Schweizerischer Nationalpark

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Schweizerischer Nationalpark
Rätoromanisch Parc Naziunal Svizzer
Italienisch Parco Nazionale Svizzero
Französisch Parc national suisse
Lage Engadin und Val Müstair, Kanton Graubünden
Schutzkategorie IUCN-Kategorie Ia
Gründung 1. August 1914
Fläche 170,3 km²
Höhenlage 1400 bis 3174 m ü. M.
Parkgemeinden Zernez, S-chanf, Scuol und Val Müstair
Landschaftsräume Ofenpassgebiet, Spöltal, Val Cluozza, Val Trupchun, Val Mingèr und Seenplatte von Macun
Wanderwegnetz rund 100 km
Offizielle Wanderrouten 21
Verwaltung Öffentlich-rechtliche Stiftung Schweizerischer Nationalpark
Verwaltungssitz Schloss Planta-Wildenberg, Zernez
Besucherzentrum Nationalparkzentrum Zernez
Website nationalpark.ch

Der Schweizerische Nationalpark ist ein streng geschütztes Naturreservat im Kanton Graubünden im Südosten der Schweiz. Er liegt im Unterengadin und im Val Müstair und umfasst eine Fläche von 170,3 Quadratkilometern. Der Park wurde am 1. August 1914 gegründet und ist damit der älteste Nationalpark der Alpen. Er ist der einzige bestehende Nationalpark der Schweiz und zugleich das grösste zusammenhängende Wildnisgebiet des Landes.[1]

Der Nationalpark besitzt den höchsten internationalen Schutzstatus der International Union for Conservation of Nature und ist der IUCN-Kategorie Ia zugeordnet. Die Natur soll sich innerhalb seiner Grenzen möglichst ohne menschliche Eingriffe entwickeln. Geschützt werden nicht nur einzelne Arten oder besonders wertvolle Landschaftselemente, sondern sämtliche natürlichen Prozesse. Dazu gehören auch Lawinen, Murgänge, Erosion, umstürzende Bäume, Waldbrände und Veränderungen von Tier- und Pflanzenbeständen.

Die drei Hauptaufgaben des Nationalparks sind Schützen, Forschen und Informieren. Der Park ist deshalb zugleich ein Naturreservat, ein wissenschaftliches Freiluftlaboratorium und ein bedeutender Ort der Umweltbildung.

Das Parkgebiet reicht von rund 1400 bis 3174 Metern über Meer. Etwa 28 Prozent der Fläche sind bewaldet, 21 Prozent bestehen aus alpinen Matten und 51 Prozent sind weitgehend vegetationsfreie Hochgebirgslandschaften mit Fels, Geröll, Schutthalden und Gewässern. Das markierte Wanderwegnetz umfasst rund 100 Kilometer.[1]

Zusammen mit dem Regionalen Naturpark Biosfera Val Müstair und Teilen der Gemeinde Scuol bildet der Nationalpark die Kernzone des UNESCO-Biosphärenreservats Engiadina Val Müstair.

Name

Die amtliche deutsche Bezeichnung lautet Schweizerischer Nationalpark. Auf Rätoromanisch, der traditionellen Sprache der Region, heisst er Parc Naziunal Svizzer. Die italienische Bezeichnung lautet Parco Nazionale Svizzero, die französische Parc national suisse.

Die Abkürzung SNP wird sowohl von der Parkverwaltung als auch in wissenschaftlichen Veröffentlichungen verwendet.

Der Begriff Nationalpark bezeichnet ein grossflächiges Schutzgebiet, in dem natürliche Landschaften und ökologische Prozesse dauerhaft bewahrt werden. Der Schweizerische Nationalpark unterscheidet sich von den regionalen Naturpärken der Schweiz durch seinen wesentlich strengeren Schutzstatus. Regionale Naturpärke verbinden Naturschutz mit nachhaltiger Land- und Regionalwirtschaft. Im Schweizerischen Nationalpark ist dagegen nahezu jede wirtschaftliche Nutzung ausgeschlossen.

Lage und Ausdehnung

Der Nationalpark liegt in der südöstlichsten Ecke der Schweiz. Er erstreckt sich über Gebiete des Unterengadins, des Ofenpasses und des Val Müstair.

Die Parkflächen gehören den vier Gemeinden:

Parkgemeinde Anteil an der Parkfläche Bedeutende Parkgebiete
Zernez 68,6 Prozent Ofenpassgebiet, Val Cluozza, Val Tantermozza und Macun
S-chanf 13,5 Prozent Val Trupchun und Val Müschauns
Scuol 13,2 Prozent Val Mingèr und Val Foraz
Val Müstair 4,7 Prozent Val Nüglia

Die Gemeinden verpachten ihre Flächen auf der Grundlage langfristiger Verträge an den Bund. Die Parkverträge besitzen eine Laufzeit von jeweils 99 Jahren. Als Gegenleistung erhalten die Gemeinden einen jährlichen Pachtzins und verfügen über eine Vertretung in der Eidgenössischen Nationalparkkommission.[2]

Das Parkgebiet besteht nicht aus einer einzigen geschlossenen Talschaft. Es umfasst mehrere durch Bergzüge, Pässe und Täler gegliederte Landschaftsräume.

Landschaftsräume

Ofenpassgebiet

Das Ofenpassgebiet bildet den am leichtesten zugänglichen Teil des Nationalparks. Die Ofenpassstrasse verbindet Zernez mit dem Val Müstair und durchquert den Park auf einer Länge von mehreren Kilometern.

Entlang der Strasse befinden sich mehrere Parkeingänge, Postautohaltestellen und Ausgangspunkte für Wanderungen. Bedeutende Landschaften sind:

  • Il Fuorn;
  • Stabelchod;
  • Margunet;
  • Val dal Botsch;
  • Champlönch;
  • Grimmels;
  • La Schera;
  • Val Nüglia.

Das Gebiet wird durch ausgedehnte Bergföhrenwälder, Trockenrasen, alpine Matten und helle Dolomitberge geprägt.

Das Hotel Parc Naziunal Il Fuorn liegt unmittelbar an der Ofenpassstrasse und ist neben der Chamanna Cluozza eine der beiden Übernachtungsmöglichkeiten innerhalb des Nationalparks.

Val Cluozza

Die Val Cluozza südlich von Zernez war das erste Gebiet, das für den späteren Nationalpark gesichert wurde. Die Gemeinde Zernez verpachtete das abgelegene Tal 1909 an die Schweizerische Naturschutzkommission.

Das Tal wird von steilen Waldhängen, Felswänden und dem Gebirgsbach Ova da Cluozza geprägt. Im Herzen des Tals liegt auf 1882 Metern über Meer die Chamanna Cluozza, die einzige bewirtete Berghütte des Nationalparks.[3]

Von Zernez führt ein anspruchsvoller Bergwanderweg zur Hütte. Weitere Routen verbinden die Val Cluozza über den Murtersattel mit dem Spöltal oder über die Fuorcla Val Sassa mit dem Val Trupchun.

Val Trupchun

Die Val Trupchun liegt südlich von S-chanf und gehört zu den bekanntesten Tälern des Nationalparks. Sie ist besonders reich an Rothirschen, Gämsen, Steinböcken und Murmeltieren.

Während der Hirschbrunft im September können zahlreiche Rothirsche auf den offenen Hängen beobachtet und gehört werden. Das Tal gilt deshalb als eines der wichtigsten Ziele für Wildtierbeobachtungen im Park.

Zwei markierte Routen führen entlang des Talbodens und über einen höher gelegenen Waldweg. Rastplätze befinden sich unter anderem bei Val Mela und der Alp Trupchun.

Die ehemals landwirtschaftlich genutzten Alpweiden verändern sich seit der Eingliederung in den Nationalpark ohne Mahd und Nutztierbeweidung. Rothirsche und andere wildlebende Pflanzenfresser besitzen heute einen wesentlichen Einfluss auf die Vegetation.

Val Mingèr

Die Val Mingèr gehört zur Gemeinde Scuol und liegt im nordöstlichen Teil des Nationalparks. Das Tal ist von der Ortschaft S-charl aus erreichbar.

Charakteristisch sind trockene Dolomithänge, Bergföhrenwälder und offene Weideflächen. Das Gebiet ist ein wichtiger Lebensraum für Hirsche, Gämsen, Steinböcke und Murmeltiere.

Die Val Mingèr ist über den Pass da Sur il Foss mit dem Ofenpassgebiet verbunden. Eine weitere Route führt durch die Val Plavna.

Spöltal

Der Spöl entspringt in Italien und fliesst durch den Lago di Livigno sowie den Nationalpark, bevor er bei Zernez in den Inn mündet.

Das Tal ist tief in die Dolomitlandschaft eingeschnitten. Zu seinen bedeutenden Abschnitten gehören Punt dal Gall, Punt la Drossa, Praspöl und Vallun Chafuol.

Seit dem Bau der Staumauer Punt dal Gall wird der Spöl als Restwasserfluss geführt. Seine Wasserführung wird durch die Anlagen der Engadiner Kraftwerke beeinflusst.

Seit den 1990er-Jahren werden künstliche Hochwasser ausgelöst, um Geschiebe umzulagern und die ökologische Dynamik des Flusses teilweise wiederherzustellen. Dieses Vorgehen wurde zu einem international beachteten Beispiel für die ökologische Bewirtschaftung von Restwasserstrecken.

Macun

Die Seenplatte von Macun wurde im Jahr 2000 in den Nationalpark aufgenommen. Sie umfasst rund 3,6 Quadratkilometer und liegt nördlich des bisherigen Hauptgebiets auf dem Gemeindegebiet von Zernez.

Macun besteht aus mehr als zwanzig kleinen Bergseen und Weihern in einer hochalpinen Landschaft. Im Gegensatz zu den meisten übrigen Parkgebieten wird die Geologie dort nicht durch Dolomit, sondern durch kristalline und metamorphe Gesteine geprägt.

Die markierten Routen über Macun sind anspruchsvolle Alpinwanderwege. Wegen der Höhenlage können Schnee, Nebel und rasche Wetterwechsel auch im Sommer auftreten.

Geologie

Die Geologie des Nationalparks ist aussergewöhnlich vielfältig. Rund 80 Prozent der Gesteine bestehen aus Dolomit und Kalk. Daneben kommen Verrucano, Rauhwacke, Sandstein, Schiefer und verschiedene metamorphe Gesteine vor.[4]

Der gelbgraue Dolomit prägt die charakteristischen hellen und stark zerklüfteten Berge des Ofenpassgebiets. Das Gestein verwittert leicht und bildet ausgedehnte Schutthalden, Rinnen und karge Felslandschaften.

Rauhwacke ist ein poröses, gelblich bis bräunlich gefärbtes Gestein, das durch die Auflösung bestimmter mineralischer Bestandteile entstand.

In der Val dal Diavel wurden 1961 versteinerte Fussabdrücke von Dinosauriern entdeckt. Die Spuren sind ungefähr 220 Millionen Jahre alt und stammen aus der Triaszeit.

Die Seenplatte von Macun liegt geologisch in einem anderen Bereich. Dort dominieren Gneise, Amphibolite und weitere Umwandlungsgesteine.

Lawinen, Frostsprengung, Steinschlag, Erosion und Murgänge verändern die Landschaft fortlaufend. Da Schutzbauten im Innern des Parks grundsätzlich nicht errichtet werden, können diese Prozesse weitgehend ungehindert wirken.

Klima

Der Nationalpark liegt in einem inneralpinen Trockengebiet. Die umliegenden Bergketten halten einen Teil der feuchten Luftströmungen ab. Das Unterengadin erhält deshalb weniger Niederschlag als viele Regionen auf der Alpennordseite.

Die Winter sind lang, kalt und schneereich. In den höheren Lagen kann die Schneedecke bis weit in den Sommer bestehen bleiben.

Die Sommer sind kurz. Sonnige und warme Tage wechseln mit kalten Nächten, Gewittern und plötzlichen Schneefällen.

Die Temperatur nimmt mit zunehmender Höhe stark ab. Innerhalb weniger hundert Höhenmeter entstehen deshalb sehr unterschiedliche Lebensbedingungen.

Der Klimawandel zeigt sich im Nationalpark unter anderem durch:

  • steigende Durchschnittstemperaturen;
  • früher einsetzende Schneeschmelze;
  • längere Vegetationsperioden;
  • Veränderungen der Höhenverbreitung von Pflanzen und Tieren;
  • den Rückgang von Permafrost;
  • Veränderungen bei Blockgletschern;
  • zunehmende Trockenperioden;
  • häufigere Extremereignisse.

Langjährige Messreihen ermöglichen es, diese Veränderungen wissenschaftlich zu untersuchen.

Vegetation

Der Nationalpark beherbergt rund 650 Arten höherer Pflanzen.[4]

Die Vegetation verändert sich je nach Höhe, Gestein, Boden, Sonneneinstrahlung und früherer Nutzung.

Wälder

Etwa 28 Prozent des Parkgebiets sind bewaldet. Rund 99,5 Prozent der Waldfläche bestehen aus Nadelwald.[1]

Die häufigsten Baumarten sind:

  • Bergföhre;
  • Wald-Föhre;
  • Lärche;
  • Arve;
  • Fichte.

Die Bergföhre ist besonders im Ofenpassgebiet verbreitet. Sie wächst auf trockenen und nährstoffarmen Dolomitböden und kann auch Lawinen, Steinschlag und extreme Temperaturschwankungen überstehen.

Lärchen und Arven bilden in höheren Lagen lockere Wälder. Die Lärche wirft als einziger einheimischer Nadelbaum im Herbst ihre Nadeln ab und prägt dann mit ihrer goldgelben Färbung die Landschaft.

Seit dem Ende der Holznutzung entwickelt sich der Wald ohne forstwirtschaftliche Eingriffe. Alte Bäume sterben ab, stürzen um und bleiben liegen. Das Totholz dient Pilzen, Insekten, Flechten, Moosen und zahlreichen anderen Organismen als Lebensraum.

Waldbrände, Stürme, Lawinen und Schädlingsbefall werden grundsätzlich als natürliche Bestandteile des Waldökosystems betrachtet.

Alpine Matten

Alpine Matten bedecken etwa 21 Prozent des Nationalparks. Sie sind besonders reich an Blütenpflanzen.

Typische Arten sind:

  • Edelweiss;
  • Silberwurz;
  • Enziane;
  • Alpenaster;
  • Bergdisteln;
  • Rhätischer Alpenmohn;
  • Zwerghahnenfuss;
  • verschiedene Steinbrecharten.

Ein Teil der heutigen Matten wurde vor der Parkgründung als Alpweide genutzt. Seit dem Ausschluss der Nutztiere verändern sich Artenzusammensetzung und Pflanzenhöhe.

Rothirsche, Gämsen, Steinböcke und Murmeltiere beeinflussen die Vegetation durch Frass, Tritt und Düngung. Auf stark von Huftieren genutzten Flächen können kurze, nährstoffreiche Rasen entstehen.

Hochgebirgsvegetation

Oberhalb der geschlossenen Grasflächen wachsen nur noch spezialisierte Pflanzen in Felsspalten, auf Schutthalden und an windgeschützten Stellen.

Die Vegetationszeit dauert dort häufig nur wenige Wochen. Pflanzen müssen Frost, starke Sonneneinstrahlung, Wind, Trockenheit und instabile Böden überstehen.

Mit steigenden Temperaturen breiten sich mehrere Pflanzenarten in grössere Höhen aus. Langzeituntersuchungen auf Berggipfeln zeigen eine deutliche Zunahme der nachgewiesenen Arten. Gleichzeitig geraten spezialisierte Hochgebirgspflanzen stärker unter Konkurrenzdruck.

Tierwelt

Der Schweizerische Nationalpark bietet aussergewöhnlich gute Möglichkeiten zur Beobachtung von Wildtieren. Wegen des Jagdverbots und des strikten Weggebots können sich zahlreiche Tiere auch tagsüber auf offenen Flächen aufhalten.

Rothirsch

Der Rothirsch ist eines der auffälligsten Tiere des Parks. Im Sommer leben mehrere Tausend Hirsche in der Nationalparkregion.

Die Tiere ziehen im Frühling aus tiefer gelegenen Wintergebieten in den Park und verlassen ihn im Herbst oder frühen Winter teilweise wieder.

Während der Brunft im September versammeln sich die Hirsche insbesondere in der Val Trupchun. Die Rufe der männlichen Tiere sind über grosse Entfernungen hörbar.

Der Rothirsch beeinflusst die Vegetation durch Beweidung, Verbiss und Tritt. Seine Rolle in einem nicht bewirtschafteten Ökosystem gehört zu den wichtigsten Forschungsthemen des Nationalparks.

Gämse

Gämsen kommen in nahezu allen geeigneten felsigen und alpinen Lebensräumen vor. Sie bewegen sich sicher an steilen Hängen und suchen bei Gefahr häufig unzugängliche Felsgebiete auf.

Im Winter nutzen sie je nach Schneelage tiefere und sonnigere Hänge.

Alpensteinbock

Der Alpensteinbock war in der Schweiz im frühen 19. Jahrhundert ausgerottet. Die heutigen Bestände stammen ursprünglich aus der letzten erhaltenen Population im Gebiet des Gran Paradiso in Italien.

Im Umfeld des Nationalparks wurden im frühen 20. Jahrhundert wieder Steinböcke angesiedelt. Die Tiere breiteten sich später in den Park und die umliegenden Gebiete aus.

Heute können Steinböcke besonders in felsigen Höhenlagen der Val Trupchun, am Munt la Schera und in weiteren Gebieten beobachtet werden.

Murmeltier

Murmeltiere leben in Kolonien auf alpinen Matten. Sie graben weit verzweigte Höhlensysteme und halten einen mehrmonatigen Winterschlaf.

Bei Gefahr warnen sie andere Tiere mit schrillen Pfiffen. Häufige Feinde sind Steinadler, Fuchs und gelegentlich grosse Beutegreifer.

Weitere Säugetiere

Weitere im Park vorkommende Säugetiere sind:

  • Reh;
  • Fuchs;
  • Dachs;
  • Baummarder;
  • Hermelin;
  • Schneehase;
  • Eichhörnchen;
  • verschiedene Fledermausarten;
  • zahlreiche Kleinsäuger.

Der Fischotter wurde nach längerer Abwesenheit wieder in der Nationalparkregion nachgewiesen.

Wolf, Bär und Luchs

Wolf, Braunbär und Luchs waren in der Schweiz während des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ausgerottet oder weitgehend verschwunden.

Seit den 1990er-Jahren wanderten Wölfe aus Italien und Frankreich wieder in die Schweiz ein. Seit dem Winter 2016/17 sind Wölfe regelmässig im und um den Nationalpark präsent.

Braunbären aus der italienischen Population des Trentino erreichen gelegentlich das Unterengadin und das Val Müstair. Meist halten sie sich nur vorübergehend in der Region auf.

Der Luchs ist im Nationalpark wesentlich seltener als in den Nordwest- und Zentralalpen, wird jedoch vereinzelt nachgewiesen.

Der Umgang mit grossen Beutegreifern ausserhalb der Parkgrenzen führt regelmässig zu politischen und rechtlichen Diskussionen. Innerhalb des Nationalparks gilt grundsätzlich der vollständige Schutz natürlicher Prozesse.

Steinadler

Der Steinadler ist im Nationalpark regelmässig zu beobachten. Mehrere Paare besitzen Reviere, die das Parkgebiet ganz oder teilweise umfassen.

Die Vögel nutzen thermische Aufwinde und jagen vor allem Murmeltiere, junge Huftiere und kleinere Säugetiere.

Langjährige Beobachtungen der Steinadlerpopulation gehören zu den bedeutenden Forschungsprogrammen des Parks.

Bartgeier

Der Bartgeier wurde im Alpenraum im frühen 20. Jahrhundert ausgerottet. Ab 1991 wurden in der Val da Stabelchod insgesamt 26 junge Bartgeier aus einem internationalen Zuchtprogramm freigelassen. Die Auswilderungen dauerten bis 2007.[5]

Die Wiederansiedlung war erfolgreich. Heute brüten Bartgeier wieder in mehreren Regionen der Alpen.

Bartgeier ernähren sich hauptsächlich von Knochen verendeter Tiere. Grössere Knochen lassen sie aus der Luft auf Felsen fallen, um sie zu zerkleinern.

Weitere Vögel

Im Nationalpark leben unter anderem:

  • Tannenhäher;
  • Alpendohle;
  • Schneehuhn;
  • Birkhuhn;
  • Auerhuhn;
  • Wasseramsel;
  • Dreizehenspecht;
  • Fichtenkreuzschnabel;
  • verschiedene Eulen- und Greifvogelarten.

Der Tannenhäher spielt bei der Verbreitung der Arve eine wichtige Rolle. Er versteckt Arvensamen als Nahrungsvorrat, findet jedoch nicht alle wieder. Aus vergessenen Samen können neue Bäume entstehen.

Natürliche Prozesse

Das wichtigste Schutzprinzip des Nationalparks besteht darin, natürliche Entwicklungen möglichst nicht zu beeinflussen.

Waldentwicklung

Bäume werden weder gefällt noch gepflanzt. Totholz wird nicht entfernt. Wälder können sich dadurch langfristig ohne forstwirtschaftliche Steuerung entwickeln.

Frühere Kahlschläge und intensive Holznutzung hinterliessen deutliche Spuren. Ein Teil der heutigen Bergföhrenwälder entstand nach solchen Eingriffen. Die Forschung untersucht, wie sich diese Bestände über Jahrzehnte und Jahrhunderte verändern.

Lawinen und Murgänge

Lawinen reissen Bäume um, transportieren Schnee, Steine und Holz und schaffen offene Flächen. Diese werden später von Gräsern, Sträuchern und jungen Bäumen besiedelt.

Murgänge entstehen, wenn Wasser grosse Mengen Erde, Geröll und Felsmaterial talabwärts bewegt. Sie verändern Bachläufe, Talböden und Vegetationsflächen.

Solche Ereignisse gelten im Park nicht als Schäden, sondern als natürliche Prozesse, solange keine Menschen oder bedeutenden Infrastrukturen gefährdet werden.

Wildtierverbiss

Rothirsche und andere Huftiere fressen Gräser, Kräuter, Triebe und Baumrinde. In Gebieten mit hoher Wilddichte kann dies die Verjüngung des Waldes beeinflussen.

Im Gegensatz zu bewirtschafteten Wäldern werden die Wildbestände innerhalb des Parks nicht durch Jagd reguliert. Die Tiere können den Park jedoch verlassen und unterliegen ausserhalb seiner Grenzen der kantonalen Jagd.

Feuer

Feuer kann als natürlicher Störungsfaktor Lebensräume verändern und neue Entwicklungsphasen einleiten. Wegen der Gefahr für Menschen, Strassen und angrenzende Gebiete können Brände dennoch Eingriffe der Behörden erforderlich machen.

Besuchende dürfen im gesamten Nationalpark kein Feuer entzünden.

Geschichte

Entstehung der Nationalparkidee

Um 1900 nahm die technische und touristische Erschliessung der Alpen stark zu. Strassen, Eisenbahnen, Bergbahnen, Wasserkraftwerke und Hotels veränderten zahlreiche Landschaften.

Naturforscher wie Fritz und Paul Sarasin, der Botaniker Carl Schröter und der Engadiner Lehrer Steivan Brunies befürchteten den Verlust ursprünglicher Lebensräume.

1904 regte der Berner Nationalrat Fritz Bühlmann die Gründung eines grossen Schutzgebiets an. Nach der Prüfung verschiedener Regionen galt das Gebiet um den Ofenpass wegen seiner Abgeschiedenheit, seiner vielfältigen Tier- und Pflanzenwelt und der geringen Besiedlung als besonders geeignet.[6]

Auch der erste eidgenössische Oberforstinspektor Johann Wilhelm Coaz unterstützte die Idee und vermittelte zwischen Naturforschern, Behörden und Gemeinden.

Pacht der Val Cluozza

1909 schloss die Schweizerische Naturschutzkommission mit der Gemeinde Zernez einen Vertrag über die Pacht der Val Cluozza.

Um die Pachtkosten zu finanzieren und weitere Schutzgebiete zu sichern, wurde im selben Jahr der Schweizerische Bund für Naturschutz gegründet. Aus dieser Organisation ging die heutige Pro Natura hervor.

Der Ausbruch der Maul- und Klauenseuche verhinderte zeitweise die Bestossung mehrerer Alpen mit italienischen Schafen. Die daraus entstandenen finanziellen Verluste erhöhten bei einzelnen Gemeinden die Bereitschaft, weitere Flächen für den geplanten Park zu verpachten.

Gründung 1914

1913 besuchte eine eidgenössische Parlamentskommission die Val Cluozza. Die Mitglieder unterstützten anschliessend die Schaffung eines staatlich gesicherten Nationalparks.

Am 27. März 1914 beschloss die Bundesversammlung die Errichtung des Schweizerischen Nationalparks. Die feierliche Eröffnung erfolgte am 1. August 1914, wenige Tage nach Beginn des Ersten Weltkriegs.

Steivan Brunies wurde erster Oberaufseher des Parks.

Das ursprüngliche Konzept war von der Vorstellung geprägt, eine möglichst ursprüngliche Natur wiederherzustellen. Später erkannte die Forschung, dass auch scheinbar unberührte Landschaften über Jahrhunderte durch Weidewirtschaft, Holznutzung, Jagd und Bergbau beeinflusst worden waren.

Frühe Forschung

Von Beginn an sollte der Nationalpark wissenschaftlich beobachtet werden. Forschende untersuchten Vegetation, Tiere, Böden, Gewässer, Klima und Landschaftsentwicklung.

1917 wurden erste Dauerbeobachtungsflächen eingerichtet. Mehrere dieser Flächen werden bis heute regelmässig untersucht.[1]

Die langen Datenreihen ermöglichen Vergleiche über mehr als ein Jahrhundert und machen den Nationalpark zu einem international bedeutenden Forschungsgebiet.

Ausgliederung der Val Tavrü

1936 wurde die Val Tavrü auf Wunsch der damaligen Gemeinde Scuol wieder aus dem Park ausgegliedert.

Die Entscheidung zeigte, dass der Park trotz seines strengen Schutzauftrags von den Verträgen mit den Grundeigentümergemeinden abhängig blieb.

Kraftwerksprojekt am Spöl

In den 1950er-Jahren planten die Engadiner Kraftwerke die Nutzung des Spölwassers. Das Projekt sah Anlagen innerhalb und unmittelbar ausserhalb des Nationalparks vor.

1957 stimmte die Schweizer Bevölkerung der Erteilung einer Konzession zu. Die Wasserkraftnutzung veränderte den Spöl erheblich. Der natürliche Abfluss wurde vermindert und der Transport von Geschiebe unterbrochen.

Die Auseinandersetzung gilt als wichtiger Konflikt der schweizerischen Naturschutzgeschichte. Sie führte zu einer stärkeren Diskussion über den Schutz natürlicher Prozesse gegenüber wirtschaftlichen Interessen.

Besucherinformation

1968 wurde in Zernez das erste Nationalparkhaus eröffnet. Es vermittelte Besucherinnen und Besuchern Informationen über Tiere, Pflanzen, Geologie und Schutzbestimmungen.

2008 ersetzte das neue Nationalparkzentrum den älteren Bau. Die Ausstellung wurde später vollständig überarbeitet und 2023 neu eröffnet.

Nationalparkgesetz

Am 19. Dezember 1980 verabschiedete die Bundesversammlung das Bundesgesetz über den Schweizerischen Nationalpark im Kanton Graubünden.

Das Gesetz bezeichnet den Nationalpark als Reservat, in dem die Natur vor allen menschlichen Eingriffen geschützt und die gesamte Tier- und Pflanzenwelt ihrer natürlichen Entwicklung überlassen wird.[7]

Die kantonale Nationalparkordnung von 1983 regelt unter anderem Wege, Jagd, Fischerei, Besucherverhalten und Strafbestimmungen.[8]

Erweiterung um Macun

Im Jahr 2000 wurde die 3,6 Quadratkilometer grosse Seenplatte von Macun in den Park aufgenommen.

Eine gleichzeitig diskutierte Umgebungszone rund um den bestehenden Nationalpark wurde von der Bevölkerung von Zernez abgelehnt.

Die Aufnahme von Macun blieb damit die bisher bedeutendste Erweiterung seit der Gründungszeit.

UNESCO-Biosphärenreservat

1979 erkannte die UNESCO den Schweizerischen Nationalpark als erstes Biosphärenreservat der Schweiz an.

Nach der Sevilla-Strategie der UNESCO mussten Biosphärenreservate neben einer streng geschützten Kernzone auch Pflege- und Entwicklungszonen umfassen.

Der Nationalpark wurde deshalb mit dem Val Müstair und Teilen der Gemeinde Scuol zu einer grösseren Modellregion verbunden. Das heutige UNESCO-Biosphärenreservat Engiadina Val Müstair umfasst rund 370 Quadratkilometer.[9]

Die Kernzone entspricht im Wesentlichen dem Schweizerischen Nationalpark. In den umliegenden Pflege- und Entwicklungszonen stehen nachhaltige Landwirtschaft, regionale Wirtschaft, Kultur und naturverträglicher Tourismus im Vordergrund.

Organisation

Der Schweizerische Nationalpark ist eine öffentlich-rechtliche Stiftung mit Sitz in Bern. Die operative Verwaltung befindet sich im Schloss Planta-Wildenberg in Zernez.

Das oberste strategische Organ ist die Eidgenössische Nationalparkkommission. Sie besteht aus neun Mitgliedern:

Vertretene Institution Anzahl Sitze
Pro Natura 3
Schweizerische Eidgenossenschaft 2
Akademie der Naturwissenschaften Schweiz 2
Kanton Graubünden 1
Parkgemeinden 1

Die Mitglieder werden vom Bundesrat gewählt. Die Kommission wählt die Direktion und überwacht Schutz, Forschung, Finanzen und strategische Entwicklung.[2]

Die Parkverwaltung beschäftigt rund 50 Mitarbeitende. Dazu gehören Fachpersonen für:

  • Parkaufsicht;
  • Forschung und Monitoring;
  • Umweltbildung;
  • Kommunikation;
  • Geoinformation;
  • Besucherzentrum;
  • Verwaltung;
  • technische Dienste.

Parkwächterinnen und Parkwächter überwachen das Gebiet, kontrollieren die Schutzbestimmungen, unterhalten Wege und Einrichtungen und unterstützen Forschungsprojekte.

Finanzierung

Der Nationalpark wird hauptsächlich durch Beiträge der öffentlichen Hand finanziert.

Weitere Einnahmen stammen von:

  • Pro Natura;
  • den Parkgemeinden;
  • dem Kanton Graubünden;
  • Spenden und Legaten;
  • dem Nationalparkzentrum;
  • Verkäufen und Veranstaltungen;
  • projektbezogenen Forschungsbeiträgen.

Seit 2021 beteiligen sich neben dem Bund auch der Kanton Graubünden und die Gemeinden der Region verstärkt an den Betriebskosten.

Die Parkgemeinden erhalten für die langfristige Verpachtung ihrer Flächen Entschädigungen.

Wissenschaft und Forschung

Wissenschaftliche Forschung gehört seit der Gründung zu den zentralen Aufgaben des Parks.

Der Nationalpark eignet sich besonders für Langzeitstudien, weil:

  • wirtschaftliche Nutzungen weitgehend ausgeschlossen sind;
  • menschliche Störungen gering bleiben;
  • zahlreiche Untersuchungsflächen seit Jahrzehnten bestehen;
  • historische Karten, Fotografien und Messdaten verfügbar sind;
  • natürliche Prozesse nicht reguliert werden.

Forschungsbereiche sind unter anderem:

  • Vegetationsentwicklung;
  • Waldökologie;
  • Wildtierbiologie;
  • Gewässerökologie;
  • Geologie und Geomorphologie;
  • Klima und Klimawandel;
  • Schnee und Lawinen;
  • Biodiversität;
  • Fernerkundung;
  • Auswirkungen früherer Landnutzung;
  • Beziehungen zwischen Park und Umgebung.

Forschungsarbeiten müssen bewilligt werden. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dürfen Wege und markierte Flächen nur verlassen, wenn dies für ein genehmigtes Projekt erforderlich ist.

Die Forschenden sind im Gelände durch besondere Armbinden oder Westen erkennbar.

Spöl und Wasserkraft

Der Spöl ist das deutlichste Beispiel dafür, dass auch ein streng geschützter Nationalpark nicht vollständig von äusseren menschlichen Einflüssen abgeschirmt werden kann.

Restwasserregime

Nach dem Bau der Kraftwerksanlagen führte der Spöl nur noch eine stark reduzierte und weitgehend gleichmässige Wassermenge.

Dadurch veränderten sich Flussbett, Geschiebetransport und Lebensgemeinschaften.

Seit dem Jahr 2000 werden in Zusammenarbeit zwischen Nationalpark, Forschung und Engadiner Kraftwerken künstliche Hochwasser durchgeführt. Sie sollen natürliche Hochwasserdynamik nachahmen und Kies, Sedimente sowie organisches Material umlagern.

Kraftwerksunfall von 2013

2013 führte eine technische Panne an der Staumauer Punt dal Gall zu einem starken Rückgang des Restwassers. Anschliessend gelangten grosse Mengen Schlamm in den Spöl.

Tausende Fische und zahlreiche andere Wasserlebewesen verendeten. Das Ereignis wurde wissenschaftlich untersucht und führte zu Anpassungen der technischen Überwachung.

PCB-Belastung

Bei Unterhaltsarbeiten an der Staumauer Punt dal Gall gelangten 2016 PCB-haltige Partikel eines alten Korrosionsschutzanstrichs in den Spöl.

Die Belastung wurde 2020 entdeckt. Untersuchungen zeigten hohe PCB-Konzentrationen in Sedimenten und in verschiedenen Organismen.

PCB sind langlebige, giftige Stoffe, die sich in Nahrungsketten anreichern können. Betroffen waren unter anderem Fische und Wasseramseln.

Nationalpark, Engadiner Kraftwerke und Umweltbehörden erarbeiteten ein Sanierungsprojekt. Die Sanierung des besonders belasteten oberen Abschnitts wurde ab 2026 vorbereitet beziehungsweise begonnen.[10]

Die notwendigen Bagger- und Transportarbeiten stellen einen aussergewöhnlichen Eingriff in das streng geschützte Gebiet dar. Sie sollen die Folgen einer vom Menschen verursachten Verschmutzung beseitigen.

Schutzbestimmungen

Der Schweizerische Nationalpark gehört zu den strengsten Schutzgebieten Europas. Die Regeln beruhen auf dem Nationalparkgesetz und der kantonalen Nationalparkordnung.

Die wichtigsten Bestimmungen sind:

  • Markierte Wanderwege und gekennzeichnete Rastplätze dürfen nicht verlassen werden.
  • Tiere dürfen nicht gestört, verfolgt, gefüttert, verletzt oder gefangen werden.
  • Pflanzen, Pilze, Beeren, Holz, Steine und andere Naturgegenstände dürfen nicht gesammelt oder mitgenommen werden.
  • Hunde dürfen nicht in den Park gebracht werden, auch nicht an der Leine oder getragen.
  • Feuer und Grillieren sind verboten.
  • Zelten und Biwakieren sind verboten.
  • Der Aufenthalt ist grundsätzlich nur während des Tages gestattet.
  • Fahrräder und andere Fahrzeuge sind auf den Wanderwegen verboten.
  • Baden in Seen und Bächen ist nicht erlaubt.
  • Drohnen und andere Fluggeräte sind verboten.
  • Jagd und Fischerei sind untersagt.
  • Abfälle müssen vollständig wieder mitgenommen werden.
  • Lärm und andere vermeidbare Störungen sind zu unterlassen.
  • Im Winter ist das Parkgebiet für Besuchende geschlossen.

Verstösse können mit Ordnungsbussen oder weiteren Strafen geahndet werden. Parkaufsichtsorgane dürfen unrechtmässig angeeignete Naturgegenstände einziehen.[11]

Die strengen Regeln ermöglichen es den Tieren, das Verhalten der Besuchenden vorauszusehen. Da Menschen die Wege nicht verlassen dürfen, können sich Wildtiere häufig in relativ geringer Entfernung aufhalten.

Besucher und Erschliessung

Je nach Jahr besuchen ungefähr 120'000 bis 150'000 Menschen den Nationalpark.

Das Gebiet besitzt:

  • 13 offizielle Parkeingänge;
  • rund 100 Kilometer markierte Wanderwege;
  • 21 offizielle Wanderrouten;
  • 18 gekennzeichnete Rastplätze;
  • sieben beschränkte Parkplätze an der Ofenpassstrasse;
  • mehrere Postautohaltestellen.

Die Wanderwege sind ausschliesslich Berg- oder Alpinwanderwege. Wetter, Höhe und Weglänge werden von unerfahrenen Gästen gelegentlich unterschätzt.

Besuchende sollten warme Kleidung, Regen- und Sonnenschutz, feste Wanderschuhe, genügend Getränke und Proviant mitführen.

Ferngläser ermöglichen Wildtierbeobachtungen aus grösserer Entfernung. Tiere dürfen weder verfolgt noch durch Annäherung bedrängt werden.

Wanderrouten

Zu den bekanntesten Routen gehören:

  • Val Trupchun;
  • Val Cluozza;
  • Murtersattel;
  • Munt la Schera;
  • Margunet;
  • Champlönch;
  • Grimmels;
  • Val Mingèr;
  • Pass da Sur il Foss;
  • Macun;
  • Piz Quattervals.

Der Piz Quattervals ist der einzige Gipfel im Hauptgebiet des Nationalparks, der auf einer offiziellen Route bestiegen werden darf. Die Tour ist lang und anspruchsvoll.

Der Naturlehrpfad Il Fuorn–Stabelchod–Margunet–Val dal Botsch vermittelt Informationen zu Wald, Geologie, Tieren und natürlichen Prozessen.

Aktuelle Angaben über offene oder gesperrte Routen werden von der Parkverwaltung veröffentlicht.[12]

Übernachtung

Innerhalb des Parks bestehen nur zwei offizielle Übernachtungsmöglichkeiten:

  • die Chamanna Cluozza;
  • das Hotel Parc Naziunal Il Fuorn.

Die Chamanna Cluozza ist eine einfache Berghütte mit Zimmern und Matratzenlagern. Sie ist nur zu Fuss erreichbar.

Das Hotel Il Fuorn liegt an der Ofenpassstrasse und geht auf eine historische Herberge zurück.

Zelten, Biwakieren und Übernachten in Fahrzeugen sind im übrigen Parkgebiet verboten.

Nationalparkzentrum

Das Nationalparkzentrum befindet sich in Zernez gegenüber dem Schloss Planta-Wildenberg.

Es wurde 2008 eröffnet und 2023 mit einer vollständig neu gestalteten Ausstellung wiedereröffnet.

Das Zentrum vermittelt Themen wie:

  • natürliche Prozesse;
  • Tier- und Pflanzenwelt;
  • Geologie;
  • Forschung;
  • Nationalparkgeschichte;
  • Klimawandel;
  • Besucherverhalten.

Zum Angebot gehören Ausstellungen, Veranstaltungen, Bildungsprogramme, ein Shop, Beratung und multimediale Präsentationen.

Das Zentrum ist ein wichtiger Ausgangspunkt für den Besuch des Parks. Dort können Karten, Informationen zu Routen und Hinweise zu aktuellen Bedingungen bezogen werden.

Umweltbildung

Der Nationalpark verfolgt das Ziel, Naturerlebnisse mit Wissen und Verantwortungsbewusstsein zu verbinden.

Angeboten werden:

  • geführte Tagesexkursionen;
  • thematische Wanderungen;
  • Schulangebote;
  • Weiterbildung für Lehrpersonen;
  • Kinder- und Familienprogramme;
  • Vorträge;
  • Naturlehrpfade;
  • digitale Karten und Apps;
  • Publikationen;
  • mobile Informationsangebote.

Die Umweltbildung soll nicht nur Wissen über einzelne Arten vermitteln. Sie erklärt auch ökologische Beziehungen und die Bedeutung natürlicher Veränderungen.

Internationale Anerkennung

Der Schweizerische Nationalpark besitzt mehrere internationale und nationale Auszeichnungen.

Anerkennung Bedeutung
IUCN-Kategorie Ia Streng geschütztes Naturreservat mit höchstem Schutzstatus
Europäisches Diplom für geschützte Gebiete Seit 1967 vom Europarat verliehene Auszeichnung
UNESCO-Biosphärenreservat Kernzone der Biosfera Engiadina Val Müstair
Grüne Liste der IUCN Seit 2021 Anerkennung für wirksames Schutzgebietsmanagement
Park von nationaler Bedeutung Seit 2021 Träger des Schweizer Pärkelabels
Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler Landschaftsschutzobjekt von nationaler Bedeutung

Die Aufnahme in die Grüne Liste der IUCN bestätigt, dass der Park nach internationalen Kriterien wirksam geschützt und fachgerecht verwaltet wird.

Bedeutung für die Schweiz

Der Schweizerische Nationalpark ist ein zentrales Symbol des schweizerischen Naturschutzes.

Er besitzt besondere Bedeutung als:

  • ältester Nationalpark der Alpen;
  • einziges streng geschütztes Wildnisgebiet dieser Grösse in der Schweiz;
  • langfristiges wissenschaftliches Beobachtungsgebiet;
  • Lebensraum für alpine Tiere und Pflanzen;
  • Kernzone eines UNESCO-Biosphärenreservats;
  • Zentrum der Umweltbildung;
  • Modell für den Schutz natürlicher Prozesse;
  • bedeutendes touristisches Angebot Graubündens.

Die Gründung des Parks führte 1909 auch zur Entstehung des Schweizerischen Bunds für Naturschutz, der heutigen Pro Natura. Nationalpark und Naturschutzorganisation sind deshalb historisch eng miteinander verbunden.

Konflikte und Herausforderungen

Trotz des strengen Schutzes bestehen verschiedene Herausforderungen.

Klimawandel

Steigende Temperaturen verändern Schneedecke, Vegetationszeiten, Permafrost und die Verbreitung von Arten.

Arten aus tieferen Lagen können sich nach oben ausbreiten. Für hochalpine Spezialisten wird der verfügbare Lebensraum dagegen kleiner.

Besucherdruck

Eine hohe Zahl von Gästen kann Tiere stören und Wege belasten. Besonders während der Hirschbrunft und an beliebten Sommertagen konzentrieren sich viele Menschen auf einzelne Täler.

Das Weggebot, begrenzte Parkplätze und der öffentliche Verkehr sollen die Auswirkungen vermindern.

Grosse Beutegreifer

Wölfe und gelegentlich Bären bewegen sich zwischen dem Park und den bewirtschafteten Gebieten der Umgebung.

Ausserhalb des Parks können Nutztierrisse zu Konflikten führen. Abschüsse in unmittelbarer Nähe der Parkgrenzen können auch Tiere oder Rudel betreffen, deren Lebensraum teilweise im Schutzgebiet liegt.

Wasserkraft

Die Nutzung des Spölwassers steht in einem grundlegenden Spannungsverhältnis zum Ziel eines vollständig natürlichen Flusssystems.

Künstliche Hochwasser und wissenschaftliche Begleitung sollen die ökologischen Folgen teilweise vermindern.

Schadstoffe

Die PCB-Belastung des Spöl zeigte, dass technische Anlagen ausserhalb oder am Rand des Parks erhebliche Auswirkungen auf das Schutzgebiet haben können.

Gebietserweiterung

Vorschläge für Erweiterungen oder eine Umgebungszone stiessen in den betroffenen Gemeinden wiederholt auf Skepsis.

Der Nationalpark ist auf die Zustimmung und langfristige Zusammenarbeit der Grundeigentümergemeinden angewiesen.

Zeittafel

Jahr Ereignis
1904 Nationalrat Fritz Bühlmann regt die Schaffung eines grossen schweizerischen Schutzgebiets an
1906 Steivan Brunies formuliert die Idee eines grossflächigen Reservats für die ursprüngliche Tier- und Pflanzenwelt
1909 Die Gemeinde Zernez verpachtet die Val Cluozza an die Schweizerische Naturschutzkommission
1909 Gründung des Schweizerischen Bunds für Naturschutz, der heutigen Pro Natura
1913 Eine parlamentarische Kommission besucht die Val Cluozza und unterstützt das Nationalparkprojekt
27. März 1914 Die Bundesversammlung beschliesst die Errichtung des Nationalparks
1. August 1914 Offizielle Gründung des Schweizerischen Nationalparks
1917 Einrichtung erster wissenschaftlicher Dauerbeobachtungsflächen
1936 Ausgliederung der Val Tavrü aus dem Park
1957 Zustimmung der Schweizer Bevölkerung zur Nutzung des Spölwassers durch die Engadiner Kraftwerke
1967 Erstmalige Verleihung des Europäischen Diploms für geschützte Gebiete
1968 Eröffnung des ersten Nationalparkhauses in Zernez
1979 Anerkennung als erstes UNESCO-Biosphärenreservat der Schweiz
19. Dezember 1980 Verabschiedung des Bundesgesetzes über den Schweizerischen Nationalpark
1983 Inkrafttreten der neuen kantonalen Nationalparkordnung
1991 Beginn der Auswilderung von Bartgeiern in der Val da Stabelchod
2000 Erweiterung des Parks um die 3,6 km² grosse Seenplatte von Macun
2000 Beginn künstlicher Hochwasser im Spöl zur ökologischen Aufwertung des Restwasserflusses
2001 Beginn der Weiterentwicklung des Biosphärenreservats Engiadina Val Müstair
2007 Ende der Bartgeierauswilderungen nach insgesamt 26 freigelassenen Jungvögeln
2008 Eröffnung des neuen Nationalparkzentrums in Zernez
2013 Kraftwerksunfall am Spöl mit schweren ökologischen Folgen
2014 Hundertjahrfeier des Schweizerischen Nationalparks
2016 PCB-haltige Partikel gelangen bei Unterhaltsarbeiten in den Spöl
2017 Offizielle Anerkennung des erweiterten UNESCO-Biosphärenreservats Engiadina Val Müstair
2020 Entdeckung der grossräumigen PCB-Belastung des Spöl
2021 Aufnahme in die Grüne Liste der IUCN
2021 Verleihung des Bundeslabels Park von nationaler Bedeutung
2023 Wiedereröffnung der neu gestalteten Ausstellung im Nationalparkzentrum
Ab 2026 Vorgesehene beziehungsweise begonnene Sanierung des PCB-belasteten oberen Spöl

Siehe auch

Literatur

  • Patrick Kupper: Wildnis schaffen. Eine transnationale Geschichte des Schweizerischen Nationalparks. Haupt Verlag, Bern 2012.
  • Heinrich Haller, Antonia Eisenhut und Rudolf Haller: Atlas des Schweizerischen Nationalparks. Die ersten 100 Jahre. Haupt Verlag, Bern 2013.
  • Schweizerischer Nationalpark: Geschäftsberichte des Schweizerischen Nationalparks. Zernez.
  • Schweizerischer Nationalpark: Die Natur kennt keine Grenzen. Forschung und Entwicklung im Schweizerischen Nationalpark. Zernez.
  • Forschungskommission des Schweizerischen Nationalparks: Nationalpark-Forschung in der Schweiz. Verschiedene Bände.
  • Pro Natura: Der Schweizerische Nationalpark und die Anfänge des Naturschutzes in der Schweiz. Basel.

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 Schweizerischer Nationalpark: Grundlagen und Besonderheiten, abgerufen am 23. Juli 2026.
  2. 2,0 2,1 Schweizerischer Nationalpark: Institution und Team, abgerufen am 23. Juli 2026.
  3. Schweizerischer Nationalpark: Chamanna Cluozza, abgerufen am 23. Juli 2026.
  4. 4,0 4,1 Schweizerischer Nationalpark: Natur, Tiere, Pflanzen und Gesteine, abgerufen am 23. Juli 2026.
  5. Schweizerischer Nationalpark: Bartgeier, abgerufen am 23. Juli 2026.
  6. Schweizerischer Nationalpark: Entstehung und Entwicklung, abgerufen am 23. Juli 2026.
  7. Bundesgesetz über den Schweizerischen Nationalpark im Kanton Graubünden, abgerufen am 23. Juli 2026.
  8. Kanton Graubünden: Verordnung über den Schutz des Schweizerischen Nationalparks, abgerufen am 23. Juli 2026.
  9. UNESCO: Biosfera Engiadina Val Müstair, abgerufen am 23. Juli 2026.
  10. Schweizerischer Nationalpark: Sanierung des Spöls, abgerufen am 23. Juli 2026.
  11. Schweizerischer Nationalpark: Naturschutz-Bestimmungen, abgerufen am 23. Juli 2026.
  12. Schweizerischer Nationalpark: Wanderrouten und Zustand, abgerufen am 23. Juli 2026.