Locarno Film Festival

Aus Helvetia Wiki – Die Enzyklopädie der Schweiz
Locarno Film Festival
Deutscher Name Filmfestival von Locarno
Art Internationales Filmfestival
Ort Locarno, Kanton Tessin, Schweiz
Erste Austragung 1946
Austragungszeit Jährlich im August
Dauer In der Regel elf Tage
Hauptspielstätte Piazza Grande
Hauptpreis Pardo d’Oro
Präsidentin Maja Hoffmann
Künstlerischer Direktor Giona A. Nazzaro
Geschäftsführer Raphaël Brunschwig
Veranstalter Associazione del Festival del film Locarno
79. Ausgabe 5. bis 15. August 2026
Website www.locarnofestival.ch

Das Locarno Film Festival ist ein internationales Filmfestival in der Stadt Locarno im Kanton Tessin. Es wurde 1946 gegründet und gehört zu den ältesten kontinuierlich bestehenden Filmfestivals der Welt. Im deutschsprachigen Raum wird es auch als Filmfestival von Locarno bezeichnet. Die offizielle Bezeichnung lautet seit mehreren Jahren Locarno Film Festival.

Das Festival findet jährlich während elf Tagen im August statt. Sein bekanntester Veranstaltungsort ist die Piazza Grande im historischen Zentrum von Locarno. Dort werden Filme auf einer grossen Freilichtleinwand vor bis zu rund 8000 Zuschauerinnen und Zuschauern gezeigt. Die abendlichen Vorführungen auf dem Stadtplatz gehören zu den bekanntesten öffentlichen Filmveranstaltungen Europas.

Der wichtigste Preis des Festivals ist der Pardo d’Oro, der Goldene Leopard. Er wird an den besten Film des internationalen Wettbewerbs vergeben. Der Leopard bildet zugleich das wichtigste Symbol der Veranstaltung und prägt ihre Plakate, Preise, Publikationen und die gelb-schwarze Gestaltung der Festivalorte.

Locarno ist besonders für seine Förderung des unabhängigen Autorenfilms, neuer filmischer Ausdrucksformen und noch wenig bekannter Regisseurinnen und Regisseure bekannt. Das Programm verbindet internationale Premieren mit populären Grossproduktionen, experimentellen Arbeiten, Kurzfilmen, historischen Retrospektiven und Veranstaltungen für die Filmbranche.

Die 79. Ausgabe des Festivals findet vom 5. bis zum 15. August 2026 statt.[1]

Geschichte

Gründung

Das Festival entstand unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. In einer Zeit, in der sich der europäische Kulturbetrieb neu formierte, sollte Locarno zu einem offenen Treffpunkt für Filme, Filmschaffende und Publikum aus verschiedenen Ländern werden.

Eine Gruppe von Tessiner Kulturschaffenden und Kinointeressierten bereitete die erste Ausgabe im Sommer 1946 vor. Die ersten Filmvorführungen fanden im Garten des Grand Hotel Locarno statt. Der See, das milde Klima und die offene Gartenanlage boten geeignete Voraussetzungen für abendliche Freiluftvorführungen.

Das Festival verstand sich von Beginn an nicht nur als gesellschaftliches Ereignis, sondern als Ort der künstlerischen Entdeckung. Filme aus unterschiedlichen nationalen Kinematografien sollten einem internationalen Publikum zugänglich gemacht werden. Diese Offenheit war in den ersten Nachkriegsjahren von besonderer symbolischer Bedeutung.[2]

In den ersten Jahrzehnten wechselten die Bezeichnungen der Preise und Teile der organisatorischen Struktur. Die Veranstaltung entwickelte sich jedoch rasch zu einem festen Bestandteil des internationalen Festivalkalenders.

Entwicklung zum internationalen Festival

Während der 1950er- und 1960er-Jahre gewann Locarno zunehmend internationale Anerkennung. Das Festival zeigte Werke sowohl etablierter Regisseure als auch junger Filmschaffender, deren Arbeiten bei kommerziellen Verleihern und grossen Premierenfestivals nur schwer einen Platz fanden.

Locarno entwickelte ein Profil, das sich von stärker markt- und glamourorientierten Veranstaltungen unterschied. Im Mittelpunkt standen die filmische Handschrift, neue Erzählformen und die Entdeckung wenig bekannter Kinematografien.

Viele später international anerkannte Regisseurinnen und Regisseure wurden in Locarno bereits zu einem frühen Zeitpunkt ihrer Laufbahn gezeigt oder ausgezeichnet. Das Festival wurde dadurch zu einem wichtigen Beobachtungsort für Entwicklungen im unabhängigen und künstlerisch orientierten Kino.

Der Leopard als Symbol

1968 wurde der Leopard zum zentralen Symbol des Festivals. In diesem Jahr wurde erstmals der Goldene Leopard als Hauptpreis vergeben. Zuvor hatte der wichtigste Preis unter anderem die Bezeichnung Vela d’Oro, auf Deutsch «Goldenes Segel», getragen.

Das Leopardenmotiv knüpfte an das Wappen der Stadt Locarno an, in dem ein Löwe und ein Leopardenmotiv erscheinen. Es erwies sich als besonders vielseitig und entwickelte sich rasch zu einem international erkennbaren Markenzeichen.

Seit den 1980er-Jahren prägt das gelb-schwarze Leopardenmuster nahezu alle Bereiche des Festivals. Es erscheint auf Plakaten, Eintrittskarten, Publikationen, Kleidungsstücken, Fahrzeugen, Preisstatuetten und der Ausstattung der Veranstaltungsorte.[3]

Piazza Grande

Ein entscheidender Wendepunkt war die Nutzung der Piazza Grande als Hauptspielstätte. 1971 entwickelte der Tessiner Architekt Livio Vacchini ein Konzept, das den historischen Stadtplatz während des Festivals in ein grosses Freiluftkino verwandelte.

Das Projekt umfasste eine grosse Leinwand, einen Projektionsstand und eine temporäre Bestuhlung. Aus dem öffentlichen Stadtplatz entstand für die Dauer des Festivals ein Kinosaal unter freiem Himmel.

Die Piazza Grande wurde in den folgenden Jahrzehnten zum bekanntesten Bild des Festivals. Ihre Architektur erlaubt es, eine grosse Menschenmenge zu versammeln, ohne den Charakter des historischen Platzes dauerhaft zu verändern.

Die Leinwand ist ungefähr 26 Meter breit und 14 Meter hoch. Der Platz bietet bei voller Bestuhlung rund 8000 Personen Platz. Damit gehört die Piazza Grande zu den grössten Freiluftkinos Europas.[4]

2025 wurde die technische Tragkonstruktion der Leinwand erneuert. Die Leinwand selbst, die temporäre Bestuhlung und die grundlegende räumliche Idee des Freiluftkinos blieben erhalten.

Ausbau seit den 1980er-Jahren

Seit den 1980er-Jahren wurden die Wettbewerbe, Retrospektiven und Angebote für die internationale Filmwirtschaft ausgebaut. Gleichzeitig verstärkte das Festival seine visuelle Identität und seine Zusammenarbeit mit Medien, Filmarchiven, Verleihern und anderen Festivals.

Unter verschiedenen künstlerischen Leitungen verschoben sich einzelne Schwerpunkte. Beständig blieb jedoch die Verbindung von anspruchsvollem Autorenkino, Nachwuchsförderung und direktem Austausch mit dem Publikum.

Die Piazza Grande öffnete sich verstärkt für publikumswirksame internationale Produktionen, während die Wettbewerbssektionen weiterhin auf künstlerisch eigenständige und häufig experimentelle Filme ausgerichtet blieben.

Das Festival wurde dadurch zu einem Ort, an dem unterschiedliche Vorstellungen von Kino nebeneinander bestehen: grosse öffentliche Premieren, kleine unabhängige Produktionen, restaurierte Filmklassiker, Kurzfilme und Branchenveranstaltungen.

COVID-19-Pandemie

Die für August 2020 geplante 73. reguläre Ausgabe konnte wegen der COVID-19-Pandemie nicht in ihrer üblichen Form stattfinden. Insbesondere die Versammlung mehrerer Tausend Menschen auf der Piazza Grande war unter den damaligen gesundheitlichen Bedingungen nicht möglich.

Anstelle des regulären Festivals wurde das Sonderprogramm Locarno 2020 – For the Future of Films eingerichtet. Es unterstützte unterbrochene Filmproduktionen und bot Onlinevorführungen, Gespräche und weitere digitale Veranstaltungen an.

Ein zentrales Projekt war The Films After Tomorrow. Dabei wurden internationale und schweizerische Filmvorhaben unterstützt, deren Produktion durch die Pandemie unterbrochen worden war.[5]

2021 kehrten die Filmvorführungen auf die Piazza Grande zurück, zunächst noch unter besonderen Schutz- und Kapazitätsbedingungen.

Entwicklung seit 2021

Seit 2021 steht das künstlerische Programm unter der Leitung von Giona A. Nazzaro. Seine Amtszeit wurde bis zur 80. Ausgabe im Jahr 2027 verlängert.

2023 wurde die schweizerische Kunstsammlerin und Kulturförderin Maja Hoffmann zur Präsidentin gewählt. Sie ist die erste Frau an der Spitze des Festivals. Sie folgte auf Marco Solari, der die Institution mehr als zwei Jahrzehnte lang geführt hatte.[6]

Profil

Das Festival versteht Film sowohl als Kunstform als auch als öffentlichen Raum des Austauschs. Sein Programm richtet sich an ein internationales Fachpublikum, an Filmkritikerinnen und Filmkritiker sowie an ein breites allgemeines Publikum.

Ein charakteristisches Merkmal ist die Verbindung scheinbar gegensätzlicher Bereiche. Auf der Piazza Grande werden häufig leicht zugängliche Spielfilme, internationale Premieren und Filme mit bekannten Darstellerinnen und Darstellern präsentiert. In den Wettbewerben finden sich dagegen oft formal anspruchsvolle, experimentelle oder mit kleinen Budgets produzierte Werke.

Locarno misst der Entdeckung neuer Talente besondere Bedeutung bei. Erste und zweite Langfilme erhalten in mehreren Sektionen einen hervorgehobenen Platz. Kurzfilme dienen ebenfalls als eigenständiger Wettbewerb und nicht nur als Begleitprogramm.

Das Festival zeigt Produktionen aus allen Weltregionen. Es achtet darauf, auch Filme aus Ländern und Filmkulturen zu präsentieren, die im europäischen Verleih nur begrenzt vertreten sind.

Programmsektionen

Das Festivalprogramm besteht aus Wettbewerben, kuratierten Sektionen und historischen Programmen. Die genaue Struktur kann von Ausgabe zu Ausgabe angepasst werden. Das Festival umfasst gegenwärtig elf Filmsektionen und drei Hauptwettbewerbe.[7]

Wichtige Programmsektionen
Sektion Art Inhalt
Piazza Grande Ausserhalb des Hauptwettbewerbs Internationale Premieren, publikumsorientierte Autorenfilme, grosse Produktionen und Galavorführungen
Concorso Internazionale Wettbewerb Internationale Langfilme etablierter und neuer Filmschaffender; Vergabe des Pardo d’Oro
Concorso Cineasti del Presente Wettbewerb Erste und zweite Langfilme junger oder noch wenig bekannter Regisseurinnen und Regisseure
Pardi di Domani Wettbewerb Internationale und schweizerische Kurz- und mittellange Filme
Fuori concorso Ausserhalb des Wettbewerbs Neue Arbeiten bekannter Filmschaffender, Dokumentarfilme, Serien, experimentelle Werke und Sondervorführungen
Histoire(s) du cinéma Historisches und thematisches Programm Filmgeschichte, restaurierte Werke, Hommagen, Gespräche und Arbeiten ausgezeichneter Gäste
Retrospettiva Retrospektive Umfangreiche Werkschau zu einer Filmepoche, einem Studio, einer Bewegung oder einzelnen Filmschaffenden
Locarno Kids Screenings Kinder- und Familienprogramm Filme für ein junges Publikum sowie generationenübergreifende Vorführungen
Open Doors Screenings Regionaler Schwerpunkt Filme aus den jeweils von Open Doors geförderten Ländern und Filmregionen
Semaine de la critique Dokumentarfilmsektion Internationale Dokumentarfilme, organisiert in Zusammenarbeit mit schweizerischen Filmjournalistinnen und Filmjournalisten
Panorama Suisse Schweizer Filmschau Auswahl aktueller schweizerischer Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme

Concorso Internazionale

Der Concorso Internazionale ist der Hauptwettbewerb des Festivals. Er umfasst internationale Langfilme, die in der Regel als Welt- oder internationale Premieren gezeigt werden.

Die Auswahl verbindet Filme bekannter Regisseurinnen und Regisseure mit Arbeiten jüngerer Filmschaffender. Die Jury wird für jede Ausgabe neu zusammengestellt und besteht aus Persönlichkeiten aus Film, Kunst, Literatur und verwandten Bereichen.

Der wichtigste Preis ist der Pardo d’Oro. Daneben vergibt die Jury einen Spezialpreis, einen Preis für die beste Regie und zwei gleichwertige Preise für die besten schauspielerischen Leistungen.

Die geschlechtsneutral bezeichneten Darstellerpreise ersetzten frühere getrennte Kategorien für Schauspielerinnen und Schauspieler.

Concorso Cineasti del Presente

Der Concorso Cineasti del Presente, auf Deutsch ungefähr «Wettbewerb der Filmschaffenden der Gegenwart», richtet sich vor allem an erste und zweite Langfilme.

Die Sektion soll neuen Regiestimmen eine internationale Plattform geben. Zugelassen sind Spiel-, Dokumentar- und hybride Filmformen. Häufig stammen die ausgewählten Werke aus unabhängigen Produktionsstrukturen.

Eine eigene Jury vergibt den Goldenen Leoparden dieser Sektion, einen Preis für die beste aufstrebende Regie sowie zwei Preise für schauspielerische Leistungen.[8]

Pardi di Domani

Pardi di Domani bedeutet auf Deutsch «Leoparden von morgen». Die Sektion ist Kurz- und mittellangen Filmen gewidmet.

Sie besteht aus einem internationalen Wettbewerb für junge Filmschaffende aus aller Welt und einem nationalen Wettbewerb für schweizerische Produktionen. Ergänzend können besondere Programme oder Nachwuchswettbewerbe durchgeführt werden.

Die Sektion bietet vielen Regisseurinnen und Regisseuren einen ersten Zugang zu einem international beachteten Festival. Ausgewählte Filme können für weitere Auszeichnungen und für die Qualifikation zu internationalen Filmpreisen berücksichtigt werden.[9]

Piazza Grande

Die Piazza Grande bildet das öffentliche Zentrum des Festivals. Die Filmvorführungen beginnen üblicherweise nach Einbruch der Dunkelheit. Vor dem Film finden Präsentationen, Preisverleihungen und Auftritte der eingeladenen Filmschaffenden statt.

Das Programm der Piazza Grande ist kein Bestandteil des internationalen Hauptwettbewerbs. Die gezeigten Filme können jedoch für eigene Publikumspreise und andere Auszeichnungen berücksichtigt werden.

Auf dem Platz treffen einheimisches Publikum, Touristinnen und Touristen, Filmschaffende, internationale Gäste und Medienvertreterinnen und Medienvertreter unmittelbar aufeinander. Die grosse Zuschauerzahl erzeugt eine Atmosphäre, die sich deutlich von einer gewöhnlichen Kinovorführung unterscheidet.

Da die Piazza Grande ein Freiluftkino ist, hängt der Ablauf teilweise vom Wetter ab. Die Vorführungen finden grundsätzlich auch bei leichtem Regen statt. Bei schweren Gewittern oder sicherheitsrelevanten Wetterbedingungen kann das Programm verschoben, unterbrochen oder in andere Spielstätten verlegt werden.

Retrospektive

Die jährliche Retrospektive gehört zu den bedeutendsten historischen Programmen des Festivals. Sie widmet sich einzelnen Regisseurinnen und Regisseuren, nationalen Filmkulturen, Produktionsfirmen, Genres oder weniger bekannten Kapiteln der Filmgeschichte.

Die Filme werden möglichst in restaurierten Fassungen oder erhaltenen Originalkopien gezeigt. Das Programm entsteht häufig in Zusammenarbeit mit Filmarchiven, Kinematheken, Rechteinhabern und Forschungseinrichtungen.

Begleitend erscheinen Publikationen, und es finden Gespräche, Vorträge und Einführungen statt. Die Retrospektive wird traditionell besonders eng mit dem Kino GranRex verbunden, das als «Heimat der Retrospektive» gilt.

Zu den früher behandelten Themen gehörten Hollywoodstudios, nationale Nachkriegskinematografien, Regisseurinnen und Regisseure, populäre Genres und politisch oder ästhetisch verdrängte Filmbewegungen.

Preise

Pardo d’Oro

Der Pardo d’Oro ist der Hauptpreis des internationalen Wettbewerbs. Er wird dem besten Film zugesprochen und ist mit 75'000 Franken dotiert. Das Preisgeld wird nach den jeweils geltenden Regeln zwischen Regie und Produktion aufgeteilt.[10]

Der Goldene Leopard gehört zu den bekanntesten Filmpreisen der Schweiz. Die Auszeichnung kann die internationale Verbreitung eines Films wesentlich fördern, garantiert jedoch nicht zwingend einen breiten kommerziellen Kinostart.

Zentrale Wettbewerbspreise
Preis Sektion Bedeutung
Pardo d’Oro Concorso Internazionale Hauptpreis für den besten Film
Spezialpreis der Jury Concorso Internazionale Auszeichnung eines besonders hervorgehobenen Wettbewerbsfilms
Pardo für die beste Regie Concorso Internazionale Preis für die Regieleistung
Pardo für die beste schauspielerische Leistung Concorso Internazionale Zwei gleichwertige Darstellerpreise
Pardo d’Oro Concorso Cineasti del Presente Hauptpreis für den besten Film der Nachwuchssektion
Preis für die beste aufstrebende Regie Concorso Cineasti del Presente Auszeichnung einer Regisseurin oder eines Regisseurs am Beginn der Laufbahn
Pardino d’Oro Pardi di Domani Hauptpreise der internationalen und schweizerischen Kurzfilmwettbewerbe

Publikumspreise

Das Publikum der Piazza Grande stimmt über den Prix du Public UBS ab. Zuschauerinnen und Zuschauer können die Filme nach der Vorführung über die offiziellen Festivalangebote bewerten.

Der Publikumspreis wurde 1994 eingeführt und wird seit 2000 von UBS unterstützt. Er zeichnet häufig Filme aus, die später ein grösseres internationales Kinopublikum erreichen.[11]

Ein weiterer Preis des Piazza-Grande-Programms ist der Variety Piazza Grande Award. Er wird von einer Jury aus Filmkritikerinnen und Filmkritikern vergeben und soll die internationale Verbreitung eines ausgewählten Films unterstützen.

Unabhängige Jurys

Neben den offiziellen Festivaljurys vergeben verschiedene unabhängige Organisationen eigene Preise. Dazu gehören je nach Ausgabe:

  • der Preis der internationalen Filmkritikervereinigung FIPRESCI;
  • der Preis der Ökumenischen Jury;
  • der Europa-Cinemas-Preis;
  • Preise der Jugendjury;
  • Auszeichnungen von Filmkritiker-, Umwelt- oder Menschenrechtsorganisationen.

Diese Preise gehören nicht zum offiziellen Hauptpalmarès, können für die öffentliche Wahrnehmung und spätere Auswertung der Filme jedoch bedeutend sein.

Ehrenpreise

Das Festival verleiht verschiedene Ehren- und Karrierepreise an Persönlichkeiten der internationalen Filmwelt.

Bedeutende Ehrenpreise
Preis Zweck
Pardo d’Onore Würdigung bedeutender Regisseurinnen und Regisseure
Excellence Award Auszeichnung herausragender Schauspielerinnen und Schauspieler
Pardo alla Carriera Würdigung eines umfangreichen filmischen Lebenswerks
Career Achievement Award Auszeichnung für eine bedeutende Laufbahn im internationalen Kino
Leopard Club Award Würdigung von Persönlichkeiten, die das zeitgenössische Kino und die öffentliche Vorstellung davon geprägt haben
Raimondo Rezzonico Award Auszeichnung bedeutender unabhängiger Filmproduzentinnen und Filmproduzenten
Vision Award Würdigung kreativer Leistungen hinter der Kamera, etwa in Kameraarbeit, Musik, Szenenbild, Schnitt oder visueller Gestaltung
Premio Cinema Ticino Anerkennung von Filmschaffenden mit enger Verbindung zum Kanton Tessin
Locarno Kids Award Auszeichnung für Persönlichkeiten, die ein junges Publikum durch Film und Erzählkunst erreichen

Die Ehrenpreise werden häufig auf der Piazza Grande überreicht. Die ausgezeichneten Gäste stellen ausserdem Filme vor und nehmen an öffentlichen Gesprächen teil.

Festivalorte

Die Veranstaltung verteilt sich über Locarno und die umliegenden Gemeinden. Neben der Piazza Grande werden zahlreiche Kinos, Hallen und temporäre Veranstaltungsräume genutzt.

Zu den regelmässigen Spielstätten gehören:

  • die Piazza Grande;
  • das PalaCinema Locarno;
  • das GranRex;
  • das Teatro Kursaal;
  • die Kinosäle des Cinema Rialto;
  • La Sala und L’altra Sala im Palexpo-Gebiet;
  • das Palexpo beziehungsweise FEVI;
  • das PalaVideo in Muralto;
  • weitere temporär eingerichtete Räume.

Das PalaCinema wurde 2017 eröffnet. Es beherbergt mehrere Kinosäle, Einrichtungen der regionalen Filmförderung und das Filmarchiv des Festivals.

Das GranRex ist besonders mit den historischen Retrospektiven verbunden. Grössere Hallen wie das Palexpo ermöglichen Vorführungen für mehrere Tausend Personen, während kleinere Kinos für Wettbewerbsfilme, Pressevorführungen und Wiederholungen genutzt werden.

Kostenlose Busverbindungen und weitere temporäre Verkehrsdienste verbinden während des Festivals die wichtigsten Spielstätten, Parkplätze und Unterkünfte.

Locarno Pro

Locarno Pro umfasst die Angebote des Festivals für die internationale Filmbranche. Es richtet sich an Produzentinnen und Produzenten, Verleihunternehmen, Programmverantwortliche, Filmfonds, Verkaufsagenturen und weitere Fachpersonen.

Zu den Aufgaben gehören:

  • die Unterstützung neuer Filmprojekte;
  • internationale Koproduktion;
  • Verleih und Vertrieb;
  • Vermittlung zwischen Produzenten und Filmfestivals;
  • Weiterbildung junger Fachpersonen;
  • Diskussionen über Veränderungen der Filmwirtschaft;
  • Förderung restaurierter und wiederentdeckter Filme.

Zu den Programmen von Locarno Pro gehören First Look, Alliance 4 Development, Match Me!, StepIn, die Industry Academy und Locarno Heritage.

First Look präsentiert Filme eines jährlich wechselnden Landes, die sich noch in der Postproduktion befinden. Internationale Fachpersonen können sich frühzeitig über neue Projekte informieren und deren Fertigstellung oder Vertrieb unterstützen.

Open Doors

Open Doors wurde 2003 eingerichtet und verbindet Talentförderung, Projektentwicklung und öffentliche Filmvorführungen. Das Programm konzentriert sich jeweils über mehrere Jahre auf bestimmte Regionen der Welt, deren Filmschaffende nur begrenzten Zugang zu internationalen Finanzierungs- und Vertriebsstrukturen haben.

Ausgewählte Regisseurinnen, Regisseure und Produzierende nehmen an Workshops, Beratungen und Koproduktionstreffen teil. Projekte können finanzielle und fachliche Unterstützung erhalten.

Die Open Doors Screenings machen dem Festivalpublikum Filme aus den jeweiligen Schwerpunktregionen zugänglich. Dadurch verbindet das Programm Filmförderung mit kultureller Vermittlung.

Open Doors wird unter anderem von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit des Bundes unterstützt.[12]

Nachwuchsförderung und Bildung

Unter der Bezeichnung Locarno Factory bündelt das Festival verschiedene Bildungs-, Talent- und Zukunftsprogramme.

Zur Locarno Factory gehören unter anderem:

  • die Locarno Academy;
  • BaseCamp;
  • Locarno Residency;
  • Film Foundry;
  • Angebote von Locarno Edu;
  • Workshops und Programme für Kinder und Jugendliche;
  • Projekte zur Zukunft des Kinos.

Die Locarno Academy richtet sich an junge Filmkritikerinnen, Filmschaffende und Fachpersonen aus Vertrieb und Festivalarbeit. Die Teilnehmenden erhalten Zugang zu Veranstaltungen, Gesprächen und praktischen Arbeitsprozessen.

BaseCamp bietet jungen Kreativen aus unterschiedlichen Kunst- und Bildungsbereichen Unterkunft, Veranstaltungen und Möglichkeiten zum Austausch.

Die Locarno Residency unterstützt die Entwicklung erster Langfilmprojekte über einen längeren Zeitraum und verbindet Onlineberatung mit persönlichen Arbeitstreffen.

Organisation

Trägerin des Festivals ist die Associazione del Festival del film Locarno. Die strategische Leitung liegt beim Verwaltungsrat, der von der Generalversammlung gewählt wird.

Der Verwaltungsrat bestimmt die langfristigen Ziele, überwacht die wirtschaftliche Führung und bestellt die Geschäftsleitung. Präsidentin ist seit 2023 Maja Hoffmann. Vizepräsident ist Luigi Pedrazzini.

Die operative Leitung liegt bei Geschäftsführer Raphaël Brunschwig. Giona A. Nazzaro trägt als künstlerischer Direktor die Verantwortung für das Filmprogramm. Locarno Pro wird von Markus Duffner geleitet, die Locarno Factory von Stefano Knuchel.[6]

Die künstlerische Auswahl wird von einem internationalen Team aus Programmverantwortlichen, Auswahlkommissionen, Beraterinnen und Beratern vorbereitet. Für Kurzfilme, Retrospektiven und Sonderprogramme bestehen eigene Zuständigkeiten.

Finanzierung

Das Festival wird aus öffentlichen Beiträgen, privaten Partnerschaften, Eintrittseinnahmen, Akkreditierungen, Mitgliedschaften, Spenden und weiteren Erträgen finanziert.

Zu den öffentlichen Unterstützern gehören insbesondere:

  • die Stadt Locarno;
  • der Kanton Tessin;
  • der Bund, insbesondere das Bundesamt für Kultur;
  • weitere Gemeinden und regionale Institutionen.

Private Unternehmen unterstützen das Festival als Hauptpartner, Projektpartner oder Sponsoren einzelner Preise und Programme.

Die Verbindung von öffentlicher Kulturförderung und privater Finanzierung erlaubt ein umfangreiches Programm, schafft jedoch auch die Notwendigkeit, künstlerische Unabhängigkeit, wirtschaftliche Stabilität und Interessen der Partner miteinander zu vereinbaren.

Publikum und wirtschaftliche Bedeutung

Das Festival zieht jedes Jahr weit über hunderttausend Besuche an. Im Jahr 2024 wurden rund 152'000 Eintritte und Festivalbesuche gezählt. Ausserdem kamen fast 1900 akkreditierte Fachpersonen aus der internationalen Filmwirtschaft nach Locarno.[13]

Während der Festivaltage verändert sich das öffentliche Leben in Locarno und der Umgebung deutlich. Hotels, Ferienwohnungen, Restaurants und Verkehrsbetriebe verzeichnen eine hohe Nachfrage.

Die Veranstaltung besitzt für den Tourismus im Kanton Tessin grosse Bedeutung. Bilder der Piazza Grande, der gelb-schwarzen Bestuhlung und des Lago Maggiore werden international verbreitet und verbinden Locarno dauerhaft mit dem Kino.

Neben der unmittelbaren touristischen Wirkung stärkt das Festival regionale Film- und Kulturinstitutionen. Es trägt zur Tätigkeit des PalaCinema, der Film Commission, von Ausbildungsstätten und unabhängigen Produktionsunternehmen bei.

Bedeutung für das Schweizer Kino

Das Locarno Film Festival ist eine der wichtigsten internationalen Plattformen für den Schweizer Film. Schweizer Produktionen werden sowohl in den Hauptsektionen als auch in Panorama Suisse, Pardi di Domani und weiteren Programmen gezeigt.

Für junge schweizerische Filmschaffende bietet Locarno die Möglichkeit, ihre Arbeiten internationalen Verleihunternehmen, Festivals, Kritikern und Produzentinnen vorzustellen.

Mehrere schweizerische Filme wurden mit dem Goldenen Leoparden oder anderen Festivalpreisen ausgezeichnet. Gleichzeitig stellt Locarno historische Werke in restaurierten Fassungen vor und arbeitet eng mit der Cinémathèque suisse, Swiss Films und weiteren nationalen Institutionen zusammen.

Die Mehrsprachigkeit des Landes ist im Festivalalltag sichtbar. Die wichtigsten Informationen werden auf Italienisch und Englisch sowie teilweise auf Deutsch und Französisch veröffentlicht. Filme werden in der Originalfassung mit Untertiteln gezeigt.

Künstlerische Bedeutung

Locarno besitzt im internationalen Festivalsystem ein eigenständiges Profil. Es konkurriert nicht ausschliesslich um grosse Studiopremieren, sondern legt besonderen Wert auf Filme, die neue ästhetische oder erzählerische Wege suchen.

Die Auszeichnung in Locarno kann für kleinere Produktionen entscheidend sein. Ein Wettbewerbserfolg erhöht die Aufmerksamkeit anderer Festivals, internationaler Verleihunternehmen und der Filmkritik.

Das Festival hat über Jahrzehnte Filme aus Asien, Afrika, Lateinamerika, Osteuropa und kleineren europäischen Produktionsländern einem breiteren Publikum vorgestellt.

Retrospektiven und restaurierte Filme zeigen, dass das Festival Gegenwartskino und Filmgeschichte nicht als getrennte Bereiche betrachtet. Historische Werke sollen mit neuen Filmen in einen Dialog treten.

Öffentlicher Charakter

Ein besonderes Merkmal ist die Nähe zwischen Publikum und Filmschaffenden. Gespräche finden nicht nur bei Presseveranstaltungen, sondern auch in öffentlich zugänglichen Foren und nach Filmvorführungen statt.

Auf der Piazza Grande sitzen Branchenvertreterinnen, Filmschaffende, Einwohner und touristische Gäste im selben grossen Kinoraum. Diese vergleichsweise offene Struktur unterscheidet Locarno von Festivals, deren wichtigste Premieren überwiegend einem geladenen Fachpublikum vorbehalten sind.

Die Stadt selbst wird während elf Tagen zum Festivalgelände. Strassen, Plätze, Restaurants und Hotels dienen als informelle Begegnungsorte.

Nachhaltigkeit und Zugänglichkeit

Das Festival verfolgt Programme zur Verringerung seiner Umweltbelastung. Dazu gehören die Nutzung erneuerbarer Energie, Abfalltrennung, Mehrwegangebote, öffentlicher Verkehr und die Förderung der Anreise mit Bahn und Fahrrad.

Die Vorführungen auf der Piazza Grande und in den übrigen Spielstätten werden nach Angaben des Festivals mit Strom aus erneuerbaren Quellen betrieben.[14]

Zur Verbesserung der Zugänglichkeit bestehen Angebote für Menschen mit eingeschränkter Mobilität, reservierte Plätze, barrierefreie Zugänge und technische Hilfen in ausgewählten Kinos.

Einzelne Filme werden mit Audiodeskription, erweiterten Untertiteln oder anderen barrierefreien Formaten angeboten. Der Umfang hängt von der jeweiligen Ausgabe und den verfügbaren Filmfassungen ab.

Kritik und Herausforderungen

Wie andere grosse Kulturveranstaltungen steht das Festival vor unterschiedlichen Herausforderungen. Dazu gehören steigende Kosten, Konkurrenz um internationale Premieren, Veränderungen des Kinomarktes und die wachsende Bedeutung von Streamingplattformen.

Die grosse Zahl temporärer Gäste belastet während der Festivaltage Verkehr, Wohnraum und öffentliche Infrastruktur. Hohe Hotelpreise können den Zugang für Studierende, junge Filmschaffende und Besucherinnen mit begrenzten finanziellen Mitteln erschweren.

Auch die Verbindung von öffentlichen Mitteln, privaten Sponsoren und künstlerischer Unabhängigkeit wird regelmässig diskutiert.

Die technische Erneuerung der Leinwandkonstruktion auf der Piazza Grande führte 2025 zu einer öffentlichen Debatte über den Umgang mit dem architektonischen Erbe Livio Vacchinis. Das Festival kündigte Gespräche mit Fachpersonen, Behörden und weiteren Interessengruppen über eine langfristige Lösung an.

Weitere Aufgaben bestehen in der angemessenen Vertretung unterschiedlicher Geschlechter, Herkunftsregionen und filmischer Perspektiven sowie in der Verringerung der ökologischen Auswirkungen internationaler Veranstaltungen.

79. Ausgabe 2026

Das 79. Locarno Film Festival findet vom 5. bis zum 15. August 2026 statt. Die künstlerische Leitung liegt bei Giona A. Nazzaro.

Die Retrospektive trägt den Titel Red & Black: Hollywood’s Blacklist und beschäftigt sich mit der politischen Verfolgung, den schwarzen Listen und dem linken Filmschaffen in Hollywood.

Der offizielle Auswahljahrgang umfasst erneut den internationalen Wettbewerb, den Wettbewerb Cineasti del Presente, Pardi di Domani, Piazza Grande, Fuori concorso und die weiteren regulären Sektionen.

Mit der Ausgabe 2026 bereitet sich das Festival zugleich auf seine 80. Ausgabe und das 80-jährige Bestehen im Jahr 2027 vor.[15]

Zeittafel

Wichtige Ereignisse in der Festivalgeschichte
Jahr Ereignis
1946 Erste Austragung des internationalen Filmfestivals in Locarno.
1968 Der Leopard wird zum zentralen Symbol; erstmals wird der Goldene Leopard vergeben.
1971 Die Piazza Grande wird nach einem Konzept von Livio Vacchini zur Hauptspielstätte.
1980er-Jahre Das gelb-schwarze Leopardenmuster entwickelt sich zur einheitlichen visuellen Identität des Festivals.
1994 Einführung des Publikumspreises der Piazza Grande.
2003 Gründung des Förderprogramms Open Doors.
2017 Eröffnung des PalaCinema anlässlich der 70. Festivalausgabe.
2020 Absage der regulären 73. Ausgabe wegen der COVID-19-Pandemie; Durchführung von Locarno 2020 – For the Future of Films.
2021 Rückkehr der Filmvorführungen auf die Piazza Grande; Giona A. Nazzaro übernimmt die künstlerische Leitung.
2023 Maja Hoffmann wird als erste Frau Präsidentin des Festivals.
2025 Erneuerung der technischen Leinwandkonstruktion auf der Piazza Grande.
2026 Durchführung der 79. Ausgabe vom 5. bis zum 15. August.
2027 Geplante 80. Ausgabe des Festivals.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Rules and Regulations for Participation, Locarno Film Festival, abgerufen am 23. Juli 2026.
  2. About the Locarno Film Festival, Locarno Film Festival, abgerufen am 23. Juli 2026.
  3. A Brief History of Locarno’s Visual Identity, Locarno Film Festival, abgerufen am 23. Juli 2026.
  4. Piazza Grande, Locarno Film Festival, abgerufen am 23. Juli 2026.
  5. The Locarno Leopard and the Shape of Cinema to Come, Locarno Film Festival, abgerufen am 23. Juli 2026.
  6. 6,0 6,1 Team, Locarno Film Festival, abgerufen am 23. Juli 2026.
  7. Film Sections, Locarno Film Festival, abgerufen am 23. Juli 2026.
  8. Concorso Cineasti del Presente, Locarno Film Festival, abgerufen am 23. Juli 2026.
  9. Pardi di Domani, Locarno Film Festival, abgerufen am 23. Juli 2026.
  10. Awards, Locarno Film Festival, abgerufen am 23. Juli 2026.
  11. UBS and the Locarno Film Festival, Locarno Film Festival, abgerufen am 23. Juli 2026.
  12. Open Doors, Locarno Film Festival, abgerufen am 23. Juli 2026.
  13. Annual Report, Locarno Film Festival, abgerufen am 23. Juli 2026.
  14. Sustainability, Locarno Film Festival, abgerufen am 23. Juli 2026.
  15. Retrospective 2026: Red & Black, Locarno Film Festival, abgerufen am 23. Juli 2026.