Geschichte des Kantons Genf

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Geschichte des Kantons Genf
Historischer Vorgängerstaat Republik Genf
Annexion durch Frankreich 1798–1813
Wiederherstellung der Republik 31. Dezember 1813
Beitritt zur Eidgenossenschaft 19. Mai 1815
Gebietserweiterungen 1815 und 1816
Hauptort Genf
Einführung des kantonalen Frauenstimmrechts 6. März 1960
Geltende Kantonsverfassung Verfassung vom 14. Oktober 2012
Inkrafttreten der geltenden Verfassung 1. Juni 2013
Prägende Entwicklungen Römische Grenzstadt, bischöfliche Herrschaft, Reformation, Stadtrepublik, französische Annexion, Anschluss an die Schweiz und internationale Diplomatie

Die Geschichte des Kantons Genf umfasst die Entwicklung der Region am südwestlichen Ende des Genfersees von den frühesten Siedlungsspuren über die römische Stadt Genava und die mittelalterliche bischöfliche Herrschaft bis zur reformierten Republik und zum heutigen Kanton Genf. Genf trat am 19. Mai 1815 als 22. Kanton der Schweizerischen Eidgenossenschaft bei. Sein offizieller Name lautet seither Republik und Kanton Genf.[1]

Der Kanton unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von den meisten anderen schweizerischen Kantonen. Er entstand nicht aus einem alten eidgenössischen Ort oder einem Untertanengebiet, sondern aus einer zuvor selbständigen Stadtrepublik. Sein heutiges Territorium wurde erst durch die internationalen Verträge von 1815 und 1816 zusammengefügt. Dabei wurden der alten protestantischen Republik zahlreiche überwiegend katholische und ländliche Gemeinden angeschlossen.

Die Geschichte Genfs ist zugleich eine Geschichte grenzüberschreitender Beziehungen. Die Stadt und ihr Umland standen in engem Austausch mit Savoyen, Frankreich, dem Waadtland und den eidgenössischen Orten. Seit der Reformation entwickelte sich Genf zu einem europäischen Zentrum des Protestantismus, des Buchdrucks und der Uhrmacherei. Im 19. und 20. Jahrhundert kamen die humanitäre Tätigkeit, die internationale Diplomatie und die Ansiedlung zahlreicher zwischenstaatlicher Organisationen hinzu.

Landschaft und historische Lage

Das heutige Kantonsgebiet liegt am Ausfluss der Rhone aus dem Genfersee und wird fast vollständig von Frankreich umgeben. Nur im Nordosten besitzt es eine verhältnismässig kurze Grenze zum Kanton Waadt.

Die Lage am Übergang zwischen dem Genfersee, dem Rhonetal, dem Juraraum und den Alpen machte Genf seit der Antike zu einem bedeutenden Verkehrs- und Handelsort. Wege führten nach Gallien, Italien, in das schweizerische Mittelland und in den Mittelmeerraum.

Der Kanton umfasst die Stadt Genf und ein dicht besiedeltes Umland. Im Westen und Süden liegen frühere französische und savoyische Gebiete, die erst nach dem Beitritt zur Eidgenossenschaft mit der alten Republik vereinigt wurden. Diese sogenannten Communes réunies veränderten die konfessionelle, gesellschaftliche und territoriale Struktur des neuen Kantons grundlegend.

Der Grenzverlauf blieb auch nach 1816 von grosser wirtschaftlicher Bedeutung. Zahlreiche Verkehrswege, Landwirtschaftsflächen und Siedlungsräume erstrecken sich über die Staatsgrenze. Die moderne Genfer Agglomeration umfasst deshalb Gemeinden in der Schweiz und in Frankreich.

Urgeschichte

Die vorgeschichtliche Besiedlung des Genfer Beckens wurde stark von den Eiszeiten beeinflusst. Gletscher bedeckten das Gebiet während langer Zeit und beseitigten viele ältere Spuren menschlicher Anwesenheit.

Nach dem Rückzug des Eises nutzten Jäger- und Sammlergruppen die Landschaft. Bedeutende Fundstellen aus dem späten Paläolithikum wurden bei Veyrier am Fuss des Salève entdeckt. Sie liegen heute auf französischem Staatsgebiet, gehörten jedoch zum selben geografischen Siedlungsraum wie das heutige Genf.[1]

Während der Jungsteinzeit entstanden am Ufer des Genfersees dauerhafte Siedlungen. Die Bewohner betrieben Ackerbau, Viehzucht, Fischerei und Jagd. In feuchten Bodenschichten blieben Pfähle, Werkzeuge, Keramik und organische Materialien erhalten.

Mehrere prähistorische Seeufersiedlungen im Genfer Becken gehören zum kulturgeschichtlichen Zusammenhang der prähistorischen Pfahlbauten um die Alpen. Schwankungen des Seespiegels und Veränderungen der Uferlinie beeinflussten die Lage der Siedlungen.

Aus der Bronze- und Eisenzeit stammen Gräber, Schmuckstücke, Waffen, Werkzeuge und Spuren befestigter Siedlungen. Die Region war durch den See und die Rhone in weitreichende Handelsnetze eingebunden.

Keltische Siedlung und erste schriftliche Erwähnung

Vor der römischen Eroberung gehörte Genf zum Gebiet der keltischen Allobroger. Die Siedlung lag an einem strategisch bedeutenden Übergang über die Rhone.

Genf wird im Jahr 58 v. Chr. in den Aufzeichnungen von Gaius Iulius Caesar über den Gallischen Krieg erwähnt. Die Helvetier wollten auf ihrem Zug nach Westen die Rhone bei Genf überqueren. Caesar liess die dortige Brücke zerstören und befestigte den Flussübergang.[2]

Die Erwähnung zeigt, dass Genava bereits vor der römischen Eroberung ein bekannter und strategisch wichtiger Ort war. Die genaue Ausdehnung und politische Funktion der keltischen Siedlung lässt sich nur teilweise rekonstruieren.

Römische Zeit

Nach der Eingliederung der Region in das Römische Reich entwickelte sich Genava zu einer Kleinstadt und einem regionalen Handelsplatz. Sie gehörte verwaltungsmässig zum Gebiet der Stadt Vienna im heutigen Frankreich und damit nicht zur römischen Civitas der Helvetier.

Der Hafen am Genfersee, die Rhonebrücke und die Strassenverbindungen förderten den Handel. Waren konnten über den See, entlang der Rhone und auf Landwegen transportiert werden.

Die römische Siedlung befand sich im Bereich der heutigen Genfer Altstadt und des Seeufers. Archäologische Untersuchungen brachten Wohnhäuser, Strassen, Hafenanlagen, Werkstätten, öffentliche Gebäude und religiöse Einrichtungen ans Licht.

Im Umland entstanden Gutshöfe, die landwirtschaftliche Produkte für die städtische Bevölkerung und den regionalen Handel erzeugten. Weinbau, Getreideanbau, Viehwirtschaft und handwerkliche Produktion spielten eine wichtige Rolle.

Seit dem 3. Jahrhundert führten politische Krisen und militärische Unsicherheit zu Veränderungen. Befestigungen wurden verstärkt, und die Bevölkerung konzentrierte sich stärker auf geschützte Siedlungsbereiche.

Genf entwickelte sich in der Spätantike zu einem christlichen Zentrum. Spätestens im 4. Jahrhundert bestand ein Bischofssitz. Unter und neben der heutigen Kathedrale St. Peter wurden Reste früher christlicher Kirchen, eines Baptisteriums und weiterer kirchlicher Gebäude gefunden.

Burgundisches und fränkisches Genf

Im frühen 5. Jahrhundert wurde die Region Teil des Reiches der Burgunder. Genf besass zeitweise eine wichtige Stellung als königlicher Aufenthaltsort und Verwaltungszentrum.

Nach der Eingliederung des Burgunderreiches in das Frankenreich im Jahr 534 gehörte Genf zur merowingischen und später zur karolingischen Herrschaftsordnung. Der Bischof blieb eine zentrale politische und religiöse Persönlichkeit.

Nach der Teilung des Frankenreiches wechselte die übergeordnete politische Zugehörigkeit mehrfach. Seit dem späten 9. Jahrhundert gehörte Genf zum Königreich Hochburgund.

Mit dem Übergang Burgunds an das Heilige Römische Reich im Jahr 1032 wurde Genf formell Teil des Reiches. Die tatsächliche Herrschaft war jedoch zwischen Bischof, Grafen, Adelsfamilien und lokalen Institutionen aufgeteilt.

Bischöfliche Stadt im Mittelalter

Im Hochmittelalter übte der Bischof von Genf sowohl geistliche als auch weltliche Herrschaftsrechte aus. Er verfügte über Gerichtsbarkeit, Abgaben und politische Befugnisse innerhalb der Stadt und in Teilen des Umlandes.

Neben dem Bischof gewannen die Grafen von Genf und später das Haus Savoyen an Einfluss. Zwischen den verschiedenen Herrschaftsträgern entstanden langwierige Konflikte über die Kontrolle der Stadt.

Die Bürgergemeinde entwickelte eigene politische Strukturen. Wohlhabende Kaufleute und Handwerker verlangten Mitspracherechte und die Bestätigung ihrer Freiheiten.

1309 erhielten die Bürger das Recht, sich durch gewählte Syndics vertreten zu lassen. Die vier Syndics wurden zu wichtigen Trägern der städtischen Selbstverwaltung.

1387 bestätigte Bischof Adhémar Fabri die Freiheiten, Rechte und Gewohnheiten der Stadt in einer umfangreichen Urkunde. Diese sogenannten Franchises bildeten eine wichtige Grundlage der Genfer Verfassungsentwicklung.[3]

Messen und Fernhandel

Im 14. und 15. Jahrhundert entwickelten sich die Genfer Messen zu bedeutenden Handels- und Finanzveranstaltungen. Kaufleute aus Italien, Frankreich, dem deutschen Raum und den Niederlanden trafen sich in der Stadt.

Gehandelt wurden unter anderem Textilien, Gewürze, Metalle, Lederwaren und Luxusgüter. Wechselgeschäfte und Kreditbeziehungen machten Genf zugleich zu einem Finanzplatz.

Die Messen förderten das Wachstum der Stadt und den Wohlstand führender Familien. Sie verstärkten jedoch auch das Interesse Savoyens an der Kontrolle Genfs.

Im 15. Jahrhundert verlagerte sich ein Teil des internationalen Messegeschäfts nach Lyon. Die Genfer Wirtschaft blieb dennoch eng mit dem Handel und den Finanzbeziehungen des europäischen Westens verbunden.

Savoyischer Druck und politische Parteien

Das Haus Savoyen versuchte seit dem späten Mittelalter, seinen Einfluss auf Genf auszubauen. Savoyische Fürsten brachten Mitglieder ihrer Familie auf den Genfer Bischofsstuhl und kontrollierten zeitweise wichtige Ämter.

Innerhalb der Stadt bildeten sich unterschiedliche politische Gruppen. Anhänger Savoyens wurden als Mameluken bezeichnet. Ihre Gegner suchten Unterstützung bei den eidgenössischen Orten und erhielten den Namen Eidguenots, der vom französischen Ausdruck für Eidgenossen abgeleitet wurde.

Der Konflikt war zunächst vor allem politisch. Die Eidguenots wollten die städtischen Freiheiten bewahren und eine Eingliederung Genfs in den savoyischen Staat verhindern.

1526 schloss Genf ein Burgrecht beziehungsweise eine Combourgeoisie mit Bern und Freiburg. Das Bündnis stellte einen entscheidenden Schritt zur politischen Emanzipation dar.[4]

Einführung der Reformation

Die reformatorischen Ideen erreichten Genf in den 1520er und 1530er Jahren. Prediger wie Guillaume Farel und Antoine Froment gewannen Anhänger innerhalb der Bürgerschaft.

Der Bischof verliess die Stadt 1533 und kehrte nicht mehr zurück. Freiburg, das am katholischen Glauben festhielt, löste 1534 das Bündnis mit Genf.

Die Stadt war zugleich durch savoyische Kräfte bedroht und wirtschaftlich blockiert. Bern griff Anfang 1536 militärisch ein, eroberte das Waadtland und beendete die unmittelbare Einschliessung Genfs.

Am 21. Mai 1536 nahm die Genfer Bürgerversammlung die Reformation an. Die Messe wurde abgeschafft, Klöster wurden aufgehoben und kirchlicher Besitz ging unter die Kontrolle der neuen Obrigkeit über.[5]

Die Einführung der Reformation war zugleich ein entscheidender Schritt zur politischen Unabhängigkeit. Aus der bischöflichen Stadt entwickelte sich eine selbständige reformierte Republik.

Johannes Calvin

Johannes Calvin kam 1536 nach Genf. Guillaume Farel überzeugte ihn, in der Stadt zu bleiben und am Aufbau der reformierten Kirche mitzuwirken.

Konflikte über die Kirchenordnung und die politische Zuständigkeit führten 1538 zur Verbannung Calvins und Farels. Calvin hielt sich anschliessend in Strassburg auf.

1541 wurde Calvin nach Genf zurückgerufen. Die im selben Jahr angenommenen kirchlichen Ordnungen regelten die Organisation der reformierten Kirche. Pfarrer, Lehrer, Älteste und Diakone übernahmen unterschiedliche Aufgaben.

Das Konsistorium überwachte das religiöse und sittliche Verhalten der Bevölkerung. Es befasste sich mit Ehekonflikten, Gottesdienstbesuch, öffentlichem Verhalten und weiteren Angelegenheiten.

Calvin besass kein staatliches Amt und war nicht alleiniger Herrscher der Stadt. Sein theologischer und politischer Einfluss war dennoch ausserordentlich gross. Das Verhältnis zwischen kirchlichen Einrichtungen, Räten und Bürgerschaft blieb von Auseinandersetzungen geprägt.

Nach dem Sieg seiner Anhänger über die innerstädtische Opposition im Jahr 1555 konnte Calvin seine Reformvorstellungen stärker durchsetzen.

Genf als Zentrum des Protestantismus

Die Reformation machte Genf zu einem europäischen Zentrum des reformierten Protestantismus. Glaubensflüchtlinge aus Frankreich, Italien, England, Schottland und weiteren Ländern kamen in die Stadt.

Die Zuwanderung vergrösserte die Bevölkerung und brachte Fachwissen, Kapital und internationale Kontakte. Viele Flüchtlinge arbeiteten als Drucker, Buchhändler, Kaufleute, Lehrer, Handwerker oder Geistliche.

1559 wurde die Genfer Akademie gegründet. Sie bildete reformierte Pfarrer und Gelehrte aus und entwickelte sich später zur Universität Genf.

Genfer Druckereien veröffentlichten Bibeln, theologische Werke, politische Schriften und wissenschaftliche Bücher. Die Publikationen wurden in zahlreichen Ländern verbreitet.

Die Bezeichnung Genfs als «protestantisches Rom» verweist auf seine internationale Bedeutung für den Calvinismus. Gleichzeitig war die religiöse Ordnung streng und liess nur begrenzten Raum für abweichende Glaubensauffassungen.

Die Hinrichtung des spanischen Theologen Michael Servetus im Jahr 1553 wegen Ketzerei wurde später zu einem viel diskutierten Beispiel religiöser Intoleranz.

Politische Ordnung der Republik

Die Republik Genf besass ein mehrstufiges Rätesystem. Der Kleine Rat führte die laufenden Regierungsgeschäfte. Der Rat der Zweihundert nahm gesetzgeberische und weitere politische Aufgaben wahr.

Der Conseil général bestand formell aus den männlichen Bürgern und Bourgeois. Er entschied über bestimmte grundlegende Fragen und wählte die wichtigsten Amtsträger.

Der Zugang zu den politischen Rechten war beschränkt. Vollberechtigte Bürger und Bourgeois bildeten nur einen Teil der Bevölkerung. Neu zugezogene Einwohner, sogenannte Habitants, und in Genf geborene Nachkommen ohne Bürgerrecht, die Natifs, besassen keine gleichwertigen politischen Rechte.

Auch die Bevölkerung der von Genf beherrschten ländlichen Gebiete war politisch benachteiligt. Die Republik war daher trotz ihrer republikanischen Institutionen keine Demokratie im modernen Sinn.

Im Verlauf des 17. und 18. Jahrhunderts konzentrierte sich die Macht zunehmend auf eine begrenzte Zahl führender Familien. Diese Entwicklung führte wiederholt zu politischen Konflikten.

Konflikt mit Savoyen und Escalade

Das Haus Savoyen akzeptierte die Unabhängigkeit Genfs lange nicht endgültig. Trotz Waffenstillständen und Verhandlungen blieb die Stadt militärisch bedroht.

In der Nacht vom 11. auf den 12. Dezember 1602 versuchten Truppen des Herzogs Karl Emanuel I. von Savoyen, die Stadtmauern heimlich zu überwinden. Rund 300 Soldaten sollten die Befestigung erklimmen und die Tore für das Hauptheer öffnen.

Die Genfer Wachen und Einwohner entdeckten den Angriff und schlugen ihn zurück. Die Kämpfe kosteten sowohl Verteidiger als auch Angreifer das Leben.[6]

Der gescheiterte Angriff wurde als Escalade bekannt. Er entwickelte sich zu einem der wichtigsten Ereignisse der Genfer Erinnerungskultur. Die angebliche Rolle von Catherine Cheynel, genannt Mère Royaume, und ihrem Suppentopf wurde Teil der volkstümlichen Überlieferung.

Der Frieden von Saint-Julien von 1603 bestätigte die Beendigung der Feindseligkeiten und stärkte die tatsächliche Unabhängigkeit der Republik.

Die Escalade wird jedes Jahr im Dezember mit historischen Umzügen, Liedern, Gottesdiensten und Schokoladentöpfen gefeiert.

Wirtschaft im 17. und 18. Jahrhundert

Die Aufnahme protestantischer Flüchtlinge förderte die Entwicklung neuer Gewerbe. Besonders wichtig wurden die Uhrmacherei, die Goldschmiedekunst und die Herstellung wissenschaftlicher Instrumente.

Die strenge reformierte Ordnung beschränkte zeitweise die Verwendung auffälligen Schmucks. Goldschmiede spezialisierten sich deshalb zunehmend auf Uhrengehäuse und kleine kunsthandwerkliche Gegenstände.

Genfer Uhren und Schmuckwaren wurden in ganz Europa und darüber hinaus verkauft. Die Produktion erfolgte in einem Netzwerk aus spezialisierten Werkstätten, Heimarbeitern, Kaufleuten und Financiers.

Auch Bankgeschäfte und internationaler Handel spielten eine wichtige Rolle. Genfer Familien investierten in ausländische Staatsanleihen, Handelsunternehmen und Grundstücke.

In den ländlichen Gebieten der Republik blieben Landwirtschaft, Weinbau und Viehzucht bedeutend. Die Stadt war für ihre Lebensmittelversorgung stark auf das Umland und die Nachbargebiete angewiesen.

Jean-Jacques Rousseau und die Aufklärung

Der 1712 in Genf geborene Jean-Jacques Rousseau bezeichnete sich in seinen Werken stolz als Bürger von Genf. Seine politischen Schriften beeinflussten die europäische Aufklärung und die spätere Entwicklung demokratischer Ideen.

Rousseaus Verhältnis zu seiner Heimatstadt war jedoch konfliktreich. Seine Werke Émile und Du contrat social wurden 1762 in Genf verurteilt und öffentlich verbrannt.

Auch Voltaire, der sich zeitweise in der Umgebung Genfs niederliess, setzte sich kritisch mit der religiösen und kulturellen Ordnung der Republik auseinander.

Die Debatten über Theater, Religion, Volkssouveränität und politische Gleichheit machten Genf zu einem bedeutenden Ort der europäischen Aufklärung.

Gleichzeitig blieb das politische System von sozialen Privilegien geprägt. Der Gegensatz zwischen den regierenden Familien und den politisch benachteiligten Bevölkerungsgruppen verschärfte sich.

Politische Konflikte im 18. Jahrhundert

Im 18. Jahrhundert kam es wiederholt zu Auseinandersetzungen zwischen der Regierung und verschiedenen oppositionellen Gruppen.

Die sogenannten Représentants verlangten, dass der Conseil général seine alten Rechte wirksamer ausüben könne. Die Natifs forderten eine Verbesserung ihrer rechtlichen und politischen Stellung.

Unruhen und Verhandlungen führten zeitweise zu Reformen, die jedoch häufig wieder eingeschränkt wurden. Frankreich, Bern und Zürich vermittelten oder intervenierten in den inneren Konflikten.

1782 setzte eine ausländische militärische Intervention eine konservative Regierung wieder ein. Zahlreiche Oppositionelle verliessen die Stadt und liessen sich in Frankreich, Irland oder anderen Ländern nieder.

Die politische Ordnung blieb dadurch zunächst erhalten, verlor jedoch angesichts der Französischen Revolution rasch an Legitimität.

Genfer Revolution

Die Französische Revolution von 1789 beeinflusste die politischen Auseinandersetzungen in Genf unmittelbar. Forderungen nach Gleichheit, Volkssouveränität und der Aufhebung ständischer Privilegien gewannen an Bedeutung.

1792 brach die alte aristokratische Ordnung zusammen. Revolutionäre Kräfte übernahmen die Macht und erklärten die politische Gleichheit der Bürger.

Eine neue Verfassung trat 1794 in Kraft. Sie erweiterte die politischen Rechte und orientierte sich teilweise an den Ideen der Französischen Revolution.

Die revolutionäre Zeit war zugleich von wirtschaftlicher Unsicherheit, politischen Säuberungen und Konflikten zwischen gemässigten und radikalen Gruppen geprägt.

Die Unabhängigkeit der Republik blieb durch das revolutionäre Frankreich bedroht. Französische Gebietsgewinne schnitten Genf zunehmend von seinen traditionellen Verbindungen ab.

Französische Annexion

Im Frühjahr 1798 besetzten französische Truppen die Stadt. Mit dem Vereinigungsvertrag vom 26. April 1798 wurde Genf der Französischen Republik einverleibt.[7]

Genf wurde Hauptort des neu geschaffenen Départements Léman. Das Département umfasste neben dem früheren Genfer Gebiet auch Teile des heutigen Frankreichs und zeitweise weitere eroberte Regionen.

Die eigenständigen Genfer Behörden und die republikanische Souveränität wurden aufgehoben. Das französische Verwaltungs-, Gerichts-, Steuer- und Bildungssystem trat an ihre Stelle.

Die französische Zeit brachte die rechtliche Gleichheit, die staatliche Zivilstandsführung und moderne Verwaltungsstrukturen. Gleichzeitig litt die Bevölkerung unter wirtschaftlichen Belastungen, Wehrpflicht, Kontinentalsperre und dem Verlust politischer Selbständigkeit.

Genfer Männer dienten in den französischen Armeen. Handel und Industrie waren stark von den napoleonischen Kriegen und den Veränderungen der europäischen Märkte betroffen.

Wiederherstellung der Republik

Nach den militärischen Niederlagen Napoleons zogen die französischen Truppen am 30. Dezember 1813 aus Genf ab. Am folgenden Tag verkündete eine provisorische Regierung die Wiederherstellung der Republik.[7]

Der 31. Dezember wird bis heute als Tag der Restauration begangen. Kanonenschüsse und offizielle Feiern erinnern an die Wiedererlangung der Unabhängigkeit.

Die wiederhergestellte Republik war jedoch klein, militärisch verletzlich und vollständig von französischen und savoyischen Gebieten umgeben. Eine selbständige Zukunft ausserhalb eines grösseren Staatenverbandes erschien kaum dauerhaft gesichert.

Führende Politiker setzten sich deshalb für den Anschluss an die Schweizerische Eidgenossenschaft ein. Besonders wichtig war der Diplomat Charles Pictet de Rochemont, der Genfs Interessen bei den europäischen Mächten vertrat.

Annäherung an die Schweiz

Am 1. Juni 1814 erreichten zwei Freiburger und eine Solothurner Kompanie Genf. Da zwischen Genf und dem übrigen Gebiet der Schweiz noch keine gemeinsame Landgrenze bestand, kamen die eidgenössischen Soldaten über den See am Port-Noir an.[8]

Die Ankunft der Truppen wurde später zu einem Symbol der Verbindung zwischen Genf und der Schweiz. Der 1. Juni wird als kantonaler Erinnerungstag begangen.

Für eine Aufnahme Genfs in die Eidgenossenschaft mussten mehrere Probleme gelöst werden. Die europäischen Mächte mussten die politische Zugehörigkeit anerkennen, der Kanton benötigte eine Verbindung zum schweizerischen Territorium, und seine Grenzen mussten militärisch und wirtschaftlich tragfähiger werden.

Der Wiener Kongress und die Friedensverhandlungen nach den napoleonischen Kriegen schufen die erforderlichen internationalen Grundlagen.

Beitritt zur Eidgenossenschaft

Am 19. Mai 1815 wurde Genf als 22. Kanton in die Schweizerische Eidgenossenschaft aufgenommen.[9]

Der Kanton behielt die republikanische Tradition in seinem offiziellen Namen. Zugleich wurde er Teil des schweizerischen Bundesvertrags von 1815.

Genf war nun durch die eidgenössischen Bündnispflichten geschützt. Es entsandte Vertreter an die Tagsatzung und beteiligte sich an der gemeinsamen Aussen- und Sicherheitspolitik.

Die Aufnahme bedeutete keinen vollständigen Bruch mit der eigenen Geschichte. Die politischen Eliten betrachteten Genf weiterhin als eine Republik, die sich freiwillig mit anderen souveränen Kantonen verbunden hatte.

Communes réunies

Das Gebiet der alten Republik war klein, zersplittert und besass zunächst keine Landverbindung mit der Schweiz. Frankreich und das Königreich Sardinien traten deshalb mehrere Gemeinden an den neuen Kanton ab.

Durch den zweiten Pariser Frieden vom 20. November 1815 gelangten unter anderem Versoix, Meyrin, Vernier, Grand-Saconnex, Pregny, Collex-Bossy und Bellevue an Genf.[10]

Der Vertrag von Turin vom 16. März 1816 führte zur Abtretung zahlreicher savoyischer Gemeinden. Dazu gehörten unter anderem Carouge, Lancy, Onex, Bernex, Veyrier, Hermance, Anières, Collonge-Bellerive und Plan-les-Ouates.[11]

Das neue Gebiet schuf eine Verbindung zum Kanton Waadt und vergrösserte den wirtschaftlich nutzbaren Raum. Rund 16'000 überwiegend katholische und ländlich lebende Menschen kamen zum Kanton.[11]

Die Eingliederung der Communes réunies veränderte das frühere Gleichgewicht grundlegend. Der protestantischen Stadtgemeinde standen nun zahlreiche katholische Landgemeinden gegenüber.

Die internationalen Verträge garantierten den katholischen Gemeinden die freie Religionsausübung und bestimmte kirchliche Rechte. Die konfessionelle Integration blieb dennoch während Jahrzehnten eine politische Herausforderung.

Restaurationsordnung

Die Verfassung von 1814 stellte eine konservative republikanische Ordnung her. Der Conseil d’État bestand aus einer grossen Zahl von Mitgliedern und wurde von führenden Familien beherrscht.

Die Stadt und der Kanton waren zunächst institutionell kaum voneinander getrennt. Die alten Genfer Bürger besassen gegenüber den Bewohnern der neu angeschlossenen Gemeinden weiterhin erhebliche politische Vorteile.

Im Verlauf der 1820er und 1830er Jahre wurden einzelne Reformen eingeführt. Die Lebenszeitämter wurden eingeschränkt und die Vertretung der Gemeinden verbessert.

Die liberale Bewegung forderte eine klarere Gewaltenteilung, breitere politische Rechte und eine gerechtere Vertretung der Bevölkerung.

1841 führten Demonstrationen und politische Verhandlungen zu einer Verfassungsrevision. Die neue Ordnung genügte den radikalen Kräften jedoch nicht.

Radikale Revolution von 1846

Im Oktober 1846 stürzte eine radikale Bewegung unter der Führung von James Fazy die konservative Regierung. Die Revolution verlief im Vergleich zu anderen europäischen Erhebungen mit begrenzter Gewalt.

Fazy und seine Anhänger vertraten ein Programm der politischen Demokratisierung, wirtschaftlichen Modernisierung und städtischen Öffnung.

Die Verfassung vom 24. Mai 1847 wurde zur Grundlage des modernen Genfer Staates. Sie stärkte die Volkssouveränität, führte eine klarere Gewaltenteilung ein und ordnete die Institutionen neu.[12]

Der siebenköpfige Staatsrat entwickelte sich zur kantonalen Regierung. Der Grosse Rat bildete die gesetzgebende Behörde.

Die Verfassung von 1847 blieb mit zahlreichen Änderungen bis 2013 in Kraft. Damit gehörte sie zu den langlebigsten Kantonsverfassungen der Schweiz.

Schleifung der Befestigungen und Stadtentwicklung

Die radikale Regierung liess die alten Stadtbefestigungen abtragen. Die Mauern hatten die räumliche Entwicklung behindert und waren militärisch weitgehend überholt.

Auf dem früheren Befestigungsgelände entstanden neue Strassen, Plätze, Wohnquartiere und öffentliche Gebäude. Die Stadt wuchs über ihre mittelalterlichen Grenzen hinaus.

Die Schleifung der Mauern erleichterte die Verbindung zwischen der historischen Stadt, den Vorstädten und den umliegenden Gemeinden.

Genf entwickelte sich zu einer modernen Stadt mit neuen Schulen, Verkehrsanlagen, Spitälern und Verwaltungsgebäuden. Zugleich verstärkte das Wachstum die Konkurrenz zwischen Stadt und Landgemeinden.

Die politische Neuordnung beseitigte schrittweise ältere rechtliche Unterschiede zwischen den Bewohnern der Stadt und der Communes réunies.

Genf im Schweizer Bundesstaat

Genf unterstützte 1848 die Gründung des modernen Schweizer Bundesstaates. Wichtige Zuständigkeiten wie Aussenpolitik, Zoll, Post, Währung und Teile des Militärwesens gingen an den Bund über.

Der Genfer General Guillaume Henri Dufour hatte bereits 1847 die eidgenössischen Truppen im Sonderbundskrieg geführt. Seine zurückhaltende Kriegführung trug dazu bei, die Zahl der Opfer zu begrenzen.

Dufour wurde zu einer nationalen Persönlichkeit. Er wirkte als Ingenieur, Kartograf, Politiker und Mitbegründer des späteren Internationalen Komitees vom Roten Kreuz.

Die föderale Ordnung ermöglichte Genf, seine eigenen politischen und kulturellen Traditionen zu bewahren. Gleichzeitig wurde der Kanton enger in den schweizerischen Wirtschafts- und Rechtsraum eingebunden.

Industrialisierung

Die Genfer Industrialisierung entwickelte sich aus der Uhrmacherei, der Schmuckherstellung, der Feinmechanik und dem Druckgewerbe.

Uhren wurden zunehmend arbeitsteilig und für internationale Märkte hergestellt. Neben kleinen Werkstätten entstanden grössere Unternehmen und Fabriken.

Die Präzisionsmechanik förderte später die Herstellung wissenschaftlicher Instrumente, Maschinen und elektrischer Geräte. Auch die chemische und pharmazeutische Industrie gewann an Bedeutung.

Der Ausbau der Eisenbahn verband Genf mit Lausanne, Lyon und weiteren europäischen Zentren. Der Bahnhof Cornavin entwickelte sich zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt.

Die Banken und Vermögensverwaltungen profitierten von der politischen Stabilität, den internationalen Beziehungen und der langen Tradition des Handelsplatzes.

Gleichzeitig entstand eine wachsende Arbeiterschaft. Wohnungsnot, niedrige Löhne und unsichere Arbeitsverhältnisse führten zur Gründung von Gewerkschaften, Genossenschaften und sozialistischen Organisationen.

Gründung des Roten Kreuzes

Der Genfer Geschäftsmann Henry Dunant veröffentlichte 1862 sein Buch Eine Erinnerung an Solferino. Darin schilderte er das Leiden verwundeter Soldaten und forderte die Gründung freiwilliger Hilfsgesellschaften.

Am 17. Februar 1863 trat in Genf ein fünfköpfiges Komitee zusammen. Aus ihm entwickelte sich das Internationale Komitee vom Roten Kreuz.[13]

Dem Komitee gehörten neben Dunant unter anderem Guillaume Henri Dufour, Gustave Moynier, Louis Appia und Théodore Maunoir an.

1864 fand in Genf eine diplomatische Konferenz statt, an der die erste Genfer Konvention zur Verbesserung des Loses verwundeter Soldaten angenommen wurde.

Die humanitäre Bewegung stärkte Genfs internationale Bedeutung. Das rote Kreuz auf weissem Grund wurde als Umkehrung der Schweizer Flagge gestaltet.

Kulturkampf und Religionspolitik

Die Eingliederung der katholischen Gemeinden hatte das konfessionelle Verhältnis im Kanton verändert. Im 19. Jahrhundert führten die Beziehungen zwischen Staat und Kirchen wiederholt zu Konflikten.

Während des Kulturkampfs versuchte die radikale Regierung, den Einfluss der römisch-katholischen Hierarchie zu begrenzen. Geistliche wurden ausgewiesen, Orden eingeschränkt und kirchliche Vermögensfragen staatlich geregelt.

Der Konflikt trug zur Entstehung einer christkatholischen Gemeinschaft bei. Viele Katholiken der Communes réunies hielten jedoch an der römisch-katholischen Kirche fest.

Am 30. Juni 1907 stimmte die Genfer Bevölkerung für die Aufhebung des staatlichen Kultusbudgets und die Trennung von Kirche und Staat. Die neue Ordnung trat am 1. Januar 1908 in Kraft.[14]

Genf wurde damit zu einem der ersten Kantone mit einer konsequent laizistischen Staatsordnung. Die geltende Verfassung bezeichnet den Staat ausdrücklich als laizistisch.

Erster Weltkrieg

Während des Ersten Weltkriegs blieb die Schweiz neutral. Genf lag jedoch unmittelbar an der Grenze zu Frankreich und war stark von den politischen und wirtschaftlichen Folgen des Krieges betroffen.

Die französischsprachige Öffentlichkeit zeigte vielfach Sympathien für Frankreich und die Entente. Gleichzeitig bemühte sich die Schweiz um die Wahrung ihrer Neutralität.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz richtete in Genf die Internationale Zentralstelle für Kriegsgefangene ein. Sie sammelte Informationen über Millionen von Gefangenen und Vermissten.

Teuerung, Lebensmittelknappheit und soziale Ungleichheit belasteten die Bevölkerung. Arbeiterorganisationen gewannen an Einfluss.

Auch in Genf kam es 1918 im Zusammenhang mit dem Landesstreik zu Arbeitsniederlegungen und politischen Spannungen.

Völkerbund und internationales Genf

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Genf zum Sitz des Völkerbundes. Die erste Versammlung trat 1920 in der Stadt zusammen.

Die Wahl Genfs beruhte auf der schweizerischen Neutralität, der humanitären Tradition und der internationalen Lage der Stadt.

Für den Völkerbund wurde später der Palais des Nations errichtet. Diplomaten, internationale Beamte, Journalisten und Fachleute liessen sich in Genf nieder.

Neben dem Völkerbund kamen die Internationale Arbeitsorganisation und weitere Institutionen in die Stadt. Genf entwickelte sich dadurch zu einem bedeutenden Zentrum multilateraler Zusammenarbeit.

Die Präsenz internationaler Organisationen beeinflusste den Wohnungsmarkt, die Infrastruktur, den Verkehr und die kulturelle Zusammensetzung des Kantons.

Politische und soziale Krise der Zwischenkriegszeit

Die Weltwirtschaftskrise verschärfte die sozialen Gegensätze. Arbeitslosigkeit, wirtschaftliche Unsicherheit und politische Radikalisierung prägten die frühen 1930er Jahre.

Rechtsgerichtete und faschistisch orientierte Bewegungen gewannen zeitweise an Einfluss. Ihnen standen starke sozialistische und kommunistische Organisationen gegenüber.

Am 9. November 1932 setzte die Regierung Armeetruppen gegen eine antifaschistische Demonstration in Plainpalais ein. Soldaten eröffneten das Feuer auf die Menschenmenge. 13 Personen wurden getötet und 65 verletzt.[15]

Die Erschiessungen gehörten zu den schwersten innenpolitischen Gewaltereignissen der modernen Schweiz. Sie hinterliessen tiefe politische und gesellschaftliche Gräben.

1933 wurde eine mehrheitlich sozialistische Kantonsregierung unter Léon Nicole gewählt. Sie verfügte jedoch über keine entsprechende Mehrheit im Grossen Rat und blieb nur während einer Legislaturperiode im Amt.

Zweiter Weltkrieg

Während des Zweiten Weltkriegs war Genf erneut eine Grenzregion. Nach der deutschen Besetzung Frankreichs und der Errichtung des Vichy-Regimes wurde die Lage besonders angespannt.

Die Grenze wurde militärisch bewacht. Flüchtlinge aus Frankreich und anderen besetzten Ländern versuchten, über die Genfer Region in die Schweiz zu gelangen.

Ein Teil der Schutzsuchenden wurde aufgenommen, andere wurden zurückgewiesen. Die schweizerische Flüchtlingspolitik und die Entscheidungen lokaler Behörden wurden nach dem Krieg kritisch untersucht.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz koordinierte von Genf aus umfangreiche humanitäre Aktivitäten. Die Organisation stand später auch wegen ihrer zurückhaltenden öffentlichen Haltung gegenüber der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik in der Kritik.

Die Bevölkerung litt unter Rationierung, eingeschränktem Handel und wirtschaftlicher Unsicherheit. Der Kanton blieb jedoch von direkten Kriegshandlungen verschont.

Nachkriegszeit

Nach 1945 erlebte Genf ein starkes Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum. Der Dienstleistungssektor, Banken, Handel, Industrie und internationale Organisationen schufen zahlreiche Arbeitsplätze.

Das europäische Büro der neu gegründeten Vereinten Nationen bezog den Palais des Nations. Genf wurde zu einem der wichtigsten Standorte des UN-Systems.

Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation, die Internationale Fernmeldeunion, die Weltorganisation für Meteorologie und später die Welthandelsorganisation verstärkten die internationale Funktion.

1954 wurde in der Genfer Region die Europäische Organisation für Kernforschung gegründet. Das Forschungszentrum CERN liegt teilweise im Kanton Genf und teilweise im benachbarten Frankreich.

Das Wachstum führte zur Entstehung neuer Wohnquartiere und Vorstädte. Gemeinden wie Meyrin, Vernier, Lancy, Onex und Carouge verzeichneten einen starken Bevölkerungsanstieg.

Die räumliche Entwicklung überschritt zunehmend die Staatsgrenze. Viele Menschen wohnten in Frankreich und arbeiteten im Kanton Genf.

Frauenstimmrecht

Genfer Frauenorganisationen setzten sich seit dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert für politische Gleichberechtigung ein.

Mehrere kantonale Vorlagen zum Frauenstimmrecht wurden von den männlichen Stimmberechtigten abgelehnt. Erst am 6. März 1960 nahmen sie eine entsprechende Verfassungsänderung an.[16]

Frauen erhielten damit das Stimm- und Wahlrecht auf kantonaler und kommunaler Ebene. Genf war nach Waadt und Neuenburg der dritte Schweizer Kanton, der diesen Schritt vollzog.[17]

Bei den kantonalen Wahlen von 1961 konnten Frauen erstmals wählen und kandidieren. In den folgenden Jahrzehnten stieg ihr Anteil in Parlamenten und Regierungen schrittweise.

Auf eidgenössischer Ebene wurde das Frauenstimmrecht erst 1971 eingeführt.

Wirtschaftlicher Strukturwandel

Seit den 1970er Jahren nahm die Bedeutung traditioneller Industriebranchen ab. Gleichzeitig wuchsen Finanzdienstleistungen, Rohstoffhandel, internationale Organisationen, Beratung, Informatik und Forschung.

Die Uhrmacherei blieb als hochwertiger und international ausgerichteter Wirtschaftszweig bedeutend. Mehrere bekannte Hersteller und Zulieferer haben ihren Sitz oder wichtige Einrichtungen im Kanton.

Der Genfer Finanzplatz spezialisierte sich auf Vermögensverwaltung, Privatbanken, Handelsfinanzierung und internationale Kundschaft.

Der Rohstoffhandel entwickelte sich zu einem weiteren wichtigen Bereich. Zahlreiche international tätige Unternehmen steuern von Genf aus den Handel mit Erdöl, Metallen, Getreide und weiteren Gütern.

Die wirtschaftliche Internationalisierung brachte Wohlstand und Steuereinnahmen, führte aber auch zu Diskussionen über Wohnkosten, soziale Ungleichheit, Verkehr, Transparenz und Abhängigkeit von globalen Märkten.

Grenzüberschreitende Agglomeration

Die wirtschaftliche Entwicklung des Kantons lässt sich nicht von seinem französischen Umland trennen. Tausende Grenzgängerinnen und Grenzgänger pendeln täglich aus den Departementen Haute-Savoie und Ain nach Genf.

Wohnungsbau, Verkehr, Umweltschutz und Raumplanung müssen deshalb zunehmend grenzüberschreitend koordiniert werden.

Die Einrichtung der grenzüberschreitenden Bahnverbindung Léman Express im Jahr 2019 verbesserte den öffentlichen Verkehr zwischen dem Kanton, dem Kanton Waadt und den französischen Nachbargebieten.

Die moderne Agglomeration wird häufig als Grand Genève bezeichnet. Sie besitzt jedoch keine gemeinsame staatliche Regierung. Entscheidungen beruhen auf Verträgen und Kooperationen zwischen schweizerischen und französischen Gebietskörperschaften.

Die grenzüberschreitende Entwicklung setzt eine lange historische Tradition fort: Das politische Territorium des Kantons ist klein, während sein wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Einfluss weit über die Landesgrenze reicht.

Neue Kantonsverfassung

Die Verfassung von 1847 war im Verlauf von mehr als 160 Jahren durch zahlreiche Teilrevisionen verändert worden. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde deshalb eine vollständige Neufassung vorbereitet.

2008 wählte die Bevölkerung eine Verfassungsgebende Versammlung. Diese erarbeitete während vier Jahren einen neuen Text.

Am 14. Oktober 2012 nahmen die Stimmberechtigten die neue Verfassung mit 54,1 Prozent Ja-Stimmen an.[18]

Die Verfassung trat am 1. Juni 2013 in Kraft.[19]

Sie enthält einen modernen Grundrechtskatalog und regelt die politischen Rechte, Behörden, Gemeinden und Staatsaufgaben. Die Amtsdauer des Grossen Rates und des Staatsrates wurde auf fünf Jahre verlängert.

Die Verfassung bezeichnet Genf als demokratische Republik, die auf Freiheit, Gerechtigkeit, Verantwortung und Solidarität beruht. Sie bestätigt den laizistischen Charakter des Staates und berücksichtigt die internationale sowie grenzüberschreitende Stellung des Kantons.

Historische Identität

Die Genfer Identität verbindet die Erinnerung an eine selbständige Republik mit der Zugehörigkeit zur Schweiz.

Der Schlüssel und der Adler im Genfer Wappen verweisen auf die frühere Verbindung geistlicher und weltlicher Herrschaft. Der Wahlspruch Post tenebras lux erinnert an die Reformation.

Die Escalade steht für die Verteidigung der städtischen Unabhängigkeit. Die Restauration von 1813 und die Ankunft der eidgenössischen Truppen am Port-Noir symbolisieren den Übergang von der Stadtrepublik zum Schweizer Kanton.

Die Communes réunies erinnern daran, dass der heutige Kanton erst nach dem Beitritt zur Eidgenossenschaft seine territoriale Gestalt erhielt. Ihre Eingliederung machte Genf zu einem konfessionell und gesellschaftlich vielfältigeren Gemeinwesen.

Die humanitäre Tradition des Roten Kreuzes und die internationalen Organisationen prägen das moderne Selbstverständnis als Ort der Diplomatie und des internationalen Rechts.

Gleichzeitig gehören politische Konflikte, soziale Ungleichheit, die Ereignisse von 1932 und die Auseinandersetzungen um demokratische Teilhabe zur kantonalen Geschichte.

Siehe auch

Literatur

  • Paul Guichonnet (Hrsg.): Histoire de Genève. Privat, Toulouse und Payot, Lausanne 1974.
  • Alfred Dufour: Histoire de Genève. Presses Universitaires de France, Paris 1997.
  • Jean-Antoine Gautier: Histoire de Genève des origines à l’année 1691. 11 Bände, Genf 1896–1911.
  • Antony Babel: Histoire économique de Genève des origines au début du XVIe siècle. Genf 1963.
  • Louis Binz: Brève histoire de Genève. Chancellerie d’État, Genf.
  • Irène Herrmann: Genève entre République et canton. Les vicissitudes d’une intégration nationale, 1814–1846. Éditions Passé Présent, Genf 2003.
  • Olivier Fatio (Hrsg.): Genève au temps de la Réforme. Genf.
  • Bernard Lescaze: Genève, cité de Calvin. Genf.
  • Charles Heimberg: L’histoire de Genève au XXe siècle. Genf.
  • Martine Piguet u. a.: Genf (Kanton). In: Historisches Lexikon der Schweiz.

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Genf (Kanton), in: Historisches Lexikon der Schweiz.
  2. Genève est-elle la première ville suisse à avoir été citée dans un texte écrit?, Stadt Genf.
  3. La République de Genève: ressort judiciaire, Staatsarchiv des Kantons Genf.
  4. Crises et révolutions: une période cruciale de l’histoire de Genève, Staatsarchiv des Kantons Genf.
  5. Farel et Calvin à Genève, Staatsarchiv des Kantons Genf.
  6. L’Escalade, Staatsarchiv des Kantons Genf.
  7. 7,0 7,1 Commémoration de la Restauration de la République, Republik und Kanton Genf.
  8. Arrivée des Suisses au Port-Noir le 1er juin 1814, Staatsarchiv des Kantons Genf.
  9. Entrée de Genève dans la Confédération, Staatsarchiv des Kantons Genf.
  10. Les sources directes: communes réunies, Staatsarchiv des Kantons Genf.
  11. 11,0 11,1 Traités de Paris et de Turin, Staatsarchiv des Kantons Genf.
  12. Conseil d’État, Republik und Kanton Genf.
  13. Unsere Geschichte, Internationales Komitee vom Roten Kreuz.
  14. Le temple de Saint-Jean inscrit à l’inventaire cantonal, Republik und Kanton Genf.
  15. Le 9 novembre 1932 en affiches, Kanton Genf.
  16. Depuis 1960 seulement: votation du 6 mars 1960, Republik und Kanton Genf.
  17. L’histoire du suffrage féminin genevois en affiches, Republik und Kanton Genf.
  18. Résultats de la votation du 14 octobre 2012, Republik und Kanton Genf.
  19. Constitution de la République et canton de Genève, Republik und Kanton Genf.