Grossmünster

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Grossmünster
Ort Zürich
Quartier Altstadt
Adresse Zwingliplatz 7, 8001 Zürich
Konfession Evangelisch-reformiert
Kirchliche Zugehörigkeit Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Zürich, Kirchenkreis eins
Kirchenpatrone Felix und Regula sowie Exuperantius
Frühere Funktion Kirche eines weltlichen Chorherrenstifts und Pfarrkirche
Baustil Vorwiegend Romanik, mit späteren gotischen und neugotischen Veränderungen
Baubeginn des heutigen Baus um 1100
Vollendung um 1220/1230
Bedeutende Umbauten 15., 18., 19. und 20. Jahrhundert
Türme Karlsturm und Glockenturm
Bedeutende Kunstwerke Chorfenster von Augusto Giacometti, Fenster von Sigmar Polke, Bronzetüren von Otto Münch
Orgel Metzler-Orgel von 1960
Eigentümer Kanton Zürich
Website www.grossmuenster.ch

Das Grossmünster ist eine evangelisch-reformierte Kirche in der Altstadt von Zürich. Der monumentale romanische Bau steht auf einer Terrasse am rechten Ufer der Limmat, gegenüber dem Fraumünster und in unmittelbarer Nähe der Wasserkirche. Seine charakteristischen Doppeltürme gehören zu den bekanntesten Wahrzeichen der Stadt.

Das Grossmünster war im Mittelalter zugleich Pfarrkirche und Kirche eines weltlichen Chorherrenstifts. Seine Patrone waren die Zürcher Stadtheiligen Felix und Regula sowie der später hinzugefügte Exuperantius. Die Kirche, die Wasserkirche und das Fraumünster bildeten gemeinsam das religiöse Zentrum des mittelalterlichen Zürich.

Seit 1519 wirkte Huldrych Zwingli als Leutpriester am Grossmünster. Von seinen Predigten und den theologischen Einrichtungen des Stifts ging die Zürcher Reformation aus. Dadurch wurde die Kirche zu einem Schlüsselort der deutschsprachigen Reformation und zu einem Symbol der reformierten Tradition der Schweiz.

Das heutige Kirchengebäude entstand hauptsächlich zwischen etwa 1100 und 1220 beziehungsweise 1230. Die Krypta gehört zu den ältesten erhaltenen Teilen. Der Bau wurde später wiederholt verändert. Die oberen Turmgeschosse und die charakteristischen neugotischen Turmabschlüsse stammen aus dem späten 18. Jahrhundert.

Das Grossmünster wird weiterhin für Gottesdienste, kirchliche Feiern, Konzerte, Bildungsangebote und öffentliche Veranstaltungen genutzt. Es gehört zur Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Zürich und ist dem Kirchenkreis eins mit den Altstadtkirchen zugeordnet. Jährlich besuchen rund eine halbe Million Menschen die Kirche.[1]

Name

Der Name Grossmünster unterscheidet die Kirche vom Fraumünster auf der gegenüberliegenden Seite der Limmat.

Das mittelhochdeutsche Wort münster bezeichnete ursprünglich eine bedeutende Kirche oder eine mit einem Kloster beziehungsweise Stift verbundene geistliche Einrichtung. Es geht auf das lateinische Wort monasterium zurück.

Die Bezeichnungen Grossmünster und Fraumünster beziehen sich nicht unmittelbar auf die Grösse der Gebäude. Das Fraumünster war die Kirche eines Frauenstifts, während beim Grossmünster ein männliches Chorherrenstift bestand.

Im Mittelalter wurde die Kirche unter anderem als Kirche der Heiligen Felix und Regula bezeichnet. Das zugehörige Stift erscheint in den Quellen als Propstei oder Chorherrenstift St. Felix und Regula.

Lage und städtebauliche Bedeutung

Das Grossmünster steht im rechtsufrigen Teil der Zürcher Altstadt zwischen Limmatquai, Kirchgasse und Oberdorf.

Die erhöhte Terrasse über der Limmat bildete bereits in römischer und frühmittelalterlicher Zeit einen bedeutenden Siedlungsraum. Von der Kirche führen Gassen in das Oberdorf, zum Neumarkt und zum Bellevue.

Auf der gegenüberliegenden Flussseite liegen:

  • das Fraumünster;
  • der Münsterhof;
  • die Kirche St. Peter;
  • der Stadthauskomplex.

Die Münsterbrücke verbindet den Bereich des Grossmünsters mit dem Fraumünsterquartier.

Das Grossmünster prägt gemeinsam mit den Türmen von Fraumünster und St. Peter die historische Stadtsilhouette. Besonders von der Limmat, vom Lindenhof, vom Uetliberg und vom Zürichsee aus sind seine Doppeltürme deutlich sichtbar.

Stadtheilige Felix und Regula

Nach der Zürcher Heiligenlegende waren Felix und Regula Angehörige der Thebäischen Legion.

Sie sollen sich um das Jahr 300 geweigert haben, an der Verfolgung von Christen teilzunehmen, und aus dem Wallis nach Zürich geflohen sein. Dort seien sie gefangen genommen und auf einer Insel beziehungsweise am Ufer der Limmat enthauptet worden.

Der Legende zufolge nahmen die Enthaupteten ihre Köpfe unter den Arm und gingen vierzig Schritte bergauf. An der Stelle, an der sie zusammenbrachen, seien sie bestattet worden.

Über ihren Gräbern soll später das Grossmünster entstanden sein. Die Wasserkirche wurde dagegen mit dem Ort des Martyriums verbunden.

Die älteste bekannte schriftliche Fassung der Leidensgeschichte stammt aus dem 8. Jahrhundert. Historische Belege für die einzelnen Ereignisse fehlen, doch der Kult um Felix und Regula prägte Zürich über Jahrhunderte.[2]

Exuperantius wurde später als dritter Stadtpatron in die Überlieferung aufgenommen. Seine historische Stellung und seine Beziehung zu Felix und Regula sind weniger eindeutig.

Gründungslegende Karls des Grossen

Eine weitere Legende schreibt die Gründung des Grossmünsters Karl dem Grossen zu.

Nach der Erzählung jagte Karl in der Umgebung Zürichs einen Hirsch. Das Tier führte ihn bis zu den Gräbern von Felix und Regula. Dort sank Karls Pferd auf die Knie. Der Kaiser erkannte darin ein göttliches Zeichen und liess an dieser Stelle eine Kirche und ein Stift errichten.

Die bekannte schriftliche Fassung dieser Gründungslegende wurde erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts vom Zürcher Chronisten Heinrich Brennwald aufgezeichnet. Ein unmittelbarer historischer Beleg für eine Gründung durch Karl den Grossen besteht nicht.[3]

Trotzdem wurde Karl zu einer wichtigen Identifikationsfigur des Grossmünsters. Eine monumentale Sitzfigur an der Fassade des Südturms stellt ihn mit Schwert und Krone dar.

Das mittelalterliche Original dieser Figur befindet sich heute in der Krypta. An der Turmfassade steht eine Kopie.

Frühmittelalterliche Vorgängerbauten

Die Ursprünge der Kirche reichen wahrscheinlich in das frühe Mittelalter zurück.

Archäologische und baugeschichtliche Untersuchungen weisen auf Vorgängerbauten hin, die vor der Errichtung der heutigen romanischen Kirche bestanden.

Das Chorherrenstift wurde vermutlich im 9. Jahrhundert gegründet. Seine genaue Gründungsgeschichte ist nicht vollständig geklärt.[4]

Die geistliche Gemeinschaft bestand nicht aus Mönchen im engeren Sinn, sondern aus Weltgeistlichen. Diese Chorherren lebten nach eigenen Regeln, versahen Gottesdienste, verwalteten Besitz und übernahmen Aufgaben in Seelsorge und Bildung.

Das Stift verfügte über Grundbesitz, Zehnten, Gerichtsrechte und Einkünfte in Zürich und in weiteren Teilen der Region.

Bau der romanischen Kirche

Der Bau der heutigen Kirche begann um 1100.

Der ältere Kirchenbau wurde während der Arbeiten schrittweise ersetzt. Die Bauzeit erstreckte sich über mehrere Generationen und unterschiedliche Bauphasen.

Die Hauptarbeiten waren um 1220 beziehungsweise 1230 abgeschlossen. Das Grossmünster gehört damit zu den bedeutendsten romanischen Kirchenbauten der Schweiz.

Der Bau besteht im Wesentlichen aus:

  • einem dreischiffigen Langhaus;
  • einem erhöhten Chor;
  • einer unter dem Chor gelegenen Krypta;
  • zwei Osttürmen;
  • seitlichen Portalen;
  • dem an das Stift anschliessenden Kreuzgang.

Während der langen Bauzeit änderten sich architektonische Vorstellungen und technische Möglichkeiten. Deshalb verbinden sich im Gebäude verschiedene Stufen der Romanik mit einzelnen frühgotischen Elementen.

Architektur

Äusseres

Das Äussere wird durch die mächtigen Mauern, Rundbogenfenster, die klare Gliederung des Baukörpers und die beiden Türme bestimmt.

Der Bau besteht überwiegend aus Sandstein und anderem regional verfügbaren Naturstein.

Die Westfassade ist vergleichsweise zurückhaltend gestaltet. Die stärkste Wirkung entfaltet die Ostseite mit dem Chor und den Doppeltürmen.

Die Türme besitzen in ihren unteren Teilen romanische Formen. Ihre oberen Geschosse und Helme wurden in späteren Jahrhunderten verändert.

Langhaus

Das Langhaus ist als dreischiffige romanische Basilika gestaltet.

Massive Pfeiler und Rundbogenarkaden trennen das Mittelschiff von den Seitenschiffen. Die Formen wirken kraftvoll und vergleichsweise streng.

Die reformatorische Umgestaltung entfernte einen grossen Teil der mittelalterlichen Altäre, Bilder und Ausstattungsstücke. Dadurch erhielt der Innenraum eine Schlichtheit, die später als charakteristisch für reformierte Kirchen wahrgenommen wurde.

Die heutige Wirkung des Raums geht jedoch nicht allein auf die Reformation zurück. Auch Restaurierungen des 19. und 20. Jahrhunderts veränderten die Ausstattung und stellten teilweise einen als romanisch verstandenen Zustand wieder her.

Chor

Der erhöhte Chor liegt im östlichen Teil der Kirche über der Krypta.

Im Mittelalter war er der liturgische Raum der Chorherren. Er war vom Bereich der übrigen Gottesdienstbesucher baulich und funktional unterschieden.

Heute wird der Chor für Gottesdienste, musikalische Aufführungen und besondere Veranstaltungen genutzt.

Die drei hohen Chorfenster von Augusto Giacometti prägen seine Lichtwirkung.

Krypta

Die Krypta ist der älteste erhaltene Teil des Grossmünsters.

Sie liegt unter dem Chor und ist durch massive Säulen, Rundbogen und niedrige Gewölbe geprägt.

In der Krypta befinden sich:

  • das Original der mittelalterlichen Sitzfigur Karls des Grossen;
  • stark verblasste Wandmalereien aus dem 14. und 15. Jahrhundert;
  • Darstellungen aus der Legende der Stadtheiligen;
  • baugeschichtliche Zeugnisse der frühen Kirche.

Die Wandmalereien zeigen unter anderem das Martyrium von Felix und Regula. Sie wurden im Verlauf der Jahrhunderte verändert, übermalt und teilweise wieder freigelegt.[5]

Kapitelle und Skulpturen

Die romanischen Kapitelle gehören zu den kunsthistorisch bedeutendsten Bestandteilen des Grossmünsters.

Sie zeigen:

  • Pflanzenornamente;
  • Fabeltiere;
  • Menschen;
  • kämpfende Wesen;
  • biblische und symbolische Szenen.

Die Bildsprache verbindet christliche Motive mit mittelalterlichen Vorstellungen von Tugend, Laster, Ordnung und Chaos.

Einzelne Darstellungen lassen verschiedene kunsthistorische Deutungen zu. Nicht bei allen Figuren ist die ursprüngliche Bedeutung eindeutig zu bestimmen.

Türme

Die beiden Türme wurden nicht in ihrer heutigen Form gemeinsam mit dem Langhaus vollendet.

Im späten Mittelalter erhielten sie weitere Geschosse und hohe Spitzhelme. Unter Bürgermeister Hans Waldmann wurden sie zwischen 1487 und 1492 auf eine einheitlichere Höhe gebracht.

1763 beschädigte ein Blitzschlag den Glockenturm und löste einen Brand aus. Die damaligen hölzernen Spitzhelme wurden zerstört beziehungsweise später entfernt.

Zwischen 1781 und 1787 entstanden die charakteristischen achteckigen neugotischen Turmgeschosse und Hauben. Sie wurden nach Entwürfen von Johann Caspar Vögeli und Johannes Haggenmiller ausgeführt.

Obwohl diese Abschlüsse nicht romanisch sind, wurden sie zu einem unverwechselbaren Bestandteil der Zürcher Stadtsilhouette.

Karlsturm

Der südliche, zur Limmat gerichtete Turm wird als Karlsturm bezeichnet.

An seiner Aussenfassade befindet sich die monumentale Sitzfigur Karls des Grossen. Das Original wurde aus konservatorischen Gründen in die Krypta gebracht und am Turm durch eine Kopie ersetzt.

Der Karlsturm ist für Besucherinnen und Besucher zugänglich. Über 187 steile Stufen gelangt man zu einer Aussichtsplattform.[6]

Von dort besteht eine Aussicht über:

  • die Zürcher Altstadt;
  • die Limmat;
  • den Zürichsee;
  • den Uetliberg;
  • das Glatttal;
  • die Glarner Alpen.

Glockenturm

Der nördliche Turm dient als Glockenturm.

Sein vierstimmiges Geläut wurde 1889 von der Glockengiesserei Jakob Keller in Unterstrass gegossen.

Die Glocken werden für Gottesdienste, kirchliche Feiertage und besondere städtische Ereignisse verwendet.

Chorherrenstift

Das Grossmünster war bis 1832 mit einem Chorherrenstift verbunden.

Die Chorherren waren weltliche Geistliche. Im Gegensatz zu Angehörigen eines Mönchsordens legten sie gewöhnlich keine lebenslangen Klostergelübde ab.

Das Stift besass:

  • Grundbesitz;
  • Zehntrechte;
  • Gerichts- und Vogteirechte;
  • Einnahmen aus Pfründen;
  • eine Bibliothek;
  • Schul- und Bildungsaufgaben.

Der Vorsteher des Stifts trug den Titel Propst.

Zwischen dem Grossmünsterstift und dem Fraumünster bestanden im Mittelalter sowohl Zusammenarbeit als auch Konkurrenz. Beide Institutionen beanspruchten eine besondere religiöse und politische Stellung innerhalb der Stadt.

Das Stift war eng mit der Verehrung der Stadtheiligen verbunden und nahm bei Prozessionen und kirchlichen Festen eine zentrale Rolle ein.

Reformation

Zwinglis Amtsantritt

Am 1. Januar 1519 begann Huldrych Zwingli seine Tätigkeit als Leutpriester am Grossmünster.

Er predigte fortlaufend über biblische Texte, anstatt sich ausschliesslich an die traditionelle kirchliche Leseordnung zu halten.

Zwingli kritisierte:

  • den Ablasshandel;
  • den Söldnerdienst;
  • die Verehrung von Reliquien und Heiligenbildern;
  • kirchliche Fastengebote;
  • den Pflichtzölibat;
  • die Autorität des Papstes;
  • die katholische Auffassung der Messe.

Seine Predigten fanden bei Teilen der Bevölkerung und des Zürcher Rats zunehmende Unterstützung.

Zürcher Disputationen

Im Jahr 1523 fanden zwei öffentliche Zürcher Disputationen statt.

Geistliche und Theologen diskutierten unter Aufsicht des Rats über Zwinglis Lehre, die Messe und die Verwendung religiöser Bilder.

Der Rat entschied, dass Predigten auf der Grundlage der Bibel gehalten werden sollten. Damit erhielt die Reformation eine staatlich-politische Grundlage.

Umgestaltung des Kirchenraums

1524 liess der Rat Bilder, Reliquien und Altäre aus den Kirchen entfernen.

Auch das Grossmünster verlor einen grossen Teil seiner mittelalterlichen Ausstattung. Wandbilder wurden übertüncht, Reliquien entfernt und liturgische Einrichtungen umgebaut.

1525 wurde die katholische Messe abgeschafft und durch einen reformierten Abendmahlsgottesdienst ersetzt.

Die Predigt und die Auslegung der Bibel erhielten im Gottesdienst eine zentrale Stellung.

= Prophezei und Zürcher Bibel

Zwingli wandelte das Stift 1523 in eine reformierte Bildungsinstitution um.

1525 begann im Chor des Grossmünsters die sogenannte Prophezei. Theologen, Sprachgelehrte, Geistliche und Studenten übersetzten und erklärten gemeinsam biblische Texte aus dem Hebräischen, Griechischen und Lateinischen.

Zu den beteiligten Gelehrten gehörten:

  • Huldrych Zwingli;
  • Leo Jud;
  • Konrad Pellikan;
  • Heinrich Bullinger;
  • weitere Zürcher Theologen und Sprachgelehrte.

Die Arbeit der Prophezei führte zur Zürcher Bibel. Sie war eine der ersten vollständigen deutschsprachigen Bibelübersetzungen der Reformationszeit.

Die Prophezei entwickelte sich später zum Collegium Carolinum. Dieses bildete reformierte Pfarrer aus und gilt als eine Vorgängerinstitution der Universität Zürich.

Zwinglis Tod und Bullinger

Zwingli fiel am 11. Oktober 1531 in der Schlacht bei Kappel.

Sein Nachfolger als Antistes der Zürcher Kirche wurde Heinrich Bullinger. Er stabilisierte die Reformation und machte Zürich zu einem bedeutenden Zentrum des europäischen Protestantismus.

Bullinger wirkte zwar hauptsächlich als Leiter der Zürcher Kirche, blieb aber eng mit dem Grossmünster und dessen Bildungsinstitutionen verbunden.

Fortbestand des Stifts nach der Reformation

Das Chorherrenstift wurde während der Reformation nicht sofort vollständig aufgehoben.

1523 wurde es in ein reformiertes Stift umgestaltet. Seine Vogt- und Gerichtsrechte gingen an den Zürcher Rat über, während ein grosser Teil des Besitzes und der Einkünfte zunächst erhalten blieb.

Das reformierte Stift konzentrierte sich fortan auf:

  • theologische Bildung;
  • Ausbildung von Pfarrern;
  • Bibelübersetzung;
  • Verwaltung kirchlicher Güter;
  • Unterhalt von Schule und Bibliothek.

1832 hob der Kanton Zürich das Grossmünsterstift endgültig auf.

Ein Jahr später wurde die Universität Zürich gegründet. Das Siegel der Universität nimmt mit der Darstellung des Grossmünsters auf diese historische Verbindung Bezug.[7]

Kreuzgang und Stiftsgebäude

Der ursprüngliche Kreuzgang stammt aus dem späten 12. Jahrhundert.

Er verband die Kirche mit den Gebäuden des Chorherrenstifts und bildete einen geschützten Raum für geistliches Leben, Unterricht und Aufenthalt.

Nach der Aufhebung des Stifts wurden die meisten alten Stiftsgebäude abgebrochen. An ihrer Stelle entstand Mitte des 19. Jahrhunderts ein neues Schulgebäude.

Der Kreuzgang wurde zerlegt und in den Neubau integriert. Die heutige Anlage enthält mittelalterliche Bauteile, wurde jedoch durch zahlreiche neue Elemente ergänzt und entspricht deshalb nur teilweise dem ursprünglichen Zustand.[8]

Die Kapitelle des Kreuzgangs zeigen Menschen, Tiere, Fabelwesen und Pflanzenmotive.

Im Innenhof befindet sich ein Garten mit kulturhistorisch bedeutenden Zier-, Heil- und Nutzpflanzen. Der Kreuzgang dient heute als ruhiger Aufenthaltsort und als Zugang zu Ausstellungen.

Das an den Kreuzgang anschliessende ehemalige Grossmünsterschulhaus wird von der Theologischen Fakultät der Universität Zürich genutzt.

Veränderungen im 18. und 19. Jahrhundert

Der mittelalterliche Bau wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach dem veränderten Geschmack und neuen Nutzungsanforderungen angepasst.

Im 18. Jahrhundert entstanden nach dem Turmbrand die heutigen Turmabschlüsse.

Im 19. Jahrhundert versuchten Architekten, das Gebäude stärker an ihre Vorstellung einer romanischen Kirche anzupassen.

Dabei wurden:

  • jüngere Einbauten entfernt;
  • Teile des Chors umgestaltet;
  • Emporenzugänge verändert;
  • Fenster und Wandflächen angepasst;
  • der Kreuzgang in den Neubau des Schulhauses integriert.

Diese Arbeiten bewahrten einerseits bedeutende Bauteile, entfernten andererseits aber auch historische Spuren späterer Epochen.

Restaurierungen im 20. Jahrhundert

Zwischen 1913 und 1915 erfolgte eine umfassende Innenrenovation.

Die Arbeiten standen unter der Leitung von Stadtbaumeister Gustav Gull und Kantonsbaumeister Hermann Fietz.

Dabei wurde die Krypta wiederhergestellt und der Kirchenraum erneut im Sinn einer romanischen Gesamtwirkung verändert.

In den 1930er-Jahren wurde das Äussere restauriert. Die mittelalterliche Karlsfigur am Südturm wurde durch eine Kopie ersetzt und das Original in die Krypta gebracht.

Weitere Restaurierungs- und Unterhaltsarbeiten folgten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Giacometti-Fenster

Die drei hohen Chorfenster wurden 1933 von Augusto Giacometti geschaffen.

Giacometti hatte der Kirchenpflege bereits 1928 eigene Entwürfe vorgelegt. Die mehr als acht Meter hohen Fenster behandeln vor allem die Weihnachtsgeschichte und die Menschwerdung Christi.[9]

Die kräftigen Farben erzeugen im Chor ein leuchtendes, stark vom Tageslicht abhängiges Bild.

Zu den dargestellten Themen gehören:

  • Geburt Christi;
  • Anbetung;
  • biblische Verkündigung;
  • göttliches Licht;
  • Erlösung.

Die Fenster verbinden figurative Darstellungen mit einer modernen, farbbetonten Formensprache.

Polke-Fenster

Zwischen 2006 und 2009 schuf der deutsche Künstler Sigmar Polke zwölf Fenster für das Grossmünster.

Sieben Fenster bestehen aus dünn geschnittenem Achat, fünf aus farbigem Glas.

Die Achatfenster verwenden natürliche Strukturen des Steins. Licht, Farbe und Maserung verändern ihre Wirkung je nach Tageszeit und Wetter.

Die fünf Farbglasfenster greifen biblische Gestalten und Themen auf. Polke setzte sich dabei mit dem Übergang zwischen Altem und Neuem Testament auseinander.

Die Polke-Fenster stehen in einem bewussten Dialog mit den Chorfenstern Augusto Giacomettis.[10]

Bronzetüren von Otto Münch

Der Bildhauer Otto Münch gestaltete zwei monumentale Bronzetüren für das Grossmünster.

Die sogenannte Zwinglitür entstand in den 1930er-Jahren. Ihre Reliefs behandeln die Geschichte Zürichs, des Grossmünsters und der Reformation.

Dargestellt sind unter anderem:

  • Huldrych Zwingli;
  • Karl der Grosse;
  • Felix und Regula;
  • Szenen der Zürcher Reformation;
  • wichtige Personen der Stadtgeschichte.

Die Bibeltür von 1950 zeigt biblische Geschichten, das Glaubensbekenntnis und die Zehn Gebote.

Die Reliefs verbinden theologische Inhalte mit erzählerischen und symbolischen Darstellungen.

Kanzel und Taufstein

Die Kanzel besitzt in der reformierten Kirche eine besondere Bedeutung, da die Predigt und die Erklärung der Bibel im Mittelpunkt des Gottesdienstes stehen.

Der heutige Taufstein erinnert an die zentrale Stellung der Taufe innerhalb der reformierten Tradition.

Die gegenwärtige Ausstattung entstand in mehreren historischen Phasen. Sie verbindet ältere Bauteile mit Elementen aus den Restaurierungen des 19. und 20. Jahrhunderts.

Orgel

Die heutige Grossmünsterorgel wurde 1960 von der Schweizer Orgelbaufirma Metzler erbaut.

Sie steht auf der Westempore und ist für ihre klare, transparente Klanggestaltung bekannt.

Die Orgel eignet sich besonders für:

  • Musik der Renaissance;
  • barocke Orgelmusik;
  • Werke Johann Sebastian Bachs;
  • klassische und moderne Literatur;
  • Begleitung von Chor und Gemeinde.

Sie besitzt international einen hohen Ruf und wird regelmässig für Gottesdienste, Konzerte und die Ausbildung von Organistinnen und Organisten genutzt.[11]

Zwischen dem Grossmünster und der Zürcher Hochschule der Künste besteht eine Zusammenarbeit in der Orgelausbildung.

Musik

Musik ist ein wesentlicher Bestandteil des kirchlichen Lebens.

Im Grossmünster finden statt:

  • Orgelkonzerte;
  • Kantatengottesdienste;
  • Chorvespern;
  • Aufführungen geistlicher Musik;
  • Konzerte mit historischen Instrumenten;
  • zeitgenössische Musikprojekte.

Das Collegium Vocale Grossmünster pflegt anspruchsvolle Vokalmusik aus verschiedenen Epochen.

Die romanische Architektur und die grossen Steinflächen verleihen dem Raum eine lange Nachhallzeit. Dies beeinflusst die Auswahl und Aufführungspraxis der Musik.

Friedhof am Grossmünster

Während Jahrhunderten diente das Gelände um die Kirche als Friedhof.

Der Friedhof umfasste den Oberen Kirchhof im Bereich des heutigen Zwingliplatzes und den Unteren Kirchhof am Grossmünsterplatz.

Neben Einzelgräbern bestanden Beinhäuser, in denen ältere Gebeine aufbewahrt wurden.

Nach der Reformation wurden die Beinhäuser abgebrochen und die Knochen in Gruben bestattet.

1786 fanden auf dem Grossmünsterfriedhof die letzten Beisetzungen statt.

Archäologische Untersuchungen brachten grosse Mengen menschlicher Gebeine und zahlreiche Gräber ans Licht. 2007 wurden Knochen mit einem Gesamtvolumen von etwa 14 Kubikmetern geborgen und später auf dem Friedhof Sihlfeld wiederbestattet.[12]

Bei Werkleitungsarbeiten im Jahr 2024 dokumentierte die Stadtarchäologie weitere Bestattungen. Dabei wurden Überreste von 84 Personen freigelegt.[13]

Bibliothek und Schriftensammlung

Das Grossmünster und sein Stift besassen eine bedeutende Bibliothek.

Die Bestände dienten der Liturgie, theologischen Ausbildung, Bibelübersetzung und wissenschaftlichen Arbeit.

Während der Reformation wurden Handschriften und Druckwerke gesammelt, neu geordnet und für die Prophezei verwendet.

Das Grossmünster beherbergt heute eine Sammlung von Bibeln und Schriften aus der Reformationszeit. Dazu gehören frühe Zürcher Bibeldrucke und Werke aus dem Umfeld Zwinglis und Bullingers.[14]

Die historischen Bibliotheksbestände des Stifts bildeten eine wichtige Grundlage späterer Zürcher Bildungs- und Sammlungseinrichtungen.

Eigentum und kirchliche Nutzung

Das Kirchengebäude befindet sich im Eigentum des Kantons Zürich.

Die kirchliche Nutzung erfolgt durch die Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Zürich. Das Grossmünster gehört zum Kirchenkreis eins, der mehrere Altstadtkirchen umfasst.

Das Pfarramt wird 2026 von Martin Rüsch und Christian Walti wahrgenommen.[15]

Im Grossmünster finden regelmässig statt:

  • Sonntagsgottesdienste;
  • Abendmahlsfeiern;
  • Taufen;
  • Trauungen;
  • Abdankungen;
  • Andachten;
  • ökumenische Feiern;
  • Ordinationen;
  • politische und gesellschaftliche Dialogveranstaltungen.

Die Kirche versteht sich zugleich als Gotteshaus, historischer Erinnerungsort und öffentlicher Raum für gesellschaftliche Debatten.

Instandsetzung im 21. Jahrhundert

Untersuchungen zeigten einen erheblichen Instandsetzungsbedarf an Naturstein, Dächern, Fenstern, Haustechnik und Innenraum.

Der Kanton Zürich bewilligte für die Instandsetzung und betriebliche Optimierung einen Rahmenkredit von rund 32,5 Millionen Franken.

Zu den Zielen gehören:

  • langfristige Erhaltung der mittelalterlichen Bausubstanz;
  • Reparatur des Natursteinmauerwerks;
  • Verbesserung des Raumklimas;
  • Schutz wertvoller Kunstwerke;
  • Anpassung von Sicherheits- und Haustechnik;
  • bessere Zugänglichkeit;
  • Verbesserung des Betriebs für Gottesdienste und Besichtigungen.

Die Arbeiten an der Aussenhülle begannen im Januar 2025. Nach aktueller Planung ist das Grossmünster während grosser Teile der Jahre 2026 und 2027 eingerüstet. Der schrittweise Abbau der Gerüste ist ab 2028 vorgesehen.[1]

Der Gottesdienst- und Besuchsbetrieb wird während der Bauzeit nach Möglichkeit aufrechterhalten, kann jedoch zeitweise eingeschränkt sein.

Bedeutung für Zürich

Das Grossmünster besitzt religiöse, politische, kulturelle und städtebauliche Bedeutung.

Es erinnert an:

  • die Legenden der Stadtheiligen;
  • das mittelalterliche Chorherrenstift;
  • die Entwicklung Zürichs zur Reichsstadt;
  • die Zürcher Reformation;
  • die Entstehung der reformierten Kirche;
  • die Geschichte der theologischen Bildung;
  • die Vorgeschichte der Universität Zürich.

Die beiden Türme sind ein weithin sichtbares Symbol der Stadt. Darstellungen des Grossmünsters erscheinen in Stadtansichten, Reiseprospekten, Kunstwerken und Publikationen.

Im Gegensatz zum Fraumünster, das besonders wegen der Fenster von Marc Chagall bekannt ist, steht beim Grossmünster häufig seine Rolle als Ausgangsort der Reformation im Vordergrund.

Touristische Bedeutung

Das Grossmünster gehört zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Zürichs.

Besichtigt werden insbesondere:

  • der romanische Kirchenraum;
  • die Krypta;
  • der Karlsturm;
  • die Giacometti-Fenster;
  • die Polke-Fenster;
  • die Bronzetüren;
  • der Kreuzgang;
  • die Schriftensammlung.

Der Kirchenraum ist grundsätzlich frei zugänglich. Für den Aufstieg auf den Karlsturm wird ein Eintritt erhoben.

Gottesdienste und kirchliche Veranstaltungen besitzen Vorrang vor dem touristischen Betrieb.

Zeittafel

Wichtige Ereignisse
Zeitraum oder Jahr Ereignis
um 300 Der Legende zufolge erleiden Felix und Regula in Zürich den Märtyrertod.
8. Jahrhundert Entstehung der ältesten bekannten schriftlichen Fassung der Heiligenlegende.
9. Jahrhundert Vermutliche Gründung des Chorherrenstifts.
um 1100 Beginn des Baus der heutigen romanischen Kirche.
spätes 12. Jahrhundert Errichtung des ursprünglichen Kreuzgangs.
um 1220/1230 Weitgehende Vollendung des romanischen Kirchenbaus.
1487–1492 Ausbau und Angleichung der Türme.
1519 Huldrych Zwingli tritt sein Amt als Leutpriester am Grossmünster an.
1523 Zürcher Disputationen und Umgestaltung des Stifts zu einer reformierten Institution.
1524 Entfernung von Altären, Bildern und Reliquien aus der Kirche.
1525 Abschaffung der Messe und Beginn der Prophezei.
1531 Zwingli fällt in der Schlacht bei Kappel; Heinrich Bullinger wird sein Nachfolger.
1763 Blitzschlag und Brand beschädigen die Türme.
1781–1787 Bau der heutigen neugotischen Turmabschlüsse.
1832 Endgültige Aufhebung des Grossmünsterstifts.
1833 Gründung der Universität Zürich.
1849–1853 Abbruch der Stiftsgebäude, Neubau des Schulhauses und Wiederaufbau des Kreuzgangs.
1889 Guss des heutigen Geläuts.
1913–1915 Umfassende Innenrenovation und Wiederherstellung der Krypta.
1933 Einbau der Chorfenster von Augusto Giacometti.
1930er-Jahre Gestaltung der Zwinglitür durch Otto Münch.
1950 Fertigstellung der Bibeltür von Otto Münch.
1960 Einbau der Metzler-Orgel.
2006–2009 Entstehung und Einbau der Fenster von Sigmar Polke.
2009 Sanierung des Kreuzgangs.
2025 Beginn der umfassenden Instandsetzung der Aussenhülle.
2026–2027 Grossflächige Einrüstung und Fortführung der Restaurierungsarbeiten.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Instandsetzung Grossmünster, Kanton Zürich, abgerufen am 23. Juli 2026.
  2. Stadtzürcher Legenden, Stadt Zürich, abgerufen am 23. Juli 2026.
  3. Stadtzürcher Legenden und Publikationen, Stadt Zürich, abgerufen am 23. Juli 2026.
  4. Grossmünster, in: Historisches Lexikon der Schweiz, abgerufen am 23. Juli 2026.
  5. Krypta, Grossmünster, abgerufen am 23. Juli 2026.
  6. Karlsturm, Grossmünster, abgerufen am 23. Juli 2026.
  7. Die Grossmutter der Universität Zürich wird 500, Schweizerisches Nationalmuseum, abgerufen am 23. Juli 2026.
  8. Sanierter Kreuzgang Grossmünster, Stadt Zürich, 20. Oktober 2009.
  9. Giacometti-Fenster, Grossmünster, abgerufen am 23. Juli 2026.
  10. Polke-Fenster im Grossmünster, Reformierte Kirche Zürich, abgerufen am 23. Juli 2026.
  11. Orgel, Grossmünster, abgerufen am 23. Juli 2026.
  12. Grossmünsterplatz, Stadt Zürich, abgerufen am 23. Juli 2026.
  13. Ausgrabungen auf dem ehemaligen Friedhof Grossmünsterplatz, Stadt Zürich, 19. November 2024.
  14. Bibeln und Schriften, Grossmünster, abgerufen am 23. Juli 2026.
  15. Über uns, Grossmünster, abgerufen am 23. Juli 2026.