Fürstabtei St. Gallen

Aus Helvetia Wiki – Die Enzyklopädie der Schweiz
Version vom 25. Juli 2026, 16:12 Uhr von Nick Frei (Diskussion | Beiträge) (Die Seite wurde neu angelegt: «{| class="wikitable float-right" style="float:right; width:330px; margin:0 0 1em 1em;" |+ '''Fürstabtei St. Gallen''' |- ! Staatliche Stellung | Geistliches Territorium im Heiligen Römischen Reich und zugewandter Ort der Alten Eidgenossenschaft |- ! Geistlicher Orden | Benediktiner |- ! Hauptort | St. Gallen |- ! Gründung des Klosters | 719 |- ! Einführung der Benediktsregel | 747 |- ! Rei…»)
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Fürstabtei St. Gallen
Staatliche Stellung Geistliches Territorium im Heiligen Römischen Reich und zugewandter Ort der Alten Eidgenossenschaft
Geistlicher Orden Benediktiner
Hauptort St. Gallen
Gründung des Klosters 719
Einführung der Benediktsregel 747
Reichsunmittelbarkeit seit dem frühen Mittelalter schrittweise ausgebaut
Fürstlicher Rang des Abts seit dem Hochmittelalter
Bedeutende Gebiete Alte Landschaft, Toggenburg, Besitzungen im Rheintal und weitere Herrschaften
Bündnis mit der Eidgenossenschaft 1451
Ende der weltlichen Herrschaft 1798
Aufhebung des Klosters 1805
Nachfolger Kanton St. Gallen, Bistum St. Gallen

Die Fürstabtei St. Gallen war eine reichsunmittelbare Benediktinerabtei und ein geistliches Territorium mit Zentrum in der heutigen Stadt St. Gallen. Sie entwickelte sich aus der im frühen 7. Jahrhundert entstandenen Einsiedlerzelle des Wandermönchs Gallus und bestand als Kloster von 719 bis zu ihrer Aufhebung im Jahr 1805. Der Abt war nicht nur geistlicher Vorsteher der Klostergemeinschaft, sondern zugleich Landesherr über ein umfangreiches Gebiet in der heutigen Ostschweiz.

Während des Mittelalters gehörte das Kloster St. Gallen zu den bedeutendsten religiösen, wissenschaftlichen und kulturellen Zentren Europas. Seine Schreibschule, seine Bibliothek und seine Klosterschule prägten die Bildungslandschaft des karolingischen und ottonischen Zeitalters. Später entwickelte sich die Abtei zu einem frühneuzeitlichen Klosterstaat, dessen Herrschaftsgebiet neben der sogenannten Alten Landschaft auch das Toggenburg und weitere Besitzungen umfasste.

Die weltliche Herrschaft des Fürstabts endete 1798 im Zusammenhang mit dem Zusammenbruch der Alten Eidgenossenschaft und der Errichtung der Helvetischen Republik. Das Kloster selbst wurde 1805 durch den Grossen Rat des neu gegründeten Kantons St. Gallen aufgehoben. Der ehemalige Klosterbezirk blieb jedoch erhalten. Er gehört seit 1983 als Stiftsbezirk St. Gallen zum UNESCO-Weltkulturerbe.[1]

Anfänge unter Gallus und Otmar

Der Ursprung des Klosters wird mit dem irischen Wandermönch Gallus verbunden, der um 612 in das Tal der Steinach gelangte. Nach der Überlieferung errichtete er dort eine Einsiedlerzelle und ein kleines Gotteshaus. Um diese Zelle bildete sich eine religiöse Gemeinschaft, die auch nach dem Tod des Gallus in der Mitte des 7. Jahrhunderts fortbestand.

Als eigentlicher Gründer des Klosters gilt Otmar. Er übernahm 719 die Leitung der Gemeinschaft und organisierte sie als dauerhaftes Kloster. Unter Otmar entstanden erste feste Klosterbauten, ein Armenhaus und eine Herberge für Reisende und Pilger. Das Grab des Gallus entwickelte sich gleichzeitig zu einem regional bedeutenden Wallfahrtsort.

Im Jahr 747 übernahm die Gemeinschaft die Regel des heiligen Benedikt von Nursia. Damit wurde St. Gallen endgültig zu einem Benediktinerkloster. Die Verbindung von Gebet, gemeinschaftlichem Leben, Bildung, Handschriftenproduktion, Landwirtschaft und Armenfürsorge bestimmte fortan den Alltag der Mönche.[2]

Aufstieg zur Reichsabtei

Bereits im frühen Mittelalter erhielt das Kloster zahlreiche Schenkungen von Grundbesitz, Kirchen und Nutzungsrechten. Seine Güter lagen nicht nur in der Umgebung von St. Gallen, sondern verteilten sich über weite Teile der heutigen Ostschweiz, Süddeutschlands, Vorarlbergs und des Elsass.

Die Äbte bemühten sich darum, die Gemeinschaft aus der Abhängigkeit vom Bistum Konstanz zu lösen. Schutzprivilegien fränkischer und später römisch-deutscher Herrscher stärkten die rechtliche Stellung der Abtei. Die zunehmende Reichsunmittelbarkeit bedeutete, dass das Kloster unmittelbar dem König beziehungsweise Kaiser unterstand und keine weltliche Zwischengewalt anerkennen musste.

Mit der politischen Selbständigkeit waren umfangreiche Herrschaftsrechte verbunden. Die Äbte verfügten über Grundherrschaft, Gerichtsbarkeit, Abgaben, Markt- und Münzrechte sowie die Verwaltung zahlreicher abhängiger Höfe und Gemeinden. Aus der klösterlichen Grundherrschaft entstand schrittweise ein geistliches Territorium des Heiligen Römischen Reiches.

Kulturelle Blüte im frühen Mittelalter

Ihre erste grosse Blütezeit erlebte die Abtei im 9. und frühen 10. Jahrhundert. Unter Äbten wie Gozbert, Grimald und Salomo III. bestanden enge Beziehungen zum karolingischen Königshof. Mehrere St. Galler Äbte waren zugleich als königliche Berater, Diplomaten oder Bischöfe tätig.

Die Klosterschule erlangte einen ausgezeichneten Ruf. In ihr wurden Theologie, lateinische Grammatik, Rhetorik, Musik, Mathematik und Astronomie unterrichtet. Das Skriptorium produzierte liturgische Bücher, Bibelhandschriften, wissenschaftliche Texte und literarische Werke. Zu den bekanntesten erhaltenen Handschriften gehören der Folchart-Psalter, der Goldene Psalter, das Evangelium Longum und das St. Galler Cantatorium.

Eine besondere Bedeutung besitzt der sogenannte St. Galler Klosterplan. Die um 820 entstandene Pergamentzeichnung zeigt den Idealentwurf einer grossen benediktinischen Klosteranlage mit Kirche, Wohngebäuden, Schule, Krankenhaus, Werkstätten, Stallungen und Gärten. Sie gilt als älteste erhaltene grossformatige Architekturzeichnung des europäischen Mittelalters.[1]

Mit Persönlichkeiten wie Notker Balbulus, Tuotilo und Ratpert entwickelte sich St. Gallen zu einem Zentrum der Dichtung, Musik und Geschichtsschreibung. Notker Balbulus verfasste Sequenzen für die Liturgie und eine bedeutende Sammlung von Erzählungen über Karl den Grossen. Tuotilo wirkte als Musiker, Dichter und bildender Künstler.

Krisen und Wiederaufbau

Die günstige Entwicklung wurde wiederholt durch äussere Gefahren unterbrochen. Im Jahr 926 bedrohten ungarische Reiter das Kloster. Die Mönche konnten einen grossen Teil der Bücher und Reliquien rechtzeitig in Sicherheit bringen. Nach dem Abzug der Angreifer kehrte die Gemeinschaft zurück.

Brände, wirtschaftliche Schwierigkeiten und politische Konflikte schwächten die Abtei in den folgenden Jahrhunderten. Gleichzeitig stieg die Bedeutung der unmittelbar neben dem Kloster entstandenen Siedlung. Aus ihr entwickelte sich die Stadt St. Gallen, deren Bürger zunehmend nach politischer und wirtschaftlicher Selbständigkeit strebten.

Im Hochmittelalter erhielten die Äbte den Rang von Reichsfürsten. Der Fürstabt verfügte über Sitz und Stimme im Reichstag des Heiligen Römischen Reiches. Die Bezeichnung «Fürstabtei» verweist deshalb sowohl auf das Kloster als auch auf das weltliche Herrschaftsgebiet seines Abts.

Konflikt mit der Stadt St. Gallen

Die Beziehungen zwischen Kloster und Stadt waren über Jahrhunderte von Interessengegensätzen geprägt. Die Stadt entstand auf Grund und Boden der Abtei, entwickelte jedoch eigene Behörden, Märkte, Zünfte und wirtschaftliche Strukturen. Besonders die Textilproduktion und der Fernhandel machten St. Gallen zu einer wohlhabenden Stadt.

Die Bürger versuchten, sich von der Herrschaft des Abts zu lösen. Im Jahr 1291 schloss die Stadt ein Bündnis mit anderen Städten der Bodenseeregion. 1415 erlangte sie die Reichsfreiheit und wurde damit rechtlich weitgehend unabhängig von der Abtei.

Trotz der räumlichen Nähe bildeten Stadt und Kloster danach zwei getrennte politische Gemeinwesen. Die Stadt wurde später reformiert, während die Fürstabtei katholisch blieb. Diese konfessionelle Trennung verschärfte die bestehenden politischen Gegensätze zusätzlich.

Appenzellerkriege

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts kam es zu einer schweren Krise der fürstäbtischen Herrschaft. Die Bewohner des Appenzellerlands widersetzten sich den Abgaben und Herrschaftsansprüchen des Abts. Daraus entwickelten sich die Appenzellerkriege, in denen die Appenzeller zeitweise von der Stadt St. Gallen und vom Land Schwyz unterstützt wurden.

Nach militärischen Niederlagen verlor die Abtei einen grossen Teil ihres Einflusses im Appenzellerland. Appenzell konnte sich dauerhaft aus der Herrschaft des Fürstabts lösen und entwickelte sich zu einem eigenständigen eidgenössischen Ort.

Die Kriege zeigten, dass die Abtei ihre weit verstreuten Herrschaftsrechte nicht mehr allein militärisch sichern konnte. In der Folge suchten die Äbte verstärkt den Schutz und die Zusammenarbeit mit eidgenössischen Orten.

Bündnis mit der Eidgenossenschaft

Im Jahr 1451 schloss die Fürstabtei ein ewiges Burg- und Landrecht mit Zürich, Luzern, Schwyz und Glarus. Damit wurde sie zu einem zugewandten Ort der Alten Eidgenossenschaft. Sie war mit den eidgenössischen Orten verbündet, gehörte aber nicht zu den vollberechtigten Kantonen.

Das Bündnis bot dem Abt militärischen und politischen Schutz. Zugleich stärkte es den Einfluss der Eidgenossenschaft in der Ostschweiz. In Konflikten zwischen dem Fürstabt, seinen Untertanen und benachbarten Herrschaften traten eidgenössische Orte häufig als Vermittler oder Schirmorte auf.

Die Fürstabtei blieb formal ein Territorium des Heiligen Römischen Reiches. Politisch war sie jedoch zunehmend in die Strukturen der Eidgenossenschaft eingebunden. Diese doppelte Stellung prägte ihre Entwicklung bis zum Ende des 18. Jahrhunderts.

Ausbau des Klosterstaats unter Ulrich Rösch

Unter Fürstabt Ulrich Rösch erlebte die Abtei im späten 15. Jahrhundert eine tiefgreifende politische und wirtschaftliche Erneuerung. Rösch, der von 1463 bis 1491 regierte, gilt als eigentlicher Begründer des frühneuzeitlichen St. Galler Klosterstaats.

Er ordnete die Verwaltung neu, verbesserte die Finanzen und bemühte sich um die territoriale Abrundung der Herrschaft. Den Kern des Staates bildete die sogenannte Alte Landschaft zwischen Wil, St. Gallen und Rorschach. Dieses Gebiet wurde später auch als Fürstenland bezeichnet.

Im Jahr 1468 kaufte Ulrich Rösch die Grafschaft Toggenburg von den Erben der Toggenburger Grafen. Damit vergrösserte sich das Herrschaftsgebiet der Abtei erheblich. Zwischen der Alten Landschaft und dem Toggenburg lagen allerdings Gebiete, die nicht unter unmittelbarer fürstäbtischer Kontrolle standen, weshalb der Klosterstaat territorial nicht vollständig zusammenhängend war.

Rösch plante zeitweise, den Sitz der Abtei nach Rorschach zu verlegen. Der Bau des Klosters Mariaberg führte jedoch zum sogenannten Rorschacher Klosterbruch von 1489. Einwohner der Stadt St. Gallen, Appenzeller und weitere Gegner des Fürstabts zerstörten die entstehende Anlage. Mit Unterstützung eidgenössischer Schirmorte konnte Rösch seine Herrschaft anschliessend wiederherstellen.

Herrschaftsgebiet und Verwaltung

Das Territorium der Fürstabtei bestand aus mehreren unterschiedlich verwalteten Gebieten. Das politische und wirtschaftliche Kernland war die Alte Landschaft. Sie erstreckte sich ungefähr von Wil über Gossau und das Umland der Stadt St. Gallen bis nach Rorschach.

Das Toggenburg bildete eine eigene Landschaft mit überlieferten Rechten und besonderen Verwaltungsstrukturen. Der Fürstabt setzte dort Landvögte und weitere Amtsträger ein. Die Bevölkerung berief sich wiederholt auf alte Freiheiten, was im 17. und 18. Jahrhundert zu schweren Konflikten führte.

Hinzu kamen einzelne Herrschaftsrechte und Besitzungen im Rheintal, am Bodensee und ausserhalb der heutigen Schweiz. Nicht überall besass der Fürstabt die vollständige Landeshoheit. In manchen Gebieten verfügte die Abtei lediglich über Grundbesitz, Niedergerichte, Kirchenrechte oder einzelne Einkünfte.

Der Klosterstaat wurde zentral durch den Fürstabt und seine Räte verwaltet. Geistliche Amtsträger übernahmen wichtige Aufgaben in Regierung, Justiz und Finanzwesen. In den einzelnen Ämtern vertraten Vögte und lokale Beamte die fürstäbtische Obrigkeit.

Wirtschaft und Gesellschaft

Die wirtschaftliche Grundlage der Fürstabtei bildeten Landbesitz, Zehnten, Grundzinsen, Zölle und weitere Abgaben. Landwirtschaft, Viehzucht, Weinbau und Forstwirtschaft spielten eine wichtige Rolle. Das Kloster verfügte über zahlreiche Höfe, Mühlen, Alpen und Fischereirechte.

Die Verwaltung förderte teilweise auch Gewerbe und Handel. Besonders in der Umgebung der Stadt St. Gallen war die Leinwandproduktion von grosser Bedeutung. Die wirtschaftlich erfolgreiche Stadt blieb jedoch politisch vom Klosterstaat getrennt.

Die Untertanen der Fürstabtei besassen je nach Landschaft unterschiedliche Rechte. Gemeinden und lokale Gerichte verfügten teilweise über eine gewisse Selbstverwaltung. Gleichzeitig versuchten die Fürstäbte in der frühen Neuzeit, Verwaltung, Rechtsprechung und Abgaben stärker zu vereinheitlichen. Daraus entstanden wiederholt Konflikte mit Gemeinden und Landschaften, die ihre traditionellen Freiheiten verteidigten.

Reformation

Die Reformation führte zu einer schweren Bedrohung für die Abtei. In der Stadt St. Gallen setzte sich unter dem Einfluss des Humanisten und Bürgermeisters Joachim von Watt, genannt Vadian, die reformierte Lehre durch. Klösterliche Güter innerhalb des städtischen Einflussbereichs wurden zeitweise beschlagnahmt, und Bilder sowie Altäre aus Kirchen entfernt.

Während des Zweiten Kappelerkriegs von 1531 änderte sich die politische Lage zugunsten der katholischen Orte. Der Fürstabt konnte in das Kloster zurückkehren und einen Teil seiner Rechte wiederherstellen.

Von da an standen sich innerhalb der Stadtmauern zwei konfessionell und politisch getrennte Gemeinwesen gegenüber: die reformierte Reichsstadt und die katholische Fürstabtei. Eine Mauer trennte Teile des Klosterbezirks von der Stadt. Das 1570 errichtete Karlstor ermöglichte dem Fürstabt einen direkten Zugang zu seinem Territorium, ohne das Gebiet der reformierten Stadt durchqueren zu müssen.

Absolutismus und barocke Erneuerung

Im 17. und 18. Jahrhundert wurde die Fürstabtei nach dem Vorbild anderer geistlicher Fürstentümer zunehmend zentralistisch regiert. Die Fürstäbte bauten Verwaltung und Hofhaltung aus und betonten ihren Rang als Reichsfürsten.

Gleichzeitig erlebte das klösterliche Leben im Zeichen der katholischen Reform eine Erneuerung. Schule, Bibliothek, Musik und Wissenschaft wurden gefördert. Die Abtei unterhielt Beziehungen zu anderen Benediktinerklöstern und katholischen Bildungszentren.

Der bauliche Ausdruck dieser Entwicklung war die vollständige barocke Neugestaltung des Klosterbezirks. Zwischen 1755 und 1768 entstanden die heutige ehemalige Stiftskirche, die Klostergebäude und der berühmte Bibliothekssaal. Die Anlage zählt zu den bedeutendsten spätbarocken Klosterkomplexen Europas.[1]

Die ehemalige Stiftskirche wurde als monumentale Doppelturmanlage errichtet. Ihr Innenraum ist reich mit Stuck, Fresken, Altären und Chorgestühl ausgestattet. Der Bibliothekssaal gilt als herausragendes Beispiel süddeutscher und schweizerischer Barockarchitektur.

Toggenburgerkrieg

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts verschärften sich die Spannungen zwischen dem Fürstabt und den Untertanen im Toggenburg. Streitpunkte waren religiöse Rechte, politische Mitbestimmung, Strassenbau, Militärpflichten und die Einschränkung alter Freiheiten.

Der Konflikt weitete sich zum Toggenburgerkrieg oder Zweiten Villmergerkrieg von 1712 aus. Reformierte Orte, insbesondere Zürich und Bern, unterstützten die Toggenburger, während katholische Orte auf der Seite des Fürstabts standen.

Truppen aus Zürich und Bern besetzten das Kloster und brachten einen Teil des Klosterschatzes sowie zahlreiche Handschriften und Kunstwerke weg. Der Abt floh ins Exil. Im Frieden von Baden von 1718 erhielt er einen grossen Teil seiner Herrschaft zurück, musste den Toggenburgern jedoch bestimmte Rechte zugestehen.

Ein Teil der 1712 nach Zürich gebrachten Kulturgüter blieb dort. Nach einer langjährigen Auseinandersetzung zwischen den Kantonen Zürich und St. Gallen wurde 2006 eine Vereinbarung geschlossen. Zahlreiche Handschriften kehrten als Dauerleihgaben nach St. Gallen zurück.

Reformen unter Beda Angehrn

Fürstabt Beda Angehrn, der von 1767 bis 1796 regierte, versuchte, den Klosterstaat im Geist des aufgeklärten Absolutismus zu modernisieren. Er förderte Schulen, Strassenbau, Gesundheitswesen und wirtschaftliche Verbesserungen.

Zu seinen wichtigsten Projekten gehörte der Ausbau der Verkehrsverbindungen zwischen den verschiedenen Teilen des Herrschaftsgebiets. Die hohen Ausgaben für Bauvorhaben, Verwaltung und Hofhaltung belasteten jedoch die Finanzen der Abtei.

Obwohl die Reformen teilweise der Bevölkerung zugutekamen, blieb die politische Ordnung ständisch und obrigkeitlich. Forderungen nach Mitbestimmung und der Sicherung traditioneller Rechte nahmen gegen Ende des 18. Jahrhunderts zu.

Revolution und Ende des Klosterstaats

Unter dem letzten Fürstabt Pankraz Vorster geriet die Abtei in den Sog der politischen Umwälzungen, die von der Französischen Revolution ausgingen. In der Alten Landschaft und im Toggenburg verlangten Untertanen grössere Freiheiten und politische Selbständigkeit.

1797 und 1798 musste der Abt weitreichende Zugeständnisse machen. Mit dem Einmarsch französischer Truppen und der Errichtung der Helvetischen Republik brach die alte Herrschaftsordnung endgültig zusammen. Die Gebiete der Fürstabtei wurden zunächst auf verschiedene Verwaltungseinheiten der Helvetischen Republik verteilt.

Der Fürstabt versuchte während der Koalitionskriege zeitweise, seine Herrschaft wiederherzustellen. Eine dauerhafte Rückkehr zum alten Klosterstaat war jedoch nicht mehr möglich. Die Mediationsakte von 1803 vereinigte grosse Teile der ehemaligen Fürstabtei, der Stadt St. Gallen und weiterer ostschweizerischer Landschaften im neu geschaffenen Kanton St. Gallen.

Am 8. Mai 1805 beschloss der Grosse Rat des Kantons St. Gallen die endgültige Aufhebung des Klosters. Das Vermögen und die Verwaltungsgebäude gingen grösstenteils an den Kanton über. Damit endete eine klösterliche und staatliche Tradition, die mehr als tausend Jahre bestanden hatte.

Stiftsbezirk nach der Aufhebung

Nach 1805 wurden die Gebäude des ehemaligen Klosters für kirchliche, staatliche und kulturelle Zwecke genutzt. Die Neue Pfalz wurde Sitz der Regierung und Verwaltung des Kantons St. Gallen.

Aus kirchlichen Neuordnungen entstand 1823 zunächst das Doppelbistum Chur–St. Gallen. Seit 1847 besteht das eigenständige Bistum St. Gallen. Die ehemalige Stiftskirche dient heute als Kathedrale des Bistums.

Die Stiftsbibliothek St. Gallen und das Stiftsarchiv St. Gallen blieben als eigenständige Institutionen bestehen. Sie bewahren einen aussergewöhnlich umfangreichen Bestand an Handschriften, Urkunden, Inkunabeln, Drucken, Karten und Verwaltungsakten.

Das Stiftsarchiv enthält die schriftliche Überlieferung der Abtei und ihres Herrschaftsgebiets vom frühen Mittelalter bis zur Aufhebung. Dazu gehören Tausende von Urkunden, Amtsbüchern, Verträgen und Plänen. Die Bestände ermöglichen eine ungewöhnlich dichte Erforschung der mittelalterlichen Wirtschafts-, Rechts- und Sozialgeschichte der Ostschweiz.

UNESCO-Welterbe

1983 nahm die UNESCO den Stiftsbezirk St. Gallen in die Liste des Weltkulturerbes auf. Ausschlaggebend waren die aussergewöhnliche Bedeutung des ehemaligen Klosters als Bildungs- und Kulturzentrum, die erhaltenen Sammlungen und die barocke Gesamtanlage.[2]

Zum geschützten Ensemble gehören unter anderem die Kathedrale, die ehemalige Klausur mit der Stiftsbibliothek, die Neue Pfalz und das Stiftsarchiv. Die Anlage dokumentiert die Entwicklung eines grossen europäischen Benediktinerklosters vom frühen Mittelalter bis zur Säkularisation.

Die UNESCO hebt insbesondere den St. Galler Klosterplan, die frühmittelalterlichen Handschriften und die architektonische Qualität des barocken Klosterbezirks hervor. Die Stiftsbibliothek zählt zu den ältesten bis heute bestehenden Bibliotheken der Welt.

2017 wurden die frühmittelalterlichen Handschriften und Urkunden des Klosters zusätzlich in das internationale UNESCO-Register Memory of the World aufgenommen.

Bedeutung

Die Fürstabtei St. Gallen verband über Jahrhunderte religiöse, kulturelle und staatliche Funktionen. Als Kloster war sie ein Zentrum benediktinischer Spiritualität, Bildung und Kunst. Als Reichsfürstentum übte sie weltliche Herrschaft über grosse Teile der Ostschweiz aus.

Ihre Geschichte zeigt zugleich die besonderen politischen Verhältnisse der Alten Eidgenossenschaft. Die Abtei war einerseits ein reichsunmittelbares geistliches Fürstentum, andererseits ein eng mit eidgenössischen Orten verbündetes Territorium. Innerhalb der heutigen Stadt St. Gallen bestanden über Jahrhunderte eine reformierte Stadtrepublik und ein katholischer Klosterstaat unmittelbar nebeneinander.

Die erhaltenen Handschriften, Urkunden und Bauwerke machen den Stiftsbezirk zu einer der bedeutendsten historischen Quellenlandschaften Europas. Besonders für die Erforschung des frühen Mittelalters, der Klosterkultur und der alemannischen Siedlungsgeschichte besitzt die Überlieferung der Fürstabtei einen aussergewöhnlichen Wert.

Siehe auch

Literatur

  • Georg Thürer: St. Galler Geschichte. Kultur, Staatsleben und Wirtschaft in Kanton und Stadt St. Gallen von der Urzeit bis zur Gegenwart. Band 1–2. Fehr, St. Gallen 1953.
  • Werner Vogler: Die Abtei St. Gallen. Arbor Verlag, St. Gallen 1986.
  • Peter Erhart, Jakob Kuratli Hüeblin: Bücher des Lebens. Lebendige Bücher. Das St. Galler Klosterarchiv. Schwabe, Basel 2010.
  • Ernst Tremp: St. Gallen, Klosterplan und Gozbertbau. Zur Rekonstruktion des karolingischen Klosters St. Gallen. Verlag am Klosterhof, St. Gallen 2014.
  • Peter Ochsenbein: Das Kloster St. Gallen im Mittelalter. Die kulturelle Blüte vom 8. bis zum 12. Jahrhundert. Theiss, Stuttgart 1999.
  • Lorenz Hollenstein: Fürstabtei St. Gallen – Untergang und Erbe 1805/2005. Verlag am Klosterhof, St. Gallen 2005.

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 UNESCO World Heritage Centre: Abbey of St Gall, abgerufen am 25. Juli 2026.
  2. 2,0 2,1 Stiftsbezirk St. Gallen: Kloster St. Gallen, abgerufen am 25. Juli 2026.