St. Gallen
- Dieser Artikel behandelt die Stadt St. Gallen. Zum gleichnamigen Kanton siehe Kanton St. Gallen.
| St. Gallen | |
|---|---|
| Staat | Schweiz |
| Kanton | St. Gallen |
| Wahlkreis | St. Gallen |
| BFS-Nummer | 3203 |
| Postleitzahlen | 9000, 9001, 9004, 9006–9008, 9010–9012, 9014–9016 |
| Koordinaten | 47° 25′ 27″ N, 9° 22′ 15″ O |
| Höhe | 669 m ü. M. (Bahnhofplatz) |
| Fläche | 39,4 km² |
| Wohnbevölkerung | 84'097 (Mai 2026)[1] |
| Stadtpräsidentin | Maria Pappa (Stand 2026)[2] |
| Website | stadt.sg.ch |
St. Gallen (im Auftritt der Stadt meist St.Gallen; französisch Saint-Gall, italienisch San Gallo, rätoromanisch Son Gagl) ist eine politische Gemeinde, der Hauptort des gleichnamigen Kantons und das wichtigste städtische Zentrum der Ostschweiz. Die Stadt liegt in einem Hochtal zwischen dem Bodensee und dem Appenzellerland. Mit rund 84'000 Einwohnerinnen und Einwohnern ist sie eine der grössten Städte der Schweiz; zugleich bildet sie den Kern einer Agglomeration, die über die Kantonsgrenzen hinausreicht.
St. Gallen entstand im Umfeld des Klosters, das der Priester Otmar im 8. Jahrhundert am Wirkungsort des Wandermönchs Gallus gründete. Der Stiftsbezirk St. Gallen mit Kathedrale, Stiftsbibliothek und Stiftsarchiv gehört seit 1983 zum UNESCO-Welterbe.[3] Über Jahrhunderte prägten Leinwandhandel und Stickerei die wirtschaftliche Entwicklung. Heute ist St. Gallen vor allem ein Verwaltungs-, Bildungs-, Gesundheits-, Dienstleistungs- und Kulturzentrum. Überregionale Bedeutung besitzen unter anderem die Universität St. Gallen, die OLMA, die St. Galler Textiltradition und der FC St. Gallen.
Name und Schreibweise
Die Stadt, das Kloster, der Kanton und das Bistum tragen den Namen des Wandermönchs Gallus. Nach der Überlieferung liess er sich um 612 im Tal der Steinach nieder. Der Name St. Gallen bedeutet somit sinngemäss «beim heiligen Gallus».
In amtlichen Verzeichnissen des Bundes und in vielen geografischen Publikationen wird der Gemeindename mit einem Leerzeichen als St. Gallen geschrieben. Die Stadtverwaltung verwendet in ihrem eigenen Erscheinungsbild überwiegend die Form St.Gallen. Beide Schreibweisen sind deshalb verbreitet. Für Einwohnerinnen und Einwohner wird neben St. Gallerinnen und St. Galler auch die traditionelle Bezeichnung Stadtsanktgallerinnen und Stadtsanktgaller verwendet.
Geografie
Lage und Landschaft
St. Gallen liegt im nordöstlichen Schweizer Mittelland, rund zehn Kilometer südlich des Bodensees. Das dicht bebaute Stadtgebiet zieht sich hauptsächlich von Osten nach Westen durch das Tal der Steinach. Im Norden erhebt sich der Rosenberg, im Süden der Höhenzug von Freudenberg, Bernegg und St. Georgen. Die topografische Enge hat zu einer langgestreckten Siedlungsform und zu zahlreichen Treppenverbindungen geführt; St. Gallen wird daher gelegentlich als «Stägestadt» bezeichnet.
Der Bahnhofplatz liegt auf 669 m ü. M. Der tiefste Punkt des Gemeindegebiets befindet sich im Goldachtobel auf 496 m ü. M., der höchste Punkt im Gebiet Birt auf 1'074 m ü. M.[1] Damit weist das Stadtgebiet auf vergleichsweise kleinem Raum beträchtliche Höhenunterschiede auf. Etwa die Hälfte der Gemeindefläche besteht nach Angaben der Stadt aus Grünflächen. Wälder, Tobel und landwirtschaftlich genutzte Randgebiete reichen vielerorts nahe an die Wohnquartiere heran.
Die Steinach, an der die Siedlung entstand, fliesst heute im Zentrum grösstenteils unterirdisch. Sie tritt im Osten des Stadtgebiets wieder offen zutage und mündet bei Steinach in den Bodensee. Im Westen schneidet sich die Sitter tief in die Landschaft ein. Ihre Schlucht wird von mehreren auffälligen Eisenbahn- und Strassenbrücken überspannt.
Stadtgliederung
Die heutige Gemeinde umfasst neben der historischen Kernstadt auch die Gebiete der früheren Gemeinden Straubenzell im Westen und Tablat im Osten, die 1918 mit St. Gallen vereinigt wurden. Die Stadt unterscheidet 14 statistische Quartiere:
- Winkeln
- Bruggen
- Lachen
- Rosenberg
- Riethüsli
- St. Georgen
- Innenstadt
- St. Jakob
- Linsebühl-Dreilinden
- Rotmonten
- Langgass-Heiligkreuz
- St. Fiden
- Notkersegg
- Neudorf
Die Quartiere sind keine selbstständigen politischen Körperschaften. Sie unterscheiden sich jedoch deutlich in ihrer Siedlungsstruktur: Während Innenstadt, Lachen und St. Fiden dicht bebaut sind, besitzen Winkeln, Notkersegg und Teile von St. Georgen einen stärkeren vorstädtischen oder ländlichen Charakter.
Klima
Das Klima ist gemässigt und wegen der Höhenlage kühler als in den tieferen Gebieten am Bodensee. Niederschläge fallen zu allen Jahreszeiten; die Nähe zum Alpennordrand begünstigt bei Nord- und Nordwestlagen ergiebigen Regen oder Schneefall. Im Winter kann Schnee längere Zeit liegen bleiben, während die südexponierten Hänge von Rosenberg und Rotmonten vergleichsweise mild und sonnig sind. Die mittlere Lufttemperatur betrug im Jahr 2025 nach Angaben der Stadt 9,6 °C.[1] Ein einzelnes Jahresmittel ist jedoch nicht mit einem langjährigen Klimamittel gleichzusetzen.
Geschichte
Gallus und das Kloster
Archäologische Funde geben keine Hinweise auf eine dauerhafte Besiedlung des heutigen Stadtgebiets vor dem Frühmittelalter. Der Überlieferung zufolge liess sich der irische oder irofränkische Wandermönch Gallus im Jahr 612 im Steinachtobel nieder. Um seine Zelle und sein Grab bildete sich eine geistliche Gemeinschaft. 719 gründete Otmar an diesem Ort ein Kloster, das sich später der Benediktinerregel anschloss.[4]
Vom 9. bis zum 11. Jahrhundert gehörte die Abtei zu den bedeutendsten Bildungs- und Kulturzentren Europas. Ihr Skriptorium brachte reich ausgestattete Handschriften hervor, die Klosterschule zog Gelehrte an, und die Bibliothek baute einen aussergewöhnlichen Bestand auf. Der im 9. Jahrhundert entstandene St. Galler Klosterplan ist die älteste erhaltene Architekturzeichnung des abendländischen Mittelalters und zeigt das Idealbild einer grossen benediktinischen Klosteranlage.
Ausserhalb der Klostermauern siedelten sich Handwerker, Händler, Bauleute und Bedienstete an. Schriftliche Belege für die weltliche Siedlung reichen ins 10. Jahrhundert zurück; 1170 werden erstmals Bürger (cives) erwähnt. Ein Marktplatz ist seit 1228 bezeugt.[5]
Stadt, Reich und Eidgenossenschaft
Im Hoch- und Spätmittelalter löste sich die Bürgerschaft schrittweise aus der Herrschaft des Abtes. Ein eigener Rat ist spätestens 1294 nachgewiesen, ein Bürgermeister seit 1354. Zünfte übernahmen wirtschaftliche und politische Aufgaben. Königliche Privilegien verliehen der Stadt im frühen 15. Jahrhundert wichtige Hoheitsrechte; St. Gallen entwickelte sich zur freien Reichsstadt.
In den Appenzellerkriegen stand die Stadt auf der Seite der Appenzeller und damit gegen den Fürstabt. 1454 schloss sie ein Schirmbündnis mit Zürich, Bern, Luzern, Schwyz und Glarus und wurde zu einem zugewandten Ort der Eidgenossenschaft. Durch eidgenössische Schiedssprüche konnte sie 1457 weitere Rechte vom Kloster erwerben. Das Verhältnis zwischen der wirtschaftlich aufstrebenden Stadt und der territorial mächtigen Fürstabtei blieb dennoch konfliktgeladen.
Die Reformation wurde zwischen 1524 und 1527 unter dem Einfluss des Humanisten, Arztes und Bürgermeisters Joachim von Watt, genannt Vadian, eingeführt. Die Stadt wurde mehrheitlich reformiert, während das Kloster katholisch blieb. Der Wiler Vertrag von 1566 regelte die vollständige rechtliche und räumliche Trennung. Eine Mauer schied fortan den katholischen Stiftsbezirk vom reformierten Stadtgebiet. Bis 1798 bestanden die Fürstabtei und die Stadtrepublik als zwei eigenständige Staaten unmittelbar nebeneinander.[5]
Leinwand, Baumwolle und Stickerei
Bereits im Mittelalter entwickelte sich St. Gallen zu einem Zentrum der Leinwandherstellung und des Fernhandels. Im 15. Jahrhundert übernahm die Stadt von Konstanz die führende Stellung im Bodenseeraum. Strenge Qualitätskontrollen, ein städtisches Gütesiegel und weitreichende Handelsbeziehungen machten St. Galler Leinwand um 1600 zu einem der wichtigsten Exportgüter der Eidgenossenschaft.
Im 18. Jahrhundert verdrängten Baumwollgewebe zunehmend die Leinwand. Kaufmannsfamilien organisierten Produktion und Handel in einem weit verzweigten Verlagssystem, das grosse Teile der Ostschweiz und angrenzende Regionen einbezog. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts bewirkten Handstickmaschinen und später Schifflistickmaschinen einen ausserordentlichen Aufschwung. St. Galler Stickereien wurden weltweit verkauft; Kontorhäuser, Fabriken und repräsentative Villen veränderten das Stadtbild. Die Textilwirtschaft förderte zudem Banken, Versicherungen, Verkehrsbauten und die Gründung einer Handelsakademie.[6]
Der Erste Weltkrieg, der Zusammenbruch wichtiger Absatzmärkte und ein tiefgreifender Modewandel leiteten eine schwere Stickereikrise ein. In den 1920er- und 1930er-Jahren litt die Stadt unter hoher Arbeitslosigkeit und Abwanderung. Die Textilbranche verlor ihre frühere beherrschende Stellung, blieb jedoch in spezialisierten Betrieben, im Design und in der Haute Couture bis in die Gegenwart präsent.
Vom Ende der Stadtrepublik zur modernen Stadt
1798 wurden sowohl die Stadtrepublik als auch die Fürstabtei aufgehoben und in den helvetischen Kanton Säntis eingegliedert. Mit der Mediationsakte entstand 1803 der Kanton St. Gallen; die gleichnamige Stadt wurde dessen Hauptort. Das Kloster wurde 1805 säkularisiert. Der ehemalige Klosterbezirk nahm kantonale Behörden auf, die Klosterkirche wurde später Kathedrale des 1847 errichteten Bistums St. Gallen.
Die Industrialisierung liess Bevölkerung und Siedlungsfläche stark wachsen. 1856 erhielt St. Gallen mit der Bahnstrecke Winterthur–St. Gallen–Rorschach Anschluss an das Eisenbahnnetz. Wohn- und Industriequartiere dehnten sich über die Grenzen der alten Stadt aus. 1918 vereinigten sich St. Gallen, Straubenzell und Tablat zur politischen Gemeinde «Gross-St. Gallen»; das Gemeindegebiet vergrösserte sich dadurch ungefähr auf seine heutige Ausdehnung, die Bevölkerung auf rund 70'000 Personen.[4]
Nach dem Zweiten Weltkrieg erholte sich die Wirtschaft, wobei der Dienstleistungssektor das Textilgewerbe überholte. Die Einwohnerzahl erreichte um 1970 einen damaligen Höchststand von rund 80'000 und sank anschliessend infolge der Suburbanisierung zeitweise. Seit der Jahrtausendwende wächst sie wieder. Wichtige neuere Entwicklungsschritte waren die Aufnahme des Stiftsbezirks in die UNESCO-Welterbeliste 1983, die Eröffnung der Stadtautobahn 1987, die Inbetriebnahme des Fussballstadions in Winkeln 2008 und die Neugestaltung des Bahnhofplatzes 2018.
Bevölkerung und Gesellschaft
St. Gallen ist seit dem 19. Jahrhundert durch Zuwanderung geprägt. Während des Stickereibooms kamen Arbeitskräfte und Kaufleute aus umliegenden Kantonen, aus Deutschland, Italien und weiteren europäischen Ländern in die Stadt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts folgten unter anderem Menschen aus Südeuropa und später aus Südosteuropa sowie aus aussereuropäischen Staaten. Diese Entwicklung spiegelt sich in einer sprachlich, religiös und kulturell vielfältigen Stadtgesellschaft.
Die historische Trennung zwischen der reformierten Stadt und dem katholischen Klostergebiet ist im Stadtbild weiterhin sichtbar, bestimmt den Alltag jedoch nicht mehr. Neben der römisch-katholischen und der evangelisch-reformierten Kirche bestehen christlich-orthodoxe und freikirchliche Gemeinden, eine jüdische Gemeinde sowie muslimische, hinduistische, buddhistische und weitere religiöse Gemeinschaften. Gleichzeitig ist der Anteil konfessionsloser Personen gewachsen.
Das lokale Deutsch gehört zum nordostschweizerischen Dialektraum. Im Alltag wird überwiegend Schweizerdeutsch gesprochen, während Schweizer Hochdeutsch als Schrift- und Bildungssprache dient.
Politik und Verwaltung
St. Gallen ist eine politische Gemeinde nach dem Recht des Kantons St. Gallen und zugleich Sitz der kantonalen Regierung, des Kantonsrates und eines grossen Teils der kantonalen Verwaltung. Die Stadt besitzt eine eigene Gemeindeordnung und verfügt über direktdemokratische Instrumente wie Initiative und Referendum.
Die Exekutive ist der fünfköpfige Stadtrat. Seine Mitglieder und das Stadtpräsidium werden für vier Jahre vom Volk gewählt. Jedes Mitglied leitet eine Direktion; wichtige Entscheide fällt der Stadtrat als Kollegialbehörde.[2]
Die Legislative bildet das Stadtparlament mit 63 Mitgliedern. Es wird ebenfalls alle vier Jahre gewählt, berät Reglemente und Voranschläge, genehmigt Kredite und übt die politische Aufsicht über die Stadtverwaltung aus.[7] Für die politische Willensbildung spielen neben den Parteien zahlreiche Quartiervereine, Interessengruppen und zivilgesellschaftliche Organisationen eine Rolle.
Wirtschaft
Wirtschaftsstruktur
St. Gallen ist das Arbeitsplatzzentrum der Ostschweiz. Für 2023 weist die Stadt 87'789 Arbeitsplätze aus und damit mehr Arbeitsplätze als Einwohnerinnen und Einwohner.[1] Entsprechend gross sind die Pendlerströme aus dem Fürstenland, dem Appenzellerland, dem Rheintal, dem Thurgau und dem Bodenseeraum.
Der Dienstleistungssektor dominiert. Bedeutend sind die öffentliche Verwaltung, das Bildungswesen, das Gesundheits- und Sozialwesen, Banken und Versicherungen, Unternehmensdienstleistungen, Handel, Informations- und Kommunikationstechnologie sowie Kongress- und Messewirtschaft. Das Kantonsspital St. Gallen ist ein zentraler Gesundheitsversorger und einer der grossen Arbeitgeber der Region. Die Universität, Fachhochschulen und Forschungsinstitutionen fördern wissensintensive Unternehmen und Neugründungen.
Die industrielle Tradition ist nicht verschwunden. In Stadt und Region bestehen Unternehmen der Textil- und Bekleidungsbranche, des Maschinenbaus, der Präzisionstechnik, der Lebensmittelproduktion und weiterer spezialisierter Bereiche. St. Galler Spitzen und Stickereien werden weiterhin von internationalen Modehäusern verwendet. Das Modeunternehmen Akris hat seinen Sitz in St. Gallen.
Messen und Kongresse
Die Olma Messen St.Gallen gehören zu den bedeutenden Messe-, Kongress- und Veranstaltungsplätzen der Schweiz. Ihr bekanntester Anlass ist die jährlich im Oktober stattfindende OLMA – Schweizer Messe für Landwirtschaft und Ernährung. Sie entstand während des Zweiten Weltkriegs und entwickelte sich zu einer national bekannten Publikumsmesse. Daneben finden Fachmessen, Kongresse, Konzerte und Sportveranstaltungen auf dem Gelände statt.[8]
Bildung und Forschung
Die Stadt unterhält Kindergärten, Primarschulen und Oberstufenzentren. Kantonale Einrichtungen decken die gymnasiale und berufliche Bildung ab. Zu den historisch bedeutenden Bildungsinstitutionen gehören die Kantonsschule am Burggraben und die aus klösterlicher sowie städtischer Tradition hervorgegangenen Bibliotheken.
Die Universität St. Gallen (HSG) wurde 1898 als Handelsakademie und Verkehrsschule gegründet, um Fachkräfte für die damals blühende Textilwirtschaft auszubilden.[9] Sie befindet sich seit 1963 auf dem Rosenberg und ist auf Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft, Recht, Sozialwissenschaften, Internationale Beziehungen und Informatik ausgerichtet. Ihr Campus verbindet Architektur der Nachkriegsmoderne mit zahlreichen Werken zeitgenössischer Kunst.
Weitere Angebote bestehen durch die OST – Ostschweizer Fachhochschule, die Pädagogische Hochschule St. Gallen und höhere Berufsfachschulen. Zusammen mit Bibliotheken, Archiven und Museen bilden diese Einrichtungen einen Bildungs- und Forschungsstandort von überregionaler Bedeutung.
Die Stiftsbibliothek und das Stiftsarchiv bewahren einen aussergewöhnlichen Bestand an frühmittelalterlichen Handschriften und Urkunden. Die Kantonsbibliothek Vadiana geht auf die Bücherschenkung Vadians zurück. Damit besitzt St. Gallen neben seiner Textiltradition auch eine ausgeprägte Identität als «Buchstadt».
Verkehr
Eisenbahn und öffentlicher Nahverkehr
Der Bahnhof St. Gallen ist der wichtigste Verkehrsknoten der Ostschweiz. Er liegt an der Hauptachse Zürich–Winterthur–St. Gallen–Rorschach und wird von Fernverkehrs- und Regionalzügen bedient. Weitere Bahnhöfe und Haltestellen im Gemeindegebiet erschliessen unter anderem St. Fiden, Bruggen, Haggen und Winkeln. Die S-Bahn St. Gallen verbindet die Stadt mit dem Bodenseeraum, dem Rheintal, dem Toggenburg, dem Thurgau und dem Appenzellerland.
Die meterspurige Durchmesserlinie der Appenzeller Bahnen führt von Trogen durch das Stadtzentrum und über den 2018 eröffneten Ruckhaldetunnel nach Teufen und Appenzell. Sie entstand durch die betriebliche Verknüpfung der früher getrennten Linien St. Gallen–Trogen und St. Gallen–Appenzell.[10]
Das städtische Busnetz wird hauptsächlich von den Verkehrsbetrieben St. Gallen betrieben und durch regionale Postauto- und Buslinien ergänzt. Die kurze Mühleggbahn verbindet die Altstadt mit dem höher gelegenen Quartier St. Georgen. Trotz ihres Namens funktioniert sie heute als Standseilbahn mit automatischem Betrieb.
Strassenverkehr
Die Autobahn A1 durchquert die Stadt in Ost-West-Richtung und ist auf weiten Abschnitten eingehaust oder in Tunneln geführt. Sie verbindet St. Gallen mit Zürich und dem Rheintal. Hauptstrassen führen nach Rorschach, Gossau, Wittenbach, Teufen und ins Appenzellerland. Die begrenzten Platzverhältnisse im Tal führen zu Nutzungskonflikten zwischen motorisiertem Verkehr, öffentlichem Verkehr, Velo- und Fussverkehr.
Der nächstgelegene internationale Flughafen ist Zürich. Der kleinere Flughafen St. Gallen-Altenrhein am Bodensee dient dem regionalen Geschäfts- und Linienverkehr.
Kultur und Sehenswürdigkeiten
Stiftsbezirk
Der Stiftsbezirk St. Gallen ist das bedeutendste Bau- und Kulturdenkmal der Stadt. Sein heutiges Erscheinungsbild entstand überwiegend bei der barocken Neugestaltung von 1755 bis 1768. Die ehemalige Klosterkirche, heute Kathedrale, besitzt eine monumentale Doppelturmfassade und einen reich ausgestatteten Innenraum. Der barocke Bibliothekssaal der Stiftsbibliothek zählt zu den bekanntesten historischen Bibliotheksräumen Europas.
Die UNESCO nahm den Bezirk 1983 nach den Kriterien (ii) und (iv) in die Welterbeliste auf. Zum geschützten Ensemble gehören nicht nur die Bauten, sondern auch die Bestände von Stiftsbibliothek und Stiftsarchiv. Sie dokumentieren mehr als zwölf Jahrhunderte religiöser, wissenschaftlicher und kultureller Tätigkeit.[3]
Altstadt und Architektur
Nördlich und westlich des Stiftsbezirks erstreckt sich die weitgehend verkehrsberuhigte Altstadt. Marktgasse, Multergasse, Spisergasse und Gallusstrasse bilden ihre wichtigsten Achsen. Charakteristisch sind Fachwerk- und Bürgerhäuser sowie reich geschnitzte und bemalte Erker, die vor allem wohlhabende Kaufleute im 17. und 18. Jahrhundert anbringen liessen. In der Altstadt sind 111 Erker erhalten.[11]
Die reformierte Kirche St. Laurenzen steht unmittelbar neben dem katholischen Stiftsbezirk und veranschaulicht die konfessionelle und politische Doppelgeschichte. Reste der früheren Befestigung sind unter anderem beim Karlstor erhalten, dem einzigen noch bestehenden Tor der alten Stadtmauer.
Aus der Stickereiblüte stammen repräsentative Geschäftshäuser und Villen, etwa im Museums- und Bahnhofsquartier sowie am Rosenberg. Bedeutende Bauten und Stadträume des 20. und 21. Jahrhunderts sind der Hauptbahnhof mit seiner Bahnhofhalle, die Universität auf dem Rosenberg, das Theater St. Gallen, die Stadtlounge im Bleicheliquartier und die umgenutzte Lokremise.
Museen, Theater und Musik
Das Textilmuseum St. Gallen dokumentiert die regionale Textilgeschichte und besitzt Stoffe, Stickereien, Spitzen, Musterbücher und Entwurfszeichnungen aus verschiedenen Epochen und Weltregionen. Das Kunstmuseum St. Gallen zeigt Werke vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Weitere Einrichtungen sind das Kulturmuseum St. Gallen, das Naturmuseum, das Museum im Lagerhaus für naive Kunst und Art brut sowie die Kunstgiesserei und das Sitterwerk im Westen der Stadt.
Das Theater St. Gallen ist ein Mehrspartenhaus für Musiktheater, Schauspiel und Tanz. Das Sinfonieorchester St. Gallen tritt im Theater und in der Tonhalle auf. Die Lokremise beim Bahnhof dient als spartenübergreifendes Kulturzentrum für Theater, Tanz, Film und Kunst. Kleinere Bühnen, Clubs und freie Kulturorte ergänzen das Angebot.
Feste und Veranstaltungen
Zu den wichtigsten wiederkehrenden Veranstaltungen gehören die OLMA, das St. Galler Fest, das OpenAir St. Gallen im Sittertobel und das traditionsreiche Kinderfest. Letzteres wurde erstmals 1824 durchgeführt und verbindet Umzüge, Musik, Tanz und gemeinsame Darbietungen der städtischen Schulen. Wegen des aufwendigen Programms und der Abhängigkeit vom Wetter findet es nicht jährlich, sondern in grösseren Abständen statt.
Freizeit und Sport
Die stadtnahen Hügel und Wälder sind wichtige Erholungsräume. Besonders bekannt sind die Drei Weieren oberhalb von St. Georgen. Die ursprünglich für die Wasserversorgung und als Lösch- beziehungsweise Bleicheweiher angelegten Teiche dienen heute teilweise als öffentliche Badeanlagen. Von den Hängen am Freudenberg bietet sich ein weiter Blick über die Stadt bis zum Bodensee und in den süddeutschen Raum.
Weitere Naherholungsgebiete sind das Sittertobel, der Wildpark Peter und Paul auf dem Rosenberg, der Botanische Garten und die Wälder um Notkersegg und Riethüsli. Ein dichtes Netz von Wegen verbindet die Quartiere mit dem Umland.
Der 1879 gegründete FC St. Gallen ist der älteste noch bestehende Fussballclub der Schweiz.[5] Seine erste Mannschaft trägt die Heimspiele im Stadion St. Gallen in Winkeln aus. Ebenfalls traditionsreich sind der Handballverein TSV St. Otmar St. Gallen, der Fussballclub Brühl und die Pferdesportveranstaltung CSIO St. Gallen.
Kulinarische Traditionen
Die bekannteste Spezialität ist die St. Galler Bratwurst, meist eine helle Kalbsbratwurst. St. Galler Kalbsbratwurst, St. Galler Bratwurst und St. Galler OLMA-Bratwurst sind seit 2008 als geschützte geografische Angaben eingetragen. Traditionell wird die Wurst mit einem Bürli und ohne Senf gegessen.
Der St. Galler Biber ist ein gewürztes Honiggebäck, häufig mit Mandelfüllung und einem geprägten Bildmotiv. Hinzu kommen eine lange Biertradition, Klostergebäck und weitere regionale Gerichte. Die Brauerei Schützengarten wurde 1779 gegründet und gilt als älteste bestehende Brauerei der Schweiz.[4]
Wappen
Das Stadtwappen zeigt in Silber einen aufrecht schreitenden schwarzen Bären mit goldenem Halsband und goldener Bewehrung sowie roter Zunge. Der Bär verweist auf die Galluslegende: Ein Bär soll dem Einsiedler Holz gebracht und dafür Brot erhalten haben. 1475 verlieh Kaiser Friedrich III. der Stadt das Recht, den Bären mit einem goldenen Halsband darzustellen. Dieses unterscheidet den Stadtbären von den Bären der ehemaligen Fürstabtei und der beiden Appenzeller Kantone.[12] Das Wappen des Kantons St. Gallen ist dagegen grün und zeigt ein Rutenbündel mit Beil.
Literatur
- Ernst Ehrenzeller: Geschichte der Stadt St. Gallen. VGS, St. Gallen 1988.
- Marcel Mayer: Das erste Jahrzehnt von «Gross-St. Gallen»: Stadtgeschichte 1918–1929. St. Gallen 1996.
- Peter Röllin: St. Gallen. Stadtveränderung und Stadterlebnis im 19. Jahrhundert. St. Gallen 1981.
- Stefan Sonderegger, Marcel Mayer: St. Gallen (Gemeinde). In: Historisches Lexikon der Schweiz.
Siehe auch
- Kanton St. Gallen
- Stiftsbezirk St. Gallen
- Fürstabtei St. Gallen
- Universität St. Gallen
- Geschichte der Stadt St. Gallen
Weblinks
- Offizielle Website der Stadt St.Gallen
- Stiftsbezirk St. Gallen
- Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen
- St. Gallen-Bodensee Tourismus
- St. Gallen im Historischen Lexikon der Schweiz
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 Stadt St.Gallen: Die Stadt in Zahlen, abgerufen am 22. Juli 2026.
- ↑ 2,0 2,1 Stadt St.Gallen: Stadtrat, abgerufen am 22. Juli 2026.
- ↑ 3,0 3,1 UNESCO World Heritage Centre: Abbey of St Gall, abgerufen am 22. Juli 2026.
- ↑ 4,0 4,1 4,2 Stadt St.Gallen: Geschichte und Meilensteine der Stadtgeschichte, abgerufen am 22. Juli 2026.
- ↑ 5,0 5,1 5,2 Stefan Sonderegger und Marcel Mayer: St. Gallen (Gemeinde), in: Historisches Lexikon der Schweiz, Version vom 6. Januar 2012, abgerufen am 22. Juli 2026.
- ↑ Textilmuseum St. Gallen: Die Geschichte des Textilmuseums St. Gallen, abgerufen am 22. Juli 2026.
- ↑ Stadt St.Gallen: Stadtparlament, abgerufen am 22. Juli 2026.
- ↑ Olma Messen St.Gallen: Porträt, abgerufen am 22. Juli 2026.
- ↑ Universität St. Gallen: Chronologie der HSG, abgerufen am 22. Juli 2026.
- ↑ Appenzeller Bahnen: Geschichte der Linie Trogen–St. Gallen–Appenzell, abgerufen am 22. Juli 2026.
- ↑ Schweiz Tourismus: St. Gallen, abgerufen am 22. Juli 2026.
- ↑ Stadtarchiv St.Gallen: Wappenbesserung 1475 – Gold für den Sanktgaller Bären, abgerufen am 22. Juli 2026.