Alpstein
| Gebirgsgruppe | Appenzeller Alpen |
|---|---|
| Gebirgssystem | Alpen |
| Lage | Nordostschweiz |
| Kantone | Appenzell Innerrhoden Appenzell Ausserrhoden St. Gallen |
| Höchster Gipfel | Säntis |
| Höhe | 2502 m ü. M. |
| Bedeutende Gipfel | Altmann Wildhuser Schofberg Hundstein Marwees Hoher Kasten |
| Bedeutende Bergseen | Seealpsee Fälensee Sämtisersee |
| Hauptgesteine | Kalkstein, Mergel und weitere marine Sedimentgesteine |
| Hauptgewässer | Quellgebiet von Sitter und Thur |
| Touristische Zentren | Wasserauen, Schwägalp, Brülisau und Wildhaus |
Der Alpstein ist ein voralpines Kalkmassiv in der Nordostschweiz und bildet den markantesten Teil der Appenzeller Alpen. Das Gebirge liegt im Grenzgebiet der Kantone Appenzell Innerrhoden, Appenzell Ausserrhoden und St. Gallen. Sein höchster Gipfel ist der 2502 Meter hohe Säntis, der das Massiv weithin sichtbar überragt.
Der Alpstein zeichnet sich durch eng aufeinanderfolgende Bergketten, steile Kalkwände, schmale Grate, tief eingeschnittene Täler und mehrere Bergseen aus. Die helle Farbe des Schrattenkalks, die grünen Alpweiden und die unmittelbaren Gegensätze zwischen Fels und Kulturlandschaft prägen sein Erscheinungsbild. Trotz seiner im Vergleich zu den Zentralalpen geringen Ausdehnung besitzt das Gebirge ein ausgesprochen alpines Relief.
Die Bezeichnungen Alpstein und Säntisgebiet werden teilweise gleichbedeutend verwendet. Im engeren geografischen Sinn bezeichnet das Säntisgebirge den zentralen, aus drei annähernd von Südwesten nach Nordosten verlaufenden Höhenzügen bestehenden Teil des Alpsteins.[1]
Lage und Abgrenzung
Der Alpstein liegt am nördlichen Rand der Alpen. Im Osten fällt das Gebirge steil zum St. Galler Rheintal ab. Im Süden und Südwesten wird es vom Obertoggenburg mit den Ortschaften Wildhaus, Unterwasser und Alt St. Johann begrenzt. Nördlich und nordwestlich schliesst das hügelige Appenzellerland an.
Wichtige Ausgangsorte für Touren im Alpstein sind:
- Appenzell;
- Weissbad;
- Wasserauen;
- Brülisau;
- Urnäsch;
- Schwägalp;
- Wildhaus;
- Unterwasser;
- Sax und Frümsen im Rheintal.
Der überwiegende Teil des inneren Alpsteins liegt auf dem Gebiet von Appenzell Innerrhoden. Die westlichen und nordwestlichen Ausläufer um Schwägalp und Säntis reichen nach Appenzell Ausserrhoden und in den Kanton St. Gallen. Die südlichen und östlichen Ketten gehören teilweise zum Toggenburg und zum St. Galler Rheintal.
Der Alpstein ist der nördlichste stark ausgeprägte Hochgebirgsstock der Schweizer Alpen. Von den Gipfeln reicht die Sicht über das Schweizer Mittelland, den Bodensee, das Rheintal, den Rätikon, die Glarner Alpen und bei guter Fernsicht bis zu weit entfernten Gebirgsgruppen.
Topografie
Der Alpstein besteht aus drei annähernd parallel verlaufenden Bergketten. Sie ziehen überwiegend von Südwesten nach Nordosten und werden durch tief eingeschnittene Längstäler voneinander getrennt. Quer verlaufende Brüche, Scharten und Tobel gliedern die Ketten zusätzlich.
Das Relief ist ungewöhnlich dicht. Zwischen den Talböden und den Gipfeln liegen auf kurzer horizontaler Distanz häufig mehr als 1000 Höhenmeter. Besonders vom Rheintal aus wirken die Kalkwände des Hohen Kastens, der Staubernkanzel und der Kreuzberge wie eine nahezu geschlossene Mauer.
Zu den auffälligen Landschaftsformen gehören:
- die Felsketten zwischen Schäfler, Altenalptürmen, Öhrli und Säntis;
- das Becken von Seealp und Meglisalp;
- die Kalkmassive von Marwees, Widderalpstöcken, Hundstein und Freiheit;
- der langgestreckte Fälensee zwischen steilen Felswänden;
- die Kette von Hohem Kasten, Staubern, Kreuzbergen und Saxerlücke;
- die Gipfelregionen von Altmann, Jöchliturm und Wildhuser Schofberg;
- die steilen Abstürze zum Rheintal und ins Obertoggenburg.
Das Innere des Gebirges ist nur an wenigen Stellen durch Fahrstrassen erschlossen. Viele Alpen, Berggasthäuser und Übergänge sind ausschliesslich zu Fuss oder mit kleinen Material- und Personenseilbahnen erreichbar.
Gipfel
Hauptartikel: Säntis
Der Säntis ist der höchste und bekannteste Gipfel des Alpsteins. Der Altmann gilt als zweithöchster selbstständiger Berg des Massivs und ist ein klassisches Ziel für erfahrene Berggänger und Kletterer.
| Gipfel | Höhe | Lage und Merkmale |
|---|---|---|
| Säntis | 2502 m | Höchster Gipfel des Alpsteins; Bergstation, Wetterstation und Sendeturm |
| Altmann | 2435 m | Zweithöchster Berg des Alpsteins und bedeutender Klettergipfel |
| Wildhuser Schofberg | 2373 m | Markanter Gipfel über Wildhaus und dem Obertoggenburg |
| Jöchliturm | 2335 m | Aussichtsgipfel zwischen Wildhuser Schofberg und Nädliger |
| Hundstein | 2156 m | Dominierender Kalkstock am hinteren Ende des Fälensees |
| Marwees | 2055 m | Langgestreckter Grat zwischen Seealpsee und Sämtisersee |
| Hoher Kasten | 1794 m | Aussichtsberg über dem Rheintal mit Seilbahn und geologischem Wanderweg |
| Ebenalp | 1644 m | Hochfläche oberhalb von Wasserauen und Ausgangspunkt zum Wildkirchli |
Die Höhenangaben und Charakterisierungen entsprechen den Angaben des SAC-Tourenportals und der jeweiligen Bergbahnen.[2][3]
Neben den genannten Bergen besitzt der Alpstein zahlreiche Felsköpfe und Türme. Dazu gehören die Altenalptürme, Fählentürme, Widderalpstöcke, Freiheittürme, Dreifaltigkeit, Bogartenfirst, Roslenfirst, Mutschen, Staubernkanzel und die acht Kreuzberge.
Bergketten und Übergänge
Die drei Hauptketten werden durch Scharten und Pässe miteinander verbunden. Viele dieser Übergänge waren für die Alpwirtschaft von Bedeutung und gehören heute zum Bergwanderwegnetz.
Zu den wichtigsten Übergängen zählen:
| Übergang | Höhe | Verbindung |
|---|---|---|
| Rotsteinpass | 2120 m | Meglisalp und Toggenburg |
| Altmannsattel | 2368 m | Fählengebiet und Zwinglipassregion |
| Zwinglipass | rund 2010 m | Alpstein und Obertoggenburg |
| Saxerlücke | 1649 m | Fälensee und St. Galler Rheintal |
| Bogartenlücke | 1709 m | Wasserauen und Sämtisersee |
| Widderalpsattel | 1855 m | Sämtisersee, Marwees und Hundstein |
| Wagenlücke | rund 2070 m | Meglisalp und Säntisregion |
Der Lisengrat zwischen Säntis und Rotsteinpass ist kein eigentlicher Pass, sondern ein teilweise ausgesetzter Gratweg. Er gehört zu den bekanntesten gesicherten Bergwegen des Alpsteins.
Geologie
Der Alpstein gehört geologisch zu den helvetischen Kalkalpen. Seine Gesteine entstanden überwiegend als Ablagerungen in einem Meer, das sich während des Erdmittelalters und des frühen Tertiärs am Rand des damaligen europäischen Kontinents befand.
Auf dem Meeresboden lagerten sich Kalkschlamm, Ton, Sand und die kalkhaltigen Überreste von Tieren ab. Durch Verfestigung entstanden Kalksteine, Mergel und Sandsteine. Fossilien von Muscheln, Ammoniten, Seeigeln, Korallen und anderen Meeresorganismen belegen die marine Entstehung.[4]
Besonders auffällig ist der hellgraue Schrattenkalk. Er entstand in einem warmen, flachen Meer und enthält häufig Fossilien von Rudisten, einer ausgestorbenen Gruppe riffbildender Muscheln. Der widerstandsfähige Schrattenkalk bildet zahlreiche steile Wände, Türme und scharfkantige Grate.
Zwischen den festen Kalkbänken liegen weichere Mergel- und Tonschichten. Sie verwittern schneller und bilden Grasbänder, Mulden und Alpweiden. Der Wechsel von hartem und weichem Gestein erklärt den charakteristischen stufenförmigen Aufbau vieler Alpsteinberge.
Während der Entstehung der Alpen wurden die Sedimentpakete nach Norden geschoben, gefaltet, übereinandergeschoben und teilweise zerbrochen. Im Alpstein sind diese Falten und Überschiebungen besonders gut sichtbar. Das Gebirge gilt deshalb als anschauliches Beispiel eines Faltengebirges.
Der geologische Wanderweg vom Hohen Kasten über Staubern und die Saxerlücke zur Bollenwees erläutert die Entstehung des Massivs anhand von Schautafeln. Er war der erste geologische Wanderweg dieser Art in der Schweiz.[5]
Karst und Höhlen
Der Kalkstein des Alpsteins wird durch leicht saures Regen- und Schmelzwasser aufgelöst. Dieser Vorgang erzeugt typische Karstformen wie Karrenfelder, Dolinen, Spalten, Schächte und Höhlen.
An der Oberfläche entstehen scharfkantige Rinnen und Rillen. Unterirdisch fliesst Wasser durch Klüfte und Höhlensysteme ab. Dadurch besitzen mehrere Täler und Seen keinen sichtbaren oberirdischen Abfluss.
Die bekanntesten Höhlen sind die Wildkirchlihöhlen unterhalb der Ebenalp. Archäologische Grabungen brachten dort zahlreiche Knochen von Höhlenbären und steinzeitliche Werkzeuge ans Licht. Das Fundmaterial wird dem Paläolithikum zugeordnet und weist auf zeitweilige menschliche Anwesenheit vor ungefähr 30'000 Jahren hin.[6]
In einer der Höhlen befindet sich eine kleine Kapelle. Von 1679 bis 1853 lebten zeitweise Einsiedler beim Wildkirchli. Das erhaltene Eremitenhaus erinnert an diese religiöse Nutzung.[1]
Gewässer
Der Alpstein ist Quellgebiet der Sitter und der Thur. Zahlreiche Bäche entspringen in den steilen Tälern und Tobeln. Wegen des verkarsteten Untergrunds verlaufen Teile der Entwässerung unterirdisch.
Die drei bekanntesten Bergseen sind Seealpsee, Fälensee und Sämtisersee.
Seealpsee
Hauptartikel: Seealpsee
Der Seealpsee liegt in einem Talkessel südlich von Wasserauen. Er ist von Alpweiden, Wald und steilen Bergflanken umgeben. Über dem See erheben sich unter anderem Marwees, Bogartenfirst und die Säntisgruppe.
Der See ist über einen steilen Fahr- und Wanderweg von Wasserauen erreichbar. Wegen seiner landschaftlichen Lage und der umliegenden Berggasthäuser gehört er zu den meistbesuchten Ausflugszielen im Alpstein.
Fälensee
Der schmale Fälensee liegt zwischen Hundstein, Altmann, Kreuzbergen und Roslenfirst. Seine steilen Ufer und das bei ungünstigem Licht beinahe schwarze Wasser verleihen ihm einen fjordartigen Charakter.
Am östlichen Ende befindet sich das Berggasthaus Bollenwees. Der See besitzt keinen sichtbaren oberirdischen Abfluss. Sein Wasser versickert im Kalkuntergrund und tritt später im St. Galler Rheintal wieder zutage.[7]
Sämtisersee
Der Sämtisersee liegt südlich der Alp Sigel in einem breiten, von Weiden geprägten Talboden. Auch er besitzt keinen ständig sichtbaren oberirdischen Abfluss. Bei längeren Trockenperioden kann sein Wasserstand stark sinken.
Fälensee und Sämtisersee sind durch Wanderwege miteinander verbunden. Zusammen mit dem Seealpsee bilden sie die touristisch beworbene Drei-Seen-Wanderung des inneren Alpsteins.[7]
Klima
Die Lage am Alpennordrand führt im Alpstein zu hohen Niederschlagsmengen. Feuchte Luftmassen aus nördlichen und westlichen Richtungen werden am Gebirge zum Aufsteigen gezwungen und kühlen sich dabei ab. Dadurch entstehen häufig Wolken, Regen und im Winter ergiebige Schneefälle.
Der Säntis ist aufgrund seiner exponierten Lage starken Winden und raschen Wetterwechseln ausgesetzt. Auf seinem Gipfel werden seit dem 19. Jahrhundert meteorologische Beobachtungen durchgeführt. Die heutige Messstation gehört zum schweizerischen Wetterbeobachtungsnetz.
In geschützten Mulden unterhalb des Säntis bleiben Schneefelder teilweise bis weit in den Sommer erhalten. Zu ihnen gehören der Grosse Schnee und der Blaue Schnee. Eigentliche grössere Gletscher besitzt der Alpstein nicht.
Das Wetter kann sich auch während kurzer Touren rasch verändern. Nebel erschwert auf Hochflächen und in Karrenfeldern die Orientierung, während Gewitter auf den ausgesetzten Graten ein besonderes Risiko darstellen.
Pflanzenwelt
Der Alpstein besitzt aufgrund seiner grossen Höhenunterschiede, der unterschiedlichen Exposition und des Wechsels von Kalk, Mergel, Fels und Weideflächen eine vielfältige Pflanzenwelt.
In den tieferen Lagen wachsen Buchen-, Tannen- und Fichtenwälder. Mit zunehmender Höhe gehen sie in Bergföhrenbestände, Zwergstrauchheiden und alpine Rasen über. Auf Felsbändern und Schutthalden kommen spezialisierte Kalkpflanzen vor.
Typische Arten sind unter anderem:
- Alpenrose;
- Enzian;
- Silberwurz;
- Edelweiss;
- Aurikel;
- Alpenaster;
- Türkenbund;
- verschiedene Orchideen;
- Steinbrech- und Primelarten.
Auf dem Hohen Kasten befindet sich ein rund 5000 Quadratmeter grosser Alpengarten. Dort werden etwa 300 Pflanzenarten aus dem Alpenraum gezeigt.[8]
Die heutige Vegetation wurde über Jahrhunderte durch die Alpwirtschaft geprägt. Rodung, Beweidung und das Mähen von Wildheu schufen offene Lebensräume, die bei einer vollständigen Aufgabe der Nutzung teilweise wieder verbuschen würden.
Tierwelt
Im Alpstein leben Gämsen, Steinböcke, Rothirsche, Rehe, Füchse, Murmeltiere und verschiedene kleinere Säugetiere. Zu den charakteristischen Vogelarten gehören Steinadler, Kolkrabe, Alpendohle, Birkhuhn und Schneehuhn.
Zum Schutz der stark verminderten Hochwildbestände erklärten die Kantone St. Gallen, Appenzell Innerrhoden und Appenzell Ausserrhoden das Säntisgebirge 1866 zum Jagdbannbezirk.[1] Das heutige eidgenössische Jagdbanngebiet Säntis umfasst bedeutende Lebensräume für Gämse, Rothirsch und weitere Wildtiere.
In den Schutzgebieten gelten besondere Regeln. Markierte Wege dürfen grundsätzlich benutzt werden, einzelne Wege und Räume können jedoch zum Schutz störungsempfindlicher Tiere zeitweise oder dauerhaft gesperrt sein.[9]
Der Steinbock wurde nach seiner Ausrottung im Alpenraum im 20. Jahrhundert wiederangesiedelt. Heute können Tiere besonders in den Felsgebieten um Altmann, Rotsteinpass und Lisengrat beobachtet werden.
Besiedlung und frühe Nutzung
Die Wildkirchlifunde belegen eine zeitweilige Nutzung des Gebirges in der Altsteinzeit. Eine dauerhafte Besiedlung der tieferen Gebiete entstand jedoch wesentlich später.
Romanische Flurnamen im Obertoggenburg und im Innerrhoder Berggebiet weisen darauf hin, dass der Alpstein am Rand des rätoromanischen Siedlungsraums lag. Im Zuge der alemannischen Besiedlung entstanden dauerhaft bewohnte Einzelhöfe.
Die Abtei St. Gallen spielte eine wichtige Rolle bei der Erschliessung und wirtschaftlichen Nutzung des Berglands. Zahlreiche Alpen und Weiderechte standen unter klösterlichem Einfluss.
Mehrere Alpbezeichnungen sind bereits 1071 urkundlich belegt, darunter Soll, Potersalp und Meglisalp. Einkünfterödel nennen Abgaben in Form von Käse, Ziger und Vieh. Die Vieh- und Milchwirtschaft war somit spätestens seit dem Hochmittelalter ein wesentlicher Wirtschaftszweig.[1]
Alpwirtschaft
Die Alpen des Alpsteins liegen überwiegend zwischen 900 und 1900 Metern. Sie befinden sich traditionell vielfach in Privat- oder genossenschaftlichem Besitz.
Im Sommer wird Vieh auf die Hochweiden getrieben. Die Milch wird teilweise direkt auf den Alpen zu Käse, Butter und weiteren Produkten verarbeitet. Der Alpaufzug und die Alpfahrt sind bis heute mit Trachten, Schellen, Musik und weiteren Bräuchen verbunden.
Im 19. Jahrhundert bestanden allein auf appenzellischem Gebiet mehr als 200 Alpbetriebe. Viele historische Alpgebäude sind erhalten geblieben, auch wenn sich Bewirtschaftung, Transport und Milchverarbeitung verändert haben.[1]
Bedeutende Alpgebiete sind:
- Seealp;
- Meglisalp;
- Altenalp;
- Fählenalp;
- Bollenwees;
- Sämtis;
- Alp Sigel;
- Widderalp;
- Potersalp;
- Schwägalp;
- Teselalp.
Die Meglisalp besitzt aufgrund ihrer eng gruppierten Gebäude und der kleinen Kapelle den Charakter eines Sennendorfs. Sie liegt in einem geschützten Hochtal zwischen Säntis und Altmann.
Sennenkultur
Im Alpstein und im angrenzenden Appenzellerland entwickelte sich eine eigenständige Sennenkultur. Zu ihr gehören Alpkäseherstellung, Naturjodel, Talerschwingen, Schellenschötten, Bauernmalerei, Weissküferei und Sennensattlerei.
Darstellungen von Alpaufzügen, Sennen, Kühen und Bergketten gehören zu den klassischen Motiven der Appenzeller Bauernmalerei. Der Säntis und die gezackten Silhouetten des Alpsteins bilden häufig den landschaftlichen Hintergrund.
Auf mehreren Alpen finden während des Sommers Berggottesdienste statt. Bekannte Feiern werden beim Wildkirchli, auf der Meglisalp, beim Plattenbödeli und in der Bollenwees durchgeführt.[10]
Touristische Erschliessung
Die wissenschaftliche und touristische Entdeckung des Alpsteins setzte im 18. Jahrhundert ein. Zu den frühen Beschreibungen gehörte die zwischen 1723 und 1725 verfasste Darstellung der Appenzeller Gebirge durch Pater Clemens Geiger.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts untersuchte Christoph Jezeler die Natur des Gebiets. Im 19. Jahrhundert folgten bedeutende geologische und botanische Arbeiten von Albert Escher von der Linth, Albert Heim, Johannes Georg Schläpfer und Johann Konrad Rechsteiner.[1]
Die Molkenkurorte Gais und Weissbad machten die Region bei wohlhabenden Gästen bekannt. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Wanderwege angelegt und Berggasthäuser eröffnet. Frühe Gasthäuser entstanden unter anderem auf der Hochalp, beim Wildkirchli, auf der Ebenalp und auf dem Säntis.
Der Bau mehrerer Luftseilbahnen erleichterte im 20. Jahrhundert den Zugang:
| Bahn | Eröffnung | Verbindung |
|---|---|---|
| Säntis-Schwebebahn | 1935 | Schwägalp–Säntis |
| Luftseilbahn Wasserauen–Ebenalp | 1955 | Wasserauen–Ebenalp |
| Luftseilbahn Brülisau–Hoher Kasten | 1964 | Brülisau–Hoher Kasten |
| Luftseilbahn Jakobsbad–Kronberg | 1964 | Jakobsbad–Kronberg |
Hinzu kommen kleinere Bahnen und Seilbahnen zur Alp Sigel, nach Staubern und zu einzelnen Alpen. Der grösste Teil des inneren Alpsteins blieb dennoch frei von öffentlichen Strassen.
Säntis-Schwebebahn
Die Säntis-Schwebebahn führt von der Schwägalp auf den Gipfel des Säntis. Sie überwindet mehr als 1100 Höhenmeter und erschliesst den höchsten Punkt des Gebirges ohne Fussaufstieg.
Auf dem Gipfel befinden sich Aussichtsplattformen, Gastronomiebetriebe, technische Anlagen, eine Wetterstation und ein Sendeturm. Der Säntis dient zugleich als Ausgangs- oder Endpunkt anspruchsvoller Bergwanderungen über Lisengrat, Rotsteinpass, Öhrli und Wagenlücke.[11]
Berggasthäuser und Hütten
Eine Besonderheit des Alpsteins ist das dichte Netz traditioneller Berggasthäuser. Viele bieten Verpflegung und einfache Übernachtungsmöglichkeiten an.
Zu den bekannten Häusern gehören:
- Berggasthaus Äscher;
- Berggasthaus Ebenalp;
- Berggasthaus Schäfler;
- Berggasthaus Mesmer;
- Berggasthaus Meglisalp;
- Berggasthaus Rotsteinpass;
- Berggasthaus Tierwis;
- Berggasthaus Bollenwees;
- Berggasthaus Plattenbödeli;
- Berggasthaus Staubern;
- Berggasthaus Ruhesitz;
- Berggasthaus Alter Säntis.
Der Äscher steht unmittelbar an einer Felswand unterhalb der Ebenalp und ist durch seine spektakuläre Lage international bekannt geworden. Er ist von der Ebenalp durch die Wildkirchlihöhlen erreichbar.
Daneben bestehen SAC- und Rettungshütten. Die Zwinglipasshütte der SAC-Sektion Toggenburg liegt auf 1999 Metern am Fuss der Altmann-Südwand. Die Hundsteinhütte der SAC-Sektion Säntis befindet sich oberhalb des Fälensees.[12]
Wandern
Der Alpstein besitzt ein dichtes Netz aus Wanderwegen, Bergwanderwegen und alpinen Routen. Das Angebot reicht von kurzen Spaziergängen bei Bergstationen bis zu langen, ausgesetzten Überschreitungen.
Bekannte Touren sind:
- Wasserauen–Seealpsee;
- Ebenalp–Wildkirchli–Äscher;
- Brülisau–Sämtisersee–Fälensee;
- Drei-Seen-Wanderung;
- Hoher Kasten–Staubern–Saxerlücke;
- Ebenalp–Schäfler–Meglisalp;
- Meglisalp–Rotsteinpass–Säntis;
- Schwägalp–Tierwis–Säntis;
- Marwees-Überschreitung;
- Wildhaus–Zwinglipass–Altmannsattel;
- Lisengrat zwischen Säntis und Rotsteinpass.
Die sogenannte Königstour verbindet die drei Bergketten des Alpsteins auf einer mehrtägigen Strecke. Sie umfasst rund 84 Kilometer und mehr als 5000 Höhenmeter.[13]
Einige Wege verlaufen über steile Grasflanken oder ausgesetzte Felsbänder. Weiss-blau-weiss markierte Routen setzen alpine Erfahrung, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit voraus.
Klettern
Der Alpstein ist eines der bedeutendsten Kalkklettergebiete der Ostschweiz. Die zahlreichen Wände, Grate und Türme bieten Routen in sehr unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden.
Wichtige Klettergebiete sind:
- Kreuzberge;
- Altmann;
- Hundstein und Freiheit;
- Wildhuser Schofberg;
- Fählentürme;
- Widderalpstöcke;
- Marwees;
- Dreifaltigkeit;
- Altenalptürme;
- Säntis;
- Ebenalp und Äscher.
Die acht Kreuzberge ragen als steile Felstürme über dem Rheintal auf. Sie gehören zu den klassischen alpinen Kletterzielen der Schweiz. Viele Routen sind ausgesetzt und verlangen Erfahrung im Umgang mit alpinem Kalkgestein.
Der Kletterführer des Schweizer Alpen-Clubs beschreibt 24 Klettergebiete und zahlreiche Mehrseillängen-, Grat- und Sportkletterrouten.[14]
Die Qualität des Gesteins variiert. Kompakter Schrattenkalk bietet häufig guten Halt, während verwitterte Mergelzonen und einzelne Gipfelbereiche brüchig sein können.
Wintersport
Im Winter wird der Alpstein für Skitouren, Schneeschuhwanderungen und Winterbergsteigen genutzt. Kleinere Wintersportgebiete bestehen unter anderem auf der Ebenalp und im Umfeld des Kronbergs.
Skitouren im inneren Alpstein sind wegen steiler Hänge, langer Zustiege, Karstspalten und erheblicher Lawinengefahr anspruchsvoll. Abfahrten vom Säntis, Altmannsattel oder Jöchliturm sind erfahrenen Tourengängern vorbehalten.
Wildruhezonen und das eidgenössische Jagdbanngebiet schränken das freie Begehen einzelner Hänge ein. Im Winter sollen ausschliesslich erlaubte Routen benutzt und Sperrungen beachtet werden.
Natur- und Landschaftsschutz
Der Alpstein ist zugleich Naturraum, Landwirtschaftsgebiet und stark besuchte Freizeitlandschaft. Daraus entstehen Konflikte zwischen Tourismus, Alpwirtschaft und dem Schutz empfindlicher Lebensräume.
Zu den Schutzinstrumenten gehören:
- das eidgenössische Jagdbanngebiet Säntis;
- kantonale Wildruhezonen;
- Moorlandschaften und Moore von nationaler Bedeutung;
- Waldreservate;
- Pflanzenschutzgebiete;
- zeitlich begrenzte Weg- und Klettersperrungen;
- Besucherlenkung durch markierte Wege.
Besonders störungsempfindlich sind Raufusshühner, überwinterndes Schalenwild und brütende Felsvögel. Hunde müssen in bestimmten Gebieten an der Leine geführt werden.
Auch die intensive Nutzung beliebter Ziele wie Seealpsee, Äscher, Ebenalp, Hoher Kasten und Säntis stellt hohe Anforderungen an Wegunterhalt, Abfallentsorgung, Rettungswesen und öffentliche Verkehrsverbindungen.
Gefahren und Bergrettung
Die geringe Höhe des Alpsteins darf nicht über seine alpinen Gefahren hinwegtäuschen. Steile Grasflanken, glatter Kalk, ausgesetzte Grate, lose Steine und rasche Wetterwechsel führen regelmässig zu Unfällen.
Besondere Risiken sind:
- Absturz auf steilen Bergwegen;
- Orientierungsverlust bei Nebel;
- Steinschlag;
- Gewitter und Blitzschlag;
- Altschneefelder im Frühsommer;
- Lawinen im Winter;
- unterschätzte Gehzeiten;
- fehlende Ausrüstung auf alpinen Routen.
Für Rettungseinsätze bestehen regionale Rettungskolonnen, die mit der Alpinen Rettung Schweiz, der Rega, den Bergbahnen und den kantonalen Behörden zusammenarbeiten.
Viele Bergwege sind nur während der schneefreien Jahreszeit sicher begehbar. Aktuelle Wegzustände, Wetterprognosen und Schutzbestimmungen sollen vor jeder längeren Tour geprüft werden.
Alpstein in Kultur und Kunst
Der Alpstein prägt die Identität des Appenzellerlands und des Obertoggenburgs. Seit dem frühen Mittelalter erscheint das Gebirge in Sagen, Chroniken und religiösen Überlieferungen. Später wurde es zum Motiv von Literatur, Landschaftsmalerei, Fotografie und Tourismuswerbung.[1]
Eine Innerrhoder Sage erklärt die Entstehung von Seealpsee, Fälensee und Sämtisersee als Freudentränen Gottes beim Anblick der Landschaft. Die drei Seen werden darin als «Gottes Augenwasser» bezeichnet.[15]
In der Bauernmalerei bildet die gezackte Bergsilhouette häufig den Hintergrund für Alpaufzüge und Szenen aus dem Sennenleben. Der Säntis entwickelte sich zu einem Symbol der gesamten Ostschweiz.
Auch Flur- und Bergnamen spiegeln die sprachliche Geschichte wider. Romanische oder vorromanische Bestandteile finden sich beispielsweise in Marwees und Sämtis, während Namen wie Schwendi, Rüti und Äscher auf Rodung und landwirtschaftliche Nutzung verweisen.
Wirtschaftliche Bedeutung
Die traditionelle wirtschaftliche Grundlage bildeten Viehzucht, Milchwirtschaft, Käseproduktion, Holznutzung und saisonale Alpweiden. Heute besitzen Tourismus und Freizeitwirtschaft eine zusätzliche grosse Bedeutung.
Bergbahnen, Gasthäuser, Beherbergungsbetriebe, öffentlicher Verkehr, Bergführer, Wanderangebote und der Verkauf regionaler Produkte schaffen Arbeitsplätze in den umliegenden Gemeinden.
Die Landschaft selbst ist ein wichtiger Standortfaktor für das Appenzellerland, das Toggenburg und das Rheintal. Gleichzeitig soll die touristische Nutzung so gelenkt werden, dass Alpbetriebe, Wildtiere und empfindliche Pflanzenbestände möglichst wenig beeinträchtigt werden.
Siehe auch
- Säntis
- Altmann (Berg)
- Hoher Kasten
- Ebenalp
- Seealpsee
- Fälensee
- Sämtisersee
- Wildkirchli
- Äscher
- Schwägalp
- Appenzeller Alpen
- Appenzellerland
- Obertoggenburg
- St. Galler Rheintal
Literatur
- Werner Küng: Alpstein. Säntis, Kreuzberge, Hundstein, Altmann. Kletterführer, 4. Auflage, SAC-Verlag, Bern 2022.
- Werner Küng: Alpstein. Säntis, Kreuzberge, Hundstein, Altmann. SAC-Verlag, Bern 2011, ISBN 978-3-85902-329-1.
- Hans Meier: Der Alpstein. Natur und Kultur im Säntisgebiet. Appenzeller Verlag, Herisau.
- Adi Kälin: Säntis. Berg, Wetter, Menschen. Hier und Jetzt, Baden 2015.
- Heinrich Grosser: Die Erschliessung des Alpsteins. In: Innerrhoder Geschichtsfreund. Band 9, 1962, S. 55–84.
- Hermann Hager: Pflanzenreich Alpstein. Appenzell.
- Peter Witschi: Alpstein. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
Weblinks
- Alpstein im Historischen Lexikon der Schweiz
- Alpstein bei Appenzellerland Tourismus
- SAC-Tourenportal
- Geologischer Panoramaweg Hoher Kasten–Saxerlücke
- Säntis-Schwebebahn
- Luftseilbahn Wasserauen–Ebenalp
- Hoher Kasten
- Eidgenössische Jagdbanngebiete beim Bundesamt für Umwelt
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 1,6 Peter Witschi: Alpstein. In: Historisches Lexikon der Schweiz, Version vom 5. Juni 2001.
- ↑ Schweizer Alpen-Club: SAC-Tourenportal, Einträge zu Säntis, Altmann, Wildhuser Schofberg, Jöchliturm, Hundstein und Marwees.
- ↑ Hoher Kasten Drehrestaurant und Seilbahn AG: Seilbahn Hoher Kasten, abgerufen am 2. August 2026.
- ↑ Hoher Kasten Drehrestaurant und Seilbahn AG: Auf den Spuren der Erdgeschichte – Geologischer Wanderweg Hoher Kasten–Staubern–Saxerlücke–Bollenwees.
- ↑ Hoher Kasten Drehrestaurant und Seilbahn AG: Geologischer Panoramaweg, abgerufen am 2. August 2026.
- ↑ Appenzellerland Tourismus AI: Wildkirchlihöhlen, abgerufen am 2. August 2026.
- ↑ 7,0 7,1 Appenzellerland Tourismus AI: Drei-Seen-Wanderung, abgerufen am 2. August 2026.
- ↑ Hoher Kasten Drehrestaurant und Seilbahn AG: Alpengarten Hoher Kasten, abgerufen am 2. August 2026.
- ↑ Bundesamt für Umwelt: Eidgenössische Jagdbanngebiete, Objekt Säntis.
- ↑ Appenzellerland Tourismus AI: Berggottesdienste, abgerufen am 2. August 2026.
- ↑ Säntis-Schwebebahn AG: Säntis-Schwebebahn, abgerufen am 2. August 2026.
- ↑ Schweizer Alpen-Club: Zwinglipasshütte, abgerufen am 2. August 2026.
- ↑ Appenzellerland Tourismus AI: Die Königstour im Alpstein.
- ↑ Schweizer Alpen-Club: Klettern – Alpstein, Säntis, Kreuzberge, Hundstein und Altmann, 2022.
- ↑ Appenzellerland Tourismus AI: Sage «Gottes Augenwasser», abgerufen am 2. August 2026.
Wikimedia Commons: Medien zu Alpstein