Bahnhof Zürich Letten
| Bahnhof Zürich Letten | |
|---|---|
| Ort | Zürich, Wipkingen |
| Adresse | Wasserwerkstrasse 93, 8037 Zürich |
| Typ | ehemaliger Bahnhof |
| Bauform | Durchgangsbahnhof |
| Eröffnung | 1. Oktober 1894 |
| Stilllegung | 27. Mai 1989 |
| Ehemalige Bahnsteiggleise | 2 |
| Weitere Gleise | 1 Gütergleis |
| Strecke | Rechtsufrige Zürichseebahn |
| Frühere Betreiber | Schweizerische Nordostbahn, ab 1902 SBB |
| Heutige Nutzung | Büro- und Redaktionsräume |
Der Bahnhof Zürich Letten war ein Bahnhof in der Stadt Zürich im Quartier Wipkingen. Er lag an der ehemaligen Linienführung der rechtsufrigen Zürichseebahn zwischen dem Zürcher Hauptbahnhof und dem Bahnhof Zürich Stadelhofen. Die Station wurde 1894 eröffnet und am 27. Mai 1989 stillgelegt, nachdem die direkte unterirdische Bahnverbindung zwischen Hauptbahnhof und Stadelhofen in Betrieb genommen worden war.[1]
Das erhaltene Stationsgebäude an der Wasserwerkstrasse 93 erinnert heute an die frühere Bahnlinie. Die Gleise sind vollständig verschwunden. Teile der ehemaligen Bahntrasse, insbesondere der Lettenviadukt und die Brücken über die Limmat, wurden zu einer Fuss- und Veloverbindung umgestaltet.[2]
Der ehemalige Bahnhof ist nicht nur ein Zeugnis der Zürcher Eisenbahngeschichte. Das Areal wurde in den 1990er-Jahren durch die offene Drogenszene am Letten schweizweit bekannt. Nach deren Auflösung entwickelte sich das Gebiet zu einem beliebten städtischen Freizeit- und Erholungsraum an der Limmat.[3]
Lage
Der ehemalige Bahnhof liegt im Quartier Wipkingen des Stadtkreises 10, unmittelbar oberhalb der Limmat und in der Nähe des Kraftwerks Letten. Die Adresse des Stationsgebäudes lautet Wasserwerkstrasse 93.
Westlich des Bahnhofs führte die Strecke über die Limmat und den Lettenviadukt in Richtung Zürich Hauptbahnhof. Östlich schloss sich der Lettentunnel an, durch den die Bahnlinie in Richtung Stadelhofen verlief.
Der Bahnhof befand sich damit auf einer grossen Schleife, welche die rechtsufrige Zürichseebahn vom Hauptbahnhof über Aussersihl, den Letten und den Lettentunnel nach Stadelhofen führte. Diese umständliche Linienführung war notwendig geworden, weil die ursprünglich vorgesehene direkte Zufahrt von Stadelhofen zum Hauptbahnhof im 19. Jahrhundert nicht verwirklicht werden konnte.
Entstehung der Bahnlinie
Die rechtsufrige Zürichseebahn wurde von der Schweizerischen Nordostbahn (NOB) gebaut. Die Strecke sollte Zürich über die Gemeinden am rechten Zürichseeufer mit Rapperswil verbinden.
Für die Einfahrt der Strecke in den Zürcher Hauptbahnhof entstanden in den Jahren 1891 bis 1894 umfangreiche neue Bahnanlagen. Dazu gehörten der Lettenviadukt, mehrere Brücken, der Lettentunnel und die Station Letten. Der Bau des Aussersihler Viadukts stand unter der Leitung des NOB-Oberingenieurs Robert Moser.[4]
Das Stationsgebäude und der Güterschuppen in Letten wurden bereits 1893 fertiggestellt. Die Gleisanlagen folgten 1894. Am 1. Oktober 1894 konnte der durchgehende Bahnbetrieb zwischen Zürich HB, Zürich Letten und Zürich Stadelhofen aufgenommen werden.[5]
Der Bahnhof lag damit an einer der wichtigsten Vorort- und Regionalverbindungen Zürichs. Die Züge fuhren von Letten durch den rund zwei Kilometer langen Lettentunnel nach Stadelhofen und anschliessend entlang des rechten Zürichseeufers weiter.
Bahnhofsanlage
Der Bahnhof verfügte über insgesamt drei Gleise. Zwei davon dienten dem Personenverkehr, während ein weiteres Gleis für den Güterverkehr vorgesehen war. Zwischen den beiden Personengleisen bestanden keine modernen Perronanlagen, wie sie heute üblich sind. Reisende mussten beim Ein- und Aussteigen teilweise Gleise überqueren.[5]
Das Stationsgebäude entstand 1893. Es handelt sich um einen für kleinere Bahnhöfe des ausgehenden 19. Jahrhunderts typischen Bau mit einem weit vorkragenden Dach auf der Bahnseite. Neben dem Hauptgebäude bestanden weitere für den Bahnbetrieb notwendige Neben- und Gütergebäude.
Der Name Letten wurde vom örtlichen Flurnamen übernommen. Zum Zeitpunkt der Bahnhofseröffnung war die frühere Gemeinde Wipkingen bereits Teil der Stadt Zürich: Sie war 1893 zusammen mit mehreren anderen Vororten eingemeindet worden.
Personen- und Güterverkehr
Der Bahnhof diente von Beginn an sowohl dem Personen- als auch dem Gepäckverkehr. Daneben wurden Tiere und Eilgüter abgefertigt. 1907 wurde der Stückgutverkehr aufgenommen.[5]
Nach dem Übergang der Schweizerischen Nordostbahn an die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) im Jahr 1902 wurde auch die Station Letten von den SBB betrieben.
Im Laufe der Zeit wurden die Dienstleistungen für Reisende ausgebaut. Neben dem Billettverkauf waren zeitweise unter anderem Gepäckaufgabe, Reservationen und Dienstleistungen für Gruppenreisen möglich.
Die Bedeutung des Bahnhofs für den Personenverkehr blieb jedoch begrenzt. Seine Lage am Rand des damals dichter bebauten Teils von Wipkingen war für einen grossen Teil der Quartierbevölkerung wenig günstig. Mit dem 1932 eröffneten Bahnhof Zürich Wipkingen erhielt das Quartier zudem einen zweiten, günstiger gelegenen Bahnhof an der Strecke Zürich–Oerlikon.
Elektrifizierung
Die rechtsufrige Zürichseebahn wurde 1926 elektrifiziert. Damit endete auf der Strecke die Epoche des regulären Dampfbetriebs.
Auch nach der Elektrifizierung blieb die grundsätzliche Linienführung über Letten unverändert. Züge vom Hauptbahnhof in Richtung Stadelhofen mussten weiterhin zunächst westwärts aus dem Bahnhof fahren und anschliessend über die grosse Schleife des Lettenviadukts, den Bahnhof Letten und den Lettentunnel wieder in Richtung Innenstadt geführt werden.
Diese Linienführung verlängerte den Weg zwischen Hauptbahnhof und Stadelhofen erheblich und entwickelte sich mit dem zunehmenden Bahnverkehr zu einem betrieblichen Nachteil.
Zürcher S-Bahn und Stilllegung
Mit der Planung der S-Bahn Zürich wurde eine neue direkte Bahnverbindung durch die Zürcher Innenstadt geschaffen. Kernstück war der Hirschengrabentunnel, der den neuen unterirdischen Bahnhofteil des Hauptbahnhofs mit Stadelhofen verband.
Dadurch konnte die bisherige Schleifenfahrt über Letten aufgegeben werden. Am 27. Mai 1989 wurde der Lettentunnel für den regulären Bahnverkehr stillgelegt; gleichzeitig verlor auch der Bahnhof Zürich Letten seine Funktion.[1]
Die neue unterirdische Verbindung bildete wenig später einen zentralen Bestandteil der am 27. Mai 1990 vollständig in Betrieb genommenen Zürcher S-Bahn.
Mit der Stilllegung der alten Strecke endete nach knapp 95 Jahren der fahrplanmässige Eisenbahnbetrieb im Bahnhof Letten.
Ehemalige Strecke nach der Stilllegung
Obwohl keine Personenzüge mehr über Letten fuhren, wurden Teile der Strecke zunächst nicht unmittelbar abgebaut. Die SBB mussten insbesondere den Lettentunnel noch unterhalten. Seine Entwässerungsanlagen benötigten weiterhin regelmässige Wartung.
Die verbliebenen Gleisanlagen verloren schrittweise ihre Funktion. Nach der Auflösung der offenen Drogenszene wurden Teile der Bahnhofsanlage zurückgebaut. Das ehemalige Bahnareal wurde anschliessend neu gestaltet.
Der Lettentunnel wurde von Oktober 2002 bis Frühjahr 2004 wegen seines baulichen Zustands verfüllt.[1] Das westliche Tunnelportal beim ehemaligen Bahnhof blieb als sichtbares Relikt der Bahnstrecke erhalten.
Offene Drogenszene am Letten
Nach der Stilllegung der Bahn entwickelte sich das verlassene Bahnhofareal Anfang der 1990er-Jahre zu einem der problematischsten Orte Zürichs.
Im Februar 1992 lösten die Behörden die offene Drogenszene im Platzspitz hinter dem Hauptbahnhof auf. Ein Teil der Szene verlagerte sich daraufhin in das Gebiet der stillgelegten Gleisanlagen beim Bahnhof Letten und der Kornhausbrücke.[3]
In den folgenden Jahren entwickelte sich dort eine grosse offene Drogenszene. Der Name Letten wurde dadurch weit über Zürich hinaus mit der damaligen schweizerischen Drogenproblematik verbunden.
Die Situation war von gesundheitlichem Elend, öffentlichem Drogenkonsum, Handel und Gewalt geprägt und stellte Stadt, Polizei, Sozial- und Gesundheitswesen vor grosse Herausforderungen.
Am 14. Februar 1995 beendete die Stadt Zürich die offene Drogenszene am Letten. Anders als bei der Auflösung des Platzspitz drei Jahre zuvor war die Massnahme in ein umfassenderes Konzept eingebettet. Dazu gehörten stärkere polizeiliche Massnahmen ebenso wie Therapie, Überlebenshilfe und die weitere Entwicklung der schweizerischen Vier-Säulen-Drogenpolitik.[3]
Die Geschichte des Letten gilt deshalb auch als ein wichtiges Kapitel der Zürcher Sozial- und Drogenpolitik der 1990er-Jahre.
Umnutzung des Bahnareals
Nach dem Ende der offenen Drogenszene wurde das ehemalige Bahnareal schrittweise neu genutzt. Besonders wichtig war die Umwandlung der früheren Eisenbahnverbindung über den Lettenviadukt.
Die Stadt Zürich übernahm die Lettenbrücken 1998 von den SBB und baute sie zu einer Fuss- und Veloverbindung um.[2] Heute verbindet die ehemalige Bahntrasse die Gebiete beidseits der Limmat und schafft eine durchgehende Verbindung zwischen den Stadtkreisen 5 und 6.
Der Weg führt von der Josefswiese über den ehemaligen Lettenviadukt und die Limmat zum Bahnhof Letten. Von dort besteht eine Verbindung entlang der Limmat in Richtung Oberer Letten und Dynamo.[4]
Das Lettenviadukt und seine Brücken gelten heute als bedeutende Zeugnisse der Zürcher Verkehrs- und Technikgeschichte. Mehrere Brückenteile stehen unter Denkmalschutz.[2]
Stationsgebäude heute
Im Gegensatz zu den Gleisanlagen blieb das historische Stationsgebäude erhalten. Das frühere Bahnhofsgebäude steht an der Wasserwerkstrasse 93 und prägt noch immer das Erscheinungsbild des ehemaligen Bahnhofareals.
Heute wird es nicht mehr für Eisenbahnzwecke verwendet. Unter anderem befindet sich dort der Sitz des Schweizer Reisemagazins Transhelvetica beziehungsweise dessen Herausgeberin Passaport AG. Das Unternehmen bezeichnet den Standort selbst als «Alter Bahnhof Letten» und «Redaktionsbahnhof».[6]
Dadurch hat das historische Stationsgebäude eine neue kulturelle und gewerbliche Nutzung erhalten, während sein ursprünglicher Charakter als Bahnbau weiterhin gut erkennbar ist.
Lettenviadukt
Der Lettenviadukt war ein wesentlicher Teil der früheren Zufahrt zum Bahnhof. Er gehört zusammen mit dem weiterhin von Zügen befahrenen Wipkinger Viadukt zum sogenannten Aussersihler Viadukt.
Die beiden Bauwerke wurden von der Schweizerischen Nordostbahn geplant. Die Bauarbeiten fanden hauptsächlich zwischen 1891 und 1894 statt. Der Lettenviadukt ist rund 823 Meter lang; der benachbarte Wipkinger Viadukt erreicht rund 834 Meter.[4]
Während der Wipkinger Viadukt weiterhin Teil der Bahnverbindung vom Hauptbahnhof über Zürich Wipkingen nach Zürich Oerlikon ist, besitzt der Lettenviadukt heute keine Eisenbahnfunktion mehr.
Seine Umnutzung als Fuss- und Veloweg ist ein Beispiel für die Umgestaltung ehemaliger Eisenbahninfrastruktur zu öffentlichem Stadtraum.
Bedeutung
Der Bahnhof Zürich Letten nimmt in der Zürcher Stadtgeschichte eine besondere Stellung ein. Er steht für drei sehr unterschiedliche Phasen der Entwicklung des Gebietes.
Zunächst war er fast ein Jahrhundert lang Teil der Eisenbahninfrastruktur und der rechtsufrigen Zürichseebahn. Nach seiner Stilllegung wurde das Areal während weniger Jahre zu einem Symbol für die offene Drogenszene und eine der schwersten sozialen Krisen der modernen Stadtgeschichte.
Seit der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre wurde das Gebiet grundlegend umgestaltet. Heute gehören die ehemalige Bahntrasse und die angrenzenden Limmatufer zu den stark frequentierten Freizeit- und Erholungsräumen der Stadt. Das erhaltene Bahnhofsgebäude, das Tunnelportal und der Lettenviadukt machen die frühere Nutzung des Gebietes weiterhin ablesbar.
Siehe auch
- Rechtsufrige Zürichseebahn
- Lettentunnel
- Lettenviadukt
- Aussersihler Viadukt
- Bahnhof Zürich Wipkingen
- Bahnhof Zürich Stadelhofen
- Zürich Hauptbahnhof
- S-Bahn Zürich
- Wipkingen
- Letten (Zürich)
- Platzspitz
Literatur
- Martin Bürlimann, Kurt Gammeter: Wipkingen: Vom Dorf zum Quartier. Wibichinga, Zürich 2006, ISBN 3-9523149-0-0.
- Martin Bürlimann, Kurt Gammeter: Café Letten – Ein Lesebuch. Eine Zeitreise durch den Letten. Wibichinga, Zürich 2015, ISBN 978-3-9523149-3-7.
- Martin Bürlimann, Kurt Gammeter: Damals: Wipkingen – ein Bilderbogen. Wibichinga, Zürich 2023, ISBN 978-3-7575-3707-4.
- Ursina Jakob, Daniel Kurz: Lebensräume Wipkingen: Geschichte eines Zürcher Stadtquartiers 1893–1993. Chronos, Zürich 1993, ISBN 3-905311-19-4.
Weblinks
- Gang dur Alt-Züri: Ehemaliger Bahnhof Letten
- ETH-Bibliothek: Geschichte des Aussersihler- und Lettenviadukts
- Transhelvetica im Alten Bahnhof Letten
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 1,2 Stadt Zürich: Meilensteine der Stadtentwicklung, abgerufen am 10. August 2026.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 Stadt Zürich: Sanierung Lettenbrücken und Umsetzung Plan Lumière, 23. März 2011, abgerufen am 10. August 2026.
- ↑ 3,0 3,1 3,2 Schweizer Radio und Fernsehen: Als Zürich das Drogenelend endlich in den Griff bekam, 13. Februar 2020, abgerufen am 10. August 2026.
- ↑ 4,0 4,1 4,2 ETH-Bibliothek: Fotografische Trouvaillen vom Bau des Aussersihler-Viadukts, 13. Januar 2017, abgerufen am 10. August 2026.
- ↑ 5,0 5,1 5,2 Gang dur Alt-Züri: Der ehemalige Bahnhof Letten in Zürich-Wipkingen, abgerufen am 10. August 2026.
- ↑ Transhelvetica: Kontakt – Alter Bahnhof Letten, abgerufen am 10. August 2026.
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