Birr AG

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Birr AG

Gemeindedaten

Staat

Schweiz

Kanton

Aargau

Bezirk

Brugg

BFS-Nummer

4092

Postleitzahl

5242

Koordinaten

47.43579° N, 8.20303° E

Höhe

402 m ü. M.

Fläche

5,05 km²

Einwohner

4'883
(Stand: 2026)

Website

www.birr.ch

Birr ist eine politische Gemeinde im Bezirk Brugg des Kantons Aargau in der Schweiz. Sie liegt am westlichen Rand des Birrfelds zwischen Brugg und Lenzburg und ist mit der Nachbargemeinde Lupfig weitgehend zusammengewachsen.

Die Gemeinde wandelte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von einem landwirtschaftlich geprägten Dorf zu einem bedeutenden Industrie- und Wohnort. Überregional bekannt ist Birr als Wirkungsstätte des Pädagogen und Sozialreformers Johann Heinrich Pestalozzi, der auf dem Gut Neuhof eine landwirtschaftliche Versuchsanstalt und eine Schule für arme Kinder betrieb.

Geographie

Birr liegt rund fünf Kilometer südlich von Brugg am westlichen Rand der flachen Ebene des Birrfelds. Das historische Dorfzentrum befindet sich am Fuss des Chestenbergs, eines bewaldeten Höhenzuges, der das Gemeindegebiet im Süden begrenzt. Der höchste Punkt des Gemeindegebiets liegt am Chestenberg auf rund 645 Metern über Meer.

Das Siedlungsgebiet von Birr ist nach Westen und Nordwesten nahezu ohne Unterbrechung mit Lupfig verbunden. Östlich des Dorfkerns entstanden im 20. Jahrhundert ausgedehnte Wohnquartiere, während sich im Norden und Nordwesten grössere Industrie- und Gewerbezonen entwickelten.

Das Gemeindegebiet umfasst 5,05 Quadratkilometer. Davon sind rund 176 Hektaren bewaldet und etwa 161 Hektaren überbaut.[1]

Nachbargemeinden sind Lupfig im Westen und Norden, Birrhard im Osten, Brunegg im Südosten sowie Möriken-Wildegg im Südwesten.

Geschichte

Mittelalter und Berner Herrschaft

Die älteste bekannte schriftliche Erwähnung des Ortes stammt aus dem Jahr 1270. Damals wurde Birr als «Bire» bezeichnet. In diesem Zusammenhang erwarb das Kloster Wettingen Güter im Dorf.[2]

Archäologische Funde weisen darauf hin, dass das Gebiet bereits während der Römerzeit und im Frühmittelalter besiedelt war. Birr gehörte im Mittelalter zum Eigenamt, einem habsburgischen Herrschaftsgebiet zwischen Aare und Reuss. Verschiedene grundherrschaftliche Rechte gelangten 1397 und 1411 an das Kloster Königsfelden.

Nach der Eroberung des westlichen Aargaus durch die Stadt Bern im Jahr 1415 wurde Birr Teil des bernischen Untertanengebiets. Bern löste das Kloster Königsfelden 1528 im Zuge der Reformation auf und übernahm dessen Rechte.

Die ursprünglich von Windisch abhängige Kapelle wurde während der Reformation zur selbstständigen Pfarrkirche erhoben. Die heutige reformierte Kirche entstand 1662 nach Plänen des Berner Münsterwerkmeisters Abraham Dünz.[3]

Nach dem Ende der alten Eidgenossenschaft gehörte Birr ab 1798 zum Kanton Baden der Helvetische Republik. Mit der Gründung des Kantons Aargau im Jahr 1803 wurde die Gemeinde dem Bezirk Brugg zugeteilt.

Pestalozzi und der Neuhof

Johann Heinrich Pestalozzi erwarb 1769 Land bei Birr und liess dort das Gut Neuhof errichten. 1771 zog er mit seiner Familie auf den Hof. Sein ursprünglicher Plan, mit neuen Anbaumethoden einen wirtschaftlich erfolgreichen Landwirtschaftsbetrieb aufzubauen, scheiterte.

Ab 1774 nahm Pestalozzi arme Kinder auf dem Neuhof auf. Sie erhielten Unterricht und arbeiteten zugleich in der Landwirtschaft sowie bei der Verarbeitung von Baumwolle. Pestalozzi wollte Bildung, praktische Arbeit und soziale Fürsorge miteinander verbinden. Wegen finanzieller Schwierigkeiten musste die Einrichtung um 1780 geschlossen werden.

Die auf dem Neuhof gewonnenen Erfahrungen beeinflussten Pestalozzis spätere pädagogische Schriften und Schulprojekte. Das Gut entwickelte sich dadurch zu einem wichtigen Erinnerungsort der europäischen Bildungsgeschichte. Seit 1914 wird der Neuhof erneut als Bildungs- und Erziehungseinrichtung genutzt.[4]

Industrialisierung und Bevölkerungswachstum

Bis weit ins 20. Jahrhundert blieb Birr ein überwiegend landwirtschaftlich geprägtes Dorf. Ein tiefgreifender Wandel setzte nach 1950 ein. Die Brown, Boveri & Cie. (BBC) errichtete zwischen Birr und Lupfig einen grossen Industriebetrieb. Die Produktion wurde 1960 aufgenommen.

Für die Beschäftigten entstanden neue Wohnquartiere. Besonders bedeutend war die Grosssiedlung «In den Wyden», für die rund 500 Wohnungen sowie Einrichtungen des täglichen Bedarfs geplant wurden. Ein erheblicher Teil der Wohnungen war für ausländische Arbeitskräfte und deren Familien bestimmt.[5]

Durch die industrielle Entwicklung stieg die Einwohnerzahl innerhalb weniger Jahrzehnte stark an. Das Dorf wuchs mit Lupfig zusammen und erhielt einen zunehmend städtischen Charakter. Gleichzeitig ging die Bedeutung der Landwirtschaft deutlich zurück.

Bevölkerung

Birr zählte Anfang 2026 insgesamt 4'883 Einwohnerinnen und Einwohner. Auf dem Gemeindegebiet leben Menschen aus rund 70 Nationen. Der Anteil der ausländischen Wohnbevölkerung liegt bei ungefähr 47 Prozent.[6]

Das starke Bevölkerungswachstum seit der Mitte des 20. Jahrhunderts steht in engem Zusammenhang mit der Ansiedlung der Maschinen- und Energieindustrie. Während Birr 1950 noch weniger als 900 Einwohner hatte, überschritt die Bevölkerungszahl bereits in den 1970er-Jahren die Marke von 3'000 Personen.

Die Amtssprache ist Deutsch. Im Alltag wird überwiegend eine hochalemannische Mundart gesprochen. Durch den hohen Anteil zugewanderter Einwohnerinnen und Einwohner sind zudem zahlreiche weitere Sprachen verbreitet.

Politik und Verwaltung

Die Legislative der Gemeinde ist die Gemeindeversammlung. Stimmberechtigte Einwohnerinnen und Einwohner entscheiden dort unter anderem über das Budget, die Gemeinderechnung, Reglemente und grössere Investitionen. Beschlüsse der Gemeindeversammlung können unter bestimmten Voraussetzungen dem fakultativen Referendum unterstellt werden.

Die Exekutive bildet der fünfköpfige Gemeinderat. Seine Mitglieder werden für eine Amtsperiode von vier Jahren im Majorzverfahren gewählt. Der Gemeindeammann und der Vizeammann werden ebenfalls direkt durch die Stimmberechtigten bestimmt.[7]

Neben der Einwohnergemeinde bestand in Birr eine Ortsbürgergemeinde. Die Stimmberechtigten genehmigten am 8. März 2026 den Zusammenschluss der Ortsbürgergemeinde mit der Einwohnergemeinde. Die Vereinigung soll am 1. Januar 2027 wirksam werden.[8]

Die Gemeinde trägt die BFS-Nummer 4092.[9]

Wirtschaft

Die Wirtschaft von Birr wird wesentlich durch Industrie, Energietechnik, Maschinenbau, Gewerbe und Dienstleistungen geprägt. Der Ausbau des BBC-Werks veränderte die wirtschaftliche und soziale Struktur der Gemeinde grundlegend. Nach der Fusion von BBC und der schwedischen Asea im Jahr 1988 gehörten die Anlagen zeitweise zum ABB-Konzern.

Heute betreibt GE Vernova in Birr ein Produktions- und Servicezentrum für Komponenten der Energietechnik. Der Standort ist insbesondere auf Arbeiten an Rotoren und anderen Bauteilen von Gas- und Dampfturbinen spezialisiert.[10]

Neben den grossen Industriebetrieben bestehen zahlreiche kleine und mittlere Unternehmen aus den Bereichen Bau, Handel, Logistik, Fahrzeugtechnik und persönliche Dienstleistungen. Viele Einwohner arbeiten zudem in den nahe gelegenen Zentren Brugg, Baden, Lenzburg und Zürich.

Auf dem Industrieareal wurde 2022 und 2023 ein temporäres Reservekraftwerk mit acht mobilen Gasturbinen errichtet. Es sollte im Fall einer schweren Strommangellage zusätzliche Leistung bereitstellen. Nach Ablauf der vorgesehenen Betriebsperiode begann im Mai 2026 der Rückbau der Anlage. Der Abschluss der Arbeiten war bis Ende 2026 vorgesehen.[11]

Verkehr

Birr liegt an der Hauptstrasse zwischen Brugg und Lenzburg. Über Lupfig besteht eine kurze Verbindung zum Anschluss Brugg der Autobahn A3. Weitere regionale Strassen führen in Richtung Birrhard, Brunegg und Möriken-Wildegg.

Der Bahnhof Birr befindet sich an der Bahnstrecke Brugg–Hendschiken, die 1882 eröffnet wurde. Er wird von Linien der S-Bahn Aargau bedient. Direkte Verbindungen bestehen unter anderem nach Brugg, Lenzburg, Aarau und Baden. Regionale Buslinien erschliessen weitere Gemeinden des Eigenamts.[12]

Durch die Nähe zu den Autobahnanschlüssen und den Bahnverbindungen entwickelte sich Birr zu einem gut erreichbaren Wohn- und Arbeitsort.

Bildung

Die Gemeinde verfügt über Kindergärten und eine Primarschule. Die schulischen Einrichtungen dienen aufgrund des Bevölkerungswachstums auch als wichtige soziale und kulturelle Treffpunkte.

Das historische Pestalozzi-Schulhaus wurde 1846 an der Stelle eines älteren Schulgebäudes errichtet. Es bildet zusammen mit dem davor stehenden Pestalozzi-Denkmal ein prägendes Ensemble im Dorfzentrum.

Weiterführende Schulen, Berufsfachschulen und Mittelschulen befinden sich unter anderem in Brugg, Windisch, Baden, Lenzburg und Aarau. Mit der Fachhochschule Nordwestschweiz in Brugg-Windisch liegt eine bedeutende Hochschule in unmittelbarer Nähe.

Sehenswürdigkeiten

Reformierte Kirche

Die reformierte Kirche von Birr wurde 1662 durch Abraham Dünz errichtet. Der schlichte Saalbau steht erhöht über dem historischen Dorfzentrum. Zur Anlage gehören das Pfarrhaus und der Friedhof. Die Kirche ist ein wichtiges Zeugnis der bernisch-reformierten Baukultur im Aargau.

Pestalozzi-Schulhaus und Pestalozzi-Denkmal

Das Pestalozzi-Schulhaus entstand 1846 nach Plänen des Architekten Caspar Joseph Jeuch. Vor dem Gebäude wurde im selben Jahr ein Denkmal für Johann Heinrich Pestalozzi eingeweiht. Es besteht aus einer Büste des Pädagogen auf einem hohen Sockel.

Das Denkmal besitzt nationale Bedeutung und steht unter kantonalem Denkmalschutz. Die Büste wurde vom Bildhauer Johann Ehrler geschaffen. Die Fassadengestaltung des Schulhauses wurde 1906 durch ein Sgraffito des Künstlers Werner Büchly ergänzt.[13]

Neuhof

Der südwestlich des Dorfes gelegene Neuhof erinnert an Pestalozzis frühe pädagogische Tätigkeit. Zum Gebäudekomplex gehören das historische Wohnhaus und mehrere später errichtete Bauten. Die Institution ist weiterhin in der beruflichen und sozialen Integration junger Menschen tätig.

Der Neuhof gehört zu den wichtigsten Pestalozzi-Gedenkstätten der Schweiz und veranschaulicht die Verbindung von Landwirtschaft, Bildung und Sozialreform im Denken des Pädagogen.

Grosssiedlung «In den Wyden»

Die in den 1960er-Jahren entstandene Siedlung «In den Wyden» dokumentiert den raschen industriellen und gesellschaftlichen Wandel Birrs. Sie wurde als weitgehend eigenständiges Wohnquartier mit mehrgeschossigen Wohnbauten, Grünflächen und Versorgungseinrichtungen geplant.

Die Anlage gilt als charakteristisches Beispiel des schweizerischen Siedlungsbaus der Nachkriegszeit und der Wohnraumbeschaffung für die Beschäftigten grosser Industriebetriebe.

Wappen

Die Blasonierung des Gemeindewappens lautet: «In Blau eine gelbe Birne an grünem Blätterzweig.»

Die Birne macht das Wappen zu einem redenden Wappen, da ihr Name an den Ortsnamen Birr erinnert. Darstellungen einer Birne sind auf Gemeindesiegeln seit dem 19. Jahrhundert belegt.

Persönlichkeiten

Siehe auch

Literatur

  • Max Baumann, Andreas Steigmeier: Birr. Geschichte einer Gemeinde. Gemeinde Birr, Birr 1991.
  • Michael Stettler, Emil Maurer: Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau. Band II: Die Bezirke Lenzburg und Brugg. Birkhäuser, Basel 1953.

Einzelnachweise

  1. Statistisches Jahrbuch des Kantons Aargau – Gemeinden des Bezirks Brugg, Statistik Aargau, abgerufen am 3. August 2026.
  2. Geschichte, Gemeinde Birr, abgerufen am 3. August 2026.
  3. Andreas Steigmeier: Birr. In: Historisches Lexikon der Schweiz, Version vom 9. Dezember 2020, abgerufen am 3. August 2026.
  4. Neuhof. In: Historisches Lexikon der Schweiz, Version vom 7. September 2010, abgerufen am 3. August 2026.
  5. Grosssiedlung «In den Wyden» in Birr, Kantonale Denkmalpflege Aargau, 22. November 2021, abgerufen am 3. August 2026.
  6. Zahlen und Fakten, Gemeinde Birr, abgerufen am 3. August 2026.
  7. Gemeinderat, Gemeinde Birr, abgerufen am 3. August 2026.
  8. Mitteilungen aus dem Gemeindehaus, Ausgabe 3/2026, Gemeinde Birr, 9. März 2026, abgerufen am 3. August 2026.
  9. Gemeinde Birr, BFS-Nummer 4092, Bundesamt für Statistik, abgerufen am 3. August 2026.
  10. Birr Service Center, GE Vernova, abgerufen am 3. August 2026.
  11. Informationen zum Rückbau des temporären Reservekraftwerks, Gemeinde Birr, 18. Mai 2026, abgerufen am 3. August 2026.
  12. Reformierte Kirche Birr – Anreise, Reformierte Kirchen Aargau, abgerufen am 3. August 2026.
  13. Pestalozzi-Denkmal, 1846, Kantonale Denkmalpflege Aargau, abgerufen am 3. August 2026.