bereichen tätig, in denen staatliche Leistungen nicht ausreichten, nur schwer zugänglich waren oder keine persönliche Begleitung vorsahen. Gleichzeitig professionalisierten sie ihre Angebote und beschäftigten zunehmend ausgebildete Sozialarbeitende, Pflegefachpersonen, Pädagoginnen und Berater.

Träger und Organisationen

Kirchliche Wohltätigkeit wird in der Schweiz dezentral organisiert. Zu den Trägern gehören Landeskirchen, Freikirchen, Pfarreien, Kirchgemeinden, Klöster, Stiftungen, Vereine und überregional tätige Hilfswerke. Daneben bestehen zahlreiche ökumenische Projekte, an denen mehrere Konfessionen gemeinsam beteiligt sind.

Caritas Schweiz

Caritas Schweiz ist ein eigenständiger Verein mit Sitz in Luzern. Die Organisation bekämpft Armut in der Schweiz und unterstützt Projekte der Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe in verschiedenen Ländern. Sie gehört zum internationalen Caritas-Netzwerk.[2]

Innerhalb der Schweiz bestehen zudem regionale Caritas-Organisationen. Sie bieten unter anderem Sozial- und Schuldenberatung, Unterstützung für Familien, Kultur- und Bildungsangebote, Secondhandläden, Lebensmittelhilfe sowie Integrationsprogramme an. Die regionalen Organisationen sind rechtlich weitgehend selbstständig und an die jeweiligen sozialen Verhältnisse der Kantone und Regionen angepasst.

Caritas arbeitet mit katholischen Pfarreien und kirchlichen Einrichtungen zusammen, richtet ihre Dienstleistungen jedoch nicht ausschliesslich an Katholikinnen und Katholiken. Die Unterstützung erfolgt grundsätzlich nach sozialer Bedürftigkeit.

HEKS

Das Hilfswerk der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz ist das Hilfswerk der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz. Es setzt sich in der Schweiz und international für ein Leben in Würde, soziale Gerechtigkeit und die Rechte benachteiligter Menschen ein.[3]

In der Schweiz liegen wichtige Arbeitsbereiche bei der sozialen Integration, der Rechtsberatung für Asylsuchende und Geflüchtete, der Arbeitsintegration, der Bildung sowie der Unterstützung von Menschen mit geringen finanziellen Mitteln. International ist HEKS in der Entwicklungszusammenarbeit, der humanitären Hilfe und der kirchlichen Zusammenarbeit tätig.

2021 schlossen sich HEKS und das reformierte Entwicklungswerk «Brot für alle» zu einer gemeinsamen Organisation zusammen.[4]

Fastenaktion

Fastenaktion ist ein katholisches Hilfswerk mit Schwerpunkt auf Entwicklungszusammenarbeit, globaler Gerechtigkeit und nachhaltiger Ernährung. Es ist besonders durch die ökumenische Kampagne während der vorösterlichen Fastenzeit bekannt. Diese wird gemeinsam mit reformierten und weiteren kirchlichen Partnerorganisationen durchgeführt.

Neben der Sammlung von Spenden informiert Fastenaktion über Armut, Hunger, Klimagerechtigkeit, Menschenrechte und die sozialen Folgen wirtschaftlicher Strukturen. Pfarreien, Kirchgemeinden, Schulen und Freiwilligengruppen beteiligen sich an Veranstaltungen, Suppentagen und Bildungsangeboten.

Heilsarmee

Die Heilsarmee verbindet evangelische Verkündigung mit praktischer Sozialarbeit. In der Schweiz unterhält sie unter anderem Wohnangebote, Notschlafstellen, Beratungsstellen, Beschäftigungsprogramme und Einrichtungen für Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Bekannt sind auch ihre Strassensammlungen und die Unterstützung armutsbetroffener Personen während der Weihnachtszeit.

Klöster und Ordensgemeinschaften

Katholische Klöster und Ordensgemeinschaften sind traditionell in Pflege, Bildung, Seelsorge und Sozialarbeit tätig. Einige Gemeinschaften führen Alters- und Pflegeheime, Gästehäuser, Schulen, Beratungsangebote oder Einrichtungen für Menschen mit Unterstützungsbedarf. Andere stellen Räume, finanzielle Mittel oder landwirtschaftliche Erzeugnisse für gemeinnützige Zwecke bereit.

Die Bedeutung der Orden als direkte Träger grosser sozialer Einrichtungen hat wegen sinkender Mitgliederzahlen abgenommen. Viele ursprünglich von Ordensgemeinschaften gegründete Werke bestehen jedoch als selbstständige Stiftungen oder Vereine weiter.

Freikirchen und christliche Vereine

Auch Freikirchen, evangelikale Gemeinden und christliche Vereine leisten soziale Hilfe. Dazu gehören Lebensmittelabgaben, Kleiderbörsen, Besuchsdienste, Suchtberatung, Jugendangebote, Integrationsprojekte und Unterstützung für Obdachlose. Manche Gemeinden arbeiten eng mit kommunalen Sozialdiensten oder anderen Hilfsorganisationen zusammen.

Die Organisationsformen und theologischen Ausrichtungen unterscheiden sich stark. Bei öffentlich zugänglichen Angeboten wird die Inanspruchnahme der Hilfe üblicherweise nicht von einer Mitgliedschaft oder einem Religionswechsel abhängig gemacht.

Tätigkeitsbereiche

Armutsbekämpfung

Ein zentraler Bereich kirchlicher Wohltätigkeit ist die Unterstützung von Menschen, deren Einkommen nicht für den Lebensunterhalt ausreicht. Obwohl die Schweiz über ein ausgebautes System der sozialen Sicherheit verfügt, können Erwerbslosigkeit, Krankheit, Trennung, niedrige Löhne, hohe Wohnkosten oder unerwartete Ausgaben zu finanziellen Notlagen führen.

Kirchliche Stellen gewähren in bestimmten Fällen Überbrückungshilfen, Einkaufsgutscheine, Beiträge an dringende Rechnungen oder Sachleistungen. Häufiger steht jedoch die Beratung im Vordergrund. Fachpersonen prüfen Ansprüche auf Sozialversicherungsleistungen, helfen beim Kontakt mit Behörden oder vermitteln an spezialisierte Beratungsstellen.

Sozial- und Schuldenberatung

Kirchliche und kirchennahe Beratungsstellen unterstützen Menschen bei Budgetproblemen, Schulden, Betreibungen und administrativen Schwierigkeiten. Ziel ist nicht nur die kurzfristige Entlastung, sondern eine dauerhafte Stabilisierung der persönlichen und finanziellen Situation.

Zu den Angeboten gehören Budgetberatung, Hilfe beim Ausfüllen von Formularen, Verhandlungen mit Gläubigern und die Begleitung bei der Beantragung öffentlicher Leistungen. Die Beratung kann kostenlos oder einkommensabhängig gestaltet sein.

Lebensmittel- und Sachhilfe

Pfarreien, Kirchgemeinden und Hilfswerke sammeln Lebensmittel, Kleider, Möbel und Haushaltsgegenstände. Diese werden direkt abgegeben oder über Sozialmärkte und Secondhandläden günstig verkauft. Solche Angebote dienen nicht nur der materiellen Versorgung, sondern häufig auch der Arbeitsintegration und der Wiederverwendung gebrauchter Waren.

Während besonderer Notlagen, etwa bei Naturkatastrophen, Fluchtbewegungen oder starken Preissteigerungen, organisieren Kirchen zusätzliche Sammlungen. Auch lokale Aktionen wie Weihnachtsgeschenke für armutsbetroffene Familien oder die Finanzierung von Schulausflügen sind verbreitet.

Altersarbeit und Besuchsdienste

Viele Kirchgemeinden betreiben Besuchsdienste für ältere, kranke oder einsame Menschen. Freiwillige besuchen Personen zu Hause, begleiten sie bei Spaziergängen, unterstützen bei kleinen Erledigungen oder leisten Gesellschaft.

Weitere Angebote sind Mittagstische, Seniorennachmittage, Fahrdienste, Ferienwochen und Trauergruppen. Solche Aktivitäten können die professionelle Pflege nicht ersetzen, ergänzen sie aber durch soziale Kontakte und persönliche Zuwendung.

Unterstützung von Familien und Kindern

Kirchliche Einrichtungen beraten Familien in finanziellen, erzieherischen oder partnerschaftlichen Krisen. Sie bieten Eltern-Kind-Treffs, Aufgabenhilfe, Ferienangebote, Kinderbetreuung und finanzielle Beiträge für Freizeit- oder Bildungsaktivitäten an.

Einige kirchliche Stiftungen unterstützen Familien mit kranken oder behinderten Kindern. Andere finanzieren Erholungsaufenthalte, Mutter-Kind-Angebote oder kurzfristige Entlastung für betreuende Angehörige.

Migration und Asyl

Kirchen engagieren sich seit Jahrzehnten für Migrantinnen, Migranten, Asylsuchende und Geflüchtete. Zu den Angeboten gehören Sprachkurse, Begegnungscafés, Rechtsberatung, Begleitung bei Behördengängen, Unterstützung bei der Wohnungssuche und Hilfe bei der beruflichen Integration.

Kirchgemeinden stellen teilweise Räume für fremdsprachige christliche Gemeinschaften zur Verfügung. Daneben unterstützen kirchliche Organisationen auch Menschen ohne geregelten Aufenthaltsstatus. Beratungsstellen für Sans-Papiers werden mancherorts durch Kirchen mitgetragen oder finanziell unterstützt.

Ein besonderes und gesellschaftlich umstrittenes Tätigkeitsfeld ist das sogenannte Kirchenasyl. Dabei gewährt eine Kirchgemeinde einer von Ausschaffung bedrohten Person vorübergehend Unterkunft, um eine erneute Prüfung des Falls oder eine humanitäre Lösung zu ermöglichen. Kirchenasyl begründet in der Schweiz keinen rechtsfreien Raum und hebt staatliche Entscheide nicht auf.

Obdachlosenhilfe

In grösseren Städten beteiligen sich kirchliche Einrichtungen an Notschlafstellen, Gassenküchen, Tagesaufenthalten und medizinisch-sozialen Angeboten für wohnungslose Menschen. Neben Unterkunft und Verpflegung werden Beratung, Postadressen, Duschmöglichkeiten und Unterstützung bei der Wohnungs- oder Arbeitssuche angeboten.

Während der kalten Jahreszeit öffnen einzelne Kirchgemeinden zusätzliche Räume oder unterstützen lokale Kältehilfeprojekte.

Seelsorge in Institutionen

Kirchliche Seelsorge ist in Spitälern, Altersheimen, Gefängnissen, Bundesasylzentren und weiteren öffentlichen Einrichtungen präsent. Sie richtet sich an Patientinnen, Bewohner, Angehörige und Mitarbeitende. Neben religiöser Begleitung umfasst sie Gespräche in Krisen, Trauerbegleitung und Unterstützung bei ethischen Fragen.

Die institutionelle Seelsorge wird teilweise von Kirchen und teilweise von öffentlichen Stellen finanziert. In vielen Einrichtungen arbeitet sie ökumenisch und berücksichtigt auch die Bedürfnisse konfessionsloser Personen sowie Angehöriger anderer Religionen.

Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe

Schweizer Kirchen und kirchliche Hilfswerke sind seit dem 20. Jahrhundert in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit tätig. Sie unterstützen Projekte in den Bereichen Ernährung, Wasser, Bildung, Gesundheit, Friedensförderung, Menschenrechte und nachhaltige Landwirtschaft.

Bei Kriegen, Erdbeben, Überschwemmungen, Dürren und anderen Katastrophen leisten kirchliche Hilfswerke Nothilfe. Sie arbeiten häufig mit lokalen Kirchen und Partnerorganisationen zusammen, die bereits vor Ort verankert sind. Die Tätigkeit kann Soforthilfe, Wiederaufbau und langfristige Entwicklungsprogramme umfassen.

Freiwilligenarbeit

Ein grosser Teil der kirchlichen Wohltätigkeit wird durch Freiwilligenarbeit ermöglicht. Freiwillige wirken bei Besuchsdiensten, Mittagstischen, Sprachkursen, Kleiderbörsen, Ferienlagern, Flüchtlingsbegleitung und Spendensammlungen mit. In reformierten Landeskirchen engagieren sich nach Schätzungen sehr viele Menschen unentgeltlich in kirchlichen und sozialen Aufgaben.[5]

Freiwilligenarbeit unterscheidet sich von einem regulären Arbeitsverhältnis. Sie erfolgt aus freiem Willen und grundsätzlich ohne Lohn. Spesenvergütungen, Weiterbildungen und Formen der Anerkennung gelten nicht als Entlöhnung. Kirchliche Organisationen legen zunehmend Wert auf klare Aufgabenbeschreibungen, Versicherungsschutz, fachliche Begleitung und einen verantwortungsvollen Umgang mit persönlichen Daten.

Neben langfristigem Engagement gewinnen zeitlich begrenzte Einsätze an Bedeutung. Dazu gehören einzelne Aktionstage, Sammlungen, Begleitungen oder Mithilfe bei Veranstaltungen.

Finanzierung

Kirchliche Wohltätigkeit wird aus unterschiedlichen Quellen finanziert. Dazu gehören:

  • Kirchensteuern und Beiträge der Landeskirchen;
  • Spenden und Kollekten;
  • Legate und Erbschaften;
  • Beiträge von Stiftungen;
  • freiwillige Mitarbeit;
  • Leistungsvereinbarungen mit Bund, Kantonen und Gemeinden;
  • Beiträge institutioneller Partner;
  • Einnahmen aus Secondhandläden, Sozialbetrieben und Dienstleistungen.

Die Bedeutung der einzelnen Finanzierungsquellen unterscheidet sich je nach Organisation. Kirchliche Hilfswerke können öffentliche Aufträge übernehmen, beispielsweise in der Asylbetreuung, Rechtsberatung oder Arbeitsintegration. Solche Leistungen werden nach vertraglich festgelegten Bedingungen vergütet.

Spendensammelnde Organisationen veröffentlichen in der Regel Jahresberichte und geprüfte Jahresrechnungen. Viele grössere Hilfswerke tragen das Gütesiegel der ZEWO, das Anforderungen an Transparenz, Rechnungslegung und den zweckbestimmten Einsatz von Spenden stellt.

Verhältnis zum Staat

Die soziale Verantwortung ist in der Schweiz auf Bund, Kantone und Gemeinden verteilt. Kirchliche Organisationen bilden keinen Ersatz für die gesetzliche Sozialhilfe oder die Sozialversicherungen. Sie ergänzen staatliche Leistungen, schliessen Versorgungslücken und bieten Formen persönlicher Begleitung, die von Behörden nicht immer erbracht werden können.

In zahlreichen Bereichen bestehen Kooperationen zwischen Kirchen und öffentlichen Stellen. Gemeinden können kirchliche Träger mit der Durchführung bestimmter sozialer Aufgaben beauftragen oder einzelne Projekte finanziell unterstützen. Gleichzeitig nehmen Kirchen eine kritische gesellschaftliche Funktion wahr, indem sie auf Armut, ungenügenden Schutz von Geflüchteten, Wohnungslosigkeit oder problematische Arbeitsbedingungen aufmerksam machen.

Die öffentlich-rechtliche Stellung der Landeskirchen ist kantonal unterschiedlich geregelt. Auch die Verwendung von Kirchensteuern für soziale Aufgaben hängt von der Organisation der jeweiligen Landeskirche und Kirchgemeinde ab.

Ökumenische Zusammenarbeit

Viele soziale Projekte werden ökumenisch getragen. Katholische, reformierte, christkatholische und freikirchliche Gemeinden arbeiten beispielsweise bei Flüchtlingscafés, Notschlafstellen, Lebensmittelabgaben und Sammelaktionen zusammen.

Ein bekanntes Beispiel ist die ökumenische Kampagne während der Fastenzeit. Sie verbindet Spendenaktionen mit Bildungsarbeit zu globaler Gerechtigkeit, Ernährung und nachhaltiger Entwicklung. Ökumenische Zusammenarbeit ermöglicht es, personelle und finanzielle Ressourcen zu bündeln und Angebote unabhängig von konfessionellen Grenzen zu gestalten.

Auch im Bereich der institutionellen Seelsorge bestehen gemeinsame Dienste. In Spitälern, Flughäfen, Gefängnissen und Notfallorganisationen arbeiten Seelsorgende verschiedener Konfessionen zusammen.

Bedeutung für die Gesellschaft

Kirchliche Wohltätigkeit ist ein Bestandteil der schweizerischen Zivilgesellschaft. Kirchgemeinden verfügen auch in kleineren Ortschaften über Räume, lokale Netzwerke und freiwillig engagierte Mitglieder. Dadurch können sie soziale Probleme früh erkennen und niederschwellige Hilfe anbieten.

Besondere Bedeutung haben Angebote für Menschen, die staatliche oder private Dienstleistungen nicht kennen, ihnen misstrauen oder aufgrund sprachlicher und administrativer Hürden keinen Zugang finden. Kirchliche Stellen können hier als Vermittler zwischen Betroffenen, Behörden und Fachorganisationen wirken.

Darüber hinaus schaffen kirchliche Projekte Begegnungsmöglichkeiten zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Mittagstische, Quartiertreffpunkte, Sprachcafés und Besuchsdienste wirken sozialer Isolation entgegen und fördern den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Kritik und Herausforderungen

Kirchliche Wohltätigkeit steht vor ähnlichen Herausforderungen wie andere gemeinnützige Organisationen. Dazu gehören steigende Anforderungen an Professionalität, Datenschutz, Qualitätssicherung und finanzielle Transparenz. Freiwillige müssen angemessen begleitet werden, insbesondere wenn sie mit schutzbedürftigen Personen arbeiten.

Kritisch diskutiert wird gelegentlich die Verbindung von Hilfe und Mission. Professionelle kirchliche Hilfswerke betonen deshalb, dass Unterstützung nicht von der religiösen Zugehörigkeit oder der Teilnahme an Glaubensaktivitäten abhängig gemacht werden darf. Bei kleineren oder stark missionarisch ausgerichteten Gruppen können die Grenzen zwischen sozialer Hilfe und religiöser Werbung weniger klar sein.

Eine weitere Herausforderung ist der Rückgang der Mitgliederzahlen in den Landeskirchen. Sinkende Kirchensteuereinnahmen können langfristig zur Kürzung sozialer Angebote führen. Gleichzeitig nimmt der Bedarf in Bereichen wie Altersarbeit, psychische Gesundheit, Migration, Wohnungsnot und Armutsbekämpfung zu.

Diskutiert wird auch, wie kirchliche Organisationen ihre besondere Identität bewahren können, wenn sie öffentliche Aufträge übernehmen und nach denselben fachlichen Standards wie nichtkirchliche Sozialorganisationen arbeiten. Während manche den christlichen Hintergrund als wichtige Motivation betrachten, sehen andere die Offenheit für alle Menschen und die professionelle Unabhängigkeit als entscheidend an.

Gegenwart und Perspektiven

Die kirchliche Wohltätigkeit in der Schweiz hat sich von einer vorwiegend konfessionellen Armenfürsorge zu einem vielfältigen Bereich professioneller und freiwilliger Sozialarbeit entwickelt. Moderne kirchliche Hilfswerke arbeiten häufig mit staatlichen Stellen, internationalen Organisationen, Hochschulen und nichtreligiösen Vereinen zusammen.

Zukünftige Schwerpunkte dürften bei der Bekämpfung von Armut trotz Erwerbstätigkeit, der Integration von Geflüchteten, der Begleitung älterer und einsamer Menschen sowie bei den sozialen Folgen des Klimawandels liegen. Auch digitale Beratung, psychische Gesundheit und die Unterstützung von Menschen mit unsicherem Aufenthaltsstatus gewinnen an Bedeutung.

Trotz der Säkularisierung bleiben Kirchen wichtige Träger sozialer Infrastruktur. Ihre Rolle hängt jedoch zunehmend davon ab, ob sie ihre Angebote transparent, fachlich kompetent, diskriminierungsfrei und für die gesamte Bevölkerung zugänglich gestalten können.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Historisches Lexikon der Schweiz: Caritas, abgerufen am 25. Juli 2026.
  2. Caritas Schweiz: Über uns, abgerufen am 25. Juli 2026.
  3. HEKS: Porträt und Organisation, abgerufen am 25. Juli 2026.
  4. HEKS: Hintergründe und Fakten zur Fusion, 22. Dezember 2021, abgerufen am 25. Juli 2026.
  5. Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz: Leitfaden zur Freiwilligenarbeit für reformierte Kirchgemeinden, abgerufen am 25. Juli 2026.