Augusta Raurica

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Augusta Raurica
Das römische Theater von Augusta Raurica
Antiker Name Augusta Raurica
Colonia Augusta Rauricorum
Siedlungstyp Römische Koloniestadt und spätrömischer Kastellort
Koloniegründung um 44 v. Chr.
Beginn des Stadtbaus um 15 v. Chr.
Blütezeit 1. bis 3. Jahrhundert n. Chr.
Geschätzte Bevölkerung bis zu 15'000 Personen
Heutige Gemeinden Augst, Kaiseraugst und teilweise Pratteln
Kantone Basel-Landschaft und Aargau
Gewässer Rhein
Bedeutende Bauwerke Theater, Amphitheater, Forum, Basilika, Tempel, Thermen und Castrum Rauracense
Heutige Nutzung Archäologische Ausgrabungsstätte, Museum und Freilichtanlage
Website www.augustaraurica.ch

Augusta Raurica war eine bedeutende römische Koloniestadt am Südufer des Rheins. Ihr antikes Stadtgebiet erstreckte sich über die heutigen Gemeinden Augst im Kanton Basel-Landschaft, Kaiseraugst im Kanton Aargau und teilweise Pratteln. Während der römischen Kaiserzeit entwickelte sich die Stadt zu einem regionalen Verwaltungs-, Handels- und Gewerbezentrum mit schätzungsweise bis zu 15'000 Einwohnerinnen und Einwohnern.[1]

Die Siedlung lag an einem verkehrsgeografisch besonders günstigen Ort. Hier kreuzten sich die Nord-Süd-Verbindungen zwischen Italien und dem Rheinland mit den West-Ost-Routen von Gallien zur Donau und nach Rätien. Der Rhein ermöglichte den Transport schwerer Güter, während Strassen, Hafenanlagen und eine Rheinbrücke die Stadt mit anderen Teilen des Römischen Reiches verbanden.

Heute zählt Augusta Raurica zu den bedeutendsten römischen Fundstätten der Schweiz. Das weitläufige Gelände umfasst mehr als zwanzig öffentlich zugängliche Monumente und Fundstellen. Dazu gehören das römische Theater, ein Amphitheater, Tempelanlagen, Teile des Forums, Badeanlagen, Gewerbegebäude, eine Abwasserleitung und die Überreste des spätrömischen Castrum Rauracense. Das Museum Augusta Raurica bewahrt zahlreiche Funde aus dem antiken Stadtgebiet, darunter Teile des berühmten Silberschatzes von Kaiseraugst.[2]

Name

Der Name Augusta Raurica verbindet die Bezeichnung des keltischen Stammes der Rauriker mit dem Namen des römischen Kaisers Augustus. Die Bewohner des Gebietes wurden in lateinischen Quellen als Rauraci bezeichnet. Die römische Kolonie erscheint in antiken Inschriften und späteren wissenschaftlichen Veröffentlichungen unter unterschiedlichen Namensformen, darunter Colonia Raurica, Augusta Raurica und Colonia Augusta Rauricorum.

Eine in Gaeta erhaltene Grabinschrift des römischen Feldherrn Lucius Munatius Plancus berichtet, dass er Kolonien in Lugdunum, dem heutigen Lyon, und im Gebiet der Rauriker gegründet habe. Die genaue Lage der ersten Koloniegründung ist nicht eindeutig nachweisbar. Archäologische Spuren einer städtischen Besiedlung in Augst setzen erst mehrere Jahrzehnte später ein.

Der Namensbestandteil Augusta verweist auf eine Neugründung oder Neuorganisation unter Kaiser Augustus. Die vollständig ausgebaute Stadt entstand daher nicht unmittelbar nach dem Gründungsakt von 44 v. Chr., sondern erst um 15 v. Chr.[3]

Lage

Das antike Stadtgebiet befand sich etwa zehn Kilometer östlich von Basel am Südufer des Rheins. Die zivile Oberstadt lag auf einer leicht erhöhten Terrasse im Gebiet des heutigen Augst. Die Unterstadt erstreckte sich in der Rheinebene, hauptsächlich auf dem Boden des heutigen Kaiseraugst. Einzelne Aussenquartiere und Verkehrsachsen reichten bis in das Gebiet von Pratteln.

Die Lage bot mehrere natürliche und wirtschaftliche Vorteile. Der Rhein war an dieser Stelle vergleichsweise gut zu überqueren. Das Gelände eignete sich für den Bau einer Brücke sowie für Hafen- und Lageranlagen. Gleichzeitig war die erhöhte Terrasse der Oberstadt vor gewöhnlichen Hochwassern geschützt.[4]

In Augusta Raurica trafen mehrere Fernverkehrswege zusammen. Eine wichtige Route führte über die Alpen und den Grossen St. Bernhard beziehungsweise andere Alpenübergänge nach Norditalien. Weitere Strassen verbanden die Stadt mit Aventicum, Vindonissa, dem Elsass, dem Rheinland und den römischen Gebieten an der Donau.

Die Lage am Rand unterschiedlicher Landschaftsräume begünstigte die Versorgung der Bevölkerung. Aus dem Jura und dem Baselbieter Hinterland kamen Holz, Kalkstein, landwirtschaftliche Erzeugnisse und Wasser. Über den Rhein und die Fernstrassen gelangten Wein, Öl, Keramik, Glas, Metalle und Luxuswaren in die Stadt.

Geschichte

Keltische Bevölkerung und römische Expansion

Vor der römischen Herrschaft lebten in der Region die Rauriker. Sie gehörten zu den keltischen Bevölkerungsgruppen im Gebiet zwischen Jura, Rhein und Oberrhein. Über ihre politische Organisation und ihre Siedlungszentren ist nur wenig bekannt. Archäologische Funde belegen jedoch eine gut entwickelte eisenzeitliche Kultur mit regionalen und überregionalen Handelsbeziehungen.

Im 1. Jahrhundert v. Chr. geriet die Region zunehmend unter den Einfluss Roms. Während des Gallischen Krieges unterwarf Gaius Iulius Caesar grosse Teile Galliens. Der Rhein entwickelte sich zunächst zu einer wichtigen militärischen und politischen Grenzzone.

Um 44 v. Chr. gründete Lucius Munatius Plancus im Auftrag Caesars eine Kolonie im Gebiet der Rauriker. Eine Kolonie diente der Ansiedlung römischer Bürger und Veteranen, der Sicherung eroberter Gebiete sowie der Verbreitung römischer Verwaltungs- und Lebensformen. Ob die erste Kolonie bereits am späteren Standort von Augusta Raurica lag, ist nicht abschliessend geklärt.[3]

Nach Caesars Ermordung im Jahr 44 v. Chr. folgten langjährige Bürgerkriege. Diese politischen Konflikte dürften verhindert haben, dass die geplante Kolonie unmittelbar ausgebaut wurde.

Stadtgründung unter Augustus

Um 15 v. Chr., während der Regierungszeit von Kaiser Augustus, begann der planmässige Bau der Stadt auf der Terrasse von Augst. Gleichzeitig entstand in der Rheinebene bei Kaiseraugst vermutlich ein militärisch geprägter Siedlungsbereich. Die ältesten Gebäude waren mehrheitlich aus Holz und Lehm errichtet.

Die Stadt wurde nach einem regelmässigen Strassennetz angelegt. Rechtwinklig aufeinander treffende Strassen teilten das bebaute Gebiet in Häuserblöcke, die als Insulae bezeichnet werden. Das Zentrum bildete das Forum mit öffentlichen Gebäuden, Tempeln, Verwaltungsräumen und Ladenlokalen.

Die ersten Einwohner waren wahrscheinlich eine Mischung aus römischen und italischen Siedlern, Veteranen, Zuwanderern aus anderen Provinzen sowie Angehörigen der einheimischen keltischen Bevölkerung. Im Verlauf mehrerer Generationen verschmolzen unterschiedliche Traditionen zu einer provinzialrömischen Kultur.

Aufstieg zur regionalen Metropole

Im 1. Jahrhundert n. Chr. wuchs Augusta Raurica rasch. Ab etwa 50 n. Chr. wurden die zuvor überwiegend aus Holz errichteten Gebäude zunehmend durch Steinbauten ersetzt. Die Stadt erhielt repräsentative öffentliche Anlagen, gepflasterte Strassen, Wasserleitungen und ein leistungsfähiges Abwassersystem.

Nachdem die römische Reichsgrenze vom Rhein nach Norden an den Obergermanisch-Rätischen Limes verschoben worden war, lag Augusta Raurica nicht mehr unmittelbar an der Grenze. Die militärische Bedrohung nahm vorübergehend ab, und die Stadt entwickelte sich zu einem wohlhabenden Handels- und Gewerbezentrum.[5]

Ihre grösste Ausdehnung und wirtschaftliche Bedeutung erreichte die Stadt im 2. und frühen 3. Jahrhundert. Schätzungen gehen von bis zu 15'000 Einwohnerinnen und Einwohnern aus. Damit gehörte Augusta Raurica zu den grössten städtischen Zentren im Gebiet der heutigen Schweiz.

Die Stadt war Hauptort einer Kolonie und besass eine kommunale Selbstverwaltung nach römischem Vorbild. Lokale Amtsträger, wohlhabende Familien und ein Stadtrat leiteten die öffentlichen Angelegenheiten. Sie finanzierten teilweise Gebäude, religiöse Feste, Spiele und andere Einrichtungen.

Krise im 3. Jahrhundert

Ab dem späten 2. Jahrhundert verschlechterte sich die politische und wirtschaftliche Lage im Römischen Reich. Bürgerkriege, Epidemien, Inflation und Angriffe germanischer Gruppen belasteten viele Provinzen. Nach dem Zusammenbruch des Obergermanisch-Rätischen Limes um 260 wurde die Reichsgrenze an den Rhein zurückverlegt.

Augusta Raurica befand sich nun erneut in unmittelbarer Grenznähe. Handel und Produktion gingen zurück, während Teile der Bevölkerung die Stadt verliessen. Zahlreiche Häuser wurden aufgegeben, beschädigt oder als Steinbrüche verwendet.

Um 280 wurde der Geländesporn Kastelen oberhalb des heutigen Museums befestigt. Eine Mauer sowie ein Wall-Graben-System sollten der verkleinerten Bevölkerung Schutz bieten. Die ausserhalb dieser Befestigung liegenden Stadtquartiere wurden nur noch teilweise genutzt.[6]

Der Niedergang war kein einzelnes plötzliches Ereignis. Die archäologischen Befunde zeigen vielmehr einen längeren Prozess aus Zerstörungen, Wiederaufbau, Bevölkerungsrückgang und einer schrittweisen Verlagerung des Siedlungsschwerpunktes zum Rhein.

Castrum Rauracense

Mauer des spätrömischen Castrum Rauracense in Kaiseraugst

Um 300 entstand in der Rheinebene das befestigte Castrum Rauracense. Das Kastell lag auf dem Gebiet des heutigen Kaiseraugst und kontrollierte den Rheinübergang sowie wichtige Verkehrswege. Es umfasste in seiner grössten Ausdehnung ungefähr 3,6 Hektaren und war von einer mächtigen Mauer mit Türmen und Toranlagen umgeben.[7]

Innerhalb und in der Umgebung des Kastells lebten Militärangehörige, deren Familien, Handwerker, Händler und andere Teile der Zivilbevölkerung. Der Siedlungsschwerpunkt verlagerte sich damit von der weitgehend aufgegebenen Oberstadt zum befestigten Rheinufer.

In den Jahren 351 oder 352 wurde das Kastell bei einem germanischen Angriff zerstört. Anschliessend erfolgten Reparaturen und ein erneuter Ausbau. Um 401 wurden zahlreiche römische Truppen aus der Region abgezogen, da sie an anderen Grenzen des Reiches benötigt wurden. Der Ort blieb jedoch weiterhin besiedelt und gehörte formell noch mehrere Jahrzehnte zum Römischen Reich.[8]

Spätantike und Frühmittelalter

Auch nach dem Ende der römischen Herrschaft bestand die Siedlung in Kaiseraugst weiter. Teile der Kastellmauern wurden in spätere Gebäude einbezogen. Innerhalb der Befestigung entstanden Holzbauten und einfachere Wohnhäuser.

Eine frühe christliche Kirche mit Taufanlage belegt die Bedeutung des Ortes in der Spätantike. Die Kirchenanlage am Rhein gehörte zu den frühen christlichen Zentren der Region. Gräberfelder und weitere Sakralbauten zeigen, dass der Übergang von der römischen zur frühmittelalterlichen Gesellschaft schrittweise erfolgte.

Im 7. Jahrhundert gewann das weiter rheinabwärts gelegene Basel zunehmend an Bedeutung. Der ehemalige römische Koloniehauptort verlor seine zentrale Funktion. Aus den verbliebenen Siedlungen entwickelten sich die späteren Dörfer Augst und Kaiseraugst.[9]

Stadtanlage

Augusta Raurica war nach den Grundsätzen des römischen Städtebaus geplant. Das Strassennetz gliederte die Oberstadt in rechteckige oder annähernd rechteckige Häuserblöcke. Hauptstrassen verbanden das Forum mit den Stadttoren, den Wohnquartieren, dem Theater, den Tempeln und den Ausfallstrassen.

Die Stadt bestand nicht nur aus einem geschlossenen Zentrum. Gewerbebetriebe, Gutshöfe, Heiligtümer, Gräberfelder und weitere Einrichtungen lagen ausserhalb der dicht bebauten Quartiere. Die Unterstadt am Rhein besass Hafen-, Lager- und möglicherweise militärische Anlagen.

Archäologische Untersuchungen haben gezeigt, dass Gebäude und Strassen mehrfach verändert wurden. Holzhäuser wurden durch Steinbauten ersetzt, Grundstücke zusammengelegt und öffentliche Anlagen erweitert. Die sichtbaren Ruinen gehören daher nicht alle derselben Zeit an.

Bedeutende Bauwerke

Forum

Das Forum war das politische, wirtschaftliche und religiöse Zentrum der Stadt. Die Anlage bestand aus einem langgestreckten Platz, der von Säulenhallen, Amtsräumen, Geschäften und Lagerkammern umgeben war.

Im nordöstlichen Teil befanden sich die Basilika und die Curia. Die Basilika war eine grosse, mehrschiffige Halle für Gerichtsverhandlungen, Verwaltungsgeschäfte und wirtschaftliche Tätigkeiten. In der halbkreisförmigen Curia tagte wahrscheinlich der Stadtrat.

Im südwestlichen Teil des Forums lag ein heiliger Bezirk mit einem erhöhten Tempel. Auf dem Forum standen Statuen und Ehreninschriften für Kaiser, Amtsträger und verdiente Bürger. Die Anlage wurde im Verlauf der Kaiserzeit mehrfach erneuert und erweitert.[10]

Theater

Das römische Theater von Augusta Raurica ist das bekannteste Monument der Ausgrabungsstätte. Es lag in unmittelbarer Nähe des Stadtzentrums und bildete mit dem gegenüberliegenden Tempel auf dem Schönbühl eine monumentale architektonische Einheit.

Das Bauwerk wurde während der römischen Zeit mehrmals vollständig umgestaltet. Eine frühe Anlage konnte vermutlich sowohl für szenische Aufführungen als auch für Kampfveranstaltungen genutzt werden. Später entstanden ein klassisches Bühnentheater und schliesslich ein erneut veränderter Grossbau.

In seiner grössten Ausbaustufe bot das Theater ungefähr 10'000 Zuschauerinnen und Zuschauern Platz. Aufgeführt wurden Theaterstücke, religiöse Darstellungen, Musikveranstaltungen und möglicherweise öffentliche Zeremonien. Heute wird das restaurierte Bauwerk erneut für kulturelle Veranstaltungen genutzt.

Tempel auf Schönbühl

Dem Theater gegenüber erhob sich auf dem Schönbühl ein monumentaler Podiumtempel. Eine breite Freitreppe führte zum erhöhten Tempelbezirk. Die genaue Zuordnung zu einer bestimmten Gottheit ist nicht gesichert.

Die räumliche Verbindung zwischen Theater und Tempel deutet darauf hin, dass Aufführungen, Prozessionen und religiöse Feiern gemeinsam organisiert wurden. Die beiden Bauwerke bildeten eine der eindrucksvollsten städtebaulichen Anlagen von Augusta Raurica.

Amphitheater

Das Amphitheater von Augusta Raurica

Das Amphitheater lag ausserhalb des dicht bebauten Stadtzentrums in einem natürlichen Geländeeinschnitt. Es diente vor allem Gladiatorenkämpfen, Tierhetzen und anderen öffentlichen Schaudarbietungen.

Die Arena war von ansteigenden Zuschauerrängen umgeben. Zugänge, Nebenkammern und Tore ermöglichten die Organisation der Kämpfe. Das Bauwerk bot mehreren tausend Menschen Platz, war jedoch kleiner als das Theater.

Theater und Amphitheater hatten unterschiedliche Funktionen. Im Theater fanden hauptsächlich Bühnenaufführungen und öffentliche Versammlungen statt, während das Amphitheater für Kämpfe und Arenavorführungen bestimmt war.

Thermen und Badeanlagen

In Augusta Raurica bestanden mehrere öffentliche und private Badeanlagen. Zu den typischen Räumen gehörten Kalt-, Warm- und Heissbäder, Umkleidezonen und beheizte Aufenthaltsräume.

Die Gebäude wurden teilweise durch Hypokaustheizungen erwärmt. Dabei strömte heisse Luft unter den Fussböden und durch Hohlräume in den Wänden. Öffentliche Bäder dienten nicht nur der Körperpflege, sondern waren auch wichtige gesellschaftliche Treffpunkte.

In Kaiseraugst sind Teile der Rheinthermen erhalten. Weitere Badeanlagen wurden in der Oberstadt und in privaten Wohnhäusern nachgewiesen.

Wasserversorgung und Kanalisation

Die Versorgung der Stadt erforderte eine aufwendige technische Infrastruktur. Eine römische Wasserleitung führte Wasser aus dem Gebiet der Ergolz unterhalb von Lausen nach Augusta Raurica. Das Wasser gelangte mit einem gleichmässigen Gefälle in die Stadt und versorgte Brunnen, Badeanlagen, Haushalte und Gewerbebetriebe.[11]

Unter mehreren Strassen verliefen Abwasserkanäle. Ein Abschnitt der grossen Kloake ist heute begehbar. Die Kanäle führten Regenwasser und Abwässer aus dem Stadtgebiet ab.

Stadtmauer und Tore

In der frühen und mittleren Kaiserzeit besass Augusta Raurica keine vollständig geschlossene Befestigung, da die Stadt zeitweise weit im gesicherten Hinterland lag. Repräsentative Tore markierten dennoch wichtige Zufahrten.

Das teilweise rekonstruierte Osttor bildete den Zugang für Reisende aus Richtung Vindonissa. Erst während der Krisen des 3. und 4. Jahrhunderts entstanden stärker befestigte Anlagen auf Kastelen und am Rhein.

Wohnhäuser

Die Wohnbebauung reichte von einfachen Holz- und Fachwerkhäusern bis zu grossen Steinvillen wohlhabender Familien. Viele Häuser vereinten Wohnräume, Werkstätten, Läden, Höfe und Lagerräume.

Reich ausgestattete Gebäude besassen Wandmalereien, Mosaikböden, Säulenhöfe und beheizbare Räume. In einigen Stadtquartieren wurden grosse Peristylhäuser freigelegt, deren Räume sich um einen von Säulen umgebenen Innenhof gruppierten.

Das heutige Römerhaus ist keine erhaltene antike Villa, sondern eine wissenschaftlich begründete Rekonstruktion. Es zeigt die mögliche Ausstattung eines wohlhabenden Haushalts mit Küche, Esszimmer, Schlafzimmern, Arbeitsräumen, Innenhof und Badebereich.

Bevölkerung und Gesellschaft

Die Bevölkerung von Augusta Raurica war kulturell und sozial vielfältig. Neben Angehörigen einheimischer Familien lebten hier Menschen aus Italien, Gallien, Germanien und anderen Teilen des Römischen Reiches. Militärdienst, Handel und Verwaltung führten zu einer hohen Mobilität.

Die Gesellschaft war stark gegliedert. An der Spitze standen wohlhabende Grundbesitzer, Händler und Mitglieder der städtischen Führungsschicht. Daneben lebten Handwerker, Arbeiter, Händler, Bedienstete, Freigelassene und versklavte Menschen in der Stadt.

Römisches Bürgerrecht, Herkunft, Vermögen und Geschlecht bestimmten die rechtliche und gesellschaftliche Stellung. Frauen konnten keine politischen Ämter übernehmen, waren jedoch als Eigentümerinnen, Händlerinnen, Handwerkerinnen und Mitglieder einflussreicher Familien am Wirtschaftsleben beteiligt.

Grabinschriften, persönliche Gegenstände und religiöse Weihungen geben Hinweise auf einzelne Bewohner. Dennoch ist nur ein kleiner Teil der Bevölkerung namentlich bekannt.

Wirtschaft

Augusta Raurica verdankte ihren Wohlstand der günstigen Verkehrslage und einem grossen landwirtschaftlich geprägten Umland. Bauernhöfe versorgten die Stadt mit Getreide, Fleisch, Obst, Gemüse und anderen Lebensmitteln.

Innerhalb der Stadt bestanden zahlreiche Werkstätten. Archäologisch nachgewiesen sind unter anderem:

  • Töpfereien und Ziegeleien
  • Schmieden und Metallwerkstätten
  • Gerbereien und andere lederverarbeitende Betriebe
  • Bäckereien und Mühlen
  • Werkstätten für Glas, Knochen und Holz
  • Gaststätten, Läden und Lagerräume

Die Betriebe waren teilweise in bestimmten Gewerbequartieren konzentriert. Feuergefährliche oder geruchsintensive Arbeiten fanden häufig am Rand der Siedlung statt.

Importierte Amphoren belegen den Handel mit Wein, Olivenöl, Fischsaucen und weiteren Produkten aus dem Mittelmeerraum. Feine Keramik, Glasgefässe, Schmuck und Münzen zeigen die Einbindung der Stadt in die Wirtschaftsnetze des Römischen Reiches.

Religion

Die religiöse Landschaft von Augusta Raurica war vielfältig. Verehrt wurden die traditionellen römischen Götter, der Kaiser und zahlreiche lokale oder aus anderen Provinzen übernommene Gottheiten.

Das Forum besass einen Tempel für den offiziellen Staats- und Kaiserkult. Weitere Heiligtümer lagen auf dem Schönbühl und in der Grienmatt. Inschriften und Bildwerke belegen unter anderem die Verehrung von Jupiter, Merkur, Mars, Apollo und einheimischen Gottheiten.

Private Haushalte verfügten häufig über kleine Hausheiligtümer. Dort verehrten Familien ihre Schutzgötter, die Laren, und brachten Opfer dar.

Ab der Spätantike breitete sich das Christentum aus. Im Gebiet des Castrum Rauracense entstanden eine Kirche, eine Taufanlage und weitere kirchlich genutzte Räume. Die christliche Besiedlung setzte sich auch nach dem Ende der römischen Verwaltung fort.

Der Silberschatz von Kaiseraugst

Der Silberschatz von Kaiseraugst gehört zu den bedeutendsten spätantiken Schatzfunden Europas. Er besteht aus 270 Objekten mit einem Gesamtgewicht von rund 57,5 Kilogramm. Zum Fund gehören Platten, Schalen, Löffel, Münzen, persönliche Gegenstände und weitere Silberarbeiten.[12]

Die Gegenstände gehörten wahrscheinlich mehreren hochrangigen Personen aus dem Umfeld des römischen Militärs oder der kaiserlichen Verwaltung. Einige Stücke waren persönliche oder kaiserliche Geschenke. Inschriften und Bilddarstellungen erlauben Rückschlüsse auf die Besitzer und die politische Kultur der Spätantike.

Der Schatz wurde vermutlich in der Mitte des 4. Jahrhunderts während einer militärischen Krise verborgen. Die Eigentümer konnten ihn offenbar nicht wieder bergen.

Ende 1961 stiess ein Bagger bei Bauarbeiten in Kaiseraugst auf die Silbergegenstände. Die Bedeutung des Fundes wurde zunächst nicht erkannt. Einzelne Stücke wurden von Kindern, Spaziergängern und Anwohnern eingesammelt. Erst Anfang 1962 gelang es Archäologen, den Fundzusammenhang zu erkennen und einen grossen Teil des Schatzes zu sichern.

Weitere Funde

Aus Augusta Raurica stammen mehrere Millionen archäologische Fundstücke. Die Sammlung umfasst Münzen, Keramik, Glas, Werkzeuge, Schmuck, Waffen, Knochen, Baufragmente, Wandmalereien und Mosaiken.

Zu den bekannten Einzelfunden gehört das 1961 entdeckte Gladiatorenmosaik. Es zeigt mehrere Kampfszenen mit Gladiatoren und gehörte ursprünglich zu einem reich ausgestatteten Wohnhaus.

Alltagsgegenstände sind für die Forschung besonders wichtig. Schreibgriffel, Spielsteine, Haarnadeln, Schuhe, Küchengefässe und Werkzeuge vermitteln ein genaueres Bild vom Leben der gewöhnlichen Bevölkerung als die monumentalen Bauten.

Tierknochen und Pflanzenreste geben Auskunft über Ernährung, Landwirtschaft und Umwelt. Menschliche Skelette ermöglichen Untersuchungen zu Krankheiten, Verletzungen, Lebensalter und Herkunft.

Archäologische Forschung

Die Ruinen von Augusta Raurica waren im Mittelalter teilweise sichtbar. Viele antike Gebäude wurden jedoch als Steinbrüche genutzt. Wiederverwendete römische Steine finden sich in späteren Kirchen, Häusern und Befestigungen der Region.

Humanisten begannen im 15. und 16. Jahrhundert, römische Inschriften und Ruinen systematisch zu beschreiben. Zwischen 1588 und 1590 untersuchte der Basler Jurist und Altertumsforscher Basilius Amerbach der Jüngere das Theater. Er liess Mauern freilegen, vermessen und zeichnen. Seine Arbeiten gelten als eine der frühesten wissenschaftlich dokumentierten archäologischen Untersuchungen nördlich der Alpen.[13]

Im 19. Jahrhundert wurden die Forschungen systematischer. Theophil Burckhardt-Biedermann und andere Basler Gelehrte untersuchten das Theater und weitere Monumente. 1884 erwarb die Historische und Antiquarische Gesellschaft zu Basel das Theaterareal und den gegenüberliegenden Schönbühl.

Der Archäologe Karl Stehlin dokumentierte grosse Teile des Stadtgebietes und schuf wichtige Grundlagen für die moderne Erforschung. Nach seinem Tod wurde 1935 die Stiftung Pro Augusta Raurica gegründet. Unter der Leitung von Rudolf Laur-Belart wurden die Ausgrabungen, Restaurierungen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen weiter ausgebaut.[14]

Die starke Bautätigkeit in Augst und Kaiseraugst führte seit der Mitte des 20. Jahrhunderts zu zahlreichen Notgrabungen. Strassen, Wohnhäuser, Industrieanlagen und Leitungen bedrohten bislang unberührte Teile der antiken Stadt. Archäologische Untersuchungen müssen deshalb häufig unter erheblichem Zeitdruck durchgeführt werden.

Schutz und Organisation

Das Stadtgebiet von Augusta Raurica verteilt sich auf zwei Kantone und mehrere Gemeinden. Die archäologische Arbeit erfordert daher eine enge Zusammenarbeit zwischen den zuständigen Behörden des Kantons Basel-Landschaft und des Kantons Aargau.

Auf dem Gebiet von Augst liegt die Hauptverantwortung bei der Römerstadt Augusta Raurica als Institution des Kantons Basel-Landschaft. Für die Fundstellen in Kaiseraugst ist die Kantonsarchäologie Aargau zuständig. Forschung, Restaurierung, Vermittlung und Schutzprojekte werden teilweise gemeinsam durchgeführt.

Der sogenannte Römervertrag von 1975 regelte die Beteiligung mehrerer Kantone an der Finanzierung der Erforschung und Erhaltung. Die Stiftung Pro Augusta Raurica unterstützt weiterhin wissenschaftliche Publikationen, Vermittlungsprojekte und einzelne archäologische Vorhaben.

Grosse Teile des antiken Stadtgebietes befinden sich noch unberührt im Boden. Dieser Umstand macht Augusta Raurica besonders wertvoll, erschwert aber zugleich die moderne Siedlungs- und Infrastrukturplanung.

Museum Augusta Raurica

Das Museum Augusta Raurica in Augst

Das Museum Augusta Raurica wurde 1957 eröffnet. Es befindet sich neben dem rekonstruierten Römerhaus in Augst. Die Ausstellung zeigt ausgewählte Gegenstände aus der römischen Stadt und erläutert das Leben ihrer Bewohner.

Das Römerhaus wurde nach dem Vorbild eines wohlhabenden städtischen Haushalts eingerichtet. Möbel, Küchengeräte, Textilien und andere Gegenstände zeigen, wie die verschiedenen Räume genutzt worden sein könnten.

Die archäologische Sammlung umfasst mehr als zwei Millionen Fundstücke. Nur ein kleiner Teil kann dauerhaft ausgestellt werden. Die übrigen Gegenstände werden in Depots aufbewahrt, konserviert und wissenschaftlich untersucht.[2]

Neben dem Museum gehören das Freilichtgelände, rekonstruierte Anlagen, ein Tierpark mit alten Haustierrassen sowie Räume für Workshops und Veranstaltungen zum heutigen Angebot.

Freilichtgelände

Das archäologische Gelände ist nicht als vollständig zusammenhängende Ruinenstadt erhalten. Die sichtbaren Monumente liegen zwischen modernen Wohngebieten, Strassen, Feldern und Industrieanlagen.

Mehrere Rundwege verbinden die wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Zu den zugänglichen Anlagen gehören:

  • das römische Theater
  • der Tempel auf Schönbühl
  • Forum, Basilika und Curia
  • das Amphitheater
  • die Gewerbehäuser
  • eine Badeanlage
  • das unterirdische Brunnenhaus
  • ein Abschnitt der Kloake
  • das Osttor
  • die römische Wasserleitung
  • die Kastellmauer in Kaiseraugst
  • die Rheinthermen
  • die frühchristliche Kirche
  • der Brückenkopf am Rhein

Die Monumente werden laufend konserviert. Mauerreste sind besonders durch Frost, Feuchtigkeit, Pflanzenbewuchs und Temperaturschwankungen gefährdet. Schutzdächer, Entwässerungen und regelmässige Restaurierungen sollen den weiteren Zerfall verhindern.

Bedeutung

Augusta Raurica besitzt eine aussergewöhnliche Bedeutung für die Erforschung der römischen Schweiz. Die Fundstätte dokumentiert nahezu fünf Jahrhunderte Siedlungsgeschichte: von der augusteischen Koloniestadt über die wirtschaftliche Blüte der Kaiserzeit bis zum spätrömischen Kastell und zur frühmittelalterlichen Siedlung.

Da das Gebiet nach der Antike nicht von einer grossen mittelalterlichen oder modernen Stadt vollständig überbaut wurde, blieben weite Teile des römischen Stadtgrundrisses im Boden erhalten. Dadurch können Archäologen nicht nur einzelne Gebäude, sondern auch Strassen, Quartiere, Gewerbezonen, Friedhöfe und Versorgungssysteme untersuchen.

Von besonderer Bedeutung ist die Verbindung unterschiedlicher Quellengattungen. Monumentale Bauten, Inschriften, Münzen, Abfälle, Tierknochen und Alltagsgegenstände ermöglichen eine umfassende Rekonstruktion des städtischen Lebens.

Die Forschungsgeschichte reicht bis in die Renaissance zurück. Augusta Raurica ist daher nicht nur eine Quelle zur römischen Antike, sondern auch ein wichtiges Beispiel für die Entwicklung der Archäologie, der Denkmalpflege und der öffentlichen Geschichtsvermittlung in der Schweiz.

Chronologie

Zeit Ereignis
um 44 v. Chr. Lucius Munatius Plancus gründet im Gebiet der Rauriker eine römische Kolonie.
um 15 v. Chr. Beginn des planmässigen Stadtbaus von Augusta Raurica unter Kaiser Augustus.
1. Jahrhundert n. Chr. Rasches Wachstum der Stadt; Holzgebäude werden zunehmend durch Steinbauten ersetzt.
2. Jahrhundert Augusta Raurica erreicht ihre wirtschaftliche und städtebauliche Blütezeit.
frühes 3. Jahrhundert Die Stadt zählt vermutlich bis zu 15'000 Einwohnerinnen und Einwohner.
um 260 Nach dem Fall des Limes wird der Rhein erneut zur Reichsgrenze.
um 280 Bau einer befestigten Anlage auf dem Geländesporn Kastelen.
um 300 Errichtung des Castrum Rauracense am Rhein.
351 oder 352 Zerstörung des Kastells bei einem germanischen Angriff.
4. Jahrhundert Wiederaufbau des Kastells und Entstehung frühchristlicher Einrichtungen.
um 401 Abzug eines grossen Teils der römischen Truppen.
5. Jahrhundert Ende der römischen Herrschaft; die Siedlung bleibt weiterhin bewohnt.
7. Jahrhundert Basel gewinnt an Bedeutung; der ehemalige Koloniehauptort verliert seine zentrale Funktion.
1588–1590 Basilius Amerbach untersucht und dokumentiert das römische Theater.
1884 Erwerb des Theater- und Schönbühlareals durch die Historische und Antiquarische Gesellschaft zu Basel.
1935 Gründung der Stiftung Pro Augusta Raurica.
1957 Eröffnung des Museums Augusta Raurica.
1961–1962 Entdeckung des Silberschatzes von Kaiseraugst.
1975 Inkrafttreten des Vertrags über die Römerforschung.

Siehe auch

Literatur

  • Ludwig Berger: Führer durch Augusta Raurica. 7. Auflage, Schwabe, Basel 2012, ISBN 978-3-7965-2841-5.
  • Rudolf Laur-Belart: Führer durch Augusta Raurica. Basel 1937.
  • Rudolf Laur-Belart, Anton Senti u. a.: Geschichte von Augst und Kaiseraugst. Liestal 1962.
  • Martin Hartmann: Die Römer im Aargau. Sauerländer, Aarau 1985.
  • René Martin, Stefanie Martin-Kilcher: Augusta Raurica. Eine Entdeckungsreise durch die Zeit. Augst.
  • Peter-A. Schwarz: Das Castrum Rauracense und sein Umland zwischen dem späten 3. und dem frühen 7. Jahrhundert. Augst.

Einzelnachweise

  1. «Die Geschichte von Augusta Raurica», Augusta Raurica, abgerufen am 27. Juli 2026.
  2. 2,0 2,1 «Augusta Raurica hautnah», Augusta Raurica, abgerufen am 27. Juli 2026.
  3. 3,0 3,1 «Koloniegründung mit Hindernissen», Augusta Raurica, abgerufen am 27. Juli 2026.
  4. «Augusta Raurica», in: Historisches Lexikon der Schweiz, abgerufen am 27. Juli 2026.
  5. «Metropole am Rhein», Augusta Raurica, abgerufen am 27. Juli 2026.
  6. «Krisen, Kriege und Zerfall», Augusta Raurica, abgerufen am 27. Juli 2026.
  7. «Sanierung der Kastellmauer in Kaiseraugst», Augusta Raurica, abgerufen am 27. Juli 2026.
  8. «Castrum Rauracense – Im Schutz der Festung», Augusta Raurica, abgerufen am 27. Juli 2026.
  9. «Frühmittelalter», Augusta Raurica, abgerufen am 27. Juli 2026.
  10. «Das Forum – Zentrum der Stadt», Augusta Raurica, abgerufen am 27. Juli 2026.
  11. «Die römische Wasserleitung von Lausen nach Augst», Archäologie Baselland, abgerufen am 27. Juli 2026.
  12. «Der Silberschatz», Augusta Raurica, abgerufen am 27. Juli 2026.
  13. «Amerbach, Basilius der Jüngere», in: Historisches Lexikon der Schweiz, abgerufen am 27. Juli 2026.
  14. «Die Geschichte der Stiftung», Stiftung Pro Augusta Raurica, abgerufen am 27. Juli 2026.

Wikimedia Commons Wikimedia Commons: Medien zu Augusta Raurica