Geschichte der Stadt St. Gallen
| Geschichte der Stadt St. Gallen | |
|---|---|
| Ursprung | Einsiedlerzelle des heiligen Gallus |
| Überliefertes Gründungsjahr | 612 |
| Klostergründung | 719 durch Otmar von St. Gallen |
| Entwicklung zur Stadt | hauptsächlich 10. bis 13. Jahrhundert |
| Reichsstädtische Privilegien | 1401 und 1415 |
| Bündnis mit der Eidgenossenschaft | 1454 |
| Vollständige Trennung von der Abtei | 1566 |
| Einführung der Reformation | ab 1524 |
| Ende der Stadtrepublik | 1798 |
| Kantonshauptstadt | seit 1803 |
| Stadtvereinigung | 1918 mit Tablat und Straubenzell |
| UNESCO-Welterbe | Stiftsbezirk seit 1983 |
Die Geschichte der Stadt St. Gallen reicht von einer frühmittelalterlichen Einsiedlerzelle im Tal der Steinach bis zur heutigen Kantons-, Bildungs- und Wirtschaftsstadt. Ihr Ursprung ist eng mit dem heiligen Gallus, dem Kloster St. Gallen und dessen europaweit bedeutender Bildungs- und Schriftkultur verbunden. Neben dem Kloster entwickelte sich seit dem Mittelalter eine Siedlung von Handwerkern, Kaufleuten und Dienstleuten, aus der eine politisch selbstständige Stadt hervorging.
Während Jahrhunderten bestanden innerhalb eines eng begrenzten Raums zwei unterschiedliche Gemeinwesen nebeneinander: die katholische Fürstabtei und die seit der Reformation mehrheitlich reformierte Reichsstadt. Beide waren wirtschaftlich, räumlich und gesellschaftlich eng miteinander verflochten, standen jedoch häufig in politischen Konflikten. Erst der Untergang der Alten Eidgenossenschaft 1798 beendete diese besondere Doppelstruktur.
Die Stadt verdankte ihren wirtschaftlichen Aufstieg vor allem dem Textilgewerbe. Vom mittelalterlichen Leinwandhandel über die Baumwollverarbeitung bis zur international erfolgreichen Stickereiindustrie blieb die Textilwirtschaft während mehrerer Jahrhunderte der wichtigste Motor der Stadtentwicklung. Nach der schweren Stickereikrise im 20. Jahrhundert wandelte sich St. Gallen zu einem regionalen Zentrum für Bildung, Verwaltung, Handel, Versicherungen, Gesundheitswesen und Dienstleistungen.[1]
Name und geografische Voraussetzungen
Der Name St. Gallen geht auf den Mönch Gallus zurück. Um das Jahr 700 ist die Bezeichnung sancti Galluni belegt, ab 1212 erscheint sancti Galli. Die Form stat sant Gallen ist aus dem Jahr 1347 überliefert.[1]
Die Stadt liegt in einem Hochtal zwischen dem Rosenberg im Norden und den Höhenzügen von Freudenberg und Bernegg im Süden. Durch das Tal fliesst die Steinach, die heute im innerstädtischen Gebiet grösstenteils unterirdisch geführt wird. Die Lage war für eine mittelalterliche Stadt nicht besonders günstig: Das Gelände war eng, feucht und vergleichsweise hoch gelegen. Grössere schiffbare Flüsse oder bedeutende natürliche Verkehrsachsen fehlten.
Dennoch entwickelte sich der Ort dank des Klosters, des Handwerks und des Fernhandels zu einem wichtigen Zentrum der Bodenseeregion. Wege verbanden St. Gallen mit dem Bodensee, dem Rheintal, dem Appenzellerland, dem Toggenburg und dem schweizerischen Mittelland.
Das mittelalterliche Stadtgebiet war sehr klein und weitgehend von den Gebieten der Fürstabtei umgeben. Seine räumliche Begrenzung beeinflusste die politische und wirtschaftliche Entwicklung bis ins 20. Jahrhundert. Erst durch die Vereinigung mit Tablat und Straubenzell im Jahr 1918 erhielt die Stadt ihre heutige territoriale Ausdehnung.[2]
Gallus und die Anfänge der Siedlung
Die Überlieferung von Gallus
Der Tradition zufolge gelangte Gallus um das Jahr 612 gemeinsam mit dem Wandermönch Kolumban in die Bodenseeregion. Gallus gehörte zu einer Gruppe von Missionaren, die vom Kloster Luxeuil aus durch das Gebiet des heutigen Frankreichs, Deutschlands und der Schweiz zogen.
Nach einem Streit oder einer Erkrankung trennte sich Gallus von Kolumban. Er liess sich im Tal der Steinach nieder und errichtete dort eine einfache Zelle. Die bekannte Legende erzählt, Gallus habe einem Bären befohlen, Holz für sein Feuer herbeizutragen. Als Belohnung habe das Tier Brot erhalten und das Tal anschliessend verlassen müssen. Der Bär wurde später Bestandteil des Stadt- und Kantonswappens.
Die Einzelheiten dieser Geschichte lassen sich historisch nicht vollständig überprüfen. Als wahrscheinlich gilt jedoch, dass Gallus im frühen 7. Jahrhundert als Einsiedler und Missionar in der Region wirkte. Nach seinem Tod, der traditionell um 640 oder 650 angesetzt wird, wurde sein Grab zu einem religiösen Anziehungspunkt.[3]
Gründung des Klosters
Im Jahr 719 übernahm Otmar die Leitung der Gemeinschaft am Grab des Gallus. Er ordnete das religiöse Leben und entwickelte die lose Gemeinschaft zu einem Kloster. Otmar gilt deshalb als erster Abt und eigentlicher Gründer des Klosters St. Gallen.
Seit 747 richtete sich das Kloster nach der Benediktinerregel. Im Jahr 818 erhielt es die Reichsunmittelbarkeit und wurde damit von der unmittelbaren Abhängigkeit vom Bistum Konstanz gelöst. Die Abtei entwickelte umfangreiche Besitzungen im heutigen Gebiet der Ostschweiz, in Süddeutschland und darüber hinaus.
Neben den Mönchen lebten bald Handwerker, Knechte, Bauern, Händler und weitere Personen in der Umgebung des Klosters. Sie versorgten die Gemeinschaft mit Lebensmitteln und Waren oder arbeiteten an den zahlreichen Bau- und Wirtschaftsbetrieben. Aus dieser Ansiedlung entstand schrittweise das spätere städtische Gemeinwesen.[4]
Das Kloster als europäisches Kulturzentrum
Blütezeit im 9. und 10. Jahrhundert
Vom frühen 9. bis ins 10. Jahrhundert gehörte das Kloster St. Gallen zu den bedeutendsten Bildungszentren Europas. Die Klosterschule bildete Geistliche und Angehörige adeliger Familien aus. Mönche kopierten, kommentierten und verfassten religiöse, literarische, wissenschaftliche und musikalische Texte.
Die klösterliche Schreibstube stellte aufwendig gestaltete Handschriften her. Zahlreiche Werke aus der Antike und dem frühen Mittelalter blieben nur erhalten, weil sie in St. Gallen abgeschrieben und aufbewahrt wurden. Die heutige Stiftsbibliothek St. Gallen besitzt einen aussergewöhnlich umfangreichen Bestand frühmittelalterlicher Handschriften.
Zu den bekannten Gelehrten und Künstlern des Klosters gehörten Notker Balbulus, Ratpert, Tuotilo, Ekkehart I. und später Ekkehart IV. Das Kloster war zugleich ein Zentrum der Kirchenmusik, Dichtung, Geschichtsschreibung und Buchkunst.
Ein besonders bedeutendes Dokument ist der im frühen 9. Jahrhundert entstandene St. Galler Klosterplan. Er zeigt eine idealtypische karolingische Klosteranlage mit Kirche, Wohnräumen, Schule, Hospital, Werkstätten, Ställen und Gärten. Der Plan gilt als älteste erhaltene Architekturzeichnung des europäischen Mittelalters.[5]
Ungarneinfall von 926
Im Frühjahr 926 drangen ungarische Reiterheere in die Bodenseeregion vor. Abt Engilbert liess die Schüler, ältere Menschen, Kranke, Handschriften und wertvolle Kirchenschätze in Sicherheit bringen. Ein Teil der Bücher wurde auf die Insel Reichenau gebracht.
Die Inklusin Wiborada soll den Angriff vorausgesehen und die Klostergemeinschaft gewarnt haben. Sie selbst blieb in ihrer Zelle bei der Kirche St. Mangen und wurde am 1. Mai 926 von den Angreifern getötet. Wiborada wurde 1047 heiliggesprochen und gilt als erste Frau, deren Heiligsprechung durch einen Papst offiziell vollzogen wurde.
Das Kloster überstand den Angriff ohne vollständige Zerstörung, doch das Ereignis zeigte die militärische Verletzlichkeit der offenen Siedlung.[6]
Stadtmauer und frühe Stadtbildung
Nach weiteren Bedrohungen liess Abt Anno um die Mitte des 10. Jahrhunderts eine Befestigung um Kloster und Siedlung errichten. Unter Abt Notker wurde die ummauerte Anlage um 971 vollendet. Die Befestigung mit Mauern, Toren und Türmen markierte einen wichtigen Schritt von der offenen Klostersiedlung zur mittelalterlichen Stadt.
Innerhalb der Mauern lagen sowohl die Abtei als auch die Wohn- und Arbeitsbereiche der weltlichen Bevölkerung. Die Bewohner blieben zunächst Untertanen des Abtes. Dieser setzte Amtsträger ein, übte die Gerichtsbarkeit aus und kontrollierte Märkte, Abgaben und Gewerbe.
Mehrere Brände trafen die Siedlung und das Kloster. Im Jahr 937 entstanden schwere Schäden, und 1314 wurden erneut grosse Teile der Stadt und der Abtei zerstört. Der Wiederaufbau veränderte wiederholt das Stadtbild.[3]
Entwicklung des städtischen Gemeinwesens
Handwerker, Kaufleute und Bürger
Mit dem Wachstum der Siedlung bildete sich eine eigenständige Bürgerschaft. Handwerker und Kaufleute organisierten sich zunehmend in berufsständischen Gemeinschaften. Wohlhabende Familien übernahmen Verwaltungsaufgaben und vertraten die Interessen der Einwohner gegenüber dem Abt.
Ein Markt ist spätestens für das Hochmittelalter nachweisbar. Der Handel mit Lebensmitteln, Vieh, handwerklichen Erzeugnissen und Textilien gewann an Bedeutung. Die Einwohner bezeichneten sich zunehmend als Bürger der Stadt und entwickelten ein eigenes Rechtsbewusstsein.
Im Laufe des 13. Jahrhunderts entstanden ein städtischer Rat, kommunale Ämter und eine eigene Verwaltung. Die Bürger erhielten das Recht, bestimmte Amtsträger selbst zu wählen. Der Abt blieb jedoch Stadtherr und versuchte, seine politischen und wirtschaftlichen Rechte zu bewahren.
Zünfte und politische Ordnung
Die Handwerker schlossen sich in Zünften zusammen. Sie regelten Ausbildung, Arbeitsbedingungen, Qualität, Preise und den Zugang zu den einzelnen Berufen. Zugleich wurden die Zünfte zu politischen Organisationen.
Seit dem Spätmittelalter beruhte die städtische Ordnung auf einer Verbindung von Zünften und Kaufmannschaft. Die Kaufleute waren in der Gesellschaft zum Notenstein organisiert, während die Handwerker verschiedenen Zünften angehörten. Die politische Macht lag beim Kleinen und beim Grossen Rat.
An der Spitze der Stadt standen mehrere jährlich wechselnde Amtsträger. Der Amtsbürgermeister, der Altbürgermeister und der Reichsvogt bildeten gemeinsam die sogenannten Häupter. Diese komplizierte Ämterrotation sollte verhindern, dass eine einzelne Person dauerhaft die Macht übernahm.[1]
Konflikte mit der Fürstabtei
Streben nach Selbstständigkeit
Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg wuchs der Wunsch der Bürger, sich von der Herrschaft des Abtes zu lösen. Die Stadt wollte eigene Gerichte, eine selbstständige Aussenpolitik und die freie Verfügung über ihre Einnahmen.
Der Abt betrachtete die Bürger dagegen weiterhin als Angehörige seines Herrschaftsgebiets. Besonders umstritten waren die Wahl der Behörden, die hohe Gerichtsbarkeit, Steuern, Zölle, Befestigungen und die Kontrolle über das städtische Territorium.
Die Auseinandersetzungen verliefen nicht nur zwischen Stadt und Kloster. Auch innerhalb der Bürgerschaft bestanden Konflikte zwischen reichen Kaufleuten, Handwerkern und ärmeren Einwohnern. Zeitweise kam es zu Zunftunruhen und politischen Machtverschiebungen.
Appenzellerkriege
Zu Beginn des 15. Jahrhunderts erhoben sich die Appenzeller und weitere Untertanen gegen die Herrschaft des Fürstabts. Die Stadt St. Gallen verbündete sich 1401 mit Appenzell und wurde zu einem wichtigen Zentrum des gegen die Abtei gerichteten Bundes.
In den Appenzellerkriegen besiegten die Aufständischen 1403 bei Vögelinsegg und 1405 am Stoss die Truppen des Abtes und seiner Verbündeten. Der Bund weitete sich zeitweise über grosse Teile der Ostschweiz aus.
Die eidgenössischen Orte schränkten den Machtzuwachs der Appenzeller jedoch ein. Die Stadt St. Gallen konnte ihre Stellung gegenüber dem Abt trotzdem verbessern. Königliche Privilegien von 1401 und 1415 bestätigten unter anderem die hohe Gerichtsbarkeit, das Münzrecht und weitere reichsstädtische Rechte.[1]
Stadtbrand von 1418
Am 20. April 1418 zerstörte ein Grossbrand fast die gesamte Stadt. Weniger als zwanzig Häuser sollen das Feuer überstanden haben. Auch Teile des Klosterbezirks wurden beschädigt.
Der Wiederaufbau erfolgte innerhalb und teilweise ausserhalb der älteren Befestigungen. Die Katastrophe erklärt, weshalb nur wenige weltliche Bauten aus der Zeit vor 1418 erhalten geblieben sind. Das spätere Stadtbild mit engen Gassen, dicht stehenden Bürgerhäusern und zahlreichen Erkern entstand hauptsächlich nach dem Brand.[7]
Annäherung an die Eidgenossenschaft
Die Stadt schloss 1412 ein Bündnis mit mehreren eidgenössischen Orten. 1454 wurde sie durch ein ewiges Bündnis mit Zürich, Bern, Luzern, Schwyz, Zug und Glarus zu einem Zugewandten Ort der Alten Eidgenossenschaft.
Die Stadt war damit eng an die Eidgenossenschaft gebunden, ohne als vollberechtigter Ort aufgenommen zu werden. Sie beteiligte sich an Kriegszügen und an eidgenössischen Beratungen, verfügte aber nicht über dieselben Rechte wie die dreizehn vollwertigen Orte.
Auch die Fürstabtei hatte 1451 ein Bündnis mit Zürich, Luzern, Schwyz und Glarus geschlossen. Innerhalb derselben Mauern bestanden somit zwei getrennte Zugewandte Orte: die Stadt und das Kloster.
Im Jahr 1457 löste sich die Stadt gegen eine hohe Geldzahlung von einem grossen Teil der verbliebenen Herrschaftsrechte des Abtes. Die politische und rechtliche Trennung war damit weitgehend erreicht, blieb räumlich und in einzelnen Rechtsfragen jedoch unvollständig.
Leinwandstadt und Fernhandel
Entstehung des Leinwandgewerbes
Seit dem Hochmittelalter entwickelte sich in der Bodenseeregion ein bedeutendes Leinwandgewerbe. Flachs wurde auf dem Land angebaut, versponnen und in Heimarbeit zu Tuch verwoben. Städtische Betriebe übernahmen Bleichen, Färben, Mangen, Qualitätskontrolle und Handel.
Nach 1450 löste St. Gallen das von inneren Konflikten geschwächte Konstanz als führendes Zentrum der Leinwandproduktion südlich des Bodensees ab. Die hohe Qualität der St. Galler Leinwand beruhte auf einer strengen städtischen Kontrolle, der sogenannten Leinwandschau.
Nur geprüfte Ware durfte mit dem städtischen Qualitätszeichen versehen und exportiert werden. Fehlerhafte oder minderwertige Stoffe wurden zurückgewiesen. Der gute Ruf der Erzeugnisse ermöglichte höhere Preise und stärkte die Stellung der städtischen Kaufleute.[1]
Europäische Handelsnetze
St. Galler Handelsgesellschaften unterhielten Niederlassungen und Geschäftskontakte in zahlreichen europäischen Städten. Ihre Netze reichten von Süddeutschland und Polen bis nach Frankreich, Spanien und Italien.
Bedeutende Messeplätze waren Nürnberg, Frankfurt, Lyon und weitere Handelszentren. Kaufleute transportierten Leinwand, Baumwollwaren und andere Güter über grosse Entfernungen. Im Gegenzug führten sie Farbstoffe, Gewürze, Metalle, Baumwolle und Luxuswaren ein.
Die Handelshäuser entwickelten eigene Post- und Nachrichtendienste. Einige Familien gingen später zum Bank-, Kredit- und Speditionsgeschäft über. Der internationale Handel prägte die städtische Oberschicht, ihre Architektur und ihren Lebensstil.
Zahlreiche reich verzierte Erker an den Häusern der Altstadt dienten nicht nur der Erweiterung des Wohnraums, sondern auch der Repräsentation wohlhabender Kaufmannsfamilien.
Reformation
Joachim Vadian
Die Reformation in St. Gallen ist besonders mit Joachim Vadian verbunden. Der als Joachim von Watt geborene Humanist studierte und lehrte in Wien, wo er zeitweise Rektor der Universität war. Nach seiner Rückkehr nach St. Gallen wirkte er als Arzt, Gelehrter, Ratsherr und Bürgermeister.
Vadian stand mit Huldrych Zwingli und anderen Reformatoren in Verbindung. Er unterstützte die Forderung, kirchliche Lehren ausschliesslich an der Bibel auszurichten, und wurde zur führenden politischen Persönlichkeit der städtischen Reformation.
Im Jahr 1524 führte die Stadt das sogenannte Schriftprinzip ein. Predigten und kirchliche Entscheidungen sollten sich auf die Bibel stützen. 1527 fand in der Stadtkirche St. Laurenzen die erste reformierte Abendmahlsfeier statt.[8]
Bildersturm und Konflikt mit dem Kloster
Die Mehrheit der Stadtbürger nahm den reformierten Glauben an. Gottesdienst, Schulwesen, Armenfürsorge und kirchliche Verwaltung wurden neu organisiert. Klösterliche und kirchliche Bilder, Altäre und Reliquien galten vielen Reformierten als unvereinbar mit dem neuen Glaubensverständnis.
Im Jahr 1529 kam es im Münster des Klosters zu einem Bildersturm. Altäre und Kunstwerke wurden entfernt oder zerstört. Der Abt und die Mönche verliessen vorübergehend die Stadt.
Nach dem Sieg der katholischen Orte im Zweiten Kappelerkrieg von 1531 kehrte der Abt zurück. Das Kloster blieb katholisch, während die Stadt reformiert blieb. Damit entstand innerhalb derselben Befestigung ein besonders ausgeprägter konfessioneller Gegensatz.
Vadian vermachte der Stadt seine Bücher. Diese Sammlung wurde zur Grundlage der späteren Vadianischen Bibliothek und gehört heute zur Kantonsbibliothek Vadiana.
Wiler Vertrag und Schiedmauer
Die verbliebenen Streitfragen zwischen Stadt und Abtei wurden 1566 im Wiler Vertrag geregelt. Beide Seiten lösten gegenseitige Rechte und Verpflichtungen durch Geldzahlungen ab.
Eine sogenannte Schiedmauer trennte fortan den katholischen Klosterbezirk vom reformierten Stadtgebiet. Der Durchgang zwischen beiden Bereichen wurde durch zwei Türen gesichert. Einen Schlüssel verwahrte die Stadt, den anderen der Abt.
Der Fürstabt erhielt mit dem später so genannten Karlstor einen eigenen Zugang durch die Stadtbefestigung. Dadurch konnte er sein ausserhalb der Stadt gelegenes Herrschaftsgebiet erreichen, ohne reformiertes Stadtgebiet durchqueren zu müssen. Das Karlstor ist das einzige erhaltene Tor der historischen Stadtbefestigung.
Seit 1566 bestanden die Stadt und die Fürstabtei rechtlich als vollständig getrennte Gemeinwesen nebeneinander. Die Schiedmauer wurde zum sichtbaren Symbol der politischen und konfessionellen Teilung.[1]
Stadtrepublik der frühen Neuzeit
Politische Verhältnisse
Die Stadt St. Gallen bildete bis 1798 eine kleine, weitgehend souveräne Stadtrepublik. Ihr Territorium umfasste im Wesentlichen die ummauerte Stadt und wenige unmittelbar angrenzende Gebiete. Das umliegende Land gehörte überwiegend zur Fürstabtei.
Die politischen Rechte waren an das Bürgerrecht gebunden. Zugezogene Einwohner ohne Bürgerrecht konnten wirtschaftlich wichtig sein, blieben aber von vielen politischen Ämtern ausgeschlossen.
Obwohl Zünfte und Räte eine verhältnismässig breite Beteiligung männlicher Bürger ermöglichten, lag die tatsächliche Macht bei einer begrenzten Gruppe wohlhabender Kaufmanns- und Handwerkerfamilien. Frauen, Dienstboten, Arme und Hintersassen besassen keine politischen Rechte.
Die städtischen Behörden regelten Wirtschaft, Religion, Schule, Armenwesen, öffentliche Moral, Bauordnung und Verteidigung. Vorschriften bestimmten Kleidung, Hochzeiten, Gastwirtschaft, Arbeitszeiten und religiöses Verhalten.
Konfessionelle Nachbarschaft
Der Alltag war trotz der politischen Trennung von zahlreichen Kontakten zwischen Stadt und Abtei geprägt. Die Stadt benötigte Zugänge zu Strassen, Wasserleitungen und Märkten im äbtischen Gebiet. Die Fürstabtei war auf städtische Handwerker, Händler und Finanzdienstleistungen angewiesen.
Die konfessionellen Gegensätze führten dennoch immer wieder zu Spannungen. Prozessionen, Glockengeläut, Bauvorhaben, Durchgangsrechte und die Nutzung gemeinsamer Einrichtungen konnten politische Konflikte auslösen.
Während die Stadt zu einem reformierten Handelszentrum wurde, blieb das Umland unter der Herrschaft des Fürstabts überwiegend katholisch. Diese konfessionelle Grenzlage prägte die Region bis weit ins 19. Jahrhundert.
Baumwolle und frühe Industrialisierung
Übergang von Leinwand zu Baumwolle
Im frühen 18. Jahrhundert geriet das traditionelle Leinwandgewerbe unter wirtschaftlichen Druck. Neue Moden, Konkurrenz und veränderte Handelsbeziehungen schwächten die Nachfrage.
Der Kaufmann Peter Bion führte 1721 die Herstellung von Barchent ein, einem Mischgewebe aus Baumwolle und Leinen. Bald wurden auch reine Baumwollstoffe produziert. Die Verarbeitung unterlag zunächst nicht denselben städtischen Zunftvorschriften wie die Leinwandherstellung und konnte sich deshalb flexibel entwickeln.
St. Galler Unternehmer organisierten die Produktion im Verlagssystem. Sie lieferten Garn an Heimarbeiterfamilien in der Ostschweiz, im Appenzellerland, im Thurgau, im Vorarlberg und in weiteren Gebieten. Die fertigen Stoffe wurden in der Stadt kontrolliert, veredelt und gehandelt.
Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts gewann das Besticken von Baumwollstoffen an Bedeutung. Daraus entwickelte sich später die für St. Gallen charakteristische Stickereiindustrie.[1]
Soziale Folgen
Die Textilwirtschaft verband Stadt und Land in einem grossen Produktionsraum. Zehntausende Menschen arbeiteten zu Hause als Spinner, Weber oder Sticker. Ihre Einkommen waren von Aufträgen, Preisen und internationalen Absatzmärkten abhängig.
Die städtischen Kaufleute kontrollierten Finanzierung, Rohstoffbeschaffung, Gestaltung, Qualitätsprüfung und Export. Dadurch konzentrierte sich ein beträchtlicher Teil des Wohlstands in St. Gallen.
Gleichzeitig war die Heimarbeit mit Unsicherheit, langen Arbeitszeiten und Kinderarbeit verbunden. Wirtschaftskrisen trafen die ländlichen Produzenten besonders hart, weil sie kaum über Rücklagen verfügten.
Toggenburgerkrieg und barocker Klosterneubau
Im Toggenburgerkrieg von 1712 besetzten Truppen aus Zürich und Bern das Gebiet der Fürstabtei. Der Abt und die Mönche flohen. Teile des Klosterschatzes und der Bibliothek wurden weggebracht. Erst nach dem Frieden von Baden konnten die Mönche zurückkehren.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts liess die Abtei ihre Anlage weitgehend neu errichten. Die heutige Stiftskirche entstand von 1755 bis 1767. Die neue Stiftsbibliothek wurde zwischen 1758 und 1767 gebaut, anschliessend folgte der Neue Palast.
Die barocke Anlage zählt zu den bedeutendsten Klosterensembles Europas. Sie bildet bis heute einen markanten architektonischen Gegensatz zur reformiert geprägten Altstadt.[4]
Revolution und Ende der alten Ordnung
Helvetische Republik
Der französische Einmarsch von 1798 beendete die politischen Strukturen der Alten Eidgenossenschaft. Sowohl die Stadtrepublik als auch der Territorialstaat der Fürstabtei wurden aufgehoben.
St. Gallen wurde Hauptort des neu gebildeten Kantons Säntis der Helvetischen Republik. An die Stelle der alten Zunft- und Bürgerregierung trat eine Munizipalität, die grundsätzlich alle stimmberechtigten männlichen Einwohner vertreten sollte.
Die bisherigen Bürgergüter blieben jedoch im Besitz der Ortsbürger. Dadurch entstanden zwei unterschiedliche kommunale Ebenen: die politische Gemeinde und die für das Bürgervermögen zuständige Bürgerorganisation.
Der Stiftsbezirk gehörte während der Helvetik nicht zur Stadtgemeinde, sondern zur benachbarten Gemeinde Tablat.[1]
Kanton St. Gallen und Aufhebung des Klosters
Mit der Mediationsakte entstand 1803 der heutige Kanton St. Gallen. Die Stadt St. Gallen wurde zu dessen Hauptort und Sitz der kantonalen Regierung.
Der Grosse Rat des Kantons beschloss 1805 mit knapper Mehrheit die Aufhebung des Klosters St. Gallen. Die Abtei hatte bereits seit dem Einmarsch der französischen Truppen faktisch nicht mehr in ihrer früheren Form bestanden.
Die Klosterkirche, die Bibliothek, das Archiv und weitere Güter blieben erhalten. Der ehemalige Neue Palast wurde zum Regierungsgebäude des Kantons. Die frühere Klosterkirche wurde 1847 Kathedrale des neu gegründeten Bistums St. Gallen.[3]
Politische und konfessionelle Neuordnung
Die politische Gemeinde umfasste nun nicht nur die alten Stadtbürger, sondern grundsätzlich die gesamte Einwohnerschaft. Die Ortsbürgergemeinde verwaltete weiterhin Wälder, Grundstücke, soziale Einrichtungen und historische Kulturgüter.
Die konfessionelle Trennung blieb zunächst bestehen. Reformierte und Katholiken führten eigene Schulen und soziale Institutionen. 1822 gründeten die katholischen Einwohner eine eigene Schulgenossenschaft.
Im 19. Jahrhundert nahm der katholische Bevölkerungsanteil durch Zuwanderung deutlich zu. 1879 wurden die konfessionell getrennten Volksschulorganisationen in einer gemeinsamen Einwohnerschulgemeinde zusammengeführt.
Der Kulturkampf führte auch in St. Gallen zu Konflikten zwischen Staat und katholischer Kirche. 1878 entstand eine christkatholische Kirchgemeinde, die 1895 eine eigene Kirche erhielt.[1]
Industrialisierung und Stickereiblüte
Mechanisierung
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden Spinnen und Weben zunehmend mechanisiert. Maschinen ersetzten einen Teil der traditionellen Handarbeit. Gleichzeitig entwickelte sich die Stickerei zum wichtigsten Zweig der regionalen Textilwirtschaft.
Handstickmaschinen ermöglichten seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eine wesentlich höhere Produktion. Später kamen Schifflistickmaschinen hinzu. Die Muster wurden in St. Galler Entwurfsateliers entwickelt und anschliessend in Fabriken oder dezentralen Sticklokalen ausgeführt.
Die Stickereiwirtschaft umfasste zahlreiche spezialisierte Berufe: Zeichner, Puncher, Sticker, Fädlerinnen, Nachstickerinnen, Kontrolleure, Kaufleute, Chemiker und Maschinenbauer.
Eisenbahn und Stadtentwicklung
Im Jahr 1856 erhielt St. Gallen Anschluss an das Eisenbahnnetz. Die Bahn erleichterte den Import von Rohstoffen und den Export von Textilien. Zwischen Altstadt und Bahnhof entstand ein neues Geschäfts- und Verwaltungsquartier.
Seit den 1830er-Jahren wurden die mittelalterlichen Stadtmauern und Tore schrittweise abgebrochen. Nur das Karlstor blieb erhalten. Die Stadtgräben wurden aufgefüllt, und neue Strassen öffneten die zuvor dicht bebaute Altstadt.
Als der Talboden zunehmend überbaut war, entstanden neue Wohnquartiere an den Hängen. Auf dem sonnigen Rosenberg bauten wohlhabende Kaufleute und Fabrikanten repräsentative Villen. An der Bernegg und am Freudenberg entstanden dichter bebaute Arbeiterquartiere.[1]
Internationale Stickereimetropole
Seit etwa 1865 begann die sogenannte Stickereiblüte. St. Galler Stickereien wurden nach Europa, Nord- und Südamerika sowie in weitere Weltregionen exportiert. Die Bezeichnung «St. Galler Spitze» wurde international zu einem Qualitätsbegriff.
Um 1900 gehörte die Stickerei zu den wichtigsten Exportindustrien der Schweiz. Die Region St. Gallen deckte zeitweise einen bedeutenden Teil des weltweiten Bedarfs an Maschinenstickereien. Besonders wichtig waren die Märkte in den Vereinigten Staaten, Grossbritannien, Frankreich und Deutschland.
Der wirtschaftliche Erfolg veränderte das Stadtbild. Neue Geschäftshäuser, Banken, Lagerhäuser, Fabriken, Hotels und Villen entstanden. Das 1886 eröffnete Industrie- und Gewerbemuseum, das heutige Textilmuseum St. Gallen, diente als Ausbildungs-, Muster- und Inspirationszentrum für die Textilindustrie.
Der Hauptbahnhof und die Hauptpost wurden kurz vor dem Ersten Weltkrieg in repräsentativen Formen neu gebaut. Sie zeugen noch heute vom Selbstverständnis der damaligen Handelsstadt.[9]
Banken, Versicherungen und Infrastruktur
Die international tätige Textilwirtschaft benötigte Kredite, Versicherungen, zuverlässige Verkehrsverbindungen und schnelle Kommunikation. Deshalb entstanden in St. Gallen zahlreiche Banken, Speditionsunternehmen und Versicherungen.
Im Jahr 1858 wurde die Helvetia als schweizerische Transportversicherung gegründet. Weitere Finanz- und Versicherungsunternehmen folgten oder bauten ihre Tätigkeit aus.
Die technische Infrastruktur wurde rasch modernisiert:
- 1852 erhielt die Stadt eine Telegrafenverbindung;
- 1857 nahm das Gaswerk den Betrieb auf;
- 1895 wurde die Wasserversorgung aus dem Bodensee eröffnet;
- 1897 entstanden ein städtisches Elektrizitätswerk und die elektrische Strassenbahn;
- seit 1905 wurde die Schwemmkanalisation ausgebaut;
- 1916 bis 1918 entstand eine mechanisch-biologische Kläranlage.
Die Bodenseewasserversorgung war besonders wichtig, da die Quellen im Stadtgebiet den stark gestiegenen Bedarf nicht mehr decken konnten.[1]
Bildung und Hochschulen
Das Bildungswesen war eng mit der wirtschaftlichen Entwicklung verbunden. Zeichenschulen, gewerbliche Fortbildungskurse und Fachsammlungen sollten qualifizierte Arbeitskräfte für Textilindustrie, Handel und Gewerbe ausbilden.
Im Jahr 1856 entstand eine überkonfessionelle Kantonsschule. Eine 1860 gegründete Fortbildungsschule entwickelte sich zur gewerblichen Berufsschule. Seit 1919 war der Besuch für Lehrlinge obligatorisch.
1898 wurde die Handelsakademie gegründet. Aus ihr entwickelte sich die spätere Hochschule für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. 1963 bezog die Hochschule den neuen Campus auf dem Rosenberg. Seit 1995 trägt sie den Namen Universität St. Gallen.
Die Universität entwickelte sich zu einer international bekannten Hochschule für Wirtschafts-, Rechts-, Sozial- und Staatswissenschaften. Gemeinsam mit den historischen Bibliotheken und Archiven setzte sie die lange Tradition St. Gallens als Bildungs- und Bücherstadt fort.[1]
Stadtvereinigung von 1918
Räumliche Enge
Das historische Stadtgebiet umfasste weniger als vier Quadratkilometer. Die wachsende Bebauung überschritt die alten Gemeindegrenzen und ging zunehmend in die Nachbargemeinden Tablat im Osten und Straubenzell im Westen über.
Viele Arbeiter und Angestellte lebten ausserhalb der Stadtgrenze, arbeiteten aber in städtischen Betrieben. Verkehrswege, Wasserversorgung, Kanalisation, Schulen und andere Infrastrukturen mussten über Gemeindegrenzen hinweg geplant werden.
Die drei Gemeinden bildeten faktisch bereits einen zusammenhängenden Siedlungsraum. Unterschiedliche Steuerverhältnisse, Verwaltungsstrukturen und finanzielle Belastungen erschwerten jedoch eine gemeinsame Entwicklung.
Bildung von Gross-St. Gallen
Am 1. Juli 1918 vereinigten sich die Stadt St. Gallen, Tablat und Straubenzell zur neuen politischen Gemeinde St. Gallen. Die Fläche wuchs auf rund 39 Quadratkilometer, die Einwohnerzahl auf ungefähr 70'000.
Mit der Stadtvereinigung entstanden die heutigen Stadtteile im Westen und Osten. Bruggen, Winkeln, Lachen, Rotmonten, St. Fiden, Neudorf und weitere frühere Dörfer und Quartiere wurden Bestandteile der Gesamtstadt.
Zugleich erhielt St. Gallen ein Stadtparlament. Die politische Organisation musste die unterschiedlichen Traditionen, konfessionellen Verhältnisse und Interessen der drei früheren Gemeinden zusammenführen.[10]
Erster Weltkrieg und Stickereikrise
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 unterbrach internationale Handelswege. Wichtige Absatzmärkte brachen weg, Mode und Konsum veränderten sich, und Rohstoffe wurden knapp.
Die Stickereiindustrie geriet in eine schwere Krise. Zahlreiche Unternehmen schlossen, und viele Beschäftigte verloren ihre Arbeit. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten dauerten auch nach Kriegsende an.
Die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre verschärfte die Probleme. Die Stadt, die stark von einer einzigen Exportbranche abhängig gewesen war, musste ihre wirtschaftliche Grundlage verbreitern.
Die Stadtvereinigung von 1918 fiel somit in eine schwierige Übergangszeit. Die neuen Baulandreserven konnten zunächst nur begrenzt genutzt werden, weil Bevölkerung und Wirtschaft zeitweise stagnierten.
Arbeiterbewegung und gesellschaftlicher Wandel
Mit der Industrialisierung war eine grosse Arbeiterschaft entstanden. Viele Beschäftigte arbeiteten unter unsicheren Bedingungen und waren von internationalen Konjunkturschwankungen abhängig.
Gewerkschaften, Arbeitervereine, Konsumgenossenschaften und sozialdemokratische Organisationen gewannen an Bedeutung. Sie forderten höhere Löhne, kürzere Arbeitszeiten, soziale Versicherungen und bessere politische Mitspracherechte.
Auch die Zuwanderung prägte die Stadt. Arbeiterinnen und Arbeiter aus anderen Schweizer Regionen, Italien, Österreich und Deutschland kamen in die Stickereizentren. Viele lebten in dicht bebauten Quartieren mit kleinen Wohnungen und unzureichenden hygienischen Verhältnissen.
Die gesellschaftlichen Gegensätze zeigten sich räumlich besonders deutlich: den Villen der Unternehmer auf dem Rosenberg standen Arbeiterhäuser und einfache Unterkünfte an weniger bevorzugten Hängen und in den Vororten gegenüber.
Zweiter Weltkrieg
Während des Zweiten Weltkriegs lag St. Gallen nahe der Grenzen zu Deutschland und Österreich. Die Stadt war von Mobilmachung, Rationierung, Luftschutzmassnahmen und wirtschaftlichen Einschränkungen betroffen.
Aufgrund ihrer Grenznähe spielte die Aufnahme und Kontrolle von Flüchtlingen eine wichtige Rolle. Die schweizerische Flüchtlingspolitik war auch in der Ostschweiz von humanitärer Hilfe, behördlichen Einschränkungen und Zurückweisungen geprägt.
Industriebetriebe stellten teilweise auf kriegswirtschaftlich wichtige Erzeugnisse um. Gleichzeitig mussten Bevölkerung und Behörden mit Brennstoffmangel, Lebensmittelrationierung und eingeschränkten Verkehrsverbindungen umgehen.
Die Stadt selbst blieb von direkten Kriegsschäden verschont. Nach 1945 begann eine neue Phase des wirtschaftlichen und städtebaulichen Wachstums.
Nachkriegszeit und wirtschaftliche Diversifizierung
Während der Hochkonjunktur der 1950er- und 1960er-Jahre entstanden neue Wohn-, Gewerbe- und Industriequartiere. Besonders im Westen und Osten dehnte sich die Bebauung stark aus.
Die traditionelle Textilindustrie blieb kulturell und wirtschaftlich bedeutend, verlor aber ihre frühere dominierende Stellung. Maschinenbau, Metallverarbeitung, Nahrungsmittelindustrie, Druckereien, Verwaltung, Versicherungen, Banken, Gesundheitswesen und Detailhandel gewannen an Gewicht.
Zahlreiche ausländische Arbeitskräfte, zunächst vor allem aus Italien und später aus Spanien, Portugal, der Türkei und dem damaligen Jugoslawien, zogen nach St. Gallen. Die Stadt wurde dadurch gesellschaftlich, kulturell und religiös vielfältiger.
Der Ausbau des Strassennetzes und der Autobahn verbesserte die Verbindung zum Bodensee, nach Zürich und ins Rheintal. Gleichzeitig führte der wachsende Autoverkehr zu Belastungen in der Innenstadt und zu neuen städtebaulichen Debatten.
Stadtentwicklung und Altstadterhaltung
In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg wurden zahlreiche ältere Gebäude abgebrochen oder verändert. Der Wunsch nach modernen Verkehrswegen, Geschäftsbauten und Parkhäusern stand häufig im Konflikt mit dem Schutz des historischen Stadtbildes.
Seit den 1970er-Jahren gewann die Denkmalpflege an Bedeutung. Bürgerhäuser, Erker, Plätze und Gassen der Altstadt wurden restauriert. Die Fussgängerbereiche wurden erweitert und der öffentliche Raum neu gestaltet.
Die ehemalige Trennung zwischen Kloster und Stadt ist heute baulich nur noch teilweise sichtbar. Reste der Schiedmauer, das Karlstor und die unterschiedliche Architektur des Stiftsbezirks erinnern jedoch an die jahrhundertelange politische und konfessionelle Teilung.
Die Drei Weieren, die ursprünglich teilweise der Wasserversorgung und Textilbleiche dienten, entwickelten sich zu einem wichtigen Naherholungsgebiet.
UNESCO-Welterbe
Der Stiftsbezirk St. Gallen wurde 1983 zusammen mit dem Benediktinerinnenkloster St. Johann in Müstair und der Berner Altstadt als eines der ersten Schweizer Kulturgüter in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen.
Zum geschützten Ensemble gehören insbesondere die Kathedrale, die Stiftsbibliothek, das Stiftsarchiv, die ehemalige Klosteranlage und weitere historische Gebäude.
Die UNESCO würdigte St. Gallen als herausragendes Beispiel eines grossen karolingischen Klosters und als eines der wichtigsten europäischen Kulturzentren vom 8. Jahrhundert bis zur Aufhebung der Abtei 1805.[4]
Die Urkunden und Handschriften der ehemaligen Abtei wurden 2017 zusätzlich in das UNESCO-Register Memory of the World aufgenommen. Ihre nahezu ununterbrochene Überlieferung dokumentiert rund 1300 Jahre europäischer Schrift-, Rechts- und Kulturgeschichte.[11]
St. Gallen als Verwaltungs- und Bildungszentrum
St. Gallen blieb nach 1803 politischer Mittelpunkt des gleichnamigen Kantons. Im ehemaligen Klosterpalast befinden sich kantonale Regierungs- und Parlamentsräume.
Seit 1847 ist die Stadt Sitz des Bistums St. Gallen. Neben den kantonalen und kirchlichen Institutionen entwickelten sich Gerichte, Schulen, Spitäler, Verbände und kulturelle Einrichtungen.
Im Jahr 2012 nahm das Bundesverwaltungsgericht seinen Betrieb im neuen Gerichtsgebäude in St. Gallen auf. Damit erhielt die Stadt neben ihrer kantonalen Funktion auch eine bedeutende Institution der eidgenössischen Justiz.
Die Universität St. Gallen, die Ostschweizer Fachhochschule und weitere Bildungsinstitutionen machten die Stadt zu einem wichtigen Hochschulstandort. Stiftsbibliothek, Kantonsbibliothek Vadiana, Universitätsbibliothek, Staatsarchiv, Stiftsarchiv und die beiden Stadtarchive bewahren umfangreiche historische Bestände.
Erinnerungskultur
Die Stadtgeschichte ist im heutigen Stadtbild auf vielfältige Weise sichtbar. Das Gallusdenkmal, die Kathedrale, die Kirche St. Laurenzen, das Vadiandenkmal, das Karlstor, die Erker der Altstadt und die ehemaligen Textilgeschäftshäuser stehen für unterschiedliche historische Epochen.
Gallus verkörpert den religiösen Ursprung, Otmar die Klostergründung und Vadian die reformierte Stadtrepublik. Die Textilmuseen und Fabrikgebäude erinnern an den wirtschaftlichen Aufstieg und an die Arbeit Tausender Beschäftigter.
Neuere historische Forschungen beschäftigen sich verstärkt mit bisher weniger beachteten Themen. Dazu gehören Armut, Migration, Frauenarbeit, Kinderarbeit, jüdisches Leben, soziale Ausgrenzung sowie die Verbindungen St. Galler Kaufleute zu Kolonialhandel und Sklavereiwirtschaft.
Die Geschichte der Stadt wird dadurch nicht mehr ausschliesslich als Erfolgsgeschichte von Kloster, Handel und Stickerei verstanden. Sie umfasst ebenso soziale Konflikte, wirtschaftliche Krisen, konfessionelle Grenzen und die Erfahrungen jener Bevölkerungsgruppen, die lange kaum in der offiziellen Erinnerung vertreten waren.
Historische Bedeutung
St. Gallen nimmt in der Schweizer Geschichte eine besondere Stellung ein. Die Stadt entstand nicht an einer römischen Strasse, an einem Flussübergang oder um eine weltliche Burg, sondern aus einer religiösen Gemeinschaft in einem abgelegenen Hochtal.
Das Kloster wurde zu einem der wichtigsten Bildungszentren des mittelalterlichen Europas. Neben ihm entwickelte sich eine wirtschaftlich erfolgreiche Bürgerstadt, die sich schrittweise von ihrem geistlichen Stadtherrn löste.
Die jahrhundertelange Nachbarschaft der katholischen Fürstabtei und der reformierten Reichsstadt schuf eine politische und konfessionelle Doppelstruktur, die in dieser Form aussergewöhnlich war. Gleichzeitig machte der internationale Textilhandel St. Gallen zu einer stark nach aussen orientierten Stadt.
Die heutige Stadt verbindet dieses Erbe mit ihrer Funktion als Kantonshauptstadt, Hochschulstandort und regionales Dienstleistungszentrum. Klosterkultur, Reformation, Textilwirtschaft und Stadtvereinigung bilden bis heute die wichtigsten historischen Grundlagen ihrer Identität.
Siehe auch
- St. Gallen
- Kanton St. Gallen
- Fürstabtei St. Gallen
- Stiftsbezirk St. Gallen
- Stiftsbibliothek St. Gallen
- Gallus (Heiliger)
- Otmar von St. Gallen
- Joachim Vadian
- Reformation in der Schweiz
- Appenzellerkriege
- Geschichte des Kantons St. Gallen
- Textilindustrie in der Schweiz
- Universität St. Gallen
Literatur
- Ernst Ehrenzeller: Geschichte der Stadt St. Gallen. VGS Verlagsgemeinschaft, St. Gallen 1988.
- Stefan Sonderegger und Marcel Mayer: St. Gallen (Gemeinde). In: Historisches Lexikon der Schweiz.
- Alfred Meier: Abt Pankraz Vorster und die Aufhebung der Fürstabtei St. Gallen. Universitätsverlag, Freiburg 1954.
- Ernst Ziegler: Die Tore der Stadt St. Gallen. Ortsbürgergemeinde St. Gallen, St. Gallen 2000.
- Peter Röllin: St. Gallen. Stadtveränderung und Stadterlebnis im 19. Jahrhundert. VGS, St. Gallen 1981.
- Marcel Mayer: Das erste Jahrzehnt von Gross-St. Gallen. Stadtgeschichte 1918–1929. St. Gallen 1996.
- Stadt St. Gallen und Ortsbürgergemeinde St. Gallen (Hrsg.): Von Gallus bis zur Glasfaser. Geschichte der Stadt St. Gallen. St. Gallen.
- Historischer Verein des Kantons St. Gallen (Hrsg.): Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung sowie weitere Publikationen zur Stadt- und Kantonsgeschichte.
Weblinks
- Geschichte auf der offiziellen Website der Stadt St. Gallen
- St. Gallen im Historischen Lexikon der Schweiz
- Stiftsbezirk St. Gallen
- Stadtarchiv der Politischen Gemeinde St. Gallen
- Stadtarchiv und Vadianische Sammlung der Ortsbürgergemeinde St. Gallen
- UNESCO-Welterbe Stiftsbezirk St. Gallen
Einzelnachweise
- ↑ 1,00 1,01 1,02 1,03 1,04 1,05 1,06 1,07 1,08 1,09 1,10 1,11 Stefan Sonderegger und Marcel Mayer: St. Gallen (Gemeinde). In: Historisches Lexikon der Schweiz, Version vom 6. Januar 2012.
- ↑ Stadt St. Gallen: St. Gallen kompakt, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ 3,0 3,1 3,2 Stiftsbezirk St. Gallen: Zeitstrahl zur Geschichte des Klosters St. Gallen, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ 4,0 4,1 4,2 UNESCO World Heritage Centre: Abbey of St Gall, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ Stiftsbezirk St. Gallen: Geschichte der Stiftsbibliothek St. Gallen, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ Schweizerisches Nationalmuseum: Der Ungarneinfall in St. Gallen, veröffentlicht am 1. November 2022.
- ↑ Stadt St. Gallen: Stadtarchiv der Politischen Gemeinde St. Gallen, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons St. Gallen: Reformationsstadt St. Gallen, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ Stadt St. Gallen: Geschichte der Stadt St. Gallen, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ Stadt St. Gallen: Stadtvereinigung von St. Gallen, Tablat und Straubenzell, abgerufen am 30. Juli 2026.
- ↑ UNESCO: Documentary heritage of the former Abbey of Saint Gall, abgerufen am 30. Juli 2026.
Wikimedia Commons Wikimedia Commons: Medien zu Geschichte der Stadt St. Gallen