Föhn

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Föhn
Art trockener, meist milder Fallwind
Entstehungsgebiet Leeseite eines Gebirges
Voraussetzung gebirgsquerende Luftströmung und Druckunterschied
Typische Merkmale böiger Wind, sinkende Luftfeuchtigkeit, gute Fernsicht, rascher Temperaturwechsel
Hauptformen in der Schweiz Südföhn und Nordföhn
Häufigste Jahreszeit Frühling
Klassischer Messort Altdorf UR
Verbreitung weltweit an Gebirgen

Der Föhn ist ein trockener, häufig milder und stark böiger Fallwind auf der Leeseite eines Gebirges. Er entsteht, wenn Luft über oder durch ein Gebirge strömt und auf der windabgewandten Seite in tiefere Lagen absinkt. Beim Absinken steigt der Luftdruck, die Luft wird verdichtet und erwärmt sich. Gleichzeitig sinkt ihre relative Feuchtigkeit. In den Tälern kann der Föhn plötzlich einsetzen und Sturmstärke erreichen.

In der Schweiz zählt der alpine Föhn neben der Bise und dem Westwind zu den bekanntesten regionalen Windsystemen. Er prägt das Wetter in zahlreichen Alpentälern und kann zeitweise bis in die Voralpen, an die grossen Seen oder ins Mittelland vorstossen. Auf der Alpennordseite tritt hauptsächlich der Südföhn auf, auf der Alpensüdseite der Nordföhn.[1]

Obwohl der Föhn oft als warmer Wind bezeichnet wird, muss die Föhnluft nicht in jedem Fall besonders warm sein. Entscheidend ist, dass sie beim Absinken trockener und meist wärmer als die zuvor im Tal liegende Luft wird. Ein Nordföhn im Tessin kann deshalb im Winter trotz seiner föhnartigen Eigenschaften kühl sein.

Bezeichnung

Das Wort Föhn geht über althochdeutsch phōnno und eine vulgärlateinische Form auf das lateinische favonius zurück. Damit wurde ursprünglich ein milder, den Frühling ankündigender Westwind bezeichnet.[2]

Aus dem Alpenraum wurde die Bezeichnung in die internationale meteorologische Fachsprache übernommen. In englischen und französischen Texten werden häufig die Schreibweisen foehn beziehungsweise fœhn verwendet. Als Gattungsbegriff bezeichnet Föhn heute ähnliche Fallwinde an Gebirgen in verschiedenen Teilen der Welt.

In der Schweiz ist der Ausdruck seit Jahrhunderten im allgemeinen Sprachgebrauch verankert. Der besonders bekannte Föhn im Reusstal wird gelegentlich als «ältester Urner» bezeichnet. Für föhniges Wetter bestehen zahlreiche lokale Redewendungen, Wetterregeln und Überlieferungen.

Entstehung

Grundvoraussetzungen

Föhn entsteht, wenn eine grossräumige Luftströmung auf ein Gebirge trifft und zwischen der Luv- und der Leeseite ein ausreichender Druckunterschied besteht. Als Luv wird die dem Wind zugewandte Seite bezeichnet, als Lee die windabgewandte Seite.

Bei Südföhn liegt der Luftdruck südlich der Alpen meist höher als nördlich davon. Die Luft strömt deshalb von Süden nach Norden über den Alpenhauptkamm und durch geeignete Pässe. Beim Nordföhn besteht ein Druckgefälle in die entgegengesetzte Richtung.

Die Stärke des Föhns hängt nicht allein vom am Boden gemessenen Druckunterschied ab. Wichtig sind ausserdem:

  • Windrichtung und Windgeschwindigkeit in der freien Atmosphäre;
  • Höhe, Form und Ausrichtung der Gebirgskämme;
  • Lage und Höhe von Pässen;
  • Stabilität der Luftschichtung;
  • vorhandene Kaltluft in Tälern und Becken;
  • Feuchtigkeitsgehalt und Niederschlag auf der Luvseite;
  • Verlauf und Verengung der Täler.

Föhn ist daher ein räumlich sehr unterschiedliches Phänomen. Während in einem Tal bereits stürmischer Föhn herrscht, kann in einem benachbarten Tal noch nahezu Windstille bestehen.

Aufsteigen und Abkühlen

Wird feuchte Luft an einem Gebirge zum Aufsteigen gezwungen, dehnt sie sich wegen des sinkenden Luftdrucks aus und kühlt ab. Solange die Luft nicht gesättigt ist, beträgt die Abkühlung ungefähr ein Grad Celsius pro 100 Höhenmeter. Dieser Wert wird als trockenadiabatischer Temperaturgradient bezeichnet.

Erreicht die Luft den Taupunkt, kondensiert ein Teil des enthaltenen Wasserdampfs. Es bilden sich Wolken und häufig Niederschlag. Durch die bei der Kondensation frei werdende Wärme kühlt die aufsteigende gesättigte Luft langsamer ab. Der entsprechende feuchtadiabatische Temperaturgradient ist veränderlich und liegt gewöhnlich deutlich unter einem Grad pro 100 Höhenmeter.

Ein Teil des kondensierten Wassers kann auf der Luvseite als Regen oder Schnee ausfallen. Die über den Gebirgskamm gelangende Luft enthält dann weniger Wasserdampf als zuvor.

Absinken und Erwärmen

Auf der Leeseite sinkt die Luft in tiefere Höhenlagen. Dabei steigt der Umgebungsdruck, die Luft wird zusammengedrückt und erwärmt sich trockenadiabatisch mit ungefähr einem Grad Celsius pro 100 Höhenmeter. Da keine Verdunstung oder Kondensation erforderlich ist, nimmt die Temperatur beim Absinken relativ rasch zu.

Mit steigender Temperatur wächst die Menge an Wasserdampf, welche die Luft theoretisch aufnehmen könnte. Der tatsächlich vorhandene Wasserdampf ändert sich beim reinen Absinken jedoch kaum. Dadurch sinkt die relative Luftfeuchtigkeit teilweise sehr stark.

Die klassische Erklärung des Föhns betont den Niederschlagsverlust auf der Luvseite und die unterschiedliche Abkühlung und Erwärmung der Luft. Niederschlag ist für die Entstehung von Föhn jedoch nicht zwingend notwendig. Föhn kann auch bei trockener Luft auftreten.

Dynamische Prozesse

Die moderne Föhnforschung betrachtet den Föhn als Kombination mehrerer thermodynamischer und strömungsdynamischer Vorgänge. Luft kann über tiefe Pässe, über Gebirgskämme oder entlang geneigter Flächen gleicher potentieller Temperatur auf die Leeseite gelangen.

Hinter dem Gebirgskamm entstehen häufig Schwere- beziehungsweise Gebirgswellen. Die Luftströmung kann dabei stark beschleunigt werden und in Form eines bandförmigen Stroms in ein Tal hinunterreichen. Talverengungen wirken zusätzlich beschleunigend.

In stark geschichteter Luft kann ein Teil der Luft auf der Luvseite am Gebirge blockiert werden. Oberhalb dieser blockierten Schicht strömt Luft über das Gebirge und sinkt auf der Leeseite ab. Die Föhnluft eines Tales muss deshalb nicht unmittelbar aus dem Tal auf der gegenüberliegenden Gebirgsseite stammen.[3]

Föhndurchbruch

In Alpentälern liegt vor dem Einsetzen des Föhns häufig ein See aus kalter, schwerer Luft. Die Föhnströmung fliesst zunächst über diese Kaltluft hinweg und erreicht den Talboden nicht. Zwischen beiden Luftmassen können starke Turbulenzen entstehen.

Wird der Kaltluftsee allmählich abgetragen oder aus dem Tal hinausgedrängt, erreicht die Föhnluft den Talboden. Dieser Vorgang wird als Föhndurchbruch bezeichnet. Er äussert sich oft durch:

  • eine plötzliche Änderung der Windrichtung;
  • rasch zunehmende Windgeschwindigkeit;
  • einen deutlichen Temperaturanstieg;
  • einen starken Rückgang der relativen Luftfeuchtigkeit;
  • eine Verbesserung der Sichtweite.

Der Föhndurchbruch kann innerhalb weniger Minuten erfolgen. Umgekehrt kann der Föhn ebenso rasch zusammenbrechen, wenn kühlere Luft in das Tal eindringt oder sich das Druckgefälle über den Alpen abschwächt.

Südföhn

Der Südföhn entsteht bei einer südlichen bis südwestlichen Strömung über den Alpen. Er ist die bekannteste Föhnform auf der Alpennordseite. Häufig liegt ein Tiefdruckgebiet westlich oder nordwestlich der Schweiz, während südlich und östlich der Alpen ein höherer Luftdruck herrscht.

Feuchte Luft wird von der Poebene und dem Mittelmeerraum gegen die Alpensüdseite geführt. Im Tessin, im Misox und an den südlichen Walliser Alpen können sich Wolken stauen und ergiebige Niederschläge entwickeln. Dieser Vorgang wird als Südstau bezeichnet.

Nördlich des Alpenhauptkamms sinkt die Luft ab. In den Föhntälern wird es trocken, häufig sonnig und für die Jahreszeit mild. Die Luft kann jedoch weiterhin hohe oder mittelhohe Wolken mitführen. Bei kräftigen Strömungen greifen Wolken und Niederschläge über den Alpenhauptkamm nach Norden über.

Typische Südföhntäler der Schweiz sind:

  • das Unterwallis;
  • das Rhonetal bei Visp;
  • das Haslital;
  • das Reusstal;
  • das Glarnerland;
  • das Linthtal;
  • das Alpenrheintal;
  • das Churer Rheintal.

In starken Fällen gelangt der Südföhn aus den Alpentälern in angrenzende Regionen des Mittellandes. Besonders häufig betroffen sind der Vierwaldstättersee, der Zugersee, der obere Zürichsee, das Gebiet um den Bodensee und Teile der Ostschweiz. Seltener kann der Föhn bis in den Raum Zürich, Bern oder den Aargau vordringen.

Nordföhn

Der Nordföhn entsteht bei einer nördlichen bis nordwestlichen Strömung über den Alpen. Auf der Alpennordseite herrscht dabei häufig eine Nordstaulage mit dichten Wolken und Niederschlag. Auf der Alpensüdseite sinkt die Luft ab, erwärmt sich und wird trockener.

Nordföhn ist im Tessin und in den italienischsprachigen sowie südlich ausgerichteten Tälern Graubündens besonders häufig. Zu den wichtigsten Nordföhngebieten gehören:

Im Gegensatz zum häufig milden Südföhn auf der Alpennordseite bringt der Nordföhn der Alpensüdseite nicht immer hohe Temperaturen. Vor allem im Winter kann die herangeführte Luftmasse kalt sein. Durch das Absinken wird sie zwar erwärmt und getrocknet, bleibt aber möglicherweise kühler als bei einer vorausgegangenen milden Wetterlage.

Der Nordföhn sorgt im Tessin häufig für klare Luft, gute Fernsicht und eine rasche Auflösung tiefer Bewölkung. Bei kräftigem Wind besteht jedoch eine erhöhte Waldbrandgefahr.

Vergleich von Süd- und Nordföhn

Merkmal Südföhn Nordföhn
Strömungsrichtung von Süden nach Norden von Norden nach Süden
Föhnseite Alpennordseite Alpensüdseite
Häufige Stauseite Tessin, Misox und südliche Alpen Alpennordhang
Typische Föhngebiete Wallis, Haslital, Reusstal, Glarnerland und Rheintal Tessin, Misox, Bergell, Puschlav und Münstertal
Häufige Wirkung trockenes und mildes Wetter nördlich der Alpen trockenes und klares Wetter südlich der Alpen
Temperaturcharakter oft deutlich mild je nach Luftmasse mild oder kühl

Typische Wettererscheinungen

Föhnmauer

Auf der Luvseite des Gebirges und über dem Alpenhauptkamm bildet sich bei Föhnlagen häufig eine kompakte Wolkendecke. Vom Lee aus erscheint ihr Rand wie eine senkrechte Wolkenwand über dem Gebirgskamm. Diese Erscheinung wird als Föhnmauer bezeichnet.

Die Wolken entstehen, weil die Luft beim Aufsteigen abkühlt und der Wasserdampf kondensiert. Auf der Leeseite lösen sie sich beim Absinken und Erwärmen häufig wieder auf. Die Föhnmauer kann über längere Zeit nahezu am gleichen Ort bleiben, obwohl die Luft fortlaufend durch sie hindurchströmt.

Föhnfenster

Zwischen der Föhnmauer und weiter entfernt liegenden Wolkenfeldern kann sich auf der Leeseite ein wolkenarmer oder sonniger Streifen bilden. Dieser wird als Föhnfenster bezeichnet. Vom Tal aus ist dadurch trotz einer herannahenden Störung zeitweise blauer Himmel sichtbar.

Ein Föhnfenster garantiert kein dauerhaft sonniges Wetter. Bei zunehmender Feuchtigkeit können Wolken über den Alpenhauptkamm hinwegziehen und das Föhngebiet erreichen.

Lenticulariswolken

Im Bereich von Gebirgswellen entstehen häufig linsen- oder mandelförmige Wolken. Meteorologisch werden sie als Altocumulus lenticularis bezeichnet. In der Schweiz sind auch die umgangssprachlichen Bezeichnungen Föhnfische oder Föhnlinsen verbreitet.

Die Wolken scheinen nahezu stillzustehen, obwohl starke Luftströmungen durch sie hindurchführen. Auf der aufsteigenden Seite der Welle kondensiert Wasserdampf, während sich die Wolkentröpfchen auf der absinkenden Seite wieder auflösen.[4]

Rotoren und Turbulenz

Unterhalb von Gebirgswellen können sich horizontal rotierende Luftwalzen entwickeln. Diese sogenannten Rotoren verursachen starke Turbulenz, abrupte Windänderungen und örtlich heftige Fallböen.

Rotoren sind insbesondere für die Luftfahrt gefährlich. Auch auf Strassen, Bahnstrecken und Seen können die plötzlich wechselnden Windverhältnisse Probleme verursachen.

Gute Fernsicht

Föhnluft besitzt häufig eine geringe relative Luftfeuchtigkeit. Durch Absinken und Erwärmung lösen sich tiefe Wolken auf, und Dunst kann vermindert werden. Dadurch entsteht die für Föhnlagen typische klare Fernsicht.

Die Berge erscheinen unter solchen Bedingungen besonders nah und kontrastreich. Die gute Sicht kann jedoch durch Saharastaub, übergreifende Bewölkung oder den Dimmerföhn beeinträchtigt werden.

Föhngebiete in der Schweiz

Die Häufigkeit und Stärke des Föhns wird stark durch die Form der Täler und die Höhe der umliegenden Gebirgspässe bestimmt. Besonders günstig sind ungefähr in Strömungsrichtung verlaufende Täler, welche die Luft kanalisieren.

Region oder Tal Vorherrschende Föhnform Wichtiger Übergang oder Einfluss
Unterwallis Südföhn Grosser St. Bernhard
Rhonetal bei Visp Südföhn Simplonpass
Haslital Südföhn Grimselpass
Reusstal Südföhn Gotthardpass
Glarnerland Südföhn Panixerpass, Kistenpass und Umströmung des Tödi
Alpenrheintal und Churer Rheintal Südföhn Übergänge in Graubünden und Umströmung des Alpenkamms
Leventina Nordföhn Gotthardpass
Bleniotal Nordföhn Lukmanierpass
Misox Nordföhn San-Bernardino-Pass
Bergell Nordföhn Malojapass und Oberengadin
Puschlav Nordföhn Berninapass
Münstertal Nordföhn Ofenpass und umliegende Gebirgskämme

Auch ausserhalb der klassischen Föhntäler treten lokale föhnartige Winde auf. Ihre Richtung kann durch Seitentäler, Gebirgslücken und das Voralpenrelief von der grossräumigen Strömung abweichen.

Häufigkeit

Der Föhn tritt in der Schweiz nicht überall gleich häufig auf. Die höchsten Werte werden in besonders gut ausgerichteten inneralpinen Tälern gemessen. Lokal werden jährlich mehr als 500, in einzelnen Gebieten sogar mehr als 1000 Föhnstunden registriert.

Für die Klimaperiode 1991 bis 2020 ermittelte MeteoSchweiz unter anderem folgende durchschnittliche Werte:[5]

Messstation Durchschnittliche Föhnstunden pro Jahr 1991–2020
Chur 726
Visp 574
Montana 542
Altdorf UR 477

Altdorf gilt trotz niedrigerer Stundenzahl als klassischer Schweizer Föhnort. Dort werden seit 1864 systematische Föhnbeobachtungen geführt. Damit verfügt Altdorf über die längste Föhnmessreihe auf der Alpennordseite.[6]

Am häufigsten tritt der Föhn im Frühling auf. Besonders der April und der Mai weisen im langjährigen Mittel viele Föhnstunden auf. Ein schwächeres zweites Maximum besteht im Herbst. Im Sommer ist Föhn im Allgemeinen seltener.

Föhnperioden dauern meist einige Stunden bis etwa einen Tag. In seltenen Fällen kann der Wind mehrere Tage ohne Unterbruch wehen. In Poschiavo wurde im Mai 1991 eine ununterbrochene Föhnperiode von mehr als 137 Stunden beziehungsweise rund 5,7 Tagen registriert. Auch 2019 wurde dort eine mehr als 130 Stunden dauernde Periode gemessen.[7]

Messung und Föhnindex

Ob an einem Messort tatsächlich Föhn herrscht, lässt sich nicht allein anhand der Windrichtung feststellen. MeteoSchweiz berechnet deshalb für mehrere automatische Messstationen einen Föhnindex.

In die Berechnung fliessen unter anderem folgende Messgrössen ein:

  • mittlere Windgeschwindigkeit;
  • Stärke der Windböen;
  • Windrichtung;
  • relative Luftfeuchtigkeit;
  • potentielle Temperatur.

Die Schwellenwerte werden für jede Station einzeln festgelegt, da Topografie und örtliche Föhneigenschaften stark variieren. Der Index wird anhand der automatisch erfassten Messwerte in kurzen Zeitabständen aktualisiert.[8]

Historisch wurde Föhn anhand manueller Wetterbeobachtungen erkannt. Beobachter berücksichtigten Windrichtung, Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Bewölkung und charakteristische Veränderungen gegenüber den vorhergehenden Messterminen. Der Übergang zu automatischen Messungen erforderte die Entwicklung objektiver Erkennungsverfahren.

Sonderformen

Dimmerföhn

Der Dimmerföhn ist eine feuchte und trübe Form des Südföhns. Anders als beim klassischen Föhn reicht die Bewölkung weit über den Alpenhauptkamm hinaus. Zeitweise können sogar Niederschläge in die nördlichen Alpentäler übergreifen.

Die Bezeichnung geht auf das Wort dimmer im Sinn von düster oder trüb zurück. Dimmerföhn entsteht häufig bei einer starken südlichen Höhenströmung und intensiven Niederschlägen auf der Alpensüdseite. Die über die Alpen transportierte Luft enthält trotz der Absinkbewegung weiterhin erhebliche Feuchtigkeit.[9]

Guggiföhn

Der Guggiföhn ist ein seltener, aussergewöhnlich starker Fallwind in der Jungfrauregion des Berner Oberlands. Er tritt vor allem bei südöstlicher Höhenströmung auf.

Die Luft strömt von der Aletschregion über das Gebiet zwischen Jungfrau und Mönch und stürzt in Richtung des Guggigletschers ab. Dabei können auf dem Lauberhorn und an anderen exponierten Orten extreme Windgeschwindigkeiten auftreten. Der Guggiföhn gehört zu den stärksten regionalen Windsystemen der Schweiz.[10]

Westföhn

Als Westföhn werden lokale föhnartige Fallwinde bezeichnet, die bei westlicher, ungefähr parallel zum Alpenrand verlaufender Strömung entstehen. Das Voralpenrelief lenkt die Luft in einzelne Täler oder über Höhenzüge, worauf sie absinkt, sich erwärmt und trockener wird.

Ein bekanntes Beispiel ist der Raum Luzern. Westföhn kann auch bei Thun, in Obwalden und am oberen Bodensee auftreten. Die Erwärmung und Austrocknung sind meistens weniger ausgeprägt als bei Süd- oder Nordföhn.[11]

Talföhn und seichter Föhn

Bei einem Talföhn ist die Strömung stark an einen Talverlauf und an niedrige Gebirgspässe gebunden. Die Föhnluft muss dabei nicht den höchsten Alpenkamm überqueren.

Als seichter Föhn wird eine Föhnströmung bezeichnet, deren vertikale Ausdehnung begrenzt ist. Oberhalb der föhnigen Talatmosphäre kann eine Luftströmung aus einer anderen Richtung bestehen. Solche Situationen sind wegen der komplexen Schichtung und Topografie meteorologisch schwierig vorherzusagen.

Auswirkungen auf Wetter und Umwelt

Temperatur und Luftfeuchtigkeit

Mit dem Einsetzen des Föhns kann die Temperatur innerhalb kurzer Zeit um mehrere Grad steigen. Gleichzeitig fällt die relative Luftfeuchtigkeit teilweise auf sehr niedrige Werte.

Besonders auffällig sind milde Föhnnächte. Während sich benachbarte windgeschützte Regionen stark abkühlen, verhindert die turbulente Durchmischung im Föhntal die Bildung einer kalten bodennahen Luftschicht.

Die Erwärmung hängt von der herangeführten Luftmasse ab. Föhn kann deshalb nicht grundsätzlich mit aussergewöhnlicher Wärme gleichgesetzt werden. Im Sommer ist es möglich, dass die zuvor im Flachland erwärmte Luft höhere Temperaturen aufweist als die aus den Alpen ausströmende Föhnluft.

Schnee und Lawinen

Föhn kann die Schneedecke stark beeinflussen. Warme, trockene und turbulente Luft erhöht die Energiezufuhr zur Schneeoberfläche und fördert die Sublimation, Verdunstung und Schneeschmelze. Eine dünne Schneedecke kann unter intensiven Föhnbedingungen innerhalb kurzer Zeit stark abnehmen.

Der Wind verfrachtet lockeren Schnee und bildet auf windabgewandten Hängen Triebschneeansammlungen. Diese können die Lawinengefahr erhöhen. Föhnige Wärme kann ausserdem die Durchfeuchtung der Schneedecke und die Bildung von Nassschneelawinen begünstigen.

Die tatsächlichen Auswirkungen hängen von Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Schneebeschaffenheit, Höhenlage und Dauer der Föhnperiode ab.

Vegetation und Landwirtschaft

Föhn verlängert in manchen Alpentälern die Vegetationsperiode und begünstigt den Anbau wärmeliebender Pflanzen. Bekannte Weinbaugebiete liegen unter anderem im föhnbeeinflussten Churer Rheintal, im Wallis und im St. Galler Rheintal.

Der trockene Wind kann jedoch Böden und Pflanzen rasch austrocknen. Starke Böen beschädigen Obstbäume, Reben, Gewächshäuser und landwirtschaftliche Einrichtungen. Während der Blüte kann warme, trockene Luft die Pflanzenentwicklung beschleunigen und dadurch die Empfindlichkeit gegenüber späteren Kälteeinbrüchen erhöhen.

Waldbrandgefahr

Die Kombination aus niedriger Luftfeuchtigkeit, ausgetrockneter Vegetation und starkem Wind erhöht die Gefahr von Wald- und Flurbränden. Funken können über grosse Distanzen verfrachtet werden, und Brände breiten sich unter Föhneinfluss besonders rasch aus.

Vor dem Ausbau moderner Feuerwehren und Wasserversorgungen waren Föhnbrände für zahlreiche Alpendörfer eine erhebliche Gefahr. In Föhngebieten bestanden deshalb besondere Vorschriften zur Lagerung von Löschwasser und zum Umgang mit offenem Feuer.

Sturm- und Sachschäden

Starker Föhn kann Bäume entwurzeln, Dächer beschädigen, Baugerüste umstürzen und den Betrieb von Seilbahnen unterbrechen. Besonders gefährlich sind örtliche Fallböen, deren Geschwindigkeit deutlich über dem allgemeinen Windniveau liegt.

Auf Seen entstehen rasch kurze, steile Wellen. Für Segelboote, kleinere Motorboote und andere Wasserfahrzeuge kann ein plötzlicher Föhndurchbruch gefährlich sein. An mehreren Schweizer Seen bestehen Sturmwarnanlagen, welche bei erwarteten starken Winden aktiviert werden.

Auch der Strassen- und Bahnverkehr kann beeinträchtigt werden. Fahrzeuge mit grosser Seitenfläche sind auf Brücken, offenen Strassenabschnitten und Talquerungen besonders anfällig.

Luftfahrt

Föhnlagen gehören zu den anspruchsvollsten Wetterlagen für die Luftfahrt im Alpenraum. Gebirgswellen können bis in grosse Höhen reichen und starke Vertikalbewegungen verursachen. Unterhalb der Wellen treten Rotoren und schwere Turbulenzen auf.

Gefahren bestehen insbesondere durch:

  • starke Auf- und Abwinde;
  • abrupte Änderungen von Windrichtung und Windgeschwindigkeit;
  • Turbulenz im Bereich von Gebirgskämmen;
  • Fallwinde an Flugplätzen in Alpentälern;
  • Windscherung während Start und Landung;
  • Vereisung in den Wolken der Luvseite.

Für den Segelflug können Gebirgswellen dagegen günstige Aufwindbedingungen bieten. Erfahrene Pilotinnen und Piloten nutzen solche Wellen, um grosse Höhen und weite Distanzen zu erreichen. Dies setzt jedoch genaue Wetterkenntnisse und die Beachtung der erheblichen Turbulenzgefahren voraus.

Gesundheit und Föhnempfindlichkeit

In der Bevölkerung werden dem Föhn verschiedene körperliche und psychische Beschwerden zugeschrieben. Häufig genannt werden Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Müdigkeit, Reizbarkeit, Konzentrationsprobleme, Kreislaufbeschwerden und eine Verschlechterung bestehender Migräne.

Die wissenschaftlichen Untersuchungen liefern kein einheitliches Bild. Einzelne Studien finden statistische Zusammenhänge zwischen Föhnlagen und bestimmten Beschwerden, während andere keine eindeutigen Effekte nachweisen. Die Ergebnisse werden unter anderem dadurch erschwert, dass sich während einer Föhnlage mehrere meteorologische Faktoren gleichzeitig verändern.

Als mögliche Einflüsse werden diskutiert:

  • rasche Änderungen von Temperatur und Luftdruck;
  • sehr niedrige Luftfeuchtigkeit;
  • starke und anhaltende Windgeräusche;
  • Schlafstörungen;
  • Veränderungen der Luftqualität;
  • individuelle Erwartungs- und Wahrnehmungseffekte.

Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Föhn und bestimmten Erkrankungen lässt sich aus vielen Beobachtungsstudien nicht sicher ableiten. Personen mit Migräne oder Wetterfühligkeit können Wetterwechsel dennoch individuell als Auslöser oder Verstärker ihrer Beschwerden wahrnehmen.[12]

Wettervorhersage

Die Vorhersage des Föhns ist wegen der komplexen Alpentopografie anspruchsvoll. Grossräumige Wettermodelle können Druckverteilung und Höhenströmung erfassen, müssen jedoch durch hoch aufgelöste Regionalmodelle und lokale Erfahrungswerte ergänzt werden.

Für die Beurteilung einer möglichen Föhnlage berücksichtigen Meteorologinnen und Meteorologen insbesondere:

  • Druckdifferenzen über den Alpen;
  • Windrichtung und Windstärke in verschiedenen Höhen;
  • Temperatur- und Feuchtigkeitsprofile;
  • Stabilität der Atmosphäre;
  • Mächtigkeit vorhandener Kaltluftseen;
  • erwartete Niederschläge auf der Luvseite;
  • Resultate hoch aufgelöster Prognosemodelle.

Besonders schwierig ist die Vorhersage, ob und wann der Föhn den Talboden erreicht. Schon kleine Unterschiede in der Stabilität eines Kaltluftsees können darüber entscheiden, ob ein Ort stürmischen Föhn oder nahezu windstilles Wetter erlebt.

MeteoSchweiz veröffentlicht bei erwarteten starken Föhnwinden regionale Windwarnungen. Die Warnstufen richten sich nach der erwarteten Windgeschwindigkeit und berücksichtigen die unterschiedliche Windexposition von Flachland, Alpentälern und Berglagen.

Klimatische Entwicklung

Die lange Beobachtungsreihe von Altdorf zeigt starke Schwankungen von Jahr zu Jahr und zwischen einzelnen Jahrzehnten. Insgesamt trat der Föhn dort seit Beginn der Beobachtungen im Jahr 1864 ungefähr gleich häufig auf.[13]

Für mögliche Veränderungen des Föhns durch den Klimawandel bestehen bislang keine robusten Aussagen. Föhn ist ein kleinräumiges Phänomen, das von grossräumigen Druckmustern, der atmosphärischen Schichtung und örtlichen Geländeeinflüssen abhängt. Die natürliche Variabilität ist deshalb gross.[14]

Eine allgemein wärmere Atmosphäre bedeutet nicht automatisch häufigeren oder stärkeren Föhn. Künftige Veränderungen hängen unter anderem davon ab, wie sich die Zugbahnen von Tiefdruckgebieten, die Druckverteilung über Europa und die Stabilität der Luftschichten verändern.

Föhn ausserhalb der Alpen

Föhnartige Fallwinde treten an zahlreichen Gebirgen der Erde auf. Der Begriff Föhn wird in der Meteorologie teilweise als allgemeine Bezeichnung verwendet, daneben bestehen regionale Namen.

Bekannte Beispiele sind:

  • der Chinook östlich der Rocky Mountains in Nordamerika;
  • der Zonda östlich der Anden in Argentinien;
  • der Halny an der Nordseite der Tatra;
  • der Nor’wester auf der Südinsel Neuseelands;
  • föhnartige Winde an den Gebirgen Grönlands, Skandinaviens und der Antarktis.

Die einzelnen Windsysteme unterscheiden sich in ihrer Entstehung, Häufigkeit und regionalen Wirkung. Nicht jeder warme Fallwind wird nach einheitlichen meteorologischen Kriterien als Föhn klassifiziert.

Bedeutung in der Schweiz

Der Föhn gehört zu den prägenden Naturerscheinungen des Schweizer Alpenraums. In Föhntälern beeinflusst er Architektur, Landwirtschaft, Feuerprävention, Verkehr und Alltagskultur.

Orte wie Altdorf, Chur, Visp und das St. Galler Rheintal werden besonders häufig mit dem Föhn in Verbindung gebracht. In Literatur, Malerei und Volkskunde erscheint der Wind sowohl als wohltätige Naturkraft als auch als unberechenbare Bedrohung.

Seine klimatisch günstigen Wirkungen, etwa milde Temperaturen und eine verlängerte Vegetationsperiode, stehen möglichen Sturm-, Brand- und Verkehrsschäden gegenüber. Diese Gegensätzlichkeit hat wesentlich zur kulturellen Bedeutung des Föhns beigetragen.

Siehe auch

Literatur

  • Julius Hann: Zur Frage über den Ursprung des Föhn. In: Zeitschrift der Österreichischen Gesellschaft für Meteorologie. Band 1, Wien 1866.
  • Heinrich von Ficker: Innsbrucker Föhnstudien. Wien 1905.
  • Karl Frey: Die Entwicklung des Föhns im Reusstal. Zürich 1945.
  • Max Bouët: Climat et météorologie de la Suisse romande. Payot, Lausanne 1985.
  • Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz: Föhnklimatologie Altdorf: die lange Reihe 1864–2008 und ihre Weiterführung. Zürich 2011.
  • Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz: Typische Wetterlagen im Alpenraum. Zürich 2015.
  1. Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz: Föhn, abgerufen am 5. August 2026.
  2. Duden: Föhn – Fallwind, abgerufen am 5. August 2026.
  3. Michael Sprenger u. a.: A Lagrangian perspective on the Alpine Foehn. Veröffentlichung MeteoSchweiz Nr. 89, abgerufen am 5. August 2026.
  4. MeteoSchweiz: Gebirgs- und Leewellen, abgerufen am 5. August 2026.
  5. MeteoSchweiz: Föhnhäufigkeit, abgerufen am 5. August 2026.
  6. MeteoSchweiz: Föhnklimatologie Altdorf: die lange Reihe 1864–2008 und ihre Weiterführung, abgerufen am 5. August 2026.
  7. MeteoSchweiz: Föhnperioden, abgerufen am 5. August 2026.
  8. MeteoSchweiz: Föhnindex, abgerufen am 5. August 2026.
  9. MeteoSchweiz: Dimmerföhn, abgerufen am 5. August 2026.
  10. MeteoSchweiz: Guggiföhn, abgerufen am 5. August 2026.
  11. MeteoSchweiz: Der Westföhn macht den Unterschied, 27. Oktober 2023, abgerufen am 5. August 2026.
  12. Zbigniew Pankiewicz, Szymon Florek, Robert Pudlo: Foehn wind as a biometeorological stressor: effects on somatic and mental health – a narrative review. In: International Journal of Biometeorology, 2026, abgerufen am 5. August 2026.
  13. MeteoSchweiz: Föhn in alter Zeit, abgerufen am 5. August 2026.
  14. MeteoSchweiz: Veränderung von Sonnenschein, Nebel, Stürmen und Wind, abgerufen am 5. August 2026.