Die Schweiz im Ersten Weltkrieg

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Die Schweiz im Ersten Weltkrieg
Schweizer Soldaten während des Grenzbesetzungsdienstes
Zeitraum 1914–1918
Staatsform Bundesstaat
Internationale Stellung Bewaffnete Neutralität
Mobilmachung Ab 1. August 1914
Oberbefehlshaber General Ulrich Wille
Eingezogene Truppen Rund 220'000 Soldaten innerhalb der ersten Mobilmachungswoche
Zentrale Aufgaben Grenzschutz, Wahrung der Neutralität, Landesversorgung und humanitäre Hilfe
Wichtige innenpolitische Ereignisse Oberstenaffäre, Grimm-Hoffmann-Affäre, soziale Proteste und Landesstreik
Kriegsende Waffenstillstand vom 11. November 1918

Die Schweiz im Ersten Weltkrieg blieb während des gesamten Konflikts von 1914 bis 1918 militärisch neutral und wurde nicht unmittelbar zum Kriegsschauplatz. Der Krieg wirkte sich dennoch tiefgreifend auf Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und das tägliche Leben aus. Die bewaffnete Neutralität erforderte eine umfangreiche Mobilmachung der Schweizer Armee, während die Abhängigkeit von ausländischen Rohstoffen und Lebensmitteln das Land in den europäischen Wirtschaftskrieg hineinzog.

Die Schweiz war auf eine militärische Grenzbesetzung besser vorbereitet als auf die wirtschaftlichen und sozialen Folgen eines lang dauernden totalen Krieges. Versorgungskrisen, Teuerung, Arbeitslosigkeit, Lohneinbussen und eine ungleichmässige Verteilung der Kriegsgewinne verschärften bestehende gesellschaftliche Gegensätze. Am Ende des Kriegs stand das Land mit dem Landesstreik von 1918 vor seiner schwersten innenpolitischen Krise seit der Gründung des Bundesstaates.[1]

Der Krieg verstärkte zugleich die staatliche Zentralisierung. Der Bund übernahm neue Aufgaben in der Wirtschaftslenkung, Lebensmittelversorgung, Preisüberwachung, Sozialpolitik und Besteuerung. Viele dieser Eingriffe wurden nach dem Krieg teilweise wieder aufgehoben, prägten aber die weitere Entwicklung des schweizerischen Sozial- und Wirtschaftsstaats.

Ausgangslage

Die Schweiz war bei Kriegsausbruch ein neutraler, föderalistischer und mehrsprachiger Bundesstaat mit rund 3,9 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Ihre Wirtschaft war stark international verflochten. Die Industrie exportierte Maschinen, Uhren, Textilien, Chemikalien und weitere Erzeugnisse, während das Land bei Lebensmitteln, Kohle, Metallen und anderen Rohstoffen erheblich von Importen abhängig war.

Die dauernde Neutralität der Schweiz war seit dem Wiener Kongress von 1815 international anerkannt. Neutralität bedeutete, dass sich die Schweiz nicht an einem Krieg zwischen anderen Staaten beteiligen und keine der Konfliktparteien militärisch unterstützen durfte. Zugleich war sie verpflichtet, ihr Staatsgebiet gegen Verletzungen durch fremde Truppen zu schützen.

Die geopolitische Lage war besonders anspruchsvoll. Die Schweiz grenzte im Norden an das Deutsche Reich, im Westen an Frankreich, im Osten an Österreich-Ungarn und im Süden an Italien. Damit war sie von Staaten umgeben, die entweder von Beginn an oder ab 1915 am Krieg beteiligt waren.

Die sprachlichen und kulturellen Beziehungen zu den Nachbarstaaten beeinflussten die öffentliche Meinung. In Teilen der Deutschschweiz bestanden starke kulturelle und wissenschaftliche Bindungen an Deutschland. In der Romandie überwog häufig die Sympathie für Frankreich und die Entente. Diese unterschiedlichen Orientierungen belasteten den inneren Zusammenhalt.

Kriegsausbruch

Die Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 in Sarajevo löste eine europäische Krise aus. Nach der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien am 28. Juli weitete sich der Konflikt innerhalb weniger Tage aus.

Am 31. Juli 1914 ordnete der Bundesrat die Pikettstellung der Armee an. Am 1. August beschloss er die allgemeine Mobilmachung. Innerhalb einer Woche rückten rund 220'000 Soldaten in den Aktivdienst ein.[2]

Am 3. August 1914 erteilte die Vereinigte Bundesversammlung dem Bundesrat umfassende Vollmachten zur Wahrung der Sicherheit, Unabhängigkeit und Neutralität des Landes. Am selben Tag wählte sie den deutschschweizerischen Korpskommandanten Ulrich Wille zum General und damit zum Oberbefehlshaber der Armee.

Die Wahl Willes war von Beginn an umstritten. Er galt als Bewunderer des preussisch-deutschen Militärsystems und war mit einer Angehörigen der Familie von Bismarck verheiratet. Vor allem in der französischsprachigen Schweiz begegnete man ihm deshalb mit Misstrauen.

Neutralitätserklärung

Der Bundesrat erklärte gegenüber den kriegführenden Mächten, dass die Schweiz ihre Neutralität wahren und verteidigen werde. Die Erklärung stützte sich auf das internationale Neutralitätsrecht und die schweizerische Verfassung.

Die Neutralität bezog sich in erster Linie auf militärische Handlungen. Wirtschaftliche Beziehungen zu den Konfliktparteien blieben grundsätzlich möglich, wurden jedoch durch Blockaden, Exportverbote, Kontrollen und politische Druckmittel immer stärker eingeschränkt.

Die Schweiz musste verhindern, dass ihr Territorium für militärische Operationen, Truppentransporte oder die Versorgung einer Kriegspartei genutzt wurde. Fremde Soldaten, die die Grenze überschritten, waren grundsätzlich zu entwaffnen und zu internieren.

Trotz ihrer Neutralität konnte die Schweiz dem europäischen Machtkampf nicht vollständig entgehen. Sowohl die Entente als auch die Mittelmächte versuchten, den schweizerischen Aussenhandel zu überwachen und für ihre Interessen zu beeinflussen.

Wahl von General Ulrich Wille

Ulrich Wille war seit der Armeereform des späten 19. Jahrhunderts eine prägende und umstrittene Persönlichkeit des schweizerischen Militärwesens. Er setzte sich für strenge Disziplin, zentralisierte Führung und eine Ausbildung nach preussischem Vorbild ein.

Bei der Generalswahl erhielt Wille den Vorzug gegenüber dem ebenfalls als Kandidaten betrachteten Theophil Sprecher von Bernegg. Sprecher wurde Chef des Generalstabs und arbeitete während des Aktivdiensts eng mit Wille zusammen.

Die Armeeführung wurde wiederholt für ihre deutschfreundliche Haltung kritisiert. Die Spannungen verschärften sich durch öffentliche Äusserungen, personelle Entscheidungen und die Oberstenaffäre.

Wille verstand die Armee nicht nur als Instrument zur Verteidigung gegen äussere Feinde. Er betrachtete sie auch als Garant der inneren Ordnung. Diese Haltung spielte während der sozialen Konflikte am Ende des Kriegs eine wichtige Rolle.

Mobilmachung und Grenzbesetzung

Die mobilisierten Truppen wurden vor allem entlang der Grenzen stationiert. Besondere Aufmerksamkeit galt dem Nordwesten der Schweiz, wo die Fronten Deutschlands und Frankreichs nahe an das schweizerische Gebiet heranreichten.

Die sogenannte Grenzbesetzung sollte verhindern, dass eine Kriegspartei schweizerisches Territorium als Durchmarschgebiet nutzte. Befestigungen, Beobachtungsposten und Sperren wurden ausgebaut.

Ein wichtiges Gebiet war der Jura zwischen Basel und dem Genfersee. Nach dem Erstarren der Westfront nahm die unmittelbare Gefahr eines grossen Durchmarschs durch die Schweiz ab. Die Armee blieb jedoch bis zum Kriegsende in erhöhter Bereitschaft.

Die Truppenstärke wurde im Verlauf des Kriegs mehrfach reduziert und bei veränderter Lage erneut erhöht. Viele Soldaten leisteten während der vier Kriegsjahre mehrere hundert Diensttage.

Militärischer Alltag

Der Aktivdienst bestand überwiegend aus Wachdienst, Patrouillen, Ausbildung, Bauarbeiten und langen Bereitschaftszeiten. Da es zu keinen grösseren Kampfhandlungen kam, war der Alltag für viele Soldaten von Monotonie geprägt.

Die Unterbringung erfolgte häufig in Kasernen, Schulhäusern, Scheunen, Gasthöfen und privaten Gebäuden. Besonders in Grenzregionen war die Anwesenheit grosser Truppenkontingente eine Belastung für Gemeinden und Bevölkerung.

Die Soldaten erhielten nur einen bescheidenen Sold. Eine ausreichende Erwerbsersatzordnung existierte noch nicht. Verheiratete Wehrmänner und ihre Familien gerieten deshalb teilweise in wirtschaftliche Not.

Landwirtschaftliche Betriebe und kleine Unternehmen litten unter der langen Abwesenheit männlicher Arbeitskräfte. Frauen, ältere Menschen, Jugendliche und ausländische Arbeitskräfte übernahmen zusätzliche Aufgaben.

Krankheiten, Unfälle und die Spanische Grippe forderten unter den Armeeangehörigen zahlreiche Opfer. Die meisten im Aktivdienst verstorbenen Soldaten starben nicht durch feindliche Gewalt, sondern an Krankheiten.

Militärische Bedrohung

Die Armeeführung entwickelte verschiedene Szenarien für einen möglichen Angriff oder Durchmarsch. Zu Beginn des Kriegs wurde vor allem ein deutscher Angriff gegen Frankreich über schweizerisches Gebiet oder eine französische Operation gegen Süddeutschland befürchtet.

Die Verletzung der belgischen Neutralität durch Deutschland verdeutlichte, dass die Neutralität eines kleinen Staates allein keinen ausreichenden Schutz bot. Die Schweiz musste glaubhaft machen, dass sie ihr Gebiet militärisch verteidigen würde.

Die schweizerische Armee besass eine grosse Zahl ausgebildeter Milizsoldaten, verfügte aber nur über begrenzte schwere Bewaffnung und war auf einen langen modernen Krieg unzureichend vorbereitet.

Keine der Kriegsparteien unternahm einen gross angelegten Angriff auf die Schweiz. Grenzverletzungen durch Flugzeuge, einzelne Soldaten und Geschosse kamen jedoch vor.

Luftraumverletzungen

Der militärische Luftverkehr befand sich während des Ersten Weltkriegs noch in einer frühen Entwicklungsphase. Dennoch überflogen Flugzeuge der Kriegsparteien wiederholt schweizerisches Gebiet.

Die Schweiz baute eine kleine militärische Fliegertruppe auf. Ihre technischen und personellen Möglichkeiten waren jedoch begrenzt.

Mehrere ausländische Flugzeuge mussten nach Notlandungen interniert werden. Auch Bomben und Geschosse trafen vereinzelt schweizerisches Gebiet, ohne dass daraus grössere Kampfhandlungen entstanden.

Die Erfahrungen des Kriegs förderten die Entwicklung der schweizerischen Militäraviatik und der Luftraumüberwachung.

Oberstenaffäre

Die Oberstenaffäre war eine der schwersten neutralitätspolitischen Krisen der Kriegszeit.

Die deutschschweizerischen Generalstabsoffiziere Friedrich Moritz von Wattenwyl und Karl Egli übermittelten den Militärattachés Deutschlands und Österreich-Ungarns vertrauliche Informationen. Dazu gehörten auch entschlüsselte diplomatische Meldungen und Bulletins des schweizerischen Generalstabs.

Als die Vorgänge Ende 1915 bekannt wurden, entstand besonders in der Romandie grosse Empörung. Die Weitergabe wurde als Begünstigung der Mittelmächte und als Verstoss gegen die Neutralität betrachtet.[3]

Die beiden Offiziere wurden vor ein Militärgericht gestellt. Das Gericht sprach sie vom Vorwurf des Landesverrats frei, stellte jedoch eine Verletzung dienstlicher Pflichten fest. General Wille verhängte lediglich Disziplinarstrafen.

Die milde Behandlung verstärkte den Eindruck, die Armeeführung schütze deutschfreundliche Offiziere. Die Affäre vertiefte den politischen und kulturellen Graben zwischen Deutschschweiz und Romandie.

Sprachregionaler Gegensatz

Der Krieg führte zu einem sogenannten Graben zwischen den Sprachregionen. Ein Teil der deutschsprachigen Presse und Öffentlichkeit sympathisierte mit dem Deutschen Reich, während in der französischsprachigen Schweiz die Unterstützung für Frankreich und Belgien stark war.

Diese Unterschiede waren nicht absolut. Auch in der Deutschschweiz gab es Kritiker des deutschen Militarismus, und in der Romandie bestanden unterschiedliche politische Positionen.

Die gegenseitigen Vorwürfe stellten dennoch die Vorstellung einer einheitlichen schweizerischen Nation infrage. Deutschschweizer wurden in der Romandie teilweise der Parteinahme für Deutschland beschuldigt. Umgekehrt warf man der französischsprachigen Presse eine zu starke Orientierung an der Entente vor.

Der Schriftsteller Carl Spitteler rief in seiner Rede «Unser Schweizer Standpunkt» vom 14. Dezember 1914 zu Zurückhaltung, innerer Solidarität und einer eigenständigen schweizerischen Position auf.

Spittelers Rede wurde später als bedeutendes Dokument der schweizerischen Neutralitäts- und Identitätsgeschichte betrachtet. Sie kritisierte insbesondere die emotionale Identifikation mit ausländischen Kriegsparteien.

Grimm-Hoffmann-Affäre

Die Grimm-Hoffmann-Affäre von 1917 brachte die schweizerische Neutralität erneut in eine schwere Krise.

Der sozialdemokratische Nationalrat Robert Grimm reiste nach der russischen Februarrevolution nach Petrograd. Er versuchte, Möglichkeiten für einen Separatfrieden zwischen Russland und den Mittelmächten zu erkunden.

Bundesrat Arthur Hoffmann, Vorsteher des Politischen Departements, unterstützte Grimms Vermittlungsversuch und übermittelte ihm vertrauliche Informationen. Hoffmann handelte ohne Wissen des Gesamtbundesrates.

Ein Telegramm Hoffmanns wurde abgefangen und veröffentlicht. Die Entente und besonders Frankreich interpretierten den Vorgang als Versuch, Deutschland durch einen Separatfrieden an der Ostfront zu entlasten.[4]

Hoffmann trat am 19. Juni 1917 aus dem Bundesrat zurück. Sein Nachfolger wurde der Genfer Gustave Ador, dessen Wahl das Vertrauen der Entente und der Romandie in die schweizerische Aussenpolitik stärken sollte.

Aussenhandel und Wirtschaftskrieg

Die schweizerische Wirtschaft war auf offene Verkehrswege angewiesen. Der Krieg unterbrach traditionelle Lieferketten und führte zu strengen Kontrollen durch die kriegführenden Staaten.

Die Entente errichtete eine Seeblockade gegen die Mittelmächte und kontrollierte auch Lieferungen an neutrale Staaten. Sie befürchtete, dass Waren über die Schweiz nach Deutschland oder Österreich-Ungarn weitergeleitet würden.

Die Mittelmächte übten ihrerseits Druck auf die Schweiz aus und kontrollierten Exporte von Kohle, Eisen und anderen Gütern.

Um weiterhin Waren aus den Ententestaaten importieren zu können, wurde 1915 die Société Suisse de Surveillance Économique gegründet. Sie überwachte Einfuhren und sollte verhindern, dass Güter an die Mittelmächte weiterverkauft wurden.

Für den Handel mit Deutschland und Österreich-Ungarn entstand die Schweizerische Treuhandstelle für die Überwachung des Warenverkehrs.

Diese ausländisch beeinflussten Kontrollsysteme schränkten die wirtschaftspolitische Souveränität der Schweiz erheblich ein.[5]

Kriegskonjunktur

In den ersten Kriegsjahren profitierten Teile der schweizerischen Industrie von der hohen Nachfrage der Kriegsparteien.

Maschinenbau, Metallindustrie, chemische Industrie, Uhrenindustrie und Teile der Textilbranche lieferten Waren an das Ausland. Auch Banken, Handelsunternehmen und Transportunternehmen konnten hohe Gewinne erzielen.

Die Herstellung von Zündern, Präzisionsteilen, Maschinen und anderen militärisch nutzbaren Gütern gewann an Bedeutung. Die Schweiz exportierte nicht nur zivile Produkte, sondern auch kriegsrelevantes Material.

Diese Gewinne waren gesellschaftlich ungleich verteilt. Unternehmer, Händler und Aktionäre konnten teilweise stark profitieren, während Lohnabhängige unter Teuerung und sinkender Kaufkraft litten.

Der Begriff Kriegsgewinnler wurde zu einem politischen Schlagwort. Die sichtbaren Gewinne einzelner Unternehmen verstärkten die Unzufriedenheit der Arbeiterschaft.

Wirtschaftskrise ab 1916

Ab Mitte des Kriegs verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage deutlich. Rohstoffmangel, Transportprobleme und ausländische Handelsbeschränkungen führten zu Produktionsausfällen.

Unternehmen mussten ihre Tätigkeit einschränken oder einstellen. Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit nahmen in mehreren Branchen zu.

Die Versorgung mit Kohle war besonders wichtig, da sie für Eisenbahnen, Industrie und Heizung benötigt wurde. Wegen ausbleibender Lieferungen mussten Betriebe ihren Energieverbrauch senken.

Die anfängliche Kriegskonjunktur ging in eine schwere Wirtschafts- und Versorgungskrise über. Die Unterschiede zwischen Exportwirtschaft und Binnenwirtschaft, Stadt und Land sowie Produzenten und Konsumenten wurden grösser.[5]

Landwirtschaft und Selbstversorgung

Die Schweiz produzierte vor dem Krieg nicht genügend Lebensmittel für ihre Bevölkerung. Besonders bei Getreide war sie stark von Importen abhängig.

Bei Kriegsausbruch reichten die Getreidevorräte nach Angaben des Schweizerischen Bundesarchivs nur für knapp zwei Monate.[5]

Der Bund versuchte, die inländische Produktion zu steigern. Ackerflächen wurden erweitert, und landwirtschaftliche Erzeugnisse unterlagen zunehmend staatlichen Regelungen.

Die Mobilmachung entzog der Landwirtschaft jedoch viele Arbeitskräfte und Pferde. Frauen, Kinder, ältere Männer und internierte ausländische Soldaten halfen bei der Feldarbeit.

Bauern profitierten teilweise von steigenden Preisen, litten aber ebenfalls unter Arbeitskräfte-, Dünger-, Futtermittel- und Maschinenmangel.

Der Gegensatz zwischen bäuerlichen Produzenten und städtischen Konsumenten verschärfte sich. In Städten entstand der Eindruck, Landwirte würden Lebensmittel zurückhalten oder von der Notlage profitieren.

Lebensmittelversorgung

Der Bund hatte vor 1914 nur begrenzte Vorsorge für einen langen Krieg getroffen. Die Versorgungspolitik wurde zunächst zögerlich und uneinheitlich aufgebaut.

Mit zunehmender Knappheit führte der Staat Preisvorschriften, Höchstpreise, Einfuhrmonopole und Rationierungen ein.

Brotgetreide, Milch, Kartoffeln, Fett, Zucker, Reis und weitere Grundnahrungsmittel wurden staatlich bewirtschaftet. Die Rationierung setzte jedoch vergleichsweise spät ein.

Ab 1917 und besonders 1918 verschärfte sich die Versorgungslage. Lange Warteschlangen vor Geschäften gehörten in vielen Städten zum Alltag.

Qualität und Menge der verfügbaren Lebensmittel nahmen ab. Ersatzprodukte und gestreckte Nahrungsmittel wurden verbreitet.

Teuerung und Kaufkraftverlust

Die Preise für Lebensmittel, Brennstoffe, Kleidung und Wohnraum stiegen während des Kriegs stark an.

Die Löhne hielten mit der Teuerung nicht Schritt. Besonders Arbeiterfamilien, Rentner, alleinstehende Frauen und Familien mobilisierter Soldaten verloren erheblich an Kaufkraft.

Mieten stiegen, während in den Städten Wohnungsnot herrschte. Gleichzeitig konnten wohlhabende Bevölkerungsschichten ihren Lebensstandard weitgehend erhalten.

In den letzten Kriegsjahren war ein grosser Teil der städtischen Bevölkerung auf verbilligte Lebensmittel oder öffentliche Unterstützung angewiesen. Nach zeitgenössischen Schätzungen benötigten gegen Kriegsende rund 700'000 Menschen staatliche Hilfe.

Die zunehmende soziale Ungleichheit trug wesentlich zur politischen Radikalisierung bei.

Arbeiterschaft

Die organisierte Arbeiterschaft forderte einen stärkeren staatlichen Eingriff in Preise, Löhne, Arbeitszeit und Lebensmittelverteilung.

Gewerkschaften und Sozialdemokratische Partei gewannen an Einfluss. Streiks und Demonstrationen nahmen ab 1917 deutlich zu.

Die Arbeiterbewegung kritisierte, dass Soldaten während langer Dienstzeiten kaum entschädigt wurden, während Unternehmen Kriegsgewinne erzielten.

Frauen beteiligten sich an Teuerungsprotesten, Lebensmittelkundgebungen und politischen Aktionen. Da sie auf Bundesebene kein Stimmrecht besassen, waren öffentliche Proteste eine wichtige Form politischer Beteiligung.

Die bürgerlichen Parteien betrachteten die wachsende Arbeiterbewegung zunehmend mit Misstrauen. Nach der russischen Revolution von 1917 entstand die Angst vor einem revolutionären Umsturz.

Frauen während des Kriegs

Frauen übernahmen während des Aktivdiensts zahlreiche Aufgaben, die zuvor überwiegend von Männern ausgeübt worden waren.

Sie arbeiteten verstärkt in Fabriken, Landwirtschaft, öffentlichem Verkehr, Verwaltung, Handel und Gesundheitswesen. Viele führten Familienbetriebe weiter oder sicherten allein den Lebensunterhalt ihrer Haushalte.

In der Textil-, Lebensmittel- und Munitionsindustrie waren Frauen häufig niedrigen Löhnen, langen Arbeitszeiten und gesundheitlichen Belastungen ausgesetzt.

Frauenorganisationen beteiligten sich an Fürsorge, Krankenpflege, Lebensmittelversorgung und Sammlungen für bedürftige Familien.

Die Kriegserfahrung stärkte Forderungen nach politischer und rechtlicher Gleichstellung. Das Frauenstimmrecht gehörte 1918 zu den Forderungen des Oltener Aktionskomitees, wurde auf Bundesebene jedoch erst 1971 eingeführt.

Kinder und Jugendliche

Kinder waren von Mangelernährung, Wohnungsnot und Krankheiten besonders betroffen.

Viele mussten zusätzlich arbeiten oder Aufgaben in Haushalt und Landwirtschaft übernehmen. In armen Familien trugen Kinder durch Heimarbeit, Botengänge oder Fabrikarbeit zum Einkommen bei.

Schulen litten unter Brennstoffmangel und wurden teilweise zur Unterbringung von Soldaten genutzt. Unterrichtsausfälle waren keine Seltenheit.

Hilfsorganisationen und Gemeinden organisierten Schulspeisungen, Ferienkolonien und Lebensmittelabgaben. Diese Massnahmen konnten die Not jedoch nur teilweise lindern.

Familien der Wehrmänner

Für die Familien mobilisierter Soldaten bestand zu Beginn des Kriegs kein umfassender staatlicher Erwerbsersatz.

Der geringe Sold genügte nicht, um den ausfallenden zivilen Lohn zu ersetzen. Gemeinden, Kantone, Arbeitgeber und private Organisationen mussten Unterstützung leisten.

Die Leistungen unterschieden sich stark nach Wohnort und Arbeitgeber. Viele Familien gerieten deshalb in Abhängigkeit von Fürsorge und Wohltätigkeit.

Die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs beeinflussten später die Diskussion über einen geregelten Erwerbsersatz für Militärdienstleistende. Eine eidgenössische Erwerbsersatzordnung entstand jedoch erst während des Zweiten Weltkriegs.

Ausbau staatlicher Eingriffe

Vor dem Krieg war die schweizerische Wirtschaftspolitik stark vom Liberalismus und von einer begrenzten Rolle des Bundes geprägt.

Die Kriegskrise zwang den Staat, stärker in Handel, Produktion, Preise und Versorgung einzugreifen. Der Bundesrat stützte sich dabei auf die ihm 1914 übertragenen Vollmachten.

Neue Ämter und Verwaltungsstellen entstanden. Der Bund organisierte Einfuhren, kontrollierte Preise, verwaltete Vorräte und erliess Produktionsvorschriften.

Der staatliche Interventionismus blieb häufig improvisiert und reagierte verspätet auf die Krise. Dennoch markierte der Krieg einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu einem stärkeren Wirtschafts- und Sozialstaat.[6]

Vollmachtenregime

Die Vollmachten vom 3. August 1914 ermöglichten dem Bundesrat, dringliche Entscheidungen ohne das gewöhnliche Gesetzgebungsverfahren zu treffen.

Das Parlament blieb bestehen, überliess der Regierung aber weitreichende Kompetenzen. Zahlreiche Verordnungen wurden unmittelbar auf Grundlage der Vollmachten erlassen.

Diese Konzentration der Macht wurde mit der ausserordentlichen Bedrohung begründet. Kritiker beanstandeten jedoch die Schwächung der parlamentarischen Kontrolle und der direkten Demokratie.

Das Vollmachtenregime endete nicht sofort mit dem Waffenstillstand. Der Abbau der kriegswirtschaftlichen Vorschriften dauerte mehrere Jahre.

Neue Bundessteuern

Die Mobilmachung und die staatlichen Eingriffe verursachten hohe Kosten. Bund, Kantone und Gemeinden verschuldeten sich stark.

Zur Finanzierung des Aktivdiensts wurde eine einmalige direkte Bundessteuer eingeführt, das sogenannte Kriegssteueropfer beziehungsweise Wehropfer.

1915 stimmten Volk und Stände dieser ausserordentlichen Steuer zu. Es war ein bedeutender Schritt, da direkte Steuern traditionell vor allem Sache der Kantone waren.

Ab 1917 erhob der Bund eine Kriegsgewinnsteuer. Sie sollte Unternehmen und Personen belasten, die vom Krieg besonders profitiert hatten.

1918 kam eine Stempelabgabe auf bestimmten Rechtsgeschäften hinzu. Die Kriegszeit erweiterte damit dauerhaft die finanzpolitischen Handlungsmöglichkeiten des Bundes.[6]

Presse und Zensur

Die Behörden überwachten die Presse und versuchten, Veröffentlichungen zu verhindern, welche die Neutralität oder die Beziehungen zu den Kriegsparteien gefährden konnten.

Eine zentrale Vorzensur wie in manchen kriegführenden Staaten bestand nicht durchgehend. Der Bundesrat und die Armeeführung konnten jedoch Zeitungen verwarnen, beschlagnahmen oder zeitweise verbieten.

Besonders kritisch wurden Berichte über militärische Anlagen, Truppenbewegungen und geheimdienstliche Vorgänge beurteilt.

Die Presse blieb politisch stark polarisiert. Deutschfreundliche und ententefreundliche Zeitungen führten heftige Auseinandersetzungen.

Die Zensurpraxis wurde als ungleich und teilweise zugunsten der Armeeführung kritisiert.

Propaganda

Die Kriegsparteien betrieben auch in der neutralen Schweiz intensive Propaganda.

Botschaften, Nachrichtenagenturen, Kulturorganisationen und private Vereinigungen versuchten, die öffentliche Meinung zu beeinflussen.

Deutschland betonte kulturelle Verbundenheit, militärische Stärke und den Kampf gegen Russland. Frankreich und Grossbritannien verwiesen auf die Verletzung der belgischen Neutralität und stellten den Krieg als Verteidigung von Freiheit und Recht dar.

Schweizer Zeitungen waren auf ausländische Nachrichtenquellen angewiesen. Dadurch konnten Propagandaberichte und einseitige Frontmeldungen leicht übernommen werden.

Der Kampf um die öffentliche Meinung verstärkte die Spannungen zwischen den Sprachregionen.

Nachrichtendienste und Spionage

Die zentrale Lage und die Neutralität machten die Schweiz zu einem wichtigen Ort für Nachrichtendienste, Agenten und politische Emigranten.

Diplomatische Vertretungen und Geheimdienste der Kriegsparteien sammelten Informationen über militärische, wirtschaftliche und politische Entwicklungen.

Grenzregionen, Bahnhöfe, Hotels und internationale Städte wie Zürich, Bern, Basel und Genf wurden zu Treffpunkten von Agenten und Vermittlern.

Die schweizerischen Behörden überwachten ausländische Personen und politische Organisationen. Der Staatsschutz wurde während des Kriegs ausgebaut.

Spionagefälle und die Weitergabe vertraulicher Informationen stellten die Behörden vor neue rechtliche und sicherheitspolitische Herausforderungen.

Politische Flüchtlinge und Emigranten

Während des Kriegs lebten zahlreiche politische Flüchtlinge und Emigranten in der Schweiz.

Zu ihnen gehörten Sozialisten, Pazifisten, Revolutionäre, Deserteure und Kriegsgegner aus verschiedenen europäischen Staaten.

Wladimir Iljitsch Lenin hielt sich von 1914 bis 1917 in der Schweiz auf, zunächst in Bern und später in Zürich. Im April 1917 reiste er mit anderen russischen Emigranten durch Deutschland nach Russland.

Die Anwesenheit ausländischer Revolutionäre führte zu Beobachtung durch Polizei und Nachrichtendienste. Gleichzeitig blieb die Schweiz ein wichtiger Raum für politische Debatten und oppositionelle Publikationen.

Zimmerwalder Bewegung

Im September 1915 fand im bernischen Zimmerwald eine internationale sozialistische Konferenz statt.

Delegierte aus mehreren europäischen Ländern diskutierten über den Krieg und die Haltung der sozialistischen Parteien. Zu den Teilnehmern gehörten Robert Grimm, Lenin, Leo Trotzki und weitere Vertreter der internationalen Linken.

Die Mehrheit forderte einen Frieden ohne Annexionen und Entschädigungen. Lenin und die sogenannte Zimmerwalder Linke vertraten eine radikalere Position und wollten den imperialistischen Krieg in eine revolutionäre Auseinandersetzung umwandeln.

Eine zweite Konferenz fand 1916 in Kiental statt. Die beiden Treffen machten die neutrale Schweiz zu einem bedeutenden Zentrum der internationalen sozialistischen Antikriegsbewegung.

Humanitäre Tätigkeit

Die Schweiz entwickelte während des Kriegs ihre humanitäre und diplomatische Rolle weiter.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in Genf richtete die Internationale Zentralstelle für Kriegsgefangene ein. Sie sammelte Informationen über Gefangene, Verwundete und Vermisste und vermittelte Nachrichten an Angehörige.

Tausende Freiwillige bearbeiteten Millionen von Karteikarten, Briefen und Anfragen. Die Tätigkeit stärkte die internationale Stellung des IKRK erheblich.

Die Schweiz organisierte den Austausch schwer verwundeter Kriegsgefangener und ermöglichte die Internierung kranker Gefangener in schweizerischen Kurorten.

Nach dem Waffenstillstand blieb das IKRK noch jahrelang mit der Rückführung von Kriegsgefangenen beschäftigt.

Schutzmachtmandate

Als neutraler Staat übernahm die Schweiz diplomatische Schutzmachtmandate.

Sie vertrat die Interessen kriegführender Staaten in Ländern, zu denen diese ihre diplomatischen Beziehungen abgebrochen hatten.

Schweizer Diplomaten betreuten Staatsangehörige, überwachten Gefangenenlager, vermittelten Mitteilungen und kümmerten sich um Eigentums- und Rechtsfragen.

Während des Ersten Weltkriegs übernahm die Schweiz mehrere Dutzend solcher Interessenvertretungen. Diese Tätigkeit begründete ihren späteren Ruf als bedeutende Schutzmacht.

Internierung fremder Militärpersonen

Soldaten kriegführender Staaten, die schweizerisches Gebiet betraten, wurden nach dem Neutralitätsrecht entwaffnet und interniert.

Neben einzelnen Grenzübertritten nahm die Schweiz ab 1916 zahlreiche verwundete und kranke Kriegsgefangene auf. Sie wurden in Hotels, Sanatorien und anderen Einrichtungen untergebracht.

Internierte lebten unter Aufsicht, verfügten aber häufig über grössere Bewegungsfreiheit als in gewöhnlichen Gefangenenlagern.

Die Unterbringung brachte Einnahmen für Tourismusorte, die wegen des Ausbleibens ausländischer Gäste wirtschaftlich litten.

Tourismus

Der internationale Tourismus brach nach Kriegsausbruch weitgehend zusammen.

Hotels in den Alpen und an den Seen verloren einen grossen Teil ihrer ausländischen Kundschaft. Viele Betriebe mussten schliessen oder ihren Betrieb einschränken.

Die Unterbringung internierter Kriegsgefangener brachte einigen Kurorten eine gewisse Entlastung.

Der Krieg beschleunigte strukturelle Veränderungen im schweizerischen Tourismus. Zahlreiche Hotels gerieten in finanzielle Schwierigkeiten und konnten sich nach Kriegsende nur langsam erholen.

Verkehr

Die Schweizerischen Bundesbahnen und private Eisenbahngesellschaften spielten eine zentrale Rolle für Mobilmachung, Versorgung und Transitverkehr.

Der Kohlemangel führte zu Einschränkungen des Bahnverkehrs. Fahrpläne wurden reduziert, und Dampflokomotiven konnten nicht im bisherigen Umfang betrieben werden.

Die Krise beschleunigte die Elektrifizierung des schweizerischen Eisenbahnnetzes. Elektrische Energie aus einheimischer Wasserkraft sollte die Abhängigkeit von importierter Kohle verringern.

Die Eisenbahner litten unter Teuerung, langen Arbeitszeiten und militärischer Disziplinierung. Sie bildeten 1918 eine wichtige Gruppe innerhalb der Streikbewegung.

Banken und Finanzplatz

Die schweizerischen Banken waren von internationalen Zahlungsproblemen und politischen Risiken betroffen, konnten aber teilweise auch von der neutralen Stellung des Landes profitieren.

Die Schweiz vermittelte Zahlungen, Kredite und Handelsgeschäfte zwischen verschiedenen Staaten. Gleichzeitig unterlagen Finanztransaktionen zunehmend ausländischer Kontrolle.

Der Schweizer Franken entwickelte sich während des Kriegs zu einer international gefragten Währung. Die finanzielle Unsicherheit führte jedoch auch zu starken Schwankungen und Inflationsdruck.

Der Finanzplatz gewann langfristig an Bedeutung. Die Erfahrungen des Kriegs stärkten die Rolle der Schweiz als Standort für internationale Vermögensverwaltung und Finanzvermittlung.

Friedensbewegung

Die Schweiz war ein wichtiges Zentrum internationaler Friedensorganisationen.

Pazifisten, Kirchenvertreter, Frauenorganisationen und Sozialisten organisierten Konferenzen, veröffentlichten Schriften und forderten ein Ende des Kriegs.

Die Friedensbewegung war politisch vielfältig. Einige Gruppen setzten auf internationales Recht und Schiedsgerichte, andere auf sozialistische Solidarität oder christliche Verständigung.

Die Grimm-Hoffmann-Affäre zeigte jedoch die Risiken inoffizieller Vermittlungsversuche. Friedensinitiativen konnten leicht als Begünstigung einer Kriegspartei interpretiert werden.

Gesellschaftliche Polarisierung

Die Kriegsjahre vertieften mehrere bereits bestehende Gegensätze:

Gegensatz Ursachen
Deutschschweiz und Romandie Unterschiedliche Sympathien für Deutschland beziehungsweise Frankreich
Arbeiterschaft und Bürgertum Teuerung, Lohneinbussen, Kriegsgewinne und Revolutionsangst
Stadt und Land Lebensmittelknappheit, Preissteigerungen und Konflikte zwischen Produzenten und Konsumenten
Militärführung und Linke Strenge Disziplin, Truppeneinsätze gegen Streikende und politische Überwachung
Bund und Kantone Ausbau der Bundeskompetenzen und zentrale Wirtschaftslenkung

Diese Konflikte erreichten 1918 ihren Höhepunkt. Der militärisch äusserlich bewahrte Frieden ging mit einer tiefen inneren Krise einher.

Russische Revolution und Revolutionsangst

Die russischen Revolutionen von 1917 beeinflussten die politische Wahrnehmung in der Schweiz stark.

Teile der sozialistischen Bewegung sahen in der Revolution ein Vorbild für eine grundlegende gesellschaftliche Veränderung. Die Mehrheit der Schweizer Arbeiterschaft verfolgte jedoch reformorientierte Ziele.

Bürgerliche Politiker, Unternehmer und Offiziere befürchteten dennoch einen gewaltsamen Umsturz. Streiks und Demonstrationen wurden zunehmend als mögliche Vorstufe einer Revolution betrachtet.

Die Angst vor dem Bolschewismus beeinflusste die Entscheidung, im November 1918 Truppen gegen die Streikbewegung einzusetzen.

Oltener Aktionskomitee

Im Februar 1918 gründeten Vertreter der Gewerkschaften und der Sozialdemokratischen Partei das Oltener Aktionskomitee.

Präsident wurde Robert Grimm. Das Komitee sollte die Reaktion der Arbeiterbewegung auf Teuerung, Versorgungskrise und staatliche Massnahmen koordinieren.

Es organisierte Proteste und verhandelte mit dem Bundesrat. Mit fortschreitender Krise gewann es eine zentrale Stellung innerhalb der schweizerischen Arbeiterbewegung.

Das Komitee war politisch nicht einheitlich. Reformorientierte und radikalere Mitglieder unterschieden sich in der Frage, wie weit ein Streik gehen sollte.

Spanische Grippe

1918 erreichte die sogenannte Spanische Grippe die Schweiz.

Die erste Welle trat im Sommer auf, eine besonders schwere zweite Welle folgte im Herbst. Insgesamt erkrankte ein grosser Teil der Bevölkerung.

Nach amtlichen Angaben starben in der Schweiz rund 25'000 Menschen an der Pandemie. Damit forderte die Grippe im Land wesentlich mehr Todesopfer als der militärische Aktivdienst.

Die Krankheit traf vor allem jüngere Erwachsene und breitete sich in Kasernen und dicht belegten Unterkünften besonders schnell aus.

Die Armee wurde für unzureichende sanitäre Verhältnisse und verspätete Schutzmassnahmen kritisiert. Während des Landesstreiks standen Soldaten trotz der Epidemie in grossen Verbänden im Einsatz.

Die Pandemie verschärfte den Mangel an medizinischem Personal, Lebensmitteln und geeigneten Unterkünften.

Weg zum Landesstreik

Im Jahr 1918 nahmen soziale Proteste und Arbeitskämpfe zu.

Im Sommer kam es zu Demonstrationen gegen Teuerung und Lebensmittelmangel. Im September traten Zürcher Bankangestellte in den Streik, was in bürgerlichen Kreisen besondere Beunruhigung auslöste.

Die Landesregierung und die Armeeführung befürchteten Unruhen anlässlich der geplanten Feiern zum Jahrestag der russischen Revolution.

Anfang November liess der Bundesrat Truppen nach Zürich verlegen. Das Oltener Aktionskomitee reagierte mit einem Proteststreik.

Nach einer gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen Demonstrierenden und Militär in Zürich rief das Komitee zum unbefristeten Landesstreik auf.

Landesstreik von 1918

Der Landesstreik begann am 12. November 1918, einen Tag nach dem Waffenstillstand an der Westfront.

Rund 250'000 Arbeiterinnen und Arbeiter beteiligten sich. Besonders stark war der Streik in Industriezentren und im Eisenbahnwesen.

Das Oltener Aktionskomitee stellte neun Forderungen:

  1. sofortige Neuwahl des Nationalrats nach dem Proporzsystem;
  2. Einführung des Frauenstimmrechts;
  3. allgemeine Arbeitspflicht;
  4. Einführung der 48-Stunden-Woche;
  5. Reorganisation der Armee als Volksheer;
  6. Sicherung der Lebensmittelversorgung;
  7. Einführung einer Alters- und Invalidenversicherung;
  8. staatliches Monopol im Aussenhandel;
  9. Besteuerung der Vermögen zur Tilgung der Staatsschulden.

Der Bundesrat betrachtete den Streik als Bedrohung der staatlichen Ordnung und stellte ein Ultimatum. Die Armeeführung mobilisierte rund 95'000 Soldaten.

Das Oltener Aktionskomitee brach den Streik am 14. November ab, da es eine militärische Eskalation und einen Bürgerkrieg vermeiden wollte.[7]

Militärischer Einsatz im Landesstreik

Die zum Ordnungsdienst eingesetzten Truppen stammten häufig aus ländlichen Gebieten und wurden bewusst nicht aus den streikenden Industriezentren rekrutiert.

Soldaten bewachten Bahnhöfe, Postämter, Banken, Kraftwerke und öffentliche Gebäude. In mehreren Städten standen Maschinengewehre bereit.

In Grenchen erschossen Soldaten am 14. November 1918 drei junge Männer. Es waren die einzigen durch unmittelbare Militärgewalt verursachten Todesopfer des Landesstreiks.

Zahlreiche Soldaten erkrankten während des Einsatzes an der Spanischen Grippe. Der Truppeneinsatz blieb deshalb auch aus gesundheitspolitischer Sicht umstritten.

Folgen des Landesstreiks

Unmittelbar erschien der Abbruch des Streiks als Niederlage der Arbeiterbewegung.

Robert Grimm, Friedrich Schneider, Fritz Platten und weitere Beteiligte wurden durch die Militärjustiz angeklagt. Grimm, Schneider und Platten erhielten Gefängnisstrafen.

Mehrere Eisenbahner und andere Streikende verloren ihre Arbeitsstellen oder wurden disziplinarisch bestraft.

Langfristig wurden jedoch mehrere Forderungen des Streiks verwirklicht. Die 48-Stunden-Woche wurde 1919 in wichtigen Branchen eingeführt.

Die Wahl des Nationalrats nach dem Proporzsystem war bereits im Oktober 1918 in einer Volksabstimmung angenommen worden und wurde 1919 erstmals angewendet.

Die Alters- und Hinterlassenenversicherung entstand 1948. Das Frauenstimmrecht folgte auf Bundesebene 1971.

Der Landesstreik wurde zu einem zentralen Bezugspunkt der schweizerischen Sozial- und Politikgeschichte.

Proporzwahlrecht

Während des Kriegs wuchs die Kritik am Majorzwahlverfahren für den Nationalrat.

Das System begünstigte die Freisinnig-Demokratische Partei und benachteiligte Sozialdemokraten, Katholisch-Konservative und kleinere Parteien.

Am 13. Oktober 1918 nahmen Volk und Stände die Einführung des Proporzwahlrechts an.

Die ersten Proporzwahlen fanden im Oktober 1919 statt. Der Freisinn verlor seine absolute Mehrheit, während Sozialdemokraten und Bauernparteien deutlich zulegten.

Die Reform veränderte das politische Kräfteverhältnis und trug langfristig zur schweizerischen Konkordanzdemokratie bei.

Kriegsende

Am 11. November 1918 unterzeichneten Deutschland und die Entente den Waffenstillstand von Compiègne.

Für die Schweiz endete damit die unmittelbare militärische Bedrohung. Die Demobilisierung erfolgte schrittweise.

Die wirtschaftlichen Probleme bestanden weiter. Lebensmittelknappheit, Arbeitslosigkeit, Schulden und Inflation verschwanden nicht mit dem Waffenstillstand.

Auch die Spanische Grippe dauerte an. Die Rückkehr der Soldaten und die politische Verarbeitung des Landesstreiks prägten die ersten Nachkriegsmonate.

Demobilisierung

Die Entlassung der Truppen aus dem Aktivdienst erfolgte nicht sofort und nicht für alle Einheiten gleichzeitig.

Grenzsicherung, Ordnungsdienst und Grippebekämpfung erforderten weiterhin militärisches Personal.

Viele Soldaten kehrten nach langer Abwesenheit zu wirtschaftlich geschwächten Familien und Betrieben zurück.

Arbeitsplätze waren nicht immer verfügbar. Gleichzeitig mussten Unternehmen ihre Produktion von Kriegs- auf Friedenswirtschaft umstellen.

Die fehlende ausreichende Entschädigung für den Aktivdienst blieb ein dauerhaftes Thema in der Erinnerung vieler Wehrmänner.

Friedensordnung und Völkerbund

Nach dem Krieg unterstützte die Schweiz die Schaffung einer internationalen Friedensordnung.

Der Völkerbund wurde 1919 durch die Pariser Friedensverträge gegründet. Genf wurde als Sitz der Organisation gewählt.

Die Wahl Genfs stärkte die internationale Stellung der Schweiz und knüpfte an ihre humanitäre Tradition an.

Am 16. Mai 1920 stimmten Volk und Stände dem Beitritt zum Völkerbund zu. Der Beitritt war mit der Anerkennung einer differenziellen Neutralität verbunden.

Die Schweiz musste sich an wirtschaftlichen Sanktionen des Völkerbunds beteiligen, blieb aber von militärischen Sanktionen befreit.

Auswirkungen auf den Föderalismus

Der Krieg stärkte den Bund gegenüber Kantonen und Gemeinden.

Versorgung, Wirtschaftslenkung, Finanzen und Sicherheit konnten nicht mehr allein kantonal geregelt werden. Die zentrale Verwaltung gewann an Bedeutung.

Die Kantone blieben für die Umsetzung zahlreicher Massnahmen zuständig. Dadurch entstanden regional unterschiedliche Regelungen und Konflikte über Kompetenzen.

Nach dem Krieg wurden manche Bundeskompetenzen zurückgebaut. Die Erfahrung zentraler Krisensteuerung wirkte jedoch langfristig fort.

Entwicklung des Sozialstaats

Die soziale Not machte deutlich, dass private Wohltätigkeit und kommunale Fürsorge für eine landesweite Krise nicht ausreichten.

Forderungen nach Arbeitslosenversicherung, Altersvorsorge, Mieterschutz, Arbeitszeitbegrenzung und gerechterer Besteuerung erhielten neuen Auftrieb.

Die Umsetzung erfolgte langsam und teilweise erst Jahrzehnte später. Der Erste Weltkrieg und der Landesstreik gelten dennoch als wichtige Impulse für die Entwicklung des schweizerischen Sozialstaats.

Der politische Ausgleich zwischen Arbeiterschaft, Bürgertum und Bauernschaft wurde zu einer zentralen Aufgabe der Nachkriegszeit.

Wirtschaftliche Langzeitfolgen

Der Krieg veränderte die Struktur der schweizerischen Wirtschaft.

Die chemische und pharmazeutische Industrie gewann an Bedeutung. Die Elektrifizierung wurde beschleunigt, um die Abhängigkeit von importierter Kohle zu verringern.

Die Erfahrung unsicherer Importe führte zu einer stärkeren Beschäftigung mit wirtschaftlicher Landesversorgung und Vorratshaltung.

Der Bund entwickelte Instrumente zur Preisüberwachung, Handelskontrolle und Krisenfinanzierung.

Der Finanzplatz und die internationale Vermittlungsfunktion der Schweiz wurden gestärkt. Gleichzeitig hinterliess der Krieg erhebliche öffentliche Schulden.

Politische Langzeitfolgen

Die Dominanz des Freisinns nahm ab. Sozialdemokraten, Bauernparteien und katholisch-konservative Kräfte gewannen an Einfluss.

Die Einführung des Proporzes führte zu einem stärker pluralistischen Parteiensystem.

Der Landesstreik hinterliess jedoch jahrzehntelang gegenseitiges Misstrauen. Bürgerliche Kreise deuteten ihn häufig als revolutionären Umsturzversuch, während die Linke ihn als berechtigten sozialen Protest verstand.

Die Spaltung prägte die Zwischenkriegszeit und beeinflusste die spätere Entstehung der Sozialpartnerschaft.

Erinnerungskultur

Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg stand in der Schweiz lange im Schatten des Zweiten Weltkriegs.

Während die Aktivdienstgeneration den Grenzdienst und die Entbehrungen betonte, konzentrierte sich die Arbeiterbewegung auf Teuerung, soziale Not und Landesstreik.

General Wille blieb eine umstrittene Figur. Seine Anhänger würdigten ihn als entschlossenen militärischen Führer, Kritiker verwiesen auf seine Deutschfreundlichkeit und sein autoritäres Gesellschaftsbild.

Der Landesstreik wurde je nach politischem Standpunkt als bolschewistischer Revolutionsversuch oder als demokratischer Kampf für soziale Reformen dargestellt.

Neuere Forschung betont die Vielfalt der Ursachen und die begrenzten revolutionären Absichten der Mehrheit der Streikenden.

Gilberte de Courgenay

Die Jurassierin Gilberte Montavon wurde zu einer bekannten Figur der schweizerischen Aktivdiensterinnerung.

Sie arbeitete im Gasthof ihrer Familie in Courgenay und begegnete dort zahlreichen deutschsprachigen Soldaten, die im Jura Grenzdienst leisteten.

Der Sänger Hanns In der Gand machte sie durch das Lied La petite Gilberte de Courgenay bekannt.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde ihre Geschichte in einem erfolgreichen Spielfilm dargestellt. Die Figur Gilberte entwickelte sich dadurch zu einem Symbol für Zusammenhalt über die Sprachgrenze hinweg.

Die spätere Darstellung war stark idealisiert und entsprach nur teilweise der historischen Person.[8]

Historische Bewertung

Die Schweiz konnte ihre staatliche Unabhängigkeit und territoriale Unversehrtheit während des Ersten Weltkriegs bewahren.

Dies war nicht allein das Ergebnis der militärischen Bereitschaft. Auch die Interessen der Kriegsparteien, die geografische Lage, wirtschaftliche Verflechtungen und diplomatische Faktoren spielten eine Rolle.

Die Neutralität verhinderte keine wirtschaftliche Abhängigkeit und keinen politischen Druck. Besonders im Aussenhandel musste die Schweiz erhebliche Einschränkungen ihrer Handlungsfreiheit hinnehmen.

Innenpolitisch wirkte der Krieg als Katalysator. Er verschärfte soziale, sprachregionale und politische Konflikte, die bereits vor 1914 bestanden hatten.

Gleichzeitig beschleunigte er Reformen, den Ausbau des Bundesstaats, die Entwicklung des Sozialstaats und die Neuordnung des Parteiensystems.

Chronologie

Datum Ereignis
28. Juni 1914 Ermordung Franz Ferdinands in Sarajevo
28. Juli 1914 Österreich-Ungarn erklärt Serbien den Krieg
1. August 1914 Allgemeine Mobilmachung der Schweizer Armee
3. August 1914 Vollmachten für den Bundesrat und Wahl Ulrich Willes zum General
14. Dezember 1914 Carl Spitteler hält die Rede «Unser Schweizer Standpunkt»
September 1915 Internationale sozialistische Konferenz von Zimmerwald
1915–1916 Oberstenaffäre
April 1916 Internationale sozialistische Konferenz von Kiental
Juni 1917 Grimm-Hoffmann-Affäre und Rücktritt Arthur Hoffmanns
1917–1918 Verschärfung der Lebensmittelknappheit und Rationierung
Sommer 1918 Erste grosse Welle der Spanischen Grippe
13. Oktober 1918 Annahme des Proporzwahlrechts für den Nationalrat
11. November 1918 Waffenstillstand an der Westfront
12.–14. November 1918 Landesstreik
Oktober 1919 Erste Nationalratswahlen nach dem Proporzsystem
16. Mai 1920 Annahme des Beitritts zum Völkerbund

Siehe auch

Literatur

  • Roman Rossfeld, Thomas Buomberger, Patrick Kury (Hrsg.): 14/18. Die Schweiz und der Grosse Krieg. Hier und Jetzt, Baden 2014.
  • Georg Kreis: Insel der unsicheren Geborgenheit. Die Schweiz in den Kriegsjahren 1914–1918. NZZ Libro, Zürich 2014.
  • Hans Rudolf Fuhrer: Die Schweizer Armee im Ersten Weltkrieg. Bedrohung, Landesverteidigung und Landesbefestigung. NZZ Libro, Zürich.
  • Willi Gautschi: Der Landesstreik 1918. Benziger, Zürich und Einsiedeln 1968.
  • Jakob Tanner: Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert. C. H. Beck, München 2015.
  • Konrad J. Kuhn, Béatrice Ziegler (Hrsg.): Der vergessene Krieg. Spuren und Traditionen zur Schweiz im Ersten Weltkrieg. Hier und Jetzt, Baden.
  • Schweizerisches Bundesarchiv: Der Erste Weltkrieg in der Schweiz. Bern.

Einzelnachweise

  1. Der Erste Weltkrieg in der Schweiz. Hrsg.: Schweizerisches Bundesarchiv. Abgerufen am 2026-07-26.
  2. Bewaffnete Neutralität und Aktivdienst. Hrsg.: Schweizerisches Bundesarchiv. Abgerufen am 2026-07-26.
  3. Bewaffnete Neutralität und Aktivdienst. Hrsg.: Schweizerisches Bundesarchiv. Abgerufen am 2026-07-26.
  4. Der welsch-deutsche Friedensgraben. Hrsg.: Schweizerisches Nationalmuseum. 2018-11-22. Abgerufen am 2026-07-26.
  5. 5,0 5,1 5,2 Wirtschaftskrieg und soziale Not. Hrsg.: Schweizerisches Bundesarchiv. Abgerufen am 2026-07-26.
  6. 6,0 6,1 Stärkung des Schweizer Bundesstaats und politische Radikalisierung. Hrsg.: Schweizerisches Bundesarchiv. Abgerufen am 2026-07-26.
  7. Der Landesstreik von 1918. Hrsg.: Schweizerisches Nationalmuseum. 2018-11-02. Abgerufen am 2026-07-26.
  8. Vom Mythos einer Kellnerin. Hrsg.: Schweizerisches Nationalmuseum. 2022-08-18. Abgerufen am 2026-07-26.