Geschichte des Kantons St. Gallen

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Geschichte des Kantons St. Gallen
Heutiges Kantonsgebiet Seit 1803
Kantonsgründung 19. März 1803
Hauptort St. Gallen
Historische Vorgänger Fürstabtei St. Gallen, Reichsstadt St. Gallen, Grafschaft Toggenburg, Rapperswil sowie mehrere eidgenössische Landvogteien
Prägende Entwicklungen Klosterwesen, Reformation, Kantonsbildung, Textilindustrie und Ausbau der direkten Demokratie

Die Geschichte des Kantons St. Gallen umfasst weit mehr als die Geschichte eines seit Jahrhunderten bestehenden einheitlichen Territoriums. Der heutige Kanton St. Gallen entstand erst 1803. Zuvor war sein Gebiet über lange Zeit in zahlreiche weltliche und geistliche Herrschaften, Städte, Landschaften und eidgenössische Landvogteien aufgeteilt. Dazu gehörten die Fürstabtei St. Gallen, die selbständige Stadt St. Gallen, die Grafschaft Toggenburg, die Stadt Rapperswil sowie die Herrschaften Rheintal, Sax-Forstegg, Werdenberg, Sargans, Gaster und Uznach.[1]

Die Zusammenführung dieser unterschiedlich geprägten Gebiete zu einem gemeinsamen Kanton war eine Folge der politischen Neuordnung der Schweiz während der napoleonischen Zeit. Auch nach 1803 blieben regionale, konfessionelle und wirtschaftliche Unterschiede bestimmend. Die Geschichte des Kantons ist deshalb von der Suche nach einem Gleichgewicht zwischen Stadt und Land, katholischen und reformierten Gebieten, zentraler Staatsgewalt und regionaler Selbständigkeit geprägt.

Vorgeschichte und römische Zeit

Archäologische Funde belegen eine Besiedlung des heutigen Kantonsgebiets seit vorgeschichtlicher Zeit. Die Fundstellen reichen von Höhlen und jungsteinzeitlichen Seeufersiedlungen bis zu bronze- und eisenzeitlichen Höhensiedlungen. Bedeutende Fundplätze befinden sich unter anderem bei Wartau, Mels, Flums und Rapperswil-Jona. Das Fundstelleninventar der Kantonsarchäologie umfasst Zeugnisse aus mehr als 50'000 Jahren menschlicher Geschichte.[2]

In der Römerzeit lag das Gebiet an wichtigen Verkehrswegen zwischen dem Alpenrheintal, dem Zürichsee, dem Walensee und dem Bodensee. Strassen und Wasserwege verbanden die Region mit den römischen Zentren in der heutigen Schweiz, in Raetien und im süddeutschen Raum. Von besonderer Bedeutung war die römische Siedlung in Kempraten bei Rapperswil-Jona. Sie entwickelte sich zu einem Vicus, einer kleinstädtischen Siedlung mit Wohnhäusern, Gewerbebetrieben, Tempeln und öffentlichen Einrichtungen. Kempraten gilt als einzige bekannte römische Kleinstadt dieser Art im heutigen Kantonsgebiet.[3]

Weitere römische Gutshöfe, Verkehrswege, Befestigungen und Einzelfunde sind aus dem Rheintal, dem Sarganserland, dem Seegebiet und der Bodenseeregion bekannt. Nach dem Rückzug der römischen Herrschaft im 5. Jahrhundert veränderten sich die politischen und wirtschaftlichen Strukturen. Alemannische Bevölkerungsgruppen liessen sich zunehmend im nördlichen und mittleren Teil des heutigen Kantonsgebiets nieder, während im Alpenrheintal und in den südlichen Tälern ältere romanische Traditionen länger erhalten blieben.

Gallus und die Entstehung des Klosters

Für die spätere Entwicklung der Region war die Gründung der klösterlichen Gemeinschaft an der Steinach von herausragender Bedeutung. Der Überlieferung zufolge liess sich der irische oder irofränkische Mönch Gallus um 612 in dem damals nur dünn besiedelten Tal nieder. Aus seiner Einsiedelei entwickelte sich im frühen 8. Jahrhundert unter Otmar eine organisierte Mönchsgemeinschaft. Im Jahr 747 übernahm das Kloster die Regel des heiligen Benedikt.[4]

Im 9. Jahrhundert erlebte die Abtei St. Gallen ihre erste grosse Blütezeit. Ihre Schule, ihr Skriptorium und ihre Bibliothek gehörten zu den bedeutendsten Bildungszentren des Karolingerreichs. Mönche kopierten und verfassten religiöse, literarische, musikalische und wissenschaftliche Werke. Um 820 entstand der berühmte St. Galler Klosterplan, die älteste erhaltene Architekturzeichnung eines mittelalterlichen Klosterkomplexes.

Die Abtei verfügte über umfangreichen Grundbesitz, der sich weit über die Umgebung von St. Gallen hinaus erstreckte. Schenkungen, königliche Privilegien und eine zunehmend leistungsfähige Verwaltung stärkten ihre wirtschaftliche und politische Stellung. Neben ihrer religiösen und kulturellen Bedeutung entwickelte sich die Abtei zu einer territorialen Herrschaft.

Der heutige Stiftsbezirk St. Gallen mit Kathedrale, Stiftsbibliothek und historischen Verwaltungsgebäuden wurde 1983 in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen. Die UNESCO würdigt die Abtei als bedeutendes Beispiel eines grossen Benediktinerklosters und als über Jahrhunderte wirkendes Zentrum von Kunst und Wissen.[5]

Stadt, Abtei und regionale Herrschaften

Neben dem Kloster entstand eine Siedlung von Handwerkern, Kaufleuten und Bediensteten. Sie entwickelte sich zur Stadt St. Gallen und löste sich im Verlauf des Mittelalters schrittweise aus der Herrschaft des Abtes. Das Verhältnis zwischen Stadt und Kloster blieb über Jahrhunderte von wirtschaftlicher Zusammenarbeit, aber auch von politischen und rechtlichen Konflikten geprägt.

Die Stadt wurde zu einem bedeutenden Zentrum der Leinwandproduktion und des Fernhandels. Ihre Kaufleute unterhielten Verbindungen in zahlreiche europäische Handelsstädte. Im Spätmittelalter besass St. Gallen den Charakter einer weitgehend selbständigen Reichsstadt. 1454 schloss sie ein Bündnis mit eidgenössischen Orten und wurde zu einem Zugewandten Ort der Alten Eidgenossenschaft.

Auch die Fürstabtei näherte sich der Eidgenossenschaft an. 1451 schloss sie ein ewiges Burg- und Landrecht mit Zürich, Luzern, Schwyz und Glarus. Unter Fürstabt Ulrich Rösch wurde der Klosterstaat in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts territorial und administrativ gefestigt. Rösch vereinheitlichte Rechtsordnungen, baute die Verwaltung aus und erwarb 1468 die Grafschaft Toggenburg.[6]

Die Grafschaft Toggenburg bildete fortan neben der sogenannten Alten Landschaft zwischen Wil und Rorschach einen wichtigen Bestandteil des fürstäbtischen Herrschaftsgebiets. Ihre Bewohner verfügten jedoch über eigene Rechte und politische Traditionen, deren Einschränkung wiederholt zu Konflikten führte.

Die südlichen und östlichen Teile des späteren Kantons gehörten anderen Herrschaftsgebieten an. Rapperswil war eine befestigte Stadt am Zürichsee, Uznach und Gaster wurden eidgenössische Landvogteien, und die Grafschaft Sargans gelangte ebenfalls unter die Herrschaft mehrerer eidgenössischer Orte. Das Rheintal wurde als Gemeine Herrschaft verwaltet. Werdenberg und Sax-Forstegg wechselten mehrmals ihre Besitzer oder unterstanden einzelnen eidgenössischen Orten.

Dadurch entstand eine ausserordentlich komplizierte politische Landkarte. Grenzen zwischen Herrschaften, Gerichten, Kirchgemeinden und wirtschaftlichen Nutzungsgebieten überschnitten sich häufig. Die Bevölkerung des heutigen Kantons besass vor 1798 weder ein gemeinsames Bürgerrecht noch eine gemeinsame Regierung.

Appenzellerkriege und Rorschacher Klosterbruch

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts kam es zu schweren Auseinandersetzungen zwischen der Fürstabtei und ihren Untertanen im Appenzellerland. Die Appenzellerkriege waren Teil eines breiteren Widerstands gegen fürstäbtische Abgaben und Herrschaftsansprüche. Die Stadt St. Gallen unterstützte zeitweise die Appenzeller, wodurch sich der Gegensatz zwischen Stadt und Kloster zusätzlich verschärfte.

Ein weiterer Konflikt entstand, als Ulrich Rösch den Bau eines neuen Klosters in Rorschach plante. Kaufleute der Stadt St. Gallen befürchteten, dass die neue Anlage den Handel über den Bodensee stärker unter die Kontrolle des Abtes bringen könnte. 1489 zerstörten Einwohner der Stadt St. Gallen, Appenzeller und Rheintaler die im Bau befindlichen Gebäude. Der sogenannte Rorschacher Klosterbruch führte zu einer militärischen Intervention eidgenössischer Orte. Stadt und Appenzell mussten Entschädigungen leisten, während die Stellung der Fürstabtei gestärkt wurde.

Reformation und konfessionelle Teilung

Im frühen 16. Jahrhundert erreichte die Reformation die Ostschweiz. In der Stadt St. Gallen wurde sie insbesondere durch den Humanisten, Arzt und Bürgermeister Joachim Vadian geprägt. In den 1520er Jahren führte die Stadt eine reformierte Kirchenordnung ein. Klösterliche Bilder, Altäre und traditionelle Gottesdienstformen wurden aus den städtischen Kirchen entfernt.

Die Fürstabtei blieb dagegen katholisch. Während der politischen Erfolge der reformierten eidgenössischen Orte geriet sie zeitweise stark unter Druck. Nach dem Zweiten Kappelerkrieg von 1531 konnte der Abt seine Stellung jedoch weitgehend wiederherstellen. Die unmittelbare Nachbarschaft einer reformierten Stadt und eines katholischen Klosterstaats wurde zu einem besonderen Merkmal St. Gallens. Zwischen Stadt und Kloster entstand eine Trennmauer, die nicht nur eine politische, sondern auch eine konfessionelle Grenze markierte.

Auch in anderen Teilen des heutigen Kantons verlief die Reformation unterschiedlich. Im Toggenburg, im Rheintal, in Werdenberg und im Gebiet um den Zürichsee entstanden reformierte Gemeinden, während andere Orte katholisch blieben. In manchen Regionen lebten beide Konfessionen nebeneinander oder nutzten dieselben Kirchen. Diese konfessionelle Vielfalt prägte später auch die Politik des 1803 gegründeten Kantons.

Fürstäbtischer Staat und Toggenburgerkrieg

Im 17. und 18. Jahrhundert entwickelte sich die Fürstabtei zu einem vergleichsweise geschlossen verwalteten geistlichen Staat. Ihre Herrschaft umfasste die Alte Landschaft, das Toggenburg und weitere Besitzungen. Die Fürstäbte verbanden geistliche Funktionen mit weltlicher Landeshoheit. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts liessen sie die Klosteranlage in ihrer heutigen barocken Form erneuern.

Im Toggenburg stiessen die Zentralisierungsversuche der Fürstäbte auf Widerstand. Neben Fragen der Besteuerung und der politischen Mitwirkung spielten konfessionelle Gegensätze eine wichtige Rolle. Der Streit um den Bau einer Strasse über den Ricken eskalierte zu Beginn des 18. Jahrhunderts.

1712 besetzten Truppen aus Zürich und Bern das Gebiet der Fürstabtei. Der Konflikt war eng mit dem Zweiten Villmergerkrieg verbunden, in dem die reformierten Orte Zürich und Bern die katholischen Orte besiegten. Abt und Konvent mussten ins Exil gehen. 1718 wurde die Fürstabtei wiederhergestellt, ihre politische Stellung blieb jedoch geschwächt.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts versuchten einzelne Fürstäbte, den Staat im Geist des aufgeklärten Absolutismus zu reformieren. Verbesserungen im Schulwesen, in der Verwaltung und in der Wirtschaft konnten die grundsätzlichen Konflikte zwischen Obrigkeit und Untertanen jedoch nicht beseitigen.

Revolution und Helvetische Republik

Die Ideen der Französischen Revolution fanden auch in den Untertanengebieten der Ostschweiz Anhänger. Forderungen nach persönlicher Freiheit, politischer Mitwirkung und der Aufhebung feudaler Lasten wurden immer lauter. 1795 kam es in der Alten Landschaft zu einer Vereinbarung, durch welche Fürstabt Beda Angehrn den Untertanen zusätzliche Rechte gewährte. Sein Nachfolger Pankraz Vorster versuchte jedoch, Teile dieser Zugeständnisse rückgängig zu machen.

Anfang 1798 brach die alte Herrschaftsordnung zusammen. In mehreren Gebieten entstanden kurzlebige Republiken und unabhängige Landschaften. Die Fürstabtei, die Stadtrepublik St. Gallen und die eidgenössischen Landvogteien verloren ihre bisherige Souveränität. Mit der Errichtung der zentralistischen Helvetischen Republik wurden die nördlichen Gebiete einschliesslich der Stadt St. Gallen und beider Appenzell zum Kanton Säntis zusammengefasst. Die südlichen Gebiete gehörten überwiegend zum Kanton Linth.[7]

Die neue Ordnung beseitigte die rechtlichen Unterschiede zwischen herrschenden Orten und Untertanengebieten. Gleichzeitig stiess der zentralistische Staat auf Widerstand. Krieg, Einquartierungen, wirtschaftliche Belastungen und häufige Regierungswechsel führten zu grosser Unsicherheit. Zwischen 1798 und 1803 wurde die Ostschweiz wiederholt von französischen, österreichischen und russischen Truppen berührt oder besetzt.

Gründung des Kantons 1803

Nach dem Scheitern der Helvetischen Republik vermittelte Napoleon Bonaparte zwischen den zerstrittenen politischen Gruppen der Schweiz. Die Mediationsakte von 1803 stellte einen föderalistischen Staatenbund wieder her. Glarus und die beiden Appenzell erhielten ihre frühere Selbständigkeit zurück. Aus den danach verbleibenden Gebieten der Kantone Säntis und Linth wurde der neue Kanton St. Gallen gebildet.

Als wichtiger Organisator der Kantonsgründung gilt Karl Müller-Friedberg. Er setzte sich dafür ein, die unterschiedlichen Regionen in einem neuen Staatswesen zusammenzuführen. Am 19. März 1803 nahm die von Napoleon eingesetzte Regierungskommission ihre Tätigkeit auf. Die erste Kantonsverfassung schuf gemeinsame Behörden und machte die Stadt St. Gallen zum Hauptort.[8]

Zum neuen Kanton gehörten die Stadt St. Gallen, die Alte Landschaft, das Toggenburg, das Rheintal, Sax-Forstegg, Werdenberg, Sargans, Gaster, Uznach und Rapperswil. Diese Gebiete unterschieden sich hinsichtlich ihrer Konfession, ihrer wirtschaftlichen Strukturen und ihrer früheren politischen Rechte erheblich voneinander.

Das Kantonswappen mit einem weissen Rutenbündel und einem Beil auf grünem Grund sollte die Vereinigung der verschiedenen Landesteile darstellen. Das zusammengebundene Rutenbündel symbolisierte die Kraft des neuen Staatsverbands, während das Beil für die gemeinsame Staatsgewalt stand.[1]

Aufhebung der Fürstabtei

Die Zukunft der Fürstabtei blieb nach der Kantonsgründung umstritten. Fürstabt Pankraz Vorster hoffte auf die Wiederherstellung seines geistlichen und weltlichen Herrschaftsgebiets. Die neue Kantonsregierung betrachtete einen eigenständigen Klosterstaat jedoch als unvereinbar mit der territorialen Einheit des Kantons.

1805 beschloss der Grosse Rat die Aufhebung der Fürstabtei. Ihr Vermögen ging teilweise an den Kanton und an kirchliche Institutionen über. Die wertvollen Bestände der Stiftsbibliothek und des Stiftsarchivs blieben weitgehend erhalten.[9]

Die ehemalige Klosterkirche wurde später zur Kathedrale. 1823 entstand zunächst das Doppelbistum Chur–St. Gallen, 1847 wurde das eigenständige Bistum St. Gallen errichtet. Teile der ehemaligen Klostergebäude dienen seither der Kantonsregierung, der Verwaltung und kirchlichen Einrichtungen.

Restauration und Verfassungskämpfe

Nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft erhielt der Kanton 1814 eine neue Verfassung. Sie stärkte die Regierung und schränkte die politischen Mitwirkungsrechte gegenüber der Mediationszeit ein. Karl Müller-Friedberg blieb zunächst die bestimmende politische Persönlichkeit. Seine zentralistische Politik stiess jedoch besonders im Toggenburg, im Sarganserland und in weiteren ländlichen Regionen auf Widerstand.

Im Zuge der europäischen und schweizerischen liberalen Bewegung von 1830 fanden im Kanton grosse Volksversammlungen statt. Die Beteiligten verlangten eine stärkere Volkssouveränität, eine gerechtere Vertretung der Regionen, Pressefreiheit und eine Revision der Verfassung. 1831 trat eine liberale Verfassung in Kraft. Sie erweiterte die politischen Rechte und förderte die Trennung der politischen Gemeinden von den Ortsbürgergemeinden.[8]

Die Politik blieb von konfessionellen Auseinandersetzungen geprägt. Liberale Kräfte strebten eine stärkere staatliche Kontrolle über Kirche und Schule an, während katholisch-konservative Gruppen die kirchliche Selbständigkeit verteidigten. Gleichzeitig bestanden innerhalb beider Konfessionen regionale und soziale Unterschiede.

In den 1840er Jahren wurde St. Gallen zu einem entscheidenden Kanton im Konflikt um den Sonderbund. Nach einem liberalen Wahlerfolg im Bezirk Gaster stellte sich der Kanton 1847 nicht auf die Seite des katholisch-konservativen Bündnisses. Damit stärkte er die Mehrheit der Tagsatzung, die den Sonderbund für unvereinbar mit dem Bundesvertrag erklärte. St. Gallische Truppen nahmen anschliessend auf eidgenössischer Seite am kurzen Sonderbundskrieg teil.

Die Bundesverfassung von 1848 machte St. Gallen zu einem Gliedstaat des neuen Schweizer Bundesstaats. Innerkantonal dauerten die Konflikte zwischen Liberalen und Konservativen an. Die Verfassung von 1861 entstand nach heftigen politischen Auseinandersetzungen und schuf einen neuen Ausgleich zwischen den beiden grossen politischen Lagern. Eine weitere Totalrevision von 1890 stärkte die direktdemokratischen Einrichtungen und bildete während mehr als eines Jahrhunderts die Grundlage der kantonalen Ordnung.[8]

Industrialisierung und Textilwirtschaft

Die wirtschaftliche Entwicklung des 19. Jahrhunderts verlief regional unterschiedlich. In der Stadt St. Gallen und ihrem Umland knüpfte die Industrialisierung an die ältere Leinwand- und Baumwollwirtschaft an. Die Handstickerei wurde zunehmend durch Maschinenstickerei ergänzt. Fabriken, Sticklokale und Heimarbeitsbetriebe entstanden auch im Fürstenland, im Rheintal, im Toggenburg und in der Region Werdenberg.

Die St. Galler Stickerei entwickelte sich zu einem international erfolgreichen Exportprodukt. Kaufleute und Handelshäuser unterhielten Niederlassungen in europäischen und überseeischen Städten. Die wirtschaftliche Blüte beeinflusste Architektur, Bildung und Kultur. Repräsentative Geschäftshäuser, Villen, Bahnhöfe und öffentliche Gebäude entstanden in der Stadt St. Gallen sowie in zahlreichen Industriestandorten.

Der Ausbau der Eisenbahn ab der Mitte des 19. Jahrhunderts verbesserte die Verbindungen zwischen Rorschach, St. Gallen, Wil, Winterthur, dem Rheintal, dem Toggenburg und dem Zürichseegebiet. Der Kanton wurde enger in den schweizerischen und europäischen Wirtschaftsraum eingebunden.

Neben der Textilwirtschaft entwickelten sich Maschinenbau, Metallverarbeitung, Lebensmittelproduktion und chemische Betriebe. Unternehmen wie die spätere Bühler AG in Uzwil wurden überregional bedeutend. In ländlichen und alpinen Gebieten blieben Viehwirtschaft, Milchwirtschaft, Alpwirtschaft und Forstwirtschaft wichtige Erwerbszweige.

Die Industrialisierung brachte jedoch auch soziale Probleme mit sich. Lange Arbeitszeiten, niedrige Einkommen und die Abhängigkeit vieler Familien von Heimarbeit führten zur Entstehung von Arbeitervereinen, Gewerkschaften, Genossenschaften und sozialpolitischen Bewegungen. Die politischen Gegensätze wurden zunehmend nicht mehr nur durch die Konfession, sondern auch durch soziale Interessen bestimmt.

Gewässerkorrektionen und Verkehrsausbau

Überschwemmungen stellten im Rheintal, in der Linthebene und entlang weiterer Flüsse über Jahrhunderte eine grosse Gefahr dar. Die Linthkorrektion zu Beginn des 19. Jahrhunderts verbesserte die Entwässerung des Gebiets zwischen Walensee und Zürichsee. Im Alpenrheintal wurden Dämme errichtet und der Flusslauf durch die internationale Rheinregulierung verändert.

Die Gewässerkorrektionen ermöglichten die intensivere landwirtschaftliche Nutzung früherer Sumpf- und Überschwemmungsgebiete. Gleichzeitig veränderten sie die Landschaft tiefgreifend. Strassen-, Eisenbahn- und später Autobahnprojekte verstärkten die wirtschaftliche Verbindung der zuvor teilweise voneinander getrennten Kantonsregionen.

Erster Weltkrieg und Stickereikrise

Der Erste Weltkrieg beendete die lange Hochkonjunktur der Stickereiindustrie. Internationale Absatzmärkte brachen zusammen, Rohstoffe wurden knapp und modische Veränderungen verminderten die Nachfrage. Die Krise setzte sich nach Kriegsende fort und verschärfte sich während der Weltwirtschaftskrise.

Um 1910 beschäftigte die Stickerei im Kanton und der angrenzenden Region rund 45'000 Personen. Dreissig Jahre später bestanden nur noch etwas mehr als 3'300 dieser Arbeitsplätze.[10] Zahlreiche Familien verloren ihre Existenzgrundlage. Die Stadt St. Gallen und mehrere Industriegemeinden verzeichneten zeitweise einen deutlichen Bevölkerungsrückgang.

1918 wurden die Stadt St. Gallen sowie die bisherigen Gemeinden Tablat und Straubenzell zur neuen Stadtgemeinde St. Gallen vereinigt. Die sogenannte Stadtverschmelzung entsprach der wirtschaftlichen und baulichen Entwicklung, durch welche die Siedlungsgebiete bereits weitgehend zusammengewachsen waren.

Die Zwischenkriegszeit war von wirtschaftlicher Anpassung und politischen Spannungen geprägt. Unternehmen versuchten, neue Produkte und Absatzmärkte zu erschliessen. Maschinenbau, Metallindustrie, Bekleidungsproduktion und Dienstleistungen gewannen gegenüber der Stickerei an Bedeutung.

Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit

Während des Zweiten Weltkriegs war St. Gallen als Grenzkanton von besonderer strategischer Bedeutung. Das Rheintal grenzte an das nationalsozialistische Deutsche Reich beziehungsweise an das angeschlossene Österreich. Grenztruppen, Befestigungen und militärische Einrichtungen prägten Teile des Kantons. Gleichzeitig erreichten Flüchtlinge die Ostschweizer Grenze. Ihre Aufnahme oder Zurückweisung wurde zu einem schwierigen Kapitel der kantonalen und schweizerischen Geschichte.

Nach 1945 setzte ein starkes Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum ein. Die Industrie wurde weiter diversifiziert, während der Dienstleistungssektor an Bedeutung gewann. Neue Wohnquartiere, Schulen, Spitäler und Verkehrsanlagen entstanden. Der Bau der Autobahnen A1, A3 und A13 verbesserte die Erreichbarkeit der verschiedenen Regionen.

Die Landwirtschaft wurde mechanisiert und beschäftigte immer weniger Menschen. Gleichzeitig wuchsen die Agglomerationen St. Gallen, Wil und Rapperswil-Jona. Im Rheintal und in der Region Werdenberg entstanden neue Industrie- und Gewerbezonen. Die Verbesserung der Verkehrsanbindungen verstärkte zudem die grenzüberschreitenden Beziehungen zu Liechtenstein, Vorarlberg und Süddeutschland.

Die 1898 gegründete Handelsakademie entwickelte sich über mehrere Stufen zur heutigen Universität St. Gallen. Sie wurde zu einer international bekannten Hochschule für Wirtschafts-, Rechts-, Sozial- und Staatswissenschaften.

Ausbau der politischen Rechte

Die politische Landschaft wurde im 20. Jahrhundert vielfältiger. Neben den traditionellen liberalen und katholisch-konservativen Kräften etablierten sich Sozialdemokraten, Bauernparteien und später weitere politische Gruppierungen.

Auf eidgenössischer Ebene wurde das Frauenstimm- und -wahlrecht 1971 eingeführt. Die männlichen Stimmberechtigten des Kantons St. Gallen hatten die eidgenössische Vorlage mehrheitlich abgelehnt. Am 23. Januar 1972 erhielten die Frauen jedoch auch auf kantonaler und kommunaler Ebene das vollständige Stimm- und Wahlrecht.[11]

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahm die Bedeutung von Volksabstimmungen, Initiativen und Referenden weiter zu. Politische Entscheidungen wurden zunehmend durch wechselnde Mehrheiten bestimmt, während die frühere feste Bindung vieler Wählerinnen und Wähler an konfessionelle Milieus abnahm.

Neue Kantonsverfassung und Gebietsreformen

Die Verfassung von 1890 blieb in ihren Grundzügen bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts in Kraft. Nach einer umfassenden Revision nahmen die Stimmberechtigten am 10. Juni 2001 eine neue Kantonsverfassung an. Sie trat am 1. Januar 2003 in Kraft.[12]

Eine wesentliche organisatorische Neuerung war die Abschaffung der 14 historischen Bezirke. An ihre Stelle traten acht Wahlkreise: St. Gallen, Rorschach, Rheintal, Werdenberg, Sarganserland, See-Gaster, Toggenburg und Wil. Die Wahlkreise dienen vor allem der Wahl des Kantonsrates und besitzen keine mit den früheren Bezirken vergleichbare allgemeine Verwaltung.[8]

Seit Beginn des 21. Jahrhunderts kam es zudem zu mehreren Gemeindevereinigungen. Kleinere Gemeinden schlossen sich zusammen, um Verwaltung, Schulen, Infrastruktur und öffentliche Dienstleistungen gemeinsam zu organisieren. Bedeutende Fusionen führten unter anderem zur heutigen Stadt Rapperswil-Jona sowie zu grösseren Gemeinden im Toggenburg, im Sarganserland und in der Region See-Gaster.

Historische Vielfalt und kantonale Identität

Die relativ späte Gründung des Kantons erklärt, weshalb regionale Identitäten bis heute eine grosse Bedeutung besitzen. Einwohnerinnen und Einwohner verstehen sich häufig gleichzeitig als St. Gallerinnen und St. Galler sowie als Toggenburger, Rheintaler, Sarganserländer, Werdenberger oder Angehörige der Regionen See-Gaster, Wil, Rorschach und der Stadt St. Gallen.

Auch die konfessionelle Geschichte wirkt nach. Der Kanton besitzt sowohl katholisch geprägte als auch traditionell reformierte Gebiete. Die frühere Trennung zwischen der reformierten Stadt und dem katholischen Klosterstaat ist im Zentrum der Hauptstadt räumlich noch immer erkennbar.

Die Vereinigung sehr verschiedener Landschaften erwies sich langfristig nicht nur als Herausforderung, sondern auch als prägendes Merkmal des Kantons. Seine Geschichte verbindet die klösterliche Gelehrsamkeit des frühen Mittelalters, die städtische Handels- und Textiltradition, die bäuerlichen und alpinen Kulturen des Toggenburgs und Sarganserlands sowie die grenzüberschreitende Wirtschaft des Rheintals.

Siehe auch

Literatur

  • Silvio Bucher (Hrsg.): Sankt-Galler Geschichte 2003. 9 Bände, Amt für Kultur des Kantons St. Gallen, St. Gallen 2003.
  • Johannes Dierauer: Politische Geschichte des Kantons St. Gallen 1803–1903. St. Gallen 1904.
  • Max Baumann u. a.: Geschichte des Kantons St. Gallen. St. Gallen 1983.
  • Ernst Ehrenzeller: Geschichte der Stadt St. Gallen. VGS Verlagsgemeinschaft, St. Gallen 1988.
  • Werner Vogler: Die Abtei St. Gallen. Abriss der Geschichte, St. Gallen 1986.

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Kennen Sie den Ursprung des St.Galler Kantonswappens?, Staatsarchiv des Kantons St. Gallen.
  2. Archäologische Fundstellen, Kantonsarchäologie St. Gallen.
  3. Der römische Vicus von Kempraten, Kantonsarchäologie St. Gallen.
  4. Kloster St.Gallen, Stiftsbezirk St. Gallen.
  5. Abbey of St Gall, UNESCO World Heritage Centre.
  6. Ulrich Rösch, in: Historisches Lexikon der Schweiz.
  7. St. Gallen (Kanton), in: Historisches Lexikon der Schweiz.
  8. 8,0 8,1 8,2 8,3 Geschichte und Wappen, Kanton St. Gallen.
  9. Geschichte der Stiftsbibliothek, Stiftsbezirk St. Gallen.
  10. St. Gallen (Kanton), Abschnitt Wirtschaft, in: Historisches Lexikon der Schweiz.
  11. Geschlechterverteilung im Kantonsrat, Kanton St. Gallen.
  12. Verfassung des Kantons St.Gallen vom 10. Juni 2001, Gesetzessammlung des Kantons St. Gallen.