Lia Rumantscha

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Lia Rumantscha
Abkürzung LR
Zweck Förderung und Erhaltung der rätoromanischen Sprache und Kultur
Gründung 26. Oktober 1919
Rechtsform Verein nach schweizerischem Recht
Sitz Chur, Kanton Graubünden
Präsident Chasper Sarott
Generalsekretär Andreas Gabriel
Mitglieder 11 angeschlossene Organisationen
Website liarumantscha.ch

Die Lia Rumantscha (Abkürzung LR; deutsch sinngemäss «Rätoromanische Liga») ist die Dachorganisation der rätoromanischen Sprach- und Kulturorganisationen in der Schweiz. Sie wurde am 26. Oktober 1919 gegründet und hat ihren Hauptsitz in der Chasa Rumantscha in Chur. Die Lia Rumantscha setzt sich für die Erhaltung, Weitergabe und Weiterentwicklung des Rätoromanischen ein und vertritt die Interessen der rätoromanischsprachigen Bevölkerung gegenüber Behörden, Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit.[1]

Die Organisation ist politisch und konfessionell neutral sowie als gemeinnützige Institution anerkannt. Sie erfüllt im Auftrag der Eidgenossenschaft und des Kantons Graubünden öffentliche Aufgaben im Bereich der Sprachen- und Kulturförderung. Rechtlich ist sie als Verein gemäss Artikel 60 ff. des Schweizerischen Zivilgesetzbuches organisiert.[2]

Geschichte

Voraussetzungen und Gründung

Seit dem späten 19. Jahrhundert entstanden in den verschiedenen rätoromanischen Regionen Graubündens Vereine, die sich für ihre jeweiligen Schriftsprachen, die regionale Literatur und die kulturelle Identität einsetzten. Zu den ältesten dieser Organisationen gehören die 1885 gegründete Societad Retorumantscha, die Romania von 1896 und die 1904 gegründete Uniun dals Grischs. Die Tätigkeiten dieser Vereinigungen waren zunächst stark regional geprägt.

Der Ausbau von Verkehrswegen und Eisenbahnen, die Entwicklung des Tourismus, die wirtschaftliche Abwanderung und der zunehmende Gebrauch des Deutschen verstärkten um 1900 den Druck auf die rätoromanische Sprache. Zugleich wurden in Italien Stimmen laut, welche die Eigenständigkeit des Rätoromanischen bestritten und die Sprache als Gruppe italienischer Dialekte betrachteten. Vor diesem Hintergrund wuchs der Wunsch, die bisher regional organisierten Kräfte in einer gemeinsamen Dachorganisation zusammenzuführen.[3]

Die Lia Rumantscha wurde am 26. Oktober 1919 gegründet. Ihr Ziel bestand darin, die regionalen Sprachvereine zu koordinieren, gemeinsame Interessen zu vertreten und die rätoromanische Sprache in allen gesellschaftlichen Bereichen zu stärken. Die Gründung war Teil einer breiteren kulturellen Erneuerungsbewegung, die häufig als rätoromanische Renaissance bezeichnet wird.

Ausbau der sprachlichen Grundlagen

Während der ersten Jahrzehnte konzentrierte sich die Lia Rumantscha vor allem auf grundlegende sprachwissenschaftliche und verlegerische Arbeiten. Dazu gehörten die Erstellung und Unterstützung von Wörterbüchern, Grammatiken, Lehrmitteln und literarischen Publikationen. Die Organisation förderte ausserdem den Austausch zwischen den verschiedenen rätoromanischen Sprachregionen.

Die Tätigkeit der Lia Rumantscha trug dazu bei, das Rätoromanische als eigenständige Sprache und als Bestandteil der schweizerischen Mehrsprachigkeit sichtbar zu machen. 1938 wurde das Rätoromanische nach einer eidgenössischen Volksabstimmung als vierte Landessprache der Schweiz anerkannt. Die Gründung und Arbeit der Lia Rumantscha sowie weiterer rätoromanischer Vereinigungen hatten den politischen und gesellschaftlichen Boden für diese Anerkennung mitbereitet.[4]

Rumantsch Grischun

Ein wichtiger Einschnitt war die Entwicklung der überregionalen Standardsprache Rumantsch Grischun. Sie wurde 1982 vom Zürcher Romanisten Heinrich Schmid im Auftrag der Lia Rumantscha ausgearbeitet. Rumantsch Grischun sollte eine gemeinsame Schriftsprache für überregionale Veröffentlichungen, amtliche Texte, Lehrmittel und moderne Fachbegriffe bereitstellen.

Die Einführung der Standardsprache löste innerhalb der Rumantschia umfangreiche Diskussionen aus. Befürworter betrachteten sie als notwendiges Instrument für Verwaltung, Medien und Bildung, während Kritiker eine Schwächung der historisch gewachsenen regionalen Idiome befürchteten. Die Lia Rumantscha verwendet und fördert sowohl Rumantsch Grischun als auch die fünf Schriftidiome Sursilvan, Sutsilvan, Surmiran, Puter und Vallader. In ihrer praktischen Arbeit richtet sie sich nach dem sprachlichen und regionalen Zusammenhang des jeweiligen Projekts.

Seit den 1980er Jahren wurde das Tätigkeitsfeld deutlich erweitert. Neben sprachwissenschaftlichen Grundlagenarbeiten bietet die Lia Rumantscha Übersetzungen, Lektorate, Sprachberatung und Sprachkurse an. Hinzu kamen Kinder- und Jugendmedien, digitale Wörterbücher, Unterrichtsmaterialien sowie Programme für Familien und Personen, die neu in das rätoromanische Sprachgebiet ziehen.[3]

Aufgaben

Die zentrale Aufgabe der Lia Rumantscha ist die Erhaltung und Förderung der rätoromanischen Sprache und Kultur. Dabei versteht sie Sprachförderung nicht nur als Bewahrung eines historischen Kulturguts, sondern auch als Weiterentwicklung einer lebendigen Sprache für den Alltag, die Bildung, die Verwaltung, die Wirtschaft und die digitale Kommunikation.

Zu ihren wichtigsten Arbeitsbereichen gehören:

  • die Vertretung der Interessen der rätoromanischsprachigen Bevölkerung auf kommunaler, kantonaler und eidgenössischer Ebene;
  • die Beratung von Behörden, Schulen, Unternehmen, Organisationen und Privatpersonen in sprachlichen Fragen;
  • die Erarbeitung und Pflege von Wörterbüchern, Terminologien, Grammatiken und digitalen Sprachressourcen;
  • Übersetzungen und Lektorate in Rumantsch Grischun und den regionalen Idiomen;
  • die Organisation und Unterstützung von Sprachkursen;
  • die Förderung von Kinder-, Jugend- und Familienangeboten;
  • die finanzielle Unterstützung sprachlicher, kultureller und interdisziplinärer Projekte;
  • die Koordination der angeschlossenen rätoromanischen Organisationen;
  • die Förderung des Rätoromanischen ausserhalb seines traditionellen Verbreitungsgebietes.

Die Lia Rumantscha beteiligt sich ausserdem an öffentlichen Veranstaltungen und Sensibilisierungskampagnen. Seit 2021 gehört sie gemeinsam mit dem Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten und dem Kanton Graubünden zu den Trägern der jährlich stattfindenden Emna Rumantscha, der internationalen Woche der rätoromanischen Sprache.[5]

Sprachliche Dienstleistungen und Bildung

Die Organisation bietet Kurse in allen fünf regionalen Idiomen und in Rumantsch Grischun an. Neben klassischen Präsenzkursen werden Onlinekurse, Intensivkurse und auf bestimmte Zielgruppen zugeschnittene Formate durchgeführt. Die Angebote richten sich sowohl an rätoromanischsprachige Personen, welche ihre Kenntnisse vertiefen möchten, als auch an Zugezogene und andere Interessierte.

Für Familien, Kindertagesstätten, Spielgruppen und Kindergärten betreibt die Lia Rumantscha das Programm kidsfits. Es soll den Gebrauch des Rätoromanischen im Vorschulalter fördern und Familien Materialien für die Weitergabe der Sprache zur Verfügung stellen. Ergänzt wird das Angebot durch Kinderbücher, Hörmedien, Ferienlager, Lesungen und regionale Begegnungsveranstaltungen.

Ein wichtiges digitales Angebot ist der Pledari Grond. Die Onlineplattform vereint Wörterbücher für mehrere Idiome und Rumantsch Grischun. Die redaktionell betreuten Wörterbuchbestände werden laufend ergänzt und berücksichtigen auch Vorschläge der Nutzerinnen und Nutzer.[6]

2026 stellte die Lia Rumantscha mit ALAS ein automatisches Übersetzungssystem vor. Es unterstützt Übersetzungen zwischen Deutsch und Rumantsch Grischun sowie den fünf regionalen Schriftidiomen. Das auf Verfahren der künstlichen Intelligenz beruhende System wurde in Zusammenarbeit mit sprachwissenschaftlichen und technischen Partnern entwickelt. Damit sollen rätoromanische Texte leichter erstellt und digitale Nutzungsmöglichkeiten der Sprache erweitert werden.[7]

Organisation

Delegiertenversammlung und Vorstand

Das oberste Organ der Lia Rumantscha ist die Delegiertenversammlung. Die angeschlossenen Vereinigungen entsenden Delegierte, die einmal jährlich über das Tätigkeitsprogramm, den Voranschlag, die Jahresrechnung und weitere grundlegende Fragen entscheiden. Die Delegiertenversammlung wählt auch das Präsidium, die Mitglieder der Kontrollkommission und weitere statutarische Organe.

Der Vorstand, rätoromanisch suprastanza, ist für die strategische Leitung zuständig. Die drei regionalen Sprachorganisationen sind im Vorstand vertreten. Weitere Sitze dienen der Vertretung überregionaler Organisationen und der rätoromanischen Bevölkerung ausserhalb des traditionellen Sprachgebietes.

Am 20. Juni 2026 wählte die Delegiertenversammlung in Samedan den ehemaligen Diplomaten Chasper Sarott zum Präsidenten der Lia Rumantscha. Er folgte auf Urezza Famos, die das Präsidium zuletzt allein ausgeübt hatte. Im Rahmen einer 2026 begonnenen Neuorganisation übernahm Andreas Gabriel die Funktion des Generalsekretärs und Vorsitzenden der operativen Leitung.[8]

Angeschlossene Organisationen

Der Lia Rumantscha gehören elf regionale, überregionale und ausserhalb Graubündens tätige Organisationen an.[9]

Die regionalen Sprach- und Kulturorganisationen sind:

Zu den überregionalen Vereinigungen gehören:

Weitere angeschlossene Institutionen sind:

Standorte

Der Hauptsitz befindet sich in der Chasa Rumantscha an der Via da la Plessur in Chur. Regionale Büros bestehen in Ilanz/Glion, Savognin und Scuol. Diese dezentrale Struktur erleichtert die Zusammenarbeit mit Gemeinden, Schulen, Vereinen und kulturellen Einrichtungen in den verschiedenen Sprachregionen.[1]

Finanzierung und öffentliches Mandat

Die Arbeit der Lia Rumantscha wird zu einem bedeutenden Teil durch Beiträge des Bundes und des Kantons Graubünden finanziert. Die verfassungsrechtliche Grundlage bildet unter anderem Artikel 70 der Bundesverfassung, der Bund und Kantone zum Schutz und zur Förderung der sprachlichen Minderheiten verpflichtet.

Das kantonale Sprachengesetz und die dazugehörigen Leistungsvereinbarungen konkretisieren die Aufgaben der Lia Rumantscha. Dazu gehören der Sprachausbau und die Erneuerung des Wortschatzes, ausserschulischer Sprachunterricht, Beratungs- und Dokumentationsleistungen, die Entwicklung von Fördermassnahmen sowie Publikationen für Kinder und Jugendliche.[10]

Gemäss ihren Statuten erfüllt die Lia Rumantscha mit der Verteilung und Verwendung öffentlicher Fördermittel eine Aufgabe des öffentlichen Rechts. Gleichzeitig bleibt sie als privatrechtlich organisierter Verein institutionell eigenständig. Neben den Grundbeiträgen von Bund und Kanton finanziert sie einzelne Vorhaben durch Projektbeiträge, Partnerschaften, Dienstleistungen, Verkaufserlöse und weitere Drittmittel.

Strategie 2026–2030

Für die Jahre 2026 bis 2030 verabschiedete die Lia Rumantscha eine neue strategische Ausrichtung. Diese reagiert auf den demografischen Wandel, die Abwanderung aus den rätoromanischen Regionen, die zunehmende Bedeutung der Diaspora, den Mangel an personellen Ressourcen in ehrenamtlich getragenen Vereinen und die Herausforderungen der Digitalisierung.

Die Strategie gliedert sich in vier zentrale Handlungsfelder:

  1. Weitergabe und Stärkung der Sprache;
  2. Aufbau einer breiteren gesellschaftlichen Bewegung und Weiterentwicklung der öffentlichen Positionierung;
  3. Stabilisierung und Diversifizierung der Finanzierung;
  4. Modernisierung der Organisations- und Zusammenarbeitsstrukturen.

Besondere Bedeutung haben die Sichtbarkeit des Rätoromanischen im Alltag, Angebote für Kinder und Jugendliche, digitale Sprachwerkzeuge und eine stärkere Vernetzung von Kultur, Politik, Verwaltung, Bildung und Wirtschaft. Mit einem geplanten Forum Rumantsch soll zudem ein gemeinsamer Ort für Begegnung, Diskussion und Zusammenarbeit entstehen.[11]

Bedeutung und Herausforderungen

Die Lia Rumantscha nimmt eine zentrale Stellung in der schweizerischen Sprachenpolitik ein. Sie verbindet die historisch und sprachlich unterschiedlichen Regionen der Rumantschia und fungiert zugleich als Ansprechpartnerin für eidgenössische, kantonale und kommunale Behörden.

Zu ihren grössten Herausforderungen gehört die rückläufige Verwendung des Rätoromanischen in Teilen des angestammten Sprachgebietes. Der Zuzug deutschsprachiger Personen, die Abwanderung junger Rätoromaninnen und Rätoromanen, die geringe Zahl rätoromanischsprachiger Arbeitsplätze und die Dominanz grösserer Sprachen in digitalen Medien erschweren die Weitergabe an die nächste Generation.

Hinzu kommt die sprachinterne Vielfalt. Die fünf Idiome sind wichtige Träger regionaler Identität, während Rumantsch Grischun die überregionale Kommunikation erleichtert. Die Lia Rumantscha muss deshalb zwischen Standardisierung und dem Schutz der regionalen Schrifttraditionen vermitteln.

Gleichzeitig hat die Verlagerung eines Teils der rätoromanischen Bevölkerung in Städte wie Chur, Zürich, Winterthur, Bern, Basel und Luzern neue Tätigkeitsfelder geschaffen. Sprachkurse, Kinderangebote, kulturelle Veranstaltungen und digitale Medien ausserhalb des traditionellen Sprachgebietes gewinnen daher zunehmend an Bedeutung.

Siehe auch

Literatur

  • Gion Lechmann: Rätoromanische Sprachbewegung. Die Geschichte der Lia Rumantscha von 1919 bis 1996. Huber, Frauenfeld 2005, ISBN 3-7193-1370-1.
  • Lia Rumantscha: Rapport annual. Jahresberichte der Lia Rumantscha, Chur.
  • Lia Rumantscha: Orientaziun strategica 2026–2030. Chur 2026.
  1. 1,0 1,1 Lia Rumantscha: Lia Rumantscha, abgerufen am 5. August 2026.
  2. Lia Rumantscha: Tschentaments da la Lia Rumantscha, Statuten, abgerufen am 5. August 2026.
  3. 3,0 3,1 Lia Rumantscha: L’istorgia da la Lia Rumantscha, abgerufen am 5. August 2026.
  4. Manfred Gross: Lia Rumantscha. In: Historisches Lexikon der Schweiz, Version vom 25. November 2008, abgerufen am 5. August 2026.
  5. Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten: Emna Rumantscha, abgerufen am 5. August 2026.
  6. Pledari Grond, abgerufen am 5. August 2026.
  7. ALAS – translaziun automatica, abgerufen am 5. August 2026.
  8. Lia Rumantscha: Chasper Sarott nov president da la Lia Rumantscha, Medienmitteilung vom 20. Juni 2026, abgerufen am 5. August 2026.
  9. Lia Rumantscha: Uniuns affiliadas, abgerufen am 5. August 2026.
  10. Kanton Graubünden: Sprachenpolitik, abgerufen am 5. August 2026.
  11. Lia Rumantscha: Orientaziun strategica 2026–2030, abgerufen am 5. August 2026.