Sihlsee
| Gewässertyp | Stausee, Speichersee eines Pumpspeicherkraftwerks |
|---|---|
| Lage | Bezirk Einsiedeln, Kanton Schwyz, Schweiz |
| Zuflüsse | Sihl, Minster, Eubach und weitere Bäche |
| Abfluss | Sihl; Triebwasserleitung des Etzelwerks zum Zürichsee |
| Fläche | 10,85 km² |
| Länge | rund 8,5 km |
| Einzugsgebiet | 156 km² |
| Volumen | 96,5 Mio. m³ |
| Maximale Tiefe | 17 m |
| Mittlere Tiefe | 8,32 m |
| Mittlerer Wasserstand | rund 889 m ü. M. |
| Erste Aufstauung | 1937 |
| Nutzung | Bahnstromproduktion, Pumpspeicherung, Hochwasserrückhalt, Erholung |
Der Sihlsee ist ein Stausee im Hochtal von Einsiedeln im Kanton Schwyz. Er entstand durch die Aufstauung der Sihl und wurde 1937 erstmals gefüllt. Mit einer Fläche von 10,85 Quadratkilometern ist er der flächenmässig grösste Stausee der Schweiz. Der rund 8,5 Kilometer lange See bildet den Speicher des Etzelwerks, das vor allem Bahnstrom für das Netz der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) erzeugt.[1]
Der See prägt heute das Landschaftsbild des Einsiedler Hochtals. Zugleich ist er ein technisches Bauwerk, ein Energiespeicher, ein Element des Hochwasserschutzes an der Sihl und ein bedeutender Erholungsraum. Seine Entstehung veränderte die Siedlungs- und Landwirtschaftsstruktur der Region tiefgreifend.
Lage und Gestalt
Der Sihlsee liegt nordöstlich des Klosterdorfs Einsiedeln vollständig im Bezirk Einsiedeln. An seinen Ufern oder in unmittelbarer Nähe liegen unter anderem Euthal, Willerzell, Gross und Birchli. Der langgestreckte See folgt dem früheren Talboden der Sihl. Im südlichen Seeteil münden die Sihl, die Minster und der Eubach; dort ist das Gewässer deutlich flacher als im Bereich der Staumauer.[2]
Die Uferlinie ist stark gegliedert. Halbinseln, Buchten, Feuchtflächen und die Deltas der Zuflüsse verleihen dem künstlichen Gewässer vielerorts das Aussehen eines natürlichen Voralpensees. Der Wasserstand ist jedoch nicht konstant, sondern wird entsprechend der Stromproduktion, den konzessionsrechtlichen Vorgaben und der Hochwasserlage bewirtschaftet. Besonders im Winter und im Frühjahr können bei tieferem Pegel grössere Ufer- und Deltaflächen trockenfallen.
Das Einzugsgebiet umfasst 156 Quadratkilometer. Nach der hydrologischen Übersicht des kantonalen Amts für Gewässer beträgt das Seevolumen 96,5 Millionen Kubikmeter, die maximale Tiefe 17 Meter und die mittlere Tiefe 8,32 Meter. Die mittlere Abflussmenge wird mit 6,95 Kubikmetern pro Sekunde angegeben.[1] Eine Regierungsratsantwort von 2021 nennt abweichend eine tiefste Stelle von rund 25 Metern nahe der Staumauer.[2]
Natürliche Vorgeschichte
Der heutige Stausee liegt in einem Becken, das bereits am Ende der letzten Eiszeit zeitweise von einem See eingenommen wurde. Vor ungefähr 15'000 Jahren bestand im Hochtal ein Gletscherrandsee. Nachdem dessen Spiegel abgesunken war, entwickelten sich auf dem ehemaligen Seegrund ausgedehnte Flach- und Hochmoore.[3]
Diese Vorgeschichte wirkt bis heute nach. Unter dem Stausee liegen mächtige organische Schichten des früheren Moorbodens. Beim Abbau dieses Materials können Kohlendioxid und Methan entstehen. Rund um den See blieben weitere Moorflächen erhalten; zu den bekannten Moorlandschaften der Umgebung gehört die Schwantenau.[1]
Planung und Bau
Die Nutzung der Sihl zur Stromerzeugung wurde über Jahrzehnte vorbereitet. Zwischen 1897 und 1929 handelten Behörden des Kantons Schwyz, des Bezirks Einsiedeln sowie der Kantone Zürich und Zug die Bedingungen des Projekts aus. Dabei ging es unter anderem um finanzielle Abgeltungen, Vorzugsenergie, neue Infrastrukturen und Entschädigungen für die betroffene Bevölkerung.[3]
Von 1932 bis 1937 errichtete die Etzelwerk AG das Stau- und Kraftwerksystem. Die Gesellschaft war von den SBB und den Nordostschweizerischen Kraftwerken (NOK) gegründet worden. Zum Projekt gehörten neben der Staumauer und der Kraftwerkszentrale auch zwei Abschlussdämme, zwei Viadukte, ein Wasserschloss und rund 29 Kilometer Strassen. Mit der Flutung im Jahr 1937 entstand der heutige Sihlsee.[3]
Die Anlage brachte Arbeitsplätze, Verkehrswege und eine leistungsfähige Energieversorgung, forderte von der ansässigen Bevölkerung aber erhebliche Opfer. Rund 943 Hektaren produktives Land verschwanden im Staugebiet; 452 Bauernbetriebe wurden durch das Werk in Mitleidenschaft gezogen. Häuser, Höfe und Wege mussten aufgegeben oder verlegt werden. Die Umsiedlungen und der Verlust des alten Talbodens blieben deshalb ein prägendes Thema im kollektiven Gedächtnis der Region. Eine breitere historische Aufarbeitung setzte erst in den 1990er-Jahren ein.[3]
Seit 1987 ist die SBB alleinige Inhaberin der Etzelwerk AG. Nach einem Rechtsstreit wurden die Vertragsbedingungen zwischen Konzessionsgebern und Betreiberin 1988 zugunsten der Konzessionsgeber verbessert.[3]
Etzelwerk und Bahnstromproduktion
Der Sihlsee ist der Oberwasserspeicher des Pumpspeicherkraftwerks Etzelwerk. Vom Stolleneinlauf bei der Staumauer führt ein 2,9 Kilometer langer Druckstollen zum Wasserschloss. Anschliessend gelangt das Wasser durch zwei je 2,2 Kilometer lange Druckleitungen zur Kraftwerkszentrale bei Altendorf am oberen Zürichsee. Die Bruttofallhöhe beträgt 480 Meter. Nach der Turbinierung fliesst das Wasser in den Zürichsee.[4]
Das Etzelwerk weist gemäss SBB eine Gesamtleistung von 135 Megawatt und eine durchschnittliche Jahresproduktion von rund 260 Gigawattstunden auf. Es liefert Bahnstrom für die Ost- und Zentralschweiz sowie den Grossraum Zürich. Die Pumpanlagen erlauben es, Wasser aus dem Zürichsee wieder in den Sihlsee hinaufzufördern. Dadurch kann Energie gespeichert und das Werk flexibel eingesetzt werden.[4]
Im Jahr 2023 erhielt die SBB eine Konzession für den Weiterbetrieb während weiterer 80 Jahre. Weil wesentliche Anlageteile nach mehr als acht Jahrzehnten das Ende ihrer Lebensdauer erreichen, ist eine umfassende Erneuerung des Werks vorgesehen.[4]
Wasserstand und Bewirtschaftung
Der Betrieb des Speichersees bewegt sich innerhalb festgelegter Staukoten. Das Stauziel beziehungsweise die Höchststaukote liegt bei 889,34 m ü. M.; als Mindeststaukote sind 876,34 m ü. M. vorgesehen. Bis zum 1. Juni muss der See grundsätzlich mindestens auf 887,34 m ü. M. gefüllt werden und darf vor dem 1. November nicht unter diese sogenannte Mückengrenze abgesenkt werden. Für Trockenperioden und ausserordentliche Ereignisse bestehen Sonderregelungen.[2]
Die Pegelvorgaben müssen unterschiedliche Interessen ausgleichen. Ein hoher sommerlicher Wasserstand begünstigt das Landschaftsbild und die Erholungsnutzung. Ein tieferer Pegel schafft dagegen mehr Rückhalteraum für Hochwasser und erweitert zeitweise Uferlebensräume, schränkt aber die Nutzung des Sees ein und legt breite Flächen frei. Zugleich braucht das Etzelwerk ein ausreichend grosses nutzbares Speichervolumen für die Energieproduktion.
Bedeutung für den Hochwasserschutz
Der Sihlsee dämpft Hochwasserspitzen im Einzugsgebiet der Sihl. Diese Funktion ist nicht nur für das Einsiedler Hochtal, sondern auch für das untere Sihltal und die Stadt Zürich von Bedeutung. Zeichnen sich extreme Niederschläge ab, kann die Etzelwerk AG auf Anordnung des Kantons Zürich drei bis vier Tage vor dem erwarteten Ereignis mit einer vorsorglichen Absenkung beginnen. Während des Hochwassers wird der Abfluss anschliessend so gesteuert, dass Wasser im See zurückgehalten und die Sihl unterhalb des Sees entlastet wird.[5]
Seit 2018 liefern Messstationen im Sihlseegebiet Daten zu Niederschlag, Seestand und Wasserführung der Zuflüsse. Die automatisierte Steuerung berücksichtigt dabei auch die Hochwasserspitzen von Alp und Biber unterhalb des Sees. Vorrang haben stets die Sicherheit der Stauanlage und der Schutz der Ufergebiete am Sihlsee.[5]
Verlandung und Ökologie
Sihl, Minster, Eubach und kleinere Zuflüsse tragen laufend Kies, Sand und Feinmaterial in den See. Besonders im flachen südlichen Teil lagern sich Sedimente ab. Sichtbar ist die Verlandung vor allem an den Ufern und im Bereich der Minstermündung, wo sich Schilfbestände ausbreiten. Der Kanton Schwyz geht davon aus, dass diese Entwicklung die Stromproduktion derzeit nicht beeinträchtigt.[2]
Die Verlandung ist nicht ausschliesslich als Verlust von Seefläche zu verstehen. Durch natürliche Sukzession entstehen Flachwasserzonen, Feuchtgebiete und Röhrichte, die spezialisierten Tier- und Pflanzenarten Lebensraum bieten. Einzelne Auflandungsflächen sind als Flachmoore oder Amphibienlaichgebiete von nationaler Bedeutung, als kantonale Biotope oder als Naturschutzgebiete inventarisiert.[2] Damit ist der Sihlsee zugleich technischer Speicher und Teil eines vielfältigen Feuchtgebietssystems.
Der Kanton untersucht den gewässerökologischen Zustand und die Wasserqualität regelmässig. Die Badewasserqualität an den kontrollierten Badestellen wurde in den letzten Jahren als gut bis sehr gut beurteilt.[1]
Erholung und Tourismus
Der Sihlsee ist ein wichtiges Naherholungsgebiet für die Region Einsiedeln und das weitere Mittelland. Die offene Wasserfläche, die voralpine Hügellandschaft und die Nähe zum Kloster Einsiedeln machen ihn zu einem beliebten Ausflugsziel. Zu den verbreiteten Aktivitäten gehören Baden, Wandern, Velofahren, Fischen und verschiedene Formen des Wassersports. Auch Rundfahrten und Spaziergänge entlang des Sees erschliessen die Landschaft.[2][4]
Die Erholungsnutzung unterliegt den Bedingungen eines bewirtschafteten Stausees. Pegelschwankungen verändern die Zugänglichkeit der Ufer, und auf dem Wasser sind Schutzbestimmungen, lokale Signalisationen und die Regeln der Schifffahrt zu beachten. Im Winter kann der See zufrieren; ein Betreten der Eisfläche ist jedoch nur bei ausdrücklicher behördlicher Freigabe sicher.
Bedeutung für die Region
Der Sihlsee vereint mehrere Funktionen, die teilweise in Spannung zueinander stehen. Er ist Produktionsanlage für erneuerbaren Bahnstrom, Speicher im schweizerischen Energiesystem, Rückhaltebecken für Hochwasser, Lebensraum und touristischer Landschaftsraum. Gleichzeitig erinnert er an die tiefgreifenden Eingriffe, die grosse Infrastrukturvorhaben für Bevölkerung, Landwirtschaft und Kulturlandschaft mit sich bringen können.
Für den Bezirk Einsiedeln ist der See zu einem identitätsstiftenden Landschaftselement geworden. Dass er künstlich geschaffen wurde, ist im heutigen Erscheinungsbild vielerorts kaum mehr erkennbar. Seine weitere Entwicklung hängt vom Ausgleich zwischen Kraftwerksbetrieb, Stauanlagensicherheit, Hochwasserschutz, Naturschutz und Erholungsnutzung ab.
Siehe auch
Literatur
- Ralf Jacober: Sihlsee. In: Historisches Lexikon der Schweiz, Version vom 25. November 2011.
- Karl Saurer (Hrsg.): Der Sihlsee. Eine Landschaft ändert ihr Gesicht. 2002, ISBN 978-3-907496-11-4.
- Regierungsrat des Kantons Schwyz: Interpellation I 13/21: Verlandung des Sihlsees. Beschluss Nr. 394/2021 vom 8. Juni 2021.
Weblinks
- Sihlsee – Amt für Gewässer des Kantons Schwyz
- Etzelwerk – Schweizerische Bundesbahnen SBB
- Sihlsee – Historisches Lexikon der Schweiz
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 Sihlsee, Amt für Gewässer des Kantons Schwyz, abgerufen am 22. Juli 2026.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 2,5 Interpellation I 13/21: Verlandung des Sihlsees, Beschluss Nr. 394/2021, Regierungsrat des Kantons Schwyz, 8. Juni 2021, abgerufen am 22. Juli 2026.
- ↑ 3,0 3,1 3,2 3,3 3,4 Ralf Jacober: Sihlsee, in: Historisches Lexikon der Schweiz, Version vom 25. November 2011, abgerufen am 22. Juli 2026.
- ↑ 4,0 4,1 4,2 4,3 Wasserkraftwerk Etzelwerk, Schweizerische Bundesbahnen SBB, abgerufen am 22. Juli 2026.
- ↑ 5,0 5,1 Hochwasserschutz Sihl, Zürichsee und Limmat, Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft des Kantons Zürich, abgerufen am 22. Juli 2026.